Zusätzliche Warnings: Versuchte Vergewaltigung, Victim Blaming
Allianzen
I.
Judith war das Einzige, an das er denken konnte. Jemand hatte sie aus ihrem Zimmer genommen, soviel war klar. Er wusste nicht, ob es Morgan, Michonne, oder Carol gewesen war, alles, was er wusste, war, dass er sicher gehen musste, dass sie in Sicherheit war. Er hatte keinen wirklichen Plan, hatte das alles nicht besonders gut durchdacht, handelte rein instinktgesteuert. Der Schock über das Schicksal von Sam und Jessie saß immer noch tief. Und es war der Gedanke daran, dass es Judith genauso ergehen könnte wie den beiden, der ihn antrieb, der Gedanke daran, dass das, was sich einmal als falsch herausgestellt hatte, nun wahr sein könnte. Ihm war als wäre er wieder auf der Flucht dem brennenden Gefängnis, Carls bittere Vorwürfe klangen ihn im Ohr. Das ist alles meine Schuld, wenn ich nicht darauf bestanden hätte die Herde aus dem Steinbruch zu entfernen, dann wäre das alles nicht passiert. Dann wäre Judith nicht … Nein, er musste sie finden.
„Rick!"
Jemand rief ihn, trat aus dem Schatten seines Hauses hervor, mit Judith in den Armen. „Gott sei Dank!" Rick nahm seine Tochter, drückte sie fest an sich. Am Leben, sie war am Leben. Dann blickte er die Person an, die seine Tochter genommen hatte. „Deanna!" Sie sah gar nicht gut, es war offensichtlich, dass sie gebissen worden war, die Wunde war noch frisch und prangte an ihrem Arm.
„Schnell, wir müssen…", begann Rick.
„Dafür ist es zu spät", erklärte Deanna, „Die Toten sind hier noch überall, bis wir die Krankenstation erreicht haben, falls wir sie erreichen …" Der Beta schüttelte ernst den Kopf. „Das hier ist mein Ende, Rick. Ich wollte meine letzten Stunden gerne friedlich verbringen, aber …. Nun, das war ein törichter Traum. So wie alles töricht war. Meine Idee dieser Gemeinschaft, Alexandria …. all das war nur ein törichter Traum", seufzte sie.
„Nein, nein, das war es nicht", widersprach Rick, „Es war nur … idealistisch."
Deanna lachte bitter. „Mein Idealismus hat mich meinen Sohn gekostet und meinen Omega. Und jetzt kostet es so viele noch so viel mehr", stellte sie fest, „Trotzdem, ich weiß, dass das hier nicht das Ende sein wird. Meines mag es sein, aber es nicht das Ende von Alexandria. Wenn sich der Staub legt, dann muss sich jemand um diese Gemeinschaft kümmern, um diese Sichere Zone. Und dieser jemand müssen Sie sein, Rick."
Rick schüttelte automatisch den Kopf. „Nein, ich kann nicht…" Er dachte an Jessie und Sam, und an Carter. „Ich kann niemanden retten", betonte er.
„Natürlich können Sie das. Wenn es jemand kann, dann Sie. Ich will, dass Sie sich an meiner Stelle um Spencer kümmern, er wird Sie brauchen. Und um alle anderen hier, auch um diejenigen, die Sie vielleicht nicht mögen. Ich will, dass Sie ganz Alexandria zu Ihrem Rudel machen. Versprechen Sie es mir, Rick", forderte die sterbende Frau von ihm.
Rick schüttelte erneut den Kopf. „Nein, ich …. Ich kann nicht so einfach …ein Rudel ist ein Rudel, es wächst zusammen, man kann nicht einfach hingehen und sagen, dass jeder, den man kennt, zu seinem Rudel gehört", erklärte er.
„Warum denn nicht? Ich weiß, dass Sie an alle anderen immer Anforderungen stellen, dass man sich Ihr Vertrauen verdienen muss, dass man Ihre Kriterien erfüllen muss um von Ihnen akzeptiert zu werden, aber auch wenn ich anders als Sie niemals ein Rudel hatte, so hatte ich immer nur ein Kriterium, auf das es ankam um jemanden zu akzeptieren: Diese Person musste ein Mensch sein. Und vernünftig genug um sich an meine Regeln zu halten, ja, das auch, aber letztlich habe ich mit diesen Regeln nie so genau genommen, sonst wären Sie und Ihr Rudel jetzt nicht mehr hier, nicht wahr? Spencer und die anderen sind vielleicht nicht die Weggefährten, die Sie sich aussuchen würden, wenn Sie die Wahl hätten, aber es sind nun mal ihre Weggefährten, und alles, was ich von Ihnen verlange ist, dass Sie sie genauso behandeln wie Sie Rosita, Michonne, oder Morgan behandeln – als jemanden, der zu Ihnen gehört und nicht als jemanden, der eben nur auch da ist. Bitte versprechen Sie mir, dass Sie es zumindest versuchen. Ich kann nicht von Ihnen verlangen, dass Sie sie alle lieben, aber versuchen Sie zumindest sie alle zu respektieren", verkündete Deanna, „Versuchen Sie sie alle als Menschen zu sehen und nicht als Ihre Feinde. Dass ist alles, was ich als Gegenleistung dafür, dass ich Sie hier aufgenommen habe, verlange. Dass Sie meine Leute nicht mehr als Ihre Feinde ansehen, sondern als Menschen."
Rick spürte wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. „Ich verspreche es", presste er hervor, „Aber bitte, verlassen Sie mich jetzt nicht. Ich … ich kann das nicht alleine."
„Rick, Sie sind nicht alleine. Genau das war doch die Grundidee von Alexandria, dass niemand alleine durch das alles durch muss. Das niemand mehr alleine ist", erwiderte Deanna.
Aber ich bin alleine, so alleine, wie ich es nie wieder sein wollte. Und wenn ich anführen soll, wenn ich Alexandria leiten soll, dann bleibe ich auch alleine, dachte Rick, doch er wollte es nicht aussprechen, wollte dieser bemerkenswerten Frau, die ihn aufgenommen hatte, ihm eine Zuhause gegeben hatte, nichts in Gesicht sagen wie absolut ungeeignet er für den Posten den sie ihm vermachte doch war. Er wollte ihr nicht zeigen, wie sehr er diesen Posten nicht haben wollte. Das käme ihn so undankbar vor, so falsch.
