Seit einer Stunde war Yomin Carr damit beschäftigt, die alte Spacecaster zu warten. Ihm lag nichts daran, seine Tätigkeit zu verbergen. Je offener er sein Werk ausführte, desto weniger Verdacht erregte er. Er hatte Lampen aufgestellt, die ihm in der Morgendämmerung bessere Sicht gaben. Er klapperte mit Werkzeug herum. Die meisten Astronomen hatten ohnehin keine Lust, sich mit technischen Raffinessen zu befassen und waren froh, wenn jemand sich darum kümmerte und die anderen in Ruhe forschen oder sich erholen konnten.
Leichte Schritte kündigten einen Beobachter an, eine Beobachterin, wie Yomin Carr schon bald die Schritte identifizierte.
„Und?", fragte Danni Quee. „Alles im Lot?"
Yomin Carr nickte. Zumindest von seiner Warte aus war alles in Ordnung, wenn er diese umgangssprachliche Frage seiner Chefin richtig interpretiert hatte. Wäre Danni etwas früher gekommen, hätte sie beobachten können, wie er den Langstreckenkommunikator lahmgelegt hatte, aber jetzt sah das zylinderförmige Gerät unauffällig aus und niemand konnte von außen erkennen, dass der feindliche Agent den Signalgeber am Kommunikationsport deaktiviert hatte. Auch wenn Yomin Carr es hasste, an dieser leblosen Technologie herumzuschrauben, so war er doch stolz darauf, der wahrscheinlich beste Tech der Praetorite Vong zu sein.
"Die Dichtung an der Druckpumpe ist verrutscht", erklärte er mit fachmännischem Blick.
„Was ist mit dem Kompensator?", wollte Danni wissen."
„Es ging nur um die Dichtung", erwiderte Yomin Carr und hielt ihr ein Lasersiegel vor die Augen, um es sogleich außen um den Ring zu schließen. „Fertig", verkündete er.
Danni beugte sich über seine Schulter, um seine Arbeit zu inspizieren. Dann nickte sie zustimmend und doch sah Yomin Carr, dass sie nicht zufrieden war.
„Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?", fragte sie. „Bensin Tomri und Cho Badelek haben sich gemeldet, aber wir haben noch Platz für dich."
„Das ist eine gute Wahl", erklärte Yomin Carr. „Aber nein, ein weiterer Passagier würde nur den Erfolg des Einsatzes gefährden. Du wirst in der Nähe des Planeten einige Zeit für Forschungsarbeiten benötigen, aber nicht genug Platz für Vorräte haben, wenn du vier Personen an Bord nimmst, besonders wenn dieser Hyperantrieb nicht sonderlich gut funktioniert."
Sie zuckte mit den Schultern. „Schade. Wie du willst. Wir starten in drei Stunden."
"Geh besser und ruh dich noch etwas aus bis dahin", sagte er fürsorglich.
Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und eine Locke ihres büstenlangen Haares wurde vom Wind auf seine Wange geweht. „Ich bin dir wirklich dankbar", sagte sie.
Er widerstand dem Drang, sich zurückzuziehen. Sie kam ihm jetzt wirklich zu nahe und er schämte sich dafür, dass er das noch nicht einmal als unangenehm empfand. Es war höchste Zeit, dass er wieder zu den Seinen zurückkehrte. Wie machte Nom Anor das eigentlich über all die Jahre, die er nun schon hier unten in der Galaxis weilte?
Er bemühte sich, nicht allzu sehr zu lächeln ob ihrer Dankesworte. Er schaltete den Kurzstreckenkommunikator ein und rief die nahe gelegene ExGal-4-Station. Alle Anzeigen bestätigten, dass das Signal gesendet worden war.
„Dann ist ja alles bestens", sagte Danni Quee.
Yomin Carr nickte freundlich. Ja, alles war bestens, denn trotz der funktionierenden Anzeigen war überhaupt kein Signal gesendet worden.
Sie wandte sich zum Gehen, dann drehte sie sich noch einmal um. „Ach, Yomin, es wäre schön, wenn du Garth dabei helfen würdest, den Kommunikationsturm zu reparieren. Allein war er ja bisher nicht sonderlich erfolgreich."
Er nickte erneut und etwas eifriger. „Natürlich. Er war lange genug defekt."
Sie warf ihre blonden Locken nach hinten. „Du machst das schon, Yomin."
Er schaute ihr nur kurz in die Augen, bevor er den Blick senkte. Er suchte nach einem Scherz, den er darauf erwidern konnte, allein, Danni ging bereits fort, ohne auf die Empfehlung des Tizowyrms in seinem Ohr zu warten.
„Willst du dich erst verabschieden?", fragte Yomin Carr und zeigte zur Andockbucht, wo Danni und die anderen sich auf den Abflug vorbereiteten.
„Das habe ich schon getan", erwiderte Garth Breise leicht genervt. „Ich will einfach diese dumme Arbeit hinter mich bringen."
„Der Turm ist nur hundert Meter hoch", meinte Yomin Carr.
„Nur?", wiederholte Garth sarkastisch. „Und es wird da oben verdammt kalt und windig sein."
Yomin Carr grinste frech. „Vielleicht haben wir Glück und am Sockel wartet ein Rotkammpuma auf uns. Das würde uns den Aufstieg ersparen."
Garth Breise zog einen Flunsch, dann machte er sich daran, die Scheinwerfer so auszurichten, dass sie den Bereich rings um den Sockel des Turms beleuchteten. Er holte einen Blaster aus dem Waffenschrank, befestigte ihn an seinem Gürtel, nahm einen weiteren heraus und bot ihn Yomin Carr an.
„Nein danke."
Sie verließen den sicheren, umzäunten Bereich und gingen durch das Tor hinaus zum Turm.
„Was zum Teufel ist da los?", fragte Garth Breise mürrisch, als er am Boden die vielen rotbraunen Käfer bemerkte.
„Vielleicht die Ursache unserer Transmitterprobleme?"
Breise schüttelte den Kopf. „Als ich das zerfressene Kabel fand, habe ich die da noch nicht gesehen."
Yomin Carr blickte steil nach oben. „Glaubst du immer noch, es wäre die Klettertour wert? Oder willst du lieber zuerst das Kabel am Boden noch einmal untersuchen?"
Der Andere zögerte und Yomin Carr glaubte bereits, ihn überredet zu haben, am Boden zu bleiben.
„Wir gehen nach oben", entschied Garth schließlich. „Ich hab keinen Bock auf den Zorn von Danni Quee, also bringen wir es hinter uns."
Yomin Carr suchte fieberhaft nach einem Argument, ihn davon abzubringen, dann fühlte er das Blut in seinen Adern kribbeln. Garth hatte Recht. Sie mussten es hinter sich bringen. Er musste es hinter sich bringen. Und es war besser und vor allem ehrenhafter, aktiv etwas zu tun, als in irgendeinem Versteck darauf zu warten, dass die von ihm herbeigeführte Naturkatastrophe das Team niedermähen würde. Ja, er wollte auf den Turm klettern!
Sie stiegen nach oben – Stück für Stück, jeden Schritt mit ihren Seilen absichernd. Garth Breise erreichte die Turmspitze mit den Installationen als erster und als Yomin Carr gleichgezogen hatte, war es immer noch dunkel.
„Da hast du's", verkündete Garth und griff nach dem Verbindungskasten. „Der Wind."
Yomin Carr trat neben ihn. „Mag sein."
Ein Dröhnen hinter ihnen kündete davon, dass sich Danni, Cho und Bensin bereits auf den Weg gemacht hatten. Sie drehten sich um und winkten der Spacecaster hinterher, deren glühende Triebwerke die noch am Himmel zu sehenden Sterne überstrahlten.
„Ich bin lieber hier als dort", meinte Garth.
„Aber hier oben bist du eine Gefahr", sagte Yomin Carr.
Irritiert von der Aussage und dem beiläufigen Tonfall, in dem sie gesprochen wurde, drehte sich Garth Breise zu seinem Kollegen um. „Wie bitte?"
Yomin Carrs Arm schnellte nach vorn und zwei Finger gruben sich in den Hals von Garth Breise, um diesem die Luftzufuhr abzuschneiden. Garth keuchte und griff mit einer Hand nach seiner Kehle, doch Yomin Carr schlug ihm mit denselben zwei Fingern aufs Handgelenk der anderen Hand, mit der Garth sich am Turm festhielt. Der Schmerz und der Reflex, sich zu verteidigen, zwangen Garth dazu, das Seil fahren zu lassen, um die Hand des Angreifers zu packen.
Garth griff daneben und der Gurtsitz, in dem er gesichert am Seil hängend saß, drehte sich einmal um seine Achse und prallte gegen das Gitter, welches die Apparaturen des Turms umgab. Obwohl Garth diese Rotation kaum kontrollieren konnte, schlug er wild um sich, versuchte sich festzuhalten – am Gitter oder am Seil, aber Yomin Carrs Hände waren stets im Weg, hielten ihn ab, hielten ihn fern. Wie aus dem Nichts tauchte ein kleines, glitzerndes, gezacktes Messer vor seinem Gesicht auf, stach nach seinen Augen. In instinktiver Abwehr hob Garth die Hände vor sein Gesicht, um die Messerattacke abzuwehren, dann sah er, wie das Messer steil vor seinem Gesicht aufwärtsfuhr.
Garth Breise verstand zunächst nicht. Er verstand gar nichts. Bis er losgelöst wurde. Der Freie Fall ergriff von ihm Besitz, ausgelöst von dem fremdartigen Messer, welches Yomin Carr dazu benutzt hatte, das Seil zu durchtrennen, mit dem sich Garth Breise an einer Querverstrebung des Turms gesichert hatte. Seine Arme ruderten ziellos durch die Luft, seine Beine zuckten ebenso sinnlos herum.
Seine Frage mehr ein Keuchen. „Warum?"
Er sah Yomin Carrs blasses, von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht über sich auf dem Turm. Der selbstzufriedene, das Leid genießende Ausdruck im Gesicht seines Kollegen entfachte in ihm ein nie gekanntes Entsetzen. Und jede verzweifelte Bewegung, jede Regung in seinem entgleisten Gesicht gaben neue Glut in das abartige Entzücken, welches in Yomin Carrs Miene geschrieben stand.
‚Weil du mir die Gelegenheit dazu gegeben hast', las Garth Breise im Gesicht seines Mörders die schallend stumme Antwort auf seine Frage.
Yomin Carr fand es praktisch, dass Garth vorher das Flutlicht auf den Sockel gerichtet hatte. Auf diese Weise hatte er einen besseren Blick auf das Geschehen unter sich. Er hörte den Todesschrei, als Garth Breise rückwärts über die Seite des Turms fiel. Dann prallte der Körper noch einmal gegen eine Querverstrebung und stürzte schließlich sich überschlagend nach unten.
Bumm!
Der Aufprall hörte sich gedämpft an aus den hundert Metern Höhe. Das Flutlicht strahlte einen Garth Breise an, der auf der Seite lag, den Rücken leicht gekrümmt, die Arme vor den Kopf gezogen, die Beine angewinkelt, als würde er schlafen. Yomin Carr verspürte einen Anfall von Bedauern, als er daran dachte, dass sein früherer Kollege bei seinem Aufkommen auf dem Boden Belkadans möglicherweise auch ein paar seiner Dweebits zerquetscht hatte.
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General Teeso Ranaris hatte noch einmal alle Waffensysteme überprüft, welche Rhommamool zur Verfügung standen. Nom Anor hatte schon seit Wochen angekündigt, dass es Krieg mit Osarian geben würde, da der reiche Zwillingsplanet den Rhommamoolianern nach wie vor elementare Rechte wie Wiedergutmachung für die Ausbeutung vergangener Jahrhunderte und Abrüstung seines Angriffsarsenals verweigerte. Alle Geschützbatterien waren voll einsatzbereit und es gab immerhin dreißig Abfangjäger, die zwar schon einige Jährchen auf der Außenhülle hatten, aber gut gewartet und einsatzbereit waren. Zwar waren Astromechdroiden nicht mehr als Helfer im Kampfeinsatz erlaubt, aber gute Navigatoren und Schützen würden sie sicherlich ebenso gut ersetzen, da lebendige Wesen mit unvorhersehbaren Manövern überraschen konnten – etwas, worin sie seelenlosen Droiden haushoch überlegen waren.
Jetzt war Teeso Ranaris auf dem Weg vom militärischen Hauptquartier am Rande von Redhaven zurück in sein Haus, welches praktischerweise nur zweihundert Meter entfernt von seinem Arbeitsplatz lag. Er war wieder einmal einer der Letzten gewesen, die das Hauptquartier verlassen hatten – weit nach Dienstschluss, wie er sich stolz anrechnete. Jetzt ließ er den Scanner an der Eingangstür seine Retina abtasten. Die Tür glitt lautlos auf und Ranaris betrat sein Heim.
Seine Frau kam ihm entgegen. „Immerhin bist du noch vor Mitternacht zurückgekehrt", sagte sie.
„Ich hoffe, wenn die Krise vorüber ist, werde ich wieder früher heimkommen", versicherte er ihr und gab ihr einen Kuss auf die bronzebraune Wange.
Rika hatte ihm sogar einen Nachtimbiss angerichtet. Den konnte er jetzt gut gebrauchen. Die Kinder schliefen bereits wie immer um diese Zeit. „Rika, hast du bei den Pshorris angerufen, ob Pretto am Wochenende Zeit hat?"
„Ja, das habe ich, dreimal, aber niemand geht ans Komlink", sagte seine Frau.
„Noch nicht einmal seine Haushälterin?", wunderte sich Teeso.
Rika schüttelte den Kopf.
„Seltsam", meinte ihr Mann. „Versuch es morgen noch einmal. Du weißt, wie gerne ich alle meine Freunde auf dem Fest dabeihaben möchte."
Sie schenkte ihm Wein ein. „Sie werden schon kommen und Pretto wird schon wieder eure gemeinsame Zeit auf der Akademie zum Besten geben."
Es wurde nach Mitternacht und Rika machte sich fertig fürs Bett, während ihr Ehemann noch die Zeitung las.
Rika schlang von hinten ihre Arme um den Sessel, in welchem Teeso saß. Ihre Hände schlossen sich vor seinem Hals – nicht zu eng, aber doch nachdrücklich. „Lies dir nicht die Augen aus dem Kopf. Und lass mich nicht allzu lange warten."
Sie ging ins Ehebett und legte sich hin. Manchmal schlummerte sie allein ein, aber zumeist wartete sie, bis Teeso sich zu ihr legte. Erst dann hatte sie die nötige Ruhe und Kuscheligkeit, um unbeschwert einzuschlafen. Aber Teeso kam nicht. Also nahm sie sich einen Roman und las einige Seiten. Eigentlich war das Geschehen in diesem Roman spannend, trotzdem spürte Rika, wie müde sie war. Sie hatte die Kinder hier- und dorthin gebracht – mit dem neuen Tutakan, welches sie jetzt dafür verwendeten, weil die Kinder die Tiere so cool fanden. Aber die Wege auf dem neuen Reittier waren länger, da so ein Tutakan in der Regel gemächlich dahintrottete. Dann musste sie die Tiere in einen dafür errichteten Stall bringen, sie bürsten, füttern, den Kot wegräumen. Der Wahre Weg Nom Anors erforderte wahrhaft Opfer …
Rika legte den Roman weg und löschte das Licht auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett. Nur Minuten später war sie eingeschlafen.
