Katastrophen
I.
Morgan wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte, von dem Moment an, als sein Gefangener ihm erklärte, dass er ihn und alle anderen töten würde, wenn er frei kommen würde, weil das nun mal sein moralischer Code war. Er hatte Owen den Omega Wolf in einem der unbewohnten Häuser eingesperrt und gefesselt und hielt ihn dort gefangen, ohne das Wissen von irgendjemand anderen. Er wusste, dass das gefährlich war und falsch, und er wusste, wie Carol und Rick reagieren würde, wenn sie herausfanden, was er getan hatte, doch er hoffte bis dahin etwas erreicht zu haben. Bis dahin einen Weg gefunden zu haben Owen zur Vernunft zu bringen. Leider kam alles anders als geplant.
Owen war von Morgans Gesichte über Eastman kein bisschen beeindruckt und enthüllte ihm dann auch noch seine entzündete Wunde. „Deswegen bin ich hierhergekommen", erklärte er, „Deswegen war ich in dem Haus, in dem du mich gefunden hast. Weil ich an dieser Infektion hier sterbe, langsam aber sicher. Du siehst also, dass all deine Pläne, was mich betrifft, nicht aufgehen werde, denn entweder ich sterbe an dieser Wunde, oder ich schaffe es mich zu befreien und töte euch alle. Es gibt keine dritte Möglichkeit, Morgan Jones."
Doch damit wollte sich Morgan nicht abfinden. Er wollte Owen retten, vielleicht um so mehr, da spürte, dass ihm Rick von Minute zu Minute mehr entglitt und er nichts tun konnte um seinen Omega zu retten, vielleicht aber könnte er diesen Omega hier retten. Er wollte es zumindest versuchen.
Doch Owens Enthüllung stellte all seine Pläne auf den Kopf. Denn wenn er nichts gegen seine Entzündung unternahm, dann würde der Omega sterben, damit hatte er recht. Also sah Morgan sich gezwungen jemand anderen in sein Geheimnis einzuweihen. Und die Person, die er einweihte, war Denise Cloyd, die junge Medizinstudentin, die nach dem Ableben von Pete Anderson das war, was dem Arzt von Alexandria am Nächsten kam. Morgan kannte sie kaum. Die meisten hier kannten sie kaum. Sie war ein Omega, schien nett zu sein, und war alles, was sie hatten, wenn es um medizinische Fragen ging. Tara schien bei ihr in guten Händen zu sein, und sie hatte gemeinsam mit Tara und Eugene den Wolfsangriff überstanden und schien davon weniger traumatisiert worden zu sein als der Rest von Alexandria.
Morgan hatte keine Ahnung, wie sie auf seine Enthüllung reagieren würde, doch ihm blieb keine andere Wahl. Wenn er Owen retten wollte, dann musste er sich an sie wenden, er musste das Risiko eingehen, dass sie ihn verriet.
Sie war nicht begeistert über das, was er ihr enthüllte. Sie verriet ihn aber auch nicht. „Ich wollte Ärztin werden, weil ich anderen Menschen helfen wollte. Also werde ich helfen. Und ich werde niemanden verraten, wen wir hier haben, weil sie ihn umbringen würden. Aber sobald es ihm besser geht, muss er von hier verschwinden", erklärte sie.
„Mehr verlange ich auch nicht", erwiderte Morgan erleichtert, „Ich will nur, dass du sein Leben rettest. Ich habe nicht vor ihn hier einziehen zu lassen."
So wahr das sein mochte, wusste er natürlich, dass er Owen auch nicht so einfach gehen lassen konnte. All die Argumente von Carol und Rick trafen nur zu sehr zu. Owen wusste von Alexandria, wusste, wo sie wohnten, wie sie geschützt waren, und was es hier zu holen gab. Er hatte bereits einmal eine Gruppe aggressiver Plünderer hierher geführt, und das nur weil er nach Medizin gesucht hatte, die Chancen, dass er das wieder tun würde, wenn er erneut etwas brauchte, standen gut. Ihn einfach so gehen zu lassen war keine wirkliche Option. Das verstand vielleicht Denise nicht, doch er verstand es. Aber das war ein Problem für später. Zuerst galt es sich auf das aktuelle Problem zu konzentrieren.
Owen musterte Denise mit unübersehbaren Misstrauen. „Du bist der Arzt?", wunderte er sich.
„Ich bin das, was dem hier am nächsten kommt", erwiderte Denise ungerührt, „Und jetzt lass mich deine Wunde sehen."
Owen kam diesem Befehl zögerlich nach. Und zuckte dann weg, als sie ihn berühren wollte. „Wenn du willst, dass ich dir helfe, musst du mir schon genug vertrauen um mich dich anfassen zu lassen", informierte Denise ihren neuesten Patienten ungerührt, „Ansonsten kann ich dir nicht helfen. Was denkst du, dass ich vorhabe dir anzutun?"
Owen schnaufte. „Folter, Rache - was weiß ich, es ist alles möglich", meinte er.
„Nachdem was deine Leute getan haben, hättest du eine solche Behandlung wohl auch verdient", erwiderte der weibliche Omega darauf kühl, „Aber ich bin Ärztin, oder wollte es zumindest sein, ich helfe Menschen, quäle sie nicht. Allen Menschen. Ich werde dir nichts tun. Ich bin ein Omega, genau wie du."
„Das macht dich nicht automatisch harmlos oder vertrauenswürdig, im Gegenteil", befand Owen, „Das macht dich gefährlicher. Der da…" Er deutete auf Morgan. „… lässt sich manipulieren. Aber du …."
