Erster Schritt hin oder her, Sandra hatte sich entschieden, dass sie ihm wohl ein wenig entgegenkommen musste, wenn das hier endlich in die Gänge kommen sollte. Und vielleicht war es ganz gut, dass Patrizia heute keine Zeit mehr gehabt hatte, denn sie hätte bestimmt den Moralapostel gespielt, wenn sie Sandra so reden hören hätte. Sie brauchte im Moment nichts, das sie wieder zurückwarf. Er hatte heute einen großen Brocken Beziehungsarbeit geleistet, wenn vielleicht auch etwas ungeplant. Nichtsdestotrotz hatte er seine Gefühle durchblicken lassen, und das passierte – zumindest in verbaler Form – kaum. Sie war es ihm schuldig, dass er etwas zurückbekam. Und sich selbst auch.
Sie schlüpfte in das engste Schlaf-T-Shirt, das sie in ihrer Tasche finden konnte, und beschloss auf die Jogginghose zu verzichten. Sie konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie er ihre Beine gemustert hatte, als sie diese eine Nacht in seinem Büro geschlafen und er sie dann aufgeweckt hatte. Sandra blickte an sich hinunter und grinste. Diese Beine waren nun zwar schon ein paar Jahre älter, aber hoffentlich immer noch ansehnlich genug, um ihm ihre Vorzüge vor Augen zu führen.
Sie wartete im Wohnzimmer, bis er wieder erschien. Das Gesetzbuch schob sie auf den Couchtisch. „Na? Fertig?"
„Ja" Er lächelte.
„Ich musste noch ein bisschen was durchgehen, tut mir leid" Sie erhob sich vom Sofa und zupfte das Shirt ein wenig zurecht. „Gehen wir schlafen?"
Er riss den Blick von ihren glatten Beinen los und schien nicht mit dieser Frage gerechnet zu haben. Felix hatte geglaubt, dass ihm seine gestrige Heldentat eine gemeinsame Nacht im selben Bett beschert hatte, dass es für Sandra jetzt allerdings selbstverständlich erschien, gefiel ihm mehr, als er je zugegeben hätte. Er überlegte für den Sekundenbruchteil ihr anzubieten auf dem Sofa zu schlafen, aber damit hätte er sich selbst Steine in den Weg gelegt.
„Heute war ganz schön anstrengend" Sandra legte sich die Hände in den Nacken und bewegte ihren Kopf hin und her, während sie – gefolgt von Felix – auf das Bett zuging.
„Allerdings", gab er nur knapp zurück und setzte sich dann auf seine Seite des Bettes.
Er stellte den Wecker und Sandra schlüpfte unter ihre Decke. Sie biss sich auf die Unterlippe. Soweit, so gut. Aber was jetzt?
Auch Felix war unter seine Decke geschlüpft und hatte sich hingelegt. „Na dann"
„Ja" Sie legte sich hin und lächelte ihm noch einmal zu, bevor er das Licht ausmachte.
„Gute Nacht, Sandra"
„Gute Nacht, Felix"
Es wurde still, nur die Decken raschelten ab und zu ein wenig, während die beiden Anwälte versuchten eine angenehme Schlafposition zu finden. Am Ende lagen sie beide auf der Seite, einander zugewandt. Sandra biss sich auf die Unterlippe. Dann schob sie ihren Fuß vorsichtig zu Felix hinüber, bis sie es unter seine Decke geschafft hatte, und ihre nackten Zehen seinen Unterschenkel berührten. Er zuckte kurz und fast unmerklich zusammen, Sandra hatte es allerdings ganz genau gespürt, war der Körperkontakt doch kein Zufall gewesen. „Ups. Entschuldigung."
„Kein Problem" Er schluckte, als er spürte, wie sich plötzlich auch ihr Unterschenkel an seinen schmiegte.
„Felix?"
„Ja?" Seine Stimme war ein wenig dünn, weswegen er sich räusperte.
„Mir… ist ein wenig kalt. Wäre es wohl ein Problem, wenn ich ein bisschen näher käme?"