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Bensin Tomri machte sich daran, die Spacecaster in den Hyperraum zu bringen, als ihn Danni davon abhielt. „Jetzt seht euch das hier mal an", sagte sie in einem Tonfall, der auch Cho Badelek, das dritte Teammitglied auf der Reise, alarmierte.
„Ein Mordssturm", sagte Cho Badelek und runzelte die dunkelbraune Stirn.
Eine große, grüngelbe Wolke wälzte sich vorwärts, hatte bereits die Hauptstadt mit der Residenz von Grabbus dem Hutten überquert und bewegte sich zielstrebig auf die Basis von ExGal-4 zu. Danni erinnerte sich an die seit einigen Tagen grünen Sonnenuntergänge und fragte sich, was geschehen war – noch geschehen würde.
„Ruf das Lager und sag ihnen, sie sollen alles sichern", befahl sie.
Cho Badelek schüttelte das schwarze, krause Haar. „Der Turm ist wahrscheinlich noch nicht repariert."
Danni holte ihren tragbaren Kommunikator heraus. „Bring uns näher zum Planeten", wies sie Bensin Tomri an, und dieser wendete das Shuttle. Sie schlitterten am Rand von Belkadans Atmosphäre entlang und hatten Angst, das Schiff würde auseinander fallen.
„Tee-ubo?", rief Danni und verzog das Gesicht wegen der Statikgeräusche aus dem Kommunikator. „Kannst du mich hören?"
„Danni?", kam die von heftigem Rauschen gestörte Antwort. Die grüne Twi'lek erzählte mit ebenso verzogenem Gesicht etwas von Garth Breise, aber sie konnten es nicht richtig verstehen.
„Es gibt einen Sturm südlich von euch. Einen großen, hast du verstanden?", warnte Danni.
Es kam keine Antwort und Danni wiederholte die Ansage. Endlich sagte Tee-ubo etwas, aber es waren nur einzelne Worte, die durchkamen, manchmal auch nur einzelne Silben.
„Das liegt wahrscheinlich am Sturm", sagte Cho Badelek.
Danni gab auf und schaltete den Kommunikator aus.
"Schon komisch, dass sich Grabbus der Hutt Wochen vor dem Sturm verdrückt hat", meinte Cho Badelek giftig.
„Was hat Grabbus davon?", fragte Bensin.
"Vielleicht gefällt es ihm ja auf Ylesia besser", spöttelte Bensin Tomri. „Und schlimmer als auf Nar Shaddaa kann es auf Belkadan ja auch nicht mehr werden."
„Wir sollten lieber überlegen, ob wir jetzt weiterfliegen oder wieder umkehren, um nach den anderen zu sehen", beendete Danni das Thema Grabbus.
„Wenn wir jetzt wieder da runter gehen, werden wir es so schnell nicht wieder schaffen, den Planeten zu verlassen", wandte Bensin Tomri ein. „Besonders, wenn dieser Sturm erst einmal angefangen hat. Wir hatten Glück, das Ding überhaupt in die Umlaufbahn bringen zu können."
„Der Sturm sieht seltsam aus", meinte Cho Badelek nachdenklich. „Kein sichtbarer Wirbel, kein definierter Mittelpunkt."
„Meinst du, sie werden es überstehen?", wandte sich Danni an ihn.
Bensin Tomri antwortete an Chos statt. „Nachdem wir erst einmal aus dieser Statik raus sind, können wir über den Kommunikator des Schiffs Verbindung aufnehmen. Triff eine Entscheidung: Fliegen wir weiter oder kehren wir zurück?"
Danni dachte lange und intensiv darüber nach. Doch sie war eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin und es kam ihr ohnehin so vor, als gingen sie und die beiden anderen ein größeres Risiko ein als jene, die sie zurückgelassen hatten. „Tee-ubo hat irgendetwas von Garth gesagt", meinte sie. „Er wird wahrscheinlich den Turm reparieren."
„Also weiter", schlussfolgerte Bensin Tomri und machte sich erneut daran, die Koordinaten für den Sprung in den Hyperraum zu berechnen.
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Rika erwachte und verstand zunächst nicht wieso. Sie rieb sich die Augen und blinzelte zum Fenster, wo man um diese Uhrzeit eine durch den allgegenwärtigen roten Staub verursachte sternlose Nacht sehen konnte. Alles wirkte so wie immer, aber es war zu still. Sie tastete neben sich, aber Teeso war immer noch nicht neben ihr im Bett. Sie machte das Licht an und schaute auf das Chrono an der Wand. Es war bereits halb drei Uhr nachts. War ihr Mann draußen im Wohnzimmer eingeschlafen? Sie stand auf, strich sich das verstrubbelte, schwarze, wellige Haar aus dem Gesicht und huschte ins Wohnzimmer. Teeso Ranaris saß nach wie vor in seinem Sessel, jedoch sehr schief.
„Hey, du solltest mich doch nicht so lange warten lassen."
Sie gab ihm einen Klapps auf die Wange, aber er reagierte nicht, weniger noch; die Haut ihres Ehemannes fühlte sich seltsam kalt an.
„Teeso?"
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn in eine aufrechte Position zu bringen. Keine Reaktion – immer noch nicht.
„Teeso!"
Sie schüttelte den Kopf, zog ihn etwas nach vorn … und sah den roten Blutstrom, der das beigefarbene Polster des Sessels lanzengleich nach unten hin eingefärbt hatte.
Ein markerschütternder Schrei entwand sich ihrer Kehle, dann rief Rika Ranaris die Polizei an.
Zur selben Zeit, etwa fünfhundert Meter von ihr entfernt, verließ Nom Anor das letzte Haus, welches es heute zu besuchen galt. General Pomfris hatte er durch einen Stich von hinten ins Herz erledigt, genau wie er es vor zwölf Jahren mit General Banjeer von jener lächerlichen provisorischen Interimsregierung getan hatte, als er in De-Purteen auf dem idyllischen Planeten Ord Cantrell dafür gesorgt hatte, dass es kein starkes Imperium mehr in dieser Galaxis geben würde. Der Yuuzhan Vong hatte sich in seinen Nuun-Hüller geworfen, der ihn vor neugierigen Blicken schützte. Unter dem unsichtbar machenden Umhang, den sein Volk für die Jagd benutzte, wischte er das Blut seines letzten Opfers von seinem Coufee ab. Er wusste, dass die fünfzigtausend Credits gut angelegt waren, für welche der Mandalorianer Goran Beviin auch Oberst Pretto Pshorri und noch einen General seiner derzeitigen Wahlheimat Rhommamool getötet hatte, dessen Name Nom Anor jetzt, im Hochgefühl nahen Sieges, partout nicht einfallen wollte. Aber wofür gab es Pläne und Listen?
Ein paar Stunden später berief Nom Anor Tamaktis Breetha und andere Politiker ins Regierungsgebäude von Redhaven ein.
„Ardent Pomfris, Pretto Pshorri, Teeso Ranaris …", die Namen der getöteten Generäle und Oberste Rhommamools flossen von Nom Anors Lippen. „Das Unrecht, welches uns Osarian nun schon seit Jahrhunderten antut, hat jetzt neue Namen bekommen. Namen, die es wert sind, mit dem Blut derer reingewaschen zu werden, die den Tod dieser treuen Söhne Rhommamools verursacht haben. Wir müssen zurückschlagen!"
Tamaktis Breethas sanfte Augen weiteten sich. „Aber das bedeutet Krieg mit Osarian – offenen Krieg!"
Nom Anor hob eine Braue im dieses Mal unmaskierten Gesicht. „Was habe ich Ihnen, Tamaktis Breetha, über die Verbündeten gesagt, die Rhommamool bekommen wird, wenn es nur entschlossen genug vorgeht?"
„Wenn wir den Osarianern jetzt nicht Paroli bieten, werden sie immer brutaler werden!", sagte Shok Tinoktin mit Verzweiflung und Unheil verkündender Stimme.
„Die Waffensysteme sind bereit", sagte General Albis Chanaktis, der letzte verbliebene hochrangige Militär des Planeten.
„Sehr gut", sagte Nom Anor. „Dann lasst uns zurückschlagen und den Osarianern zeigen, wie unsere Vergeltung aussieht!"
Tamaktis Breetha nickte unmerklich. Es hatte keinen Zweck, sich mit Nom Anor anzulegen. Er stand im Raum offenbar alleine und konnte nur hoffen, dass jetzt, wo die Sache derart eskalierte, jemand auftauchen würde, der besser war als der schwarzgewandete Anführer des Planeten – und stärker.
Eine halbe Stunde später
Nom Anor zwinkerte angesichts der Triebwerksfeuer der Raketen, die auf die feindliche Stadt Osa-Prime abgeschossen wurden. Dies war ein Angriff, den er schon seit Wochen geplant hatte. Dann nahm er sein Komlink und wählte eine Verbindung.
„Hier Commander Ackdool", hörte er die heisere Stimme des Mon Calamari.
„Hier ist Nom Anor. Sie wollten mich sprechen", sagte der Yuuzhan Vong.
„Sie wollten mir eine Zusicherung geben, nicht mit Kampfhandlungen zu beginnen", sagte der Commander der Neuen Republik.
„Wie Sie vielleicht gehört haben, wurden sechs hochrangige Militärs unseres Planeten heimtückisch von Killern ermordet", sagte Nom Anor in getragenem Tonfall. „Ich gehe davon aus, dass Osarian keinen Frieden will."
„Erzählen Sie mir, was passiert ist", forderte Ackdool.
Nom Anor leierte den Bericht herunter, den er schon vor Tagen ausgearbeitet hatte, inclusive der Namen der Getöteten. „Jetzt wo sich Leia und Borsk Fey'lya nicht mehr einmischen, wird es uns ein Leichtes sein, geeignete Methoden zu finden, diesen Zwischenfall effektiv aufarbeiten zu können. Ich nehme doch an, Sie werden den Osarianern die Zugeständnisse abringen können, wo Leia Organa Solo versagte."
Ackdools Stimme klang reserviert. „Ich bräuchte Beweise dafür, dass Osarian hinter den Mordanschlägen auf Ihre Millitärs steht, Nom Anor."
„Die werden Sie bekommen", versprach Nom Anor. Natürlich hatte er im Vorfeld auch entsprechende Spuren gelegt, die zwar nachvollziehbar waren, deren Widerlegung jedoch sehr zeitaufwändig sein würde.
„Ich könnte die Schirmherrschaft über eine Unabhängige Untersuchungskommission übernehmen", bot Ackdool an.
„Ein Schritt, den ich begrüße", säuselte Nom Anor. Unabhängige Untersuchungskommissionen waren immer gut, denn man konnte ihre Arbeit beeinflussen, indem man Agenten einschleuste. Man konnte ihre Arbeit behindern oder so gestalten, dass deren Untersuchungen ein genehmes Ergebnis zeitigten.
Außerdem hieß es, dass Ackdool das Kommando über den Schlachtkreuzer namens Schlichter nur deshalb erhalten habe, um die Nichtmenschen innerhalb des Militärs der Neuen Republik zu repräsentieren. Der Mon Calamari war hauptsächlich deshalb eingestellt worden, weil das Volk der Mon Calamari, das vor fünfundzwanzig Jahren die Rebellion gegen das Imperium Palpatines so tatkräftig unterstützt hatte, nach Pensionierung von Admiral Ackbar wieder jemand Vorzeigbares in den oberen Rängen der Militärs der Neuen Republik haben wollte. Das Amphibienwesen verspürte also den Druck, außer seiner ethnischen Herkunft auch handfeste Erfolge aufweisen zu müssen, um dem Image des Quoten-Mannes im Militär zu entkommen. Nom Anor wollte dieses verletzliche Ego etwas hätscheln und hatte deshalb gegenüber Ackdool einen freundlichen Kurs eingeschlagen …
„Ich freue mich, das von Ihnen zu hören, Nom Anor", sagte Ackdool. „Bitte versprechen Sie mir, dass Sie bis zum Abschluss der Arbeit der Kommission keinerlei Kampfhandlungen gegen Osarian unternehmen."
„Versprechen Sie mir dasselbe von Osarian gegenüber Rhommamool?"
„Die Osarianer werden dem zustimmen. Dafür werde ich sorgen", versicherte das braune Amphibienwesen mit den gelben, vom Kopf abstehenden Augen.
Nom Anor lächelte mit seinen falschen Lippen. „Ich danke Ihnen, Commander Ackdool, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg."
Zweieinhalb Stunden später
Nom Anor hatte seine persönlichen Sachen zusammengepackt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Schlichter die Raketen entdeckt hätte, die Nom Anor von derartigen Positionen abschießen hatte lassen, dass man sie im Licht des Sterns des Systems nicht gleich entdecken würde. Wenn die Raketen erneut ihre Triebwerke zünden würden, um in die Atmosphäre Osarians einzudringen, war alles bereits gelaufen – nun ja, fast alles.
Nom Anors Komlink summte.
"Commander Ackdool. Was haben Sie für mich?", fragte Nom Anor neugierig.
„Sie! … Sie haben Raketen auf Osa-Prime abfeuern lassen!" Ackdools Stimme war bedrohlich und anklagend zugleich.
„Ob Sie es mir glauben oder nicht – mir blieb keine andere Wahl", behauptete Nom Anor. „Es ist so, dass ich gewisse Kreise in meinen eigenen Reihen beschwichtigen muss, um Schlimmeres zu vermeiden."
„Sie meinen wohl, Schlimmes für Sie", ätzte Ackdool.
„Commander Ackdool, es hätten auch wesentlich mehr Raketen sein können. Ich habe alles getan, um die Schäden im Rahmen zu halten", beschwor Nom Anor den Mon Calamari.
„Osa-Prime steht in Flammen und das nennen Sie Schadensbegrenzung?", fauchte Ackdool.
Nom Anor erhob in Abwehr beide Hände. „Nicht, dass ich das gewollt hätte, aber der Zorn meines Volkes muss sich zunächst Luft machen, bevor wir eine umfassende und gründliche Regelung des Konflikts erreichen – Sie und ich."
„Ich dachte, das hätten wir vorher mit der Vereinbarung über eine Untersuchungskommission getan!", versetzte Ackdool zornig.
„Und ich werde dafür sorgen, dass diese Untersuchungskommission so schnell wie möglich ihre Arbeit aufnehmen kann", ertönte Nom Anors salbungsvolle Stimme. „Aber vorher möchte ich Sie um ein Treffen mit Ihnen und osarianischen Gesandten bitten – um ein Treffen, um auf dem neutralen Boden Ihres Schiffs über die nächsten Schritte zu sprechen – völlig losgelöst von den Verhältnissen hier oder dort."
