Kapitel 21

Sei vorsichtig mit deinen Wünschen…

Das war meine Entscheidung, erinnerte ich mich immer wieder. Es war mein Wunsch etwas zu ändern, der letztendlich all das verursacht hat. Vielleicht maß ich mir zu viel Bedeutung zu, aber hätte ich Sirius nicht aufgehalten…. Also war das meine Entscheidung. Ich musste nun mit den Folgen dieser Entscheidung leben und eine dieser Folgen brachte mich seit einigen Wochen regelmäßig zur Verzweiflung. Wendel. Der Hauself, den mir mein Großvater zusammen mit dem Familienanwesen der Potters vermacht hatte. Er war schlimmer als Dobby und Kracher zusammen. Stur uneinsichtig und nicht im Geringsten bereit zuzugeben, dass ich durchaus in der Lage war für mich selbst zu sorgen. Undwas noch schlimmer ist - ich habe es bereits getan, bevor er in meinem Leben erschienen ist. Seit dem Tag, an dem ich das Anwesen meiner Vorfahren betreten habe, hing mir der überfürsorglicher Elf an den Fersen. Er stritt sich mit Binsy über die Art der Essenszubereitung. Er räumte mein Zimmer so gründlich auf, dass ich nichts mehr wiederfand. Er „verschönerte" meine Kleidung mit Stickereien und Perlen. Er sperrte nachts die Tür meines Zimmers ab, damit „die aufdringlichen Verwandten" meinen Schlaf nicht störten. Er hatte sogar daran gedacht, ob ich beim Waschen wohl Hilfe brauchen würde. Bevor es soweit kommen konnte, beauftrage ich ihn und seine Familie – Frau und zwei Söhne – mir der Wiederherrichtung des Anwesens.

Das Haus und die dazugehörigen Ländereien waren zwar nicht vernachlässigt gewesen, aber bewohnbar konnte man den Zustand auch nicht nennen. Das Haus war leer und kalt. Nur einige wenige Möbelstücke. Die Elfen packten alles weg, was die Pflege des Hauses erschwerte, also blieben nur die Dinge, die anscheinen festgehext wurden. Die Ländereien waren ebenfalls leer. Als hätte man auch hier alles Unnötige entfernt bevor…. Bevor was? Was war da nur passiert? Warum lebte mein Vater schon zur Schulzeit nicht bei seinen Eltern? Warum hinterließ mein Großvater das Anwesen mir und nicht seinem Sohn? Und vor allem – woher zum Teufel wusste mein Großvater, dass es mich gab? Angeblich starb er noch vor meiner Geburt? Wendel konnte mir die Fragen nicht beantworten. Oh, er würde es gern tun, doch sein letzter Herr verbot ihm über die Angelegenheiten der Familie zu sprechen. Auch mit mir.

Wie dem auch war. Der Elf war für genau eine Woche beschäftigt, dann begannen seine unangekündigten Besuche. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Welche Farbe wollte Herr für sein Schlafzimmer haben? Welche Teppiche für das Arbeitszimmer? Welche Blumen sollte man in dem vorderen Garten pflanzen? Sollen die gewünschten Rosen alle die gleiche Farbe haben?

Er tauchte auf, stellte mir die Frage, wartete die Antwort ab und verschwand wieder. Selbst Hogwarts mit all seinen Zaubern hielt den eifrigen Elfen nicht davon ab mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen. Ruhr fauchte den ungebetenen Gast aufgebracht an und der Hauself schaute sich anglich nach einem Versteck um.

„Ich schwöre, wenn er das noch einmal macht, werde ich ihn umbringen!", grummelte Draco hinten den Vorhängen seines Bettes.

„Wendel, was habe ich dir beim letzten Mal befohlen?", fragte ich ihn und setzte mich im Bett auf.

„Der Herr hat befohlen, Ihn in Fragen der Wiederherstellung des Anwesens seiner Familie nicht mehr in Hogwarts aufzusuchen", antwortete der Elf würdevoll.

„Warum bist du also hier, Wendel?"

„Das Landhaus, Herr. Soll das kleine Landhaus ebenfalls wiederaufgebaut werden?" Ich blinzelte.

„Was für ein Landhaus?"

