Im Jahre 25 nach der Schlacht von Yavin – eine Woche nach Invasionsbeginn im Helska-System am nördlichen Rand der Galaxis
Das Helska-System war nicht besonders groß. Es umfasste sieben Planeten, die nach ihrem Stern Helska benannt und nach jenem Namen durchnummeriert waren. Kyp Durron war mit seiner Rächerstaffel soeben aus dem Hyperraum ausgetreten und ließ sich von seinem Astromech R5-L4 die Daten zeigen, die für dieses System im Dalonbian-Sektor relevant waren. Schon seit Monaten kreuzte der hochgewachsene Jedimeister mit den schwarzen Haaren und grünen Augen jenseits des Asteroidengürtels im Äußeren Rand herum, um Schmuggler zu jagen – die einzig relevante Tätigkeit, der er als selbständiger Jedimeister ausüben konnte, ohne allzu vielen Leuten auf den Schlips zu treten.
Noch vor einem Tag hatte sich Kyps Staffel im Orbit über Dubrillion befunden, dem Planeten, auf welchem Lando Calrissian seine neue Heimat gefunden hatte. Es wäre keine gute Idee gewesen, sich dort mit Leuten anzulegen, die möglicherweise im Auftrag des berühmtesten Schwindlers und späteren Rebellionshelden der Galaxis unterwegs waren. Dann jedoch, im angrenzenden Veragi-Sektor, hatte Kyp Durron die Informationen einer Beobachtungsboje, die er dort installiert hatte, ausgewertet. Ein Frachter der Spacecaster-Klasse hatte sich von Belkadan aus auf den Weg ins benachbarte Helska-Systems gemacht. Der Langstreckenkommunikator dieses Schiffs hatte eine ziemlich schlecht zu vernehmende Nachricht gesendet, in der das Wort „Sturm" vorgekommen war. Kyp Durron hatte sich daraufhin die Frage gestellt, wieso der Frachter dann in ein unbewohntes System gesprungen war, anstatt auf nahegelegenen bewohnten Planeten wie Dubrillion oder Sernpidal um Hilfe zu bitten.
Kyp ging die sieben Planeten durch. Der erste war kaum groß genug, um nennenswerte Gravitation zu haben, der zweite und der dritte waren aufgrund ihrer dicken Atmosphären glühende Dampfhöllen, der vierte wiederum war eine überfrorene Eiskugel, deren Inneres vulkanische Aktivitäten barg. Der fünfte und größte von ihnen war ein Gasriese, wie ihn fast alle Sonnensysteme aufwiesen.
„Ich empfange Signale vom vierten", sagte Miko Reglia, der zweite Jedi der Rächerstaffel.
Sofort drosselte Kyp die Geschwindigkeit seines XJ-X-Wings und die anderen dreizehn Rächer taten es ihm gleich. Sie schossen als wirbelnde Formation auf Helska IV zu, bei der die Piloten ständig ihre Plätze in dem Keil wechselten, koordinierte Rollen und Loopings durchführten – brillantes Präzisionsfliegen, immer am Rand der Katastrophe, genau wie Kyp Durron es liebte. Außerdem war es so für potentielle Feinde auch viel schwieriger, ihren Funkverkehr abzuhören.
Sie waren in eine Umlaufbahn um den Eisplaneten eingeschwenkt und nutzten dessen Gravitation, um wie im Gleitflug mit minimaler Energie am Rande des Schwerkraftfeldes um Helska IV herumzufliegen und die Lage zu sondieren. Sie hatten gerademal ein Drittel der weißen Kugel umflogen, da sah Kyp verdächtige Bewegungen. Die kleinen Punkte waren noch viel zu weit entfernt, um sagen zu können, was genau sie waren, und waren doch zu geordnet und viel zu symmetrisch, als dass es sich um Zufall handeln könnte.
„Schilde hoch und Torpedos bereit", rief Kyp auf der offenen Frequenz den anderen zu. „Zieht den Keil auseinander, zwei rechts von mir."
Der schnelle A-Flügler an Kyps linker Seite vollführte eine Seitwärtsrolle, die ihn direkt hinter Kyps Leitschiff rechts im Keil brachte.
„Bewegungen oberhalb der Planetenoberfläche", kam Miko Reglias Meldung, und Kyps Astromech bestätigte es im selben Moment.
Die Punkte wurden größer. Es waren Dutzende von … Asteroiden? Kyps Instrumente zeigten ein Durcheinander von Signalen an – bestätigte die Existenz von Lebensformen – Lebensformen, die er als Jedi nicht fühlen konnte.
„Miko, fühlst du Lebewesen?", fragte Kyp über denselben Kanal.
„Nein, tue ich nicht, obwohl die Sensoren das anzeigen."
„Meine Systeme zeigen mir auch eine gewaltige Energieblase an, die den Planeten umspannt – die aber völlig untypisch für Planeten wie Helska IV ist."
„Ich kann mir darauf auch keinen Reim machen", meinte Miko. „Aber vermutlich ist es das, was die Spacecaster hierhergeführt hat – eine Anomalie. Schließlich ist es die Aufgabe von ExGal-4, genau solche Lebensformen in der Region aufzuspüren."
Kyps Oberlippe hob sich spöttisch. „Du meinst, sie halten es für außergalaktisch?"
„Wenn wir Glück haben, können wir sie ja selber fragen."
Die Keilformation beschleunigte, um näher an die gleichmäßig fliegende Asteroidenschar heranzukommen. Die Felsklumpen waren ziemlich bunt und nicht gleich in ihrer Form, doch hatten sie Gemeinsamkeiten, eine spitz zulaufende Nase und ziemlich aerodynamische Seiten. Und über der Nase konnte Kyp eine durchsichtige Wölbung erkennen – Cockpits von Kampfjägern!
Kyp gab vollen Schub, riss den Steuerknüppel zurück und zog die Nase zu einem scharfen Looping hoch. Als er den höchsten Punkt erreicht hatte, drehte er sein Schiff und flog zurück. Die Felsbrocken folgten ihm – ein geordneter Schwarm.
„Es sind Feinde!", rief er. „Miko, halt dich links von mir!" Noch während dieser Worte kreischte R5-L4, und der X-Flügler ruckte, weil er von etwas getroffen worden war.
Die Rächerstaffel floh und schoss dabei. Einer der Felsen wurde getroffen, verlor ein Stück Felsen und wirbelte davon, aber ein anderer sauste direkt an Kyp vorüber, so dass er durch das glimmerartige Cockpit ins Innere schauen konnte. Er sah den Piloten, einen barbarisch wirkenden Humanoiden – sein Kopf eine bleiche, pulsierende Fleischmasse, die durch Narben oder Tätowierungen entstellt war. Oder war es beides zugleich?
Die Felsenjäger beharkten sie mit leuchtenden Geschossen, die aus Miniaturvulkanen zu kommen schienen. Auch die Systeme registrierten geschmolzenen Stein – Lavabällchen, die von den Schilden der X- und A-Wings abgefangen und unschädlich gemacht wurden. Ein neuer Felsenjäger näherte sich. Nein, kein neuer – es war jener, dem Kyp vor einigen Minuten ein Stück weggeschossen hatte. Genauso hatten es auch die anderen Piloten der Rächerstaffel getan, aber der Außenhüllenverlust schien die feindlichen Jäger nicht zu stören. Sie drehten einfach ab und tauchten später wieder auf, um erneut goldene Kugeln abzusondern.
„Die können was wegstecken", meinte Miko.
„Aber austeilen können sich nicht", versetzte Kyp, der sah, wie mehrere Projektile gegen die Schilde eines B-Wings krachten und dort abprallten. „Also gut, Dutzend-und-zwei", rief er. „Unsere Schilde kommen mit ihnen zurecht. Formieren wir uns und erledigen wir sie, einen nach dem anderen." Er warf einen Blick zurück zu seinem Droiden. „L4, versuch sie anzusprechen, alle Kanäle. Sehen wir, ob sie sich ergeben."
„Das fällt dir aber ganz schön früh ein, Kyp", sagte Miko Reglia von links in leichtem Vorwurf.
„Woher sollte ich denn wissen, dass in diesen Dingern …?"
Ein Ruf vom Piloten des B-Wings rechts von ihm ließ ihn im Satz verstummen. „Meine Schilde sind unten!"
Bevor Kyp auch nur reagieren konnte, raste ein ganzes Heer feindlicher Flieger in Position und entsandte Schwärme von Vulkangeschossen. Der B-Flügler wurde halbiert und geviertelt; in rascher Folge, bis tausend kleine Trümmer durch den dunklen Himmel flogen. Ein weiterer Pilot meldete den Verlust seiner Schilde und eine Headhunter ereilte das gleiche Schicksal.
Doch die Rächer gaben nicht auf. Sie hielten ihre Formation und konzentrierten ihr Feuer auf einzelne Feindschiffe, schossen immer wieder auf eine Stelle, bis der Fels brach und der Pilot ins All gesaugt wurde. Sie sahen die schockgefrorene Leiche des Humanoiden – die breite Brust war nackt und ebenso mit Tätowierungen und Narben überzogen wie sein Gesicht. Bekleidet war der Pilot lediglich mit einem Lendenschurz, um die intimste Körperzone zu verdecken. An den nackten Füßen konnte Kyp Durron schwarze, kurze Krallen erkennen. Die ebenso schwarzen Fingernägel waren wesentlich länger. Jetzt in der Kälte des Alls waren diese natürlichen Reiß- und Schlitzwerkzeuge nutzlos geworden.
Aber für jeden abgeschossenen Feind stieg ein weiteres Dutzend Felsenjäger vom Planeten auf und dann meldete Miko: „Keine Schilde."
„Wie ist das möglich", fragte Kyp. „Wir sind doch überhaupt nicht mitten im Kampf?"
„Ein Schwerkraftproblem", versuchte Miko zu erklären. „Ich habe ein Zerren gespürt, als rissen mich ein Dutzend g aus meinem Sitz. Dann gab es ein Loch im Schild und dann nichts mehr. Mein Droide brabbelte was von Magnetfeldern, aber ich weiß es nicht."
Erst jetzt erkannte Kyp den Ernst der Lage. „Verschwindet von hier! Verschwindet alle!"
Er wendete seinen XJ-X-Wing und schoss mit seiner Laserkanone ein Loch in einen feindlichen Jäger. Als das Loch groß genug war, versenkte er einen Torpedo darin und der Jäger explodierte. Seine Torpedos waren endlich, doch er wollte ja auch nur den Rückzug seiner Kameraden decken. Er steckte ein paar folgenlose Treffer ein, kehrte den Schub um und kippte sein Schiff – ein höllisches Manöver, dass ihm beinahe das Bewusstsein raubte, obwohl sein Trägheitskompensator bei 97 Prozent stand. Kyp bewahrte die Ruhe und seine Laser droschen auf weitere Feindschiffe ein, pulverisierte einen …
… ein A-Wing kam an ihm vorbei, wurde getroffen und Kyp sah die Magma-Geschosse, die wie glühender Leim an einer Seite klebten. Er wusste, dass sie die Stelle erwischt hatten, wo sich die Ionentriebwerke befanden.
„Oh nein!", ächzte Kyp und dann explodierte der A-Wing auch schon.
