Kapitel 15
Beigeschmack von Wahrheit
Eins wusste ich nach dem Gespräch nun ganz genau – ich hasste Veritaserum! Nicht nur das das Zeug einfach abscheulich schmeckte, sie zwang mich dazu auch die Fragen zu beantworten, die ich lieber unbeantwortet ließ. Nein, ich bin nicht Voldemort. Ich bin ich nicht Tom Riddle. Und nein, ich bin leider auch nicht James Potter. Sie stellen Fragen. Ich antworte. Mir ist nicht immer klar, wer gerade fragt – Sirius oder Snape. Das ist auch nicht wichtig, denn jede wahrhaft beatwortete Frage bringt ein ungeahntes Glücksgefühl. Da ist es nicht wichtig wer fragt.
„Wer bist du?"
„Ich bin Harry James Potter", antworte ich. Ich glaube sie unterhalten sich zwischendurch, doch ich kann nur an mich gerichtete Fragen klar und deutlich hören.
„Woher kennst du den Patronuszauber?"
„Remus Lupin hat es mir in meinem dritten Jahr beigebracht." Längere Pause.
„Er hat es dir beigebracht, als du drei Jahre alt warst?!"
„Nein, in meinem dritten Jahr in Hogwarts." Noch längere Pause.
„Erkläre, warum hat er es dir beigebracht!" Das ist zwar keine Frage, aber ich fühle das gleiche Glück als ich antworte.
„Ich sollte mich vor den Dementoren schützen, die rund um Hogwarts stationiert wurden."
„Wer… warum hat man die Dementoren dort stationiert?"
„Sirus Black war aus Askaban entflohen und alle waren sich sicher, dass er nach mir in Hogwarts suchen wird." Längere Pause, dann wird mir ein Becher an die Lippen gedrückt und die Wirkung des Wahrheitstrankes verfliegt. Ich sehe zwei ziemlich verwirrte Männer vor mir. So wie sie vor mir stehen könnte man sie fast für Brüder halten. Schwarze Hosen und Schuhe, dunkles Hemd, langes schwarzes Haar….
„Das ergibt alles keinen Sinn, Harry", rief Sirius verzweifelt. „Erkläre es bitte!"
„Ich bin mir nicht sicher ob ich alles erklären kann aber ich versuche", verspreche ich.
„Bemühen sie sich darum, Mister Potter", stöhnt Snape und lässt sich förmlich in einen Sessel fallen.
„Ich habe schon einmal gelebt", beginne ich etwas unsicher. „Ich hatte ein anderes Leben… ziemlich kurzes Leben, aber dennoch."
„Und in diesem Leben saß ich im Askaban? Warum?"
„Man hat dich verdächtigt meine Eltern verraten und Wurmschwanz samt einem Haufen Muggel umgebracht zu haben." Er starrte mich ungläubig an, dann genau so ungläubig zu Snape. Dieser zuckte mit den Schultern.
„Hätte man es mir vor Zehn Jahren gesagt, hätte ich es gern geglaubt", gab er zu. „Verrat stand an der Tagesordnung. Es hätte niemanden gewundert. Ganz im Gegenteil, viele hätten nur zu gern gesehen, dass die Potters von einem engen Freund verraten wurden."
„Also, ich war im Askaban. Wer… wo bist du dann aufgewachsen?"
„Hier in Little Whinging. Bei Tante Petunia. Dumbledore hat mich noch in der Nacht, in der meine Eltern ermordet wurden an ihrer Türschwelle abgelegt."
„Der alte Bastard", fluchte Sirius halblaut. „Er wollte Mutter überreden Harry an seine „nächsten Blutsverwandte" zu übergeben." Snape nickte.
„Harry hätte nicht in der Zauberwelt aufwachsen sollen", bestätigte er. „Er sollte nichts von dem Ruhm mitbekommen, der um ihn herum aufgebaut wird." In dem Anwesen der Blacks habe ich auch nicht sonderlich viel davon mitbekommen. Aber zumindest wusste ich warum mir bei den seltenen Gelegenheiten, in denen ich das Haus verließ wildfremde Menschen ihre Bewunderung aussprachen.
„Also bist du bei deiner Tante aufgewachsen? Ging es dir gut?"
„Das bezweifle ich", antwortete Severus an meiner Stelle. Sirius sah mich aber immer noch fragend an.
„Nein, es ging mir dort nicht gut. Aber ich musste jedem Sommer dorthin zurück."