Er hatte mit dieser Frage nicht gerechnet, verneinte sie aber. Er vermutete, dass sie ein paar Zentimeter näher an ihn rutschen würde, doch es dauerte keine zwei Sekunden, bis sie zu ihm unter die Decke geschlüpft war, und ihren Kopf unter seinem Kinn an seiner Brust platziert hatte. Felix merkte, wie er überrascht den Atem anhielt. Dann zog er die Decke ein weniger weiter über sie und lächelte über den herrlichen Duft ihrer Haare, der in seine Nase stieg.
„Danke, Felix", flüsterte sie schläfrig.
Sie schlang einen Arm um ihn, um sich noch näher an ihn pressen zu können. Felix schloss die Augen und genoss die Wärme, die sich zwischen ihnen ausbreitete.

Sandra konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so ausgeglichen und gemütlich geschlafen hatte. Sie hatten beide mit einer tollen Stimmung in den Tag gestartet, und waren zur Werkstatt gefahren, um Felix' Wagen abzuholen. Er war anschließend zu Gericht weitergefahren und Sandra hatte ihren morgendlichen Kaffeedurst gemütlich gemeinsam mit Biene gestillt. Sie freute sich enorm auf ihr Gespräch mit Patrizia heute Abend, wenn sie ihr endlich alles erzählen konnte, obwohl sie ein wenig nervös war wie ihre beste Freundin reagieren würde.
Sandra blickte von ihren Akten auf, als sie den Nachrichtenton ihres Mobiltelefons hörte. Sie staunte nicht schlecht, als die Nachricht von Felix war.
„Sandra, könnten Sie Biene bitte ausrichten, dass wir keinen Kaffee mehr haben? Danke. Bis später. Felix"
Sandra seufzte. Andererseits, was hatte sie erwartet? Er würde ihr wohl keine Ich-Denke-An-Dich-SMS schicken, auch wenn sie es insgeheim gehofft hatte. Die junge Anwältin erhob sich und öffnete ihre Bürotür. „Biene?"
Die Sekretärin blickte auf und lächelte ihre Chefin an.
„Felix hat geschrieben. Könntest du bitte Kaffee besorgen?"
Biene nickte. „Klar. Hat er sonst noch was geschrieben?"
Sandra schüttelte erstaunt den Kopf. „Nein. Wieso fragst du?"
Die Sekretärin grinste und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Seit heute Morgen umgibt dich so eine seltsame Aura"
„Eine seltsame Aura?", wiederholte Sandra fragend und verschränkte die Arme.
„Ja, irgendwie wirkst du so..."
„Ja?" Sandra hatte Angst, dass sie gleich das kleine Wörtchen ‚verliebt' aus Bienes Mund hören würde.
„Ich weiß auch nicht. So glücklich und befreit."
Sandra lachte. „Und wieso sollte das irgendetwas mit Felix zu tun haben? Ich meine, seit wann macht Felix mich denn auch nur ansatzweise glücklich? Geschweige denn befreit?"
Biene zuckte nur vielsagend mit den Schultern und wandte sich wieder ihrem Computer zu. Sandra biss sich auf die Unterlippe. Sollte sie sie noch weiter davon überzeugen, dass es nichts mit Felix zu tun hatte? Sie wollte unter keinen Umständen, dass alle sofort davon Wind bekamen. Andererseits wäre es auffällig gewesen, wenn sie das Thema noch einmal aufgegriffen hätte. Biene war sehr feinfühlig, was Gefühle anging.
Sandra drehte sich um und ging in ihr Büro zurück. Ja, es wurde höchste Zeit, dass sie endlich mit Patrizia sprechen konnte.

Voller Vorfreude stieß Sandra die Tür zu der kleinen Kneipe auf, die sich in der Nähe der gemeinsam Wohnung befand. Sie war erst ein- oder zweimal hier gewesen, aber Sandra hatte das Bedürfnis nach neutralem Grund und Boden und auch nach einer Lokalität, wo garantiert niemand war, den sie kannte.
Sie sah sich kurz um und wurde von vielen Augenpaaren getroffen. Offensichtlich war das hier eine nicht gerade allzu seriöse Kneipe. Sandra räusperte sich und freute sich, als sie Patrizia erblickte. Schnell eilte sie zu ihr und schloss sie ausgiebig in die Arme.