„Sie haben vielleicht Nerven!", polterte Ackdool. „Fangen einen Krieg an und wollen jetzt auf mein Schiff!"
Nom Anors Stimme wurde eindringlich. „Wir müssen alle Chancen nutzen, Commander. Nur wenn die Osarianer sehen, dass es Ihnen ernst damit ist, neutral und gleichzeitig entschlossen zu sein, werden Sie sie überzeugen können, die nötigen Zugeständnisse zu machen."
„Ich sehe hier immer mehr Raketen, die auf Osa-Prime niedergehen!" sagte Ackdool barsch.
Er schaute in sein Komlink und erkannte, dass Nom Anor die Verbindung beendet hatten. Oder waren sie unterbrochen worden? Er wies seine Leute an, ein Treffen mit Nom Anor an Bord der Schlichter vorzubereiten, denn er brauchte ein Ergebnis, einen Erfolg – diesen Erfolg. Dann schaltete er den osarianischen Nachrichtenkanal ein, um die Berichte über die Kriegshandlungen Rhommamools aus nächster Nähe zu sehen und zu hören.
Nom Anor und Shok Tinoktin sahen sich die Nachrichten desselben osarianischen Kanals an. Sie hörten einen aufgeregten Reporter, der über Verwirrung und Panik in Osa-Prime berichtete. Hinter dem Reporter schlug in etwas Entfernung eine weitere Rakete ein und hinterließ einen Flammenball. Die Holocam wurde nach oben geschwenkt und fing die Feuerstreifen ein, die sich durch den Nachthimmel zogen. Andere Raketen und Unmengen Kampfjäger stiegen auf, um sie aufzuhalten. Aber sie würden sie nicht alle erwischen können.
Die Hauptstadt Osarians brannte.
Ein ruhmreicher Tag für Nom Anor.
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Normalerweise wäre Tee-ubo Doole im Inneren der gut befestigten Basis von ExGal-4 geblieben, doch Dannis Warnung vor dem Sturm hatte in der grünen Twi'lek die Überzeugung reifen lassen, dass dies kein gewöhnlicher Sturm war, der über Belkadan hinwegfegte. Es beschlich sie außerdem eine dumpfe Ahnung, dass die schlechte Qualität ihres Langstreckengesprächs mit ihrer Chefin eine Folge des Sturms war. Wenn dieser Sturm wirklich so außergewöhnlich war, und daran hatte Tee-ubo angesichts der seltsamen Verfärbung der Sonnenuntergänge auf dem Planeten keinen Zweifel, dann musste der Sache nachgegangen werden, bevor der Sturm die Station plattmachte.
Das waren sie außerdem Garth Breise schuldig, dessen Tod sie alle schwer getroffen hatte, auch wenn niemand Lust hatte, offen darüber zu sprechen. Yomin Carr, der einzige Augenzeuge des Geschehens, war sichtlich erschüttert vom Turm in die Basis zurückgekommen. Er hatte fast kein Wort gesprochen, seit es passiert war, und hatte sich stattdessen entweder vor seiner Kapsel Drei in die Arbeit gestürzt oder sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Um ihn zu schonen, war Tee-ubo mit den anderen übereingekommen, den ansonsten kräftigen Mann besser in der Basis zu lassen, während sie zu viert nach dem Rechten schauen wollten. Da waren außer ihr Luther De'Ono, ein kräftiger Mann Mitte zwanzig mit rabenschwarzem Haar und dunklen Augen. Luther sicherte die linke Flanke, während Bendodi Ballow-Reese, der mit dreiundfünfzig nicht nur das älteste Team-Mitglied, sondern auch ein altgedientes Mitglied der früheren Rebellenallianz war, die rechte Flanke absicherte. Bendodi war guerillakampferfahren und die Twi'lek hatte das Gefühl, dass mit ihm als Mitstreiter nichts schiefgehen konnte. Und dann war da noch Jerem Cadmir, der Corellianer, der die Nachhut bildete. Jerem war nicht unbedingt das, was man einen martialischen Kämpfer nannte, aber er war ein ausgezeichneter Geologe und Klimatologe. Mit diesen beiden Professionen würde Jerem jede Situation gut einschätzen und richtig auswerten können.
Sie stapften durch den Dschungel, nicht nur mit ihren Rucksäcken mit Essvorräten und Überlebenswerkzeug ausgestattet, sondern auch mit Flugdüsen, die es ihnen im Fall von Gefahr ermöglichen würden, wie Mandalorianer mit ihren Jetpacks schnell und fliegend entweder gut einsehbare Strecken zu überbrücken oder aber sich aus einer Gefahrenzone zu entfernen. Tee-ubo wusste, dass einige ihrer Kollegen die Flugdüsen am liebsten sofort benutzen würden, um es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, aber letztlich hatte Tee-ubos Vernunft gesiegt und nach Berechnung der Sturmgeschwindigkeit war das Team zur Übereinkunft gelangt, dass der Sturm noch eine Woche brauchen würde, bis er das Lager erreichen würde. Bis dahin hätten sie dessen Ursache erforscht und könnten … Tee-ubo wurde schmerzlich bewusst, dass der Kommunikationsturm außerhalb des Lagers immer noch nicht funktionierte. Yomin Carr hatte auch oben an den Kabeln im Kasten keine Schäden feststellen können.
Sie übernachteten in einem Baum, dessen Ästeverzweigung ein einigermaßen bequemes Nachtlager und ausreichenden Schutz vor den nachtaktiven Rotkammpumas garantierte. Trotzdem schlief das Team unruhig und alle waren entschlossen, den Rand des Beckens, welches zwanzig Kilometer südlich des Lagers begann, so schnell wie möglich zu erreichen. Dieses Becken war einzigartig auf Belkadan, denn mit einer geraden Fläche von etwa dreihundert Kilometern bot es einen enorm weiten und damit ausreichenden Ausblick auf den sich nähernden Sturm.
Sie aktivierten ihre Schubdüsen und flogen über das gewaltige Becken. Auch dieser neue Tag verlief ohne weitere Vorkommnisse, aber auch ohne neue Erkenntnisse. Der gegenüberliegende Rand des Beckens war erreicht und sie beschlossen, hier eine zweite Übernachtung einzulegen, wieder auf einem Baum. Es lagen noch ein paar Tage vor ihnen, bevor sie die entscheidenden Messungen durchführen konnten, bevor sie rasch ins Lager zurückkehren würden.
Tee-ubo erwachte früher als geplant, denn ein Hustenanfall schüttelte sie heftig. Als sie sich aufrichtete, bemerkte sie einen widerlichen Geruch in der Luft, der sie an faulende Eier erinnerte.
„In die Anzüge!", hörte sie Bendodi rufen, die Stimme bereits durch die hochgezogene Kapuze gedämpft. „Keine Haut soll offen liegen, ehe wir wissen, was das hier ist."
Mit brennenden Augen und immer noch mit dem ekligen Gestank in der Nase, sah Tee-ubo, wie Jerem Cadmir dabei war, Blätter des Baumes zu erforschen, auf dem sie saßen.
„Wahrscheinlich ein Vulkan", meinte Luther. „Das ist es, was Danni aus der Umlaufbahn gesehen hat. Ein Vulkan, der Dämpfe ausspuckt; wir müssen ExGal anrufen, damit sie das Lager dicht versiegeln."
Tee-ubo nickte. Eine Versiegelung des Lagers war überhaupt kein Problem. Viele ExGal-Stationen befanden sich in wesentlich feindlicheren Welten.
„Es ist kein Vulkan", erklang Jerems Stimme.
Tee-ubo drehte sich zu ihm um. Der Corellianer hielt ein Blatt hoch, welches grün-orangen Dunst absonderte – wie der gesamte Wald um sie herum. „Wie ist so etwas möglich", fragte sie ihre Kollegen und schüttelte den kapuzenbedeckten Kopf.
„Luther, du steigst hoch in den Baum und sagst uns, was du dort siehst", befahl Bendodi. „Wir anderen steigen nach unten."
Sie stiegen vom Baum und Jerem zog eine kleine Pflanze mitsamt der Wurzel aus dem Boden. Während er das tat, krochen ein paar seltsame, rotbraune Käfer aus dem freigelegten Loch.
„Was ist das?", fragte Bendodi und starrte argwöhnisch auf das kleine, schwarze Röhrchen, das zwischen den Mandibeln aus den Köpfen der Käfer ragte.
„Vielleicht gar nichts", erwiderte Jerem. „Vielleicht aber auch ein Hinweis."
Luther kam vom Baum herabgeklettert. „Es ist an uns vorbeigezogen", erklärte er und zeigte nach Norden in Richtung Station. „Und es treibt weiter – ich konnte sehen, wie die Bäume die Farbe veränderten und zu qualmen begannen!"
„Verschwinden wir von hier", meinte Tee-ubo, steckte einen der Käfer in eine Gürteltasche und schob den Kontrollhebel für ihre Flugdüsen vorwärts. Sie zündete die Schubdüsen – und entlockte ihnen lediglich ein heiseres Stottern. Tee-ubo wurde in die Luft gehoben, machte einen kurzen Sprung und landete wieder auf dem Boden.
„Sie bekommen nicht genug Sauerstoff", meinte Bendodi.
Sie liefen durch das Becken zurück. Ein Rascheln ließ sie innehalten und die Blaster ziehen. Ein Rotkammpuma brach aus dem Busch aus. Das große Tier keuchte und hechelte, geriet ins Taumeln. Sie verstanden, dass es nicht nötig gewesen war, die Blaster zu ziehen. Das Geschöpf fiel zu Boden und tat seinen letzten Atemzug.
„Verschwinden wir von hier!", rief Tee-ubo.
Jerem Cadmir fummelte an seinem Komlink herum, um die Station anzurufen, aber alles, was er hörte, war ein unheilvolles Rauschen.
Sie liefen gut eine Stunde – und hatten bereits die Hälfte ihres Sauerstoffs verbraucht. Der Qualm wurde dichter und der gelb-grüne Nebel umfing sie, ohne, dass sie sich orientieren konnten. Nach weiteren langen Minuten waren sie wieder bei dem Baum angelangt, von dem sie hinuntergestiegen waren.
Bendodi Ballow-Reese nahm seinen Sauerstoffpack ab und warf ihn Jerem Cadmir zu. „Lauf nach Hause", befahl er.
Jerem sah seinen etwa doppelt so alten Kollegen an. Bendodi trug den Opfergeist in sich, der damals den Sieg der Rebellenallianz garantiert hatte; jetzt sollte dieser Opfergeist sein, Jerems, Leben retten. Er stand unschlüssig da und schaute zu Tee-ubo, die bereits weiterlief und sich nicht umdrehte. Bendodi stand vor ihm, mit gerümpfter Nase, jetzt, da er kein Atemgerät mehr trug.
„Mach schon", hörte er Bendodis nun heisere Stimme. „Einer von uns muss zur Basis gehen und sie warnen."
Tee-ubo und Luther waren stehen geblieben und starrten die beiden an.
„Geh!", sagte Bendodi.
Jerem setzte zum Widerspruch an, aber der Ältere drehte sich einfach um und rannte von ihnen fort in den Busch. Die anderen konnten noch sein Husten hören, welches immer schwächer wurde, je weiter Bendodi von ihnen fortrannte.
„Er hat den Verstand verloren", rief Luther und rannte ihm hinterher.
Jerem wollte ihm ebenfalls folgen, aber Tee-ubo hielt ihn zurück. „Ich habe da ein …"
Luther hatte das Buschdickicht, in welchem Bendodi verschwunden war, gerade erreicht, als ein Schuss die ansonsten ruhige Geräuschkulisse des Dschungels zerriss.
„Aber er hätte doch …" Tee-ubo brachte Jerem mit einer Handbewegung zum Schweigen.
Luther De'Ono brach am Rande des Buschdickichts zusammen und sackte auf den Boden.
Und Jerem begriff plötzlich, was Bendodi vorhin gesagt hatte: Einer von euch muss zur Basis gehen und sie warnen.
„Geht!", hörten sie Bendodis Stimme rufen – nun nur noch ein mattes Krächzen.
„Halt", sagte Tee-ubo zu Jerem. „Wir müssen auch Luthers Sauerstofftank mitnehmen."
Jerem sah sie an. Er konnte es noch immer nicht glauben, vor allem nicht, dass Tee-ubo auf einmal so knallhart rational denken und handeln konnte. Bisher war sie … nein, das war nicht immer so gewesen.
Tee-ubo stieß ihn in die Seite. „Nun komm schon. Bendodi hat uns gebeten. Wir sind es ihm und Luther schuldig!"
Sie schulterte Luthers Sauerstofftank zusätzlich zu ihrem eigenen, dann stapften sie wieder los. Ein weiterer Schuss hinter ihnen erklang. Jerem und Tee-ubo sahen sich an und wussten, dass jetzt auch Bendodi tot war.
Einer von euch muss zur Basis gehen und sie warnen …
Sie liefen los. Die Dämpfe um sie herum waren noch intensiver geworden, so dass Jerem Tee-ubo nur noch als Schemen wahrnehmen konnte. Immer öfter fiel die Leiterin der auf zwei Mann geschrumpften Expedition zurück. Gelegentlich half Jerem ihr über in den Weg ragende Baumwurzeln oder tiefere Kuhlen hinweg.
Es war still geworden im Dschungel Belkadans. Früher in der Station hatten sie sich bei Stille entspannt. Sie waren bei jedem Dämmerungsheulen eines Rotkammpumas zusammengezuckt. Jetzt vermisste Jerem dieses vertraute Heulen. Der gelbgrüne Dampf war dabei, Belkadans Dschungel zu zerfressen und alles, was sie dagegen tun konnten, war, ein paar Beweismittel zur Basis zu bringen. Jerem Cadmir achtete auf den Weg, um nicht zu stolpern, und entdeckte noch mehr von den ihm neu auf Belkadan erscheinenden rotbraunen Käfern mit dem ungewöhnlichen Röhrchen vorne am Kopf. Einer der Käfer war auf einen anderen gestiegen und vollführte rhythmische Stoßbewegungen. Sie paaren sich, trotz dieser Katastrophe – interessant. Trotzdem ekelte es Jerem an, dass diesen Viechern der Smog nichts auszumachen schien.
Nach einer weiteren Stunde spürte Jerem, dass sie ihre Sauerstofftanks wechseln mussten. Er sah sich zu Tee-ubo um, aber die Twi'lek rannte einfach weiter, die Augen hinter ihrer Maske glasig und verzweifelt.
„Tee-ubo, du musst …"
Die Leiterin des einst vierköpfigen Teams sackte auf den Boden und machte sich nicht die Mühe, wieder aufzustehen. „Brauchst du Sauerstoff?", fragte Jerem. „Ich werde die Tanks für dich wechseln."
Statt einer Antwort hielt sie ihm ihren Tank hin. „Lauf", erklärte sie. „Ich habe dich in der letzten Stunde eh nur aufgehalten. Du bist unsere einzige Hoffnung." Sie schnallte ihre Gürteltasche ab – die mit dem Käfer drin – und warf sie ebenfalls dem verblüfften Jerem zu.
