Einige Tage später saß ein Großteil des Kollegiums im Lehrerzimmer zusammen, um die ersten vergangenen Schulwochen zu feiern und sich darüber auszutauschen. Wie immer wurden viele interessante und lustige Geschichten zusammengetragen und auch Remus Lupins denkwürdige erste Stunde mit den Drittklässlern von Gryffindor war wieder Thema. Irgendwie konnte niemand genug davon bekommen.

„Ganz ehrlich", meinte Minerva und nippte an einer Tasse Tee mit Schuss, „nach der Aktion mit Longbottoms Kröte braucht Severus sich nicht wundern, wenn der Junge Angst vor ihm hat. Er ist ja auch sonst kein Heiliger."

„So große Angst, dass er sein Irrwicht ist, ist allerdings schon etwas bedenklich", warf Filius ein.

„Ach, nach dieser Spitzenleistung glaube ich, dass er da rauswachsen wird", sagte Remus überzeugt.

Keiner von ihnen war sich Severus gewahr, der etwas abseits saß, dennoch aber jedes Wort mitbekam, während sie weiter darüber diskutierten, ob es schädlich für einen Schüler war, sich vor seinem Lehrer zu fürchten.

„Remus, du hast uns aber die Details bisher vorenthalten", grinste Rolanda den Verteidigungsprofessor an. „Wie wär's, jetzt ist eine gute Zeit…"

Lupin lächelte spitzbübisch und stellte seinen Tee ab. „Wenn ihr alle so scharf darauf seid… Also, das war so…"

Arian lauschte zusammen mit den anderen Lupins Ausführungen. Diese Unterrichtsstunde musste wirklich zum Schreien gewesen sein und sie lachten alle ebenso herzlich wie die Schüler, die dabei gewesen waren.

„… und um sein Selbstvertrauen zu stärken – der Junge hat Potential, er traut sich nur nicht! – hab' ich Neville zum Schluss noch einmal rangelassen. Das hat den Irrwicht dann endgültig erledigt."

„Da wäre ich nur zu gern dabei gewesen!" Minerva lachte Tränen. „Das muss ich Augusta schreiben, wirklich etwas, wo sie auf ihren Enkel stolz sein kann!"

Arian schüttelte nur lächelnd den Kopf und drehte sich in Richtung Kamin, um zu sehen, wie Severus reagiert hatte. Doch er war nicht mehr da, wo sie ihn zuvor noch sitzen gesehen hatte. Sie runzelte die Stirn und ein ungutes Gefühl machte sich in ihrem Bauch breit. Zwar hatten sie aus gutem Grund seit ihrem Streit nicht mehr miteinander gesprochen und Arian hatte die Zeit kurzerhand genutzt, um Remus besser kennenzulernen, was ihr aufgrund von Severus' ablehnender Haltung ja zuvor nicht möglich gewesen war, doch jetzt beschlich sie das Gefühl, dass die Sache mit dem Irrwicht Severus eventuell mehr getroffen hatte, als sie angenommen hatte… und sie sich mal wieder mittenhinein manövriert hatte… Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt. Sie musste etwas unternehmen, und das schnell. Wo konnte er hin sein? Sie hatte da so eine Idee, die sich mithilfe eines schnellen Zauberspruchs sicher auch bestätigen ließe… Unauffällig verließ sie das Lehrerzimmer und machte sich auf den Weg.

Sie fand ihn schließlich genau dort, wo sie ihn vermutet hatte: oben auf dem Astronomieturm. Er stand mit verschränkten Armen an der Brüstung und blickte mit unlesbarer Miene über die vom Mond beschienene Landschaft hinweg, doch als er ihre Schritte hörte, drehte er sich abrupt um.

„Severus?"

„Was willst du hier? Solltest du nicht auf einer Party sein und ganz ekelhaft viel Spaß auf Kosten anderer haben?"

Unsicher blieb sie vor ihm stehen. Es war genauso, wie sie befürchtet hatte. „Nein, ich hatte keine Lust mehr, nachdem was Remus…"

Severus schnaubte etwas nahezu Unverständliches, das den Namen des Kollegen beinhaltete.

„Das war nicht richtig von ihm, und glaub mir, ich bin mir dessen bewusst."

„Ach ja? Dafür habt ihr euch alle aber sehr darüber amüsiert. Remus und du und all die anderen…"

„Ja, ich weiß… Das tut mir auch leid…"

„Verarschen kann ich mich selbst. Jetzt geh schon zurück zu deinen Freunden und erspar uns beiden diese jämmerliche Mitleidstour!" Damit wandte Severus sich wieder von ihr ab und starrte auf die stille, schwarze Oberfläche des Sees hinunter.

