„Die Raketen kamen wie aus dem Nichts … Wie wir eben aus Regierungskreisen erfahren haben, hat es einen bioterroristischen Anschlag gegeben … Noch hat sich keine Gruppierung zu dem Anschlag bekannt … Es ist weiterhin völlig unklar, wer für den Anschlag verantwortlich ist … Der Präsident appelliert an die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren … Überall im Land kommt es zu Panikkäufen und Plünderungen … Die Infektion breitet sich aus … Militär und B.S.A.A. sind vor Ort, um die Lage unter Kontrolle zu bringen … Europa und Japan melden 65 Millionen Infizierte … Die Toten marschieren durch die Straßen … Quarantäne …"
Sie hatten eine ganze Woche fast unermüdlich gekämpft, bis man die Lage für aussichtslos erklärt und die Truppen abgezogen hatte. Zu gefährlich, hieß es von oben, selbst für die Sicherheitskräfte. Man könne die Infektion nicht weiter eindämmen und werde weiträumige Quarantäne-Zonen errichten.
Chris fühlte sich hilflos. Er war niemand, der sich kampflos geschlagen hab, auch wenn die Situation noch so hoffnungslos war. Doch diesmal war selbst er an seine Grenzen gelangt. Raphael hatte mit aller Härte zugeschlagen und die Welt war im Chaos versunken. Chris, Jill und die anderen waren aus New York geflohen und ins Landesinnere gefahren, wo es keine Infizierten gab. Die Angriffe hatten ganz gezielt nur die dicht besiedelte Ost- und Westküste getroffen. In den abgelegenen, ländlichen Regionen war es bislang sicher.
Sie hatten alle Personen in ihrem Umfeld mobilisiert, um möglichst viele Menschen aus der Stadt zu retten. Wie viel genau hatten fliehen können, wusste niemand. Die öffentliche Infrastruktur war weitestgehend zusammengebrochen, Funk, Fernsehen, Internet, Strom nur noch spärlich vorhanden, sodass es schwierig war, genaue Informationen über die Lage zu bekommen. Das Militär kommunizierte mithilfe von Notstromaggregaten über die letzten verbliebenen Satellitenverbindungen.
Gott sei Dank war niemandem seiner Freunde etwas passiert. Jill, Barry und seine Familie, Rebecca mit ihrer Familie und auch Alex hatten es alle sicher und rechtzeitig aus New York hinausgeschafft, bevor man die Stadt abgeriegelt hatte. Jeder von ihnen hatte so viele Freunde und Bekannte und Vorräte mitgenommen, wie er konnte. Sie hatten in einer weit abgelegenen Gegen in den Appalachen in einem Berghotel Zuflucht gesucht. Leon, Ada Wong, Helena Harper und Jake und Sherry mit ihrem Baby waren nach einigen Tagen zu ihnen gestoßen. Der D.S.O. und der F.O.S. hatten ebenfalls bis zum Schluss gekämpft – vergeblich. Nun blieb ihnen allen nichts anderes übrig, als die Überlebenden zu beschützen und abzuwarten.
Große Sorgen machte sich Chris um seine Schwester. Claire versicherte ihm zwar immer wieder, dass alles in Ordnung war, doch sie nicht bei sich zu haben, machte Chris halb wahnsinnig. In Gedanken war er auch ständig bei Piers, den er ein gutes halbes Jahr nicht gesehen hatte. Auch heute noch war er stinksauer auf Wesker.
Es war ein sonniger, aber recht kühler Tag, als Chris nach einer mehrtägigen Suche nach Vorräten mit dem Auto auf den Hotelparkplatz zurückfuhr. Die Ausbeute war mager gewesen, aber zumindest hatten er und seine Kollegen eine Apotheke ausräumen und wichtige Medikamente beschaffen können, die sie jetzt drinnen verteilen konnten.
Jill fiel ihm zur Begrüßung um den Hals.
„Ich dachte schon, ihr würdet gar nicht mehr zurückkommen. Ich hatte so große Angst um dich. War alles ruhig draußen? Habt ihr Monster gesehen?"
„Nein, nicht im Umkreis von ungefähr 250 Meilen", erklärte Chris. „Sie scheinen die Quarantäne-Zone noch nicht verlassen zu haben. Die Ausbreitung der Infektion scheint sich zumindest für den Moment verlangsamt zu haben."
„Was habt ihr mitgebracht?"
„Medikamente."
„Zum Glück. Wir haben jemanden mit einer Lungenentzündung, der dringend Antibiotika braucht", sagte Jill. „Essen?"
„Wir haben in der näheren Umgebung alles abgegrast", sagte Chris. „Wenn wir in einem noch größeren Radius suchen, dann kommen wir an die Städte heran und ich will nicht riskieren, die Viecher hierher zu locken."
Noch reichten ihre Essensvorräte, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis ihre Reserven zu Ende gehen würden. Sie mussten dringend etwas unternehmen, aber Chris wusste nicht was. Raphael aufzuspüren entpuppte sich jetzt als noch schwieriger als zuvor. Manchmal überfielen Chris auch Schuldgefühle und er fragte sich, ob sie die Katastrophe hätten verhindern können, wenn sie einfach intensiver nach Simmons' Sohn gefahndet hätten. Wenn sie ihren Job richtig gemacht hätten, vielleicht hätten dann nicht Millionen Menschen sterben müssen.
Es war ein ganz gewöhnlicher Abend wie immer. Chris und Leon hatten die Notstromversorgung und die Technik kontrolliert und Kontakt zum Militär und zur Regierung aufgenommen, um Informationen auszutauschen. Danach hatten sie sich zu den anderen im Speisesaal gesellt. Er wollte vor der Nachtruhe noch mal versuchen, ob er Claire erreichen konnte, doch seine Pläne für den Abend wurden durch die unerwartete Ankunft einer Person durcheinandergebracht.
„Chris, ich … ich kann es kaum glauben. Das musst du dir ansehen. Er ist wieder da!"
„Wer ist wieder da?", fragte Chris verwundert seinen Kollegen, der aufgeregt in den Speisesaal gelaufen kam. Und dann sah er ihn in der Tür stehen.
„Hallo Leute", sagte Piers und grinste.
„Piers!" Chris sprang von seinem Platz auf und schloss den jungen Soldaten in die Arme. Seine Gedanken überschlugen sich regelrecht und er konnte vor Wiedersehensfreude kaum klar denken. „Lass dich ansehen. Geht es dir gut? Hat Wesker dir irgendetwas getan? Wo warst du die ganze Zeit? Warum bist du …"
„Chris! Lass Piers doch erst mal ankommen", sagte Jill. Sie umarmte Piers ebenfalls. „Es ist schön, dich wiederzusehen."
„Ich freue mich auch, Jill."
„Aber … Was ist denn das?", fragte Jill verwirrt und betrachtete Piers von oben bis unten. Piers grinste.
„Chris, sieh dir Piers an!"
Nun musterte auch Chris Piers eingehend. Alex, die unweit von ihnen gesessen hatte, hatte ebenfalls mitbekommen, dass Piers zurückgekehrt war und näherte sich neugierig.
„Das gibt es doch gar nicht." Chris konnte es nicht glauben. Piers sah wieder so normal aus wie früher, so als wäre der Vorfall in der Unterwasseranlage in China niemals passiert. Die Mutation war verschwunden und er hatte wieder seinen rechten Arm, den er damals verloren hatte.
„Piers? Wie? Wie ist das möglich?"
„Wesker, er hat's geschafft", erklärte Piers.
„Dieser Teufelskerl", sagte Alex. „Wie hat er das hingekriegt?"
„Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber er hat es geschafft", sagte Piers. „Ich habe meinen Arm wieder, aber ich ich habe auch meine Kräfte behalten."
Vor ihren Augen verwandelte Piers seinen Arm und dann wieder zurück.
„Das ist ja unglaublich. Ich habe monatelang über einer Lösung gebrütet, aber ich … Tja, manchmal ist Albert doch besser als ich", sagte Alex mit einem sanften Lächeln.
„Ich bin Wesker wirklich sehr dankbar", sagte Piers. „Er hat mein Leben gerettet."
„Ist das dauerhaft?", fragte Chris vorsichtig.
„Offenbar ja. Er hat gesagt, alles ist stabil."
Chris wurde von allen möglichen Gefühlen übermannt. Einerseits freute er sich ungemein über Piers' Genesung, andererseits ärgerte es ihn, dass Wesker für diesen Erfolg verantwortlich war. Er konnte keine Dankbarkeit für Weskers Tat empfinden.
„Wir haben euch überall gesucht. Wo habt ihr euch die ganze Zeit versteckt?", wollte Jill wissen.
Piers zögerte. „Das kann ich nicht sagen. Das war eine Bedingung für seine Hilfe, dass ich ihn nicht verrate", erklärte Piers.
„Bist du geflohen oder hat er dich etwa gehen lassen?", wollte Chris wissen. Letzteres erschien Chris äußerst unwahrscheinlich.
„Als er sah, was Raphael getan hatte, hat er mich gehen lassen."
„Wo ist er jetzt?"
„Ich weiß es nicht, aber ich denke, er ist in dem Haus geblieben", sagte Piers.
„Welches Haus?", fragte Alex.
„Das Haus, in dem wir die letzten Monate gelebt haben. Zwei Söldner haben uns geholfen, dort hinzukommen. Ich durfte nicht wissen, wo es ist. Man hatte mir die Augen verbunden. Wesker hatte alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Als er mich hat gehen lassen, habe ich allerdings gesehen, wo das Haus war. Ich will ihn aber nicht verraten. Ich habe es versprochen. Er hat mir geholfen, jetzt helfe ich ihm. Es tut mir leid."
Chris konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. „Aber es ist schön, dass du da bist, Piers, und dass es dir gutgeht. Wesker ist gerade ohnehin das geringste unserer Probleme."
„Wo ist Claire? Geht es ihr gut?", wollte Piers wissen.
„Ich habe mit ihr telefoniert. Sie ist auf dem Weg hier her", sagte Chris. „Sie ist noch rechtzeitig aus Washington State rausgekommen, bevor die Staatsgrenzen dicht gemacht wurden. Dort oben scheint alles sicher zu sein."
„Und sie kommt her?! Chris, wie konntest du das zulassen?!"
„Ich wollte, dass sie dort bleibt, aber sie ließ sich nicht aufhalten. Sie wollte bei uns sein."
„Was ist mit Jake und Sherry und dem Baby?"
