Ich saß in der Küche und versuchte gleichzeitig meine Cornflakes, die Leckeren, die mit Schokolade gefüllt waren, zu essen und nebenher zu lesen. Es musste bestimmt komisch ausgesehen haben, aber ich konnte mich von dem neuen Buch, das mein Vater mir mitgebracht hatte, einfach nicht losreißen. Wie so oft, war ich dann in meiner eigenen Welt und man konnte mich nur schwer von den Buchstaben losreißen. Und das obwohl es sich hier um ein gewöhnliches Muggel Buch handelte. Mir war das jedoch egal. Denn die Geschichte war unglaublich spannend und ich konnte mich in der Welt die sie darstellte komplett verlieren. Irgendein nerviges Geräusch begann jedoch meine Konzentration ins Wanken. Genervt blickte ich von meinem Buch auf und strich mir eine Strähne meines schulterlangen Haares hinter die Ohren. Die hellbraune Welle rutschte jedoch sofort wieder zurück in mein Gesicht. Ich gab auf und sah zum Fenster, von woher das penetrante Klopfen kam. Dort saß eine mittelgroße Eule, die erneut mit ihrem Schnabel gegen die Scheibe klopfte. Bevor sie dieses zerbrechen konnte öffnete ich das Fenster. Sie hüpfte sofort herein und ließ einen Brief auf den Tisch fallen lassen. Ich streichelte ihr durch das gesprenkelte Gefieder und sie legte den Kopf gegen meine Hand. Dann gab sie einen leisen Schrei von sich und flog sofort wieder aus dem Fenster. Die schien es aber eilig zu haben. Da meine Mum im im Ministerium arbeitete bekamen wir öfter mal Eulenpost. Manche der Eulen aus dem Ministerium waren jedoch nicht so schnell wieder weg. Zumindest nicht ohne sich ein bisschen Essen zu stibizen. Nicht gerade selten hatte eine Eule ihren Schnabel in meinem Essen vergraben. Ich war froh, dass sich die fremde Eule nicht an meinen leckeren Cornflakes vergriffen hatte.
„Mum!" rief ich laut und widmete mich mit meinen meergrünen Augen wieder dem Buch zu. Mein Frühstück vergaß ich dabei vollkommen. Wie so oft.
Den Brief beachtete ich gar nicht mehr. Ich bekam nur sehr selten Eulenpost, daher war ich mir sicher, dass der Brief für meine Mum war.
Meine Mum kam nur wenige Augenblicke später in die Küche gehetzt. Ihr wirklich hübscher, schwarzer Bleistiftrock, war leicht verdreht und ihre Haare, die leicht gewellt waren, was ich von ihr geerbt hatte, flatterten wild um ihren Kopf herum. Schließlich ließ sie sich neben mich fallen und ihre dunkelbraunen Haare umrahmten schön ihr Gesicht, die grünen Augen standen im Kontrast dazu. Ihre Haare waren deutlich länger als meine. Ich fand die Schulterlänge aber einfach praktischer. Meine Haarfarbe hatte ich von meinem Vater geerbt, jedoch konnte sich niemand erklären, woher ich den Karamellton in ihnen hatte. Ich lachte meine Mutter leise aus und sie schenkte mir ein liebevolles Lächeln. Trotz ihrer stressigen Arbeit, fand sie immer die Zeit mir ein liebevolles Lächeln zu schenken. Und wenn sie Zeit hatte, verbrachte sie diese mit der Familie. Vernachlässigt oder ungeliebt hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich war eher stolz auf meine Mum, die zwar unglaublich verpeilt sein konnte, aber auch genauso viel in ihrem Leben erreicht hatte.
„Was ist denn los Schätzchen?" fragte sie und benutzte ihren Zauberstab um ihre langen Haare zu bändigen. Ich konnte zusehen, wie sie sich zu einem eleganten Knoten formten. Sofort sah sie autoritärer aus, was sie als Abteilungsleiterin auch sein musste.
„Eulenpost für dich" antwortete ich schlicht und deutete auf den Brief auf dem Tisch, ehe ich mich endlich wieder meinem Buch zu wandte. Ihr Schätzchen überging ich dieses Mal einfach großzügig. Ich war immerhin schon elf! Und bestimmt kein Schätzchen mehr.