„Nette Klitsche hier", murmelte Patrizia nur leise und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen.
„Naja, aber für das, was ich mit dir besprechen muss, genau perfekt"
„Wieso? Planst du einen Sexualstrafdelikt?" Die Richterin zog sich genervt die Weste, die ihr von der Schulter gerutscht war, wieder hoch.
Die Anwältin grinste und schüttelte den Kopf. Sie wollte ihre Neuigkeiten zwar unbedingt loswerden, aber trotzdem hielt sie es für klüger den Abend mit ein wenig Smalltalk in Gang zu bringen. „Wie läufts mit Erik?"
„Ach, ungefähr so toll wie mit dir und Felix. Ich bin froh, wenn ich wieder in unserer Wohnung bin. Er treibt mich in den Wahnsinn. Ich kann mir nicht mehr vorstellen mit jemandem zusammenzuwohnen, der nur mein Freund mit gewissen Vorzügen ist. In einer Beziehung nimmst du Fehler und komische Angewohnheiten einfach hin. Wenn er nur als dein Spielzeug fungiert, dann fragst du dich, warum du dir die Scheiße eigentlich antust." Patrizia nahm einen kräftigen Zug von ihrer Bierflasche.
Jetzt war Sandra sich noch unsicherer, ob sie ihrer besten Freundin davon erzählen sollte, dass sie mit Felix nun endlich weiterkommen wollte. Offenbar war sie immer noch der Ansicht, dass die zwei sich nicht gut taten, was aber auch kein Wunder war, sooft wie Sandra sich in den letzten Jahren über ihn ausgelassen hatte.
Die beiden jungen Frauen fingen an darüber zu philosophieren, ob Männer unfähig waren gemeinsam in einem Haushalt zu leben. Sandra hatte bis dato genauso schlechte Erfahrungen gemacht wie Patrizia auch.
„Du, sag mal, was hat Otto eigentlich schon wieder ausgefressen? Ich hab die Akte heute bei der Kreutzer liegen sehen." Patrizia trank den letzten Schluck.
„Ach" Sandra winkte ab. „Irgendeine Frau behauptet er habe sie nach dem Sex beklaut."
„Und? Hat er?"
„Das weiß ich nicht"
„Naja, bei Otto weiß man das ja nie. Aber Felix wird ihn sicher wieder mit allen Mitteln raushauen." Patrizia griff sich eine Handvoll Erdnüsse und schob sich gelangweilt eine in den Mund.
Sandra kaute auf ihrer Unterlippe herum und nickte. Dann holte sie tief Luft. „Ich muss dir da übrigens noch was sagen zum Thema Felix"
Patrizia hörte sofort auf zu kauen und blickte ihre beste Freundin gespannt an. Bestimmt erwartete sie sich wieder irgendeine Streitereien Geschichte.
„Ich… mag ihn", stammelte Sandra und wusste nun nicht mehr recht, wie sie das Thema wirklich zu Ende bringen sollte. Aber zurückzurudern war jetzt nicht mehr drin.
„Wär auch blöd, wenn nicht. Ihr seid Kollegen."
„Ja, schon, aber..." Sandra strich sich durch ihr Haar und senkte ihre Stimme. „Irgendwie möchte ich, dass wir mehr als nur Kollegen sind."
Patrizia blieb der Mund offen stehen und ihr fielen die Erdnüsse aus der Hand. Es dauerte einige bange Sekunden, bis sie grinste und wissend nickte. „Irgendwie hab ich mir sowas schon länger gedacht"
Sandra schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. „Quatsch"
Die junge Anwältin rubbelte an einem unsichtbaren Fleck auf dem Tisch herum, dann fiel ihr siedend heiß ein, dass sie den Wohnungsschlüssel zu Felix' Apartment in der Teeküche der Kanzlei liegen gelassen hatte. „Oh Mist"
Patrizia sah sie fragend an.
„Ich muss nochmal schnell in die Kanzlei, ich hab den Schlüssel dort liegenlassen" Sandra seufzte, dachte kurz nach, und grinste dann. „Wenn du noch mitkommst, dann erzähl ich dir dort ein kleines Geheimnis"
„Gehts um Felix?"
„Ja"
„Dann spuck es aus!"
