Ein Auftrag für Harry
Madam Pomfrey hieß inzwischen Purcell und bewohnte mit ihrem Mann Richard ein kleines Haus in Hogsmeade. Richard hatte in der Schlacht um Hogwarts gegen die Todesser gekämpft, wie auch einige andere Bewohner des Magier-Dorfes. Er wurde schwer verletzt und blieb für einige Wochen auf der Krankenstation in Hogwarts, wo er sich in Madam Pomfrey verliebte. Nach seiner Entlassung begann er, um die Heilerin zu werben. Die Hochzeit fand im letzten Jahr statt. Harry gehörte zu den Gästen, weil er Richards Sohn aus erster Ehe gut kannte. Michael war ein Squib und hatte in London Psychologie studiert. Wenige Wochen nach Gründung des Cafés hatte er Harry vorgeschlagen, das Begegnungszentrum um Selbsthilfegruppen zu erweitern. Er leitete den Gesprächskreis für junge Squib-Männer und koordinierte die Angebote des Cafés. Harry und Michael verstanden sich sehr gut und waren schon so einige Male durch die Kneipen gezogen, auch durch die in Hogsmeade, wodurch Harry Mrs Purcell und ihren Mann näher kennengelernt hatte.
Trotzdem war es keineswegs alltäglich, dass Harry Mrs Purcell anflohte, und schon gar nicht, um die Heilerin um Hilfe zu bitten.
„Hallo Poppy, ich habe hier einen Notfall", platzte Harry sogleich heraus als das Gesicht der Heilerin in den grünen Flammen des Kamins erschien. „Würden du bitte rüberkommen? Draco Malfoy liegt in meinem Bett. Er hat hohes Fieber und scheint zu halluzinieren."
„Draco Malfoy?", bemerkte Mrs Purcell erstaunt, bevor sie in ihren Arbeitsmodus fiel: "Wie lautet deine Flohadresse, Harry? Jumping Beans?"
„Ja. Jumping Beans Café in Camden, London."
„Gut, ich komme sofort."
Sie verschwand aus dem Flammen und trat nur Augenblicke später aus Harrys Kamin.
„Wo geht's lang?"
Harry führte die Heilerin in seine Wohnung. Zu seiner Erleichterung hatte sich Malfoy nicht von der Stelle bewegt. Er lag noch immer auf dem Rücken in Harrys Bett, das Gesicht und die Haare schweißnass. Seine Atmung ging rasselnd und er wedelte mit den Händen in der Luft, als ob er etwas abzuwehren versuchte. Ein leichtes Wimmern drang aus seinem Mund und die Augenlieder flatterten unnatürlich. Etwas in Harrys Brust krampfte sich bei dem Anblick zusammen.
Mrs Purcell begann sofort mit der Untersuchung. Sie wirkte mehrere Zauber, öffnete Malfoys Pyjama und legte ihm die Hand auf Stirn und Brust. Der Kranke schien die Heilerin erst nach einer Weile wahrzunehmen.
Wie durch einen Nebel hindurch meinte er plötzlich: „Madam Pomfrey, bitte geben Sie mir noch ein Fläschchen Traumlosen Schlaf. Nur noch eine Dosis. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn ich nicht schlafe, und ich muss doch noch … ich muss noch so viel erledigen. Ich darf keine Fehler machen." Seine Stimme wurde flehentlich: „Bitte, Mrs Pomfrey. Wenn ich es nicht schaffe, dann wird er… Mutter und Vater… Er…Sie…ich muss doch…"
Harrys fühlte sich ganz elend. Zuerst hatte er gedacht, Malfoy spreche von der Gegenwart, aber dann wurde ihm klar, dass er sich zurück im 6. Schuljahr wähnte, als er von Voldemort den Auftrag bekommen hatte, Dumbledore umzubringen und das Verschwindekabinett zu reparieren. Malfoys Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung und auch Harry musste schlucken.
„Keine Sorge, Mr Malfoy. Ich gebe Ihnen gleich etwas. Sie werden schön schlafen und alles schaffen, was Sie sich vorgenommen haben", versuchte Mrs Purcell ihren Patienten zu beruhigen.
Der entspannte sich sichtlich, dennoch rannen weiter Tränen aus seinen Augen und sein Mund zitterte. „Ich will ja gar nicht…Es tut mir leid", hörte Harry ihn murmeln.
Mrs Purcell strich Malfoy sanft über den Kopf und sprach dabei weitere Zauber, die ihn offenbar einschlafen ließen. Seine Augen fielen zu und sein Köper verlor jegliche Spannung.
Harry räusperte sich. „Hat Malfoy damals oft Schlaftränke genommen?"