Mit dem Ersatztank in der Hand ging er auf die Twi'lek zu. „Ich lasse dich nicht hier."
Sie schüttelte müde den Kopf. „Du bist schneller und besser ausgebildet, um herauszufinden, was los ist … Letzte Chance", sagte sie mit heiserer Stimme und wies nach Norden gen Lager.
Jerem blieb unschlüssig stehen und überlegte, was er erwidern, wie er Tee-ubo überzeugen, ihr wieder neue Hoffnung geben konnte. Hätte die Twi'lek am heutigen Tag ein genauso schnelles Tempo vorgelegt wie er, dann hätte ihr verbliebener Sauerstoffvorrat für beide bis zum Lager gereicht. Trotzdem wollte er sie nicht zurücklassen. Die Dämpfe würden irgendwann wieder abnehmen. Dann bräuchten sie beide die Masken nicht mehr. Die Frage war nur, wie lange sie bis zur Zone mit atembarer Luft bräuchten.
Tee-ubo nahm ihre Kapuze ab und warf sie zur Seite. Sofort nahmen ihre Augen eine rotgelbe Färbung an und schaumige Flüssigkeit rann aus ihrer Nase.
Ihr Atem war ein einziges Rasseln. „Du verschwendest Zeit … und Sauerstoff."
Jerem ging einen weiteren Schritt auf sie zu, aber ihre Hand hob sich, den Blaster auf ihn gerichtet.
Einer von Euch muss zur Basis gehen und sie warnen ... Einer von euch … nur einer …
Er blinzelte und der Schuss ging knapp an ihm vorbei. Nein, das war nicht mehr die Tee-ubo, die für ihre Ryll-Partys bekannt war, die ziemlich spät am Tage mit der Arbeit anfing und dafür umso früher Feierabend machte. Das war jene Tee-ubo, die nach Belkadan gekommen war, um Neues zu entdecken, die Twi'lek, die immer hilfsbereit und umsichtig gewesen war, bevor der Schlendrian der Ereignislosigkeit auf dem Dschungelplaneten sie eingeholt hatte – genau wie ihn auch. Aber diese Zeiten waren vorbei.
Er sah Tee-ubos Augen brechen, dann nahm Jerem Cadmir ihren verbliebenen Sauerstofftank an sich und rannte weiter – immer auf das Lager zu, wie er hoffte. Seine Augen tränten, nicht von dem Giftnebel um ihn herum, sondern vom angestrengten Schauen auf das Peilgerät – seiner einzigen Orientierung im gleichförmigen, grüngelben Dunst. Langsam fühlte er, wie seine Kräfte schwanden. Aber der Nebel um ihn herum blieb so dicht wie schon seit Tagen. Er konnte sich eigentlich keine Verschnaufpause leisten … und blieb doch stehen, um etwas zu finden, zu erkennen, woran er noch nicht gedacht hatte. Tatsächlich kam ihm eine Idee. Er griff nach Tee-ubos Sauerstofftank, öffnete die Zuleitung und stöpselte sie in die Öffnung der Flugdüsen ein. Die Düsen spuckten und husteten wie Tee-ubo vor Stunden, dann gaben sie Zunder.
Jerem Cadmir erhob sich in die Luft und überwand das Felsmassiv der Senkenbegrenzung, die die vier als erstes überwunden hatten. Unter sich sah er die gelb-grüne Pracht des Sturms, von dem Danni gesprochen hatte. Es war überhaupt kein Sturm, sondern eine riesige Wolke giftiger Dämpfe, eine Wolke, die jede Sekunde größer wurde, da sie sich von den Pflanzen des üppigen Dschungels Belkadans nährte. Er schätzte, dass die Wolke sich mit einer Geschwindigkeit von zehn Stundenkilometern ausbreitete. Noch hielt die natürliche Begrenzung des Felsgrates sie zurück, aber einzelne grünliche Schwaden überwanden die Barriere bereits …
… und noch zwei Tage bis zur Station.
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Der Schweif des vermeintlichen Kometen war ausgeflockt und hatte die vielen lilafarben und in anderen Pastelltönen schimmernden Kampfjäger der Yuuzhan Vong freigesetzt. Jetzt flog ein Geschwader Yorik-ets in V-Form über die Oberfläche von Helska IV, um die von Yomin Carr angekündigten Besucher zu begrüßen. Unter der Kontrollhaube, die an einem nabelschnurartigen Seil von der Decke des Kommandoraums herabhing, sah Präfekt Da'Gara, wie Danni Quee und die anderen näherkamen. Was für ein klappriges Schiff das war! Nein, das war nicht die neueste High-Tech, vor der ihn Nom Anor immer wieder gewarnt hatte. Die Kampfjäger würden leichtes Spiel mit diesen unbedarften Wissenschaftlern haben. Dafür brauchte er den Yammosk nicht weiter zu behelligen. Der große Kriegskoordinator brauchte Ruhe und Kraft, um sich auf andere Herausforderungen vorzubereiten.
Die Yorik-ets hatten die Spacecaster umzingelt und unterbanden einen Ausbruchsversuch. Zufrieden sah der Präfekt des Weltschiffes der Praetorite Vong dabei zu, wie der kleine Villip sich durch die Scheibe der Spacecaster brannte. Jetzt endlich konnte er mit der Chefin der Crew persönlich sprechen. Das erste, was Da'Gara von Danni Quee sah, war ihr angewidertes Gesicht, als der Villip ihr sein Gesicht offenbarte. Kein Wunder, wenn diese Leute nur ungezeichnete Larvengesichter gewöhnt waren bar jeder Auszeichnung, wie er sie als Narben und Tätowierungen trug.
„Schön, dass Sie hergekommen sind, Danni Quee, Bensin Tomri und Cho Badelek. Ich – Da'Gara. Präfekt und Berater für Yammosk, Kriegskoordinator, d …" der Tizowyrm hatte mit den folgenden Basic-Wörtern Probleme, „der Praetorite Vong. Willkommen in meinem Heim."
Die blonde Frau reagierte nicht gleich. Wie auch, hatten sie doch einen leblosen Kometen erwartet. „Sie sehen mein Zuhause, ich g… glaube", fuhr Da'Gara höflich fort. „Sie kommen mich sehen. Ich zeigen Yuuzhan Vong."
„Wie bitte?", hörte Da'Gara den Kerl mit den blauen Augen sagen, der Bensin Tomri hieß.
„Offenbar eine Einladung", erwiderte Danni achselzuckend.
„Sie sehen Villip", erklärte Da'Gara. „Haustier von Yuuzhan Vong."
„Wo kommen Sie her?", fragte Danni.
Da'Garas rechtes Augenlid zwinkerte. Alles zu seiner Zeit. „Orte, die Sie nicht kennen."
Da'Gara fühlte, dass die blonde Frau sich beherrschen musste, bei der folgenden Frage ruhig zu bleiben. „Warum sind Sie hier?"
Da'Gara lachte nur. Sein Lachen genügte, die Spacecaster erneut einen Ausfall wagen zu lassen. Kleine goldene Bälle trafen das alte Schiff, abgefeuert aus den Yaret-kors der Yorik-ets. Die geschmolzene Gesteinsmasse fraß sich durch den alten, fleckigen Schiffsrumpf und die Spacecaster begann, in wilden Schrauben nach unten auf die Eisfläche Helska IVs hinab zu trudeln.
Da'Gara lächelte breit. „Keine Wahl", sagte er. „Sie folgen Korallenskippern. Sofort! Oder Sie schmelzen, und wir erhalten Ehre für Geschenk an Yun-Yammka."
„Lass uns einfach ab…hauen!" Das war der dunkelhäutige Wissenschaftler mit dem Kraushaar. Cho Badelek stotterte bei diesen Worten gar. Nicht würdig!
„Keine Wahl!" Da'Garas Stimme war warnend geworden.
Der Präfekt beobachtete Dannis schreckerfülltes Gesicht. Doch nur wenig später wurden die grünen Augen klarer und härter als je zuvor.
Bumm!
Das Abbild, das der Villip von Danni an das Weltschiff sandte, zerfloss vor Da'Garas Blickfeld in viele Fetzen und Streifen, begleitet von jenem Geräusch, das Da'Gara als Schuss eines Blasters identifizierte. Nur einen Moment später erteilte er einem bereitstehenden Bergungskommando den Befehl, ein Fangnetz unter der Spacecaster auszubreiten. Agent Yomin Carr hatte Recht gehabt! Und also war es Da'Garas Pflicht, seiner Bitte nachzukommen.
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Als Jerem Cadmir wieder auf dem Boden aufsetzte, war die Luft wieder klarer. Die Schubdüsen hatten ihm Stunden mühsamer Kletterei erspart, aber jetzt war ihr Sauerstoffvorrat aufgebraucht. Er setzte die Kapuze ab und stellte fest, dass er wieder atmen konnte. Halbwegs erleichtert warf er die Sauerstofftanks zu Boden. Jetzt lag noch ein langer Fußmarsch vor ihm. Jerem Cadmir rannte. Sein Verstand setzte aus. Das einzige, auf was er sich fixierte, war sein Peilgerät. Darüber hinaus hatte er nur drei Dinge bei sich: Die Pflanzenprobe, die er unterhalb des Baumes genommen hatte sowie den Käfer – und eine Gasprobe der giftigen Dämpfe, die sie kurzzeitig eingeatmet hatten. Und er rannte weiter, vorbei an einem Rotkammpuma, das ihn hinter einem Busch stehend neugierig beobachtete, statt anzugreifen. Es ist satt oder mit etwas anderem beschäftigt – wie ich.
Jerem Cadmir hatte das Gefühl, im Kreis gelaufen zu sein, trotzdem er sich genau an die Richtungsvorgabe seines Peilgerätes gehalten hatte. Spielte ihm sein Orientierungssinn einen Streich? Waren seine Sinne durch die Dämpfe beschädigt worden? Eigentlich hätte er die Basis schon längst erreicht haben müssen. Das würde ihm gerade noch fehlen, dass er knapp am Lager vorbeirennen würde …
Ein Rascheln ertönte und Jerem Cadmir verlangsamte seinen Schritt. Vertraute Schritte waren zu hören. Das Lager konnte nicht mehr weit sein! Jetzt erst registrierte er die hundert kleinen Kratzer an den Armen, realisierte, wie erschöpft er war. Er hielt auf die Schritte zu, kämpfte sich durch ein Gebüsch …
… und stand Yomin Carr gegenüber. Erleichtert sackte Jerem Cadmir zusammen und genoss es, einfach nur auf dem Boden zu sitzen, ohne dass Gefahr drohte.
„Das Lager?", keuchte Jerem.
„Direkt da drüben", antwortete Yomin Carr und zog Jerem wieder auf die Beine. „Wo sind die anderen?"
„Tot", sagte Jerem und holte keuchend Luft. „Alle."
Yomin Carr starrte ihn an.
„Wir haben … wir haben … den Sturm gefunden … aber es war gar kein Sturm", versuchte Jerem zu erklären. „Eine Art Seuche – eine biologische Katastrophe. Sie hat uns überwältigt."
Der Yuuzhan Vong musterte Jerem. Der Mann war nicht unbedingt ein Hüne, aber doch kräftig und trainiert. Seine Augen waren, seit er zu ExGal-4 gekommen war, zumeist sanft gewesen. Nein, Jerem Cadmir war niemand, der Streit suchte oder Ärger machte. Er war in der Gruppe stets verträglich und ausgleichend gewesen. Yomin Carr hätte nie gedacht, dass der Corellianer ein derartiges Durchhaltevermögen an den Tag legen würde wie jetzt, wo es ums Überleben ging. Aber jetzt gab es keinen Kompromiss mehr, hinter dem sich Jerem Cadmir verstecken würde können.
„Aber du bist entkommen", sagte Yomin Carr in seltsam feierlicher Ruhe.
„Sie haben mir ihren Sauerstoff überlassen", erwiderte der andere Mann und begann aus einem ihm selbst unerfindlichen Grund zu zittern.
Yomin Carr packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn fest. Er gibt mir die Schuld am Tod der anderen!, schoss es Jerem durch den Kopf.
„Einer von uns musste zurück ins Lager", rechtfertigte Jerem sein Überleben. „Um die anderen zu warnen. Wir müssen den Frachter starten und von hier verschwinden."
Yomin Carr ließ Jerems Schultern los und lachte laut auf. „Den Frachter?", echote er. „Das Schiff ist nicht mehr geflogen, seit das Lager errichtet wurde und die Hälfte der Komponenten wurde als Ersatzteile für die Systeme der Station ausgebaut. Wir werden ihn nie in die Luft bekommen."
„Aber das müssen wir!", rief Jerem und packte nun seinerseits Yomin Carr an den Schultern." Wir haben keine andere Wahl, es sei denn, der Kommunikationsturm würde wieder funktionieren und wir könnten ..."
„Eine Seuche, sagst du?", wiederholte Yomin Carr mit einer Spur Ironie, die Jerem nicht gefiel. Spielte der andere die Gefahr herunter? Es konnte nur so sein.
Jerems Stimme wurde schriller, als er beabsichtigt hatte. „Du glaubst mir nicht."
„Nun, vielleicht werden wir einen Weg finden, dagegen anzukämpfen", fuhr Yomin Carr, wieder vollkommen ernst geworden, fort, „oder uns vor ihr abzuschotten."
„Das können wir", sagte Jerem und ließ Yomin Carrs Schultern wieder los. Vielleicht hatten ihm die Dämpfe in seinem Hirn einen Streich gespielt und er hatte einfach überreagiert. Vielleicht aber …
„Dann lass uns zum Lager gehen und mit den anderen darüber reden, ob wir den Frachter startklar machen oder zuerst den Turm reparieren sollen", drängte Jerem und strebte an Yomin Carr vorbei in die Richtung, die ihm jener gewiesen hatte. „Die Dämpfe …"
Zwei energische Hände krallten sich erneut in Jerems Schultern. „Dämpfe?", fragte Yomin Carr ruhig.
Ein seltsames Grauen stieg in Jerem hoch. Er musste zu den anderen. Irgendetwas stimmte mit Yomin Carr nicht. Er wollte von dem Kollegen weg! „Keine Zeit für Erklärungen", keuchte er und versuchte, sich Yomin Carrs Griff zu entwinden.
Jerem Cadmir wurde hochgerissen und gegen einen Baum geschleudert. Benommen schaute er zu dem Werfer hoch. Yomin Carr hatte wohl eine athletische Figur aber so einen Wurf aus dem Stand hätte er ihm nie zugetraut. Zu was war sein Kollege noch in der Lage? Er entschied, dass es keinen Zweck hatte, sich in seinem entkräfteten Zustand weiter zu widersetzen.
„Ich könnte dich zu ihnen gelangen lassen", sagte Yomin Carr. „Ich könnte mit dir ins Lager stolpern und hektisch schreien, dass wir den Frachter starten müssen."
„Du verstehst nicht", sagte Jerem.