„Nein, nicht hier. In der Kanzlei können wir uns sicher sein, dass uns niemand hört. Also?"
Als Antwort sprang Patrizia auf und lief in Richtung Ausgangstür. Sandra kicherte und folgte ihr. Als die beiden verschwunden waren, drehte sich auf dem Tisch hinter ihnen ein Mann um und blickte ihnen hinterher. Dann stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht und er angelte nach seinem Handy.

Felix zuckte zusammen, als sein Telefon anfing zu klingeln. In der Stille der Kanzlei war es fast kreischend laut. Schnell nahm er es, blickte verwirrt auf den Display, und beantwortete den Anruf dann. „Frank?"
Er lauschte kurz und zog die Augenbrauen hoch. „Sandra und Patrizia? Ja, und? Ich weiß, dass die beiden sich heute getro..."
Wieder hörte er seinem Gegenüber zu, dann fiel ihm die Kinnlade nach unten. „Hast du irgendetwas Genaueres gehört, Frank? Was hat Sandra genau gesagt?"
Eilig kramte Felix all die Akten auf seinem Tisch zu einem Stoß zusammen und schob diesen dann beiseite. „Mist. Was? Ein Geheimnis?"
Er fuhr sich durch sein Haar und nickte dann, bevor sich ein neckisches Grinsen auf sein Gesicht stahl. „Nein, Sandra weiß nicht, dass ich noch hier bin. Und das wird auch so bleiben."
Er eilte um seinen Schreibtisch herum, und machte das Licht aus. „Danke Frank!"
Felix legte auf, stellte sein Handy auf lautlos, und wartete dann im Dunkeln hinter seiner Bürotür. Es vergingen keine zehn Minuten, bis er zaghaft den Schlüssel im Schloss der Kanzleitür hörte. Er wagte es kaum noch zu atmen, als er bereits das Geschnatter der beiden Damen hörte, die Frank ihm freundlicherweise vorangekündigt hatte.
Er kniff seine Augen zusammen in dem Glauben besser hören zu können.
„Wo ist denn der Schlüssel?", hörte er Patrizias Stimme.
„In der Teeküche"
„Gut. Und was wolltest du mir jetzt für ein Geheimnis erzählen?"
„Komm mit"
Felix schlich sich eilig von seiner Tür weg und ins Archiv, das direkt an die Teeküche grenzte. Er presste sein Ohr gegen die Verbindungstür. Die Akustik war zwar nicht perfekt, aber er konnte ausreichend hören.
„Also?" Wieder Patrizias Stimme.
„Ich… ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll" Sandra.
„Na los, spucks schon aus. Muss ja ein Riesending sein, wenn du es schon so spannend machst"
Sandra lachte. „Das kannst du laut sagen. Wortwörtlich."
Patrizia schaltete natürlich sofort. „Oh Gott, du hast ihn nackt gesehen!"
Felix presste sein Ohr noch stärker an die Tür.
„Ja."
„Und?"
Er konnte hören, wie Sandra schnaufte.
„Kennst du das, wenn du jemanden nackt siehst und schon alleine das ausreicht, um ihn an Ort und Stelle..."
„Flachlegen zu wollen? Ja, das kenn ich. Aber sei mir nicht böse, es klingt ziemlich befremdlich, wenn du das über Felix sagst. Ich mein, es ist Felix!"
Sandra lachte. „Ich weiß."
„Denkst du nicht" Patrizia hatte sich irgendwas in den Mund geschoben, auf dem sie jetzt herumkaute. „Naja, du bist ja auch schon etwas ausgehungert. Wird man da nicht sexuell etwas anspruchsloser?"
„Wie meinst du das denn?" Er konnte sich ihren empörten Gesichtsausdruck fast bildlich vorstellen.
„Ach, Sandra, komm schon. Du arbeitest den ganzen Tag mit diesem Kerl zusammen und siehst ihn jetzt auch noch privat. Das heißt ihr klebt quasi vierundzwanzig Stunden aufeinander. Denkst du nicht, da ist es normal, dass deine angestauten Hormone aufflammen und sich auf Felix konzentrieren? Ich meine, immerhin ist er ein Mann und jeder Mann ist ein potentieller Sexualpartner, wenn man… naja, ein wenig wuschig ist."