Er stürzte sich weiter in die Feinde und bemerkte ein Schiff, das etwas hatte, was die anderen nicht hatten. Es war eine Art pulsierendes Herz, das aus einem Rohr vorn am Bug herausragte. Seine Sensoren fingen Signale auf, die anders waren als alles, was sie bislang gesendet hatten … und dann spürte er das Zerren. Kyps Schilde waren passé und er wusste, dass dieses schwarze Herz etwas damit zu tun hatte.
Er ließ einen Torpedo auf das pulsierende Herz los und der Torpedo blieb kurz vorher stehen, zuckte und explodierte nutzlos mitten im Raum.
„Was ist das?", fragte Kyp, wagte jedoch nicht langsamer zu werden, denn jetzt war auch er nackt, ohne Schild – umringt von feindlichen Schiffen.
„Ich bin getroffen!", rief Miko.
Kyp wendete, um seinen Freund zu finden. Aber er konnte noch nicht einmal langsam genug werden, um ein Ziel zu fokussieren, wenn er nicht selbst in Stücke geschossen werden wollte. Und die Feinde hatten bislang nicht auf die Signale der Rächerstaffel geantwortet. Verstanden sie sie nur nicht? Kyp Durron mochte das nicht glauben.
Ein älterer X-Wing neben ihm wurde in Stücke geschossen und wieder hörte er Miko rufen: „Die Triebwerke funktionieren nicht mehr! Keine Energie! Keine Energie!"
Dann Schweigen. Kyp blieb keine Zeit, weiter auf den anderen Jedi zu achten. Miko Reglia war nie sonderlich ehrgeizig gewesen. Die Zeit, die er nicht mit Flugübungen mit der Rächerstaffel verbracht hatte, war er entweder am Meditieren unterm Sternenhimmel oder beim Lichtschwerttraining. Kyp wusste, dass Miko mit der Twi'lek Daeshara'cor befreundet war, aber für ihn war der jüngere Jedi lediglich ein Kollege, der ihm in puncto Machtbeherrschung nicht das Wasser reichen konnte – ansonsten hätte er sich vielleicht retten können … vielleicht ...
Ein A-Wing tauchte an seiner Seite auf, zog rasch an ihm vorbei. „Sie sind direkt hinter uns!", rief der Pilot.
„Halte dich gerade aus und beeile dich!", rief Kyp seinem neuen Flügelmann zu, denn er wusste nicht, wie schnell die feindlichen Schiffe werden konnten.
„Aber wir sind die Einzigen, die übrig geblieben sind!", rief der Pilot.
„Geradeaus!"
Tatsächlich konnten die feindlichen Jäger sie nicht einholen. Dafür kam ein ovales, ebenfalls felsenähnliches Schiff auf sie zu. Es öffnete eine Kammer und ein Schwarm schwarzer, geflügelter Insekten entwich, jedes von ihnen vielleicht einen halben Meter groß. Kyp sah, dass die Insekten schnell aufholten.
„Hyperantrieb!" schrie er seinem neuen Flügelmann zu.
„Keine Koordinaten!", kam es zurück.
„Jetzt!", befahl Kyp und schaltete den Antrieb ein, ebenso wie der A-Wing.
Kyp sah, wie die schwarzen Insekten seinen Flügelmann erreichten, wie sie eine Substanz ausschieden, die sich durch den Rumpf ätzte und den Geschöpfen gestattete einzudringen. Er sah den Piloten mit den Händen herumfuchteln, dann verlor er den A-Wing aus den Augen. In jenem momentanen Erstarren der Wirklichkeit, das zum Beginn des Hyperraumflugs gehörte, wurden die Sterne zu Streifen. Kyp, wusste, dass sein Flügelmann nicht überlebt hatte – denn das Einschalten des mächtigen Hyperantriebs zerriss ein derart beschädigtes Schiff.
Keine Koordinaten – das traf auch auf ihn zu. Also ging Kyp Durron beinahe sofort wieder zur Sublichtgeschwindigkeit über, um einen Zusammenstoß mit einem Planeten oder gar einer Sonne zu vermeiden. Bevor er allerdings damit beginnen konnte, zu berechnen, wo er war, sah er, dass auch er nicht ganz unbeschädigt entkommen war, dass auch er ein paar blinde Passagiere bei sich hatte. Und einer davon erwachte aus seiner Starre, die ihm der Hyperraumsprung auferlegt hatte, fraß sich ein Loch durch die Kuppel und kam direkt auf ihn zu gekrabbelt, während seine Zangen aufgeregte Schneidebewegungen ausführten.
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Einen halben Tag später auf dem Planeten Dubrillion, ebenfalls am nördlichen Rand der Galaxis
„Sernpidal?", fragte Han Solo ungläubig seinen langjährigen Freund. „Du willst, dass ich nach Sernpidal fliege?"
Lando Calrissian lächelte gewinnend, so wie nur er es konnte. „Du tust mir damit einen riesigen Gefallen. Hey, immerhin habe ich dich und deine Kinder umsonst zum Flugtraining in den Asteroidengürtel gelassen."
Han verzog das Gesicht und Lando erkannte, dass die Erwähnung des Asteroidengürtels nicht ausreichte, um einen Gefallen einzufordern. „Es wird nur zwei Tage dauern", beteuerte er. „Wenn ich einen Frachter schicken muss, kostet mich das mehr als die Bezahlung einbringt."
„Dann schicke ihnen kein Erz."
„Ich muss aber", beharrte Lando. „Solange ich die äußeren Kolonien beliefere, drückt die Neue Republik gegenüber einigen meiner … wie soll ich es ausdrücken … Nebenerwerbe ein Auge zu."
Han verstand. „Dann erstatte mir zumindest die Betriebskosten."
Er schaute zu seiner Frau, aber ihre Miene und die vor der Brust verschränkten Arme wiesen darauf hin, dass sie sein Zieren nicht guthieß. Lando war in diesen turbulenten Zeiten ein guter und häufig auch stiller Verbündeter, trotzdem wollte Han Solo wissen, wieviel mehr da noch mehr ging.
„Ich lasse dich auch gerne noch einmal umsonst fliegen", lockte Lando. „Jaina hat immerhin einen Pilotenrekord gebrochen, ebenso wie du und Chewie."
Han schaute wieder zu Leia und wiederholte die Destination etwas freundlicher. „Sernpidal."
Landos Grinsen wuchs von Ohr zu Ohr. „Du wirst wieder da sein, bevor noch jemand gemerkt hat, dass du weg warst."
Ein Tech störte ihr Gespräch. Der Mann trug einen Datenblock in der Hand und rannte auf Lando zu, eindeutig beunruhigt.
„Ärger?", fragte Lando und griff nach dem Block.
„Von Kyp Durron", erklang des Techs belegte Stimme.
„Die Dutzend-und-zwei-Rächer", las Lando mit belustigter Stimme vor, doch je weiter er stumm las, desto mehr verging ihm das Grinsen.
„Worum geht es?", fragte Leia beunruhigt.
„Ein Außenposten auf Belkadan im dalonbianschen Sektor", erklärte Lando. „Irgendetwas ist da los." Er wandte sich an den Tech. „Hast du versucht, sie zu erreichen?"
„Von diesem Planeten ist nichts als Statik zu hören", bestätigte der Mann.
„Belkadan?", fragte Leia.
„Ein kleiner Planet mit einem Außenposten der ExGal-Gesellschaft, der mit Wissenschaftlern besetzt ist", erwiderte Lando. „Rund ein Dutzend Leute."
„Plus einem Hutt, der dort regiert", ergänzte Han.
Leia griff nach dem Block. „Und was hat das hier zu bedeuten?"
„Es bedeutet wahrscheinlich nur, dass ihr Transmitter kaputt ist", wiegelte Lando ab. „Oder vielleicht, dass ein Sonnensturm die Kommunikation stört. Vermutlich nichts Wichtiges." Er wandte sich an Han. „Aber da du dich ohnehin auf den Weg machst …"
„Belkadan?", fragte Han noch ungläubiger, als er es vorhin bei Sernpidal getan hatte.
Lando machte ein unschuldiges Gesicht. „Nur ein paar Tage Umweg."
„Ich habe noch nicht einmal zugestimmt, nach Sernpidal zu fliegen", erinnerte ihn Han.
„Kyp Durron würde diesen Bericht so nicht senden, wenn es nichts Ernstes geben würde", meinte Leia. „Deshalb können wir auch noch gar nicht einschätzen, wie lange der Belkadan-Abstecher wirklich dauert, wenn du deine Erzlieferung wirklich pünktlich auf Sernpidal haben möchtest. Nein, Luke und Mara werden nach Belkadan fliegen. Sie wollten ohnehin ein bisschen Zeit für sich."
Lando nickte. So viel Entlastung hätte er nicht erwartet. All seine Schiffe waren durch geschäftliche Verträge gebunden und jede Ablenkung bedeutete Verlust.
Sie trafen sich alle später an diesem Tag, und tatsächlich übernahmen Luke und Mara gern die Exkursion nach Belkadan, während Han und Chewie den Milleniumfalken für Lando nach Sernpidal fliegen würden. Leia hingegen wollte auf Dubrillion bei Lando bleiben, schlug jedoch nachdrücklich vor, dass Han ihren jüngsten Sohn Anakin nach Sernpidal mitnehmen und ihn bitte auch mal ans Steuer lassen möge.
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Danni Quee saß in ihrer Kuppelkammer und starrte auf das Loch, welches sich in der Mitte des Moosbodens befand und den Blick auf Helska IVs Meer freigab. Sie war nach Belkadan ausgezogen, um nach extragalaktischen Intelligenzen zu forschen. Jetzt war so eine extragalaktische Intelligenz in ihre Galaxis eingedrungen und hatte ihr Leben auf den Kopf gestellt – zur Hölle gemacht. Ihr kam der Gedanke, dass Yomin Carr ihr durch seine Bitte an Da'Gara, sie mit Respekt zu behandeln, womöglich wirklich etwas Gutes tun wollte. Nur konnte sie ihrem ehemaligen Kollegen beim besten Willen nicht dankbar dafür sein. Vor allem nicht dafür, was sie gestern mit dem Yammosk erlebt hatte. Schon allein der Geruch!
Das Becken, indem der große Kriegskoordinator ruhte, hatte nach Knoblauch gestunken – und das in einer Konzentration, die selbst ihre knoblauchgewöhnten Geruchssinne überfordert hatte. Der meterlange rosafarbene Tentakel hatte in der dunklen Nährflüssigkeit geplätschert und dann hatte er sich erhoben, war über ihre Figur gewandert, hatte ihr Gesicht gestreift und an ihren Haaren gezogen. Nicht nur an ihren Haaren. Der Yammosk, dessen Kopf über ein Dutzend Meter im Durchmesser maß, sandte telepathische Wellen aus, die ihren Geist, ihre Sinne berührten. Das krakenartige Wesen bewirkte mit diesen Wellen, dass sich Danni plötzlich an Sachen erinnerte, die sie bereits vergessen geglaubt hatte – Dinge aus ihrer Kindheit, wie sie mit Murmeln gespielt und damit die Galaxis nachgebildet hatte, wie sie sich mit einem Mitschüler darüber gestritten hatte, ob es außergalaktische Intelligenz gab oder nicht. Das ging noch, aber dann erfasste eine neue Welle die junge Frau und sie sah, wie mehrere Männer sie zu einer Grube zerrten, hineinstießen – und Erde in das Loch schaufelten. So etwas war Danni nie passiert, aber sie erinnerte sich daran, mal einen Bericht im Holonet gesehen zu haben, wo jemand von Nahtoderfahrungen berichtet hatte, als er versehentlich lebendig begraben wurde, da man ihn für tot gehalten hatte. Danni sah in die zwei runden, schwarzen Augen des Kriegskoordinators, las ein gewisses Entzücken ob ihres Schauderns vor dem Alptraum. Und Da'Gara hatte daneben gestanden und interessiert geschaut.