Die Heilerin zögerte mit der Antwort, dann meinte sie jedoch: „Er stand kurz vor einer Tränkesucht. Er behauptete immer, er könne nicht schlafen, weil sein Vater in Azkaban sei und er aus Sorge um ihn Alpträume hätte. Ich habe ihm geglaubt." Mrs Purcells Blick ging in die Ferne. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nach ein paar Wochen habe ich ihm weitere Tränke verweigert. Er wirkte sehr verzweifelt, daher bot ich an, den Kontakt zu einem Gedankenheiler herzustellen. Das lehnte er ab. Ich habe ihn erst wiedergesehen, als Severus ihn im Mai zu mir brachte, mit der Sectumsempra-Wunde, die du ihm zugefügt hattest. Zum Glück war Severus so schnell Vorort, sonst wäre Mr Malfoy innerhalb weniger Minuten verblutet."
Harry schoss die Röte ins Gesicht. Die Heilerin hatte ihn nie auf den Vorfall angesprochen, obwohl Snape der ganzen Lehrerschaft erzählt hatte, dass Harry für Malfoys Wunde verantwortlich gewesen war. Trotzdem hatte seine einzige Strafe darin bestanden, bis zum Schuljahresende jeden Samstagmorgen bei Snape nachsitzen zu müssen. So unangenehm das auch gewesen war, Harry hätte viel Schlimmeres verdient. Er hatte damals kaum einen Gedanken daran verschwendet, dass Malfoy wegen ihm fast gestorben wäre. Nun suchte er nach Worten, die sein damaliges Verhalten entschuldigen konnten. Es fielen ihm keine ein.
Mrs Purcell hatte sich schon wieder abgewandt und kramte in ihrer braunen Ledertasche. Sie holte mehrere Tränke und eine Dose hervor. „Was kannst du mir zu Dracos Krankheitsverlauf sagen, Harry? Wann hat der Husten begonnen?"
Es folgten weitere Fragen und Harry versuchte, sie so gut wie möglich zu beantworten. Er schämte sich beinahe, nicht alle Informationen liefern zu können.
Nach ein paar Minuten griff Mrs Purcell in ihren Medizinkoffer und holte verschiedene Tränke heraus, die sie Draco einflößte. Außerdem schmierte sie seinen Brustkorb mit einer nach Menthol und Belladonna riechenden, klebrigen Creme ein. Mrs Purcell deckte ihren Patienten zu, steckte ihre Fläschchen und Töpfchen zurück in die Tasche und deutete Harry an, ihr aus dem Raum zu folgen. Sie setzten sich an den Esstisch in der Küche. Harry bot der Heilerin etwas zu trinken an und füllte auf ihre Bitte hin ein Glas mit Wasser. Er selbst nahm sich eine Cola aus dem Kühlschrank.
„Was macht Draco in deiner Wohnung, Harry? Sollte er nicht noch in Azkaban sein?"
Harry schluckte und fing an, Mrs Purcell über Dracos Bewährungsstrafe aufzuklären. Er schloss mit den Worten: „Da Draco die Welt der Zauberer nicht betreten darf, habe ich ihn nicht ins Sankt Mungo appariert. In ein Muggel-Krankenhaus wollte ich ihn aber auch nicht bringen, weil er in seinem Wahn anfing, zu zaubern."
„Ich verstehe. Da es sich aber um einen Notfall gehandelt hat, dürfte das Ministerium nichts dagegen haben, dass Mr Malfoy ins Mungo kommt. Aber wir wissen ja beide, dass dort nicht immer nach den Regeln der Vernunft und Menschlichkeit gehandelt wird." Harry wusste, dass sie damit nicht das Magier-Krankenhaus meinte, sondern von der Behörde sprach.
„Wie geht es Malfoy? Wird er bald wieder gesund?"
„Ja, so schlimm ist es nicht. Er hat eine Lungenentzündung. Gefährlich war nur, dass sie nicht behandelt wurde und sein Allgemeinzustand so schlecht ist. Er wird ein paar Tage brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Er muss auf jeden Fall regelmäßig essen und trinken. Er ist wieder viel zu dünn."
„Wieder?"
„Damals, als Severus ihn zu mir gebracht hat, war er auch so mager. Ich denke, er gehört zu den Menschen, die wenig essen, wenn sie Stress haben oder unter Druck stehen."
„Er scheint nie das Haus verlassen zu haben, um z.B. einkaufen zu gehen. Außerdem hatte er bis gestern keinen Strom in der Wohnung und kein warmes Wasser. Die Heizung lief wohl auch nicht."
„Oh nein", seufzte die Heilerin und Harry fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, so als ob er Schuld an Malfoys Misere wäre.