„Wenn das schon wieder dieser selten dämliche Praktikant ist, drehe ich durch und vorher hexe ich ihm Furunkel ins Gesicht" sagte sie halbernst. Schon seit Wochen beschwerte sie sich über den Praktikanten aus Schweden, der wohl mehr Chaos verursachte, als dass er wirklich arbeitete.
Sie nahm den Brief in die Hand und stupste mich nach wenigen Sekunden an. Genervt, da ich schon wieder gestört wurde legte ich das Buch zum ichweißnichtwievielten Male aus der Hand und sah sie fragend an. Sie wusste doch genau, wie sehr ich es hasste beim Lesen gestört zu werden!
„Der ist für dich" sagte sie und ich sah sie verwundert an. Die einzige Eulenpost die ich bekam war von meinen Großeltern mütterlicherseit. Diese waren beide magisch und lebten auf dem Land nahe Dublin, während wir im wunderschönen London lebten. Das war einfacher für meine Mum die eine Abteilung im Ministerium leitete. Und auch für meinen Vater, der in der Londoner Stadtmitte arbeitete.
Sie reichte mir den Brief und ich sah auf die schön geschwungene smaragdgrüne Schrift, die ich nicht kannte und konnte auf dem Kuvert tatsächlich meinen Namen lesen. Neugierig, wie ich war öffnete ich den Brief und überflog schnell die ersten Worte, ehe ich meiner Mum in die Arme sprang. Sie umarmte mich lachend und freute sich mit mir. Wir sahen uns an und mussten diese Freude durch einen gemeinsamen Schrei rauslassen.
Natürlich hatte sie die smaragdgrüne Schrift und das Siegel sofort erkannt.
„Was ist denn hier los?" fragte mein Vater, der nun ebenfalls in schickem grauem Anzug die Küche betrat und seine Kaffeetasse auf der Küchentheke abstellte.
„Daddy!" rief ich und umarmte nun auch ihn sehr fest.
„Was denn Chiara-Maus?" fragte er und lächelte, wobei seine veilchenblauen Augen freundlich blitzten. Der Anzug passte perfekt zu seinen Augen. Der Drei-Tage-Bart gab ihm ein jugendliches Aussehen und betonte zugleich sein markantes Kinn.
Ich wedelte mit dem Brief vor seinem Gesicht herum und rief: „Hogwarts! Ich darf nach Hogwarts!"
Mein Vater nahm mich wieder fest in die Arme und hob mich lachend hoch. Ich hatte zwar schon ein paar Anzeichen von Magie gezeigt, aber ganz sicher konnte man sich eben doch nicht sein.
Mein Vater war kein Magier sondern ein gewöhnlicher Muggel. Er arrangierte sich perfekt mit unserer magischen Seite. Die Neugierde hatte ich definitiv von ihm. Er kannte Hogwarts nur aus den Erzählungen von meiner Mum. Er hatte einen relativ langweiligen Job als Topanwalt von London. Zwar waren seine Klienten unglaublich interessant, sein Job bestand allerdings mehr aus Büroarbeit und dem Durchlesen von irgendwelchen Verträgen. Vermutlich faszinierte ihn die Magie, die meine Mum und mich umgab. Sein sonst so normales Leben brauchte vermutlich einfach das Außergewöhnliche, dass wir durch unsere Magie an uns hatten. Dad wusste natürlich nicht von Anfang an, dass meine Mum eine Hexe war. Doch ihre Magie hatte ihn sprichwörtlich verzaubert.
„Tja, sieht wohl so aus, als müssten wir bald alle zusammen in die Winkelgasse gehen" sagte meine Mutter, die gerade dabei war, ihren Rock endlich richtig hinzudrehen.
Nicht nur meine Augen strahlten bei ihren Worten hell. Auch Dad sah aus, als dürfte er ein Geschenk auspacken.
Wir waren beide, noch nie in der Winkelgasse gewesen. Mum erledigte die magischen Einkäufe immer vor oder nach ihrer Arbeit.