„Sie sind auch hier", erklärte Jill. „Keine Sorge, Piers, wir sind alle in Sicherheit. Und Claire wird bald eintreffen. Sie meldet sich regelmäßig. Sie sagt, dass sie die großen Städte umfahren kann. Und im Landesinneren sind keine Infizierten. Es sind nur die Ost- und die Westküste betroffen."
„Wesker und ich haben alles im Fernsehen verfolgt, solange wir noch Empfang hatten", sagte Piers. „Raphael hat vor allem strategisch gelegene Großstädte angegriffen. Woher kamen die Raketen?"
„Wir vermuten, dass sie vom Meer kamen", sagte Chris.
Piers nickte. „Wesker hatte die Vermutung, dass Raphael sich auf einem Schiff versteckt haben könnte. Raphael hat sich nur alle paar Wochen gezeigt und Wesker erkannte ein Muster. Es waren alles Hafenstädte."
Chris wechselte einen kurzen Blick mit Jill. „Das haben wir auch schon vermutet."
„Konntet ihr das bestätigen? Habt ihr Schiffe gefunden?"
„Leider nein. Uns sind im Moment die Hände gebunden", sagte Jill bedrückt. „Das Militär und die B.S.A.A. haben es zwar geschafft, die am stärksten betroffenen Gebiete abzuriegeln, aber sie mussten sich irgendwann zurückziehen. Es war hoffnungslos. Und dann brachen in den meisten Teilen des Landes das Telefon, der Strom, das Internet zusammen. Wir können nur weiter ins Landesinnere flüchten. Wir versuchen es über Satellit, aber mit dem spärlichen Equipment, was wir haben, geht alles nur schleppend voran."
„Wie viele Infizierte?", fragte Piers.
„Allein in Amerika geschätzt 70 Millionen."
„Und im Rest der Welt?"
„Wissen wir nicht. Die Kommunikation ist praktisch abgerissen, aber die Europäer hat es am schlimmsten getroffen. In Europa lebt wesentlich mehr Bevölkerung auf westlich kleinerer Fläche. Die letzten Meldungen sprachen dort von über 80 Millionen, aber das war schon vor einiger Zeit. Die Zahlen müssen inzwischen höher sein."
Piers schien mit sich zu ringen.
„Piers, was ist los? Weißt du etwas? Hat Wesker irgendwas angedeutet? Hat er etwas vor? In einem Brief, den er Claire hinterlassen hatte, sprach er davon, dass er Hinweisen nachgehen wollte. Wenn du etwas weißt, dann musst du es uns erzählen." Chris flehte beinahe. Er klammerte sich an jeden Strohhalm.
„Ich weiß nicht, was er vorhat", sagte Piers. „Während wir zusammen in diesem Haus gelebt haben, ist er ein paar mal verreist, ich glaube, auch ins Ausland. Er ist einer Sache nachgegangen, aber ich weiß nichts. Er wollte nicht mit mir reden. Er hat mich nicht eingeweiht."
„Schon gut."
„Aber Wesker hat mir etwas anderes erzählt", sagte Piers und wirkte verunsichert, ob er wirklich erzählen sollte, was er wusste. „Es war wohl ein Experiment. Wesker hat versucht, ein Gegenmittel gegen den R-Virus zu entwickeln."
Alle wurden sofort hellhörig. „Was?! Hat er das geschafft? Ist das wirksam?"
„Ich weiß es nicht, ich kenne mich da ja nicht aus", meinte Piers.
„Piers, wenn das wahr ist, dann musst du uns sagen, wo Wesker ist. Wir brauchen ein Heilmittel!"
„Ich kann es euch nicht sagen. Wesker wird zurückkommen, wenn er es für richtig hält."
„Hat er gesagt, dass er zurückkommen wird?", fragte Alex.
„Er hat es mal angedeutet. Gebt ihm die Zeit. Er wird kommen. Er will sich immer noch an Raphael rächen."
Claire hatte im Fernsehen verfolgt, was passiert war. Nachdem Chris ihr am Telefon erzählt hatte, dass er, Jill und die anderen in Sicherheit waren und wo sie Unterschlupf gefunden hatten, hatte sie sofort eine Reisetasche mit den nötigsten Sachen gepackt und hatte die nächste Maschine in Richtung Westküste genommen. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Staatsgrenzen abgeriegelt worden waren. Wie zu erwarten, musste die Maschine auf halber Strecke notlanden, weil der Flugverkehr auf Anordnung der Seuchenschutzbehörde eingestellt worden war. Claire hatte sich ein Auto gemietet und sich den Rest der Strecke am Boden durchgeschlagen. Der Handyempfang war schlecht, an vielen Orten waren die Telefone inzwischen ausgefallen, doch sie schaffte es noch ein paar Mal, mit Chris zu sprechen. Er war wütend, dass sie sich auf den Weg gemacht hatte, aber das war Claire egal. Sie wollte bei ihrer Familie und ihren Freunden sein.
Die Ost- und die Westküste hatte es am stärksten getroffen. Das Landesinnere und Kanada waren so gut wie frei von Infektionen. Die nicht infizierte Bevölkerung floh aufs Land oder über die Grenze in den Norden. Claire sah ganze Karawanen von Menschen und Autos, die sich wie Schlangen durchs Land zogen. Bevor alle Kommunikationsmittel abrissen, hatte sie noch erfahren, dass die betroffenen Regionen unter Quarantäne standen und abgeriegelt worden waren, damit die Seuche sich nicht weiter über das Land ausbreiten konnte. Das Militär und die Gesundheitsbehörden arbeiteten fieberhaft nach einer Lösung, der nationale Notstand war ausgerufen worden. Überall, wo Claire vorbeikam, herrschte Chaos, Geschäfte waren geplündert worden, ganze Dörfer und Städte waren verlassen. Wenn sie Benzin brauchte, dann musste sie nicht mal mehr bezahlen.
Es war beängstigend, wie stark das moderne Leben von elektronischen Geräten abhing, fand Claire, als sie den besten Weg zu Chris und den anderen suchte. Ohne Handy, Internet oder Strom war sie aufgeschmissen. Obwohl sie jeden Tag so lange fuhr wie nur möglich, brauchte sie trotzdem mehrere Tage, um endlich das Hotel in den Appalachen zu erreichen, wo sich ihr Bruder und die anderen versteckt hielten. Es war eine große Hotelanlage für Wandertouristen. Weiter oben in den Bergen und den Wäldern gab es noch vereinzelte Hütten.
„Claire, bin ich froh, dass es dir gutgeht!", sagte Chris und fiel seiner Schwester um den Hals. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht, hierher zu kommen? Das ist gefährlich! Du hättest bei euch in Sicherheit bleiben sollen!"
„Ich wollte bei euch sein", sagte Claire. „Ich wollte wissen, ob ihr OK seid."
„Uns geht's allen gut", sagte Jill.
„Wer ist überhaupt hier?", fragte Claire. „Haben es alle geschafft?"
„Chris, ich, Alex, Leon, Ada Wong, Helena, Rebecca und Barry mit ihren Familien. Sherry und Jake sind aus Washington geflohen und haben sich uns angeschlossen. Sie sind auch hier. Dem Baby geht's gut", erklärte Jill.
„Gott sei Dank", sagte Claire erleichtert.
„Jeder von uns hat versucht, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Es sind noch eine Menge anderer Leute hier, die es zum Glück auch geschafft haben. Ach ja, und Piers ist auch hier."
„Piers?" Das ließ Claire aufhorchen. „Ist Wesker auch …"
„Er ist nicht hier", sagte Jill missmutig. „Er hat Piers gehen lassen, aber er selbst hält sich weiter versteckt und Piers will uns nicht verraten, wo Wesker ist."
Die Nachricht, dass Piers wieder aufgetaucht war, hatte ihr Hoffnung gegeben, Wesker wiederzusehen. Enttäuschung machte sich in Claire breit. Plötzlich schien es ihr sinnlos hier zu sein. Ihr Bruder musste ihr am Gesicht abgelesen haben, was in ihr vorging, denn er nahm sie in den Arm und sagte: „Claire, es wird alles gut." Den nächsten Satz schien er sich abringen zu müssen: „Ich bin mir sicher, dass es Wesker auch gutgeht. Der kann auf sich aufpassen."
„Du hast Recht. Tut mir leid, ich … Ich freue mich, euch zu sehen. Wo ist Piers? Wie geht's ihm?"
„Du musst ihn unbedingt sehen, Claire, es ist unglaublich. Wesker hat es geschafft!"
„Was hat er geschafft?", fragte Claire entgeistert.
Ihr Bruder zog sie mit sich und führte sie in den Speisesaal. „Als der Virus ausbrach, hat die örtliche Polizei den Ort abgeriegelt und die Hotelgäste nicht abreisen lassen", erklärte Chris. „Die Gäste und das Personal sind hier geblieben. Wir haben zum Glück Strom und noch Vorräte für mehrere Wochen. Leon, Piers und ich kontrollieren regelmäßig die Technik. Wir haben uns alle ein Zimmer oben genommen. Du bekommst auch eines."
Im Speisesaal des Hotels wurde gerade Eintopf für alle ausgegeben. Sherry sprang sofort auf und stürmte auf Claire zu.
„Bin ich froh, dich zu sehen, Claire! Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!"
„Geht es eurem Baby gut?", wollte Claire wissen.
„Ja, natürlich. Die Kleine hat die Aufregung ganz gut überstanden. Wie hast du es geschafft, überhaupt her zu kommen?"
„Ich musste mich durchschlagen. Weite Teile des Landes sind entweder verlassen oder abgesperrt. Die Leute haben sich ins Landesinnere geflüchtet."
„So wie wir auch", sagte Leon, der nun hinzukam und Claire umarmte. „Der F.O.S. und der D.S.O. waren tagelang im Dauereinsatz, aber wir konnten nichts machen. Die Seuche hat sich zu schnell ausgebreitet. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns zurückzuziehen. Wir haben ein paar Leute verloren."
„Militär und B.S.A.A. haben auch aufgegeben. Das habe ich noch im Radio gehört", sagte Claire.
„Der Bastard Raphael wird dafür bezahlen", sagte Leon.
„Wisst ihr, wo er ist?", fragte Claire und setzte sich zu ihren Freunden an den Tisch. Jill schob ihr einen Teller hin. Etwas zu essen konnte Claire gut gebrachen. Sie hatte bis jetzt gar nicht gemerkt, wie ausgehungert sie eigentlich war.
„Wesker und wir haben dieselbe Vermutung, aber noch wissen wir gar nichts", erklärte Chris niedergeschlagen. „Kommunikation mit der Außenwelt erweist sich als … kompliziert. Wir haben Kontakt zum Militär und zur Regierung, aber manchmal kommen wir nicht durch und die können uns auch nicht mehr sagen, als wir schon wissen."