„Nun, du musst dich einfach dazu aufraffen mir zu vertrauen", erklärte Denise unbeeindruckt, „Entweder du willst meine Hilfe, oder du willst sie nicht. Wenn du sie willst, musst du mich machen lassen, wenn nicht dann gehe ich wieder und du … kannst gerne alleine sterben. Also wofür entscheidest du dich?"
Owen starrte sie einen Moment lang an. Dann seufzte er. „Also gut. Tu dein Werk", meinte er und hielt von jetzt an still.
Alles in allem hatte Denise Owen besser im Griff als Morgan. Das war nicht zu übersehen. Vermutlich deswegen weil sie ihm etwas zu bieten hatte, während er all das, was Morgan ihm anbot, ablehnte. Alleine schon aus Prinzip heraus.
Morgan hatte immer ein Auge auf Denise, wenn sie bei Owen war und ihn versorgte. Er wusste zwar, dass Denise nur Owens Bestes im Sinn hatte, er vertraute aber nicht darauf, dass das umgekehrt auch der Fall war. Owen begann offensichtlich sehr schnell Vertrauen zu Denise zu fassen, sah sie aber auf einen berechnende Art und Weise an, die Morgan gar nicht gefiel. So als wüsste er, dass sie wertvoll für ihn war, und als würde er bereits jetzt planen, wie er mit ihr von hier verschwinden könnte. Selbst wenn Owen sich dazu entschloss doch nicht alle Bewohner von Alexandria umzubringen, sondern nur mit Denise als Geisel zu fliehen, wäre das für ihre kleine Gemeinde trotzdem genauso fatal. Denise war alles, was sie an medizinischer Versorgung noch hatten.
„Sieh mich nicht so an, Morgan Jones", forderte Owen von ihm, als er Morgan dabei ertappte wie er ihn und Denise beobachtete, „Ich habe dir gesagt, dass es ein Fehler ist mich am Leben zu lassen. Nun, da du all diese Ressourcen daran verschwendet hast mich am Leben zu erhalten, wird dir klar, dass du mich hättest töten sollen als du noch die Gelegenheit dazu hattest, nicht wahr? Eine späte Einsicht."
„Das Leben ist dem Tod immer vorzuziehen", zitierte Morgan Eastman und sagte sonst gar nichts dazu.
Owen grinste, als wüsste er besser als Morgan was dieser wirklich empfand.
Und das war der Moment als die Schreie von draußen zu hören waren. „Was ist los?", wollte Denise alarmiert wissen, „Ein weiterer Angriff?"
„Ich sehe nach. Bleib du hier", befahl Morgan dem Omega und rannte nach draußen. Der Anblick, der ihn dort erwartete, glich der Apokalypse, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Mauern waren durchbrochen worden, Tote strömten in die Stadt, massenweise. Denise und Owen waren vergessen, in diesem Moment galt Morgans erster Gedanke Judith und Carl. Sie durften nicht enden wie Duane!
Er kämpfte sich zum Haus der Grimes durch, fand dieses leer vor, spürte wieder Verzweiflung in sich aufsteigen, und dann fiel ihm ein, dass der Denise wehrlos zurückgelassen hatte. Sie sollte sicher sein, wenn sie im Haus blieb, zumindest relativ, aber … was wenn sie nachsehen ging, was los war?
In blinder Panik machte er sich auf zurück auf zu dem verlassenen Haus. Es war nur wenige Straßen entfernt. Er erreichte es unbeschadet und fand es ebenfalls leer vor. Owens Fesseln lagen am Boden. Es war nicht schwer zu erraten, was hier vorgefallen war. Der Wolf hatte sich befreit, entweder von selbst oder er hatte Denise überredet seine Fesseln zu lösen und behauptet, dass er nur er sie beschützen konnte, und dann war er mit ihr geflohen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er eine Attacke auf diese Gemeinde für seine eigenen Zwecke nutzen würde. Diese würde er nützen um zu fliehen, mit Denise, da war sich Morgan vollkommen sicher.
Ich muss ihn finden. Ich muss Denise retten. Carol hatte recht. Rick hatte recht. Was auch immer er jetzt tut, es wird meine Schuld sein. Morgan glaubte immer noch, dass der Tod dem Leben vorzuziehen war und er richtig gehandelt hatte, als er Owen das Leben gerettet hatte, doch er hätte seine Anwesenheit in Alexandria niemals geheim halten dürfen, das wurde ihm jetzt klar. Zu spät, wie es aussah. Er versuchte seine Panik in den Griff zu bekommen und machte sich dann auf die Suche nach seinem Wolf. Und betete, dass er ihn finden würde, bevor es zu spät war.
II.
Sie fanden Morgan und Henry durch Zufall. Nicht etwa weil es geplant gewesen wäre. Es war Owen, der ihn fand, was sie nicht weiter hätte überraschen sollen. Immerhin war Morgan sein Alpha.
Morgan schien vollkommen verwirrt zu sein, nicht zu wissen, wo er war, und nichts, was er von sich gab, schien besonders viel Sinn zu ergeben. Es war der verstörte Henry, der ihnen erzählte, was passiert war. Offenbar hatte sich ein verwirrte Morgan Jones seinen Weg zurück ins Königreich gebahnt und hatte bei dieser Gelegenheit gleich alle Erlöserposten, die rund um das Königreich herum stationiert gewesen waren, getötet. Er hatte nach Henry gesucht, hatte durch den Tod des jungen Omegas Benjamin einen Rückfall erlitten, wie es schien, und immer davon geredet, dass er alles säubern musste, die Erlöser töten musste.
Trotzdem hatten ihn die Bewohner des Königreichs aufgenommen, beruhigt, und ihn sogar mit Henry vereint. Das schien ihm dabei geholfen zu haben wieder klarer zu werden, ruhiger. Henry erklärte, dass es nicht Morgan gewesen war, der sie angegriffen hatte. Henry wusste nicht, wer es gewesen war, doch es gab im Grunde nur eine Möglichkeit, nicht wahr?