Die Wahrheit war, dass er selbst nicht verstand. Aber selbst wenn Yomin Carr ihn aus irgendeinem Grund aus dem Weg haben wollte, so mussten sie doch alle zusammenhalten! Keiner von ihnen würde das ansonsten überleben. Auch nicht Yomin Carr, egal wie stark er sein mochte. Er hatte es ja noch nicht einmal geschafft, den Kommunikationsturm zu reparieren, und Garth Breise …
Garth Breise! Er war auf dem Turm allein mit Yomin Carr gewesen … genau wie er jetzt mit dem bislang unbescholtenen ExGal-Mitglied allein war! Jerem Cadmir dämmerte, dass Garths Tod kein zufälliges Unglück gewesen sein mochte. Trotzdem war da immer noch das nahende Unheil, dem sie begegnen mussten. Weder Garth Breise noch Yomin Carr hatten davon gewusst, aber er, Jerem Cadmir, war klüger. Er würde, er musste Yomin Carr zur Einsicht bringen.
„Diese Seuche nähert sich mit unglaublicher Geschwindigkeit", beschwor Jerem den über ihm stehenden Mann. „Es ist nur noch eine Sache von Stunden."
„Gut", meinte Yomin Carr trocken von oben herab und es hörte sich für Jerem beinahe an wie ein Lob, aber eben nur beinahe. „Genauer gesagt sind es drei Stunden."
Jerem glotzte ihn verständnislos an.
„Die Gase werden das Lager innerhalb von drei Stunden erreichen", fuhr Yomin Carr fort. „Der Rest des Planeten wird innerhalb von zwei Tagen damit überzogen sein – oder noch schneller, wenn günstiges Wetter es erlaubt, dass die Atmosphäre ihre kritische Masse erreicht."
„Günstiges Wetter?", wiederholte Jerem Cadmir verwirrt. „Woher weißt du das alles?"
Die Stimme Yomin Carrs wurde zu einem herrischen Bellen. „Schluss damit!"
Er legte den Finger neben die Nase und die Ooglith-Maske schälte sich von seinem Gesicht, von seinem Körper. Jerem Cadmir sah, wie der andere lächelte, als er vollends seine wahre Natur preisgab. Er wusste nicht, dass Yomin Carr den Schmerz genoss, als die fremde Haut ihre vielen, kleinen Tentakel aus seiner bleichen, in einem wilden Zackenmuster schwarz tätowierten Haut herauszog. Angewidert schaute er auf das gespaltene Oberlid, die zerschnittenen Lippen, die Narben auf dem kahlen Kopf, in die schwarzen Augen, die in einer Mischung aus Spott und Verachtung auf ihn herabschauten. Nur die Augen waren echt gewesen.
„Was … bist du?", brachte Jerem hervor.
Yomin Carr legte die tätowierte Hand mit den schwarzen Fingernägeln an die Wange, als würde er nachdenken. „Ja, sicherlich könnte ich dich mit zur Basis nehmen und dort mit den anderen darauf warten, dass euch euer Schicksal ereilt."
Jerem schüttelte den Kopf. Der gelangweilte Ton, in welchem Yomin Carr diese Worte gesprochen hatte, lähmte ihn, raubte ihm jede Hoffnung auf Rettung. Er kämpfte gegen diese dunkle Umklammerung an, versuchte, etwas zu antworten, doch ihm versagte die Stimme ob all dem, was er bis jetzt von Yomin Carr zu sehen, zu hören und vor allem zu fühlen bekommen hatte.
„Denn ich habe selbstverständlich dafür gesorgt, dass der Frachter nie wieder repariert werden kann", fuhr Yomin Carr höhnisch in seiner Selbstoffenbarung fort, „nicht, dass ihr in der Lage gewesen wärt, das rostige Ding vom Boden zu bekommen. Ich könnte euch tapfer gegen die Veränderung ankämpfen lassen, die du als Seuche bezeichnest, und ehrlos sterben lassen, nicht von den Händen eines Kriegers, sondern einfach aus Sauerstoffmangel."
Yomin Carr ließ eine Pause, aber Jerem bewegte lediglich die Lippen und blieb stumm.
„Aber ich habe das Gefühl, es dir schuldig zu sein, aus Hochachtung vor deinem Durchhaltevermögen und deiner Findigkeit, die dich hierher zurückgebracht haben", ließ Yomin Carr die Lothkatze aus dem Sack.
Jerem erwachte aus seiner Starre. Er musste Zeit gewinnen, um sich irgendetwas einfallen zu lassen. Also wiederholte er seine Frage von vorhin etwas detaillierter.
„Was für eine Spezies bist du?"
„Ich bin ein Krieger des glorreichen Volkes der Yuuzhan Vong."
„Was wollt ihr hier?" Jerem fiel auf, dass er automatisch annahm, dass Yomin Carr kein versprengter Irrer seines ihm bislang unbekannten Volkes war.
„Wir werden diese eure Galaxis befreien und sie von euren technischen Monstrositäten reinigen", erklärte Yomin Carr ruhig, aber entschlossen.
„Aber … du hast die Spacecaster repariert. Du hast immer alles repariert. Wie kannst du …?"
„Das ist dein Argument?", höhnte Yomin Carr. „Keine Argumente mehr! Mit jeder jämmerlicher Ausflucht besudelst du dein Ende."
„Mein Ende?" Diese Frage Jerems war rhetorisch und lediglich eine weitere jämmerliche Ausflucht. Er musste an diesem neuen, schrecklichen Yomin Carr vorbei in den Schutz der Basis gelangen! Er rollte sich zur Seite in dem Bestreben, aufstehen und an dem anderen vorbeisprinten zu können, aber der kampfgestählte Krieger war schneller, packte ihn mit einer Hand an den kinnlangen Haaren.
Jerems Beine zappelten in der Luft in dem Bestreben, weiterzulaufen. Seine Füße wurden still, als der andere mit der linken Hand sein Kinn nach oben drückte, so dass Jerem direkt in Yomin Carrs Augen schauen musste.
„Verstehst du, welche Ehre ich dir nun biete?", fragte Yomin Carr ernster als je zuvor.
Jerem antwortete nicht.
„Ich biete dir den Tod eines Kriegers!", rief der Yuuzhan Vong.
„Yun-Yammka!" und mit einer plötzlichen Bewegung der Arme brach er Jerem Cadmir das Genick.
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Das erste, was Danni Quee nach dem Absturz der Spacecaster und ihrer darauffolgenden Bewusstlosigkeit sah, war eine hohe, weite Kuppel, die sich über ihr wölbte. Diese Kuppel war in einem Mosaik verschiedenster Blau-, Grün- und Rosatöne gesprenkelt. Der Anblick erweckte in Danni das Gefühl, sich in einer exklusive Badetherme zu befinden – in so einer, wo man für Stunden einfach abschalten und sich entspannen konnte. Unwillkürlich dachte sie an Yomin Carr. Als ihr Kollege an der Spacecaster gearbeitet hatte, hatte er einen beigen Arbeitsoverall getragen. Zumeist jedoch trug der Frischling von ExGal-4 ein reinweißes Hemd und eine schwarze Hose – klassisch irgendwie und eine Reinheit ausstrahlend, von der sie sich angezogen fühlte. Aber Yomin Carr war nicht mitgekommen.
Ihr fiel ein, dass sie sich auf Helska IV befand, der Kuppelansicht über ihr zufolge jetzt unterhalb des flachen, von einer milchig-opaken Schicht überzogenen Hügels, den sie an Bord der Spacecaster wahrgenommen hatten. Wieviel Zeit war seitdem vergangen? Ihre rechte Schulter schmerzte ungeheuer und sie stellte fest, dass sie den daran hängenden Arm nicht bewegen konnte.
„Danni Quee?"
Sie hörte, wie jemand ihren Namen sagte und es hörte sich so ähnlich an wie, wenn Yomin Carr ihn aussprach. Aber Yomin Carr war nicht hier.
Zwei starke Hände rissen sie nach oben und hielten sie so, dass sie mit ihren Füßen gerade noch auf dem Boden stehen konnte – auf einem schleimigen, schlüpfrigen Boden – igitt! Sie fühlte etwas Fremdartiges auf ihrer Haut und prüfte instinktiv, ob sie nicht vielleicht zu viel von ihrem Körper entblößte, bevor sie die Leute mustern würde, die sie hochgeholt hatten. Sie trug einen Poncho aus braunem Stoff, nicht unangenehm auf der Haut, aber nicht ihrer. Sie drehte den Kopf nach links und sah einen großen, kräftigen Humanoiden in einer schwarzen Kluft, die glänzte und hier Augen zu haben schien, dort dornenförmige Auswüchse hatte. Eine Rüstung?
Sie schaute dem Rüstungsträger ins vernarbte, tätowierte Gesicht. Die Augen des mutmaßlichen Kriegers waren so schwarz wie die von Yomin Carr, seine Haut noch viel bleicher. Und die Lippen wiesen oben und unten ein paar selbst verursachte Scharten auf. Auch die eingedrückte Nase wies darauf hin, dass dieser Mann sich gern verstümmelt oder verstümmeln hatte lassen. Sie schaute nach rechts und der rechte Krieger sah ähnlich aus – mit ebensolcher Rüstung – und denselben schwarzen Augen. Aber während Yomin Carr sie zumeist freundlich-distanziert oder ernsthaft-zurückhaltend angeschaut hatte, musterten diese Krieger sie mit einer Mischung aus Abscheu und Interesse. Weil sie weder Narben noch Tätowierungen hatte?
Sie zwang sich, mit diesen Vergleichen aufzuhören. Yomin Carr konnte nichts dafür, dass er so schwarze Augen hatte wie diese Männer. Und er war nicht hier und vermutlich war das besser so. Sie hingegen sollte sich besser um das Schicksal der zwei Kollegen sorgen, die den Mut aufgebracht hatten, mit ihr zu reisen.
Sie hörte einen gurgelnden Schrei, drehte sich in jene Richtung - und sah Bensin Tomri. Ihrem Kollegen quollen die blaue Augen aus den Höhlen, weil einer der beiden Männer, die ihn in der gleichen aufrechten Position hielten, wie sie gehalten wurde, den Kopf zurückgerissen hatte, so dass Bensins Kehle entblößt war. Ein Humanoider, noch größer war als die beiden Halter Bensins, trat auf den wehrlosen Mann zu und schlug ihm die langen, schwarzen Krallen seiner rechten Hand in die Kehle. Blut spritzte aus Bensin Tomris Hals und besudelte seine Kleidung, die ebenfalls nicht die seine war, seine nackten Füße. Diese Füße zappelten noch etwas, wurden jedoch rasch wieder ruhig. Die beiden Krieger ließen den Leichnam los und der Große, der Bensin Tomri ermordet hatte, drehte ab und kam direkt auf Danni zu.
Dannis Augen konnten sich nicht weiter vor Entsetzen weiten, als sie erkannte, dass dieser Typ derjenige war, mit dem sie über diesen verdammten Villip gesprochen hatte, der ein Loch in die Spacecaster gebrannt und sich danach umgestülpt hatte, um diese abgebrühte Visage zu offenbaren. Die Hand immer noch feucht von Bensins rotem Blut, hielt Präfekt Da'Gara weiter auf Danni zu. Sie versuchte, ihren Haltern zu entkommen und riss an ihren Armen, um sie freizubekommen.
„Gut so", sagte Da'Gara und Danni sah ein Lächeln auf seinem schmalen Mund. Zumindest das können die auch.
Die Krieger stießen Dannis Arme in Richtung ihrer Schultern zurück und eine weitere Welle des Schmerzes überflutete die junge Frau, aber nicht nur unangenehm. Der rechte Arm war wieder eingerenkt worden; sie konnte ihn wieder bewegen wie den linken. Da'Gara machte einen Wink und die beiden Krieger ließen sie los. Sie stand zwar wackelig auf ihren Beinen, aber sie stand.
„Yomin Carr verlangt Respekt für Danni Quee", hörte Danni Da'Garas Stimme. „Hast du ver … ver …"
Er hielt inne und Danni erkannte, wie sehr er mit Basic kämpfte.
„Verstanden", vollendete Danni seinen Satz und Da'Gara schenkte ihr ein weiteres Lächeln. „Verstehst du die Ehre?"
Aber Danni verstand nicht. Hilflos schaute sie ihren Gesprächspartner an und überlegte, woher Da'Gara Yomin Carr kennen könnte. Brennender Schmerz an ihren Füßen riss sie aus diesen Gedanken. Der Schleim, den sie am Boden gefühlt hatte, schien lebendig geworden zu sein. Er umschlang nicht nur ihre Füße, sondern kroch an ihren Waden, ihren Oberschenkeln nach oben, schlüpfte unter ihren Poncho. Wenn es nur das gewesen wäre. Viele kleine Tentakel bohrten sich in ihre Haut, als würde das Ding von ihr Besitz ergreifen. Jeder Tentakel – ein Stich – neuer Schmerz. Wie viele noch?
Danni griff mit ihren Händen nach dem Schleim, aber er schien genau zu wissen, wo er hinmusste, und flutschte ihr immer wieder aus dem sicher geglaubten Griff. Noch ein paar Sekunden und das Ding hatte ihren gesamten Körper umschlungen bis auf ihr Gesicht. Danni griff instinktiv an ihren Hals, um die ekelhafte Hülle von sich herunterzuziehen. Vielleicht saugte sie sie später irgendwie aus.
Da'Gara holte aus und verpasste Danni einen Schlag ins Gesicht. Sie taumelte zurück und konnte gerade noch verhindern, nach hinten zu fallen.
„Entehre nicht Yomin Carrs Bitte", knurrte er sie an. „Zeige Mut, oder ich setze dich aus in leerer Luft von Oberfläche!"
Das ernüchterte Danni. Sie versuchte tapfer, die Schmerzen zu ignorieren und zwang sich, ihr bedrohliches Gegenüber ruhig zu betrachten. Da'Gara hatte von Respekt gesprochen. Vielleicht half es ja, wenn sie sich einigermaßen respektgebietend verhielt.
Als hätte er ihre Absicht erkannt, nickte der Präfekt zustimmend. „Ich froh, dass Danni nicht tot, wie Cho Badelek, als ihr abstürzt", sagte er und es klang ehrlich. „Ich erwarte, dich selbst töten, ehrenhaft und heute."
Danni zuckte nicht mit der Wimper. Offenbar hatte der Präfekt Schwierigkeiten mit den Zeitformen im Basic und wenn sie Glück hatte, wollte er eigentlich in der Vergangenheitsform sprechen.
„Jetzt anders denke", erklärte Da'Gara und ein kleiner Stein fiel von Dannis Herz, da sich ihr Wunsch erfüllt hatte. „Vielleicht besser, du bleibst bei mir und siehst Zhaetor-Zhae." Er schüttelte den Kopf, als er bemerkte, dass er ein Wort seiner Sprache benutzt hatte, das seine Gefangene unmöglich kennen konnte. „Um den Ruhm der Praetorite Vong zu sehen."
Danni schüttelte den Kopf, da sie immer noch nicht begriff, von was er redete.
„Du willst sehen, wie Abscheulichkeit in Galaxis stirbt?", fragte Da'Gara barsch. „Du siehst bei Eindringen Weltschiff. Anfang vom Ende."