Ich war relativ gewöhnlich aufgewachsen. Ging ganz normal in die Nursery School und dann in den Kindergarten. Schließlich konnte ich sogar auf vier schöne Jahre in der Elementary Schppl zurückblicken. Meine Mitschüler hatten mit der Middle School weiter gemacht. Da meine Magie immer stärker wurde, hatten meine Eltern beschlossen, dass meine gewöhnliche Schulausbildung nun beendet war. Das letzte Jahr wurde ich von meinen Eltern unterrichtet. Es war seltsam gewesen mich nicht mehr mit den Freunden aus der Schule zu treffen. Meine Magie war aber einfach zu präsent. Ich hatte mich daran gewöhnen müssen und Zuflucht in meinen Büchern gefunden. Ich konnte nur hoffen, dass es in Hogwarts besser werden würde. Ich war keine Einzelgängerin und liebte eigentlich Gesellschaft. In meiner neuen Schule würde ich hoffentlich schnell Freunde finden.
„Darf ich mir Simon ausleihen?" fragte ich meine Mum und meinte damit ihren süßen Waldkauz.
„Wozu?" fragte sie und schenkte sich und meinem Vater eine weitere Tasse Kaffee ein. Lebten die eigentlich nur von diesem Zeug? Ich hatte bisher erst einmal die braune Brühe probiert und sie sofort wieder ausgespuckt.
„Ich muss Oma und Opa doch sagen, dass ihr einziges Enkelkind endlich nach Hogwarts darf" sagte ich und meine Mum nickte.
„Schreib ihnen aber, dass sie ihn sofort zurückschicken sollen, wer weiß, wann ich ihn wieder brauche!"
„Mach ich" sagte ich und sah zu, wie sie ihre Tasse Kaffe in einem Zug austrank. Sie drückte mir einen Kuss auf die Backe und wuschelte mir nochmal durchs Haar, ehe sie sich von meinem Dad mit einem Kuss verabschiedete und im Wohnzimmer verschwand. Dort gab es den großen, mannshohen Kamin, der der wahre Blickfang dieses Raumes war. Natürlich nutzte sie ihn um ins Ministerium zu flohen. Mein Dad blieb noch ein paar Minuten und trank gemütlich seinen Kaffee aus. Wir unterhielten uns ein wenig über den anstehenden Besuch in der Winkelgasse. Er ermahnte mich schließlich noch meine Schulaufgaben zu erledigen, nachdem er seine Kaffeetasse ordentlich in der Spülmaschine verstaut hatte.
„Ich geh dann auch mal Maus" sagte mein Dad schließlich und umarmte mich kurz, die Autoschlüssel und den Aktenkoffer schon in der Hand. Ich drückte ihn zurück und auch er verließ das Haus. Keine Minute später hörte man, wie sich das Garagentor öffnete und dann wieder schloss.
Ich frühstückte fertig und stellte meine Schüssel dann auf die Ablage neben der Spüle. Im oberen Stockwerk des Hauses war mein Zimmer und die Büros meiner Eltern, die unterschiedlicher nicht eingerichtet sein konnten. Im Büro von meiner Mum wurde ich fündig und schnappte mir einen Bogen Pergament, eine Feder und etwas Tinte und setzte mich auf ihren Schreibtischstuhl. Eine halbe Stunde später war der Brief an meine Großeltern fertig und ich ging ins Wohnzimmer. Dort saß auf einer Stange die Eule meiner Mum, Simon. Er legte den Kopf schief als er mich sah und begann an meinen Haaren zu knabbern, als ich neben ihm stand. Er bekam ein paar Streicheleinheiten von mir und der Kauz schmiegte seinen Kopf an meinen und gurrte leise.
„Und komm bald wieder" sagte ich zu Simon, als ich ihm den Brief ums ausgestreckte Beinchen wickelte und ihm ein letztes Mal über den Kopf strich. Er hüpfte zum Fenster, das ich geöffnete hatte und breitete seine Flügel aus. Momente später war er verschwunden.
Ich war zu aufgekratzt für Schulaufgaben, daher griff ich wieder nach meinem Buch und verzog mich in mein Zimmer. Meine Mum hatte dort extra für mich mit Magie eine breite Fensterbank gezaubert. Ausgeschmückt wurde sie mit vielen Kissen und einer kuscheligen Decke. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und schlang mir die Decke um die Beine. Nicht weil mir kalt war, sondern einfach, weil ich es gemütlicher fand. Ich war froh endlich das Kapitel in Ruhe weiter lesen zu können. Doch irgendwie packte mich die Geschichte nicht mehr, wie vor einigen Stunden. Meine Gedanken schweiften zu einem fernen Schloss ab.