„Das kleine Landhaus, Herr. Das in Godric' Hollow. Wenn der Herr es wünscht…" Ich hielt ihn mit einer Geste an. Der Elf trat nervös von einem Fuß auf den anderen und schielte immer wieder zur Ruhr, der in enger werdenden Kreisen um den ungebetenen Besucher schlich.

„Es gehört doch gar nicht zum Anwesen", wand ich ein. „Was geht euch das Haus an?" Ich hatte noch keinen Mut gefunden zu diesem Haus zurückzukehren. Sirius hat es mir mehrmals angeboten, doch ich … ich hatte einfach nicht den Mut.

„Das Haus ist auch das Eigentum des Herren. Wir sollen für das Eigentum des Herren sorgen!" Ich schüttelte den Kopf. Nein, bevor ich nicht persönlich dort war, würde ich niemanden hineinlassen.

„Nein Wendel. Ihr haltet euch von dem haus fern, bis ich etwas anderes sage. Und jetzt hörst du mir ganz genau zu. Das nächste Mal wirst du zu mir erst dann kommen, wenn ich dich rufe." Er Hauself sah untröstlich aus.

„Wenn ich aber Fragen…." Diese Diskussion hatten wir bereits ein Mal gehabt. Ich konnte den Elfen unmöglich davon überzeugen, dass er in Sachen der Einrichtung und Instandsetzung auch eigene Entscheidungen treffen darf. Die Vorstellung etwas über den Kopf seines Herren zu entscheiden brachte den kleinen Wicht an den Rand eines Zusammenbruchs.

„Das hatten wir doch schon besprochen! Wenn du Fragen hast, schreibst du sie auf. Eine Woche lang. Dann schickst du mir eine Eule. Ich beantworte die Fragen und schicke dir den Brief zurück." Auch diese Vorstellung war zu viel für Wendel, doch er wollte mir nicht sagen woran das lag. Diese einfache Lösung schien mir die Beste zu sein. Jetzt stand der Hauself mit hängenden Ohren und tränennassen Augen da und vergas sogar auf die nahende Gefahr in Gestalt meines Kniesels zu achten.

„Wendel?"

„Wendel kann nicht schreiben, Herr", gab er kleinlaut zu. „Keiner in meiner Familie kann lesen oder schreiben, Herr." Ich sah ihn verwundert an.

„Ihr führt doch aber irgendwelche Aufzeichnungen… über das was im Haus ist oder noch gebraucht wird oder…" Zaghaftes Kopfschütteln.

„Wir erinnern uns Herr."

„Gut, aber eine selbstschreibende Feder…"

„Das ist die Magie für Zauberer, Herr. Sie gehorcht uns nicht." Ich rieb mir die Schläfen. Verdammt, warum musste es so kompliziert sein!

„Wendel. Du besorgst dir die nötigen Bücher und lernst es." Der Schreck in seinem runzligen Gesicht war so groß, als hätte ich ihm eben befohlen einen Drachen zu baden.

„Es ist verboten…"

„Wendel, das ist mein ausdrücklicher Wunsch. Du sollst lesen und schreiben lernen. Du wirst dich nicht dafür bestrafen, dass du diesen Befehl ausführst." Zaghaftes Kopfnicken.

„Verstanden?"

„Wendel wird lesen und schreiben lernen", wiederholte der Elf meinen Befehl. „Dann wird Wendel alle Fragen eine Woche lang aufschreiben und sie dann dem Herrn mit einer Eule schicken." Ich nickte zufrieden. Der Elf atmete erleichtert auf und verschwand genau in dem Augenblick, als Ruhr zum Sprung einsetzte. Enttäuscht sah der Kater auf die Stelle, wo noch vor einem Augenblick seine so verlockende Beute stand.

„Tut mir leid, Großer", gähnte ich. „Vielleicht beim nächsten Mal." Das er dem Elfen etwas tun würde, zweifelte ich. Das letzte Mal, als die beide sich zu nahe kamen, wollte Ruhr den neuen Spielgefährten nur ausgiebig beschnüffeln. Der Kater setzte sich und begann sich zu putzen, als wäre überhaupt nichts passiert. Ich seufzte. Der Schlaf war eindeutig weg. Bis zum Morgen blieben nur ein paar Stunden, also zog ich mich an, schnappte ich mir leise meine Sachen und schlich mich in den Gemeinschaftsraum. Zu meiner Überraschung war er nicht leer. Luna. Sie saß in eine Decke gekuschelt und mit einem Buch in den Händen in einem der Sessel.