„Wo ist Piers?", fragte Claire, die ihn noch nicht entdeckt hatte. „Ich dachte, er wäre hier und ihr wolltet mir unbedingt etwas zeigen."
„Dachte ich auch", meinte Chris und sah sich fragend um. Piers Nivans war nirgends zu sehen. „Vielleicht ist er gerade mit unserer Technik beschäftigt, obwohl wir sie erst kontrolliert haben."
„Macht doch nichts", sagte Jill. „Komm erst mal an, Claire. Iss mit uns und such dir oben ein Zimmer. Du wirst ihn schon noch sehen. Wenn er hört, dass du hier bist, wird er sowieso kommen."
Claire aß eine kleine Portion Eintopf, dann führte Chris sie nach oben in den dritten Stock, wo es noch freie Zimmer gab.
„Die letzten fünf Zimmer auf der rechten Seite sind noch frei", erklärte er ihr. „Jill und ich wohnen am anderen Ende des Ganges. Ruh dich ein bisschen aus, Claire. Morgen werden wir weitersehen."
Sie verabschiedeten sich und Chris verschwand in seinem Zimmer. Claire wollte gerade ihr eigenes Zimmer betreten, da hörte sie Schritte auf der Treppe, die nach oben in den vierten Stock führte.
„Schön dich zu sehen, Claire", sagte Piers Nivans.
„Piers? Wo warst du, wir haben dich gesucht", sagte Claire. „Wolltest du mich nicht sehen?"
Sie stellte ihre Tasche ab und ging auf Piers zu, um ihn zu umarmen.
„Ganz im Gegenteil", erwiderte Piers. „Ich wollte dich nur allein sprechen, weil ich wusste, was du mich fragen würdest."
Claires Wangen wurden heiß.
„Gehen wir rein", sagte Piers und zusammen betraten sie Claires Zimmer.
„Chris hat nicht gelogen", meinte Claire und betrachtete Piers nun eingehender. „Du hast dich ganz schön verändert."
„Das verdanke ich Wesker", sagte Piers. „Auch wenn es mir nicht gefällt. Er hat mir geholfen."
„Du siehst gut aus", sagte Claire und sie meinte es ehrlich. Piers war wieder der gutaussehende, junge Soldat, den sie vor so langer Zeit kennengelernt hatte. Sein Körper war nicht länger von der Mutation durch den C-Virus entstellt. Er hatte wieder einen normalen Arm.
„Wie hat er das angestellt?", wollte Claire wissen. Sie war tief beeindruckt von dem, was Wesker geschafft hatte. Rebecca und selbst seine Schwester Alex hatten trotz intensiver Forschung keine Lösung für Piers' Problem gefunden. Und Albert hatte binnen weniger Monate eine Heilung gefunden. „Du hast wieder einen gesunden Arm."
„Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat. Er hat mir zwei Spritzen gegeben, die etwas mit meinem C-Virus gemacht haben", sagte Piers. „Aber das ist mir auch egal. Er hat mir ein normales Leben zurückgegeben. Ich bin kein Monster mehr und kann wieder unter Leute gehen. Dafür werde ich ihm auf ewig dankbar sein."
„Ich freue mich für dich."
„Ich habe meine Kräfte behalten", erklärte Piers. „Ich kann die Mutation kontrollieren. Ich kann meine Kräfte bewusst einsetzen. Jetzt bin ich bei Einsätzen nicht mehr nutzlos."
„Piers, das warst du auch vorher nicht", sagte Claire ernst. „Du hast damals meinem Bruder das Leben gerettet. Du hast dieses HAOS-Monster besiegt und daran gehindert, an die Oberfläche zu kommen. Du warst sicher nicht nutzlos, sondern ein Held. Und das bist du jetzt auch."
In dem kleinen Kühlschrank in Claires Zimmer fanden sie noch ein paar Flaschen Saft, die sie sich teilten. Claire bot Piers den Rest ihrer Kekse an, die sie unterwegs im Auto gegessen hatte.
„Du willst wissen, wie es ihm geht, oder?", fragte Piers, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten.
Claire zögerte. „Ja, natürlich. Ich habe ihn jetzt so lange nicht gesehen. Er hat sich nicht einmal gemeldet, obwohl ich ihm meine Telefonnummer aufgeschrieben habe."
„Er hat die Nummer gesehen und hat mal darüber nachgedacht, dich anzurufen. Das war natürlich vor dem ganzen Chaos", sagte Piers nachdenklich. „Ich habe ihm gesagt, er soll es tun, aber er … Er machte den Eindruck, dass er sich dagegen gewehrt hat. Es war nicht leicht für ihn, dich zu verlassen, denke ich. Er hat sich gequält. Er muss diese inneren Kämpfe mit sich ausfechten."
„Was für Kämpfe?"
„Willst du eine ehrliche Meinung hören?", fragte Piers. „Ich kenne ihn nicht wirklich gut, aber in den vergangenen sechs Monaten habe ich ihn ziemlich gut kennengelernt. Ich glaube, dass er vor Beziehungen davonläuft, weil er Angst hat, Menschen in sein Leben zu lassen."
„Weil er Angst hat, verletzt zu werden? Das könnte ich nachvollziehen, weil mir das selbst jahrelang so ging", sagte Claire.
„Vielleicht, aber ich glaube eher, weil er Angst hat, was das mit ihm macht. Dass ihn das auf eine Weise verändert, mit der er nicht zurechtkommt. Er will sich selbst genügen und er glaubt, dass in seinem Leben für niemand anderen Platz ist. Gefühle für andere zuzulassen, erfordert Mut, weil man sich plötzlich um andere kümmern muss und das verändert einen."
Claire dachte an den Brief zurück, den Wesker ihr hinterlassen hatte, und sie musste Piers zustimmen. Wesker tat sich mehr als schwer damit, zuzugeben, dass es Menschen in seinem Leben gab, die ihm wichtig waren. Soweit es seinen Sohn Jake betraf, vermutete sie noch einen anderen Grund, den sie bislang jedoch noch nie laut ausgesprochen hatte. Piers, der offenbar zu dem selben Schluss gekommen war, kam ihr zuvor.
„Ich denke, dass er vor seinem Sohn davongelaufen ist, weil ihm Jake sonst vor Augen führen würde, dass er grandios versagt hat und dass es seine Schuld ist, dass zwei Menschen kein schönes Leben hatten. Ich habe ihm das einmal ins Gesicht gesagt und wir haben uns gestritten."
„Das war genau mein Gedanke", sagte Claire. „Wieso hat Wesker dich gehen lassen?"
„Du wolltest doch wissen, wie es ihm geht", meinte Piers. „Und leider muss ich dir sagen, dass es ihm nicht so gutgeht. Er hat versucht, sich seine Kräfte zurückzuholen, aber hat es nicht geschafft. Und dann musste er mit ansehen, wie Raphael das geschafft hat, an dem er gescheitert ist, nämlich die Welt zu zerstören. Er ist nicht über seine Vergangenheit und seine Niederlage hinweggekommen. Als wir die Bilder von den Infizierten im Fernsehen gesehen haben, hat er mich gehen lassen. Er machte den Eindruck, ihm sei alles egal."
Claire erschrak. „Er will sich doch nichts antun, oder?"
„Nein, das denke ich nicht", sagte Piers beschwichtigend. „Er ist einfach nur niedergeschlagen und fühlt sich wie ein Versager. Dabei ist er das nicht. Er hat mein Leben gerettet, aber das kann er nicht sehen. Das war nicht das, was er wollte, also ist es kein Erfolg für ihn."
„Wie seid ihr eigentlich geflohen?", wollte Claire wissen, denn bis heute konnte sie sich nicht vorstellen, wie Wesker und Piers aus dem gut bewachten Gebäude der B.S.A.A. geflohen waren.
„Wir hatten Hilfe von zwei Söldnern, die Wesker von früher kennt. Einer hieß HUNK, der andere Vektor."
Claire nickte. Sie hatte von den ehemaligen Umbrella-Söldnern gehört. „Hatte Ada Wong etwas damit zu tun? Chris hat sie beschuldigt."
„Ada Wong hatte nichts damit zu tun", sagte Piers. „Wir sind durch den Lieferanteneingang der Kantine aus dem Gebäude gekommen. HUNK und Vektor haben uns mit einem Helikopter abgeholt und zu einem alten Anwesen geflogen. Dort haben wir über ein halbes Jahr gelebt. Wesker hat im Labor geforscht und ich war sein Versuchskaninchen." Piers grinste. „Wir haben uns nach anfänglichen Schwierigkeiten zusammengerauft. Wesker verschwand zwischendurch mal für eine Weile. Er ist verreist und forschte Raphael und der Familie hinterher. HUNK hat ihm dabei geholfen."
Sehnsucht überschwappte Claire wie eine Welle und drohte sie zu ersticken.
„Wo ist das Anwesen?", fragte sie und sah Piers direkt an. „Wo ist er?"
„Ich durfte das zuerst nicht wissen. Als uns HUNK und Vektor dort hingeflogen haben, musste ich eine Augenbinde tragen", erklärte Piers. „Wesker hat mir eingeschärft, das Haus niemals zu verlassen, nicht zu fliehen und auch niemandem zu verraten, wo es sich befindet. Das musste ich ihm im Gegenzug für seine Hilfe schwören. Die Geheimhaltung war ihm aber am Schluss egal, als er mich gehen ließ."
„Das heißt, du weißt, wo es sich befindet? Wo er ist. Bitte, sag es mir, Piers. Ich will zu ihm", drängte Claire.
Piers sah sie eingehend an. Claire war es egal, wie verzweifelt sie klang. Alles, was sie wollte, war Wesker. Sie merkte gar nicht, dass sie Piers am Unterarm packte.
„Ich habe es Chris und den anderen auch nicht erzählt", entgegnete Piers ruhig. „Ich habe es versprochen. Wesker wird zurückkommen, davon bin ich überzeugt. Gib ihm Zeit, Claire."
„Bitte, Piers. Ich will zu ihm. Ich verspreche dir, dass ich Chris nichts sagen werde, aber bitte sag mir, wo Wesker ist."
Piers zögerte. „Also gut", sagte er schließlich. „Das Anwesen ist in Louisiana." Er nahm einen Zettel und schrieb ihr die Koordinaten und eine Adresse auf. „Wirst du zu ihm fahren?"
