Kapitel 17
Wenn die Guten nicht kämpfen….
„Master Harry. Master Harry!" Jemand berührte mich vorsichtig an der Schulter und als ich die Augen aufschlug, sah ich Binsy vor mir.
„Wachen Sie auf, Master Harry! Master Sirius, bat mich Sie zu ihm zu bringen!" Ich sprang auf, womit ich den kleinen Hauselfen fast an die nächste Wand beförderte. Er konnte mir im letzten Augenblick ausweichen. Fast ein wenig verwundert stelle ich fest, dass ich bereits meinen neuen Zauberstab in den Händen hatte.
„Wo ist er? Geht es ihm gut?" Statt mir eine Antwort zu geben, schnappte er meine linke Hand und im nächsten Augenblick fand ich mich in einem völlig fremden Raum wieder. Direkt vor mir sah ich zwei Körper am Boden und Sirius, der sich über einen der beiden beugte.
„Binsy! Wasser, frische Verbände und alles, was du an Wund- und Heilungstränken finden kannst!" Der Elf verschwand und Sirius hob den Kopf.
„Ich brauch deine Hilfe! Ich komme nicht schnell genug mit dem Heilen hinterher! Die Wunden gehen immer wieder auf!" Erst jetzt erkannte ich in dem Körper, neben dem sich Sirius kniete, Bellatrix. Sie war so übel zugerichtet, dass sie kaum zu erkennen war. Der Körper daneben.
„Verdammte Scheiße!"
„Hilf Snape!"
Endlich erwachte ich von der Starre und fiel auf den kalten Steinboden neben den Trankmeister. Die Kleidung war regelrecht zerfetzt, die Haut darunter überseht von langen tiefen Schnitten, die offensichtlich kurz vorher geheilt wurden und sich im Augenblick wieder öffneten. Mir wird fast übel, als ich mich an solche Wunden erinnere.
„Es ist Sectumsempra", bestätigt Sirius meine Befürchtungen. „Dieser Idiot dort weigerte sich mir den Fluch in den Gegenfluch beizubringen! Also müssen wir es irgendwie anders schaffen!" Ich war mittlerweile dabei alles an Heilzaubern anzuwenden, was Tante Bella, Großmutter Walburga oder Severus Snape mir irgendwann einmal beigebracht haben. Die Wunden schlossen sich für einige Augenblicke und gingen wieder auf, sobald man sich den nächsten Schnitten widmete. Doch sie bluteten jedes Mal weniger. Binsy kam immer wieder mit heißem Wasser, sauberen Verbänden und Heiltinkturen. Ab und zu drückte der keine Elf uns Stärkungstränke in die Hand und achtete penibel darauf, dass auch wir etwas davon tranken. Nach einer gefühlten Ewigkeit fielen Sirius und ich neben den beiden Verletzten auf den Boden. Mein ganzer Körper tat weh, aber es sah so aus, als hätten wir das Schlimmste überstanden.
„Vergib mir", krächzte Sirius. „Ich wusste einfach nicht wer mir sonst helfen könnte. Remus hätte nicht hierherkommen können und Mutter sollte zur ihrer eignen Sicherheit lieber dort bleiben wo sie jetzt ist. Neville kommt nicht in Frage und Alice…" Ich schüttelte automatisch den Kopf. Nein, Alice hat hier nichts zu suchen! Nicht in ihrem Zustand.
„Schon in Ordnung", krächzte ich zurück. „Ich verstehe dich. Wo sind wir?"
„Altarraum. Hier ist der Familienaltar. Ein Artefakt, dass überschüssige Magie aufnimmt und speichert. Schon seit Jahrhunderten. Ein Ort der Kraft der Familie Black. Deswegen habe ich die beiden hierher gebracht. Hier sind wir an stärksten." Ich hob den Kopf, um Sirius ansehen zu können.
„Wie kommt Sna… Severus hierher?" Mein Vater hielt seine rechte Hand hoch an der ein frisch verheilter Schnitt zu sehen war.