Deanna tätschelte ihm die Wange. „Ich weiß, dass du Angst hast, Rick, aber ich weiß auch, dass du es schaffen wirst alle hier durch gute und schlechte Zeiten zu führen. Weißt du, warum ich das weiß? Weil dir so viel Schreckliches widerfahren ist, und du trotz all dem nicht verlernt hast zu lieben. Weil du ganz im Gegenteil dadurch nur gelernt hast noch mehr zu lieben. Das sehe ich ganz genau. Das habe ich vom ersten Tag an erkannt. Seit du hier angekommen bist, hast du immer und immer wieder versucht anderen zu retten. Hör nicht auf damit und glaub daran, dass du es schaffen kannst", schärfte sie ihm ein, „Du hast schon so viele gerettet, auf mehr Arten, als du dir vorstellen kannst. Und selbst wenn am Ende nicht auf jeden ein Happy End wartet, reicht für viele der glückliche Mittelteil aus, den du ihnen ermöglicht hast. Mehr kann man in dieser Welt, in der wir nun gezwungen sind zu leben, nicht mehr wirklich erwarten. Aber mehr braucht man auch nicht."
„Rick, zum Glück habe ich dich gefunden!" Morgan stand auf einmal neben ihnen und wirkte außer Atem. „Rick, hör zu ich habe einen Fehler begangen, einen vielleicht unverzeihlichen Fehler, aber worauf es jetzt ankommt ist Schadenbegrenzung zu betreiben. Einer der Wölfe ist hier, und er hat Denise", erklärte er.
Rick wandte sich dem Alpha verwirrt zu, doch im nächsten Moment hörte er es schon - den Schrei, der aus seinem eigenen Haus kam. Carl! Rick achtete nicht mehr auf Deanna oder auf Morgan, sondern presste seine Tochter an sich und eilte zurück ins Haus. Sein Sohn war in Gefahr! Er brauchte ihn! Morgan folgte ihm auf dem Fuße.
Der Schrei, stellte sich heraus, stammte von Denise nicht von Carl. Und sie war nicht alleine im Haus der Grimes. Ron lag tot am Boden von Carls Zimmer. Denise stand mit auf den Mund gepresster Hand daneben, und Carl lag mit heruntergezogener Hose weinend in den Armen von dem von Morgan erwähnten Wolf, der Carl vorsichtig wiegte und ihm beruhigende Phrasen zuflüsterte. Rick hatte damit gerechnet vieles hier vorzufinden, das aber jedoch nicht.
II.
Das Eintreffen ihrer Gruppe in Hilltop schien die übrig gebliebenen Bewohner nicht zu begeistern. Ein huntiger Beta namens Tammy Rose Sutton informierte sie darüber, dass Jesus und der Rest der Armee nie nach Hilltop zurückgekehrt waren. „Mein Mann und mein Sohn, mein viel zu junger Sohn, sind mit diesem Omega in euren Krieg gezogen, einen Krieg, den wir nie wollten, den ihr uns eingebrockt hat, der uns Gregory und so viele andere gekostet hat. Und wozu? Dafür, dass auch sie nicht zurückkommen?!", beschwerte sie sich wütend und funkelte besonders Rick und Andrea feindselig an, als sie das sagte.
„Als ich sie verlassen habe, ging es ihnen noch gut", erklärte Rick, „Wenn sie nicht hier sind, dann gibt es sicherlich einen guten Grund dafür. War Simon hier?"
„Oh, ja, Simon war hier, hat Drohungen ausgesprochen, und wenn wir irgendetwas gewusst hätten, das wir ihm hätten sagen können, dann hätten wir es ihm gesagt. Doch niemand hält es für nötig uns irgendetwas mitzuteilen", erwiderte Tammy Rose Sutton bitter.
„Wir kämpfen für eure Freiheit, eine Freiheit, die Gregory für euch erreichen wollte, eine Freiheit, die wir für ihn erkämpfen sollten. Und das tun wir auch, wir kämpfen in seinem Namen und den aller anderen Opfer der Erlöser", erklärte Rick ernst, „Was euch passiert ist, tut mir wirklich leid, aber wir alle sind Sklaven der Erlöser, wir alle kämpfen für unsere Freiheit."
„Wurden 21 Bewohner von eurer Gemeinde getötet und enthauptet? Nein? Das dachte ich auch nicht", spottete Tammy Rose. Niemand schien es für eine gute Idee zu halten sie darüber aufzuklären, was im Königreich vorgefallen war.
„Das hier wird jetzt trotzdem unsere Basis sein", erklärte Andrea, „Ob euch das begeistert oder nicht. Alexandria wurde zerstört, das Königreich überrannt. Hilltop ist besser zu verteidigen als die anderen Gemeinden. Wenn ihr wollte, dass wir diesen Krieg gewinnen, dann müsst ihr zulassen, dass wir hierbleiben."
„Ihr glaubt, ihr könnt gewinnen? Zwei von drei Gemeinden sind gefallen, hört sich das für euch nach gewinnen an? Aber tut doch was ihr wollt, uns bleibt keine andere Wahl als uns zu fügen, dafür habt ihr gesorgt", meinte Tammy Rose bitter, „Jesus hat sich niemals genug um diesen Ort geschert um länger hierzubleiben. Dass er seine Armee lieber versteckt als uns zu beschützen, überrascht uns nicht."
„Wir werden euch beschützen", sagte Shane.
„Klar. Ob ihr das erfolgreich tun werdet ist aber eine andere Frage. Falls ihr Verwundete habt, können wir euch auch nicht weiterhelfen. Dr. Carson wurde eingezogen!" Dann spukte sie Rick noch einmal vor die Füße und ließ sie dann alle einfach stehen.
Sie waren schon einmal herzlicher empfangen worden. Aber unter gegebenen Umständen war wohl zu erwarten gewesen, dass sich niemand besonders über ihre Ankunft freuen würde.