Der Anwalt verdrehte die Augen.
„Es ist ja nicht nur das, Pat. Ich habe Felix unter der Dusche gesehen. Und das nicht nur nackt."
Felix spürte, wie er blass wurde, obwohl er noch nicht einmal genau wusste warum. Wann hatte sie ihn denn gesehen? Gestern Abend? Aber ihm wäre nicht aufgefallen, dass die Tür aufgegangen wäre. Und ja, er war zwar mit Absicht noch einmal durch das Wohnzimmer gelaufen, aber da war er nicht völlig nackt gewesen und was hätte es Sandra gebracht zu behaupten er hätte dabei unter der Dusche gestanden? Er konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.
„Sandra, stopp, ich komm nicht mehr ganz mit. Was hast du denn jetzt gesehen?"
Schweigen.
Dann Sandras leise Stimme. „Naja, er hat… ach, Pat, du weißt schon. So an sich selbst..."
„Er hat sich einen runtergeholt?" Patrizias Stimme war in Punkto Lautstärke das krasse Gegenteil zu ihrer besten Freundin.
„Wenn du das sagst klingt das alles andere als erotisch", lachte Sandra.
Felix schossen eine Trilliarde Gedanken durch den Kopf. Das letzte Mal, als er das getan hatte, wovon Sandra eben behauptet hatte sie hätte es gesehen, war schon einige Tage her. Er überlegte weiter. Hatte er ihr den Schlüssel da überhaupt schon gegeben? Sie war doch erst nach Hause gekommen, nachdem er mit duschen fertig gewesen war.
„Das muss ja ganz schön komisch gewesen sein ihn dabei zu erwischen", murmelte Patrizia und Felix hörte, wie die Stimmen sich wieder zurück in Richtung Empfangsraum entfernten.
Leise tippelte er zurück in sein Büro und legte sein Ohr diesmal an seine Bürotür.
„Ich hab es anfangs ja gar nicht so wirklich realisiert, aber… als ich dann gesehen habe was er da macht, da… Pat, ich konnte einfach nicht mehr weggucken."
„Ich sag doch deine Hormone hüpfen im Dreieck!"
„Das Problem dabei ist einfach, dass es mir bei jedem anderen Kerl egal gewesen wäre"
Felix biss sich auf die Unterlippe.
„Also hat dir gefallen, was du gesehen hast?", hakte Patrizia ziemlich deutlich nach.
„Ja"
Der Anwalt grinste. Dieses Geständnis minderte seine Scham um einiges. Er dachte nach. Ja, natürlich hatte sie schon einen Schlüssel besessen. Und vielleicht war sie deswegen so komisch gewesen. War das nicht der Abend gewesen, an dem sie behauptet hatte dehydriert zu sein? Er schüttelte den Kopf mit leicht offenem Mund. Diese Frau.
„Und vor allem..." Wieder Sandras Stimme. Felix lauschte. „Ich meine gehört zu haben, dass er meinen Namen gestöhnt hat"
„NEIN!"
Er schlug sich fast den Kopf an, weil er zusammenzuckte angesichts Patrizias Gefühlsausbruch.
„Also, Sandra, normalerweise wärst du an die Decke gegangen"
„Ja, aber..." Es dauerte einige Sekunden, bis sie weitersprach. „In der Situation hätte ich am liebsten mitgemacht"
Die beiden Frauen kicherten und tuschelten weiter, als sie die Kanzlei wieder verließen. Als Felix hörte, wie Sandra die Tür zugesperrt hatte, atmete er langsam aus. Dann grinste er über das ganze Gesicht. Und das Grinsen hörte auch nicht auf, als er seine Sachen zusammenpackte, sich anzog, und dann langsam nach unten zu seinem Wagen wanderte. Natürlich mit gewissem Sicherheitsabstand. Sandra durfte um keinen Preis erfahren, was er gerade alles gehört hatte. Aber er war froh, dass er es gehört hatte, denn ab jetzt wehte ein ganz anderer Wind.