„Wir müssen nachsehen gehen", verkündete Rick, „Was immer passiert ist, wir haben es zu verantworten. Wir schulden es Ezekiel nachzusehen, was mit seinen Leuten passiert ist."
Andrea nickte zustimmend. Und auch sonst niemand äußerte Einwände. Die Frage war nur, was sie mit dem verwirrten Morgan machen sollten. „Ich passe auf ihn auf", bot sich Owen an, „Ich halte ihn unter Kontrolle. Er wird keine Gefahr für uns darstellen. Versprochen."
Rick schien diese Versicherung zu reichen. Andrea war sich nicht ganz sicher, ob sie ihre reichte, aber im Augenblick schien Morgan vor allem verwirrt und nicht gewalttätig zu sein. Sein Blick irrte zwar manchmal in die Richtung des gefesselt und geknebelten Negans, doch er schien den Mann nicht wirklich wahrzunehmen. Was, wenn Andrea die Situation richtig einschätzte, eine gute Nachricht für Negan war. Was der Anführer der Erlöser von dieser ganzen Sache hielt, konnte sie nicht feststellen, im Augenblick beobachtet er die ganze Sache ruhig aber aufmerksam.
Also machten sie sich alle auf zum Königreich. Sie erwarteten Erlöser-Wachposten fanden aber keine vor. Sie ließen Henry, Owen, und Morgan vor den Mauern zurück. Negan schleppten sie aber mit hinein, doch es gab auch im Königreich keine Erlöser mehr. Im ersten Moment dachten sie, es gäbe gar keine Überlebenden.
Dann erinnerten sie sich daran, dass Henry erwähnt hatte, dass sie ihre verletzlichsten Bewohner quasi verbunkert hatten. Sie fanden die Kinder und Alten wohlbehalten vor. Und ihre Anwesenheit lockte auch langsam aber sicher die anderen Überlebenden an. Von Ezekiels Ehrenwache war niemand, den er hier zurückgelassen hatte, mehr am Leben. Wer auch immer hier gewütet hatte, hatte keine Rücksicht auf Geschlecht, Alter, oder Rang genommen. Eine Omega-Frau hatte jemand praktisch an die Wand genagelt. Hoffentlich nachdem er ihr die Kehle durchgeschnitten hatte, vermutlich eher davor. Über ihr prangte eine Nachricht an der Wand. Ganz deutlich stand darauf zu lesen: „So reagieren wir auf Lügen. Hier habt ihr eure angebliche Königin zurück. Wenn ihr ihr Schicksal nicht teilen wollt, übergebt uns den König, Rick Grimes, und den Anführer von Hilltop."
Die überlebenden Omegas zuckten vor Shane zurück und starrten Negan mit großen erschrockenen Augen an und begannen zu tuscheln. Negan starrte mit düsterer Miene auf die Szene, die sich ihm darbot. Alle anderen waren geschockt. Rick schien den Tränen nahe zu sein, Shane war bleich geworden, Olivia hielt die weinende Enid in den Armen. Abgesehen von den Alten und Kindern schien kein einziger Alpha oder Beta mehr am Leben zu sein.
Andrea erinnerte sich an die Geschichten von Oceanside. Doch hier waren sie noch weiter gegangen. Hatten die Omega-Anführerin ermordet. Andrea dachte daran, wie Negan sie auf der Straße bedroht hatte und dann niemanden umgebracht hatte, als er erkannt hatte, dass ihr Anführer ein Omega war, und wie er den unter Hitze leidenden Rick zu ihnen zurückgebracht hatte, obwohl er damit auf seine eigene Flucht verzichtet hatte. Und dann dachte sie an all die Diskussionen darüber, was mit den Erlösern passieren würde, wenn Negan weg wäre, wie sie im Chaos versinken würden. Das hier sah nicht nach Chaos aus, es sah nicht Planung aus. Mit einem Schlag war sie sehr froh, dass sich Rick dazu entschlossen hatte Negan nicht umzubringen.
„Mhm!", forderte dieser in diesem Moment. Rick, der neben ihm stand, zog ihm den Knebel aus den Mund.
„Ihr schickt jetzt jemanden mit der Nachricht, dass ich am Leben und euer Gefangener bin, zum Sanctuary. Sofort!", forderte ihr Gefangener in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Rick nickte und stopfte Negan dann den Knebel wieder in den Mund. „Er hat recht. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren", stellte er fest, „Jemand muss zum Sanctuary. Ich werde gehen und…."
„Auf keinen Fall. Du bist es, den sie wollen, dich kriegen sie nicht", fiel ihm Shane ins Wort, „Was denkst du, das die mit dir machen, wenn du vor ihnen stehst? Ich werde gehen."
„Nein. Sie würden dich auf der Stelle töten. Als Verräter", widersprach Rick.
„Ich werde gehen", verkündete Andrea, „Ich bin der Beta. Wir verhandeln, so war es schon immer."
„Nein, du bist zu wertvoll. Gerade deswegen. Sie würden es wissen, dich gegen uns verwenden oder nie wieder frei lassen", meinte Rick.
Schließlich meldete sich Olivia zu Wort und drückte Enid von sich weg. „Ich werde gehen", erklärte sie, „Die Erlöser kennen mich, sie wissen, dass ich nicht hoch in der Rangordnung stehe, und man mir vertrauen kann. Sie werden mich als Boten anerkennen."
„Olivia, das ist viel zu gefährlich. Du hast gesehen was hier passiert ist", protestierte Rick, „Ich kann nicht garantieren, dass dir niemand etwas antun wird."