„Sie hat nicht unrecht", meinte Shane leise, „Das hier ist der Teil der Leute, der nicht kämpfen kann, all unsere Kämpfer sind woanders. Glaubt ihr wirklich wir können diesen Ort zu viert, wenn man Morgan mitzählt zu fünf, verteidigen?"
„Wenn es darauf ankommt, kann jeder kämpfen. Glaub uns, wir haben es gesehen", meinte Andrea, „Und egal was Tammy Rose auch sagen mag, im Grunde haben alle genug von der Tyrannei der Erlöser."
„Und abgesehen davon haben wir Negan", meinte Rick, „Sie werden uns hier nicht angreifen, wenn sie damit riskieren würden, dass wir ihn töten."
Shane wirkte immer noch nicht überzeugt. „Und wo soll ich ihn verstauen?", wollte Owen wissen, der im Moment Negan bewachte. Morgan hatte sich wieder einigermaßen unter Kontrolle und bildete im Moment zusammen mit Henry seine eigene Selbsthilfegruppe, weswegen der Omega ihn nicht mehr betreuen musste.
Negan warf auf diese Frage hin einen demonstrativen Blick in Richtung Herrenhaus. Natürlich würde er annehmen, dass ein so wichtiger Gefangener wie er im Herzstück von Hilltop, der Heimat seines verstorbenen Anführers, untergebracht werden würde. „Such ihm einen Käfig im Freien", befahl Rick, „Ich bin sicher, du findest etwas Passendes."
„Mhmmmm", gab Negan seine Unzufriedenheit kund, aber keiner von ihnen ließ sich davon beeindrucken.
„Ich zähle durch und organisiere", bot Andrea an, „Mal sehen, was wir an Leuten und Waffen zur Verfügung haben." Sie wollte auf ihre großen Worte gegenüber Shane auch Taten folgen lassen. Rick nickte zustimmend, und sie machte sich an die Arbeit, während die anderen sich zerstreuten und neue Kräfte sammelten.
Sie hatte sich gerade erst einen groben Überblick verschafft, als das Pferd ankam. Es wurde von keinem Erlöser begleitet, brachte aber offenbar deren Antwort auf ihre Nachricht in Bezug auf Negan. Am Rücken des Pferdes lag ein Sack. Andrea hievte ihn hinunter und ahnte böses, noch bevor sie hineinsah. In diesem Sack befand sich definitiv kein einfacher Brief. Ich wusste, dass es ein Fehler war nicht selbst zu gehen. Ich hätte gehen müssen. Doch dann wäre das hier ihr Schicksal gewesen.
Rick und Shane näherten sich ihr. „Und wie lautet ihre Antwort?", wollte Rick wissen.
Andrea warf ihm einen trauernden Blick zu und reichte stumm den ungeöffneten Sack an ihn weiter. „Nein", murmelte Rick und war wie erstarrt.
Shane nahm ihm den Sack aus den Händen und warf stumm einen Blick in diesen. „Sie ist es", meinte er leise, „Mein Beileid." Er setzte den Sack ab und stiefelte los.
Andrea war beinahe zu betäubt um ihn zu folgen. „Warte! Was hast du vor?!", wollte sie von dem Alpha wissen.
„Was schon? Ich erschieße Negan", erwiderte Shane ungerührt, „Seine Leute haben offenbar kein Interesse daran ihn zurückzubekommen. Wenn sie uns einen Kopf schicken, schicken wir ihnen den ihres Anführers."
Andrea griff nach ihm und hielt ihn so auf. „Warte. Wir können jetzt keine Kurzschlusshandlung begehen. So verlockend es sein mag Rache zu nehmen, noch kann Negan uns nützlich sein", argumentierte sie, „Ich meine, wer sagt, dass es nicht einfach Simon war, der sich dazu entschlossen hat die Tatsache, dass sein Alpha in Gefangenschaft ist, zu ignorieren und sie auszunutzen um die Macht an sich zu reißen? Vielleicht hat er die Tatsache, dass Negan noch lebt vor seinen Leuten geheim gehalten. Es ist eine Sache den Tod von jemandem, den man nicht sieht, in Kauf zu nehmen, eine andere es zu tun, während man ihn ansieht. Wenn die Erlöser hier auftauchen, dann stellen wir Negan vor ihren Augen mit einer Schlinge um den Hals auf einen Hocker, mal sehen wie sie dann reagieren."
„Sie schießen ihn in den Kopf, so reagieren sie", meinte Shane nur, „Sein Leben kümmert sie nicht, wie ich vorhergesagt habe."
„Dessen können wir uns nicht sicher sein", beharrte Andrea, „Er ist unser einziges Druckmittel, vergiss das nicht."
„Er ist ein Maul mehr, das wir zu stopfen haben", verbesserte sie Shane, „Und das ist auch schon alles, was er jetzt noch ist. Ja, vielleicht hast du recht, und es ist ein Putsch hinter den Rücken der Mehrheit der Erlöser, aber das ändert nichts daran, dass es bereits passiert ist. Simon ist jetzt Alpha und hat entschieden, dass Negans Leben nichts mehr wert ist, und er wird nicht zulassen, dass sich daran etwas ändert. Sobald er Negan lebendig erblickt, wird er ihn persönlich ins Jenseits befördern, bevor irgendjemand anderer etwas dagegen tun kann. Du siehst also: Kein Druckmittel."
„Nur weil er sich darauf verlässt, dass wir genauso auf seine Antwort reagieren. Er will, dass wir Negan umbringen. Was der beste Grund dafür ist, es nicht zu tun", argumentierte Andrea.
„Er ist uns schon einmal entkommen und wird es wieder versuchen. Sobald ihm klar wird, dass Simon ihn verraten hat, wird es umso eiliger haben zum Sanctuary zurückzukommen um das bisschen Macht, das er noch retten kann, zu retten", sagte Shane, „Das hier ist nicht Alexandria. Nicht alle hier sind uns freundlich gesinnt. Es würde ihm leicht fallen hier Verbündete zu finden oder auch nur Unvorsichtige. Es ist zu riskant ihn am Leben zu lassen."