Ein anderer Tentakel des Yammosk war über ihren Oberkörper gepeitscht und für einen Moment hatte sie geglaubt, der Präfekt würde sie jetzt opfern wollen. Aber dann hatte sich der rosafarbene Tentakel erneut genähert, hatte ihren Oberkörper umschlungen und herzhaft gedrückt. Das riesige Maul des Yammosk hatte sich verzogen und den einzigen Zahn enthüllt, den das Wesen besaß. Und in diesem Moment hatte Danni gefühlt, dass der große Kriegskoordinator sie akzeptierte. Danni hatte zurückgelächelt – mehr eine Höflichkeit gegenüber dem vollkommen andersartigen Wesen als wirkliche Empathie, aber so sicher war sich Danni, nachdem es vorbei war, nicht mehr gewesen.
„Yomin Carr hat Recht gehabt", hatte Da'Gara gesagt und ihr auf die Schulter geklopft.
Danni hatte im Stillen nicht viel auf diese Gunstbezeigung gegeben. Da'Gara hatte ihr vor zwei Tagen unmissverständlich klar gemacht, dass er sie auf seiner Seite haben wollte. Der Yammosk musste das gespürt haben – und hatte sich ihr gegenüber entsprechend verhalten. Den machtvollen Wellen zufolge, die von dem Wesen ausgingen, war sich Danni ziemlich sicher, dass der Yammosk noch ganz anders mit ihr hätte umspringen können, falls das des Präfekten Wille gewesen wäre. Vor allem, wenn man bedachte, dass der Yammosk hier im Becken saß, ohne dass Danni ein Anzeichen dafür sah, dass es dem Yammosk gestattet war, sich allein und frei irgendwohin zu bewegen, auch nicht im Wasser, was seiner Anatomie zufolge doch eigentlich für Wesen seiner Art als Lebensraum bestimmt war. Und Danni hielt es für unwahrscheinlich, dass sie auch als Gefolgsfrau der Yuuzhan Vong größere Freiheit besitzen würde. Die Leute, die sie bei ihrer Ankunft im Weltschiff der Praetorite Vong gesehen hatte, schienen alle klar zugewiesene Aufgaben zu erfüllen – auf solch engem Raum gab es keinen Platz für Ausbüchsen oder Anfälle von Verweigerung oder auch nur Eigensinn. Da'Gara hatte ihr erzählt, dass sein Volk schon lange durch den Leeren Raum gereist war. Dass bald noch weitere Weltschiffe ankommen würden. Diese Leute waren dort draußen ganz allein mit ihresgleichen gewesen. Dies hier war die totalitärste Gesellschaft, von der Danni Quee jemals auch nur gehört hatte. Alles hier schien sich nur um Ruhm und Ehre zu drehen – und der Preis, um beides zu erringen, schien egal.
Das Wasser blubberte und zeigte Besuch an. Da'Gara hatte ihr für den heutigen Tag keine Ankündigung gemacht und so war Danni auf alles oder nichts gefasst. Aber das, was sie sah, hätte sie trotzdem nicht erwartet. Zwei barbarisch aussehende Krieger der Yuuzhan Vong krabbelten durch das Loch nach oben und benetzten den Moosboden mit salzigem Wasser. Mit sich schleppten sie einen Menschen, den sie grob zu Boden stießen. Hinter dem Trupp kletterte Präfekt Da'Gara aus dem Loch und sein organischer Schutzanzug schälte sich vom Körper.
„Krieger haben uns angegriffen", erklärte der Präfekt durch das wässrige Gurgeln des sternförmigen Gnullith. „Offenbar eure Besten."
Er hielt inne und nickte in Richtung der schlaffen Gestalt am Boden. „Wir haben sie mit Leichtigkeit vernichten können."
Danni sah ihn neugierig an, eher wegen der Art, in der er sprach, als wegen der eigentlichen Worte. Zuvor war sein Akzent schrecklich gewesen, und er hatte beinahe jede Satzstruktur durcheinander gebracht, aber nun konnte er erheblich fließender sprechen.
„Sie bezweifeln unsere Macht?", fragte Da'Gara, der offenbar versuchte, ihre Miene zu lesen.
„Sie haben unsere Sprache gelernt", erwiderte sie.
Der Präfekt drehte den Kopf zur Seite und berührte sein Ohr mit einem Finger, und Danni sah etwas darin, das zuckte und sich wand – wie ein Wurm. „Wir haben Möglichkeiten, Danni Quee. Sie werden es schon bald begreifen."
Das bezweifelte Danni nicht und das ließ ihr die Yuuzhan Vong nur noch schrecklicher erscheinen.
Der Präfekt schaute auf sie herab. „Er ist unwürdig", sagte ihr, zeigte auf ihren neuen Gefährten und befahl dann den beiden anderen mit einer plötzlichen Geste, zurück ins Wasser zu springen. Da'Gara warf Danni noch einen langen Blick zu, dann folgte er ihnen ins dunkle Wasser.
Jetzt erst rannte Danni zu dem Menschen. Er trug keine Abzeichen, die ihn hätten ausweisen können; er trug überhaupt nichts mehr außer einem Paar Shorts. Er hatte allerdings viele frische Narben, als hätten Da'Garas Krieger ihn erst verwundet und dann geheilt. Als Danni an Da'Garas letzte Worte dachte, dass dieser hier nicht würdig war, verstand sie, was es bedeutete.
Der Mann regte sich und blinzelte, verzog schmerzerfüllt das Gesicht.
„Wo?", stotterte er.
„Auf dem vierten Planeten", erwiderte Danni.
„Kampfjäger … wie Felsen", fasste er in Worte, was ihm begegnet war.
„Korallenskipper", erklärte Danni, denn Da'Gara hatte ihr die wörtliche Übersetzung der Yuuzhan Vong-Bezeichnung genannt. „Ruhen Sie sich aus. Sie sind jetzt in Sicherheit."
Tatsächlich schloss er seine Augen und öffnete sie etwa eine Stunde später wieder – begleitet von einem entsetzlichen Schrei. „Sie kommen durchs Schiff!" Er erkannte, dass das nur ein Traum gewesen war. „Das Helska-System?"
Danni nickte. „Ich bin Danni Quee", begann sie. „Ich bin von der ExGal-Station auf Belkadan gekommen …"
Der plötzlich wissende Blick des Mannes ließ sie innehalten. „In einem Shuttle der Spacecaster-Klasse", sagte er. „Wir haben Sie verfolgt – bis hierher."
„Wir?"
Der Mann zwang sich zu einem Lächeln und streckte die Hand aus. „Miko Reglia von den Dutzend-und-zwei-Rächern", sagte er.
Danni ergriff seine Hand, aber ihre Miene zeigte, dass sie keine Ahnung hatte, wovon er sprach.
„Eine Staffel von …" Danni schien, als müsse er überlegen, was er eigentlich war. „Eine Staffel von Kampfjägerpiloten, angeführt von Jedi Kyp Durron und mir."
Ein Hoffnungsschimmer stahl sich in ihre Augen. „Sie sind ein Jedi-Ritter?"
Er nickte und schien seine Fassung zurückzugewinnen, als habe ihm erst Dannis Frage sein Selbst wieder zurückgegeben. „Ja", sagte er, erheblich nachdrücklicher, „ich wurde an der Akademie von Luke Skywalker selbst ausgebildet, und obwohl meine Ausbildung noch nicht beendet ist – ich war Schüler von Kyp Durron – bin ich tatsächlich ein Jedi-Ritter."
Danni starrte auf das Wasserloch. Wie konnte Da'Gara behaupten, dass ein Jedi unwürdig war? Wusste der Präfekt überhaupt, wen er da zu ihr verschleppt hatte? Womöglich war das ein Schwachpunkt, den sie nutzen könnten. Sie schaute zu Miko, der sich in den Schneidersitz begeben hatte – die Augen fest geschlossen.
„Was machen Sie da?", fragte Danni.
Miko öffnete die Augen. „Ich meditiere und sende einen Ruf aus. Ich projiziere meine Gedanken und versuche die anderen Jedi zu spüren, die sich in diesem Bereich aufhalten."
„Wird das funktionieren?", fragte Danni, die schon viele Geschichten über die Jedi gehört hatte, und rückte etwas näher an Miko heran.
Miko zuckte die Achseln. „Jedi haben eine Verbindung untereinander – durch unser gemeinsames Verständnis der Macht, das uns einander näherbringt."
„Wird es funktionieren?", beharrte Danni.
„Ich weiß es nicht", gab Miko zu. „Ich weiß nicht, ob Kyp entkommen konnte; ich weiß nicht, wie weit er oder andere Jedi entfernt sind."
Danni seufzte lautlos. Zumindest wusste sie, dass verschiedene Jedi nicht in allen Bereichen gleich gut waren. Entweder Miko war nicht sonderlich gut im Aufspüren seiner Mit-Jedi, oder aber es gab tatsächlich keine in der Nähe.
„Was sind das für Leute?", wollte Miko von seiner Mitgefangenen wissen. „Schmuggler?"
Danni konnte nicht an sich halten und brach in wildes Gelächter aus. Wenn es nur das wäre! „Vielleicht waren sie, diese Yuuzhan Vong, in ihrer eigenen Galaxis Schmuggler."
Miko Reglia brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Danni gesagt hatte.
„Ja, sie sind nicht aus unserer Galaxis", bekräftigte Danni.
„Unmöglich!", wies er ihre Aussage zurück. „Das ist eine Lüge, die sie Ihnen erzählt haben, damit sie sich fürchten."
„Was glauben Sie denn, woher ich das weiß?!", brauste Danni auf. „Sie wissen doch, dass ich von ExGal-4 bin. Wir haben sie auf Belkadan mit unseren Sensoren verfolgt. Wir haben gesehen, wie ihr Weltschiff über einen Eintrittsvektor im galaktischen Rand in unsere Galaxis eingedrungen ist. Wir dachten zunächst, es sei ein Komet; deshalb sind ich und zwei andere Wissenschaftler nach Helska IV gekommen, um es aus nächster Nähe anzusehen. Leute wie die Yuuzhan Vong aufzuspüren, war unser Lebensziel."
„Gratuliere", erwiderte Miko trocken. „Was ist mit den beiden anderen?"
Danni verdrehte die Augen zur Decke und schüttelte den Kopf, so dass Miko die Antwort auch so lesen konnte.
„Was wollen sie denn hier, die Yuuzhan Vong?"
Dannis grüne Augen schauten in Mikos dunkle. „Die Yuuzhan Vong wollen alles."
„Eroberung?"
Dannis Ton wurde schauerlich-feierlich. „Die gesamte Galaxis."
„Dann werden sie eine Überraschung erleben."
Danni presste scharf die Luft aus dem Mund. „Das hoffe ich auch. Aber im Moment sind sie es, die uns eine Überraschung nach der anderen bereiten werden. Sie haben Möglichkeiten, Miko. Möglichkeiten, von denen du noch nicht einmal geträumt hast. Sie nutzen alle möglichen gezüchteten Lebewesen dazu, ihre Bedürfnisse zu erfüllen."