Olivia deutete auf Negan. „Seine Regeln besagen, dass Omegas nicht anzurühren sind, es sei denn sie begehen ein klares Verbrechen. Ich bin keine Anführerin, bringe keine Lügen sondern eine gute Nachricht für sie, ich sage ihnen, dass ihr Alpha noch lebt, erinnere sie daran, dass seine Regeln noch immer gelten. Sobald sie das wissen, können sie mir nichts mehr tun", erklärte der Omega ungerührt, „Ich will mich auch endlich nützlich machen, Rick. Ich kann mehr als nur Erbsen zählen. Ich kann diesen Krieg für uns gewinnen. Glaub mir bitte."
Andrea hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Sie war immer noch der Meinung, dass sie diejenige war, die ihre Forderungen überbringen sollte, und das sagte sie auch. Doch Rick wirkte nachdenklich. „Sie hat nicht unrecht", meinte er in Bezug auf Olivia, „Niemand wird in ihr eine Bedrohung oder eine besonders wertvolle Geisel sehen. Und wenn sie Negans Regeln achten, dann sollte ihr nichts passieren und sie sollte gesund zu uns zurückkommen."
Andrea schüttelte den Kopf und trat näher an den Omega heran. „Ich dachte, wir hätten den Punkt hinter uns, an dem wir die Leben der anderen als weniger wertvoll ansehen als unsere", meinte sie gedämpft, „Ich schätze es, dass du mich beschützen willst, aber Olivia ist ebenfalls niemand, der einfach so zu ersetzen ist."
„Das sage ich doch gar nicht", verteidigte sich Rick ebenso leise, „Wir sind alle ein Rudel. Niemand von uns ist einfach zu ersetzen. Ich will sie gehen lassen, weil ihre Argumente stichhaltiger sind als deine. Simon kennt euch beide, aber er weiß, dass du der Beta bist. Und er weiß auch, wer sie ist."
„Andrea", mischte sich Olivia ein, „ich kann das tun. Bitte vertrau mir. Ich kann mehr sein als Judiths Babysitterin. Ich kann etwas beisteuern. Du passt immer auf alle anderen auf, denkst immer du bist diejenige, die alles tun muss, alles schultern muss, aber du bist nicht alleine. Wir anderen können auch Lasten schultern. Ich kann diese schultern. Bitte trau mir zu, dass ich Erfolg habe."
Und so schnell stand sie als der Bösewicht dar, dabei wollte sie Olivia doch nur beschützen. Es gab Gründe, warum der Omega nicht mit den anderen in den Krieg gezogen war, sondern in Alexandria zurückgeblieben war. Aber ähnlich wie Andrea selbst fühlte sich Olivia deswegen nutzlos und wollte mehr tun. Wer konnte es ihr verdenken, besonders nach der Rolle, die sie bei Negans Flucht gespielt hatte? Es war ein kollektives Versagen gewesen, doch Olivia war die Erste gewesen, die auf Negan hereingefallen war, Zweifel über seine Gesundheit geäußert hatte und über Shanes Verhalten ihm gegenüber. Das hatte sie nicht vergessen und vermutlich machte sie sich deswegen immer noch Vorwürfe. Und ganz abgesehen davon, wer konnte bei dem Anblick all der Toten hier nicht das verzweifelte Gefühl verspüren etwas tun zu müssen?
„Ich zweifle nicht an dir, Olivia. Ich zweifle an Simon und den anderen", meinte sie, „Aber bitte, ihr habt vermutlich recht. Ein Omega, der nicht Rick ist, hat die größten Erfolgschancen."
„Du musst schnell sein", meinte Rick, „Da wir hier im Königreich sind, sag mir, kannst du reiten?"
Olivia errötete ein wenig. „Gut genug für das hier hoffentlich schon", meinte sie, „Aber ich brauche eine Wegbeschreibung."
„Shane gibt sie dir", meinte Rick, während Negan, der das gehörte hatte, protestierend „mumpfte", doch sein Input war bereits nicht mehr erwünscht. Er hatte gesagt, was wichtig war, alles andere wären wieder nur Spielchen, das wussten sie alle.
„Wir können nicht hierbleiben. Wir ziehen uns nach Hilltop zurück. Sag ihnen, sie sollen die Antwort dorthin schicken. Lass uns hoffen, dass sie dich zurück schicken und nicht gefangen nehmen", fuhr Rick fort, „Andrea und Shane helfen dir bei der Vorbereitung. Gebt ihr eine Waffe. Und, Olivia, sei bitte vorsichtig. Ihr anderen müsst mir helfen alle Bewohner des Königreich zusammenzusammeln. Wir dürfen niemanden hier zurücklassen. Schaffst ihr das?"
Andrea dachte an Henry, den tapferen Omega-Jungen, dessen zu Hause das hier gewesen war. Noch ein weiteres Kind, das viel zu früh erwachsen hatte werden müsse. Wie vielen Kindern würde das wohl noch passieren, bevor sie endlich in Ruhe und Frieden würden leben können? Und würde ihnen oder auch nur sonst jemanden auf dieser Welt das überhaupt jemals wieder vergönnt sein?
III.
Es ging alles sehr schnell. Die Beißer stürmten die Stadt und auf einmal hieß es wieder jedermann für sich selbst oder zumindest vor allem für diejenigen, die man liebte. Carl war gerade mit Ron im Anderson-Haus, als die Hölle losbrach. Er hatte keine Ahnung, wo sein Dad, Judith, Michonne, Andrea, oder auch nur Morgan steckte. „Wir müssen uns hier drinnen verschanzen und auf das Beste hoffen", befahl er Jessie und ihren Söhnen und war sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sie unbewaffnet waren, wenn sie von den Küchenmessern absahen.