Damit blieb Andrea keine andere Wahl als zum letzten Argument zu greifen, das sie zur Verfügung hatte: „Das mag alles wahr sein, aber letztlich vergisst du eine Sache, Shane: Es ist nicht deine Entscheidung. Es ist die von Rick."
Das ließ Shane endlich doch inne halten. Seine sowieso schon düsterte Miene verdüsterte sich noch mehr. „Also gut", meinte er, „dann fragen wir Rick was zu tun ist."
Sie fanden den Omega genau dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten, neben dem Pferd stehend mit dem Sack vor seinen Füßen, ins Nichts starrend. Rick sah zu ihnen, als er sie erblickte. „Ich habe sie in den Tod geschickt. Ich wusste, dass das passieren könnte, aber ich habe sie trotzdem geschickt. Ich habe Deanna enttäuscht, schon wieder. Ich habe unser Rudel enttäuscht, schon wieder. Nach allem, was im Königreich passiert ist, hätte ich es besser wissen müssen", sagte er mit schwerer Stimme, „Ich hätte wissen müssen, dass Simon weder auf den Botenschutz noch auf den Omegaschutz Rücksicht nimmt. Simon wurde vielleicht an Negans Regeln erinnert, sie sind ihm aber egal. Wie soll ich einen Feind bekämpfen, der überhaupt keine Skrupel kennt, dem es nicht einmal darauf ankommt vor anderen gut dar zustehen? Wir werden sie alle umbringen müssen. Oder zumindest ihn. Das hier ist genau wie damals mit dem Gouverneur. Ein vollkommen verrückt gewordener Alpha, der uns um jeden Preis vernichten will. Ich hätte es kommen sehen müssen, aber ich war auf Negan konzentriert, ich dachte, wenn er weg ist, wird es besser. Aber wie sich zeigt, ist sein Nachfolger schlimmer, und selbst wenn es uns gelingen sollte ihn zu fangen oder zu töten, wer sagt uns, dass sein Nachfolger wiederum nicht noch mal viel schlimmer ist?"
Andrea tauschte einen besorgten Blick mit Shane aus. Während sie noch über den nächsten Schritt diskutierten, dachte Rick schon wieder zehn Schritte weiter und verzweifelte an den Aussichten. „Simon ist nicht wie Philip, Rick", meinte Andrea.
„Nein, er ist viel schlimmer. Weil er nicht einmal vorgibt etwas anderes zu sein als ein Monster. Der Gouverneur war ein Monster, das gute und weniger gute Menschen angeführt hat. Negan war ein Monster, das einen Haufen Monster angeführt hat. Egal, wer am Ende das Sagen hat, wir können nicht wissen, wie viel mehr Monster als Mensch diese Person sein wird", stimmte Rick ihr zu, „Wenn wir uns retten wollen, uns alle, dann müssen wir sie alle umbringen, und die Ressourcen dafür haben wir einfach nicht."
„Wenn sich alle Sklaven im Sanctuary ebenfalls gegen die Erlöser erheben würden…", begann Andrea.
„Dann hätten wir vielleicht eine Chance, aber wie sollen wir sie dazu bringen? Und wer sagt, dass Simon nicht mit dieser Möglichkeit rechnet und sie einfach alle umbringen lässt, bevor es soweit kommt? Negan hätte das vielleicht nicht getan, weil er langfristig denkt, aber Simon kümmert es nicht wen oder wie viele er tötet", meinte Rick, „Wir können das hier nicht gewinnen. Ich weiß nicht warum ich je dachte, dass wir das hier gewinnen könnten…." Es war offensichtlich, dass er dabei war zu verzweifeln. Aufzugeben.
Andrea warf Shane einen hilflosen Blick zu. Dieser trat vor und legte Rick dann vorsichtig eine Hand auf die Schulter. „Atme tief durch, Bruder. Du bist nicht alleine. Wir sind bei dir. Wir helfen dir. Gemeinsam fällt uns sicher ein Weg ein, wie wir gewinnen können. Ein Ausweg. Hör zu, nicht alle Erlöser sind Monster. Es gibt welche mit denen man reden kann. Die Betas zum Beispiel. Gavin, Laura. Und ja, es ist unwahrscheinlich, dass die Alphas zulassen, dass ein Beta Rudelführer wird, aber vergiss nicht, dass Alphas Stärke respektieren. Wenn es uns gelingt nicht nur Negan sondern auch noch Simon zu töten, dann beginnen sie sich vielleicht endlich Sorgen zu machen, sehen ein, dass wir stärker sind als sie. Gefährlicher. Das hier ist kein ewiger Krieg, dazu wird es nicht kommen. Alles, was wir tun müssen, ist die Erlöser als Rudel zu unterwerfen. Und das können wir auch, wir haben die Mittel dazu", meinte Shane beruhigend, „Und wir haben den Willen. Aber bevor wir uns eine Strategie überlegen können, müssen wir durchatmen. Atme tief durch."
Seine Worte und Pheromone schienen zu wirken, Rick schien sich langsam wieder zu entspannen. „Du hast natürlich recht. Es tut mir leid. Ich wusste, dass das hier hart werden würde, ich dachte nur nicht, dass es so hart werden würde. Ich … ich habe nachgelassen, bin weich geworden. Ich wollte so gerne wieder Rick sein und nicht mehr dieses Monster, das auf den Straßen überleben musste sein, aber was wenn sich jetzt herausstellt, dass ich es nicht mehr in mir habe – das, was wir brauchen um zu gewinnen? Was wenn diesen Konflikt nur das Monster hätte gewinnen können?", flüsterte Rick und rieb sich die Stirn, „Was dann?"
„Du bist nicht alleine", wiederholte Shane, „Ich bin da. Ich kann genug Monster für uns beide sein. Und vergiss nicht Owen. Oder Morgan, was das angeht."