„Verrückt!" Sirius warf die Hände ohnmächtig in die Höhe. „Warum hat sich keiner um dich gekümmert? Wo war meine Mutter? Mein Großvater? Wo war Remus? Die Longbottoms? Malfoys…. Der verdammte ganze Rest?!"
Die Antwort dauerte eine ganze Weile und nachdem ich fertig war, verlangte Sirius nach Whiskey. Er leerte zwei Gläser, bevor er sich einigermaßen beruhigen konnte.
„Hagrid? Er schickte tatsächlich Hagrid?", fragte er noch mal nach. Ich nickte. „Warum, um der Götter Willen!"
„Er lässt sich leicht manipulieren und er ist Dumbledore mit Haar und Haut ergeben", antworte Snape. „Jeder andere an seiner Stelle wäre zu unberechenbar was die Informationen angeht. Hagrid dagegen ließe sich leicht kontrollieren." Das war vermutlich die Wahrheit. Er gab mir genau die wenigen Krummen an Informationen, die notwendig waren, damit ich mir ein bestimmtes Bild von meinen Eltern, Voldemort und der Zauberwelt machen konnte. Sie waren gut, er war böse. Er wollte mich töten, meine Mutter opferte sich, um mich zu retten. Im Grunde sollte mir gleich zu Anfang das Ziel setzen den Mörder meiner Eltern zur Strecke zu bringen. Was ich auch tat. Denn er war dafür verantwortlich, dass ich ohne Eltern aufwuchs. Bei Tante Petunia. Im Schrank unter der Treppe.
„Aber du bist nach Hogwarts gekommen?" Sirius leerte noch ein Glas Whiskey, was ihn zu beruhigen schien.
„Ja. Ich war ein Gryffindor und im ständigen Konflikt mit Onkel Sev und Draco." Severus Snape lachte bitter auf.
„James Potter", flüsterte Snape und mein Vater und ich drehten uns zu ihm um. „Ich weiß, was ich gesehen hätte, wenn ich dich nicht all die Jahre vorher gekannt hätte – James Potter. Und ich hätte dich … zumindest nicht leiden können." Er leerte ebenfalls ein Glas und schaute bedauernd die leere Flasche an.
„Wie ging es weiter?"
Ich erzählte von meinen Jahren in Hogwarts. Von dem Stein der Weisen, dem Basiliken und von Seidenschnabel. Davon, wie Lupin mir den Patronuszauber beibrachte und von dem Zeitumkehrer. Von der Szene in der Heulenden Hütte. Von dem Feuerblitz. Von den brennenden Zelten bei dem Meisterschaftsspiel dem Trimagischen Tournier und dem Friedhof…. Langsam begriff ich, dass ich selbst gern den einen oder den anderen Whiskey vertragen hätte. Die beiden Männer waren längst still. Keiner wagte es etwas zu sagen. Ich redete und redete weiter. Seltsamerweise erleichterte es mich das alles endlich auszusprechen. Meine Geschichte von einer anderen Seite zu sehen und zu begreifen wie viele Fehler ich gemacht habe einfach nur weil ich nicht genügend Informationen zu richtiger Zeit hatte. Zum Beispiel den Fehler in das Ministerium einzubrechen….
„Askaban, Wahnsinn und der Tod in dem Bogen", fasste Sirius zusammen. „Das alles, weil ich Wurmschwanz verfolgt habe, anstatt mich um dich zu kümmern? Deswegen hast du also so geschrien, als ich dich Hagrid geben wollte?"
„Ich hatte ja gar keine andere Möglichkeit mich mitzuteilen", sagte mich müde.
„Ich habe mir gedacht, du hättest nur Angst vor ihm. Ich konnte dich einfach nicht beruhigen."
„Ich wollte, dass es anders läuft. Irgendwie anders. Ich wusste nicht, was passieren wird, wenn sich etwas ändert, aber ich wollte, dass sich irgendwas ändert."
„Was ist den passiert?", wollte Snape wissen. „Oder was wäre nicht passiert, wenn du Harry Hagrid überlassen hättest?"
„Wenn ich sofort aufgebrochen hätte, als Hagrid eintraf?"
„Ja. Was wäre dann?"