„Malfoys Bewerbungshelfer ist nicht gekommen. Ich habe im Ministerium versucht, jemanden zu erreichen, der sich um ihn kümmert, aber es ist nichts gesehen. Ich wusste nicht, dass es Malfoy so schlecht geht."
Aber eigentlich hatte er es doch vermutet und nur verdrängt. Wie im 6. Schuljahr. Harry nahm einen langen Zug aus seinem Glas.
„Draco braucht ein bisschen Pflege. Ich weiß nicht, wer die übernehmen kann. Hat er irgendwelche Freunde, die sich um ihn kümmern können? Seine Eltern… sind ja nicht mehr."
„Ich habe wirklich keine Ahnung, ob Malfoy noch Kontakt zu seinen Freunden hat, und die einzigen Verwandten, von denen ich weiß, sind seine Tante Andromeda und ihr Enkel Teddy. Andromeda hat den Kontakt zu den Malfoys vor langer Zeit abgebrochen."
„Ich kann Draco nicht mit nach Hogsmeade nehmen und auch nicht in Hogwarts unterbringen, weil beide Orte magisch sind…" Mrs Purcell schaute Harry erwartungsvoll an. Der wandte sich unter ihrem Blick. Alles in ihm schrie ‚Nein!' und ‚Tu dir das nicht an!', aber sein Gewissen ließ nur eine Antwort zu: „Ich kann mich um ihn kümmern."
„Sehr gut, Harry. Das freut mich! Ich werde dir Heiltränke dalassen und diese Paste für seine Brust. Er wird erstmal viel schlafen, weil die Tränke müde machen. Außerdem solltest du ihm jeden Morgen einen Stärkungstrank verabreichen Spätestens nach drei Tagen muss er aber wieder feste Nahrung zu sich nehmen. Wahrscheinlich ist er nach einer Woche soweit, dass er sich wieder um sich selbst kümmern kann. Du musst danach aber dafür sorgen, dass er weiter regelmäßig isst und zunimmt."
Harry nickte ergeben, obwohl er nicht wusste, wie er das schaffen sollte. Offenbar hatten sich seine Zweifel auf seinem Gesicht gezeigt, denn die Heilerin meinte aufmunternd: „Ich komme jeden Abend vorbei und schaue nach Mr Malfoy. Ich werde mich um die mehr körperlichen Belange seiner Pflege kümmern, keine Sorge. Es sind doch nur ein paar Tage, das ist ein überschaubarer Zeitraum. Außerdem werde ich mich im Ministerium beschweren, dass sein Bewährungshelfer ihn hier unversorgt alleine gelassen hat."
„Naja, Malfoy hat Muggel-Geld, er hätte jederzeit einkaufen gehen können."
„Wie soll ein Kind von Reinblütern das ohne Anleitung machen? Erst recht so jemand wie Mr Malfoy und dann noch in seinem gesundheitlichen Zustand."
‚So jemand wie Mr Malfoy'. Genau das war das Problem.
„Er hätte mich um Hilfe bitten können. Dazu war er aber zu stolz." Harry ignorierte geflissentlich, dass er Malfoy mehrfach gesagt hatte, ihm nicht helfen zu wollen.
„Nun, wir werden sehen, was von seinem Stolz übrig bleibt, wenn er wieder gesund ist."
Einen demütigen Draco Malfoy konnte sich Harry beim besten Willen nicht vorstellen.
Bevor Mrs Purcell nach Hause flohte, ging sie mit Harry in Mrs Pentriss Wohnung, um zu entscheiden, wo der Kranke am besten untergebracht werden konnte. Harry hatte sicher nicht vor, Malfoy in seinem eigenen Bett schlafen zu lassen, und war froh, dass die Heilerin das auch nicht von ihm erwartete. Malfoy würde mit Harrys Gästezimmer Vorlieb nehmen müssen oder zurück in seine eigene Wohnung ziehen.
Leider befand Mrs Purcell Malfoys Wohnung für ungeeignet, einen Kranken aufzunehmen, und Harry musste ihr widerwillig zustimmen. Alles war mit einer dicken Staubschicht überzogen. Die Luft war feucht und kalt. Der Qualm des Feuers war in die Polster und Tapeten gezogen, doch nicht nur das verbreitete einen üblen Geruch. Die Räume stanken nach Muff und anderen Ausdünstungen. Harry meinte sogar, den säuerlichen Geruch von Erbrochenem wahrzunehmen.
„Hier muss erstmal jemand saubermachen und durchlüften. Ein paar Frischezauber sind auch nötig, um den Rauch raus zu kriegen", stellte Mrs Purcell mit sichtlichem Entsetzen fest. Harry war auch entsetzt, und zwar über Malfoys Unselbstständigkeit. Er hätte ruhig mal lüften und etwas putzen können.