Rick schüttelte den Kopf. „Nein, ich will nicht, dass ihr wieder zu dem werden müsst, was ihr nicht mehr sein solltet", betonte er, „Ich will nicht, dass jemand, den ich liebe, alles, was an ihm gut ist, aufgeben muss, nur weil ich zu schwach war. Wenn jemand ein Monster werden muss, dann ich. Ich bin der Rudelführer. Ich habe entschieden einen Deal mit Gregory zu machen. Ich bin es, der das hier beenden muss. Wenn jemand Simon herausfordert, dann sollte das jemand sein, der…." Rick unterbrach sich, und seine Miene wurde nachdenklich.
„Was ist los?", wollte Andrea besorgt wissen. War das hier Ricks endgültiger Zusammenbruch?
„Ich habe eine Idee. Eine wirklich schlechte Idee", erklärte Rick langsam, „Und sie wird euch nicht gefallen. Aber … ich glaube beinahe sie könnte klappen. Zumindest könnte sie uns von Simon befreien und verhindern, dass irgendein anderer größenwahnsinniger Erlöser, dessen Methodik wir nicht kennen, seinen Platz einnimmt."
Andrea hatte keine Ahnung, was er damit meinen könnte, Shane hingegen schien es zu ahnen. „Oh, nein, komm schon, das kannst du doch nicht wirklich tun wollen", protestierte er, „Rick … er ist ein wahnsinniges Monster. Das weißt du sehr genau. Die Tatsache, dass er nicht vergewaltigt, ändert nichts daran, dass er mordet, versklavt, quält und foltert, und an all diesen Dingen auch noch Gefallen findet! Du hast es selbst gesagt, es bringt uns nichts, wenn wir ein Monster durch ein anderes ersetzen."
Andrea konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Moment mal, du willst doch nicht … Negan? Ist das dein Ernst?!", empörte sie sich.
„Besser der Wahnsinnige, von dem wir wissen wie er tickt, als einer von dem wir das nicht wissen", entgegnete Rick, „Besser jemand, der Grenzen besitzt, als jemand, der keine besitzt. Wir wollen die Erlöser besiegen? Nun, das können wir nur dann schaffen, wenn wir dafür sorgen, dass die Erlöser wieder von dem Alpha angeführt werden, der uns all das hier überhaupt erst eingebrockt hat. Wir können die Erlöser nur besiegen, wenn wir dafür sorgen, dass Negan sie anführt."
III.
Carl wollte eigentlich nicht darüber sprechen, was passiert war. Wollte nicht einmal daran denken. Aber er wusste, dass es mit dem Hitzeblocker, den er gezwungen gewesen war zu schlucken, nicht getan sein würde. Dass es Konsequenzen geben würde. Während er mit Judith und Denise im Haus festsaß, hatten sein Dad und die anderen Bewohner von Alexandria ihre Kräfte vereint um die eingefallenen Beißer wieder aus der Stadt zu verjagen, doch es war die Rückkehr von Daryl und den anderen gewesen, die das Blatt gewendet hatte. Es war ihnen gelungen mit ihrer gefundenen Artillerie viele der Beißer zu töten und den Rest aus der Stadt wegzulocken, woraufhin die sicheren Mauern so schnell wie möglich wieder errichtet worden waren und die letzten zurückbleibenden Beißer leichter vernichtet werden konnten.
„Alle haben zusammengehalten, Carl, wirklich alle, und zusammen haben wir es geschafft. Haben unsere Heimat gerettet, unser Nest", berichtete ihm sein Dad, „Es ist vorbei, und ja, wir haben unersetzliche Leute verloren, aber ich glaube, das war es, was nötig war um uns alle zu vereinen. Deannas Traum kann immer noch war werden, wir alle können ein Rudel sein und hier zusammen in Sicherheit leben."
Carl, der auf seinem Bett saß und nicht aufsah, erwiderte darauf nichts, sondern nickte nur. Sein Dad setzte sich neben ihn und nahm zögerlich seine Hand und drückte diese. „Du weiß, dass du mir alles sagen kannst", meinte sein Dad ernst, „Wirklich alles."
Carl schüttelte nur den Kopf.
„Glenn und Enid sind zurück in der Stadt", fuhr Rick fort, „Sie sind beide am Leben und wohlbehalten wieder da. Enid wird wohl bei Maggie und Glenn einziehen. Sie hat nach dir gefragt. Ich habe ihr nichts erzählt, nur gesagt, dass du viel durchgemacht hast und Ruhe brauchst."
Carl erwiderte auch darauf nichts. „Wenn du lieber mit Denise über das alles sprechen willst, dann verstehe ich das", fuhr sein Dad fort, „Zumindest solltest du dich von ihr untersuchen lassen."
Diese Worte erweckten Carl zum Leben. „Das ist nicht nötig. Er hat nicht … Er ist nicht weit gekommen", protestierte er schnell.
„Trotzdem hat er dir weh getan", meinte sein Dad. Carl schüttelte nur den Kopf. „Es ist nichts Ernstes", behauptete er. Sein Dad seufzte. „Wenn du denkst tapfer sein zu müssen, dir ein Beispiel an mir nehmen zu müssen, tu das bitte nicht. Das waren damals vollkommen andere Umstände, wir waren auf der Straße, jetzt sind wir an einem sicheren Ort. Unter Freunden", meinte er dann leise, „Du musst nicht den starken Mann spielen. Nicht hier. Nicht vor uns."
Carl wollte darauf nichts sagen. „Ich weiß, nach allem, was passiert ist, ist das schwer zu glauben, doch du bist hier sicher. Niemand wird dir mehr etwas tun. Die einzige Person, die noch eine Gefahr für uns sein könnte, werden wir schnell hinrichten, und dann…."
Carl merkte auf. „Was? Von wem sprichst du? Du meinst doch nicht Owen, oder?", wollte er dann wissen. Ron war tot, das wusste er sehr genau. Sein Dad konnte nur den ehemaligen Wolf meinen.
„Owen", wiederholte Rick, „ich wusste nicht, dass du seinen Namen kennst."
„Er hat mich gerettet, Dad. Du kannst ihn nicht einfach so umbringen!", verkündete Carl hitzig.