„Soll ich wieder gehen?", fragte sie, ohne sich umzudrehen. „Willst du lieber allein sein?" Ich setzte mich in den Sessel neben ihr.

„Nein, schon gut", sagte ich beschwichtigend. „Das heißt, wenn ich dich nicht störe, würde ich gern hier mit dir sitzen." Sie schaute mich an. Die silbergraue Augen warn jetzt dunkler und der Blick klarer.

„Manchmal redest du wie ein Erwachsener", sagte sie nachdenklich. „So wie jetzt. Warum?"

„Ich weiß nicht", log ich. „Ist es schlimm, wenn ich so klinge?" Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Es ist sogar gut. Dann bist du echter. Wirklicher." Ihr Blick sagte mir dass ich keine Erklärung erhalten werde.

„Du merkst Dinge, die andere übersehen. Warum?" Sie schaute mich eine Weile an, bevor sie antwortete.

„Der Unfall." Ich sah sie immer noch fragend an und sie erzählte weiter.

„Der Unfall, bei dem meine Mutter starb. Sie machte ein Experiment und etwas ging schief." Sie blickte in die Ferne, als würde sie es dort wieder erleben. Dann schaute sie mich fest an. Es war ihr anzumerken, dass es eine Herausforderung für sie war sich auf hier und jetzt zu konzentrieren.

„Seitdem sehe ich diese Dinge. Dinge, die nicht da sind und doch irgendwie da sind. Dinge, die noch nicht da sind oder nicht mehr da sind." Ihre Hände krampften sich um das Buch. „Ich kann es nicht abstellen. Ich kann es nicht steuern." Sie sackte fast in sich zusammen, seufzte und der abwesend-verträumte Gesichtsausdruck kehrte wieder zurück.

„Würdest du es gern abstellen?", fragte ich. „Würde es dich freuen, diese Dinge nicht mehr zusehen?" Sie zögerte. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Ich will es nicht verlieren…. Manchmal sind diese Dinge sehr schön… meistens sogar. Ich will sie nicht vermissen." Nach ein paar Augenblicken fügte sie hinzu:

„Ich würde sie aber gern steuern können. Bestimmen wann ich sie sehen will. Bestimmen wann ich … wann ich normal sein kann."

„Luna, du bist doch…"

„Das ist lieb, Harry." Sie schaute wieder zu mir. Zaghaftes Lächeln.

„Ich versuche es. Wirklich. Jeden Tag. Aber ich bin nicht normal… nicht wie die anderen." Ich lächelte aufmunternd zurück.

„Ich auch nicht", gestand ich. „Vielleicht ist es aber auch gut so." Sie nickte und widmete sich wieder ihrem Buch zu. Also öffnete ich mein Buch über Verwandlungen und begann damit mich für die nächste Stunde in Transfiguration vorzubereiten.

Ja, da mit den Wünschen war do eine Sache. In den letzten Tagen des Sommers habe ich mir gewünscht Ginny zu sehen. Ich sah sie und…. Sie war anders. Oder war ich jetzt anders? Verdammt schwierig zu sagen. Auf jeden Fall weckte sie nicht mehr die Gefühle in mir, die ich für sie empfand. Vielleicht lag es auch daran, dass ich im Grunde erst zwölf war und in diesem Alter waren Mädchen … nun ja, nur Mädchen. Außerdem habe ich mir gewünscht mehr über meine Welt und meine Familie zu lernen und nun wurde ich von den Informationen regelrecht überschüttet. Die Informationen tauchten fast jeden Tag, wie aus dem Nichts auf und veränderten so nach und nach die magische Welt. Sirius hat mir diese Veränderungen erklären müssen, denn ich begriff nicht, warum Voldemort diese riesige so massiv verändernde Umgestaltung der magischen Welt auf die Beine stellte. Was hatte er davon die uralten Traditionen und mittelalterliche Strukturen wiederzubeleben.

„Er begreift, dass er die Muggel nicht allein mit dem Häufchen seiner Anhänger angreifen kann", erklärte mir mein Vater, als ich ihn danach fragte. „Früher hätte er es vielleicht sogar gewagt, aber was auch immer mit ihm und den Teilen seiner Seele passiert ist, es hat ihn schlauer gemacht."