Abwechselnd summend und pfeifend stieß Felix die Tür zu seinem Apartment auf. Es brannte bereits Licht, Sandra war zu Hause. Gut. Felix stellte die Aktentasche ab und schlüpfte aus seinen Schuhen und seinem Mantel. Dann zog er noch sein Sakko aus und wanderte ins Wohnzimmer.
Genau wie gestern saß Sandra auf dem Sofa, vertieft in ihr Gesetzbuch.
„Guten Abend, Sandra" Felix schenkte ihr ein derart atemberaubendes Lächeln, dass er bemerkte, wie sie kurz blinzelte.
„Hallo"
Er ging in die Küche, schnappte sich ein Glas und füllte es mit so eiskaltem Wasser, dass es außen sofort beschlug und sich Kondenswasser bildete. „Ich war noch mit Otto unterwegs. Sie glauben ja gar nicht, was der mir vorgeschlagen hat. Er will einen Freund für sich lügen lassen, nur um aus der Nummer schnell rauszukommen."
Dass er ihr hier ungefragt ein Alibi lieferte, hatte einen guten Grund. Er musste unter jeglichen Umständen vermeiden, dass sie auch nur daran dachte, dass er vorhin in der Kanzlei gewesen sein konnte. Deswegen behauptete er auch die Info erst heute von Otto bekommen zu haben.
„Der Kerl ist nicht zu fassen", schmunzelte Sandra. „Will er jetzt behaupten er hätte einen Dreier gehabt?"
Felix grinste und deutete auf sie, bevor er zustimmend nickte. „Genau das. Ich hab ihm auch gesagt, dass die Frau das vermutlich bestreiten wird."
Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Einfälle hat der immer"
„Haben Sie sowas eigentlich schon mal gemacht?" Felix lockerte seine Krawatte.
„Etwas Falsches behauptet, um aus einer unangenehmen Situation zu kommen?" Ihre großen braunen Augen blickten ihn fragend an.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Einen Dreier."
Er merkte, wie ihr das Lächeln aus dem Gesicht fiel und sie eine Nuance blasser wurde.
„Felix, bitte!"
„Also ja?"
„Nein!"
Felix schob die Unterlippe nach vor und nickte. „Ich auch nicht. Aber das würde ich auch gar nicht wollen."
Sandra stützte ihren Kopf in ihre Hand und grinste ihn spitzbübisch an. „Ach, kommen Sie, Felix. Mir machen Sie nichts vor. Das ist doch der geheime Traum jeden Mannes!"
Er nahm seine Krawatte ab und legte sie auf die Küchentheke, dann knöpfte er sein Hemd auf, während er so tat, als müsse er überlegen. Er bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Sandra kurz etwas unruhig herumrutschte.
Als er den letzten Knopf geöffnet hatte, schnappte er sich sein Glas mit Wasser und ging hinüber ins Wohnzimmer, um vor ihr stehenzubleiben, immer noch überlegend. Dann blickte er ihr direkt in die Augen. „Also wenn ich mit jemandem schlafe, dann möchte ich mich voll und ganz auf sie konzentrieren. Nur auf sie. Intensiv. Und ich möchte jeden Zentimeter ihres Körpers erkunden und gebührend verwöhnen. Das ist mit zwei Frauen sehr zeitintensiv und ich würde ihnen nicht gerecht werden, also… nein, danke, eine reicht"
Er nahm einen Schluck Wasser und ein Tropfen des Kondenswassers tropfte vom Glas direkt auf seine Brust. Er spürte, wie die Flüssigkeit sich relativ rasch einen Weg an seiner Brust hinab bahnte. Und sah, wie Sandra mit leicht geöffnetem Mund die Bahn des Wassertropfens mit den Augen verfolgte, bis er in Felix' Bauchnabel verschwand. Dann hüstelte sie kurz und wandte ihren Blick schnell wieder in ihre Lektüre. „Naja, das behauptet ja wohl jeder Mann"
„Vielleicht. Aber nicht jeder Mann macht es auch wirklich."
Mit diesem Satz und voller Genugtuung ging Felix in sein Schlafzimmer hinauf, um sich seine Pyjamahose anzuziehen. Das T-Shirt würde er sich heute Nacht gewiss sparen. Wenn sie spielen wollte, dann war er nur allzu gern bereit dazu.