„Ich hätte Hagrid nicht zur Frank und Alice geschickt. Ich hätte Harry nicht zur meiner Mutter gebracht und sie hätte nicht den Rest der Familie zusammengeschrien, um mich endgültig aus der Familie zu werfen. Pollux hätte nicht den großen Blutsreinigungszauber gewirkt, der uns alle von einen Haufen Flüchte befreit hat…."
„Pollux ist in der Lage so etwas zu wirken?", wunderte sich Severus.
„War. Er war in der Lage es zu tun. Dieser Zauber hat ihm Jahre des Lebens gekostet, aber es rettete uns alle. Alle, die durch das Blut oder Rituelle mit ihm verwandt waren, also erwischte es auch Bella und Narzissa."
„Bella, kam frei und zurück nach Hause und Narzissa zwang auch Lucius sich dem Zauber zu unterziehen wodurch Malfoy wieder den eignen Kopf nutzen konnte und erkannt hat in welche Abgründe ihn sein Herr und Meister schleifen wird, wenn er irgendwann zurückkommt", ergänzt ich.
„Peter, die feige Ratte ist kein Held und auf der Flucht. Remus im Reinen mit sich selbst und ist kein bemitleidenswerter Kerl, der nichts und niemanden hat", setzte Sirius die Zusammenfassung fort. „We ging es weiter?"
Also erzählte ich weiter. Professor Slughorn. Das Buch des Halbblutprinzen. Horkruxe. Dumbledores Tod. Snapes Flucht. Das Jahr auf der Jagd. Dobbys Tod. Gringotts. Besetztes Hogwarts. Snapes „Schau mit in die Augen"…. Irgendein Zauber liegt auf mir, denn ich kann einfach nicht aufhören. Auch dann nicht, als Severus – bleich wie ein Toter – den Whiskey einfach aus der Flasche in sich hineinschüttelt und Sirius sich die Hände an einer Wand blutig schlägt. … Der Verbotene Wald und Bahnhof King's Cross… Definitiv irgendein Zauber, denn sobald ich meine Erzählung beendet habe, schließen sich meine Augen wie von selbst. Ich versuche gegen den Schlaf anzukämpfen, doch es ist sinnlos.
„… ,dass er nichts erzählt hat." Sirius' Stimme klingt durch den Schlaf irgendwie verschwommen. „Verdammt, Severus, denkst du es ist alles wahr?"
„Ich fürchte, ja. Ich habe den Trank nur verdünnt, seine Wirkung wurde nicht aufgehoben. „Schau, ich denke er kommt wieder zu sich. Harry?"
„Dad?"
„Du warst ein paar Minuten weg. Wie fühlst du dich?" Paar Minuten? Es kam mir vor, als hätte ich länger geschlafen. Mein Kopf war wieder leichter und ich fühlte mich ausgeruht. Ich blinzelte mir den Schlaf aus den Augen und setzte mich auf. Mein Vater saß neben mir auf einem Stuhl, während Snape seine Hände mit einer Tinktur verarbeitete und verband. Wir sahen uns gegenseitig an und etwas hing in der Luft zwischen uns. Verlegenheit, Unsicherheit, Ungewissheit, wie es nun weiter geht.
„Wie lange hast du es schon geahnt?", fragte ich. Sirius schüttelte den Kopf.
„So etwas habe ich mir nicht einmal in meinen wildesten Träumen nicht vorgestellt!", antwortete er ehrlich.
„Aber etwas habt ihr doch geahnt, oder?" Ich erinnerte mich dabei vor allem daran, wie Snape „Ist es soweit?" fragte. Und an Alice und wie sie meinem Blick ausgewichen ist und an den merkwürdigen Stein bei Gringotts. Mein Vater seufzte.
„Erst als ich Draco und dann Neville näher kennenlernte, begriff ich, was Mutter immer wieder meinte." Er sah meinen fragenden Blick und erklärte:
„Sie sagt immer wieder, dass du eine „alte Seele" hättest, dass du nicht, wie andere Kinder in deinem Alter bist."
„Alte Seele?", fragte Snape nach. „Walburga nahm an, er sei einer der Rückkehrer?" Jetzt war es an mir fragend zu schauen.
„Manchmal kommt es n den Zaubererfamilien vor, dass ein verstorbener Vorfahr in einem Kind wiedergeboren wird", erklärte Sirius. „Nicht vollständig als Person, sondern eher als Erbe der Erinnerungen und Fähigkeiten…. Alte Magie, die vermutlich nie richtig funktioniert hat, denn solche Kinder werden oft… nun ja, sie verlieren den Verstand, meist noch lange vor ihrem zehnten Geburtstag."
