Hafwen fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie Hornblower in die Krankenstation kommen sah. Was wollte er hier?
„Was ist?", fragte sie ihn und vergaß, dass sie ihm eigentlich mit einem Mindestmaß an Respekt begegnen sollte. Hornblower drehte nur seinen Kopf zur Seite. Dort klaffte eine stark blutende Schusswunde.
Hafwen hatte zwar im Moment nicht die Muse auch nur ansatzweise etwas mit Hornblower zu tun zu haben, aber vielleicht – nur vielleicht – steckte ja mehr hinter der Sache mit dem Boot. Und außerdem war es ihre Pflicht, ihm zu helfen.
„Was ist denn da passiert?", fragte sie und schaute sich die Wunde genauer an. Nicht besonders tief, da hatte er scheinbar noch einmal Glück gehabt. Die Kugel schien ihn wirklich nur gestreift zu haben. Hafwen würde nicht viel mehr tun können, als die Wunde zu reinigen und ihm ein sauberes Stück Stoff zu geben, mit dem er die Blutung ein wenig stoppen konnte.
„Simpson hat auf mich geschossen.", antwortete er nur. Hafwen nahm ein sauberes Stück Stoff und riss es in zwei Teile. Sie hob den Kopf und zog eine Augenbraue hoch.
„Simpson?", fragte sie noch einmal.
„Oh ja. Ich hab es mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich war in der Takelage, als er auf mich geschossen hat.", erwiderte er, seine Gesichtszüge verbittert. Hafwen nickte nur und tränkte einen der Stofffetzen mit Alkohol.
„Das wird jetzt ein bisschen brennen.", sagte sie nur und tupfte die Wunde mit dem Lappen ab. Hornblower verzog das Gesicht.
„Sie glauben mir nicht, Miss Gwyther, oder?"
Sie sah ihn kurz an und lächelte dann spöttisch.
„Wenn Ihnen jemand glaubt, dann bin ich das. Mich überrascht es nur nicht sonderlich. Ich hab gesehen, wie er mit Archie umgesprungen ist. Ich weiß, wozu er fähig ist.", antwortete sie. Als sie Archie erwähnte, spürte sie, wie ihr die Tränen kamen. Aus Ärger über ihre eigene Schwäche drückte sie mit dem Stofffetzen so sehr auf, dass Hornblower vor Schmerz zusammenzuckte.
„Tut mir Leid, ich… ich war nur…"
Hafwen unterbrach sich. Wenn sie jetzt sprechen würde, würde sich ihre Stimme unweigerlich überschlagen und sie würde in Tränen ausbrechen. Sie musste eine kurze Zeit warten, bevor sie wieder die Beherrschung über sich selbst erlangt hatte. Sie durfte nicht weinen. Jetzt noch nicht. Vielleicht, wenn sie heute Nacht in ihrer Koje lag.
„Was genau ist mit Mr. Kennedy passiert, Mr. Hornblower?", fragte sie und tränkte den Stofffetzen erneut mir Alkohol.
„Er hatte einen dieser Anfälle, wegen Simpson und… wir mussten ruhig sein, sonst hätten uns die Franzosen bemerkt. Ich wusste nicht, wie ich ihn sonst zum Schweigen bringen sollte, also habe ich ihm mit dem Ruder einen Schlag auf den Kopf gegeben, sodass er bewusstlos war. Deshalb mussten wir ihn im Boot lassen und wir hatten das Boot ja auch angebunden. Ich weiß nicht, wie es abtreiben konnte, ich weiß es wirklich nicht.", antwortete er und sah dabei fast genauso verzweifelt aus, wie Hafwen sich fühlte. Sie nickte.
Er war also nicht schuld daran. Zumindest konnte sie ihm nicht die Schuld geben. Aber sie konnte sich sehr gut vorstellen, warum das Boot abgetrieben war. Sie zweifelte nicht daran, dass die Männer einen ordentlichen Knoten binden konnten. Daran konnte es auf keinen Fall gelegen haben. Aber jemand hätte ja das Boot losmachen können, ein Franzose oder ein gewisser Mr. Simpson. Hafwen würde es ihm zutrauen. Jedenfalls hatte sie keinen Grund, wütend auf Hornblower zu sein.
„Danke, Mr. Hornblower.", sagte sie und gab ihm den anderen Stofffetzen, „Hier, drücken Sie den auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. Dann können wir nur hoffen, dass sich die Wunde nicht entzündet, und Sie werden wieder gesund werden."
„Danke, Miss Gwyther.", erwiderte er, lächelte kurz und machte sich auf den Weg nach draußen.
„Hafwen, Schätzchen!", hörte sie im selben Moment eine wohlbekannte Stimme. Wer sonst außer Jack Simpson würde sie so nennen? Sie drehte sich um und da stand er, direkt vor ihr. Ihr Temperament ging mit ihr durch.
„Du Hurensohn!", flüsterte sie hasserfüllt und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Dann wollte sie sich auf den Weg nach draußen machen oder unter Deck, aber daraus wurde nichts. Simpson hielt sie wütend am Oberarm fest. Zum wiederholten Male durfte ihr Gesicht die Bekanntschaft mit seiner Faust machen. Hafwen ertrug es einfach. Sie hatte es ja schon öfter ertragen müssen.
„Dreckige Mörderin!", sagte er, während er ihr einen weiteren Fausthieb versetzte. Hafwens Herz begann zu rasen. Er wusste es. Sie hatte keine Ahnung, woher er es wusste, aber er wusste es. Vielleicht war es nur eine Vermutung, aber er hatte sie schon öfter angebracht. Das war der Grund, warum Jack Simpson sie die meiste Zeit in der Hand hatte. Hafwen Gwyther wollte nicht hängen. Zum Glück ging die Anschuldigung in der allgemeinen Aufregung unter.