„Natürlich", sagte Claire und steckte den Zettel ein. „Ich warte, bis alle schlafen, dann fahre ich. Keine Sorge, ich werde den anderen nichts sagen. Du hast dein Versprechen nicht gebrochen, Piers, das werde ich Wesker sagen."
Claire wartete, bis es ruhig im Haus war, dann nahm sie ihre Tasche, die sie nicht einmal ausgepackt hatte, packte Wasser und Vorräte ein und stieg wieder in ihr Auto. Schweren Herzens verließ sie Chris und ihre Freunde und fuhr Richtung Süden. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie einfach wortlos verschwand, aber sie hatte gesehen, dass Chris und die anderen in Sicherheit waren. Sie kamen eine Weile ohne sie aus, aber Wesker war ganz allein irgendwo im Süden und sie wusste nicht, ob es ihm gutging, ob er in Sicherheit war. Sie hatte Angst um ihn.
Etliche Tage fuhr Claire auf einsamen Straßen, durchquerte verlassene Orte, musste abgeriegelte Orte umfahren, bis sie schließlich den Bundesstaat Louisiana erreicht hatte. Sie folgte Piers' Angaben, doch verschwendete allein einen ganzen Tag, um die richtige Straße zu finden, die sie durch einen Wald zu dem beschriebenen Anwesen führte.
Das Anwesen war verlassen, Wesker war nicht hier. Claire lief durch das ganze Haus, durchsuchte jeden Raum, sogar das Labor, doch ihr Geliebter, nach dem sie sich so gesehnt hatte, war nicht hier. Enttäuscht, verletzt und verzweifelt vergrub sich Claire für zwei Tage in einem Schlafzimmer und weinte. Am dritten Tag wurde sie morgens von Geräuschen geweckt, die von unten aus der Eingangshalle zu ihr drangen. Sofort sprang sie auf und eilte nach unten. Und da stand er. Groß, stark und so anmutig, wie sie ihn in Erinnerung hatte.
„Wesker!" Claire stürmte auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und drückte ihn fest.
„Claire, was machst du denn hier?", fragte Wesker völlig entgeistert. Er hatte nicht mit ihrem Kommen gerechnet.
„Ich wollte dich sehen", sagte Claire. „Ich bin ja so froh, dass es dir gutgeht."
Sie lehnte sich an ihn und schloss die Augen. Sie wollte ihn nicht mehr loslassen. Sie verharrten einige Zeit in dieser innigen Position, bis Claire sich ein Stück von ihm löste, den Kopf hob und sich ihre Blicke trafen.
„Ich bin ja so froh, dich wiederzusehen", sagte sie mit erstickter Stimme. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Nicht weinen, Claire", hauchte Wesker und wischte ihre Tränen weg.
„Warum bist du weggegangen? Warum hast du mich verlassen?", fragte Claire.
„Claire, was zum Teufel machst du hier? Woher wusstest du …" Doch er wusste die Antwort auf seine Frage schon längst selbst. „Piers", sagte er dann und Claire nickte.
„Keine Sorge, er hat nur mir erzählt, wo du bist, den anderen nicht", erklärte Claire schnell. „Ich habe ihn angefleht, mir zu sagen, wo du bist. Ich habe dich so sehr vermisst und wollte dich unbedingt sehen. Warum bist du überhaupt fortgegangen? Wir waren doch glücklich, oder nicht?"
„Weil wir nicht zusammen sein können, Claire", sagte Wesker leise, aber bestimmt. „Ich gehöre nicht in eure Welt. Und du gehörst nicht in die meine. Wir stehen auf unterschiedlichen Seiten. Außerdem würden dein Bruder und deine Freunde es niemals akzeptieren, wenn wir zusammen sind. Ich will nicht, dass du vor die Wahl gestellt wirst. Und ich habe meine Wahl längst getroffen."
Claire atmete tief durch. „Das ist doch Unsinn!", widersprach sie. „Du redest dir das selbst ein, dass du nicht umkehren kannst, dass du da weitermachen musst, wo du bei deinem Tod aufgehört hast, dass du immer der Böse sein musst, aber das stimmt nicht, Wesker. Du glaubst, dass du den Weg weitergehen musst, den Spencer für dich vorgefertigt hat, aber … Das ist nicht wahr."
„Die Dinge, die ich getan habe, Claire … Ich kann nicht zurück", sagte Wesker. „Das ist mein Schicksal. Auch wenn ich etwas ändere, ändert das nichts an der Tatsache, dass ich bin, wer ich bin. Es tut mir leid, Claire. Ich kann nicht zu dir zurückkommen, so sehr du dir das auch wünschst. Mein Leben besteht aus anderen Aufgaben und ich habe keinen Platz darin für anderes."
„Keinen Platz in deinem Leben oder keinen Platz in deinem Herzen?", fragte Claire, die einen Schritt zurückgegangen war. Seine Worte schnitten tief wie Dolche, die sich ins Fleisch bohrten.
„Beides", sagte Wesker, wobei er ihrem Blick auswich.
„Das ist Blödsinn, das redest du dir ein! Du hast Piers geholfen! Du hast einen Sohn, du hast Sherry und eine Enkeltochter, die du endlich kennenlernen musst. Du hast dich um Sherry gekümmert. Du hast uns geholfen. Du warst nicht mit mir zusammen, weil ich dir nichts bedeutet habe. Aber du glaubst, weil du dein ganzes Leben lang böse Dinge getan hast und allein warst, dass das auch jetzt und in Zukunft immer so sein muss. Aber das stimmt nicht. Du hast eine zweite Chance bekommen. Und wir können zusammen sein. Du kannst einen neuen Platz in dieser Welt finden. Bei mir."
Wesker drehte sich um und stützte sich mit den Händen an der Tür ab. Er ließ erschöpft den Kopf hängen. Claire sah, dass er mit sich rang.
„Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen?", fragte sie vorsichtig. Sie wagte es nicht, sich ihm zu nähern. Sie hatte Angst, dass er sie nicht hier haben wollte, dass er sie wegstoßen würde und dass sie den ganzen Weg umsonst gemacht hatte.
Nach einer Weile der Stille sagte er schließlich zu Claires Erleichterung: „Doch, das tue ich."
„Piers hat gesagt, dass es dir nicht gutgeht. Du hast ihn einfach gehen lassen. Was ist passiert?"
„Ich konnte ihm helfen, aber nicht mir selbst. Und dann hat jemand anderes geschafft, wofür ich so viele Jahre gearbeitet hatte und woran ich am Ende gescheitert bin." Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
„Ich bin dir sehr dankbar für das, was du für Piers getan hast", sagte Claire. „Und er ist dir auch dankbar." Claire machte ein paar Schritte auf ihn zu und berührte ihn vorsichtig am Rücken. Wesker drehte sich langsam zu ihr um. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er er seine blonden Haare braun gefärbt hatte und Kontaktlinsen trug. Seine Augen waren nicht mehr blau, sondern braun. „Du bist ein beeindruckender Mann mit beeindruckenden Fähigkeiten. Du könntest damit so viel Gutes bewirken. Wenn es nicht Leute wie du machen, wer dann?"
Erneut rannen Tränen ihre Wangen hinab. „Ich bin dir auch dankbar für alle die Dinge, die du für mich getan hast."
„Was habe ich für dich getan, Claire?", fragte Wesker.
„Dank dir lebe ich wieder", sagte Claire und lächelte. „Ich bin glücklich. Glaubst du wirklich, ich hätte den weiten Weg in diesem Chaos auf mich genommen, wenn du mir nicht unglaublich viel bedeuten würdest? Ich will dich und ich brauche dich. Und ich weiß, dass du mich auch brauchst."
„Was ist mit den anderen?", fragte Wesker.
„Was machst du dir denn so viele Gedanken darüber, was die anderen denken? Die kommen schon damit klar. Ich bin ein großes Mädchen."
Wesker betrachtete sie eingehend. Claire schloss den verbliebenen Abstand zwischen ihnen. „Ich liebe dich", hauchte sie, dann küsste sie ihn.
Die Anspannung der letzten Tage fiel von ihr ab und gewaltige Erschöpfung überkam sie. Sie war endlich am Ziel angekommen, sie war dort, wo sie sein wollte. Um zu Wesker zu kommen und sicherzugehen, dass er lebte und wohlauf war, schien sie ihre letzten verbliebenen Kraftreserven verbraucht zu haben. Ihre Knie gaben nach und sie sank nach unten, unfähig sich noch weiter auf der Beinen halten zu können.
Wesker fing sie auf und hob sie hoch. Sie schmiegte sich an ihn und schloss die Augen. Er trug sie nach oben und sie spürte noch, wie er sie auf eine weiche Oberfläche bettete, dann war sie auch schon eingeschlafen.
Claire erwachte erst wieder am nächsten Tag gegen zehn Uhr Vormittag. Ihre Haare waren völlig zerzaust und ihre Kleidung , in der sie geschlafen hatte, war zerknittert. Als sie sich verschlafen aufrichtete, erblickte sie Wesker, der eben mit einem Tablett ins Zimmer gekommen war. Ein köstlicher Duft nach Zimt und Eiern drang in Claires Nase und erweckte sofort ihre Lebensgeister.
„Guten Morgen", sagte Wesker mit samtener Stimme, setzte sich neben sie und stellte das Tablett auf dem Bett ab.
„Ich mag Männer, die mir Frühstück ans Bett bringen", sagte Claire, der schon das Wasser im Mund zusammenlief. „Ich habe einen Mordshunger."
Wesker hatte ihr Porridge und Rührei gebracht. Er hatte daran gedacht, dass sie ihren Haferbrei am liebsten mit Zimt und einem Klecks Honig mochte. Claire nahm genüsslich einen Löffel und ließ das Porridge auf ihrer Zunge zergehen. Es schmeckte göttlich.
„Das Geheimnis ist Butter und etwas Sahne", sagte Wesker. „Hast du gut geschlafen?"
„Ja. Warst du die ganze Zeit bei mir?"
„Ja."
„Das ist echt gut", sagte Claire und deutete auf das Rührei.
„Freut mich, dass es dir schmeckt, Claire", sagte Wesker und lächelte.
„Magst du nichts essen?"
„Ich habe schon gegessen", sagte Wesker. „Ich bin schon etwas länger wach." Er roch frisch geduscht.
„Verstehe. Das ist mir gestern nicht so aufgefallen, aber du hast dein Aussehen verändert."
„So konnte ich unauffällig reisen. Gefällt es dir?"
„Dunkle Haare stehen dir. Um mit den braunen Kontaktlinsen liegt sehr viel Wärme in deinen Augen. Dein neuer Look steht dir ausgezeichnet."