„Doch man versucht es immer wieder", stimmte Snape in die Erklärung ein. „Es ist ein Blutritual, dass über mehrere Generationen durchgeführt wird. Ein Versuch Unsterblichkeit zu erlangen, was viele Zauberer verführt es immer wieder zu versuchen."
„Die Götter wissen, wir haben genug Verrückte in unserem Stammbaum, die zu so etwas fähig wären… Genau wie die Potters und da du mit beiden verwandt bist…." Bestand die Möglichkeit, dass ich das Opfer irgendeines magischen Experiments war.
„Bin ich den wirklich so merkwürdig?", wollte ich wissen.
„Manchmal", gab Sirius zu. „Die meiste Zeit bist du ein ganz normales Kind. Doch manchmal…. manchmal sagst und tust du Dinge, die Zweifel aufkommen lassen. Und dann dein Blick. Schon als kleines Kind hast du mich manchmal so angesehen, als hättest mehr in deinem Leben gesehen als ich."
„Ich kann es nicht immer kontrollieren", gebe ich zu. „Es ist so als gäbe es zwei von mir. Das Kind und der Erwachsene. Manchmal ist das Kind einfach stärker … die meiste Zeit sogar. Ich vergesse Dinge, lasse sie aus den Augen, weil ich von meinem jetzigen Leben eingenommen werde."
„Das Medaillon?", vermutete Sirius.
„Ja. Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass dieses Ding irgendwo im Haus ist. Das Kreacher es für Regulus versteckt hat." Die Sache mit den Horkruxen habe ich natürlich auch erklärt und nun galt es zu überlegen, was wir dagegen unternehmen sollten.
„Wenn du willst kann ich es suchen", schlug mein Vater vor. „Das Haus, wird es mir sicherlich bereitwilliger geben als dir."
„Wie kommt es, dass das Haus so… lebendig ist?", fragte ich. „In meinem letzten Leben war es kleiner, düsterer… es sah völlig anders aus." Wieder sprang Snape an, um die Frage zu beantworten. Er machte eine weite Geste um sich herum.
„In diesem Haus lebten mir meine Mutter und ich. Nur wenige Jahrzehnte und dieses Haus hat bereits gewisse Eigenarten. Im Black Manor dagegen leben seit Jahrhunderten Magier, es ist durchzogen von Magie."
„Und diese Magie reagiert auf die Bewohner und ihre Stimmung", erklärte Sirius weiter. Ja, so etwas habe ich mir bereits gedacht, doch wenn das Stimmte…
„Warum ist Hogwarts dann so … warum ist Hogwarts weniger ... lebendig? Schließlich gibt es dort viel mehr Magie?"
„Hmmm, gute Frage, das würde mich auch interessieren", meinte Sirius mit einem Blick auf Snape.
„Was schaut ich mich so an? Woher soll ich es wissen?!"
„Komm schon, hast du denn gar keine Idee?"
„Das Schloss ist alt, wer weiß schon …."
„Severus!" Er seufzte.
„Dumbledore hat mehrmals versucht das Schloss zu wecken, damit er noch besser verteidigt werden kann, aber er … schläft. Seit Jahrhunderten schon und davon ging es anscheinend genauso lange langsam ein." Einige Augenblicke schwiegen wir. Wir versuchten uns abzulenken, begriff ich. Doch wenn die Sache schon angefangen hat, muss sie auch beendet werden.
„Werden wir es den anderen erzählen?", fragte ich.
„Nein, entschied Sirius. "Und wir sorgen auch dafür, dass es nicht zufällig zur Sprache kommt und nicht mal unter Folter entlockt werden kann."
„Unbrechbarer Schwur?"
„Genau richtig, Harry", nickte Sirius und zog seinen Stab. „Wir schwören, dir, dass die Wahrheit über dich nicht ohne dein Einverständnis erzählt werden kann und du schwörst, dass du es … sagen wir Mal, dass du es nicht in den nächsten zehn Jahren irgendjemand anderem verraten wirst."
„Nicht mal Alice?"
„Nicht mal Alice", nickte Sirius. „Sobald wir heute Abend zusammen zum Abendessen zu Hause auftauchen, weiß sie, dass alles in Ordnung ist und mehr wollte sie auch nicht wissen."
„Gab es andere Optionen?"