Danni verzog das Gesicht, als sie begriff, was Da'Gara vorhatte, warum auch immer. Es kam ihr absurd vor. Wieso wollte er etwas zerstören, was er gar nicht kennen konnte, da er eben erst angekommen war? Oder kannte er die Galaxis bereits? Hatte ihm jemand etwas erzählt?
„Sie haben von Yomin Carr gesprochen", begann Danni den furchtbaren Gedanken zu formulieren. „Arbeitet er für Sie?"
Da'Garas Lippen öffneten sich und er lachte.
„Gut", sagte er, streckte die Hand aus und streichelte sanft über Dannis Wange, was sie noch mehr anwiderte, als hätte er sie geschlagen wie vorhin. „Yomin Carr Agent von Praetorite Vong. Er auskundschaften ExGal-4 und gesagt, dass du und die anderen herkommen."
Die Worte trafen Danni wie, als hätte er sie tatsächlich geschlagen. Sie schaute an sich hinunter. Yomin Carr hatte ausgesehen wie ein Mensch. War er wirklich einer, der für eine fremde Macht spionierte? Ihr fiel ein, dass auch Yomin Carr so eine fliehende Stirn gehabt hatte wie die Männer hier auf dem Stützpunkt. Und den Rest seines Schädels hatte er gut unter der schwarzen Lockenpracht verborgen. Aber es gab unterschiedliche Menschenrassen. Vielleicht kannte sie nicht alle davon. Oder trug Yomin Carr auch so eine lebendige Haut wie sie jetzt – und sah unten drunter genauso aus wie die Männer hier? Sie tendierte zu letzterem.
Ihr war jetzt klar, warum Yomin Carr nicht mitgewollt hatte. Er war groß und kräftig, gar nicht dumm und die anderen Wissenschaftler in der Station waren jetzt ganz allein mit ihm. Ihr standen wieder die Bilder vor Augen, wie Da'Gara Bensin Tomri getötet hatte. Und jetzt, wo sich Da'Garas Plan entfaltete, war ein entfesselter Yomin Carr in der Ex-Gal-Station wie ein Rotkammpuma im Shaakstall!
„Du wirst mit mir sehen, du siehst Wahrheit, du siehst Zhaetor-Zhae, Ruhm von Yuuzhan Vong. Vielleicht du wirst begreifen und glauben und mitmachen. Vielleicht hast du Viccae – Zorn im Stolz – und stirbst. Das gleichgültig. Mein Gedanke, ich mache Yun-Yammka glücklich."
Er winkte einem seiner Mannen und der Krieger gab ihm einen glibberigen, sternförmigen Klumpen. Da'Gara ging auf Danni zu. Sie wich instinktiv zurück, aber der Krieger, der Da'Gara den Klumpen gegeben hatte, ergriff ihre Arme und drehte sie auf ihren Rücken. Dann umklammerte er von hinten ihren Oberkörper, so dass sie in Position dafür gehalten wurde, dass der Präfekt ihr den Gallertklumpen in den Mund schieben konnte, während seine andere Hand ihre Kiefer weit geöffnet hielt. Da'Garas spitze Klauen kratzten an Dannis Gaumen und ihrer Backentasche. Würde sie ihren Mund schließen, würden seine langen Krallen sie unweigerlich verletzen. So musste Danni es erdulden, dass sich zwei Tentakel in ihre Luftröhre schoben. Irgendwo weit unten in ihrem Hals schoben sich wieder diese verfluchten Ausstülpungen in ihr Fleisch, wie es bereits bei ihrem Anzug der Fall gewesen war.
Da'Gara und der Krieger ließen Danni los und die junge Frau fühlte, wie sich der kreisförmige Stern, in welchem die Tentakel oben endeten, über ihren Mund legte, um diesen zu versiegeln. Erneut gruben sich winzige Fühler in ihre Haut, dann war die Transformation vollendet. Sie tat einen Atemzug und zu ihrer Verwunderung konnte sie durch das Ding atmen, als wäre es nicht da, wenn sie es denn nicht fühlen würde.
Da'Gara machte einen Wink und Danni trottete hinter ihm her, flankiert von zwei Wachen. Türen öffneten sich maulgleich und schlossen sich wieder hinter ihnen. Überall dieselben porösen Wände ohne Ecken und Kanten, als liefen sie durch das Innere einer Weltraumschnecke – zumindest stellte sich Danni das Innere einer Weltraumschnecke so vor. Sie gelangten zu einer runden Kammer, in deren Mitte ein Loch gähnte. Danni konnte nicht sehen, was dieser Schlund barg, aber um ihn herum war ein Rand kristallinen Eises. Wieso fror sie nicht?
Ein Schubs von Da'Gara und Danni stürzte vornüber in das Loch. Sie konnte sich gerade noch mit den Händen an der Wand vor ihr abfangen, um nicht mit dem Kopf dagegen zu stoßen, dann rutschte sie in einem langen Eistunnel nach unten. Sie hörte, wie hinter ihr weitere Körper rutschten. Offenbar waren der Präfekt und seine Begleiter ihr nachgesprungen. Die Rutsche endete und Danni fiel ins kalte Wasser von Helska IV. Und immer noch fror sie nicht, obwohl die Temperatur des Wassers nur knapp über dem Gefrierpunkt sein konnte. Jetzt verstand sie, was der Anzug tat. Er schützte sie vor Kälte, so wie Da'Gara und seine Begleiter. Und sie konnte unter Wasser atmen – dank des gallertartigen Sterns vor ihrem Mund, der sich mit ihren Lungen verbunden hatte – eigentlich atemberaubend!
Sie schwammen eine Weile, bis sie eine Art Plattform erreichten, deren Umriss sich dunkel im grünen Wasser des planetenumspannenden Meeres abzeichnete. In diese runde Scheibe war ein Loch eingelassen. Danni fühlte, dass sie am Ziel der Schwimmtour angelangt waren und ergriff den Rand, um an ihm durch das Loch nach oben zu klettern. Was sie oben zu sehen bekam, ließ sie erstarren. Über ihr befand sich genau jene Eiskuppel, von der sie damals auf Belkadan geträumt hatte. Der Boden unter ihren Füßen jenseits des Lochs war von einer Art grünem Moos überzogen. Und auf diesem Boden standen zwei Schüsseln. In der einen befand sich klare Flüssigkeit, die Danni für Wasser hielt. In der anderen hingegen regte sich etwas Schwarzes.
Da'Gara drückte einen Punkt an ihrem Hals und der Hüller zog sich von ihrem Körper zurück. Noch während Danni grimmig die Zähne zusammenbiss, um den Schmerz zu ertragen, den ihr die Tentakel der Schutzhaut beim Sich-Herausziehen zufügten, drückte Da'Gara auf die sternförmige Atemmaske und auch dieses Geschöpf, wie Danni stark annahm, zog sich aus ihren Lungen, aus ihrer Kehle zurück.
„Das Trinken – Wasser", sagte Da'Gara und wies auf die Schüssel mit der klaren Flüssigkeit. „Das Essen", wies er auf die andere Schüssel mit dem schwarzen Inhalt. „Und morgen du sehen Yammosk - Kriegskoordinator."
Mit diesen Worten sprang Da'Gara wieder zurück ins Wasser. Durch den Rand des Loches konnte Danni sehen, dass die Krieger, die ihn begleiteten, unter der Plattform blieben, um Wache zu schieben, damit die kostbare Gefangene nicht auf dumme Gedanken kam. Sie ließ sich auf das grüne Moos sinken und merkte auf einmal, wie hungrig sie war. Sie griff in die Schale mit dem Essen und zog ein zappelndes aalartiges Tier heraus. Wenn diese Leute sich lebende Geschöpfe in die Lungen stecken, dann essen sie auch lebende Tiere – auch wieder irgendwie authentisch. Sie biss dem Aal unterhalb des Kopfes in den schwarzen Leib und er hörte sofort auf zu zucken. Wenigstens hatte sie ihm einen schnellen Tod beschert. Welchen ehrenhaften Opfertod mochte Da'Gara für sie vorgesehen haben, sollte sie seine Wahrheit nicht erkennen?
Danni musste zugeben, dass der frische Aal herrlich schmeckte nach all dem, was sie erlebt hatte. Das Wasser daneben war klar und frisch und löschte ihren brennenden Durst. Das Rückgrat des Aals abnagend, saß Danni Quee an der Wand der Eiskuppel, deren Milchigkeit sie umfing, und genoss die Wärme, die diese Wand abstrahlte – eigentlich ungewöhnlich für solch eine Eiskuppel. Sie untersuchte die Wand näher und stellte fest, dass sie von kleinen Flechten bedeckt war, die nicht nur Wärme gaben, sondern dem frischen Geruch nach zu urteilen auch Sauerstoff absonderten – viel mehr, als es normale Pflanzen in dieser geringen Menge tun würden. Und die Wandflechten spendeten Licht – warmes, goldenes Licht.
Danni seufzte. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sich einer ihrer Träume bewahrheitet hatte, aber dieser hier war zu wahr geworden. Yomin Carr war zwar nicht hier, aber sie war hier bei seinem Volk, den Yuuzhan Vong – und trotz dieses Traumes hatte sie DAS nicht kommen sehen. Jetzt, wo sie intensiv und ausgestattet mit ihrem neuen Wissen darüber nachdachte, hatte es schon den einen oder anderen Hinweis darauf gegeben, dass etwas mit dem Neuling bei ExGal-4 nicht stimmte. Aber sie hatte stets eine Entschuldigung gefunden. Yomin Carr kam angeblich vom rückständigen Planeten Null, wo man nur schlecht Basic sprach. Yomin Carr war zurückhaltend, weil er wahrscheinlich von Natur aus schüchtern war. Yomin Carr wollte nicht mit ihr nach Helska IV reisen, weil er … so rücksichtsvoll und so bescheiden war.
Und jetzt hatte Yomin Carr für sie bei seinem Volk eine Sonderbehandlung erbeten – weil er sie schätzte? War da manchmal noch mehr in seinem Blick gewesen oder hatte sie sich das nur eingebildet? Aber selbst wenn, was nützte ihr das?
Zeig's mir!, hatte sie ihn im Traum aufgefordert. Jetzt hatte Yomin Carr es ihr gezeigt. Yomin Carr – der einzige Mann im ExGal-4-Team, der ihr niemals irgendwelche Avancen gemacht hatte. Yomin Carr, der einzige Mann auf der Station, für den sie sich wirklich auch als Mann interessiert hatte. Yomin Carr hatte sie getäuscht und hintergangen … und sie den Seinen als Beute vorgeworfen.
Sie warf die Rückgratgräte fort und brach in jämmerliches Schluchzen aus. Ihr war egal, ob es die Wachen unterhalb der Plattform hören würden. Cho Badelek und Bensin Tomri waren tot und über die einsame Danni brachen alle möglichen Szenarien herein, was der Yuuzhan Vong in Verkleidung in ihrer Abwesenheit den verbliebenen Kollegen antun würde. Erst nach einer Stunde Weinen bekam sie mit, dass die Flechten an der Wand ihr Licht dimmten. Es war Schlafenszeit.
Danni streckte sich auf dem Moosboden aus und spürte, wie ihre Glieder schmerzten. Minuten später versank sie in einen tiefen, traumlosen Schlummer.
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Jetzt, wo Danni Quee, Cho Badelek, Bensin Tomri fort und Garth Breise sowie Jerem Cadmir tot waren, blieben noch sechs Feinde – vier Männer und zwei Frauen, die Yomin Carrs Plan gefährden könnten. Einer davon saß oben auf dem Kommunikationsturm und versuchte, die Verbindung zur Außenwelt wieder herzustellen.
Yomin Carr wusste, dass das Bemühen sinnlos geworden war. Selbst, wenn derjenige es schaffen und sogleich jemand vom Inneren der Basis um Hilfe rufen würde, hatte die molekulare Seuche bereits fast ganz Belkadan überzogen. Die giftigen Gase und wirbelnden gelbgrünen Wolken waren inzwischen zu dicht, als dass das Signal noch hätte durchkommen können. Als die Wahrheit über die heranrollende Zerstörung deutlich geworden war, hatten die verbliebenen Wissenschaftler versucht, den kleinen Frachter startklar zu machen – natürlich wieder mit Yomin Carrs Hilfe, hatte er doch Tage zuvor bereits die alte Spacecaster wieder flott gemacht. Der Yuuzhan Vong in Verkleidung hatte Drähte geknickt, sodass sich die verrottete Isolierung auflöste, Kurzschlüsse bewirkt und bereits verrostete Bolzen endgültig pulverisiert und so die Verbindungsplatten gelockert.
Als klar geworden war, dass der alte Frachter fluguntauglich bleiben würde, war der zu reparierende Kommunikationsturm die letzte Hoffnung des stark dezimierten ExGal-4-Teams. Lässig verließ der Yuuzhan-Vong-Krieger das Lager und trug dabei ganz offen seinen Gnullith vor dem Mund, um sich vor den giftigen Dämpfen außerhalb des bereits versiegelten Lagers zu schützen. Yomin Carr wusste genau, dass auch das den Anweisungen widersprach, die er von Da'Gara und Nom Anor erhalten hatte, aber auf einen Verstoß mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Es hatte … ja, wann hatte diese Serie von Unbotmäßigkeiten eigentlich begonnen? Als er eigenmächtig Jerem Cadmir getötet und sich diesem obendrein als Yuuzhan Vong offenbart hatte oder bereits, als er das erste Mal in dieses Kommunikationskabel der Ungläubigen unten am Turm gebissen hatte, um seine Schmerzlust zu befriedigen?
Nom Anor hatte ihm ausdrücklich gesagt, dass er das Team solange hinhalten sollte, bis alle an der Molekularseuche verreckt waren. Bis dahin sollte er Daten sammeln – Daten über das Fortschreiten des Siechtums und er sollte den genauen Todeszeitpunkt der einzelnen ExGal-Mitglieder festhalten, getrennt nach den Spezies Mensch und Twi'lek wohlgemerkt. Er würde sich irgendwelche plausiblen Daten zusammenreimen und die in den Bericht schreiben – falls denn einer verlangt werden würde. Nein, er würde ins Feld führen, dass Jerem Cadmir mit der Entdeckung der Dweebit-Käfer zu gefährlich geworden war, um bis zum Schluss am Leben gelassen zu werden, so dass er eventuell seine Kollegen hätte warnen können. Ein sehr überzeugend wirkender Grund und doch wusste Yomin Carr, dass es eine Lüge war. Denn er hatte einen Befehl missachtet und nach langer Enthaltsamkeit vom Kriegerdasein aus reiner Lust getötet – weil er es wollte. Und jetzt würde es weitergehen.
Yomin Carr ging zum Sockel des Kommunikationsturms und schaute nach oben. „Wie geht es mit den Apparaturen voran?", rief er, und wegen der Atemmaske klang seine Stimme irgendwie wässrig.