„Danke. Lass dir dein Frühstück schmecken, ich bin unten im Labor, wenn du mich brauchst."
Er ließ sie allein. Nachdem Claire aufgegessen hatte, nahm sie eine Dusche. Frisch geduscht und angezogen fühlte sie sich sofort wohler. Wesker arbeitete gerade an irgendetwas, als sie das Labor betrat. Er trug einen weißen Laborkittel, aber hatte die Ärmel hochgekrempelt. Sie wollte unbedingt mit ihm reden, doch alles, was sie schaffte, war, in der Tür zu stehen, und ihn zu beobachten. Erst nachdem sie sich überwunden hatte, konnte sie aussprechen, was ihr durch den Kopf ging.
„Wegen gestern Abend, ich … Tut mir leid, ich war ein wenig neben der Spur, aber was ich gesagt habe, habe ich schon ernst gemeint. Du freust dich doch, mich zu sehen?"
Wesker hielt inne. Er sah sie nicht an. „Natürlich freue ich mich, dich zu sehen, Claire. Auch wenn ich es ziemlich unverantwortlich von dir finde, in diesen Zeiten quer durch die USA zu fahren, nur um mich zu sehen."
„Ich wollte einfach wissen, wo du bist und ob es dir gutgeht", sagte Claire. „Ich habe Piers angebettelt, mir zu sagen, wo du bist. Ich glaube, er hat es um deinetwillen getan. Er wollte, dass ich zu dir zurückkomme. Keine Angst, er hat den anderen wirklich nicht erzählt, wo du bist. Aber inzwischen dürften sie wissen, dass ich zu dir gefahren bin."
„Ich denke, ich werde ohnehin nicht mehr lange hier bleiben", sagte Wesker. „Jemand muss etwas unternehmen. Gegen Raphael."
„Als ich hierher kam, warst du nicht da", sagte Claire. „Wo warst du?"
„Ich habe ein paar Feldversuche gemacht", erklärte Wesker schlicht.
„Was für Versuche?", wollte Claire wissen. Wesker antwortete nicht. Dann fiel ihr Blick auf seinen linken Arm, um den er einen Verband gewickelt hatte. „Hast du dich verletzt?", fragte sie und trat neben ihn. Sie packte vorsichtig seinen Unterarm und betrachtete den Verband.
„Das ist nichts", meinte Wesker nur und versuchte sich aus ihrem Griff zu winden, doch Claire wollte nicht locker lassen. Sie begann, den Verband zu lösen, um sich die Wunde darunter anzusehen. Wesker hatte drei tiefe Schnitte an seinem Unterarm, die noch sehr frisch aussahen. Der Heilungsprozess hatte noch nicht eingesetzt und eine kleine Menge Blut strömte noch aus den Wunden.
„Was hast du angestellt? Das sieht ja übel aus. Das könnte sich entzünden!"
„Ich habe die Wunde gereinigt", erklärte Wesker. „Das war … einer meiner Versuche."
„Wolltest du rausfinden, ob du ein Mensch aus Fleisch und Blut bist?!", fragte Claire voller Unverständnis. „Komm wir versorgen das."
Sie ließ ihm keine Chance. Sie zwang ihn sich hinzusetzen und seinen Arm zu versorgen. „Was hast du probiert?"
„Ich … bin seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer Möglichkeit …"
„Was?!"
„Ich will meine Kräfte zurück", sagte Wesker. „Ich habe einen neuen Virus für mich entwickelt. Ich habe ihn mir gespritzt und wollte testen, ob er funktioniert. Der Feldversuch ist … fehlgeschlagen."
„Jetzt verstehe ich. Du wolltest sehen, ob du wieder Heilkräfte hast."
Wesker nickte.
„Deine Kräfte waren dir sehr wichtig, nicht wahr? Ich vermute mal, ich werde dir nicht ausreden können, es weiter zu versuchen", sagte Claire missmutig, als sie den Verband erneuerte. „Ich schätze, das ist wohl einfach ein Teil von dir, den ich akzeptieren muss."
„Es tut mir leid, Claire. Du wusstest, auf was du dich einlässt."
„Nicht der Rede wert. So, das sollte halten. Wie geht es weiter?"
„Ich arbeite weiter an dem Mittel", sagte Wesker. „Ich bin nah dran, ich weiß es."
„Nein, ich meine mit dem Rest der Welt und mit uns beiden. Was ich gestern gesagt habe, habe ich ernst gemeint."
„Claire, ich muss weiterarbeiten. Warte oben im Haus auf mich. In der Küche ist etwas zu essen, wenn du etwas brauchst."
Sie fühlte sich weggestoßen, aber respektierte seinen Wunsch. Er ging ihr aus dem Weg und brauchte etwas Zeit. Sie vertrieb sich den Rest des Tages in der Bibliothek des Anwesens, bis sie um halb sechs in die Küche ging und ihnen Hühnen, Gemüse und Kartoffeln aus dem Ofen machte. Wesker kam am frühen Abend aus dem Labor.
„Isst du mit mir?", fragte Claire vorsichtig, auch wenn sie sich wenig Hoffnung machte. Wesker rang mit sich, doch schließlich willigte er ein.
Das Essen verging größtenteils in Schweigen. Claire räumte die Teller ab und machte sich an den Abwasch, damit sie ihre Hände beschäftigen konnte und Wesker nicht ansehen musste. Wesker wollte vermutlich ohnehin wieder ins Labor und weiterarbeiten.
„Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück. Gute Nacht", sagte sie, während sie einen Teller abspülte.
Wesker ging nicht. „Claire, lass das Geschirr."
„Hm? Was hast du gesagt?" Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Wesker noch in der Tür stand. Er hatte eine Flasche Wein in der Hand.
„Claire, ich … bin im Salon. Würdest du den Abend bei mir verbringen? Bei einer Flasche Wein?"
„Das würde ich sehr gerne", sagte Claire mit einem Lächeln.
Sie setzten sich auf das Sofa. Wesker schenkte ihnen Rotwein ein und sie stießen an. Zu fortgeschrittener Stunde, als der Wein zur Neige ging, fühlte sich Claire völlig entspannt und eine wohlige Wärme breitete sich von ihrem Bauch in den Rest ihres Körpers aus. Es war so leicht, in Weskers Nähe zu vergessen, was außerhalb ihrer sicheren Zuflucht auf sie wartete.
„Bist du bei deiner Arbeit weitergekommen?", fragte Claire.
„Noch nicht", sagte Wesker missmutig.
Der Wein sprach aus ihr und verlieh ihr Mut. „Ich … Sherry hat mir nach der Geburt ihres Kindes immer wieder Fotos geschickt. Möchtest du die Kleine mal sehen? Ich habe auch ein Foto von Jake." Sie zog ihr Handy aus der Tasche. Wesker fühlte sich sichtlich unwohl.
„Nicht", sagte er, nahm ihr Handy und legte es auf den Tisch.
„Wovor hast du Angst?", fragte Claire ungeduldig. „Das ist deine Familie."
„Ich kann nicht", raunte Wesker. Noch nie zuvor hatte sie ihn so verletzlich gesehen und sie wusste, dass er niemandem außer ihr diese Verletzlichkeit zeigen würde. „Ich bin noch nicht bereit."
„Es sind die Schuldgefühle, nicht wahr? Du hast Angst, dich den Fehlern zu stellen, die du in der Vergangenheit gemacht hast."
„Vermutlich."
Claire wollte ihm nah sein. Die letzten Monate waren so entbehrungsreich gewesen, dass sie glaubte, an ihrer Einsamkeit und ihrem Verlangen vergehen zu müssen, wenn sie ihm nicht sofort näher kommen konnte.
„Glaubst du, du verdienst es nicht, ein besseres Leben zu haben?"
„Manchmal, ja."
Claire konnte ihr Verlangen nicht länger verbergen. Der Wein hatte ihre Sinne vernebelt. Sie waren sich jetzt so nah, dass sich ihre Körper berührten. Claire spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Sie wollte seine Hände auf ihrer Haut spüren, sie wollte in ihn sich spüren. Ihr Gesicht musste verraten, was in ihr vorging, denn Wesker wandte seinen Blick ab.
„Claire, das geht nicht."
„Warum nicht? Ich will dich. Du hast mir so gefehlt. Wenn du nicht bei uns bist, sind wir nicht vollständig", hauchte Claire und küsste ihn. „Bitte …"
„Claire", er schob sie ein Stück von sich. „Was willst du für die Zukunft, Claire? Ist das wirklich das, was du willst?"
„Ich möchte endlich wieder ein glückliches Leben führen", sagte Claire. „Ich will mein Leben mit dir teilen. Ich hab dich gefunden. Ich will für den Rest meines Lebens mit dir zusammen sein. Was willst du, Albert?"
„Ich möchte meine Kräfte zurück", sagte Wesker langsam. „Ich möchte wieder im Labor stehen und arbeiten."
„Das kannst du doch", entgegnete Claire. „Aber Wesker, tu mir bitte einen Gefallen." Sie flehte nun fast. „Ich will, dass du zu uns gehörst. Ich will mich nicht zwischen Chris, meinen Freunden und dir entscheiden müssen. Versprich mir bitte, dass du durch deine Arbeit nie wieder anderen Menschen Leid zufügst. Tu für andere Menschen das, was du für Piers getan hast. Bitte, ich könnte es nicht ertragen, wenn … Versprich mir das."
Er zögerte und antwortete nicht, aber betrachtete sie eingehend. Für Claire war die Stille kaum zu ertragen. Als er sprach, war seine Stimme heiser. „Wenn dich das glücklich macht, Claire, dann verspreche ich es dir."
„Meinst du das auch wirklich ehrlich?", fragte Claire.
Wesker nickte. Erleichtert und dankbar umarmte Claire ihn.
„Es gibt noch etwas", sagte Wesker.
„Und was?", fragte Claire.
„Ich … möchte nicht mehr … allein sein."
Claire lächelte und küsste ihn auf die Wange. Wesker, der sie zuerst abgewiesen hatte, ergriff nun die Initiative. Seine Hände wanderten unter Claires Oberteil über ihre Taille und ihren Rücken. Er küsste ihren Hals, was ihr ein Keuchen entlockte. Claire, die selten so eine Begierde in sich gespürt hatte, ging sofort auf ihn ein. Sie ergriff die Regie, drückte ihn nach unten und küsste ihn voller Leidenschaft auf den Mund. Wesker grinste gegen ihre Lippen. Ehe sie es sich versah, lag sie ausgezogen unter ihm auf dem Teppich vor dem Kamin. Der Rest des Abends gehörte nur den beiden.