„Das mag ja sein, aber er ist und bleibt ein Wolf. Ein Mörder, ein Dieb, und er weiß, wo wir wohnen. Ich kann ihn nicht einfach freilassen. Ich habe Deanna versprochen auf alle hier aufzupassen, und das habe ich auch vor zu tun. Ich muss mich entsprechend verhalten", behauptete sein Vater.
„Dann lass ihn hier bleiben. Pass auch auf ihn auf", erwiderte Carl darauf, „Er ist auch nur ein Mensch."
„Carl, eine einzige gute Tat löscht nicht alles andere aus. Selbst wenn ich ihn bleiben lassen wollte, was würde der Rest von Alexandria dazu sagen? Es gibt hier Leute, die Familie, Freunde, und Nachbarn an die Wölfe verloren haben. Soll ich denen einfach einen Wolf vor die Nase setzen und sagen: Der hier gehört ab jetzt zu uns, findet euch damit ab?", redete Rick auf ihn ein, „Sie würden sich nicht damit abfinden, und es wäre auch nicht richtig, wenn ich das von ihnen verlangen würde."
„Er ist ein Omega. Die anderen Wölfe waren Alphas", wandte Carl ein, „Sag ihnen das."
Sein Dad schüttelte nur den Kopf. „Carl, ich weiß, was er für dich getan hat, aber…."
„Weißt du das? Weißt du das wirklich?!", unterbrach ihn Carl wütend, „Nein, das weiß du nicht, weil du nicht dabei warst! Er hat nichts anderes getan als du, als du Joe die Kehle aufgebissen hast! Und das ist alles, was er getan hat, seit er in Alexandria ist. Oder behauptet irgendjemand das Gegenteil?! Hat ihn irgendjemand noch jemand anderen umbringen sehen als R-" Er konnte den Namen nicht aussprechen und verstummte. „Denise wird dir sagen, dass er sie vor den Beißern beschützt hat", meinte er schließlich, „Mir ist gleich, wer er vorher war, was er getan hat, ich weiß nur, dass er mich ge- gerettet hat. Du darfst ihm nichts tun." Er sah seinen Dad nach wie vor nicht an, konnte aber dessen Blick auf sich ruhen spüren.
„Also gut", sagte der ältere Omega schließlich, „Ich werde ihm nichts tun. Du musst dir keine Sorgen machen."
Carl nickte abgehackt, sagte aber nichts mehr dazu. Er spürte wie sein Dad sich erhob und in Richtung Türe ging. „Was, wenn wir hier nicht sicher sind?", wollte Carl wissen, bevor sein Dad die Türe erreichte. Seine Stimme war sehr leise und klang dünn und Carl hasste sie. Er hörte sich an wie ein Baby. „Wer sagt, dass diese Leute hier nicht in Wahrheit unsere Feinde sind?" Er sah jetzt doch zu seinen Dad auf, der bestürzt wirkte.
„Carl, wir sind hier sicher", begann sein Vater, „Was immer vorher war, diese Erfahrung hat uns vereint, und du kennst doch Alexandria, diese Leute hier sind unschuldig, sie haben uns aufgenommen und…."
„Ich dachte Ron ist mein Freund", unterbrach ihn Carl und erzitterte, „Ich war froh, dass zumindest er noch da war. Ich dachte, er mag mich."
„Carl…."
„Aber ich war ihm immer egal. Und dann als die letzten Menschen gestorben waren, die ihm etwas bedeutet haben, hat er nur noch eines von mir gewollt und ihm war egal, dass ich nein gesagt habe, es war ihm egal! Und er hatte deine Waffe, hat sie aus deinen Gürtel gestohlen, während wir ihn gerettet haben, und hat sie mir an den Kopf gesetzt, damit ich mir die Hose ausziehe und ….." Carls Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. „Wer sagt, dass andere hier nicht genauso sind wie er?!"
„Ich sage das. Was mit Ron passiert ist, wird nie wieder passieren, Carl. Das schwöre ich dir. Es war eine Ausnahmesituation. Die Massen an Beißer, das traumatische Ende von Jessie und Sam, deine Stresshitze, Rons Wut auf mich, seine Gefühle für dich …. Das ist alles zusammengekommen. Ich würde eher sterben als zuzulassen, dass du noch einmal in so eine Situation gerätst. Nie wieder lass ich dich mit einem instabilen Alpha alleine, das schwöre ich", erklärte Rick, nachdem er sich wieder neben Carl gesetzt hatte, „Er ist jetzt weg, kann dir nie wieder was tun, und alle anderen hier beschützen dich, das verspreche ich dir." Er legte Carl eine Hand auf die Schulter. „Wir sind hier sicher. Du bist hier sicher. Judith ist hier sicher. Das Rudel ist hier sicher."
Carl wollte ihm so gerne glauben, doch er fühlte sich zu leer dazu. „Ich war zu schwach. Ich hätte mich verteidigen müssen!", rief er aus und schüttelte die Hand seines Vaters ab, „Ich war zu schwach!"
„Er hatte eine Waffe, das hast du selbst gesagt. Was hättest du denn tun sollen? Carl, bitte glaub mir, du bist nicht schwach und du hast nichts falsch gemacht", sagte sein Dad beschwörend, „Nichts von dem, was passiert ist, ist deine Schuld."
Carl schlug sich die Hände vor die Augen und begann zu weinen. „Ron war normal, und dann war er es auf einmal nicht mehr! Meinetwegen! Joe und seine Leute waren Monster, aber Ron war normal, bis ich gekommen bin!", weinte er, „Es muss meine Schuld sein!"
Er spürte wie sein Dad seine Arme um ihn schlang und ihn an sich drückte. „Nein, Baby, nein, es war nicht deine Schuld, okay? Ron hat vielleicht normal gewirkt, aber das war er nicht. Vielleicht war er es nie und hat immer nur so getan als ob. Oder vielleicht war er es nicht mehr, nachdem er gesehen hat, was mit Jessie und Sam passiert ist, aber du hast ihn nicht dazu gebracht das zu tun. Du bist an nichts von dem, was geschehen ist, schuld. An gar nichts. Es war alles seine Schuld, nicht deine", flüsterte sein Dad ihm zu und streichelte ihn beruhigend, aber Carl konnte ihm einfach nicht glauben, so gerne er das auch wollte.