Sich im Haus zu verbarrikadieren kam ihn anfänglich klug vor, doch es stellte sich schnell als schlechte Idee heraus, als die ersten Beißer einbrachen. Die nach dem Angriff der Wölfe schlecht reparierte Haustüre hielt ihnen nicht stand. Sie konnten sich in der Küche verschanzen, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die Beißer sie auch hier erreichen würden. Dann tauchte sein Dad auf. Blutüberströmt und entschlossen. „Hier ist es nicht sicher", verkündete er, „Wir müssen es hinüber in unser Haus schaffen, das ist noch heil."
„Was ist mit Judith?", wollte Carl sofort wissen.
„Sie wartet dort hoffentlich auf uns", gab Rick zurück.
„Wir können nicht hinaus", widersprach Jessie, „Es sind zu viele, wir hätten keine Chance."
„Tote Innereien, die verdecken unseren Geruch. Wenn wir uns mit denen beschmieren und uns langsam vorwärts bewegen, keine hektischen Bewegungen machen, und so tun als wären wir auch tot, dann können wir es schaffen. Wir haben bereits positive Erfahrungen mit dieser Taktik gemacht", schlug Carls Dad vor.
Jessie wirkte verunsichert und Ron misstrauisch, doch Carl drückte Rons Hand und nickte Jessie zu und meinte: „Es kann klappen. Er hat recht. Wir müssen es versuchen, wir können nicht hierbleiben." Das schien die Andersons zu überzeugen.
Es waren genug tote Beißer im Haus damit sie sich vorbereiten konnten, trotz Carls tapferen Worten hatte er selbst diese Taktik noch nie ausprobiert. Er wusste, dass Glenn sie gerne benutzte und einst seinem Dad beigebracht hatte. Also sollte es klappen, so ekelige es auch war. Sam begann zu weinen kaum, dass sie ihn mit toten Innereien zu beschmieren begannen. Jessie versuchte ihn zu beruhigen, war aber nur teilweise erfolgreich.
„Alles wird gut werden, Sam. Das hier ist nur ein bisschen Tarnfarbe, das ist alles. Ich werde die ganze Zeit über deine Hand halten und nicht zulassen, dass dich einer der Toten erwischt, versprochen", betonte der blonde Omega, doch Sam schien ihr nicht zu glauben. „Ich will da nicht raus. Ich will hier bleiben, hier wo es sicher ist!", weinte er, und Carl konnte es ihm letztlich nicht verdenken. Zuerst die Wölfe und dann das hier. Sam war ein Kind, das sich einem Leben stellen musste, auf das er nicht im Geringsten vorbereitet gewesen war.
Carl erinnerte sich nur noch dunkel an die Zeit nach dem Ausbruch. Seine meisten Erinnerungen betrafen Gerüche und Eindrücke, hießen Mom und Shane und manchmal Sophia und Frösche fangen, er wusste aber noch, dass er sich die meiste Zeit über vollkommen verloren gefühlt hatte. Ungefähr so wie sich Sam jetzt fühlen musste.
„Hey, es wird alles gut werden", versicherte er dem jüngeren Omega Jungen, „Du kannst das schaffen, Sam, das weiß ich." Von seinem Helden zu hören, dass alles gut werden würde, zeigte mehr Erfolg als es von seiner Mutter zu hören, wie es schien. Sam ließ sich einschmieren und hörte auf zu weinen und stellte ein tapferes Gesicht zur Schau.
„Wir bilden eine Menschenkette, und was immer passiert, wir lassen einander nicht los", befahl Carls Dad den anderen, „Geh in die Mitte, Carl." Carl nickte. Sam klammerte sich an der Hand seiner Mutter fest, die wiederum Carls Hand nahm, der Rons nahm, der die von Rick nahm, der voran ging und der Einzige war, der bewaffnet war, wenn er seine Waffe aber auch in seinen Gürtel stecken ließ. Mit ihr herumzufuchteln hätte nicht viel gebracht.
Eigentlich hätte ihnen von Anfang an klar sein müssen, dass etwas schief gehen würde, doch zunächst sah alles noch gut aus. Sie durchquerten das Haus ohne Zwischenfälle. Draußen auf den Straßen fanden sie aber viel mehr Beißer vor. Sie kamen nur sehr langsam vorwärts. Jeder Instinkt in Carls Körper sagte ihm, dass er rennen sollte, doch er wusste, dass das ein tödlicher Fehler wäre. Er wusste, dass sie nur überleben könnten, wenn sie langsam unterwegs wären. Er wagte es kaum zu atmen, gab sich aber tapfer für Jessie und Ron und für den armen kleinen Sam. Das hier war kein Leben, für das sie gemacht waren, das hier war überhaupt keine Art von Leben, für das irgendjemand gemacht war, er musste ihnen ein gutes Beispiel liefern.
Doch kein noch so gutes Beispiel half, wenn man es mit der Angst zu tun bekam. Sam geriet auf halber Strecke in Panik und begann zu weinen und wollte weglaufen. Jessie versuchte ihn zurückzuhalten, doch er riss sich los und lief los. „Nein! Baby, nein, komm zurück!", rief Jessie, aber es war zu spät. Die Toten waren auf das laufende Kind aufmerksam geworden und stürzten sich auf ihn.
„Nein!", schrie Jessie.
„Wir müssen weiter!", rief Carls Dad, doch Jessie war wie angewurzelt stehen geblieben und sah entsetzt dabei zu wie ihr jüngstes Kind von den Toten aufgefressen wurde. Carl zog an ihrer Hand, doch es half nichts. „Bitte", bettelte er, „Bitte wir müssen weiter. Sonst sterben wir alle."