Irgendwie dämmerte Arian plötzlich, dass hier noch etwas ganz anderes im Argen lag. Severus konnte Remus aus irgendeinem Grund auf den Tod nicht ausstehen und sie, die seit dem letzten Jahr vermutlich zu einer der wenigen Personen geworden war, deren Gesellschaft er akzeptierte und manchmal vielleicht sogar mochte, hatte ihn ignoriert und sich stattdessen mit dem „Feind" abgegeben…

„Severus…"

Keine Reaktion.

Sie atmete tief durch, trat direkt neben ihn und berührte ihn vorsichtig am Oberarm. Wie erwartet, zuckte er heftig zurück, doch zumindest hatte sie nun seine Aufmerksamkeit. „Severus, ich kann doch da nicht rumsitzen und so tun, als ob ich Spaß hätte, wenn ich genau weiß, wie falsch das ist und dass es dir weh tut, das zu hören – nein, lass mich ausreden!", fuhr sie ihm dazwischen, als er sie unterbrechen wollte. „Du bist auch mein Freund. Und eigentlich, dachte ich, weißt du, dass ich viel lieber Zeit mit dir verbringe als mit Remus…"

Severus' Gesichtsausdruck hatte sich schlagartig und sehr offensichtlich von wütend in ungläubig gewandelt. Er sah aus, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. So viel wechselnde Emotionen bei ihm zu sehen, war ungewohnt.

Unsicher, was sie jetzt noch tun konnte, meinte Arian schließlich: „Naja, so ist es jedenfalls… Ich geh' dann mal ins Bett…" Sie blickte in seine nachtschwarzen Augen, versuchte dort irgendeine Regung auszumachen… Nichts… Das konnte doch nicht sein… „Glaub mir bitte…" Und ehe sie wirklich wusste, was sie da genau tat, berührten ihre Lippen seine Wange und ihre Hand glitt kurz durch die Spitzen seiner rabenschwarzen Haare und über den kühlen Stoff seiner Robe. Die Röte schoss ihr ins Gesicht, sie machte auf dem Absatz kehrt und lief eilig in Richtung ihrer Räume davon.

Severus blieb wie vom Donner gerührt zurück.

Wie auf Autopilot zog Arian sich um und krabbelte ins Bett. Dort lag sie in der Stille der schottischen Nacht und starrte mit weiten Augen und hellwach an die dunkle Decke.

‚Ich hab' Severus geküsst', ging es ihr wieder und wieder durch den Kopf. ‚Nur auf die Wange, aber Kuss ist Kuss, oder? Ich hab' Severus geküsst. Ich hab' Severus geküsst. Warum hab' ich Severus geküsst? Was denkt er jetzt von mir? Was wollte ich damit eigentlich bezwecken? Oh Merlin, ich hab' Severus geküsst…'

Severus schaffte es erst gar nicht in sein Bett. Er blieb in seinem Sessel vor dem Kamin mit einer Flasche Feuerwhisky hängen, doch seine Gedanken kreisten ähnlich. Er hatte ihr nicht geglaubt, als sie beteuert hatte, wie gern sie ihn mochte, denn mal ehrlich, wer mochte ihn schon, wenn er demjenigen nicht nützlich war? Doch dann hatte sie ihn geküsst. Ihn hatte noch nie jemand geküsst, höchstens vielleicht seine Mutter, als er noch ganz klein gewesen war, aber das war etwas Anderes, so viel wusste er. Das tat man doch nicht einfach so… Gut, es war auch nur ein ganz kleiner Kuss gewesen und auch nur auf die Wange, nicht so, wie er es nur allzu oft bei regelbrechenden Schülern beobachtete, aber es war trotzdem mehr als je zuvor. Was hatte das zu bedeuten? Was hatte sie vor? Plante sie etwas und wollte ihn um den Finger wickeln? Hatte sie bei der Party zu viel getrunken und sich nicht mehr unter Kontrolle gehabt? Oder war das Ganze ein perfides Spiel, eine neue Demütigung? Nach der Sache mit dem Irrwicht wäre das gewissen Kollegen durchaus zuzutrauen. Ja, das war am wahrscheinlichsten…

Severus seufzte und schloss die Augen. Aus irgendeinem Grund tat dieser Gedanke mehr weh, als er sich eingestehen wollte.

OoOoO

Am nächsten Morgen, einem Samstag, erschien Severus nicht zum Frühstück. Arian hatte die ganze Nacht wachgelegen und allen Mut zusammennehmen müssen, um hinunter in die Große Halle zu gehen, doch als sie ihn nicht sah, war sie regelrecht enttäuscht. Sie musste mit ihm reden, schließlich hatte sie ihn gestern ziemlich überrumpelt... Also stand sie wenig später vor der Tür zu seinem Büro und klopfte mit beklommenem Gefühl an.

„Herein!"

Leise schloss sie die Tür hinter sich und trat an seinen Schreibtisch heran. „Severus… Ich glaube, wir sollten reden…"

Er sagte kein Wort, sah sie nur kühl an.

