Konkurrenzkampf

Als Hermine auf ihrem Zimmer angekommen war, hatte sich ihre Wut zum Teil wieder gelegt. Wie kindisch verhielten sie beide sich überhaupt? Zum anderen wollte sie sich auf nicht geschlagen geben, und außerdem wollte sie natürlich auch weiterhin in den Ferien in den Raum der Wünsche. Also beschloss sie, es mit dem Kämpfen nicht zu übertreiben, aber trotzdem dafür zu sorgen, dass sie auf ihre Kosten kam.

In den nächsten Tagen hatte sie manchmal Glück und manchmal nicht. Anscheinend war es so, dass Snape auch oft in seinem Büro war oder auch sein musste, sich aber ansonsten sehr gerne im Raum der Wünsche aufhielt. Nach anfänglichen Versuchen gab sie es auf, in den Raum zu gelangen, während er darin war. Dafür hatte sie aber auch kein Problem damit, wenn sie einmal im Raum war, dies auch in allen Zügen auskosten, besonders im Zeitfaktor. Begegnen taten sich die beiden nicht, doch anscheinend wusste jeder von beiden, wann er sich im Raum aufhielt.

Doch eines Tages schien dieser unausgesprochene Zeitplan durcheinander zu sein. Hermine war gerade dabei, vor der Tür auf und ab zu laufen, als Snape um die Ecke kam. Doch sie war schon fertig, öffnete die gerade erschienene Tür und lächelte ihn übertrumpfend an, als sie darin verschwand.

Dafür hatte sie am nächsten Tag schwer zu büßen: An diesem Wochenende kam sie gar nicht mehr in den Raum, was sie unbeschreiblich ärgerte.

Deshalb machte sie sich am nächsten Tag sehr früh auf den Weg, um dort zu sein, wenn Snape wahrscheinlich gerade seine Post holte. Sie beeilte sich damit, vor der Wand hin und her zu laufen, um nicht wieder in eine kritische Situation zu geraten. Schnell öffnete sie dir Tür und trat ein. Ihr gewünschter Raum tat sich vor ihren Augen auf und sie wurde sofort besser gelaunt. Sie ließ sich in einen bequemen Sessel an einem Schreibtisch fallen, auf dem alles stand, was sie zum Schreiben benötigte. Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich und ließ vor Schreck das Tintenglas fallen, das sie soeben geöffnet hatte. Sie spürte, wie ihr das Adrenalin in die Adern schoss und drehte sich blitzschnell um. Doch anstatt eine Katze zu sehen, die gerade von einem Sessel gesprungen war, erblickte sie Snape, wieder im Morgenmantel, gerade aus der Tür kommen.

„Professor? Was machen Sie denn hier? Wie kommen Sie hier hinein?", fragte ehrlich erstaunt.

„Sie haben wohl ihren Spruch vor der Tür nicht richtig aufgesagt, Miss Granger", sagte er und seine Lippen kräuselten sich schadenfroh.

„Es gibt niemanden, der darin so gut ist wie ich!", zischte Hermine bedrohlich. „Dass Sie hier nicht hineinkommen, ist das erste, an was ich denke."

„Anscheinend zu wenig gedacht", sagte Snape. „Aber… nun gut, nach dieser doch etwas herben Niederlage Ihrerseits habe ich doch keine Probleme, mich nun wieder in mein Büro zu verziehen und meinen Sieg still auszukosten."

Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich und ging zur Tür. Hermine zog ihre Augenbraue hoch und wusste nicht Recht, was sie von dieser Entscheidung und diesem Abgang halten sollte. Sie wollte sich gerade daran machen, die Tinte vom Boden mit einem Zauberspruch zu entfernen, als sie einen fluchenden Snape vernahm. Verwirrt schaute sie auf und sah Snape an der Tür stehen.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Professor Snape?", fragte sie übertrieben nett.

„Die Tür geht nicht auf", knurrte Snape. „Alohomora", fügte er gleich hinter her, doch die Tür bewegte sich nicht.

„Hier stimmt was nicht", fügte Snape noch knurriger hinzu. „Deshalb konnte ich auch hier rein", murmelte er.

„Ach, Sie meinen, es hatte also nichts mit meinen persönlichem Versagen zu tun?", fragte Hermine spitz.

Snape ignorierte sie.

„Ich nehme mal nicht an, dass Sie etwas damit zu tun haben?", fragte er Hermine stattdessen.

„Ich weiß von nichts. Ich bin unschuldig."