Doch Jessie schien ihn nicht zu hören, sie starrte wie hypnotisiert auf das Massaker. „Bitte, Ron braucht dich", versuchte Carl sie zu beschwören, „Ich brauche dich." Er versuchte sie mit seinen Pheromonen zur Vernunft zu bringen, doch er Gestank der Toten übertünchte alle seine Aussonderungen.
„Carl, lass sie los!", hörte der die Stimme seines Dads, aber Carl wollte Jessie nicht loslassen, stattdessen versuchte er sie hinter sich herzuziehen, doch sie war erstaunlich schwer. Und dann mit einem Mal schien sie aufzuwachen.
Carl wollte schon aufatmen, doch sie entwand ihre Hand seinem Griff und stürzte sich brüllend in die Masse der Toten in dem sinnlosen Versuch ihr Kind zu retten. Nun war Carl derjenige, der wie erstarrt war.
„Mom!", rief Ron, doch es war schon zu spät. Jessie war schon von den ersten Toten gebissen worden, schien das aber gar nicht zu bemerken, als sie sich weiter zu ihrem Sohn vorzukämpfen versuchte. Sie ist schon tot, wurde Carl klar, und dann erinnerte er sich daran, dass es immer noch jemanden gab, den er retten konnte, und er setzte sich wieder in Bewegung. Durch gemeinsames Stoßen und Ziehen gelang es Carl und seinem Dad zumindest Ron von der Straße wegzuschaffen. Sie erreichten die Veranda ihres Hauses und flüchteten sich hinein.
Kaum drinnen rannte Carls Dad los, vermutlich um nach Judith zu sehen. Carl selbst brach direkt neben vor der Türe zusammen. Er erbrach sich vor seine eigenen Füße und lehnte sich dann an die geschlossene Türe und versuchte das, was soeben passiert war, zu verarbeiten. Er sah sie immer wieder vor sich, Sam, der ihn so bewundert hatte, dem er versprochen hatte, dass alles gut werden würde, und Jessie, deren Hand er die ganze Zeit über gehalten hatte, Jessie, die immer so freundlich und tapfer gewesen war, die sich von nichts hatte aufhalten lassen bei dem Versuch ihren Sohn zu retten. Er sah immer wieder vor sich wie sie gefressen wurden, Stück für Stück.
„Du hast gelogen, Carl. Du hast es versprochen!", zischte Ron in sein Ohr, und Carl öffnete seine geschlossenen Augen und blickte in das Gesicht des anderen Jungen und sah die Wut in dessen Augen. „Ich…"
„Du hast es versprochen!", zischte Ron erneut und packte Carl am Hals, „Du hast gelogen!"
Carl entfuhr ein wimmerndes Geräusch, das er kannte, wenn auch nicht von sich selbst, und er röchelte: „ Alpha." Woraufhin Ron seinen Hals sofort wieder losließ.
„Es tut mir leid", weinte Carl, „Ich wollte sie nicht loslassen! Es tut mir so leid, Ron! Es tut mir so leid, Alpha!" Er sah immer wieder Jessie vor sich, wie sich nicht auf die Beißer achtend, nicht auf die Bisse achtend, versuchte zu Sam zu gelangen. Wenn er sie nicht losgelassen hätte, wenn er sie festgehalten hätte…. Rons Gesichtsausdruck veränderte sich, von Wut zu etwas anderen.
In diesem Moment kam Carls Dad wieder in den Raum gestürmt. „Sie ist nicht hier! Judith ist nicht hier!", verkündete er. Und das hier war es, das Deja Vu, das er niemals hatte erleben wollen, dieser schreckliche Moment vor dem Gefängnis, als sie dachten, dass Judith…. Doch sie war damals nicht tot gewesen, nicht wahr?
„Vielleicht haben Michonne und Andrea sie genommen. Oder Morgan. Oder Carol." Carol wohnte zwar nicht mehr wirklich hier, hatte sich aber trotzdem immer wieder um Judith gekümmert. Rick schüttelte den Kopf. „Ich muss sie finden!", verkündete er, „Ihr beide, ihr bleibt hier drinnen und rührt euch nicht von der Stelle!"
„Lass mich nicht alleine, Dad!", rief Carl, aber Rick war schon weg. Wie immer, wenn er ihn am Nötigsten brauchte. Nein, das ist nicht fair. Aber trotzdem … er liebt Judith mehr als mich. Sie ist ihn immer wichtiger…. Carl drückte sich die Hände gegen die Schläfen. Er hatte das Gefühl nicht klar denken zu können. Alles um ihn herum erschien ihn unwirklich zu sein. Jessie. Sam. Judith. Nein, sie war nicht so geendet, sie konnte nicht ebenfalls so geendet sein!
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er zu Schwitzen begonnen hatte.
„Carl." Er fuhr hoch und starrte Ron an, der sich vor ihm aufgerichtet hatte, und ihn mit einem gierigen Gesichtsausdruck musterte. „Carl, weißt du, was mit dir los ist?", wollte Ron von ihm wissen. Carl schüttelte den Kopf. „Deine Hitze beginnt gerade, Carl", erklärte Ron heiser, „Deine erste Hitze."
Ausgerechnet jetzt? Das war nicht gut. „Ich muss … ich muss was dagegen tun. Wenn die Beißer das riechen, dann kommen sie hier rein!", keuchte Carl.
Ron kniete sich vor ihm hin und meinte mit glänzenden Augen. „Keine Sorge, Carl, ich weiß ganz genau, was wir jetzt tun müssen", versprach er, aber irgendetwas an der Art, wie er das sagte, ließ es mehr nach einer Drohung als einem Versprechen klingen. Und dann streckte er die Hand nach Carl aus.
IV.