„Wir sind im Verhältnis eins zu drei gegen sie angetreten", erklärte Miko. „Und wir hatten nur veraltete Kampfjäger und haben trotzdem im Verhältnis mehr Jäger von ihnen abgeschossen als umgekehrt. Gegen einen Sternzerstörer könnten sie niemals bestehen!"
„Sie hätten beinahe gewonnen", meinte Danni sarkastisch. „Aber dann doch verloren."
„Nur weil sie eine Möglichkeit gefunden haben, unsere Schilde abzuschalten und …", widersprach Miko, doch Dannis eisiger Blick ließ ihn mitten im Satz verstummen.
„Unterschätzen Sie sie nicht", tadelte ihn Danni. „Sie haben Waffen, die uns völlig fremd sind. Waffen, denen wir nicht so leicht etwas entgegensetzen können. Und sie scheinen uns besser zu kennen als wir sie."
Miko schaute nach oben zur Kuppeldecke.
„Das Eis ist Hunderte von Metern dick", erklärte Danni.
„Wir müssen eine Möglichkeit finden, der Neuen Republik Bescheid zu sagen. Und dann wollen wir doch mal sehen, was diese … Yuuzhan Vong … gegen echte Feuerkraft unternehmen können."
Danni nickte resolut, gestärkt durch die Kraft des Jediritters. Sie hoffte, dass Da'Gara ihn tatsächlich unterschätzte.
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Nom Anor fand es an der Zeit, Da'Gara zu rufen. Früher hatte er den Präfekten vielleicht einmal im Monat, in der letzten Zeit wöchentlich kontaktiert. Jetzt jedoch überschlugen sich die Ereignisse und es war viel Feinabstimmung nötig, auf dass niemandem ein kleiner, dafür gravierender Fehler unterlief. Noch hatten sie nur Helska IV als Basis. Aber nur mit mindestens drei Ausgangsbasen ließ sich die Invasion in der nötigen Breite beginnen, um die Ungläubigen einzuschüchtern und ihnen den Mut zu nehmen, damit sich Widerstand von ihrer Seite in Grenzen hielt.
Der Exekutor befand sich an Bord der Tarak-shi, des Miid Ro'ik, wo er sich bereits vor knapp zwei Wochen aufgehalten hatte, um Boba Fett und dessen Adjutanten Goran Beviin die Macht der Yuuzhan Vong zu zeigen und einen weiteren Deal mit den Mandalorianern einzufädeln. Der Kommandant des Angriffskreuzers, Tuak Vootuh, hatte mit der Vorhut der Flotte den Raum um Birgis gesichert, während eine andere Abteilung, in der sich hauptsächlich Gestalter befanden, auf dem Weg nach Belkadan war, um die Umformung des Planeten in Angriff zu nehmen. Jetzt befand sich Nom Anor in einer privaten Kabine und schaute auf den sich auf sein Kommando hin umstülpenden Villip.
„Präfekt Da'Gara, wie verlaufen Ihre Vorbereitungen?", fragte er, froh, die Grußformeln unter Gleichrangigen hinter sich gebracht zu haben.
„Wir wurden angegriffen", erklärte der Präfekt, dem der Anruf nicht sonderlich gelegen zu kommen schien. „Es war eine Staffel von vierzehn Piloten."
Nom Anors Stirn runzelte sich. „Dafür ist es noch viel zu früh! Wie konnten die Feinde von unserem Eindringen erfahren? Kann es sein, dass Ihre Gefangene Hilfe herbeigeholt hat?"
„Wie denn?", höhnte Da'Gara. „Sie hatte keinerlei solche Mittel. Wir haben sie nach Absturz ihres Schiffes genauestens untersucht, um genau so etwas zu verhindern."
„Woher dann?", insistierte Nom Anor.
„Wir wissen es noch nicht", gab Da'Gara zu. „Vielleicht handelte es sich um eine routinemäßige Patrouille."
„In einem seit Ewigkeiten völlig unbewohnten System", ätzte Nom Anor. „Und Ihre Verluste?"
„Wir haben mehr als ein Dutzend verloren", hörte Nom Anor Da'Gara zugeben und seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. „Aber als wir ihre Schwäche erkannten und die Dovin-Basale benutzten, um ihre blockierenden Energieschilde zu zerstören, wendete sich die Schlacht zu unseren Gunsten. Jetzt können wir sie schlagen, eins zu eins und eins zu zehn."
„Die Schlacht wendete sich also zu Ihren Gunsten", echote Nom Anor in leichter Herablassung.
„Elf Feinde wurden vernichtet", berichtete Da'Gara. „Ein zwölfter wurde zur Bruchlandung gezwungen und obwohl zwei entkamen, waren die Grutchins schon hinter ihnen her. Wir glauben, dass auch diese beiden letzten Feinde vernichtet wurden."
„Sie glauben?"
Da'Garas Miene wurde lebhaft. „Sie sind in die Überlichtgeschwindigkeit gesprungen, die sie als Hyperantrieb bezeichnen", erklärte Da'Gara. „Als sie das letzte Mal gesichtet wurden, hatten sich die Grutchins bereits an ihre Schiffe geheftet, um sie zu zerstören, und viele weitere verfolgten sie. Sie können nicht überlebt haben."
Nom Anor schwieg lange und Da'Gara wagte nicht, ihn zu unterbrechen. Der Einsatz von Grutchins war eine riskante Sache. Einmal losgelassen, konnten die großen schwarzen Insekten nicht wieder zurückgeholt werden. Sie zerfraßen und zersetzten mit der von ihnen ausgeschiedenen Säure alles, was ihnen vor die Mandibeln kam und irgendwann starben sie oder wurden gewaltsam aus dem Verkehr gezogen. Dass der Feind einen solchen Beweis für die Ankunft der Eroberer in den Händen halten könnte, beunruhigte den Exekutor zutiefst. Trotzdem war ihm klar, dass Da'Gara kein anderes Mittel gehabt hatte, um die Feinde auszuschalten. Die Korallenskipper hatten keine Möglichkeit, dem Feind weiter durch den Dunkelraum zu folgen.
„Wie kommt es, dass so wenige Piloten der Feinde so viele von unseren binden konnten?", fragte Nom Anor weiter. Er spürte es, wenn der andere etwas verbarg.
„Gut, dass Sie das ansprechen, Exekutor", kam ihm Da'Gara entgegen. „Bei zweien der Piloten konnte unser Yammosk Jedi-Kräfte feststellen. Einen davon haben wir in Gewahrsam."
„Den mit der Bruchlandung", schlussfolgerte Nom Anor und Da'Gara nickte.
„Seien Sie vorsichtig mit ihm", warnte Nom Anor.
„Er ist bei der Frau", sagte Da'Gara. „Es gibt keine Fluchtmöglichkeit."
„Haben Sie bereits begonnen, ihn zu brechen?"
„Wir haben die Frau gegen ihn eingesetzt", sagte Da'Gara und seine schwarzen Augen begannen zu leuchten. „Wir haben ihm erklärt, dass sie würdig sei, er jedoch nicht. Wir werden ihn im Geiste tausend Tode sterben lassen, falls das notwendig ist."
Nom Anor kicherte, als er sich vorstellte, was Da'Gara mit dem Jedi anstellen würde.
„Wir werden natürlich auch seine Willenskraft sorgfältig messen", versicherte Da'Gara. „Dann werden wir die Grenzen eines Jedi kennen und wissen, wie wir sie durchbrechen können."
„Vor allem müssen Sie ihn demütigen", schlug Nom Anor vor. „Er ist unwürdig – das ist Ihre Litanei, das ist die Botschaft, mit der wir in seinen Willen eindringen und die Grenzen durchbrechen. Deshalb ist es umso besser, dass sie immer noch die Frau haben, um über einen Maßstab zu verfügen. Sie ist würdig, er nicht – Das sollte einen schwächenden Effekt haben."
„Dann sind wir derselben Ansicht."
„Wann wird der Rest der Praetorite Vong eintreffen?", fragte Nom Anor.
„Das zweite Weltschiff wird heute ankommen", antwortete Da'Gara. „Das Dritte noch innerhalb dieser Woche."
„Bereiten Sie die Verteidigungsanlagen angemessen vor und bleiben Sie weiterhin misstrauisch", wies Nom Anor den Präfekten an. „Wenn die Neue Republik durch einen fliehenden Piloten von unserer Existenz erfahren sollte …"
„Sie können nicht überlebt haben", wiederholte Da'Gara, verärgert, dass Nom Anor seinen Versicherungen nicht glaubte.
„War einer der Piloten, die geflohen waren, der andere Jedi?"
Da'Gara nickte langsam.
„Das hatte ich mir fast gedacht", erklärte Nom Anor bitter. „Wenn der Jedi doch durchgekommen ist, dann werden wir uns binnen einer Woche noch viel furchterregenderen Feinden gegenübersehen."
„Wir werden bereit sein."
„Sorgen Sie dafür."
Er stülpte Da'Garas Villip wieder um. Vielleicht schaffte der Yammosk es ja trotz alldem, die Basis auf Sernpidal zu errichten, bevor die Ungläubigen von ihrem Eintreffen Wind bekommen würden. Aber für den Fall, dass etwas schief lief, gab es immer noch andere Optionen. Optionen wie die, die er gerade vorbereitete. Die Operationen Birgis und Sernpidal sollten möglichst synchron ablaufen, um für größtmögliche Chancen auf Verbreiterung des Angriffskeils zu sorgen.
Nom Anor fand es schade, dass Da'Gara ein Jedi in den Schoß gefallen war, er jedoch keinen hatte, um ihn Nagme zu übergeben, auf dass seine Geliebte an ihm die Experimente durchführen konnte, die so dringend nötig waren, um diese Supergeschöpfe dieser Galaxis für die Zukunft auszuschalten. Hätte Da'Gara hingegen beide eingefangen, hätte er ihm einen abgeben können.
Er schob diese Gedanken beiseite und verließ die Kammer, um sich zu Tuak Vootuh auf die Kommandobrücke der Tarak-shi zu begeben.
„Sind unsere mandalorianischen Freunde bereits erschienen?", fragte er den Kommandanten.
„Sie sind bereits unten auf dem Planeten stationiert und warten darauf, dass ich ihnen das Zeichen gebe, den Raumhafen lahmzulegen, so dass die Tarak-shi und vier Landungsskiffs dort landen können."
„Sind es wieder dieselben Mandalorianer wie letztes Mal vor zwei Ket?"
„Es sind Boba Fett, sein Adjutant Goran Beviin, Cham und Suvar Detta, sowie Briika Jeban und ihre Tochter Dinua und ein Mann namens Tiroc", zählte Vootuh die Namen auf.
„Sehr gut", sagte Nom Anor eher beiläufig.
Ihm war nicht wohl dabei, nicht selbst mit seinen ungläubigen Verbündeten zu sprechen, sondern dies mittelbar über den Kommandanten zu tun, der eben erst in der Galaxis angekommen war. Alles andere würde allerdings seiner Rolle als gefallener Märtyrer auf Rhommamool widersprechen. Er hatte Fetts stillen Widerstand vor zwei Wochen deutlich gespürt. Nein, er würde ihnen aus der Distanz heraus noch weitere Prüfungen auferlegen – und zusätzliche Sicherheiten einfordern, nachdem Da'Gara auf Helska IV so negativ überrascht worden war. Später hingegen, wenn die Invasion erfolgreich angelaufen war, würde er seine Mandalorianer wieder persönlich an die Kandare nehmen.