„Ich habe ihn spontan in die Familie aufgenommen." Er lachte, was ihn einen Hustenanfall bescherte.
„Jetzt kannst du ihm mit vollem Recht Onkel Sev nennen. Oh, Merlin! Mutter wird sich über einen weiteren Sohn sicherlich wundern."
„Ist er immer noch… ein Todesser?" Soweit ich mich an den Unterricht über Rituale erinnerte, wurden bei einer derartigen Aufnahme in die Familie alle vorherigen Bindungen aufgehoben.
„Nein. Nein, ist er nicht und eine gewisse Person ist deswegen richtig angepisst!" Er lachte wieder und es klang beinah hysterisch.
„Black, was hast du getan?", flüsterte Snape kaum hörbar. Vermutlich sollte die Frage empört oder anklagend klingen, doch es war nur ein Flüstern.
„Warum kann ich mich nicht bewegen?"
„Warum kann er sich nicht bewegen, Harry?", fragte Sirius mich besorgt.
„Ganzkörperklammer", antwortete ich schläfrig. Ich was so erschöpft, dass ich jeden Augenblick einzuschlafen drohte. „Er hat sich zu viel bewegt, die Schnitte sind immer wieder aufgegangen."
„Was hast du angestellt, Black?"
„Nichts was wir nicht besprochen haben", antwortete Sirius und erhob sich schwerfällig auf die Beine.
„Binsy!" Der Elf erschien unverzüglich.
„Bring Harry in sein Zimmer!" Der Elf beugte sich über mich und seine Hand berührte meine Schulter und schon lag ich in meinem Bett. Eigentlich wollte ich aufstehen und nachsehen, was mit Tante Bella und Severus war aber die Erschöpfung war stärker. Als ich aufwachte war das Anwesen der Black zum wiederholten Mal ein wahres Durcheinander. Das Haus war voller Hexen und Zauberer, die hin und her liefen, mitten in Bewegung irgendwelche Zauber wirkten und einander etwas zuriefen.
„Harry?" Eine mir völlig unbekannte Hexe blieb neben mir stehen. „Dein Vater möchte dich in seinem Arbeitszimmer sehen." Die Frau eilte weiter und ich sah ihr verdattert hinterher. Immer wieder hin und her eilenden Menschen ausweichend gelangte ich in das besagte Gästezimmer und atmete aus, als die Tür sich hinter mir schloss. Stille. Ruhe.
„Harry, gut, dass du da bist", meinte mein Vater, der gerade ein Zauber über Tante Bella wirkte. "Meine Leute sind mit den Zaubern fast fertig", meinte er und deutete auf einen der Zahlreichen Sessel um seinen Tisch herum. "Ich die bereits vorhandenen Schutzzauber mit den neuen Entwicklungen des Ministeriums ergänzen."
"Ist es den nötig?", fragte ich. Ich fürchte ja." Als ich fragen wollte warum, hielt er mich auf. "Warte, ich will es nichtt mehrmals erklären. Die anderen müssen auch gleich hier sein." Tatsächlich öffnete sich die Tür und Alice kam herein, begleitet von Neville und Großmutter Walburga. In den nächsten paaren Minuten war auch der Rest der Familie da. Selbst Tante Narzissa. Sie stellte sich beben dem Bett ihrer Schwester und nahm ihre Hand. Sirius ließ seinen Blick über die Versammelten Hexen und Zauberer schweifen.
„Ich denke die meisten von Euch werden es bereits wissen, aber für die anderen sagte ich es dennoch ganz ausdrücklich: Voldemort ist zurück." Mein innerstes gefror zu einem Eisklumpen.
„Ist er das?", fragte Pollux müde. Er wartete ein bestätigendes Nicken ab. „Götter mögen uns helfen! Der Wahnsinnige ist zurück."