„Über die werden wir zum Glück nie reden müssen!" Sirius war wirklich erleichtert als er das sagte.
Der Schwur, den wir uns gegenseitig leisten bleibt, als nur für mich sichtbare Narbe um Handgelenk in Erinnerung. Dan reden wir wieder. Über Horkruxe, darüber ob und wie man sie zerstören sollte, darüber, ob es vielleicht möglich wäre, dass Voldemort sie wieder in sich hineinzieht, so wie er das bei mir gemacht hatte. Dann wären sie ja alle wieder in einer Person, die man nur einmal zu töten brauchte…. Eine gemeinsame Lösung haben wir nicht gefunden und beschlossen dieses Gespräch nach den Feiertagen fortzusetzen. Als wir schon wieder nach Hause aufbrechen wollten, hielt ich Sirius auf.
„Ich will sie sehen", bat ich. „Meine Tante", erklärte ich, als er mich fragend ansah. „Ich will sie einfach nur kurz sehen."
„Einverstanden", nickte Sirius. „Severus, willst du mitkommen?"
„Nicht um alles Geld der Welt", versicherte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Petunia, war nie gut auf mich zu sprechen."
„Dann sehen wir uns später!" Sirius und ich verabschiedeten uns und wir gingen nebeneinander durch die Straßen von Little Whinging.
„Es hat sich nichts geändert", sagte Sirius in die unangenehme Stille zwischen uns. „Du bist immer noch mein Sohn. Ganz gleich wie es dazugekommen ist." Als Antwort strecke ich ihm einfach die Hand und er nimmt sie. Wir gehen genau so weiter. Hand in Hand. Wie früher, als ich noch ganz klein war.
Zwischenspiel
Petunia Dursley
Der Junge hätte sich nicht vorzustellen brauchen. Potter, war mein erster Gedanke und ich hatte Recht. Auch den Mann, der ihn begleitete, kannte ich. Sirius Black. Gott sei dank waren die beiden vernünftig gekleidet. Trotzdem bat ich die beiden rein ins Haus. Lieber so, als vor den Augen aller Nachbarn an der Türschwelle mit den beiden reden.
„Sie sind also Harrys Vormund", fragte ich den schwarzhaarigen Mann, der sich viel zu neugierig umsah.
„Vater", korrigierte er mich. „Ich habe Harry offiziell adoptiert." Adoptiert also?
„Warum kommen Sie? Was wollen Sie von uns?" Der Junge weicht meinem Blick immer wieder aus, aber ich sehe sie trotzdem. Lillys Augen. Genau so groß, neugierig aber viel zu ernst. Lilly hat niemals so in die Welt hinausgeschaut. Ihr Blick war immer funkelnd vor Begeisterung. Selbst dann, wenn sie traurig war… wie beim letzten Mal, als wir uns sahen.
„Harry wollte Sie kennen lernen, Petunia. Ich darf Sie Petunia nennen?" Er hatte eindeutig an Manieren gewonnen, als er damals hier zusammen mit Lilly und … ihrem frischgebackenen Ehemann hier erschien, benahm er sich wie eine Axt im Walde. Und er war damals eindeutig betrunken.
„Von mir aus", ich zuckte mit den Schultern. „Nun, da sind wir." Ich verschränkte die Arme vor der Brust, weil ich sonst fürchtete, dass ich um mich schlagen werde.
„Mum, wer ist da?" Dudley! Er kam ins Wohnzimmer und beide Besucher drehten sich zu ihm um. Harry machte sogar einen Schritt vor, blieb aber stehen, als Dudley vor ihm zurückwich. Die beiden Jungs waren gleich alt, begriff ich. So wie Lilly und ich es irgendwann einmal geträumt haben. Dass unsere Kinder zusammen aufwachsen, dass sie wie Geschwister werden…. Nun die beiden Jungs waren Cousins. Fast Geschwister, aber die waren in so verschiedenen Welten aufgewachsen, dass man sie nicht vergleichen konnte.
„Wer bist du?", fragte Dudley den Jungen.
„Ich bin Harry", antwortete dieser irgendwie heiser. „Ich bin…"
„Er ist dein Cousin, Liebling", warf ich schnell ein. „Du erinnerst dich doch an das alte Foto meiner Schwester? Das ist ihr Sohn Harry und das ist sein Vater." Dudley Augen weiteten sich begeistert.
„Cousin! Echt! Komm, ich zeige dir mein Zimmer!" Er schleppt den Jungen förmlich fort mit sich und ich bleibe mit seinem Vater allein.