Ausgerechnet Gavin hatte recht gehabt, stellte sich nun heraus. Ausgerechnet Gavin, der gegen Simons Einfall ins Königreich protestiert hatte, als hätte ihn dieser persönlich beleidigt, als hätte Simon etwas getan, das falsch wäre. „Ich bin für das Königreich verantwortlich", hatte Gavin betont, „Ich kann die neue Omega-Königin Nabila sicher dazu bringen uns zu sagen, wo sich Ezekiel versteckt hält." Doch Resultate hatte er keine erzielt, also hatte Simon die ganze Sache selbst in die Hand genommen.
„Es muss das Königreich sein. Hilltop und Alexandria waren erst dran. Außerdem ist das ihr Märchenland. Wenn sie sehen, dass ihnen ihr Märchenland keinen Schutz bietet, dann werden sie eher reden", hatte Simon erklärt und fand diese Erklärung auch äußerst einleuchtend. Gavin schien nicht dieser Meinung zu sein und empörte sich besonders über Simons Umgang mit dieser Nabila, aber immerhin hatte sie von sich behauptet Königin zu sein, nicht wahr? Also hatte er sie auch so behandelt als wäre sie eine.
Was Gavin nicht einsehen wollte war, dass Ezekiel und die seinen äußerst berechnend vorgegangen waren als sie einen Omega als neuen offiziellen Monarchen eingesetzt hatten. Sie waren davon ausgegangen, dass die Erlöser es nicht wagen würde sich an einem Omega zu vergreifen, eben weil es ein Omega war, doch Simon hatte sie eines Besseren belehrt. Ein Feind war ein Feind, egal, wer oder was er sonst noch war. Und da Nabila sich geweigert hatte zu reden, war es ihr genauso ergangen wie ihren Wachleuten und allen anderen Alphas und Betas, die er noch hatte finden können. Die meisten von denen waren vermutlich in den Krieg gezogen, aber es gab noch genug damit Simon seinen Spaß haben konnte.
Auf jeden Fall würde niemand seine Botschaft übersehen können, dafür hatte er gesorgt. Negan wäre nicht begeistert, aber zu diesem Zeitpunkt war er absolut überzeugt davon gewesen, dass Negan tot sein musste. Dass ihn Rick und seine verrückte Band erwischt und getötet hatte, weil Negan es nicht über sich brachte einen wahnsinnigen Omega so zu behandeln wie alle anderen seiner Feinde. Simon würde das Gleiche nicht passieren. Er war schlauer als Negan, war es schon immer gewesen. Und außerdem war diese Nabila-Schlampe der einzige Omega gewesen, den er umgebracht hatte. Also hatte Gavin keinen Grund sich zu beschweren, und Negan hätte den auch nicht. Nun, okay, er hätte einen, weil er immer nur wollte, dass man Lektionen möglichst lebenssparend erteilte, aber er war nicht da, also hatte Simon jetzt das Sagen.
Er war überzeugt richtig gehandelt zu haben, und die Köpfe von Ezekiel und Rick bald am Silbertablett serviert zu bekommen, als der Bote auftauchte. Besser gesagt die Botin. Sie kam auf einen Pferd, und es war die Dicke aus Alexandria, und sie brachte Nachricht von Negan. Offenbar war er noch am Leben, befand sich aber in Gefangenschaft ihres Feindes.
Simon hatte vorausschauend dafür gesorgt, dass nur der Rat zu hören bekam, was die Botin zu sagen hatte, doch das reichte aus um dumm da zustehen. Die schiere Erleichterung auf den Gesichtern von Gavin, Laura, und sogar Avery reichte aus um ihn zu erzürnen. Regina wirkte sprachlos.
„Gibt es irgendeinen Beweis für eure Behauptung, dass Negan noch am Leben ist?", wollte Simon wissen und brachte die dicke Botin damit sichtlich aus dem Konzept.
„Wir hatte keine Zeit ein Foto mit einer Tageszeitung von ihm zu schießen, wenn du das meinst. Hauptsächlich weil es keine Tageszeitungen mehr gibt und ihr unsere letzten Fotoapparate zerstört habt", erwiderte sie nach einer kurzen Sprachlosigkeit, „Aber ich habe das hier." Sie reichte Simon einen Stofffetzen, der nach Negan roch. Der Geruch war frisch und der stinkende Geruch des Todes mischte sich nicht darunter.
„Ihr könntet ihn trotzdem umgebracht haben", meinte Simon.
Die Dicke blinzelte. „Was hätten wir davon, wenn wir euch sagen, dass er noch lebt und unsere Gefangener ist, obwohl das nicht stimmt?", wollte sie wissen, „Spätestens wenn wir ihn freilassen sollten, würde der Schwindel auffliegen."
„Damit hat sie recht", meldete sich Laura zu Wort, „Misstrauen ist gut und schön, Simon, aber in diesem Fall nicht angebracht. Negan lebt, sie haben ihn in ihrer Gewalt." Die anderen nickten zustimmend. Mist verdammter. Das alles gefiel Simon gar nicht. Wieso hatte sich dieser verbrauchte Alpha nur lebendig gefangen nehmen lassen? Konnte er gar nichts mehr richtig machen?
„Na schön, ihr habt ihn also", räumte Simon ein, „Und was genau wollt ihr jetzt von uns?"
„Wir wollen verhandeln. Wir geben euch Negan zurück, wenn ihr uns Frieden garantiert. Und Freiheit", erklärte Olivia.
„Das sind keine bescheidenen Forderungen", stellte Regina fest.
„Negan ist auch nicht Irgendwer", gab Olivia zurück, „Er ist euer Alpha. Euer Anführer. Oder etwa nicht?"
„Das stimmt", sagte Gavin, „Und wir sind bereit Zugeständnisse zu machen um ihn zurückzubekommen, aber wir können euch nicht einfach alles geben, das ihr verlangt. Damit wäre er genauso wenig einverstanden wie damit, dass wir ihn euch überlassen. Das versteht ihr doch sicher?"