„Ich habe es gleich", erklang von oben die Stimme einer Frau. „Noch eine Verbindung …"
Lysire Donnabelle hörte das Geräusch eines dumpfen Schlags von unten zu ihr heraufdringen. Was trieb Yomin Carr dort unten? Seit dem spurlosen Verschwinden des Expeditionsteams von Tee-ubo war der Rest der ExGal-4-Mannschaft zur Sicherheit in Zweier- und Dreiergruppen aufgeteilt, die im Schichtsystem wachten oder schliefen. Und war Yomin Carr jetzt nicht zur Schlafenszeit eingeteilt?
Sie zog noch eine Schraube fest, dann packte sie die Reparaturwerkzeuge und den Rest der Ersatzteile, die sie mitgebacht hatte, zusammen und stieg zufrieden den Turm hinunter.
„Es wird jetzt funktionieren", erklärte sie, als sie den Boden erreicht hatte. „Nur eine einzelne Verbindung musste erneuert und befestigt werden."
Sie begann, sich von dem Sicherheitsseil plus Gurtsitz loszumachen. Dann drehte sie sich zu Yomin Carr um – und riss die Augen vor Erstaunen weit auf. Der jüngere Mann trug eine Axt in der Hand – zur Verteidigung gegen Rotkammpumas? Aber das absonderlichste an ihrem Kollegen war der seltsame, gallertartige Stern, den er statt einer Atemschutzmaske und gar ohne Sauerstofftank vor dem Mund trug. Hinter dem durchsichtigen Stern sah sie Yomin Carr grinsen, als ginge ihn der grüngelbe Dunst um sie herum nichts weiter an – oder erfreute er sich gar daran?
Stumm wies Yomin Carr nach unten auf das Verbindungskabel. Lysire Donnabelle starrte auf den glatten, sauberen Schnitt, dann wanderte ihr Blick wieder nach oben zur Axt in Yomin Carrs rechter Hand. Ihr Kollege stand immer noch seelenruhig da und grinste. Lysire schüttelte ungläubig den Kopf, dann wandte sie sich zur Flucht gen Lager.
Yomin Carr ließ sein Bein vorschnellen und die aufgescheuchte Lysire fiel darüber. Noch während seine Kollegin fiel, zog, Yomin Carr in derselben fließenden Bewegung, die sein Bein begonnen hatte, den Schlauch aus der Sauerstoffflasche auf Lysires Rücken. Der Sturz seines Opfers vollendete sich und Lysire wollte sich wieder aufrichten, aber Yomin Carr stellte den Fuß auf ihren Rücken und drückte zu.
Lysire wand sich hektisch, schnappte nach der Luft, die es nicht mehr zum Atmen gab. Die grüngelben Dämpfe drangen durch das herausgerissene Kabel in ihren Schutzanzug, doch wie durch ein Wunder gelang es ihr, sich umzudrehen und dabei Yomin Carrs Fuß zu entkommen. Er ließ sie aufstehen und schaute in ihre sich von Blau in Rotgelb wandelnden Augen. Das würde Nom Anor zweifellos interessieren. Lysire wandte sich endgültig zur Flucht und eilte auf das Tor zu, welches den einzigen Ein- und Ausgang in dem Palisadenzaun rund um die Basis darstellte. Ihr schleppender Schritt, gepaart mit rasselndem Keuchen, ließ Yomin Carr zur Überzeugung kommen, dass weiteres Eingreifen unnötig war. Gelassen sah er dabei zu, wie Lysire torkelte und schwankte, bis sich die Schlangenlinie ihres Wegs vollendete und sie mit dem entblößten Kopf gegen das Tor krachte. Ein unbeholfener Versuch, das Tor zu öffnen, und Lysire sank zu Boden.
Yomin Carr holte schnell zu ihr auf und blieb stehen. Halb galt seiner Aufmerksamkeit der sterbenden Lysire Donnabelle, halb achtete er auf Geräusche vom Inneren der Basis. Er musste etwa eine halbe Stunde warten – Lysire war schon längst tot – bis sich die Tür von innen öffnete.
„Lysire!", der Schrei ihrer Teampartnerin, die nach dem Rechten sehen wollte, überraschte Yomin Carr nicht. Er wusste genau, wer mit wem im Team eingeteilt war und alles verlief nach seinem Plan.
Aryla Kaeris beugte sich über ihre tote Partnerin. Das dreckverschmierte Gesicht ihrer Kollegin wies darauf hin, dass Lysire gestürzt war – und ihre verfärbten Augen waren noch geöffnet. Aryla schloss Lysires tote Augen und ließ einen tiefen Seufzer fahren. Die zweite Tote im Team – und sieben weitere verschollen oder noch auf Reisen. Ihr Blick schweifte über die Leiche, da bemerkte sie das herausgerissene Kabel an der Atemmaske. Sie schaute auf und sah Yomin Carr über sich stehen, die schwarzen Augen kalt und entschlossen, die Axt hoch erhoben.
Es blieb keine Zeit mehr für einen Todesschrei, als die Axt in Aryla Kaeris' Brustkorb eindrang und dabei einige Rippen durchschlug. Ein stiller Triumph durchströmte Yomin Carr. Die letzte Frau im Team tot – welch eine Symbolik! Die Menschen und anderen Spezies dieser Galaxis hatten versagt – hatten den Yuuzhan Vong nichts entgegenzusetzen!
Yomin Carr brach das Schwelgen im Triumph ab und zog die Axt aus Arylas Brust, um sie auf die tote Lysire fallen zu lassen. Dann eilte er durch das geöffnete Tor zurück ins Lager. Es blieben noch vier Feinde und er wusste, dass zwei von ihnen der Teamaufteilung gemäß schliefen. Aber auf eine weitere Missachtung von Befehlen kam es jetzt nicht mehr an. Nach dem Tod des Letzten hätte er genügend Zeit, Spuren zu verwischen, neue, falsche Fährten zu legen – letztendlich würde die von ihm erschaffene grüngelbe Wolke alles in gefälliges Dunkel hüllen. Und später, wenn der Planet gereinigt war, würde er seine Beförderung einheimsen nebst Belobigung – und vielleicht …
… vielleicht wäre Danni Quee auf Da'Garas Weltschiff ja doch einsichtig. Vielleicht würde er sie dann wiedersehen.
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Nom Anor fühlte sich alles andere als wohl, als er angeschnallt auf seinem Sitz des Schiffes saß, um den letzten Schritt seines Plans Rhommamool zu wagen. Neben ihm saß sein Getreuer Shok Tinoktin, der immer noch keine Ahnung hatte, für wen er eigentlich arbeitete. Der Exekutor hatte sich nie vor Raumflügen mit lebloser Technologie gefürchtet, aber diese primitive Zweistufenrakete aus rhommamoolianischer Produktion würde selbst einem Han Solo nicht geheuer sein – davon war er überzeugt.
Shok Tinoktin zog das Schiff hoch und die Schwerkraft Rhommamools drückte sie in die Sitze. Der Planet unter ihnen wurde kleiner und Nom Anor atmete einmal tief durch. Ein abrupter Geschwindigkeitsabfall signalisierte, dass die erste Stufe der Rakete hinter ihnen ausgebrannt war, und Shok Tinoktin machte sich daran, das große, ungelenke Schiff auf die wartende Schlichter zuzusteuern. Einen Moment später knackte ihr Kom-Kanal.
„Sie rufen uns", erklärte Shok seinem Anführer.
Nom Anor hob die Hand und schüttelte den Kopf. „Kümmere dich um den Kurs."
Die Verhandlungspartner an Bord des Mon-Calamari-Kreuzers mussten zweifellos sehen, wie schwerfällig und schwer zu lenken das Schiff der Gäste aus Rhommamool war. Eine Verzögerung in Nom Anors Antwort würde die Angelegenheit noch ein bisschen dramatischer gestalten. Die beiden Männer lösten die Gurte ihrer Sitze und krochen durch die enge Kapsel, die das Cockpit des Schiffes darstellte. Dann hob Nom Anor den enthaupteten Körper des ursprünglichen Piloten auf den Sitz, wo Shok gesessen hatte.
Nom Anor sprach ein Gebet zu Yun-Harla, welches Shok Tinoktin nicht verstand. Es war das erste Mal das er dies in Shoks Gegenwart tat. Wenn die Zeit reif war, würde er es ihm erklären. Dann küsste er den Villip, den er, mit Blorash-Gallert auf dem Hals des toten Piloten befestigt, in der Kapsel zurücklassen musste. Die beiden Männer verließen kriechend die Kapsel und erreichten den hinteren Teil der Rakete, wo ihr Fluchtvehikel stand.
Die rhommamoolianische Rakete brach aus der Umlaufbahn und raste auf die Schlichter zu – warf dabei ihre zweite Stufe ab. Diese Stufe war tatsächlich nie gezündet worden, denn das war gar nicht nötig. Diese zweite Stufe war lediglich eine leere Hülse, in welcher ein A-Flügler versteckt war, der die Hülse derart durch den Raum fliegen ließ, als würde sie ziellos umhertrudeln. Aus dem vergrößerten Cockpit dieses A-Wings, welches modifiziert worden war, um zwei Personen aufzunehmen, sahen Nom Anor und Shok Tinoktin dabei zu, wie zwischen Osarian und Rhommamool die Raketen hin und her flogen. Die Kampfjäger der Schlichter surrten durch die Atmosphäre beider Planeten, besonders die von Osarian, und versuchten, so viele Raketen wie möglich abzuschießen. Die Hülse wendete und gewährte ihnen einen Ausblick auf den reicheren der Zwillingsplaneten, wo thermonukleare Wolken davon kündeten, dass einige der rhommamoolianischen Raketen durchgekommen waren. Und jede durchkommende Rakete war ein Argument mehr für Commander Ackdool, mit Nom Anor zu verhandeln.
Die Hülse drehte sich noch ein Stück und nun sahen sie das Ziel, die Schlichter, die bereits riesig aussah, wo sie noch ein paar Kilometer von ihr entfernt waren.
„Bleib auf diesem Kurs", befahl Nom Anor.
Shok zündete die Schubvektor-Kontrolldüsen, unterbrach damit die Drehbewegung und stabilisierte langsam den Blick auf die Schlichter.
„Öffne den Kanal."
Shok nickte und öffnete den bildlosen Komm-Kanal. Ein Bild war auch nicht nötig, denn das lieferte der auf Nom Anors Ooglith-Gesicht eingestellte Villip vorne in der verkabelten Kapsel. Trotzdem konnte sich Nom Anor das Bild des arglosen Mon Calamari nur zu gut vorstellen – sein falsches Begrüßungslächeln, das sich öffnende Fischmaul, welches die zu erwartenden diplomatischen Plattitüden absondern würde.
„Ich grüße Sie, Commander Ackdool", sagte Nom Anors Villip.
„Ich grüße auch Sie, Nom Anor. Ich hoffe, dass …"
Ackdool wurde von drei Kampfjägern unterbrochen, die auf die Kapsel zuhielten. Nom Anor und Shok Tinoktin hörten Ackdool fluchen, dann spuckte die Schlichter eigene Jäger auf, um die Kapsel abzuschirmen. Die osarianischen Z-95 Headhunter drehten ab und flogen in Richtung Basis davon. Shok Tinoktin bemühte sich, die Hülse so zu halten, dass sich sein Chef an dieser Schützenhilfe der Neuen Republik laben konnte.
„Ihre Freunde von Osarian scheinen an keinen Gesprächen interessiert zu sein, Commander Ackdool", meinte Nom Anor vorwurfsvoll.
„Osa-Prime steht in Flammen", erwiderte Ackdool und Nom Anor erkannte den Riss in seiner diplomatischen Fassade.
„Wir haben einem Waffenstillstand zugestimmt", sagte Nom Anor.
„Sie werden den ganzen Weg zur Schlichter unter unserem Schutz stehen und nach unserem Gespräch nach Rhommamool zurück eskortiert werden", versicherte der Mon Calamari. „Darauf gebe ich Ihnen mein Wort."
„Wie Sie wollen", sagte Nom Anor, da der angeklebte Villip nicht nicken konnte.
„Bildverbindung abbrechen", flüsterte er Shok zu.
Dieser schaltete auf eine andere Frequenz um, so dass es auf Ackdool wie eine technische Störung wirken musste. Erneut raste eine Welle von Z-95-Headhuntern heran, um die Kapsel von ihrem Kurs zur Schlichter abzudrängen.
„Commander Ackdool", sagte Nom Anors Villip sehr zögerlich.
„Ich kann Sie hören", erwiderte Ackdools knisternde Stimme. „Wir haben die Bildverbindung verloren."
„Ich fürchte, der Schaden liegt bei uns", sagte Nom Anor. „Ich sehe nichts als osarianische Schiffe. Und ich habe keine Kontrollen." Seine Stimme schraubte sich etwas höher. „Ich kann ihnen nicht aus dem Weg gehen!"
„Bewahren Sie die Ruhe, Nom Anor", erwiderte Ackdool. „Meine Jäger werden Sie schützen."
Nom Anor und Shok Tinoktin lächelten, als die X-Wings des Mon-Calamari-Kreuzers auch die zweite Welle abfingen. Einer der X-Wings schoss in einem brillanten Manöver mitten aus einer Fassrolle einen Torpedo ab, der die Kapsel nicht nur vor einem Schuss der Osarianer rettete, sondern sie zugleich in gehörige Rotation versetzte.
„Ich habe nie an Ihnen gezweifelt", sagte Nom Anors Villip ruhig.
Ackdools Pause nach diesem Satz war vielsagend. Der Commander hatte offenbar große Hochachtung vor einem derart ruhigen, über dem Tod stehenden Nom Anor. Der Exekutor wünschte sich in diesem Augenblick beinahe, er wäre wirklich in dieser Kapsel, um sich mit Ackdool und den Osarianern zu treffen – aber nur beinahe.
„Ohne Kontrollen", veränderte sich Nom Anors Stimme zu einem Knurren, „kann ich noch nicht einmal meine Triebwerke drosseln und den Kurs wechseln. In die Teergruben von Alurion mit Ihnen, Ackdool! Sie haben mir sicheres Geleit versprochen!"
„Wir werden Sie holen", kündigte Ackdool an.
Einen Augenblick später kam die Kapsel abrupt zum Stillstand. Trotz ihrer Richtung, die von der Schlichter fort wies, bewegte sie sich auf das große Schiff zu.
„Ein Traktorstrahl", erklärte Shok Tinoktin. „Die Triebwerke der Kapsel werden nicht dagegen ankommen. Sie werden die Kapsel zum Schiff ziehen und sie dort festhalten, bis sie sie an Bord holen können."
„Wir haben Sie", erklärte Ackdool.
Nom Anor kümmerte sich nicht um seinen potentiellen Gastgeber. „Umso leichter für uns", sagte er zu Shok Tinoktin.
Der in der Hülse verborgene A-Flügler begann sich zu drehen und Nom Anor sah, dass Shok Schwierigkeiten mit der Steuerung hatte. Er warf seinem Getreuen einen erbosten Blick zu. Shok wusste, dass Nom Anor es ihm nie verzeihen würde, bliebe ihm dieser ganz spezielle Triumph versagt.