„Er war nie dumm", warf ich ein. „Größenwahnsinnig, aber nicht dumm."

„Mag sein", stimmte mir mein Gegenüber zu. „Er begreift, dass er sich nicht allein auf seine Anhänger verlassen kann. Ihm ist es wohl aufgegangen, dass Angst allein noch lange nicht Treue bedeutet. Außerdem begriff er, dass die magische Welt sich uneinig ist… in allem. Zauberer haben noch nie gern zusammengespielt. Ich denke deswegen haben wir uns auch nie ernsthaft mit den Muggeln angelegt. Es gab ein paar Versuche. Der letzte endete mit Hexenverbrennungen."

„Er will also die magische Welt vereinen", schlussfolgerte ich. „Aber ich wette er ist nicht der Erste, der das versucht." Sirius schüttelte den Kopf.

„Götter, nein! Aber ich fürchte ihm könnte es gelingen. Er … er denkst sich keine Gefahren aus, er übertreibt nicht einmal, er zeigt der Zauberwelt nur Dinge auf, die ohnehin da sind. Und diese Dinge machen den Hexen und Zauberern Angst. Vielleicht das erste Mal in der Geschichte der Zauberei überhaupt. Er sagt, dass Muggel immer mächtiger und gefährlicher werden und zeigt all diese Bilder und die Zauberwelt rückt plötzlich näher zusammen."

„Und warum diese alten Traditionen?"

„Divide et impera. Teile und herrsche! Er will die Zauberwelt vereinen und das geht an besten dadurch, dass er alle Macht an sich nimmt und sie dann an „seine" Leute verteilt. Land, Titel, Geld, Gefallen, Dienste, Verbindungen. Privilegien. Er verteilt sie als Auszeichnung, als Preis für gute Dienste oder „richtige" Einstellug."

„Aber woher hat er all das? Land, Titel und so weiter?" Jetzt sah Sirius ratlos und deutlich verärgert aus.

„Ein Teil hat er noch aus dem letzten Krieg. Einiges wurde ihm von seinen Anhängern mehr oder weniger freiwillig überschrieben, einiges hat er einfach genommen, weil es ihn gefiel und er es tun konnte. Ein Teil gehörte seiner Familie und ihm als einzigem Erben. Doch der Rest…. All diese Schuldverschreibungen, Bündnisbriefe und Schwüre, die aus dem Nichts aufgetaucht sind…. Sie binden ein Teil der magischen Gemeinschaft an ihn. Hier geht es nicht mehr um Wollen. Die Familien, die es betrifft, müssen ihm folgen oder zumindest springen, wenn er es sagt."

Mir schwirrte der Kopf. Wünschte ich Glück und Wohlstand für die Zauberwelt? Ja. War ich bereit die Muggel dafür auszumerzen? Nein! Werde ich es dennoch tun müssen, weil die Familie ebenfalls springen muss, wenn der Dunkle Lord es verlangt? Sirius schien meine Gedanken zu erraten.

„Ich habe doch gesagt, dass die Zauberer nicht gern zusammenspielen? Klar, sie machen es, wenn es Vorteile bringt oder es gar nicht anders geht, aber im Grunde ist es selten freiwillig, dass Zauberer sich aneinander binden. Besonders durch magische Verträge."

„Das ist mir schon klar", murmelte ich. Er zerwühlte mein Haar, wie immer, wenn er mich aufmuntern wollte.

„Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks, war was solche Bindungen angeht noch ein bisschen misstrauischer, als der Rest der Zauberwelt. Wenn es zur solchen Verträgen dennoch kam, sorgten die Blacks dafür, dass sie entweder zu ihren Gunsten ausfielen oder dass es niemanden gab, der … nun ja, der etwas fordern konnte! Wir stehen jetzt relativ unabhängig dar. Nicht ganz aber zumindest nicht den Dunklen Lord direkt verpflichtet."

Das beruhigte mich nur ein wenig. Die Situation war nur auf den ersten Blick ruhig. Ich glaube die magische Welt befand sich in einer Art Schockstarre. Es blieb nur abzuwarten, was passiert, wenn sie verging.