Tuak Vootuh richtete das Große Auge, die lebende Linse auf der Kommandobrücke, auf den Planeten unter ihnen aus. Nom Anor konnte deutlich Boba Fetts blaugrüne Rüstung erkennen, etwas weiter weg Briika und Dinua Jebans rote und etwas weiter hinten versetzt die grauen Harnische der Detta-Brüder Cham und Suvar.
Goran Beviin hielt einen Kanal seins Komlinks offen, um den Funkverkehr der Neuen Republik in der Region abzuhören. Sie rechneten mit ähnlichen Landungen der Yuuzhan Vong auf anderen Planeten wie Birgis – abgeschiedenen Planeten, deren Widerstand einfach zu brechen sein würde, bevor die Neue Republik zu Hilfe eilen konnte. Er konnte Funksprüche abhören, in denen die Einsatzleitung von lokalen Streitkräften Frühwarnschiffe und Jäger über fünf Städten in der nördlichen Hemisphäre des Planeten in Stellung brachte, Berichte über die Sichtung feindlicher Kriegsschiffe sammelte – und vermeldeten, dass Basen auf anderen Planeten dichter am Rand der Galaxis plötzlich nicht mehr auf Signale reagierten. Bisher existente Komstationen verloschen in einer Linie – die Spur des Kielwassers der Invasion.
Boba Fett machte einen Uhrenvergleich mit seinen sechs Begleitern, dann ermahnte er sie: „Vergesst nicht, ich will gute Schauspielerei sehen. Schlagt hart genug zu, um überzeugend zu wirken, aber mäht nicht alle nieder, weil wir mindestens einen Überlebenden brauchen."
Nachdem der Countdown von dreißig Sekunden heruntergezählt war, explodierte die Spitze des Kontrollturms des Raumhafens in einem gleißenden Feuerball. Wenig später schoss Cham Suvars Laserkanone einen nahe gelegenen Wasserturm zu Schutt und Asche.
Aus der luftigen Sicherheit des Miid Ro'ik schauten Tuak Vootuh und Nom Anor dabei zu, wie die Mandalorianer nach dieser Grobarbeit auf verschiedenen Wegen ins Raumhafengebäude rannten, um dort, im Verwaltungstrakt, die Macht zu übernehmen, bevor sie sie ihren Herren zu Füßen legen würden.
Normalerweise hätten die Mandalorianer den Generatorraum gestürmt, um die Kommunikation und den Betrieb des Raumhafens lahmzulegen, aber das war nicht wirklich ihr Ziel. Die Yuuzhan Vong draußen vor dem verwinkelten Gebäude würden das nicht mitbekommen, solange der Vormarsch planmäßig verlief. Sie sprinteten durch die Gänge, während Suvar und Tiroc zurückblieben und die Fluchtroute sicherten.
Die fünf Mandalorianer rannten durch einen Korridor, erreichten eine Gabelung desselben. Aus dem rechten Zweig dieser Gabelung schlug ihnen Blasterfeuer entgegen. Beviin sprang zurück, um seinen Blaster nachzuladen. „Gut, da ist jemand zu Hause."
„Jetzt müssen wir sie nur noch dazu bringen, lange genug das Feuer einzustellen, um ihnen zu erklären, was eigentlich Sache ist", erwiderte Fett.
Sie rückten weiter vor. Ihre Beskar-Rüstungen und die Nicht-Beskar-Rüstung Boba Fetts kassierten einige Treffer, ohne dass die Träger geschädigt wurden, während sich die Verteidiger in einen strategisch günstigeren Raum zurückzogen.
Es war ein Küchenraum mit genügend Tischen und Stühlen, um als Deckung herzuhalten. Liegengelassenes Geschirr kündete davon, dass die Mahlzeit unzeitig abgebrochen worden war und die Esser gegangen waren – aber nicht alle.
Die Angreifer sahen ein oranges Aufblitzen. Ein Fliegeroverall. Ein Pilot!
Der Pilot hob die Waffe und schoss. Ein Blasterbolzen traf Beviins Brustplatte und sengend heiße Luft blies durch das Atemgerät seines Visiers, dann zielte der Blaster um zehn Grad versetzt auf Boba Fett.
Goran Beviin sprang vor und warf den Piloten um. Aber der wehrte sich, wäre beinahe wieder auf die Beine gekommen. Der ist stark!, dachte Goran, überrascht, hier draußen Leute von derartigem Kämpferformat vorzufinden.
„Fallen lassen!", rief Goran. „Klappe halten und zuhören!"
Ein weiterer Sprung und Briika Jeban landete auf seinem Rücken, seitlich flankiert von ihrer Tochter Dinua. Drei Mandalorianer waren nötig, um den Piloten zu bändigen, dessen Widerstand erlahmte angesichts des dreifachen Gewichts seiner selbst, das auf ihm lastete. Doch die Hand mit dem Blaster bewegte sich wieder.
„Runter von mir", sagte Beviin zu Briika und Dinua. „Wir zerdrücken ihn ja."
Ein rot beschienter Arm fasste nach links und ergriff das Handgelenk des Piloten.
„Hast du seinen Blaster?", fragte Beviin.
„Ich hab ihn", hörte er über sich Briikas Stimme.
„Hast du seine Arme?"
Der Pilot jaulte auf. Es war Dinua, die seine Arme fixiert hatte. Beviin kam ebenfalls wieder hoch und brachte den Piloten in eine sitzende Position. Es war eine sie, eine wütend ausschauende Blondine mit raspelkurzem Haar und einer Beule am rechten Jochbein, die sich gerade in ein blaues Auge verwandelte.
„Mando'ade", stieß die Pilotin hervor. „Ihr kämpft für diese Dinger? Ihr dreckigen Hut'uune!"
„Ja, wir haben dich auch lieb, vod", sagte Beviin. „Und jetzt hör zu, was der Mandalore zu sagen hat."
Er riss sie herum, damit sie Fett ansehen musste. „Wo ist dein Helm?", fragte dieser. „Du musst gleich ein bisschen rumfliegen."
Ihre Augen wurden zu Fragezeichen. „Warum? Für euch?"
Fett hielt ihr einen Datenchip hin. „Bring diese Daten zu eurem nächsten Kommandoposten. Ihr braucht diese Daten über die Vong. Schiffsgrundrisse, einige Biodaten und zwei Missionspläne, die zeigen, wohin sie als Nächstes fliegen, mitsamt ihrer Einsatzbefehle. Das ist alles, was wir beschaffen konnten. Bring es einfach zu jemandem, der etwas Sinnvolles damit anfangen kann. Und wir haben keine Zeit für dieses theatralische, von verblüfftem Schweigen begleitete Gaffen. Also spar dir das. Sofort."
Fett half ihr auf und sie verstaute den Chip in einer Tasche am Oberschenkel ihres Anzugs.
„Also", begann sie zögerlich, „auf welcher Seite steht ihr eigentlich?"
„Auf unserer", sagte Briika. „Ich will, dass meine Tochter selbst Töchter haben kann. Wenn die Vongese in dieser Galaxis das Sagen haben, wird das nicht passieren."
„Sag ihnen nicht, von wem du die Informationen hast, vod", sagte Goran zu der jungen Frau. „Wir müssen noch für eine Weile bei den Vongese ausharren, bevor sie erkennen, aus welchem Eisen wir geschmiedet sind."
In ihren Augen stand Erkennen. „Ach, so ist das."
Briika lächelte ihr zu und Goran schien es, dass ihre braunen Augen für einen Moment nicht mehr ganz so kalt waren wie für gewöhnlich.
„Ich werde vielleicht zwei Hyperraumsprünge brauchen, bis ich unbehelligt zum nächsten Kommandostützpunkt komme", sagte die Pilotin.
„Du bekommst von mir eine aktuelle Liste, welche Stützpunkte noch aktiv sind", sagte Fett ernst, dann wandte er sich an den Mann in gelber Beskar'gam. „Cham, bring sie zu ihrem Raumjäger oder was immer noch fliegt, und sieh zu, dass sie an den Vongese vorbeikommt." Er wies mit seinem Blaster auf den Ausgang. „Falls auf dem Flugfeld nichts Flugtaugliches mehr zu finden ist, lösch die Sicherungsdaten deiner Gladiator und gib ihr die Codes. Ich kaufe dir eine neue."
Cham reichte der Pilotin einen Helm. „Oya!"
Sie nickte und er schob sie vorsichtig in Richtung Ausgang, bevor er sich seinen Leuten zuwandte. „Wir sollten es aussehen lassen, als würden wir sie verfolgen", schlug er vor, dann sprach er seinen Mandalore direkt an. „Und wenn ich ihr schon meine Gladiator geben werde, dann will ich für die Zukunft eine gelbe haben, die zu meiner Rüstung passt. Sonderanfertigung!"
Fett nickte, gab ein Zeichen und sie liefen los, darauf achtend, der Botin einen ordentlichen Vorsprung zu lassen.
Die vorrückenden Bodentruppen der Yuuzhan Vong sahen in ihren Dornenrüstungen aus wie ein wandelnder Wald im Winter. Und dieser Wald war routiniert und diszipliniert genug, für sie eine Gasse zu bilden, durch die die Mandalorianerschar in der Gegenrichtung an ihnen vorbei auf den Miid Ro'ik zustrebte. Ihre Arbeit hier war getan und noch glaubten die Vongese, sie gälte ihnen. Sie bemühten sich, gelassen zu wirken angesichts der Tatsache, dass der schwarze Wald ausschwärmte, diskusartige Scheiben in die ungeordneten Haufen dürftigst gerüsteter Verteidiger warf, während sich die Amphistäbe von den Armen der Krieger rollten und an der Menge der Verteidiger austobten – mal als scharfer Speer, mal als zuckende Peitsche, wie Boba Fett und seine Gefährten registrierten.
Das Maul des Miid Ro'ik öffnete sich und die sieben Mandalorianer schritten die Rampe hinauf. Kommandant Tuak Vootuh stand genau dort, wo er auch gestanden hatte, als sie ihm das erste Mal über Birgis begegnet waren. Rechts und links flankierten ihn zwei Dutzend Krieger. Aber Goran Beviin interessierte viel mehr die verhüllte Gestalt, die statuengleich etwas abseits stand, sie jedoch genauestens zu beobachten schien.
„Der Raumhafen von Birgis ist gesichert", erklärte Boba Fett und überreichte dem Kommandanten die Zugangsschlüssel und Codes, die die Generalvollmachten und Zugangsrechte zu allen Bereichen und Funktionen des halb zerstörten Raumhafens gewährten.
„Gab es Widerstand im Gebäude?"
Fett winkte ab. „Keinen, der erwähnenswert gewesen wäre."
Mit angewiderter Miene holte der Yuuzhan Vong die von Nom Anor als Belohnung vereinbarten Credit-Chips aus einer Tasche seines Kommandantenumhangs und übergab sie Boba Fett. „Ihr habt gute Arbeit geleistet, meine Diener. Wir erwarten euch dann in zwei Wochen auf Neu-Holgha."
„Wir sehen uns, Kommandant."