„Wir schlittern am Rand der Atmosphäre entlang", rechtfertigte sich Shok Tinoktin, dann verdoppelte er seine Anstrengungen und Nom Anor erhielt erneut Ausblick auf die Schlichter – und damit auf sein sich vollendendes Werk.
Der kleine Punkt der Kapsel verschwand in der Andockbucht der Schlichter und Shok Tinoktin öffnete den Sichtkanal wieder.
„Bumm!", sagte Nom Anor und lächelte Shok zu.
„Bumm!", sagte Nom Anors Villip zu Commander Ackdool.
Die nuklearen Sprengköpfe, die in der Kapsel versteckt waren, explodierten, zerstörten den gesamten Bereich der Andockbuchten und rissen einen großen Brocken aus dem Deck des großen Schlachtkreuzers. Eine Druckwelle erhob sich und ein Regen weiß glühender Metallsplitter zerstörte viele der näheren Kampfjäger. Das Heck des Schlachtkreuzers hob sich um neunzig Grad, bis die Stabilisierungstriebwerke die Bewegung aufhalten konnten.
Gefangen von der Schwerkraft Rhommamools, trieben Nom Anor und Shok Tinoktin in ihrer Hülse auf den Planeten zu. Als sie sich weit genug von der Schlichter entfernt hatten, um nicht entdeckt werden zu können, zerstörte Shok die Hülse mit Lasergeschützen. Sie flogen mit ihrem modifizierten A-Flügler zur anderen Seite des Planeten und verließen sich darauf, dass Commander Ackdool und seine Besatzung zu viel damit zu tun hatten, den Rest ihres Schiffes zu sichern, um sie auch nur zu bemerken.
Kurz darauf sprangen sie in die Lichtgeschwindigkeit und ließen Rhommamool weit hinter sich. Nom Anor hatte den Konflikt weit vorangetrieben, bis zu dem einen Punkt, an dem es keine Hoffnungen auf eine friedliche Lösung mehr gab. Seine Pflicht hier war zu Ende.
Nom Anor dachte immer noch über die Schönheit seines Plans nach, als der A-Wing Stunden später wieder aus dem Hyperraum fiel. Der Kurs nach Adumar, der nächsten Welt, wo er Unruhe stiften würde, war bereits berechnet und so hatte sich Shok Tinoktin ein Schläfchen gegönnt. Nom Anor versicherte sich, dass sein Getreuer fest schlief, dann aktivierte er einen seiner Villips. Nur Minuten später stülpte sich das Geschöpf um und enthüllte das Antlitz von Präfekt Da'Gara.
„Wie steht es mit Yomin Carrs Operation?", fragte Nom Anor nach der höflichen und formellen Begrüßung, froh, wieder in seiner Muttersprache sprechen zu können.
„Belkadan ist für unsere Feinde so gut wie tot", versicherte ihm Da'Gara. „Yomin Carr wird dort bleiben und in diesem Bereich der Galaxis als meine Augen fungieren."
„Er hat also die Satelliten der Station zu unserem Vorteil ausgerichtet?", wollte Nom Anor wissen.
„Das hat er, Exekutor. Oder er wird es tun, sobald der Sturm vorüber ist. Wir sind allerdings auch jetzt nicht blind, denn der Kriegskoordinator überwacht den nahe gelegenen Sektor."
„Und Sie sind zufrieden mit dem, was der Kriegskoordinator sieht?", fragte Nom Anor.
„Diese Region ist kaum bevölkert", antwortete Da'Gara mit einem gewissen Bedauern. „Die Beobachtungen des Kriegskoordinators, zusammen mit den vorigen Berichten, zeigen, dass wir hier auf wenig Widerstand stoßen werden."
Nom Anor nickte zustimmend. Die Praetorite Vong würden noch eine Weile verwundbar sein, solange sie nur diesen einzelnen gefrorenen Planeten als Basis hatten. Es war von großem Vorteil, einen Yammosk für den Angriff einsetzen zu können. Zusätzlich zu seinen eigenen wichtigen Kräften konnte das Geschöpf die Kräfte von drei Weltschiffen zielgerichtet steuern – dafür war es erschaffen worden. Jetzt musste dem Yammosk gestattet werden, alle grundlegenden Verteidigungseinrichtungen zu installieren, um so mit der Zeit auch diesen ersten Schwachpunkt bedeutungslos werden zu lassen.
„Haben Sie Ihr Ziel bereits ausgewählt?", fragte Nom Anor.
„Sernpidal", erwiderte der Präfekt. „Der dritte Planet des julevianischen Systems und der am dichtesten bevölkerte Planet des ganzen Sektors."
Nom Anors Hand fasste sein Kinn. „Ein ehrgeiziger Schritt."
„Der Yammosk hat die atmosphärischen Brüche und die Vielfalt der Kommunikation, die von der Oberfläche Sernpidals ausgeht, bereits gefühlt und er fühlt sich nicht sicher."
„Wenn man euch entdeckt, dann vermutlich von dort aus", mutmaßte Nom Anor.
„Wir werden versuchen, es unauffällig zu tun", versicherte Da'Gara. „Vielleicht durch eine Seuche – etwa eine ähnlich wie das molekulare Desaster, das Yomin Carr auf Belkadan in Gang gesetzt hat, obwohl es schwieriger sein wird, die Kommunikation eines so fortgeschrittenen Planeten wie Sernpidal mit dem Rest der Galaxis zu unterbrechen. Und wir müssen unsere Feinde am Boden halten, während die Zerstörung ihren Lauf nimmt. Der Kriegskoordinator hat uns im Falle einer Seuche eine Chance von sieben-komma-drei zu eins gegeben, bei letzterem gar nur eine Chance von eins zu eins."
Nom Anor dachte lange nach, bevor er antwortete. „Es müsste etwas sein, das nicht direkt als Invasion erkannt wird und auf keinen Fall das Ausmaß unserer Kräfte erahnen lässt." Er dachte an seine eigenen Subversionen auf Rhommamool und anderswo. „Aber es muss nicht lautlos vor sich gehen."
Er sah, wie Da'Gara überlegte.
„Zerstören wir Sernpidal", sagte Nom Anor. „Und töten dabei so viele Feinde wie möglich. Aber wir sollten zumindest ein paar feindliche Schiffe zu uns locken, um sie zu studieren – und um sie nach und nach aufzureiben. In ihrer Gesamtheit würde die Flotte der Neuen Republik eine Gefahr für die Praetorite Vong bedeuten, aber wenn wir sie nach und nach zu uns locken, wird sie wirkungslos sein."
„Nicht in aller Stille?", meinte Da'Gara skeptisch.
„Aber auch nicht öffentlich", ergänzte Nom Anor.
Wieder schwiegen beide lange Zeit und Nom Anor überlegte bereits, ob er dem Präfekten Ratschläge geben sollte, da bildete der Villip des Präfekten ein Aufblitzen in dessen Auge ab.
„Yo'Gands Kern?", fragte Da'Gara.
Der Vorschlag überraschte Nom Anor und er hätte ihn beinahe abgelehnt, doch dann dachte er ernsthaft darüber nach. Ja, es würde schnell geschehen, ungeheuer effektiv sein und …
„Machen Sie Ihren Lärm, Präfekt Da'Gara", sagte Nom Anor. „Zerstören Sie Sernpidal und planen Sie unsere Expansion. Ich erwarte, wieder von Ihnen zu hören."
„Da ist noch etwas", hielt Da'Gara ihn zurück. „Danni Quee, die Leiterin der ExGal-4-Station von Belkadan, ist mit zweien ihrer Leute nach Helska IV gekommen."
„Wie konnte Yomin Carr das zulassen?", fragte Nom Anor aufgebracht.
Der Präfekt verzog keine Miene angesichts des Ausbruchs von Unmut. „Keine Sorge, Exekutor. Ich halte die Frau als meine Gefangene und ihre Mitstreiter sind tot. Yomin Carr hat mir versichert, dass Danni Quee ein würdiges Opfer für den Schlächter ist. Ich glaube ihm und …" Da'Gara ließ eine kleine Pause, „… sie hat wertvolle Informationen über diese Galaxis."
„Freiwillige Informationen?", fragte Nom Anor skeptisch.
Da'Gara grinste. „Nun, ich und der Kriegskoordinator testen sie in vielerlei Hinsicht."
„Ich hoffe, das ist es wert", sagte Nom Anor düster, dann streichelte er den Villip Da'Garas und der braune Ball stülpte sich wieder um.
Angesichts dieser letzten Information fand Nom Anor, dass Yo'Gands Kern für die Klärung des Problems Sernpidal wirklich eine gute Lösung darstellte.
„Was war los?", fragte ein verschlafener Shok Tinoktin und blinzelte.
„Der Ruf", sagte Nom Anor salbungsvoll und Shok hing sofort andächtig an seinen Lippen. „Der Ruf der Unterdrückten, die darum betteln, dass wir ihnen gegen die gnadenlose Ratsherren der Neuen Republik beistehen."
Shoks braune Augen lächelten unsicher. „Bereiten Sie Ihre nächste Ansprache vor?"
Nom Anor lächelte. „Nicht meine, deine, lieber Shok."
„Ich?"
„Du hast mir die ganzen Jahre über treu gedient", lobte Nom Anor seinen Getreuen. „Du hast auch viel gelernt und jetzt wirst du fortführen, was ich einst auf Rhommamool begann. Ich habe andere Arbeiten zu erledigen, aber wir bleiben in Kontakt."
„Sie können Sich auf mich verlassen, Nom Anor."
„Gut, denn mein Ruf als Märtyrer für unsere Sache wird das Fundament sein, auf dem du deine Karriere fürs Erste aufbauen wirst. Nutze den Trauerbonus gut, Shok, dann wird uns später so viel Erfolg zuteilwerden, dass …", er bemühte sich, eine nicht ganz so profane Formulierung zu finden, „… alle Probleme, die wir auf Rhommamool angesprochen haben, gelöst sein werden."
Nom Anor wusste, dass Yun-Harla, falls es sie wirklich gab, ihn auf eine erneute Probe stellte. Nicht, dass er gerne auf Rhommamool geblieben wäre. Aber die sichere Wohnung – das gut eingerichtete Labor. Nach Jahren musste er diese Sicherheiten, diesen Komfort, aufgeben und erneut untertauchen. Aber irgendwann würde er wieder auferstehen. Und dann würde er seine menschliche Hülle endgültig ablegen und sich nicht nur dem auserwählten Kreis mandalorianischer Handlanger, sondern auch galaxisweit als der Yuuzhan Vong offenbaren, der er war. Bis dahin würde er sich aus der Distanz mit den Trauerbekundungen seiner Jünger auf Rhommamool zufriedengeben müssen. Diese Trauer um den vermeintlichen Märtyrer Nom Anor würde schon bald in den Hass und die Wut umschlagen, die Nom Anor brauchte, um sich die Früchte seines Werkes noch süßer schmecken zu lassen.
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Einen Tag später auf Coruscant
Commander Ackdool war mehr als unwohl zumute, als er dem Staatschef gegenüberstand. Borsk Fey'lya war flankiert von den anderen Ratsherren und Senatsmitgliedern, die der Anhörung des Mon Calamari über die Operation Rhommamool/Osarian beiwohnten.
„Wie konnte es passieren, dass Nom Anor auf Ihrem Schiff sein und sein Schiff explodieren konnte?", fragte der Bothaner den Mon Calamari.
„Ich weiß es nicht", gestand Ackdool.
„Wurde die Kapsel nicht vorher auf Waffen untersucht?"
„Er war ein Gesandter und wollte verhandeln. Das ergibt alles gar keinen Sinn!"
„Vielleicht nicht auf den ersten Blick", gab Fey'lya zu. „Aber Shunta Osarian Dhargg war äußerst empört darüber, dass Sie seine Gesandten auf der Schlichter solch einer Gefahr ausgesetzt haben."
„Shunta Osarian Dhargg wollte noch nicht einmal selbst auf mein Schiff kommen!", rechtfertigte sich Ackdool. „Und seinen Gesandten ist nichts passiert."
„Trotzdem war es Ihre Fahrlässigkeit, Commander", beharrte Fey'lya. „Osarian und Rhommamool haben unisono einen Untersuchungsausschuss des Senats in dieser Angelegenheit beantragt. Und ich habe ihrem Antrag stattgegeben. Ich muss Sie bitten, sich bis zur Klärung des Sachverhalts hier auf Coruscant zur Verfügung zu halten."
„Jetzt, wo der Konflikt zwischen Osarian und Rhommamool wieder richtig aufgeflammt ist?" Die Stimme gehörte Leia Organa-Solo, der früheren Staatschefin.
Fey'lya zog die Brauen zusammen. „Mit Verlaub, Ratsherrin Solo, aber dieses Vorgehen ist absolut protokollkonform."
„Hier geht es nicht um Protokolle, Staatschef, sondern um Menschenleben – um Krieg oder Frieden!"
„Frieden, den Sie nicht herbeiführen konnten, Ratsherrin Organa-Solo!", tönte Fey'lya. „Und jetzt ist Nom Anor tot!"
„Die Zwillingsplaneten brauchen einen Schlichter wie Commander Ackdool", beharrte Leia. „Dass so ein hinterhältiger Anschlag geschehen ist, ist nicht seine Schuld."
Fey'lyas Mund verzog sich. „Das sagen Sie doch nur, weil die Mon Calamari seit jeher Ihre Freunde und Alibi-Aushängeschild dafür sind, dass die Neue Republik die Nichtmenschen gleichrangig behandeln würde. Was sind denn bitteschön Commander Ackdools diplomatische oder auch nur militärische Glanzleistungen in letzter Zeit?"
„Staatschef, ich muss doch sehr bitten", verteidigte sich Ackdool. „Ich hatte in der Vergangenheit genügend Einsätze geleitet, wo niemand zu Schaden kam und der Frieden gewahrt wurde. Nur spricht niemand darüber, weil es für gewöhnlich nicht der Rede wert ist, wenn die Waffen schweigen, wohingegen jeder sich über einen aufflammenden Konflikt beschwert."
„Das mag ja alles sein, Commander", wiegelte Fey'lya ab. „Trotzdem bleiben Sie hier auf Coruscant, bis der Untersuchungsausschuss seine Arbeit beendet hat."
Die Barthaare des Mon Calamari stellten sich in Widerspruch auf. „Wie Sie wünschen, Staatschef."
Ackdool fiel ein, dass er selbst es gewesen war, der Nom Anor zu Lebzeiten einen Untersuchungsausschuss zum Konflikt Rhommamool/Osarian angeboten hatte. Und nun sollte es einen über ihn, Commander Ackdool und seine angeblichen Versäumnisse geben. Ihm kam der Gedanke, dass der ehemalige politische Anführer auf Rhommamool solch einen Untersuchungsausschuss sehr erheiternd gefunden hätte.
Note der Autorin: Auch in diesem Kapitel finden sich allerhand Begebenheiten und Zitate aus dem Roman „Die Abtrünnigen" von. R.A. Salvatore (2000), dem 1. Band der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter".