„So wahnsinnig ist er nicht mehr", flüsterte Snape kaum hörbar. Er saß fast aufrecht in seinem Bett und war so blass, dass seine Haut einen bläulichen Ton hatte.
„Er hat sich… fast zusammengesetzt", sagte der Trankmeister in die Stille hinein. „Er hohl die Teile seiner Seele wieder zurück. Vier hat er schon."
„Lucius musste ihm das Tagebuch zurückgeben, dass der Dunkle Lord ihm zur Aufbewahrung gab. Allen Mächten der Welt sein Dank, dass der Lord nicht persönlich da war, sondern einen Boten geschickt hat." Sie schaute zur Sirius.
„Wenn herauskommt, dass Lucius das Mahl nicht mehr hat, wird Tom uns alle töten! Sirius, wir müssen etwas unternehmen!"
„Wir sind gerade dabei etwas zu unternehmen", sagte Sirius gefasst. „Wir entscheiden gerade darüber, was wir in der nächsten Zeit machen werden." Er sah zur Snape.
„Ist das okay?" Der Mann zögerte, sah zur Neville und mir und nickte dann. Sirius zog ein kleines Fläschchen mit silbrig schimmernder Flüssigkeit aus der Tasche. Eine Erinnerung. Die Flasche öffnete sich, die Flüssigkeit schwebte heraus und breitete sich in der Luft aus, bis es zu einer dünnen Schicht wurde, die erst wage Umrisse zeigte und dann ein immer klareres Bild. Voldemort. So wie ich nie gekannt habe. Dünn und blass, aber … vollständig. Ein ausgezerrter, aber dennoch menschlicher Körper. Eine Nase, schwarzes Haar, das die Ohren verdeckt.
„… die ganze Zauberwelt soll mich hören! Ich komme nicht als Eroberer zurück, nicht als der Dunkle Lord, sondern als euer neuer Anführer! Ich stelle mich zur Wahl als Minister! Ich überlasse Euch, meine Brüder und Schwester die Entscheidung." Sirius machte eine Geste und das Bild stoppte. Voldemort erstarrte mit ausgebreiteten Armen und in die Ferne gerichtetem Blick.
„Das war im Ministerium heute Nacht. Die Erinnerung haben wir von einem Ministeriumsbeamten, der noch nicht auf seiner Seite ist."
„Ist das Ministerium gefallen?", fragte Pollux. „Ist er nun an der Macht?"
„Nein", antwortete Sirius. „Er lässt tatsächlich wählen! Bis zum Ende des Monats haben wir Zeit und entweder zu ihm zu bekennen oder uns gegen ihn zu stellen."
„Die Wahl ist doch ganz eindeutig, oder? Wir machen da nicht mit! Niemand wird ihm noch einmal folgen!" Onkel Alphard sah ich um. Sirius schüttelte den Kopf.
„Schau weiter!" Ein Wink mit dem Zauberstab und die Erinnerung ging weiter.
„Ich zwinge niemanden mir zu folgen, aber ich warne diejenigen, die es nicht tun – stellt euch mir nicht in den Weg! Ich werde nicht zulassen, dass man mich daran hindert die Zauberwelt endlich aus der Verbannung zu hohlen! Es reicht, meine Brüder und Schwestern! Wir haben uns lang genug versteckt und im Verborgenen gelebt, es wird Zeit, dass wir die Muggel auf ihren Platz verweisen und die Welt, die wir ihnen anvertraut haben, endlich zurückerobern!" Jubel. Auch unter den versammelten Ministeriumsleuten.
„Die Muggel leben, als gehöre diese Welt ihnen allein! Und sie zerstören diese Welt! Sie vernichten die Natur. Uralte Wälder, die eine Heimat für tausende magischer und nicht magischer Tiere ist, wird abgeholzt. Flüsse werden verschmutzt, die Luft wird durch ihre Maschinen vergiftet. Die Muggel breiten sich wie eine Plage weiter aus, und drängen uns immer weiter in den Untergrund. Wir sollen endlich Schluss damit machen! Ich will die Zauberwelt aus unserem selbst geschaffenen Gefängnis heraushohlen!" Die Erinnerung zerfaserte und zog sich dann wieder zusammen zu einer silbrig schimmernden Kugel, die Sirius wieder in das Fläschchen schweben ließ.