Sie drehten sich wieder zum Ausgang um und Briika Jeban hatte das unheimliche Gefühl, dass die verhüllte Gestalt am Rande des Eingangsbereichs ihr mit Blicken folgte.
„Der Verhüllte gefällt mir nicht", sagte sie über ihre interne HUD-Kommunikation zu ihren Begleitern.
„Mir gefällt er auch nicht", erwiderte Goran Beviin. „Mir gefällt viel mehr, was ich gerade weiter oben auf drei Uhr von uns sehe."
Briika schaute in die Richtung, ohne dabei ihren Kopf zu drehen. Sie brauchte keine Sensorerfassung, um zu erkennen, auf was Goran sie hingewiesen hatte. Ein grauer Fleck stieg über dem Horizont auf, als die Mandalorianer die zungenartige Einstiegsrampe des Miid Ro'ik wieder hinunterschritten. Alle Mandalorianer bemühten sich, ihre Besorgnis zu verbergen, als dieser graue Fleck von lilafarbenen Korallenskippern umringt wurde. Aber Boba Fett konnte über sein HUD die Signale erkennen, die darauf hindeuteten, dass die Gladiator Lasersalven austeilte. Zwei lilane Punkte verschwanden vom Abendhimmel von Birgis, zwei andere drehten ab, als sie erkannten, dass Verfolgung zwecklos war.
„Die Kleine kann fliegen", sagte Cham Detta, offensichtlich stolz darauf, wem er seine Gladiator vermacht hatte.
Boba Fett lächelte hinter seinem T-Visier. „Sie soll die Nachricht überbringen. Mehr verlange ich gar nicht."
Nur wenig später verschwand auch der graue Punkt und die sieben Mandalorianer wussten auch ohne ihre HUDs zu bemühen, dass die Botin in den Schutz des Hyperraums gesprungen war.
Die Eingangsrampe der Tarak-shi schloss sich und die verhüllte Gestalt ließ ihren Umhang herabgleiten, um ihn mit einer Hand aufzufangen, in einer Schlenkerbewegung jener Hand um jene aufzuwickeln und schließlich im Weiterfluss dieser Bewegung in einer Tasche im dunkelbraunen Gewand zu verstauen.
„Nun, Kommandant Tuak Vootuh, habe ich Ihnen zu viel versprochen?", sagte Nom Anor mit stolzgeschwellter Brust.
„Diese Leute leisten in der Tat gute Arbeit. Sie sind pünktlich, effizient und hoffentlich auch verschwiegen."
„Natürlich sind sie das, Kommandant", versicherte der Exekutor. „Das gebietet schon allein ihre Kopfgeldjägerehre."
„Trotzdem weigern sie sich immer noch, Villips zu benutzen."
„Mir sind verlässliche Leute, die keine Villips benutzen, lieber als Leute, die Villips benutzen, uns später jedoch hintergehen", schoss Nom Anor zurück. „Außerdem sind die Mandalorianer in dieser Galaxis nicht sonderlich beliebt. Sie werden also niemanden haben, an den sie sich im Falle eines Falles wenden können – auch nicht für Verrat."
„Ich rate Ihnen, die Praetorite Vong auf Helska IV ebenso weise zu beraten, Nom Anor", sagte Tuak Vootuh mit einer gewissen Vorsicht in der Stimme. „Ich habe nämlich keine Lust, in zwei Wochen auf Neu-Holgha wieder diese ekligen Chips in die Hand zu nehmen, um sie Ihren unreinen Verbündeten in die Hand zu drücken."
„Keine Sorge", erwiderte der kleinere Yuuzhan Vong mit einem verschmitzten Lächeln. „Bis dahin werden wir stark genug sein, dass ich mich wieder öffentlich zeigen kann. Präfekt Da'Gara wird nicht versagen."
„Das hoffe ich … für Sie, Nom Anor", setzte Tuak Vootuh drohend hinzu.
Nom Anor biss die Zähne zusammen. Präfekt Da'Gara hätte ihm gegenüber niemals solch einen Ton angeschlagen. Aber Tuak Vootuh gehörte nicht zu den Praetorite Vong, sondern zu einer Vorhut, die Nas Choka, der Oberste Kommandant der eigentlichen Yuuzhan Vong-Flotte, ausgesandt hatte. Der Exekutor wusste, dass Vootuhs Drohung nicht nur darauf zurückzuführen war, dass der Kommandant keine Sachen der Ungläubigen berühren wollte. Noch war der Angriff auf Sernpidal nicht erfolgt und selbst wenn er erfolgte, gab es immer noch ein Restrisiko, dass der Lärm, den Präfekt Da'Gara auf dem Planeten veranstalten wollte, zur Unzeit zu seinem Urheber zurückverfolgt werden könnte.
„Was ist mit dem Schiff der Ungläubigen, das vorhin in den Himmel aufgestiegen ist?", konterte Nom Anor kühl.
Kommandant Vootuhs Miene schien für einen Moment zu erstarren und Nom Anor frohlockte still darüber, dass der Krieger sich ertappt fühlte.
„Wir informieren gerade alle umliegenden Basen darüber, dass auf diesen Jäger geachtet werden soll", sagte Vootuh einen Tick zu eilig, wie es Nom Anor schien. „Immerhin war der Pilot clever genug, sich ein Schiff Ihrer Mandalorianer zu schnappen", setzte der Kommandant giftig hinzu.
„Da sehen Sie wieder einmal, wie pflichtbewusst Mandalorianer sind, Tuak Vootuh", tönte Nom Anor. „Sie lassen sogar ihre Schiffe im Stich, um für uns ihren Auftrag zu erfüllen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden."
Der Kommandant nickte knapp und der Exekutor ging in die ihm zugeteilte Kabine. Dort angekommen, holte er den Villip hervor, der ihm besonders am Herzen lag. Er streichelte den Kommunikator und er stülpte sich um, um Nagmes Gesicht erscheinen zu lassen.
„Ich grüße dich, großer Exekutor", sagte Nagme und lächelte.
„Ist unser Mann bereit?", fragte Nom Anor.
„Wir haben ihn hinreichend darauf konditioniert, seine Wahrsagertalente zu entfalten. Wo soll's denn hingehen?"
Nom Anor erwiderte ihr Lächeln. „Bringt ihn nach Sernpidal und setzt ihn in nahe der Hauptstadt ab. Er wird schon allein dorthin finden und dann mag er sein Chaos verbreiten. Sag ihm, dass es seine große Stunde wird, die Ankunft der Göttin Tosi-Karu zu verkündigen."
Nagme kicherte. „Tosi-Karu … der Name gefällt mir. Könnte glatt eine Göttin von uns sein."
„Tatsächlich handelt es sich um eine lokale Göttin der Sernpidalianer. Sie wird auch die Wächterin der Pforte ins Jenseits genannt", erklärte Nom Anor. „Es geht die Legende um, dass, wenn Tosi-Karu den Planeten Sernpidal besucht, das Ende der Zeit gekommen ist. Alle Sünder werden dann bestraft, die Tugendhaften jedoch werden mit den höchsten Wonnen beschenkt werden."
Nagme verzog belustigt ihren schmalen Mund. „Gut, dass du mir das sagst. Du kannst dich auf mich verlassen."
„Hast du auf Dibrook alles, was du brauchst?"
Ihre Lider taten einen gefälligen Wimpernschlag. „Ich kann nicht klagen."
Nom Anor dachte über ihre Worte und die Mimik dazu nach. „Nach zwei Wochen habe ich etwas Luft und könnte dich dann besuchen."
„Bringst du mir dann einen Jedi mit – einen lebendigen?"
Nom Anor dachte an Miko Reglia auf Helska IV. „Ich habe in der Tat einen in petto. Ich hoffe, dass Präfekt Da'Gara noch genügend von ihm für dich übriglässt, bis wir mit Sernpidal fertig sind. Er testet ihn ziemlich intensiv, musst du wissen."
„Warte nur ab, wie ich dich testen werde, Nommie!"
Er neigte den Kopf und lächelte. „Ich kann es kaum erwarten."
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Danni Quee und Miko Reglia hasteten den schlauchartigen Gang hinauf, dessen Lamellen ihnen guten Halt beim Steigen gaben, jedoch auch diesen Geruch absonderten, der Danni an die frischen Innereien eines Tieres erinnerte – ein Gefühl, das von der dunkelbraunen Farbe des Ganges, die an vielen Stellen durch rostrote Einsprengsel aufgelockert war, noch unterstrichen wurde. Diese rostroten Inseln glühten schwach, gerade so funzelig, dass man noch die Hand vor Augen sehen konnte und nicht die Orientierung verlor. Dieser dunkle Schlauch war der Weg nach oben, den Danni kannte. Der Jedi und die Wissenschaftlerin hatten unerlaubt ihre Eiskuppelzelle verlassen, angetan mit den Gnulliths und Schutzanzügen, die sie den drei Kriegern abgenommen hatten, welche gekommen waren, um ihnen das Essen zu bringen und nach dem Rechten zu sehen. Danni hatte kalkuliert, dass es mindestens zwei Stunden dauern würde, bis die ohne Schutzhaut und ohne Gnullith im eiskalten Wasser von Helska IV treibenden Leichen der Krieger gefunden werden würden – eine notwendige Vorsichtsmaßnahme, um ihnen so viel Vorsprung wie möglich zu verschaffen.
Sie waren durch das Wasser geschwommen, an der mit Lampen gesäumten Basis des Yammosk vorbei, der unten auf dem Meeresgrund ruhte, während aus der Ferne die Blubbersäule eines Schwarzen Rauchers sichtbar war. Der Meeresboden des Planeten war mit Vulkanen übersät, weshalb es der Yammosk an seinem Platz nicht allzu kalt haben dürfte. Sie hatten es geschafft, der Aufmerksamkeit des Kriegskoordinators zu entgehen und jenen Schlauch zu erreichen, durch den sie einst aus dem Weltschiff nach unten gerutscht waren.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so gut kämpfen können", sagte der Jedi anerkennend zu der Wissenschaftlerin und zog die Kapuze, die Danni für ihn notdürftig aus ihrem Poncho geschneidert hatte, tiefer ins Gesicht, als könne jemand seine Worte hören und so auf sie aufmerksam werden.
„Ich auch nicht", erwiderte Danni. „Wir haben manchmal auf unserer Station trainiert, aber überhaupt nicht regelmäßig. Irgendwie lief das eben alles sehr reflexartig ab." Sie lächelte. „Vielleicht haben Sie als Jedi mich ja inspiriert."
Miko lachte verlegen. „Das wäre schön, aber eigentlich funktioniert so etwas höchstens bei anderen Jedi, auch wenn sie noch nicht so gut ausgebildet sind."
Danni kicherte. „Wenn wir hier rauskommen, dann fange ich sofort bei Ihnen mit der Ausbildung an."
„Die würde ich sogar übernehmen, obwohl Sie gar keine Jedikräfte haben. Ich muss nur noch meine Meisterprüfungen ablegen, dann kann ich mir auch einen Schüler nehmen."
Die Wahrheit war, dass Miko Reglia bislang noch nicht an so etwas gedacht hatte. Er war viel zu gern allein und zu introvertiert, als dass er sich hätte vorstellen können, Tag für Tag einen Schüler zu unterweisen. Und wenn überhaupt, so würde Luke Skywalker es gewiss lieber sehen, wenn er eines der machtsensitiven Jungtalente ausbilden würde. Wenn sie allerdings freikommen würden, dann würde er insofern für Danni ein gutes Wort einlegen, als sie ihm jetzt geholfen hatte und den Jedi gewiss auch weiterhin helfen würde.