Ron hatte sich in ein Monster verwandelt, direkt vor seinen Augen, seinetwegen, und er hatte es sogar gesagt. „Siehst du, was du aus mir machst, Carl? Siehst du wozu du mich treibst?", das hatte er gesagt. Und egal was sein Dad sagte, egal was Owen gesagt hatte, Carl wusste, dass Ron recht gehabt hatte, dass er derjenige gewesen war, der den Alpha-Jungen dazu getrieben hatte ihn das antun zu wollen. Und er hasste sich selbst dafür.
IV.
Negan wusste, dass etwas im Argen lag, als sie ihn auf einmal aus dem Hühnerstall hinaus ins Herrenhaus schafften, ihm den Knebel aus den Mund nahmen, und ihn sogar bewirteten und die Handfesseln abnahmen. Bisher war er ganz anständig behandelt worden, niemand hatte ihn verdursten oder verhungern lassen, niemand hatte ihn geschlagen oder anderweitig misshandelt, aber besonders freundlich war niemand zu ihm gewesen, und nach ihrem Besuch im Königreich waren sie noch ruppiger als bisher mit ihm umgesprungen, deswegen wusste er, dass die Tatsache, dass sie nun nett zu ihm waren, bedeuteten musste, dass sie etwas von ihm wollten.
Vielleicht hat Simon ein paar von ihren Leuten gefangen, und sie wollen sicher gehen, dass ich sie freilasse, sobald sie mich übergeben. Rick hatte auf jeden Fall definitiv etwas vor und wollte Negan milde stimmen. Die Tatsache, dass Shane ein Gesicht zog wie sieben Tage Regenwetter, bestärkte ihn nur noch in dieser Meinung
Sie hatte ihn an einen Tisch im Herrenhaus gesetzt und bewirtet. Er hatte kein Messer zur Verfügung gestellt bekommen, aber eine Gabel und einen Löffel. Shane stand wie ein eisern schweigender Bodyguard hinter ihm, während Andrea und das Mädchen Enid die Tafel deckten, und Rick gegenüber von Negan Platz nahm. Neben ihm setzte sich Owen der Wolf, der Negan kalt musterte, und auf dessen Schoss Judith platziert war. Offenbar vertraute Rick diesem Wolf mit seinem Kind, genau wie Shane. Negan nahm diese etwas unerwartete Information zur Kenntnis und speicherte sie für später ab.
Negan beschloss es erst einmal zu genießen, dass er verwöhnt wurde. Was auch immer Rick wollte, er würde ihm nicht den Gefallen tun von sich aus danach zu fragen. Stattdessen aß er mit Freude, vergaß seine Tischmanieren, und grinste die Omegas, die am anderen Ende der Tafel saßen, freundlich an.
Owen musterte ihn kühl und feindselig. Ricks Miene war verschlossen. In seinen Augen lag ein Ausdruck, den Negan dort noch nie gesehen hatte, und deswegen nicht zu deuten vermochte. Aber zumindest schien Rick nicht zu planen ihn umzubringen, weil er kaum Essen an jemanden verschwenden würde, dessen Hinrichtung kurz bevorstand.
„Das hier braucht Rotwein", meinte Negan schließlich und wandte sich fragend Andrea zu, „Ihr habt nicht zufällig einen hier, oder?"
Andreas Augen blitzten auf, doch sie meinte: „Ich glaube, Gregory hatte einen in seinem persönlichen Vorrat, ich gehe nachsehen." Und dann ging sie offenbar tatsächlich los um Rotwein zu suchen. Für ihn. Yep, diese Leute wollten definitiv etwas von ihm.
Negan leckte sich die Finger ab. Sie hatten ihm ein gekochtes Huhn vorgesetzt, das er ganz verschlungen hatte, während Judith Salat genibbelt hatte, und die beiden erwachsenen Omegas keinen Bissen angerührt hatte. „Falls die gute Andy den Wein auftreiben kann, dann fehlt mir nur noch Lucille und eine Runde umwerfender Sex und ich bin zufrieden", verkündete Negan.
„Übertreib's nicht", meinte Rick nur dazu.
Negan lehnte sich vor und funkelte den Omega herausfordernd an. „Komm schon, Rick, ich bin nicht blöd. Gutes Essen, Wein, nette Gesellschaft - mir ist klar, was das hier werden soll. Das hier ist nicht deine Art Danke zu sagen, das hier bedeutet, dass du etwas von mir willst. Spuck es aus, wenn du nicht willst, dass ich nach Tagen der Entbehrungen und des gezwungenen Schweigens diese Pause hier lange und lautstark genieße, denn glaub mir, das werde ich", erklärte er und sah dann zu wie Andrea ihm tatsächlich ein Glas Rotwein vor die Nase stellte. „Süße, die ganze Flasche wäre mir lieber", bemerkte er dazu.
„Das hier ist kein Spiel, Negan", knurrte Rick.
„Wirklich nicht? Dabei dachte ich, ich bin gerade dabei herauszufinden, wie man gewinnt", erwiderte der Alpha und nippte an seinem Weinglas, „Ahn, ein exzellenter Jahrgang. Gregory war ein verdammtes Wiesel, aber er hatte Geschmack, das muss man ihm lassen."
„Deine Leute wollen dich nicht zurück, Negan", erklärte Rick, „Alles, was wir wollten, war die Zusicherung eines Waffenstillstands für weitere Verhandlungen. Nicht einmal das wollte Simon uns zugestehen. Er hat uns Olivias Kopf als Botschaft zurückgeschickt."
Negan setzte sein Glas ab und tat so als würde ihn all das weder überraschen noch bestürzen. „Vielleicht verhandelt er einfach nicht mit Terroristen", meinte er, „Vermutlich stellt er gerade ein Eliteteam zusammen, das mich retten soll."
„Ich denke eher, dass er hofft, dass er uns wütend genug gemacht hat, damit wir dich umbringen", gab Rick zurück, „Ich denke, wir können mit Sicherheit annehmen, dass Simon Gefallen daran gefunden hat der Alpha der Erlöser zu sein und ihm deine weitete Existenz ein Dorn im Auge ist."