Claire fühlte sich wie in einem Traum. Es war leicht das Chaos und die Zerstörung draußen zu vergessen, wenn sie und Wesker das Schlafzimmer miteinander teilten. Doch Claire wusste, dass sie sich der unbequemen Wahrheit, die draußen lauerte, früher oder später stellen musste. Die Ruhe und der Frieden in dem abgeschiedenen Haus konnten nicht ewig währen. Es war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schrecken einen Weg in ihre Zufluchtsstätte bahnen würden.
Sie erwachte am nächsten Tag gegen Mittag allein in ihrem Bett. Enttäuscht, dass Wesker nicht neben ihr lag, rollte sie auf seine Seite und vergrub ihr Gesicht in seinem Kissen. Wenigstens war er so umsichtig, ihr einen Zettel auf dem Küchentisch zu hinterlassen. Nach ihren nächtlichen Aktivitäten war Claire wie ausgehungert und machte ich ein großes Rührei mit Speck, das sie gierig verschlang. Wesker erschien, als Claire gerade mit dem Spülen des Geschirrs fertig geworden war.
„Wo warst du?", fragte Claire sofort.
„Ich war draußen und habe die Lage unter die Lupe genommen. Es sieht nicht gut aus, Claire. Das Virus breitet sich aus."
„Oh, nein." Schlechte Nachrichten dieser Art konnte Claire im Moment überhaupt nicht gebrauchen. „Wir müssen doch irgendetwas unternehmen! Das kann so nicht weitergehen! Raphael darf nicht gewinnen!" Sie warf verärgert das Geschirrtuch auf die Küchenablage.
„Das sehe ich auch so. Claire, es ist Zeit, dass ich dich einweihe", sagte Wesker plötzlich. „Ich habe die letzten Monate Hinweise gesammelt."
Claire wurde sofort hellhörig. Sie nahmen am Küchentisch Platz.
„Piers hat mir erzählt, dass du eine Spur hast", sagte Claire. „Was hat er damit gemeint? Weißt du, wo Raphael ist? Er hat auch gesagt, dass du die letzten Monate herumgereist bist, um Hinweise zu finden. Hast du was?"
„Ich bin mir nicht sicher", sagte Wesker. „Ich habe im Moment nur Vermutungen."
„Dann teile sie mit mir! Ich werde nicht lachen, auch wenn sie abwegig sind! Wir müssen etwas unternehmen!"
„Na, danke, da bin ich aber erleichtert", meinte Wesker sarkastisch, dann wurde er wieder ernst. „Ich bin noch mal alles durchgegangen, was wir herausgefunden hatten. Ich habe Amandas und Wassiljewitschs Geschichte verglichen und ich war sogar noch mal in dem Haus in Slowenien, nur für den Fall, dass wir etwas übersehen hatten."
„Und?"
„Zuerst fiel mir auf, dass Raphael erst in Südamerika war und dann untergetaucht ist. Wir haben ihn nur alle paar Wochen mal in einer größeren Stadt gesehen. Rotterdam, New York, Sydney. Was sind das für Städte, Claire?"
Claire überlegte einen Moment. „Das sind alles Hafenstädte."
„Genau. Und da kam mir eine Idee. Wo war Raphael in Südamerika?"
„Ich glaube, in Bolivien und Panama. Und in Caracas hat ihn mal eine Kamera erwischt."
„Panama ist der Schlüssel. Panama ist ein Steuerparadies und viele Briefkastenfirmen sind dort angesiedelt", sagte Wesker.
„Was hat das mit Raphael zu tun?", fragte Claire, die Wesker nicht folgen konnte.
„Umbrella hatte eine ganze Reihe von Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen überall auf die Welt. Eine dieser Firmen war die Paraguas Ltd. in Panama. Umbrella hat sie zur Steuervermeidung benutzt. Die Firma bestand nach Umbrellas Untergang weiter fort. Die Terragrigia-Terroristen haben sie nur kurze Zeit später zur Tarnung für ihre Anschläge benutzt."
„Moment mal", sagte Claire. „Da gab es doch diese drei Schiffe!"
Wesker nickte. „Ganz genau. Sie haben die Paraguas Ltd., die eine bloße Briefkastenfirma war, übernommen und daraus ein richtiges Unternehmen gemacht, das Kreuzfahrtschiffe unterhält. Der Betrieb auf den Schiffen war echt und mit den Einnahmen haben sie ihre Forschung am T-Abyss-Virus finanziert."
„Du meinst, dass Raphael dasselbe gemacht hat? Dass er eine Tarnfirma benutzt hat, um sich zu verstecken und die Anschläge vorzubereiten?", schlussfolgerte Claire.
„Das würde Sinn ergeben", sagte Wesker. „Wir wissen, dass die Raketen vom Meer kamen. Und das erklärte, warum wir ihn auf dem Kontinent nicht finden konnten und warum er sich nur in Hafenstädten gezeigt hat. Es müssen Schiffe sein, die einen ganz normalen Betrieb haben. Vielleicht wissen die Angestellten der Schiffe noch nicht mal, was dort verborgen vor sich geht."
„Sind es Frachter, also Handelsschiffe, oder Luxus-Kreuzer?"
„Schwer zu sagen", meinte Wesker.
„Und noch schwerer zurückzuverfolgen", meinte Claire. „Wir haben keinen Strom und kein Internet mehr. Wie sollen wir Raphael so finden?"
„Das Haus hier hat Strom, Claire. Es hat eine unabhängige Versorgung. Ich werde es über Satellit versuchen. So kann ich sehen, was im Atlantik vor sich geht. Mindestens eines der Schiffe muss dort sein. Ich werde mich gleich der Sache gleich widmen."
„Ich hoffe Chris und die anderen ziehen dieselben Schlüsse", sagte Claire hoffnungsvoll. „Was hast du noch rausgefunden?"
„Wirklich herausgefunden habe ich nichts. Ich habe Vermutungen angestellt, die ich leider nicht wirklich beweisen kann", sagte Wesker. „Sie klingen lächerlich, selbst für mich, aber sie haben sich als fixe Idee in meinen Kopf eingebrannt."
„Was vermutest du, Albert?", fragte Claire. „Auch wenn deine Vermutungen absurd sind, werde ich nicht lachen. Versprochen."
Wesker grinste. „Amanda hat uns angelogen. Sie hat sich nicht wegen Raphaels Arbeit am R-Virus von ihm getrennt. Zum Zeitpunkt ihrer Trennung hatte Raphael noch nicht mit der Arbeit begonnen. Ich vermute, dass Amanda sich wegen eines anderen Mannes von Raphael getrennt hat."
„OK, das ist möglich. Aber wer könnte das sein? Und was hat das mit dem R-Virus zu tun?"
„Warte nur. Ich vermute, dass Raphael eine Alternative zum C-Virus entwickeln wollte. Ihm und Amanda hat die Gentherapie mit dem C-Virus zwar geholfen, doch die Wirkung ließ irgendwann nach und da Raphaels Eltern und Amandas Eltern verstorben waren, mussten sie sich nun selbst eine Alternative beschaffen. Raphael ist ein genialer Virenforscher. Er hat den C-Virus mithilfe anderer Viren zum R-Virus weiterentwickelt. Er wusste genau, dass das Fehlen einer neuen Therapie sein Todesurteil war."
„Die Trennung, meinst du, hat ihn umdenken lassen?"
„Ja. Amanda sah vermutlich, dass Raphael es nicht schaffte, eine neue Therapie zu entwickeln. Sie entfremdeten sich voneinander und die Beziehung zerbrach, weil sich Amanda einem anderen Mann zuwandte. Der Schmerz über die Trennung löste bei Raphael Depressionen und seine Vernichtungsphantasien aus. Er hielt Wassiljewitsch und die anderen, die mit zusammenarbeiteten, im Unklaren über seine wahren Absichten und schuf den R-Virus als tödliche Waffe, mit der er die Welt zerstören wollte."
„Wie hat Amanda davon erfahren?", fragte Claire.
„Ich vermute und hier wird es leider sehr spekulativ", sagte Wesker, „über diesen unbekannten Mann."
„Moment mal, du meinst, Raphael kennt diesen Mann? Und er wusste von Raphaels Plänen?"
Wesker nickte. „Ganz genau, das ist meine Vermutung."
„Das heißt, er ist das Bindeglied hinter allem? Wer ist der Kerl?"
„Hier bin ich mir nicht sicher, aber wenn ich raten müsste, würde ich auf Raphaels Onkel, Gabriel Simmons, tippen."
„Der Typ, der in den Tagebüchern erwähnt wird? Derek C. Simmons' Bruder?"
„Ja", sagte Wesker. „Ich weiß, das ist weit hergeholt, aber …"
„Nein, das finde ich nicht", sagte Claire. „Erzähl weiter. Wie passt er deiner Meinung nach in die Geschichte hinein?"
„Überlege mal, Claire", fuhr Wesker fort. „Gabriel ist der ältere Bruder, das heißt, eigentlich müsste er nach dem Tod des Vaters Oberhaupt der Familie werden. Seine eigene Familie aber verstößt ihn und sein Bruder betrügt ihn um sein Recht. Nach Dereks Tod wittert Gabriel seine Chance, wenn da nicht sein Neffe wäre, der Einzige, der ihm im Weg steht. Und dieser Neffe ist dem Tod geweiht und arbeitet noch dazu gerade an einer neuen biologischen Waffe. Was würdest du an seiner Stelle tun?"
„Aber Raphael wollte doch eine Medizin entwickeln?", entgegnete Claire.
„Aber vielleicht hat Gabriel das Potential des R-Virus schon erkannt."
„Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann hat Gabriel also gegen seinen eigenen Neffen intrigiert?", fasste Claire das Gesagte zusammen. „Um an den R-Virus heranzukommen? Warum nimmt er ihn sich nicht einfach?"
„Warum sollte er das tun, wenn er doch die B.S.A.A. die Drecksarbeit machen lassen kann?", fragte Wesker vielsagend.
„Also jetzt bin ich ausgestiegen", meinte Claire und schüttelte den Kopf. „Du musst mir das noch mal erklären."
„Abgesehen von seinen Eltern hatte Raphael, so weit wir wissen, keine Familie mehr. Nur seinen Onkel Gabriel, zu dem er aber keinen Kontakt haben durfte, weil die Familie ihn verstoßen hatte. Ich denke, dass Derek vielleicht den Kontakt sogar bewusst unterbunden hat. Raphael und sein Vater haben sich zerstritten. Nach seinem Tod hatte Raphael keine Familie mehr. Es wäre nur verständlich, wenn er Kontakt zu seinem Onkel aufnimmt. Dieser wiederum hatte von Anfang an seine ganz eigenen Interessen. Er packte die Gelegenheit beim Schopf."