„Und du bist dir sicher, dass dein Schiff noch flugtauglich ist?", fragte Danni.
„Das ist das erste Schiff, das sie nahezu unbeschädigt in ihre Krallen bekommen haben – ein X-Wing noch dazu", erklärte Miko. „Wenn sie schlau sind – und das sind die Yuuzhan Vong ohne Zweifel, dann werden sie ihn studieren, um noch mehr Schwachstellen zu erkennen, nicht nur, wie man unsere Schilde herunterreißen kann."
Ein Licht erschien von oben, wurde größer und erhellte schließlich das obere Ende des Tunnels. Danni verlangsamte ihren Schritt und ihre rechte Hand zupfte am rechten Rand ihrer selbstgenähten Kapuze. „Dann hoffen wir, dass uns auf dem Weg zum Schiff niemand behelligt. Wir haben zwar die Anzüge, aber unsere Köpfe sind bei weitem viel zu naturbelassen, um als Yuuzhan Vong durchzugehen. Und allzu viele Kapuzenträger habe ich auf dem Weltschiff auch nicht gesehen."
„Der Weg ist nicht weit", versicherte Miko ihr. „, bis wir zum …"
„Ruhig!", zischte Danni.
Miko unterdrückte den Impuls, sie zu fragen, was sie beunruhigte, und sandte stattdessen seine Machtsinne aus. Er fühlte … nichts. Das hätte er sich eigentlich denken können. Seit er mit seinem X-Wing vom Himmel Helska IVs geholt worden war, fühlte er sich in seinen Machtsinnen blind, taub – vollkommen behindert, aber was hatte Danni dann gespürt, was er nicht spürte?
Sie erreichten die obere Mündung des Tunnels. Danni hielt sich an der Seite und wartete, während Miko sich anschickte, den Rand des Lochs nach oben zu überwinden. Über sich konnte er die buntgesprenkelte Raumdecke erkennen – eigentlich schöne Farben, doch für die Fliehenden verhießen sie das Unheil eines starken Gifts. Miko kletterte vollends aus dem Tunnel, überwand den geeisten Rand und Danni folgte ihm auf dem Fuße.
Miko Reglias Augen brauchten eine Weile, um sich an die veränderte Helligkeit zu gewöhnen. Er blinzelte nach rechts, während Danni wie verabredet die linke Seite scannte. Er sah nur eine kahle, schrundige Wand, die so rund war wie alle Wände in diesem ebenfalls runden Weltschiff. Eine Nische von etwa einem halben Meter Durchmesser war in die Wand eingelassen, aber nichts stand oder lag darin.
Er schielte zu Danni nach links und sah ihre erschrockenen grünen Augen. Sein Blick wanderte noch weiter nach links. Die Wand zu ihrer Linken sah genauso schrundig und leer aus wie rechts. Auch hier gab es eine Nische. Aber diese Nische war nicht leer. Eine schwarze, dornenbewehrte Silhouette hob sich vom braunen Hintergrund ab. Und jetzt bewegte sich die Silhouette – genauer gesagt bewegten sich ihre Lippen. Die Statue lächelte sie an.
„Sie brauchen Ihren Gnullith hier nicht", sagte Präfekt Da'Gara. „Das Weltschiff produziert seine eigene Atmosphäre."
Gehetzt wanderten Mikos Augen im Raum umher, nach weiteren Kriegern Ausschau haltend.
„Sie haben länger gebraucht, als ich erwartet hatte", meinte Da'Gara ruhig.
Die arrogante Gelassenheit des Präfekten brachte Mikos Blut zum Sieden. Er schoss auf den Yuuzhan Vong zu und wirbelte dabei den Amphistab über den Kopf, so wie man es bei der Kampfform des Ataru machen würde. Nur war Da'Gara viel größer als er.
Der Präfekt warf ein gelbes Etwas nach Miko. Die andere Hand öffnete er lediglich, um ein kleines rundes Wesen freizugeben, welches mit surrenden, ob ihrer Schnelligkeit kaum erkennbaren Flügelschlägen, auf Miko zu flatterte.
Der trainierte Jedi schlug einen Salto, um beidem auszuweichen, aber als er wieder auf dem Boden aufkam, hatte ihn der wandelnde gelbe Fleck schon wieder eingeholt. Noch ein Ausfallschritt und ein weiterer Salto und die Masse hatte Mikos rechten Fuß erfasst. Er fiel zu Boden und die Masse kroch über seine Beine zu seinem Oberkörper, umschlang seinen Arm, um schließlich den Amphistab festzuhalten, den er unter der Eiskuppel dem einen Krieger im Kampf abgenommen hatte.
Neben sich hörte er Danni aufschreien. Seine Partnerin war von dem runden Käfer direkt auf der Brust getroffen worden, taumelte rückwärts – fiel hin.
Danni musterte die bunte Decke des Raumes. Sie musste aufstehen und Miko helfen – irgendwie. Und wieder zogen zwei starke Arme sie hoch – genau wie vor zwei Tagen oben unter der Kuppel nach ihrem Absturz. Sie spürte etwas Feuchtes, Klebriges an ihrer Hand – an beiden Händen. Die beiden Krieger, die sie hielten, arbeiteten absolut synchron. Ihr wurden mit der feuchten Masse beide Hände auf den Rücken gebunden und dann riss sie einer der Krieger herum, so dass sie zu Da'Gara schauen musste. Ihr Blick wanderte nach unten, wo immer noch Miko lag, von dem gelben Zeug am Boden gefesselt.
„Haben Sie wirklich geglaubt, Sie hätten eine Chance?", fragte Da'Gara den vor ihm liegenden Jedi.
Er beugte sich herab und riss Miko den Gnullith aus dem Mund. „Ich habe Ihnen bereits in aller Ehrlichkeit gesagt, dass Sie nicht würdig sind. Sie sollten nicht einmal daran denken, sich uns zu widersetzen."
Miko stieß ein leises Knurren aus und kämpfte vergeblich gegen die klebrige Masse an. Der Präfekt fuhr mit dem Zeigefinger unter Mikos Nase und piekte ihn dort in die Haut, so dass der Jedi vor Schmerz zusammenfuhr.
„Zu einfach", flüsterte der Präfekt gifttriefend in Mikos Ohr.
Er winkte zwei Kriegern zu. „Bereitet ihn vor", sagte Da'Gara und wies auf den wehrlosen Miko, dann wandte er sich viel freundlicher an Danni. „Gut, dass Sie gekommen sind – absolut pünktlich."
Sie verließen den Raum und gelangten in einen, dessen linke Wand so durchsichtig war, dass man durch sie das sanfte, weiße, da eisbedeckte Rund der Oberfläche des Weltschiffes sehen konnte. Die schwach gekrümmte Oberfläche erstreckte sich bis zum Sichthorizont, als gäbe es den Planeten unter ihnen nicht.
Das war für lange Zeit ihr einziger Horizont – immer dunkel – ganz ohne Sterne, dachte Danni.
Jetzt jedoch war der Nachthimmel von Helska IV mit Sternen gespickt – mit Sternen, die Danni alle mit Namen und ungefährer Entfernung kannte. Bis auf einen. Und dieser eine Stern wurde größer und hielt direkt auf den Planeten zu. Sie warteten noch eine Weile, dann breitete das neue Korallenschiff einen Hautschirm aus, um die Landung abzufedern.
„Oh, es wird noch mehr geben, Danni Quee", säuselte Da'Gara ihr ins Ohr. „Erkennen Sie jetzt die Wahrheit? Verstehen Sie jetzt, wie vergeblich dieser Versuch war?"
Danni blieb starr und steif stehen – zuckte nicht mit der Wimper.
Da'Gara kicherte leise und sein Daumen und Zeigefinger ergriffen eine ihrer blonden Locken, um sie langzuziehen. „Es gibt Wege für Sie, sich uns anzuschließen", raunte er und Danni verzog das Gesicht.
Er ließ die Haarsträhne wieder los, so dass sie erneut in die Lockenform zusammenschnurrte, die sie vorher gehabt hatte. Ihr stiller Widerstand brachte Da'Gara nicht von seiner guten Laune ab, was Danni nur noch mehr anwiderte.
„Sie werden lernen", versprach er. „Sie werden jetzt den Ruhm der Praetorite Vong erfahren. Sie werden erfahren, wo Ihr Platz ist."
Er wandte sich den beiden verbliebenen Kriegern zu. „Kümmert euch um unseren Gast und dann bittet Präfekt Ma'Shraid zu uns. Sie wird sicher gerne zusehen wollen, wie der Yammosk den Unwürdigen verschlingt."
Die Krieger packten Danni erneut an den Armen und führten sie aus dem Raum. Da'Gara, nun allein, schaute noch eine Weile dem ankommenden Weltschiff seiner Präfektenkollegin zu. Jetzt genau stoßen sie sie wieder in das Loch, dachte er noch einmal an seine wertvolle Gefangene, bevor er den Raum in einer anderen Richtung verließ … und Vilyu Anor gegenüber stand.
Zunächst wusste er nicht, was er sagen sollte, aber seine Geliebte nahm ihm die Antwort ab. „Was ist denn an dieser Ungläubigen so interessant, dass du so viel Zeit mit ihr verbringst?"
Da'Gara räusperte sich. „Danni Quee ist eine Quelle wertvollen Wissens, das uns helfen wird, diese Galaxis zu erobern."
Das Blau in Vilyus Augen wurde kälter als das Eis von Helska IV. „Und ein Teil dieses unschätzbaren Wissens ist zweifellos, wie sich ihre gekrümmten Haare verhalten, wenn man sie langzieht und wieder loslässt."
Seine schwarzen Augen zogen sich zu bedrohlichen Schlitzen zusammen. „Du hast mich beobachtet?"
„Wir Anors sind von Natur aus neugierig", flötete Vilyu unschuldig. „Und ich bezweifle, dass es dem Exekutor gefallen würde, sähe er, was du hier treibst, anstatt den Angriff auf Sernpidal abzusichern."
„Das ist alles Teil meiner ausgeklügelten Strategie", behauptete Da'Gara.
„Ihr schien es aber nicht zu gefallen."
„Mit solchen Dingen provoziere ich sie lediglich solange, bis sie einen Fehler macht", versicherte Da'Gara. „Ich messe sorgfältig die Grenzen ihres Widerstandes aus, genauso, wie es Nom Anor gewünscht hat."
Vilyu lächelte schal. Die Botschaft hörte sie wohl. Sie selbst setzte solche Methoden nur allzu oft ein. Allein, ihr fehlte der Glaube, dass Da'Gara im Fall Danni Quee lediglich neugieriger Forscherdrang oder auch nur die Lust an einer finsteren Intrige umtrieb.
„Ich will, dass Danni Quee dem Yammosk geopfert wird", forderte sie.
„Bist du etwa eifersüchtig?", stichelte Da'Gara. „Eifersüchtig auf eine Ungläubige?"
„Eine, die du unbedingt bekehren willst. Und ich sage dir, das ist verlorene Liebesmüh. Danni Quee wird uns nichts als Ärger einbringen; das sagt mir mein Verwaltersinn. Wir sollten sie loswerden, solange uns das hier in dieser Abgeschiedenheit noch möglich ist."