„Wir haben nicht erwartet, dass ihr auf alles, von dem ihr denkt, dass es euch zusteht, verzichten würdet", erwiderte Olivia, „Daher verlangen wir fürs Erste nur einen Waffenstillstand und die Zusicherung weiterer Verhandlungen. Wir wollen uns mit euch an einen Tisch sitzen und darüber beraten, wie wir zu einer Einigung kommen können. Wenn ihr dem zustimmt, dann verschonen wir Negans Leben und über seine Freiheit können wir dann in weiterer Folge verhandeln."
„Das klingt vernünftig", meinte Laura, „Unter den gegeben Umständen wäre Negan sicherlich damit einverstanden, dass wir dazu ja sagen."
Olivia wirkte erleichtert, Regina ebenfalls, aber Simon konnte nicht zulassen, dass diese verdammten Betas ihn ausstachen und sich auf die Bedingungen dieser Terroristen einließen. Noch weniger aber konnte er zulassen, dass Negan zu ihnen zurückkehrte. Nicht jetzt, nachdem er endlich selbst Alpha war.
„Was tut ihr beiden da eigentlich?", wollte er also missgelaunt von Gavin und Laura wissen.
Die sahen ihn erstaunt an. „Verhandeln? Du weißt schon. Negan das Leben retten. Einen Waffenstillstand zustimmen. Beta Zeugs eben", erklärte Gavin.
„Habe ich euch erlaubt zu verhandeln?", erkundigte sich Simon mit unterdrückter Wut.
Gavin und Laura tauschten einen überraschten Blick aus. „Es geht hier um Negan, Simon", mischte sich Regina ein, „Sicherlich hast nicht vor ernsthaft vorzuschlagen, dass wir die Tatsache, dass er noch lebt und in der Hand unserer Feinde ist, einfach ignorieren sollen und….."
„Negan hat sich gefangen nehmen lassen. Von einem verdammten Omega! Und einer Missgeburt, die ihr Königreich im Stich gelassen hat! Hört sich das für euch nach einem wahren Alpha an?!", fuhr Simon sie an, „Der alte Negan, der, der uns vereint hat, wäre eher gestorben als sich besiegen zu lassen! Doch Negan ist schwach geworden, und wenn wir Zugeständnisse machen nur um ihn zu retten, dann sind wir ebenfalls schwach!"
Avery starrte ihn mit großen Augen an, Regina blinzelte, und Laure und Gavin schienen nicht zu wissen, wie ihnen geschah. „Negans Zeit ist vorbei!", betonte Simon, „Jetzt sind wir an der Reihe."
„Vielleicht ist er wirklich nicht mehr der Alte, aber das ist kein Grund ihn einfach sterben zu lassen", meinte Regina, „Immerhin verdanken wir ihm viel. Er hat uns alle zusammengebracht und zu dem gemacht, was wir jetzt sind. Wir können immer noch darüber streiten, wer von jetzt an Alpha sein wird, nachdem wir ihn gerettet haben, oder etwas nicht?"
Keiner der anderen wagte es ihr zuzustimmen. „Vielleicht habe ich mich nicht ganz klar ausgedrückt, wenn ich sage wir sind an der Reihe, dann meine ich eigentlich, dass ich an der Reihe bin", erklärte Simon, „Ich bin jetzt Alpha. Und ich werde nicht zulassen, dass wir Schwäche zeigen. Wer sich lebendig gefangen nehmen lässt, ist es nicht wert gerettet zu werden, selbst wenn es sich um Negan handelt." Avery begann auf diese Worte hin nervös auf seinem Sitz herumzurutschen, doch Simon ignorierte ihn.
„Ich sage also nein, wir verhandeln nicht", schloss Simon seine Rede.
„Seid ihr sicher, dass ihr wollt, dass ich Rick das sage?", wollte die Dicke aus Alexandria wissen, „Hört zu, ihr müsst euch nicht jetzt entscheiden. Ihr könnt jederzeit Antwort nach Hilltop senden. Aber ich würde gerne wissen, was ich Rick in der Zwischenzeit mitteilen soll. Dass ihr darüber nachdenkt und euch meldet? Soll ich das ausrichten?"
Simon musterte den Omega kalt. „Oh, nein, das wird nicht nötig sein. Wir werden Rick selbst eine Antwort zukommen lassen, die er nicht missverstehen kann", meinte er ruhig, „Eine ziemlich eindeutige Antwort."
Wie Beute es immer tat, schien Olivia zu spüren, was ihr drohte und machte Anstalten ihre Waffe zu ziehen, doch Simon war schneller. Er zog seinen Colt und schoss ihr mitten ins Herz. Sie kippte stumm um. „Schneidet ihr den Kopf ab und schickt ihn nach Hilltop", befahl er dann ruhig, „Das sollte zur Genüge ausdrücken, was wir von diesem Angebot halten."
Er blickte sich herausfordernd im Raum um. Regina, Avery, Gavin, und Laura wirkten alle geschockt, doch keiner machte Anstalten ihm ein weiteres Mal zu widersprechen oder sich gegen ihn aufzulehnen. Gut so. Immerhin war er Alpha, und er hatte nicht vor zuzulassen, dass ihn diesem Posten irgendjemand wieder weg nahm.
A/N: Ich habe keine Entschuldigung für dieses Kapitel. Es musste aber sein.
Es gab gewisse Zuseher, die während der 8. Staffel meinten, dass es doch viel besser wäre, wenn Simon die Erlöser anführen würde. Hier habt ihr gesehen, warum das nicht besser wäre, falls ihr während der 8. Staffel ebenfalls nicht aufgepasst habt.
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