„Könnte es nicht sein, dass Raphael Gabriel bei der Entwicklung eines neuen Virusmedikaments um Hilfe gebeten hat?", mutmaßte Claire.
„Das würde ich nicht ausschließen, Claire", meinte Wesker. „Ich denke, die beiden haben auf jeden Fall Kontakt miteinander gehabt. Und Gabriel hat hinter Raphaels Rücken gegen ihn Intrigen gesponnen. Er hat Raphael das Wertvollste weggenommen."
„Amanda", sagte Claire, die allmählich begriff.
„Eines glaube ich, nämlich dass Raphael Amanda wirklich geliebt hat. Ihre Trennung hat ihn sehr schwer getroffen. Zu hören, dass sie ihn wegen eines anderen verlässt, muss ihm buchstäblich das Herz gebrochen haben", meinte Wesker.
„Du denkst, dass Gabriel ihm Amanda ausgespannt hat?", fragte Claire.
„Genau das denke ich. Gabriel wird kein ernsthaftes Interesse an Amanda haben, aber sie wird ihm hoffnungslos verfallen sein. Sie ist ihm hörig."
„Er gaukelt ihr die große Liebe vor, aber will in Wirklichkeit nur seinem Neffen schaden", sagte Claire nachdenklich. „Wann glaubst du, hat Raphael das herausgefunden?"
„Gute Frage, sicher nicht gleich, sondern viel später, als seine Arbeit am R-Virus schon weit fortgeschritten war, vermutlich nachdem er den Entschluss gefasst hat, eine biologische Waffe daraus zu machen. Als er erfahren hat, dass sein Onkel gegen ihn ist, da wird er durchgedreht sein, und genau da ist er Gabriel in die Falle getappt."
„Wieso?"
„Überlege mal, Claire, was ist die beste Methode, um Raphael, der eine biologische Waffe mit ungeahntem Vernichtungspotential entwickelt hat, ein für alle mal loszuwerden und dabei selbst im Hintergrund zu bleiben? Und dann hinterher seelenruhig die Früchte der Arbeit eines anderen einzusammeln?", fragte Wesker.
Claires Augen weiteten sich. „Natürlich! Er schickt Amanda zur B.S.A.A. und setzt uns und die Behörden auf Raphael an, um von sich selbst und Gabriel abzulenken! Sie haben uns auf eine falsche Fährte geführt."
„Ganz genau."
„Und Amanda spielt mit, weil sie ihm aus Liebe treu ergeben ist. Sie ist ihm verfallen und würde alles für ihn tun. Sogar den Mann zu verleumden und in Gefahr zu bringen, den sie einst geliebt hat."
„Sie ist nicht zur B.S.A.A. gekommen, weil sie so besorgt um die Zukunft der Menschheit ist, sondern weil sie Gabriel gefallen will. Wahrscheinlich würde sie alles für ihn tun."
„Und er nutzt sie schamlos aus, um seine Pläne zu verfolgen."
„Wenn die B.S.A.A. Raphael aufhält, dann hat Gabriel Simmons freie Bahn. Er kann sich zum Oberhaupt der Familie erklären und er wird sich Raphaels Arbeit unter den Nagel reißen. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. So schließt sich der Kreis."
„Das klingt sehr schlüssig", meinte Claire. „Nur, wie beweisen wir das?"
„Ich weiß es nicht", sagte Wesker. „Die einzige Möglichkeit die Wahrheit zu erfahren, ist, die Betroffenen zu fragen, aber solange wir keinen von ihnen dingfest machen können, sehe ich wenig Chancen meine Vermutungen zu bestätigen."
„Ich muss das Chris erzählen", sagte Claire aufgeregt. „Wenn du Recht hast, dann müssen wir Gabriel auch suchen."
„Ich habe meine Gedanken mit Piers geteilt", erklärte Wesker. „Er wird es Chris und den anderen mit Sicherheit erzählen."
„Mir wäre trotzdem wohler, wenn ich Chris anrufen könnte", sagte Claire. „Sie wissen nicht, wo ich bin und werden sich Sorgen machen. Und sie müssen erfahren, was wir wissen. Wie hast du das alles herausgefunden?"
„Nun, ich bin ein paar Mal verreist. Unter anderem war ich nochmal in dem Herrenhaus in Slowenien", erklärte Wesker. „Ich habe das Haus stundenlang durchsucht, habe alles gelesen, was ich finden konnte."
„War was Nützliches dabei?"
„In der Tat. Ich habe noch ein Tagebuch von Miranda Gallaghan gefunden, Raphaels Mutter. Sie beschreibt darin, wie sie sich mit ihrem Mann gestritten hat. Miranda wollte immer, dass Raphael Kontakt zu seinem Onkel hat. Derek hat das immer vehement verneint. Da wurde mir klar, dass Gabriel eine tragende Rolle in dieser Tragödie spielen muss. Anders passt das alles nicht zusammen."
„Dann müssen wir diesen Gabriel finden", meinte Claire. „Und ich fürchte, dass uns nur Raphael weiterhelfen kann. Du musst diese Schiffe finden, Albert. Ich werde versuchen, Chris zu erreichen."
„Claire, das ist noch nicht alles", sagte Wesker. „Ich habe die letzten Monate auch einige Forschungen angestellt. Ich wollte mir meine Kräfte zurückholen, aber im Laufe der Zeit habe ich noch ein anderes Projekt angefangen."
„Und an was arbeitest du?", wollte Claire wissen.
„Ich habe den R-Virus genau analysiert und kann sagen, dass ich kurz davor bin, ein Heilmittel zu entwickeln."
Hatte Claire sich verhört? Ihr Herz schlug plötzlich schneller. „Ist das dein Ernst? Funktioniert es?
„Ja und nein, Claire", sagte Wesker etwas zögerlich. „Ich habe draußen einen Feldversuch mit einem Infizierten durchgeführt. Das Mittel schlug an, er verwandelte sich zurück. Doch die Wirkung hielt nicht lange an. Irgendeine entscheidende Zutat fehlt noch."
„Aber es funktioniert", sagte Claire, die Feuer und Flamme war. „Wir finden die fehlende Zutat. Rebecca und Alex können dir helfen! Bitte, Albert, wir müssen zurück und den anderen davon erzählen!"
„Piers wird es ihnen inzwischen erzählt haben", meinte Wesker.
„Wir müssen mit Chris Kontakt aufnehmen!" Claire sprang auf und stürmte aus der Küche.
Wesker wollte noch etwas sagen, aber sie ließ sich nicht mehr aufhalten.
Ihr Plan stand. Wesker und Claire wollten mit Chris und den anderen Kontakt aufnehmen und sich dann auf den Weg zur Küste machen. Raphaels Schiffe trieben immer noch auf dem offenen Ozean. Sie wollten die Schiffe infiltrieren, um so viele Informationen über Raphael und seine Pläne zu sammeln wie möglich. Wesker erhoffte sich, Simmons' Sohn, mit dem er noch eine Rechnung zu begleichen hatte, endlich persönlich zu treffen. Sie hatten bereits ihre Ausrüstung zusammengestellt und waren bereit zum Aufbruch, als ihr Plan durcheinander gewürfelt wurde.
Einen Tag vor ihrer Abreise erreichte Wesker überraschend eine Nachricht von HUNK.
„HUNK, was kann ich für Sie tun?"
„Wesker, ich habe Ihnen schon eine Menge Gefallen getan, jetzt sind Sie mal dran. Wohnen Sie noch in dem Anwesen? Ist es dort immer noch sicher?"
„Ja. Was gibt es?"
„VECTOR und ich kommen vorbei. Bleiben Sie dort und warten Sie auf uns."
Wesker blieb keine Zeit zu Antworten, da war ihr Kontakt schon wieder abgerissen. Wesker blieb etwas irritiert zurück.
„Was ist los?", fragte Claire ihn.
„Claire, wir verschieben unseren Einsatz noch eine Weile", erklärte Wesker ihr.
„Wieso? Wir müssen jetzt los!", protestierte sie.
„Ich habe gerade eine Nachricht von … einem alten Bekannten bekommen. Er sagte, er brauche meine Hilfe."
„Wofür?"
„Das sagte er leider nicht", meinte Wesker. „Aber ich kenne ihn sehr gut. Wenn er Hilfe braucht, dann ist es ernst."
„Wer ist er?"
„Sein Name ist HUNK. Er arbeitete für den U.S.S."
Claire verdrehte die Augen. „Umbrella."
„Er wurde auf Rockfort Island ausgebildet. Seit 2003, seit dem Zusammenbruch Umbrellas, ist er international als Söldner tätig. Ich habe in der Vergangenheit desöfteren mit ihm zusammengearbeitet. Er ist der Beste der Besten. Über die Jahre hat ihm sein Können die Spitznamen Mr. Death und Sensenmann eingebracht, weil er immer als einziger überlebt hat. Er war es, der den G-Virus von William gestohlen hat. Er bringt noch einen Kollegen mit, einen Mann namens VECTOR, ebenfalls ein Söldner, den er persönlich ausgebildet hat. Diese beiden Männer haben außergewöhnliche Fähigkeiten, die uns vielleicht bei unserem Vorhaben weiterhelfen könnten. Deshalb würde ich gerne auf sie warten."
Claire war nicht begeistert, aber ihr blieb nichts anderes übrig, als Wesker zu vertrauen.
Der ominöse HUNK und sein Partner VECTOR erreichten das Anwesen zwei Tage später, doch sie waren nicht allein. Drei Frauen begleiteten sie.
HUNK und VECTOR trugen beide dunkelgraue Militäruniformen, die sie sofort als Soldaten einer Spezialeinheit identifizierten. Sie hatten ein ganzes Arsenal an Schusswaffen, Messern und Granaten dabei. HUNK hatte kurze, dunkelblonde Haare und einen dunklen Bartschatten. Auch durch die Uniform war deutlich zu erkennen, dass er einen muskulösen, gut trainierten Körper hatte. Claire schätzte ihn auf vielleicht 50 Jahre. VECTORs Gesicht konnte sie nicht sehen, weil es unter einem Helm mit Gasmaske und einer Kapuze verborgen war.
Eine der Frauen, die Claire auf Mitte bis Ende 40 schätzte, war klein und zierlich und hatte lange dunkelbraune Haare. Die beiden anderen Frauen waren ohne Zweifel ihre Töchter. Alle drei waren mit Taschen und Rucksäcken beladen. Sie waren verängstigt. In ihren Gesichtern stand die Anstrengung vergangener Tage.