Da'Gara kicherte. „Alles zu seiner Zeit, meine Liebe. Solange die Testlisten nicht vollständig ausgefüllt sind, wird nicht geopfert. Das müsstest du als Verwalterin doch verstehen, oder?"
„Verstehen oder nicht. Die Leute beginnen schon zu tuscheln." Sie tippte mit dem Finger auf seine Brust. „Es schadet deinem Ansehen, wenn du dich von dieser Ungläubigen noch länger hinhalten oder gar zum Narren halten lässt."
Da'Gara packte sie an der Schulter. „Welche Leute tuscheln genau was?"
„Das sage ich dir, nachdem du sie geopfert hast."
Da'Gara ließ ihre Schulter los und stemmte stattdessen herausfordernd die Hände in die Hüften. „Also nur der Aufbau einer netten Drohkulisse."
„Viel mehr als das!", fauchte Vilyu und wandte sich ab.
„Wir sehen uns dann unten beim Yammosk", sagte Da'Gara ungerührt, als hätte gerade kein Streit stattgefunden, als sich die Türlamelle bereits hinter ihr schloss.
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Aus dem Tunnel gleitend, plumpsten die beiden Krieger hinter Danni ins Wasser. Sie nahmen die junge Frau in ihre Mitte und geleiteten sie in die Tiefe – hin zu der Lichterkette – zur Basis des Yammosk. Der wachsende Wasserdruck schien Danni nichts auszumachen und erneut kam sie nicht umhin, die Technik zu bewundern, die ihr Schutzanzug wirkte. Dort unten beim rosafarbenen Kriegskoordinator waren schon einige andere Krieger versammelt und sekündlich wurden es mehr. Die Krieger geleiteten Danni zu einer vom Yammosk ziemlich weit entfernten Stelle, die wohl für sie reserviert war. Sie blieben stehen und Danni schaute dabei zu, wie sich der Platz um den Yammosk herum mit Kriegern füllte. Felsige Riffe dienten als Tribünen. Die Stimmen der Krieger waren, gedämpft durch die Gnullithmasken, als Gemurmel zu vernehmen; die Intensität ihrer Blicke jedoch wurde durch die Masken nicht vermindert.
Danni Quee schaute auf den Yammosk, auf dieses riesige, entsetzliche Gesicht mit den zwei schwarzen, kalten Augen und dem Maul, welches außerordentlich hungrig schien. Ihr Blick begegnete dem des Yammosk und das riesige Ungetüm zwinkerte ihr zu. Der Yammosk hatte sie erkannt – als Nicht-Feind erkannt. Vielleicht würde sie das später nutzen können.
Der Yammosk rülpste gewaltig und eine Luftblase breitete sich um die Schar der Krieger aus. Die Krieger nahmen ihre Gnulliths ab und Danni tat es ihnen gleich. Der Kriegskoordinator hatte doch tatsächlich eine atembare Atmosphäre für sie geschaffen – ein Instrument für den Notfall, wenn es nur Vakuum gab?
Sie sah Präfekt Da'Gara, gehüllt in rote Zeremonialgewänder, zum Yammosk schreiten. Er bestieg das vorbereitete, runde Podium und streckte die Hände zu seinen Leuten aus.
Der Ordnungsruf erreichte auch Danni. Sie verstand nicht die Worte, die Da'Gara zu seinen Leuten sprach, doch verstand sie auch so, vor allem, wenn sie die Augen schloss, um sich tiefer in die Atmosphäre fallen zu lassen, die der Yammosk um sie herum verbreitete. Die beiden Krieger ließen Danni los und glotzten ebenfalls nach vorne zum Kriegskoordinator und ihrem Anführer Da'Gara.
Auch niemand anders kümmerte sich darum, was sie trieb. Danni wusste, dass jetzt ein perfekter Zeitpunkt für eine erneute Flucht war. Es verwunderte sie, dass sie so gar keine Neigung verspürte, erneut zu fliehen. Vielleicht lag es daran, dass sie dann Miko zurücklassen müsste. Und sie wusste ja noch nicht einmal, wo sein Schiff stand und wie lange sie brauchen würde, um es wieder flott zu bekommen. Yomin Carr hingegen ... Ärgerlich schob sie diesen aufkeimenden Gedanken von sich.
Da'Gara sprach vom Ruhm der Praetorite Vong – von der großen Eroberung und Danni fühlte Stolz in ihrer Brust anschwellen. Falschen Stolz, den ihr der Yammosk suggerierte. Ein Schiff wird kommen, verkündete Da'Gara. Der Präfekt schwärmte davon, was Ma'Shraid, die Präfektin dieses neuen Schiffs, für eine wunderbare Anführerin sei. Und ein drittes Schiff wird kommen.
Danni hatte ihren Kopf zur Meeresoberfläche erhoben, da der Yammosk sie darauf vorbereitet hatte – genau wie die Abertausenden von Kriegern, die ihre länglichen Schädel in dieselbe Richtung erhoben hatten. Nur wenige Augenblicke später brach von oben eine Röhre durchs Eis. Aus dieser Röhre quollen weitere Krieger, ähnlich denen, die bereits auf dem Festgelände verharrten. Sie formierten sich in Reihen, Männer und Frauen gemischt – und bildeten ein Spalier.
Durch dieses Spalier kamen zwei Krieger, die eine verhangene Sänfte trugen. Die Vorhänge glitten zur Seite und der Sänfte entstieg eine Frau, die im Gesicht ähnlich stark tätowiert, aber weit weniger vernarbt war als Da'Gara. Auch sie trug rote Zeremonialgewänder. Das musste die Präfektin sein, von der Da'Gara gesprochen hatte.
Ma'Shraid stellte sich an Da'Garas Seite und fing sofort an, zu allen möglichen Göttern zu beten, von denen Danni noch nichts wusste. Sie sprach von Gehorsam und Pflicht, pries die Ehre, die es bedeutete, auserwählt zu sein, bei den Praetorite Vong zu dienen, und sie verhieß den Ruhm, den sie alle bald ernten würden, besonders jene, die bei der Eroberung starben.
So ging es Stunden und Aberstunden und Danni sah kein einziges Gesicht, das schläfrig oder auch nur gelangweilt wirkte. Die Intonation von Ma'Shraids Stimme, die telepathischen Wellen des Yammosk, die konzentrierte, hungrige Aufmerksamkeit - das Ausmaß dieser geballten Energie überwältigte sie beinahe – eine Hingabe, die bei ihrem eigenen Volk so selten war.
Die Energie in Dannis Körper – um sie herum – drohte zu explodieren, als eine weitere Sänfte hereingetragen wurde. Diese Sänfte kam nicht aus dem Tunnel, sondern vom Weltschiff Da'Garas. Die Fenster der Sänfte waren verhangen, doch Danni konnte fühlen, wer darin saß. Die Kräfte des Yammosk sind wirklich sehr stark, dachte sie.
Die Sänfte wurde durch das Spalier der Krieger getragen, welches zum Yammosk führte. Dann fielen die Vorhänge und Miko Reglia wurde aus der Sänfte gezerrt und vor den Kriegskoordinator gebracht. Danni konnte die Verzweiflung und Hilflosigkeit spüren, die vom Yammosk ausgingen – voll auf Miko gerichtet. Seine Schultern sackten nach unten und dann wich all die Ehrfurcht und Bewunderung, die sich zuvor in Danni ausgebreitet hatten, blankem Entsetzen.
Der Kriegskoordinator streckte zwei vergleichsweise dünne Tentakel aus, packte den gefesselten Jedi und hob ihn mit verblüffender Leichtigkeit hoch – hin zum hungrigen Maul seiner rosanen Riesigkeit. Miko Reglia kämpfte eine Weile gegen den mentalen und den körperlichen Angriff an, dann schloss der Jedi die Augen, erschlaffte vollends und Danni wusste, dass er in seiner geliebten Meditation versank; so gut kannte sie ihn mittlerweile.
Sie hätte es Miko so sehr gewünscht, dass es ihm gelungen wäre, diese ganze Zeremonie um ihn herum einfach auszublenden und in der Macht zu versinken, die ihn bisher – die ihn hierher geleitet hatte. Aber immer neue Wellen von schreckerregender Telepathie gingen von dem Yammosk aus, zehrten von Mikos Gedankenenergie, rissen an seinem Herz, zerrten an seiner Willenskraft – und das alles mit dem Ziel, dass Miko seine Angst nicht länger verbergen konnte. Nein, er sollte sie blank und ungeschützt zeigen – er sollte in den Abgrund der Verzweiflung gestoßen werden.
Der Jedi Miko Reglia sollte gebrochen werden.
„Kämpfe dagegen an, Miko", flüsterte sie und wünschte sich, dass auch sie eine Jedi wäre, sodass sie sich irgendwie mit ihm verbinden könnte, um ihm genug Kraft zu geben, damit er ehrenhaft sterben konnte.
Miko Reglia versuchte, die Augen weiter geschlossen zu halten, sich vom Yammosk abzuschirmen. Aber es gelang ihm nicht. Der rosa Riese ließ es nicht zu. Er musste die Augen wieder öffnen und sah sich im Inneren des riesigen Mauls. Der einzige Zahn des Yammosk kratzte an seinem Oberschenkel. Noch etwas tiefer und der weiße, spitze Keil würde die Arterie öffnen. Miko Reglia sah Blut an seinem Bein herablaufen. Seine dunklen Augen wanderten weiter und sahen viele kleine Zähne, die in mehreren Reihen hinter dem gewaltigen Reißzahn des Yammosk verborgen gewesen waren. Ein Revolvergebiss? Etwas Speichel tropfte von der riesigen Gaumendecke auf Mikos Kopf und die Flüssigkeit brannte auf seinem Scheitel.
Der Jedi versuchte erneut, gegen die Hoffnungslosigkeit anzukämpfen. Sein Verstand sagte ihm, dass dies alles nur ein telepathischer Trick dieses Monstrums war, doch auch dieser erheblich dünnere Schutzwall brach und dahinter gähnte eine dunkle Drohung und Leere, wie er sie noch nie in seinem Leben oder auch nur während seiner Ausbildungstests gefühlt hatte. Er schaute in den unter ihm gähnenden Schlund, in die Kehle des Yammosk. Tiefer und tiefer führten ihn die Tentakel nach unten in diesen echten Schlund, aus dem es keine Wiederkehr gab. Das Maul um ihn herum öffnete und schloss sich wieder. Es kaute bereits und weiterer Speichel fiel in dünnen Fäden auf Mikos Kopf, benetzte seine Schulter – und es brannte erneut.
Miko Reglia wurde noch tiefer in den Schlund geschoben … näher an sein Ende, auf das ihn keine Ausbildung vorbereitet hatte …
… tiefer … näher …
… tot … toter …
… am totesten.
Note der Autorin: Die Ereignisse dieses Kapitel und viele Zitate entstammen wieder dem Roman „Die Abtrünnigen" von R.A. Salvatore (2000), dem ersten Band der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter" sowie der Kurzgeschichte: „Boba Fett – ein Pragmatiker" von Karen Traviss, die dem Roman „Opfer" von derselben Autorin, dem fünften Band der Buchreihe „Wächter der Macht" (2007) als Anhang beigefügt wurde.
Für die mandalorianischen Wörter siehe Kap 17 „Bei einem kühlen Kri'gee".