„Aufgeweckter Junge", sagt er nachdenklich. „Hat bestimmt viele Freunde."
„Ja, ja das hat er. Dudley spielt seit er fünf ist in einer Fußballmannschaft…." Warum sage ich ihm das?
„Sie sind bestimmt stolz auf Ihren Sohn."
„Er ist freundlich, vernünftig und sportlich. Er macht seine Hausaufgaben nicht gern und hat deswegen manchmal Probleme in der Schule, aber er bemüht sich. Er hat Freunde und Hobbys und hilft, wenn seine Hilfe gebraucht wird. Ich bin stolz auf ihn." Meine Stimme zittert vor kaum gezügelter Wut. Dieser Typ taucht hier auf und fragt mich nach einer Familie, fragt mich nach meinem Sohn! Kein Wort über Lilly, keine Erklärung warum ich meinen Neffen – die einzige Verbindung zur meiner Schwester - zehn Jahre lang nicht gesehen habe!
„Petunia…"
„Ihr habt sie mir weggenommen", platzte es aus mir heraus. „Ihr habt mir meine Schwester weggenommen und ihr konntet sie nicht beschützen! Sie wäre noch am Leben und hätte ihre Kinder und ihren Neffen aufwachsen sehen können, wäre dieser verfluchter Brief nicht gekommen!"
„Ich…!"
„Schweigen Sie! Seinen Sie still! Sie hatte sich so gefreut! So gestrahlt vor Glück. Magie! Echte Magie! Damit konnte man so viel tun! Doch Magie konnte sie nicht schützen! Sie war erst der Grund dafür, dass sie starb! Also verstehen Sie vielleicht, warum ich nichts davon wissen will!"
„Tante Petunia…" Da ist er. Lillys Blick.
„Ist es okay, wenn ich ab und zu vorbeikomme? Ich würde gern mehr über meine Mutter erfahren." Ich schüttelte entschieden den Kopf.
„Nicht, wenn du auch nur ein Wort über deine … Krankheit verlierst, Dudley hat schon zu viel von dem mitbekommen, was er nicht zu wissen braucht!" Ich schaue zu meinem Sohn, der verschüchtert neben seinem Cousin steht.
„Dudley, mein Liebling, geht es dir gut?" Er nickte. Ich wischte mir hastig die Tränen aus den Augen.
„Dein Cousin muss jetzt gehen, aber wenn du magst kommt er irgendwann Mal wieder." Dudley nickt zögerlich.
„Ist er so wie Tante Lilly? Ist er auch so krank wie sie?" Hm. Oh, der Blick der beiden! Als würden sie mich gleich auf der Stelle fressen! Was hätte ich sagen sollen? Das meine Schwester von einem wahnsinnigen Zauberer umgebracht wurde?
„Ja, Liebling. Harry hat die gleiche Krankheit, die ihn irgendwann mal genau so plötzlich umbringen kann."
„Es ist so was wie Krebs, wie bei Mrs. Tegath?" Ich nicke.
„Ja, mein Sonnenschein, so was wie Krebs." Was auch immer dieser Black sagen wollte, er erstickte fast an seinen Worten. Aber er schwieg, genau wie Harry, der so unglaublich verletzlich wirkte, so unglaublich jung und unschuldig…. Dudley sah ihn mitleidig an.
„Gibt es keine Medikamente dagegen?" Mein großer kleiner Junge!
„Nein", flüstert Harry mit zitternder Stimme. „Keine Medikamente. Aber mach dir keine Sorgen, ich habe keine Schmerzen oder so… und es ist nicht ansteckend" Gott sei Dank!
„Kommst du bald vorbei?" Der Junge sieht seinen Vater fragend an.
„Vielleicht in den Sommerferien", antwortet dieser. „Ich werde Sie vorher anrufen, Petunia. Dann können wir alles genau absprechen." Ich nickte und wir verabschieden uns. Die beiden gingen Hand in Hand die Straße herunter, dann blieben sie stehen und der Mann zog Harry in eine Umarmung. Ich bildete mir ein Harry weinen zu hören…
„Kann jeder so eine Krankheit bekommen?", fragt mich Dudley. Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, Liebling… Ich … ich weiß es nicht." Ich drückte ihn an mich.
„Komm, hilf mir mit dem Abendessen, dein Vater kommt bald nach Hause."