„Wesker."
„HUNK. Ich ahne schon, um welchen Gefallen Sie mich bitten wollen." Wesker nickte in Richtung der drei Frauen.
„Wir mussten unsere Wohnung verlassen", erklärte der Mann namens HUNK. Er hatte eine tiefe, sanfte Stimme, die irgendwie nicht zu einem Mann seines Rufes passen wollte. „Wir sind zu VECTOR geflohen, aber die Monster haben die Quarantäne-Zone durchbrochen und die Infektion breitet sich aus."
„Verdammt", fluchte Wesker.
Claire fragte sich, wie viele Hiobsbotschaften sie noch ertragen konnte.
„Wir mussten VECTORs Haus verlassen. Wir wussten nicht, wohin wir sollten. Ich möchte nur, dass meine Familie in Sicherheit ist. Können Sie hier bleiben?"
Claire wechselte einen kurzen Blick mit Wesker und nickte. „Natürlich. Es ist genug Platz hier und Essen haben wir auch."
„Danke."
„Mum, ich hab die Frau schon mal im Fernsehen gesehen", sagte das jüngere der Mädchen.
„Matthew", sagte die älteste der drei Frauen. „Stellst du uns deine Freunde zumindest vor?"
„Natürlich", sagte HUNK.
„Albert Wesker", sagte Wesker.
„Claire Redfield", sagte Claire und schüttelte ihren Gästen die Hand.
„Ich wusste, dass ich Sie kenne!", verkündete das Mädchen.
„Das ist meine Frau Patricia, meine Töchter Kelly", HUNK deutete auf das ältere der Mädchen, „und Rebecca."
Claire lächelte. „Eine gute Freundin von mir heißt auch Rebecca."
„Die Claire Redfield?", fragte Patricia. „Sie haben doch mal für TerraSave gearbeitet. Wie man damals mit Ihnen umgegangen ist, war wirklich schäbig."
„Das habe ich selten von Fremden gehört", sagte Claire, die sofort Sympathie für Patricia hegte. „Vielen Dank. Sie hatten bestimmt eine anstrengende Reise, ich zeige Ihnen am besten mal die Zimmer oben."
„Gerne. Haben Sie vielen Dank. Wir haben unser Zuhause verloren und wussten nicht mehr, wohin wir sollten."
„Kein Problem."
Claire führte Patricia und ihre Töchter nach oben, während Wesker, HUNK und VECTOR in der Eingangshalle zurückblieben. Als seine Familie außer Hörweite war, ließ HUNK sich erschöpft auf der Treppe nieder und seufzte. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen.
„Ich wollte nicht, dass sie die Wahrheit über mich so erfahren", sagte er und zum ersten Mal war er nicht der kalte, abgebrühte Söldner, sondern ein Ehemann und Vater mit Familienproblemen.
„Was haben Sie erzählt?", fragte Wesker interessiert.
„Als die Monster kamen, musste ich etwas unternehmen. Ich konnte nicht mehr länger so tun, als wäre ich bloß ein leitender Angestellter bei einer Versicherung. Auf der Autofahrt hierher habe ich ihr die Wahrheit gesagt. Noch nicht alles, aber zumindest das Gröbste. Sie ist stinksauer. Und meine Töchter sehen mich an, als wäre ich von einem anderen Planeten."
„Geben Sie Ihr Zeit, HUNK. Das ist alles ein wenig viel für sie", sagte Wesker. „Sie muss erst mal begreifen, was passiert ist."
„Das habe ich auch gesagt", meinte Vector schulterzuckend. Seine Stimme war durch seinen Helm gedämpft.
„Ist interessant, mal Ihren richtigen Namen zu hören", bemerkte Wesker mit einem Grinsen. „Ich kenne Sie jetzt seit über zwanzig Jahren, aber wusste nie, wie Sie wirklich heißen."
„Wie sieht Ihr Plan aus, Wesker?", fragte HUNK, ohne auf Weskers Kommentar einzugehen.
Wesker überlegte einen Moment. „Das besprechen wir gleich mit Claire. Der Plan wird sich jetzt ein wenig ändern."
HUNKs Familie wartete oben, während sich die beiden Söldner, Wesker und Claire im Esszimmer einfanden, um die Lage zu besprechen.
„Ich habe vielleicht den Aufenthaltsort von Raphael Simmons, dem Verantwortlichen hinter den Anschlägen", erklärte Wesker. „Die Raketen mit dem Virus kamen von zwei Schiffen. Eines treibt im Atlantik, eines im Pazifik. Das im Atlantik können wir auf dem Luftweg in ein paar Stunden erreichen. Sind Sie dabei, HUNK, VECTOR?"
„Wenn wir dazu beitragen können, die Katastrophe einzudämmen, natürlich", sagte HUNK.
Auch VECTOR stimmte zu.
„Alles klar, dann richten wir uns zügig zusammen und brechen auf", sagte Wesker. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren."
„OK, ich sage schnell Ihrer Familie Bescheid und packe noch ein paar Sachen", sagte Claire und wollte schon hinauslaufen, als Wesker seine Hand sanft um ihren Oberarm legte und sie zurückhielt.
„Was ist los?"
„Claire, du wirst hierbleiben. Nur HUNK, VECTOR und ich werden gehen", sagte Wesker umsichtig.
„Was?! Wieso?!" Claire war außer sich.
„Du wirst hierbleiben und auf HUNKs Familie aufpassen", sagte Wesker ruhig. „Waffen sind genug da, ihr solltet euch ohne Probleme verteidigen können."
„Ich möchte mitkommen! Ich will dich nicht allein gehen lassen!"
„Claire", mahnte Wesker, diesmal in härterem Ton. „Du beschützt HUNKs Familie."
„Spielst du jetzt neuerdings den Kavalier oder entlarvst du dich gerade als Macho?", fragte Claire angriffslustig und stemmte die Hände in die Hüften.
Wesker lächelte, etwas, das er selten tat. „Claire, ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten. Du hast einfach eine andere wichtige Aufgabe."
„Ich soll HUNKs Frau und seine Töchter beschützen?" Claire war enttäuscht.
„Mir wäre wohler, wenn jemand bei ihnen bleiben würde, der Erfahrung mit Infizierten hat", sagte HUNK. „Der weiß, was in so einer Lage zu tun ist."
„Sie sind sehr verängstigt und müssen gerade einige Dinge wegstecken. Sie scheinen einen ganz guten Draht zu dir zu haben. Du sollst sie nicht nur vor den Monster da draußen beschützen, sondern auch eine psychologische Stütze sein", erklärte Wesker sanft. „Außerdem brauche ich dich hier. Ich brauche jemanden, der als Verbindungsmann zwischen uns und der B.S.A.A. fungiert."
Claire horchte auf. „Moment mal, was meinst du?"
„HUNK, VECTOR und ich werden uns das Schiff im Atlantik vornehmen, weil es von uns aus näher liegt. Wir haben eine 50-50-Chance dort Raphael zu treffen. Wir werden zu dritt tun, was wir tun können. Du nimmst mit deinem Bruder Kontakt auf und erzählst ihn, was wir vorhaben. Dann gibst du ihm die Koordinaten des anderen Schiffes."
„Sollen Sie das andere Schiff parallel durchsuchen?"
„Nein, das werden wir dann gemeinsam machen. Sie sollen sich für den Einsatz vorbereiten."
„Warum geht ihr nicht gleich gemeinsam?"
„Weil sie mindestens ein paar Tage brauchen werden, um sich vorzubereiten und die Zeit haben wir nicht mehr", sagte Wesker. „Ich habe die letzten zwei Tage, während wir auf HUNK gewartet haben, die Route des Schiffes verfolgt. Es bewegt sich weiter Richtung Süden, wenn auch langsam. Womöglich plant Raphael schon den nächsten Anschlag mit Raketen. Wir müssen jetzt handeln. Es bleibt keine Zeit, noch auf Chris und die anderen zu warten. Sie sollen sich auf den Einsatz im Pazifik vorbereiten. Sobald wir zurück sind, schlagen wir bei dem anderen Schiff gemeinsam zu."
Claire seufzte. „Also schön, auch wenn ich den Plan nicht gut finde, ich vertraue euch. Wann fahrt ihr?"
„Jetzt sofort", sagte Wesker. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren."
„Soll ich Chris auch von dem Heilmittel erzählen?"
„Nein, erst mal nicht. Piers wird das schon gemacht haben. Wir sehen uns. Ich vertrau dir, Claire."
„Ein Heilmittel? Sie haben ein Heilmittel, Wesker?", wollte HUNK interessiert wissen.
„Noch ist es nicht fertig", erklärte Wesker. „Ich habe die Hoffnung, dass wir auf dem Schiff vielleicht ein paar nützliche Informationen finden."
Claire rang mit sich. Sie war nicht begeistert von der Aussicht, ihn allein losziehen lassen zu müssen. Zum Abschied fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn stürmisch. „Bitte, pass auf dich auf, Albert. Ich will dich nicht verlieren."
„Keine Sorge, ich komme zurück. Und denk daran, du hast eine wichtige Aufgabe, Claire. Wir müssen uns auf dich verlassen können."
Claire wechselte einen Blick mit HUNK. „OK. Ich werde Ihre Familie beschützen und mit Chris sprechen."
Die drei Männer zogen sich an und überprüften ein letztes Mal die Ausrüstung für ihren Einsatz. Patricia und ihre beiden Töchter kamen zögerlich in die Eingangshalle.
„Du gehst fort, nicht wahr, Matt?"
„Ja. Ich werde versuchen, eine Lösung für die Probleme da draußen zu finden", sagte HUNK. „Keine Sorge, ich werde zurückkommen. Man nennt mich nicht umsonst Mr. Death." Er zog seine Gasmaske über. „Der Tod kann nicht sterben."
„Pass auf dich auf." Die Frau hatte Tränen in den Augen.
„Das werde ich." Er nahm eine Pistole und drei volle Magazine und übergab sie an Kelly, seine ältere Tochter. „Nimm die. Du weißt, wie man damit umgeht. Wenn du Monster siehst, dann möchte ich, dass du sie benutzt."
„Dad …"
„Und denk daran, immer auf den Kopf zielen, nicht den Körper. Versprich es mir."
Kelly nickte. „Werde ich machen, Dad. Bitte komm zurück, ja?"
„Seid vorsichtig, alle drei. Ihr wisst nicht, was da draußen lauert", ermahnte Claire sie.
„Wir werden bald zurück sein", sagte Wesker. „Vertrau uns."