„Was hat er vor?", fragte Großmutter.
„Kurz gefasst? Er will den Muggeln erst all das nehmen, was sie in den letzten fünf hundert Jahren geschafft haben und dann will er die, die übrig bleiben als Arbeitskraft und zur Züchtung neuer Hexen und Zauberer nutzen." Snapes Stimme ist kaum vernehmbar, aber sie ist dennoch gut zu hören, denn es ist völlig still.
„Das haben andere vor ihm auch versucht", meinte Pollux abfällig. „Er wird es nicht schaffen!"
„Vielleicht doch", sagte Sirius und schaute uns alle nacheinander an.
„Er hohl die Muggelgeborene mit in Boot. Er erkennt sie als vollwertige Zauberer und Hexen an und bietet sogar den jeweiligen Familien Immunität. Er meint, dass sie als „neues Blut" in den alten Familien willkommen sein werden."
Walburga seufzte.
„Da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht", sagte sie bitter. „Ich habe ihm immer wieder von den alten Regeln erzählt, von dem Gesetz des neuen Blutes, das dafür sorgt, dass die Kinder nicht als sabbernde Idioten zur Welt kommen. Er wollte nichts hören. Meinte, dass das alte Blut rein bleiben muss!"
„Offensichtlich hat er dir doch zugehört, Mutter." Sirius setzte sich müde auf die Tischkante. „Die Familie ist hier. Wir müssen als Familie entscheiden, was wir machen werden."
„Du bist das Familienoberhaupt", sagte Pollux. „Ich werde dich in allem unterstützen."
„Wann ist das den passiert?", wollte Cygnus wissen.
„Gerade eben", raunte der ältere Mann. „Ich kann die Verantwortung auch gern an dich übertragen!" Der andere Mann hob abwehrend die Hände.
„Merlin, bewahre! Sirius wir das schon machen!" Kein anderer wollte diese Bürde aufnehmen, also sprach Pollux weiter.
„Ich würde dir aber raten sich nicht offen gegen diesen Mann zu stellen. Er wird viel zu viele Anhänger seiner Sache finden. Zu viele von uns werden bereit sein, ihm zu folgen. Gegen eine solche Übermacht kommt keiner offen an."
„Ist einer von euch bereit das zu tun?", fragte Sirius. „Ihm offen zu folgen? Ich werde niemanden festhalten. Niemanden verurteilen. Ich lasse jeden gehen, der nicht bereit ist meinen Anweisungen zu folgen. Und werde niemanden verfolgen, so lange er oder sie mir keinen Grund gibt es zu tun." Niemand rührte sich.
„Ich spreche auch für Lucius, wenn ich sage – nicht auf diese Art! Ja, ich mag die Muggel nicht! Ich will sie nicht länger als nötig in meiner Nähe haben, aber erstens für alles gibt es Ausnahmen und zweitens ich bin nicht bereit es auf seine Art zu tun."
„Seine Art?", fragte Cygnus.
„Er hat kein Mitgefühl und kennt kein bedauern und kein Mitleid. Er tötet, weil es irgendeine Art von Emotionen in ihm weckt, denn er hat sonst keine Gefühle", Snapes leise Stimme schlägt uns alle wieder in ihre Bahn.
„Also kämpfen wir?", fragte Cygnus.
„Ja. Zwar ohne zu viel Aufmerksamkeit zu erregen, aber ja, wir kämpfen", stellte Sirius fest.
„Als geheime Widerstand? Was nützt es?", regte sich Alphard auf.
„Es wird dennoch ein Kampf sein", antwortete Großmutter Walburga. „Und wenn wir nicht kämpfen, hat Tom schon gewonnen."