Dass Malfoy wirklich nicht viel Nahrung zu sich genommen haben konnte, bewies das Fehlen jeglicher Lebensmittel in der Küche. Auch die paar Verpackungen, die im Mülleimer lagen, zeugten nicht gerade von feisten Mahlzeiten. Mrs Pentriss war in den Monaten vor ihrem Tod von einem Pflegedienst mit Essen versorgt worden und hatte schon lange keine Vorräte mehr angelegt.
Nach der Wohnungsbegehung schaute Mrs Purcell noch einmal nach Malfoy. Dann levitierte sie den Schlafenden geschickt in Harrys Gästeschlafzimmer. Malfoy wachte dabei nicht einmal auf. Harry war darüber erleichtert. Er fühlte sich noch nicht bereit für eine Konfrontation mit seinem einstigen Schulfeind. Er brauchte etwas Zeit, über alles nachdenken und seine Gefühle zu sortieren.
Bevor sich die Heilerin endgültig verabschiedete, erklärte sie Harry, wann und wie er die Heilmittel verabreichen sollte, und meinte abschließend: „Mr Malfoy braucht auch dringend frische Wäsche, aber das mache ich, wenn ich morgen wiederkomme. Sprich morgen einfach noch einmal einen Sauberkeitsspruch auf ihn und schau schon mal nach, was er an Kleidung in seiner Wohnung hat. Und bitte hilf ihm zur Toilette. Er wird in den nächsten drei Tagen noch zu schwach sein, um alleine aufzustehen. In Ordnung?"
Das war definitiv nicht in Ordnung für Harry, trotzdem nickte er ergeben. Als Mrs Purcell schließlich in den Kamin des Cafés stieg, war es schon fast zehn Uhr.
Zurück in der Wohnung warf Harry zunächst einen Blick ins Gästezimmer. Malfoy hustete ab und zu, aber es klang wesentlich ruhiger und befreiter als an den Vortagen. Unschlüssig, was zu tun war, ließ er die Tür zum Gästezimmer offenstehen und setzte sich im Wohnzimmer auf das Sofa. Minutenlang starrte er auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers.
Malfoy lag in seinem Gästebett
Er musste Malfoy pflegen.
Wie war es nur so weit gekommen? Aber eskalierte nicht immer alles, was mit dem Idioten zu tun hatte?
Apropos Bett. Harry stand auf und wechselte die Bezüge seines eigenen Bettes mit ein paar Bewegungen seines Zauberstabes. Bevor er die Laken in den Wäschekorb stopfte, hielt er inne und führte den Stoff zu seiner Nase. Sie rochen nicht so unangenehm, wie er erwartet hatte. Eigentlich rochen sie recht gut, wenn man Malfoys Zustand bedachte und dass seine Kleidung den Gestank des Rauches angenommen hatte.
Harry setzte sich auf das frischbezogene Bett und ließ noch einmal die Ereignisse seit Freitag Revue passieren. Wenn er die Nacht nicht bei Lucas verbracht hätte, wäre ihm Malfoys schlechter Zustand vielleicht schon früher aufgefallen und der Ex-Slytherin würde jetzt nicht in seinem Gästebett liegen.
Harry machte sich bettfertig. Bevor er sich schlafen legte, schaute er erneut nach Malfoy. Dicht trat er an das Bett heran, um Malfoy anschauen zu können. Das Gesicht des blonden Mannes wirkte selbst im Schlaf leicht angespannt. Seine Haut glänzte und Harry konnte nur hoffen, dass die Tränke einen erneuten Fieberschub unterdrücken würden.
So nahe bei Malfoy konnte Harry wieder dessen Magie spüren. Magiebegabte Wesen gaben immer etwas von ihrer magischen Energie nach außen ab, was in einer magischen Umwelt kaum wahrnehmbar war. Hier jedoch, in Harrys Muggel-Wohnung, gab es nur ein geringes magisches Hintergrundrauschen, so dass Harry Malfoys Aura deutlich spüren konnte, wie die sanfte Wärme eines Heizkörpers.
Die magische Energie anderer Hexen und Zauberer hatte Harry noch nie so intensiv bemerkt. Wahrscheinlich, weil er deren Aura bereits seit Jahren kannte, während ihm Malfoys Magie im Grunde fremd war. Zu der Theorie passte jedoch nicht, dass sich Malfoys Ausstrahlung vertraut anfühlte, irgendwie angenehm, und Harrys merkte, wie seine eigene Magie darauf ansprach. Er lehnte sich weiter in Richtung Malfoy.
Als Harry klar wurde, was er da tat, zuckte er zurück und schüttelte sich, als ob er sich aus einem Bann lösen musste. Dann verließ er den Raum und ging in sein eigenes Bett. Es dauerte lange, bis er in den Schlaf fand.