„Ach, sind Sie das?", fragte Snape sie und drehte sich zu ihr um.

Dieses Mal gab Hermine ihm keine Antwort.

„Nun denn. Wir werden uns auch so nicht wiedersehen.", sagte Snape, ging zur gegenüberliegenden Wand und trat durch eine Tür, die sich augenblicklich gebildet hatte.

Hermine war etwas schockiert darüber, dass er so leicht aufgab. Sie würde allerdings nicht zulassen, dass Snape hier noch weiter drin verweilte. Wenn es sein musste, würde sogar sie gehen. Obwohl sie sich nicht sahen, wusste sie, dass sie sich unmöglich entspannen und arbeiten könnte, wenn Snape in diesem Raum war. Auch wenn es ja eigentlich gar kein ein Raum war. Aber er konnte jederzeit durch die Tür kommen. Und das beunruhigte Hermine.

So probierte sie zunächst wie Snape aus dem Raum zu kommen, auf normale Weise, dann mit Zaubern, doch nicht einmal Bombada Maxima konnte einen Stein der Mauer oder die Tür bewegen. Schließlich entschloss sie sich, in Büchern zu forschen und verbrachte schließlich den ganzen Tag damit. Es war schon dunkel vor den magischen Fenstern geworden und Hermine hatte sich schon Kerzen angezündet, als Snape plötzlich durch die Tür trat.

„Sie sind ja immer noch hier.", stellte er leicht genervt fest und blieb in seinem Türrahmen stehen.

„Ja, wie sollte ich auch, wenn der Raum hier auf einmal sein Eigenleben entwickelt und uns eingesperrt hat?"

„Der Raum entwickelt ein Eigenleben?", fragte Snape leicht belustigt.

„Ich denke schon. Und das ist sicher nicht lustig. Letztes Jahr ist hier ein Dämonenfeuer ausgebrochen, und ich weiß nicht, was für Auswirkungen das auf ihn gehabt haben kann. Es hätte sogar sein können, dass er nicht mehr existiert. Aber vielleicht hat er bei dieser Gelegenheit sich selbst gerettet und so gelernt, dass er auch eigenständig funktionieren kann."

„Und? Haben Sie schon eine glorreiche Idee, wie wir wieder hier raus kommen?", fragte Snape.

„Nein, habe ich nicht.", sagte Hermine bissig. „Aber Sie könnten sich ja auch mal Gedanken darum machen.", schlug sie vor.

„Keine Sorge, das werde ich.", versicherte ihr Snape. „Es gibt keinen anderen, der mehr daran interessiert ist, nicht länger mit Ihnen hier drin bleiben zu müssen."

„Schön, dass wir einer Meinung sind.", stimmte Hermine ihm mit einem ironischen Unterton vor.

„Nun dann gehe ich mal wieder in meinen Teil, nicht wahr?", sagte Snape und verschwand wieder durch seine Tür.

Nach diesem Gespräch fand Hermine, dass auch sie es sich nun redlich verdient hatte, schlafen zu gehen. Also stieg sie in das Himmelbett, das an der Wand stand und schlief ein.

Die nächsten Tage versuchte Hermine zwar, eine Lösung für ihr Problem zu finden, doch da sie keine nennenswerten Erfolge hatte, verlor sie irgendwann die Lust und suchte nur noch halbherzig nach einem Ausweg. Das komfortable Leben im Raum der Wünsche tat sein Übriges dazu: Sobald sie irgendetwas begehrte, tat es sich vor ihren Augen auf und hatte sie Lust, irgendwo anders hinzugehen, erschien eine Tür aus dem Nichts und Hermine verschwand immer weiter in den Tiefen dieses scheinbar endlosen Raumes. Von Snape hörte sie nie etwas, und auch als sie sich (leicht angetrunken) einmal auf die Suche nach ihm machte, konnte sie ihn durch die zahllosen Zimmer nicht finden. Auch er hatte sich ein gewaltiges Reich an interessanten Räumen aufgebaut, sodass es Hermine dazu verführte, auch einmal ein paar Stunden in seinen Räumen zu verbringen.

Angst, dass sie hier nicht mehr hinauskam hatte sie eigentlich keine, sie war überzeugt, dass sie schon irgendjemand finden würde, wenn die Schule wieder anfing, der ganz gewiss wusste, wie man ihr kleines Problem lösen konnte.

Eigentlich war sie auch sehr zufrieden mit ihrer Situation. Und an Snape verschwendete sie keinen Gedanken ihrer wertvollen Zeit.