„Mr. Simpson! Was soll denn das werden?", rief jemand vom Eingang der Krankenstation. Es war kein geringerer als Mr. Bowles. Hafwen atmete erleichtert auf, auch wenn ihr das Atmen mit blutiger Nase ein wenig schwer fiel.
„Miss Gwyther ist ziemlich schwer gestürzt.", erwiderte Simpson mit einem falschen Lächeln, „Ich habe ihr aufgeholfen."
Mr. Bowles sah ihn misstrauisch an, während er sie losließ.
„Der Captain will Sie sprechen, Mr. Simpson. Gehen Sie, Sie Gentleman.", forderte Bowles ihn auf. Dann wandte er sich an Hafwen.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Miss?", fragte er. Hafwen nickte.
„Ja, Sir. Ich komm zurecht, danke.", antwortete sie.
„Das sieht mir aber nicht nach einem Sturz aus. Was ist wirklich passiert?"
„Nichts, Sir. Bitte, Mr. Bowles, sagen Sie nichts. Wenn die Admiralität davon erfährt, heißt es, dass ich als Frau Probleme mache und dann muss ich gehen. Ich bin gestürzt, Sir."
„Wie Sie wollen, Miss.", meinte Bowles und ging, allerdings nicht ohne noch einen skeptischen Blick auf Hafwen zu werfen.
Es gab wieder ein Duell. Hafwen hatte es geschafft, ihre Verletzungen so gut wie möglich zu verstecken, sodass es aussah, als wäre sie wirklich nur gestürzt. Doktor Hepplewhite stand hinter Simpson und Hornblower.
„Ich frage Sie ein letztes Mal. Kann es nicht anders beigelegt werden?", fragte Hepplewhite. Auch er schien die Sache langsam Leid zu sein.
„Ich mach dich kalt, Rotznase. Wie ich's bei Clayton gemacht habe.", meinte Simpson gleichgültig. Mit einem spöttischen Lächeln fügte er hinzu: „Und bei deinem kleinen Freund Archie."
Hafwen spürte einen Stich in ihrem Herzen. Er hatte die Ohrfeige also doch verdient! Er war schuld an Archies Tod.
„Kennedy?", fragte Hornblower ungläubig.
„Also gut! Schreiten Sie die Entfernung ab.", forderte Hepplewhite die beiden auf.
„Und eins, zwei, drei, vier, fünf."
Hornblower und Simpson sahen sich an.
„Sind Sie bereit?", fragte der Doktor. Hafwen wollte es gar nicht sehen. Bei ihrem Glück würde Simpson das Duell gewinnen. Beide nickten kaum merklich auf die Frage von Hepplewhite.
„Eins! Zwei! –"
In dem Moment löste sich ein Schuss. Hafwen zuckte erschrocken zusammen. Sie sah, wie Hornblower zu Boden ging.
„Ich hatte noch nicht Feuer gesagt!", protestierte Hepplewhite, während Hafwen zu Hornblower lief. Hoffentlich war er nicht tot.
„Er ging von selbst los. Ein bedauerlicher Fehlschuss. Ist er tot? Habe ich ihn umgebracht?", fragte Simpson. Das war eine verdammte Lüge! Er hatte mit voller Absicht zu früh geschossen. Anscheinend hatte er Schiss um sein eigenes verdammtes Leben gehabt. Feigling.
„Haben Sie nicht, oh nein!", antwortete Hornblower in einem bedrohlichen Tonfall, während Dr. Hepplewhite ihm wieder hoch half. Er hatte nur eine Schulterverletzung. Der Junge hatte ein verdammtes Glück.
„Mr. Hornblower, Sie dürfen das Feuer erwidern, wenn Sie wollen.", sagte Hepplewhite.
„Erwidern? Ich hab ihn getroffen, es ist vorbei!", protestierte Simpson.
„Aber Sie müssen sich seinem Schuss stellen, Mr. Simpson!", widersprach der Doktor.
„Nicht schießen! Nein!", rief Simpson, als Hornblower die Pistole auf ihn richtete. Mach ihn kalt. Leg ihn um. Er hat es verdient.
Simpson sank auf die Knie und flehte: „In Gottes Namen, bitte erschießen Sie mich nicht! Nein, erschießen Sie mich nicht!"
Hafwen sah an Hornblowers Gesicht, dass er es nicht tun würde. Er konnte es nicht, das sah sie. Allerdings bemerkte sie, dass er den Finger an den Abzug legte.
„Ich flehe Sie an!", jammerte Simpson wieder. Hornblower richtete die Pistole gen Himmel und feuerte seinen Schuss ab.
„Sie sind das Pulver nicht wert.", knurrte er und warf die Pistole auf den Boden. Er drehte sich um und wollte weggehen. Simpson stand ungläubig auf.
„Ich bin das Pulver nicht wert?", fragte er leise. Er schnappte sich Clevelands Dolch und rannte auf Hornblower zu. Dann schnitt plötzlich ein Schuss durch die Luft. Was zur Hölle ging hier vor? Hornblower drehte sich zu Simpson um, der jetzt zu Boden ging und sich mit einer Hand die Brust hielt. Blut kam zwischen seinen Fingern hervorgequollen. Kurz darauf fiel er ganz zu Boden und schloss die Augen.
Hafwen sah in die Richtung, aus der der Schuss kam. Oben auf der Klippe standen drei Männer. Einen konnte sie als Mr. Bowles ausmachen, der zweite war ein Seesoldat und der dritte, der mit dem Gewehr in der Hand, war kein Geringerer als Sir Captain Edward Pellew.
Es war also endlich vorbei. Jack Simpson war tot. Es war vorbei.