„Mhm. Das alles schließt du aus … was genau? Aus einem toten Boten?", überlegte Negan, „Seit wann bist du Experte in Sachen Simon? Oder sind das Shanes Worte?" Er drehte sich zu dem Alpha um und grinste ihn an. „Es hat immer an deiner Ehre gekratzt, dass Simon meine rechte Hand war und nicht du, nicht wahr?"
Shane sah ihn nur kalt an, er sagte nichts. „Das alles schließe ich aus einen Haufen Toten. Zwei davon Omegas", fuhr Rick inzwischen fort, „Irre ich mich oder ist es nicht so, dass du nichts von der unnötigen Verschwendung von den Leben deiner Sklaven hältst? Oder von den Mord an Omegas?"
Negan drehte sich wieder zu ihm um. „Sklaven? Ich besitze keinen Sklaven, Rick, du beleidigst mich. Ich besitze ein Rudel, ein sehr weitläufiges Rudel, dessen Mitglieder sich mir alle unterworfen haben", erwiderte er mit erhobenen Finger, „Selbst die, die denken, dass sie dazu gezwungen wurden sich zu unterwerfen und nun ihre Meinung geändert haben, sind meine Untergebenen, nicht meine Sklaven."
„Im Moment besitzt du gar kein Rudel", gab Rick ungerührt zurück, „Simon besitzt es. Das Einzige, was du besitzt, sind die Kleider, die du am Leib trägst."
„Willst du, dass ich mich ausziehe, Rick? Schon wieder? Bist du wirklich so scharf auf mich?", spottete Negan und zwinkerte den Omega spielerisch zu.
„Lass den Unsinn!", befahl Rick.
„Du zuerst", konterte Negan, „Wenn du ernsthaft verhandeln willst, Rick der Omega Rudelführer, dann sag mir was du von mir erwartest." Er verschränkte seine Hände ineinander und lehnte sich abwartend vor. „Nun?"
„Hilf uns Simon loszuwerden, und wir helfen dir die Erlöser zurückzubekommen", erklärte Rick schließlich.
Das war nicht wirklich das, womit Negan gerechnet hatte. Er lehnte sich zurück. „Wow, also das ist … mehr als ich erwartet hätte", gab Negan zu, „Ich meine … Ich verstehe, warum du das möchtest, aber von Rudelführer zu Rudelführer: Hältst du es für eine kluge Sache deinen mühselig gefangengenommenen Feind einfach so wieder freizulassen? Ich meine, ich denke mal, dass man das als taktischen Fehler bezeichnen könnte. Auf lange Sicht, meine ich."
„Ich lasse dich nicht einfach frei, ich benutze dich für meine Zwecke, das ist ein Unterschied. Außerdem gibt es natürlich Bedingungen", erwiderte Rick ruhig.
„Ach ja? Lass hören?" Negan musterte Rick sehr genau. Der Omega schien das wirklich ernst zu meinen.
„Wenn du deinen Posten zurückhast, garantierst du uns, dass es keine Vergeltungsschläge mehr geben wird, und dass du dich mit uns allen an einen Tisch setzt und mit uns darüber verhandelst wie wir diesen Krieg beenden können", legte Rick seine Forderungen dar, „Du verpflichtest dich dazu Simon für seine Verbrechen gegen das Königreich und seinen Mord an Olivia zu bestrafen und dazu alle Kriegsgefangenen, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Händen der Erlöser befinden sollten, freizulassen."
Negan leckte sich die Lippen und gab vor darüber nachzudenken. „Das ist alles, ja? Nun, ich würde sagen ….. Wir haben einen Deal", verkündete er genüsslich, „Ich helfe euch Simon loszuwerden, verspreche eure Forderungen anzuhören und über alles, was zuvor war, hinwegzusehen, wenn ihr mich freilasst."
„Du bist aber nach wie vor unser Gefangener, bis es soweit ist, dass du Simon ablösen kannst. Wir lassen dich nicht einfach frei herumlaufen", fügte Rick hinzu, „Wir sind keine Gleichgestellten, keine Verbündeten."
„Natürlich nicht, das hätte ich auch nicht erwartet", erwiderte Negan. Niemand ist mir gleichgestellt. Niemals. Trotzdem wäre es nicht schlecht, wenn er Rick zumindest glauben machen könnte, dass sie tatsächlich Verbündete wären. Aber daran konnte er ja noch arbeiten. Er drehte sich wieder zu Shane um. „Das war seine Idee, nicht wahr? Das muss dich einfach umbringen. Mein Beileid", meinte er hämisch.
Shane sah ihn kalt an. „Ich werde nicht zögern dich zu töten, wenn du uns in irgendeiner Form hintergehen solltest oder es auch nur versuchst", informierte dieser ihn emotionslos, „Versuch ruhig noch einmal abzuhauen."
Negan grinste ihn an. „Warum sollte ich das tun? Jetzt, wo wir alle Freunde sind, habe ich doch überhaupt keinen Grund dafür", verkündete er, „Keine Sorge, meine Lieben, ich bringe Simon für euch um. Ich hoffe aber, dass ihr einen Plan habt, wie ich nah genug an ihn herankommen soll um das zu schaffen, denn das dürfte die schwierigere Aufgabe werden." Er drehte sich wieder zu Rick um. „Das ist euch doch bewusst, oder etwa nicht?"
Rick starrte ihn ungerührt an. „Wir sind schon vor unlösbareren Aufgaben gestanden. Keine Sorge, wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um dir dabei zu helfen deinen Stellvertreter zu ermorden", meinte er. Typisch Rick, solche erregenden Sachen so kühl zu bringen als würde er über das Mittagessen des nächsten Tages diskutieren. Aber zumindest zielte seine Mordlust zur Abwechslung mal nicht auf Negan sondern in die richtige Richtung. Damit konnte man arbeiten.
Vielleicht würden sie ja doch noch alle Freunde werden. Wäre das nicht einfach wunderbar? Negan konnte es kaum erwarten.
A/N: Obwohl das wohl für kaum jemanden der Fall sein wird: Frohe Ostern.
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