Arian blickte nervös zu Boden. „Gestern Nacht… Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Ich wollte nicht…"

Severus hob eine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Sein Blick hätte mittlerweile Alkohol gefrieren lassen können. „Ich glaube, weitere lächerliche Erklärungsversuche deinerseits sind nicht notwendig. Ich hätte dich allerdings für intelligenter gehalten. Dass du ernsthaft glaubst, ich würde auf so einen miesen Trick hereinfallen und mich noch weiter vorführen lassen. Ich weiß sehr genau, dass ich kein liebenswerter Mensch bin, das muss mir niemand mehr beibringen. Und jetzt verschwinde aus meinem Büro!"

Arian blieb vor Schreck fast die Spucke weg. „A-Aber Severus, so hab' ich das doch gar nicht gemeint!"

„Ach nein?!" Seine Stimme war so eisig und gefährlich wie seine Blicke. „Zu schade, dass ich dir das leider nicht glaube!"

„Das tut mir leid! Wirklich, ich will dich nicht vorführen, ich dachte nur, ich hab' dich vielleicht etwas überrumpelt und…"

„Erzähl deine billigen Ausreden jemandem, den sie interessieren!", fauchte Severus. „Ich habe genug von dir, hau ab!"

Verletzt machte Arian auf dem Absatz kehrt und hastete zur Tür hinaus, die hinter ihr laut ins Schloss fiel. Nur mühsam konnte sie die Tränen zurückhalten. Warum war alles so kompliziert und unfair? Warum glaubte er ihr nur nicht?

Es war nicht leicht für sie, ihre Enttäuschung und Verzweiflung vor den anderen zu verbergen. Immerhin musste sie nicht erklären, warum Severus und sie einander ignorierten, da das immer noch alle auf ihren Streit bezüglich der Kröte zurückführten. Doch je mehr Arian darüber nachdachte, desto öfter fragte sie sich, was sie da auf dem Astronomieturm wirklich gemacht hatte. War es aus Mitleid gewesen, wie Severus so felsenfest überzeugt war? Oder hatte es einen anderen Grund gehabt? Hätte sie das nicht aber früher bemerkt? Sonst hatte sie immer sofort gemerkt, wenn sie einen Mann gut fand… Und wenn sie an Severus dachte… Es tat weh, dass er ihr nicht geglaubt hatte, und sie vermisste es auch, sich mit ihm zu unterhalten, und…

Sie schüttelte energisch den Kopf. Das hatte doch keinen Sinn, er wollte sowieso nichts mehr mit ihr zu tun haben, wieso also sich solche Gedanken machen?

Glücklicherweise konnte sie sich bald wieder auf ein Frauenkränzchen freuen. Dort beschlossen sie einstimmig, Charity Burbage in ihre elitäre Gruppe aufzunehmen. Arian selbst hatte bei ein paar Gesprächen mit der neuen Muggelkundelehrerin nur Positives mitbekommen. Charity war ein Halbblut und wie Arian in engem Kontakt mit Muggeln aufgewachsen. Sie sprach sich für gute Beziehungen der magischen und nicht-magischen Bevölkerungsgruppen zueinander aus und versuchte diese Überzeugung auch ihren Schülern zu vermitteln. Beide waren sie der Meinung, dass von einer Zusammenarbeit nur Gutes kommen konnte.

OoOoO

Das erste Hogsmeade-Wochenende des Jahres fand an Halloween statt und Severus war mehr als froh, an diesem Tag nicht auch noch Aufsicht schieben zu müssen, besonders da Arian eingeteilt war und er zudem den Wolfsbanntrank für Lupin brauen musste.

Als er den Trank in Lupins Büro ablieferte, traf er den Kollegen dort ausgerechnet in Gesellschaft von Potter an, der anscheinend nicht nach Hogsmeade durfte. Besser so, mit Black auf der Flucht und angeblich vor kurzem in der Nähe gesichtet. Hoffentlich vergaß Lupin den Trank nicht. Severus würde ihn genau im Auge behalten und das nicht nur, weil der Mann ein Werwolf war… Wehe er verschwendete seine Talente hier an einen kriminellen Nichtsnutz, wie er glaubte, dass Lupin war…

Ausnahmsweise war Severus an diesem Halloween-Abend von seinen gewöhnlichen düsteren Gedanken abgelenkt, denn Lupin war sein einziger Fokus. Die riesigen, flackernden Kürbisse, Fledermausschwärme und orangefarbenen Girlanden nahm er gar nicht richtig wahr, ebenso wenig das wunderbare Essen oder die anschließende Vorführung der Geister von Hogwarts, die allseits gut ankam.

Die Schüler waren bereits alle auf dem Weg zurück in ihre Häuser und nur die Professoren schwatzten noch ein wenig, als ein Gryffindor erneut in die Halle platzte: „Professor Dumbledore, Sir! Wir kommen nicht in unseren Gemeinschaftsraum. Percy Weasley hat mich gebeten, Sie zu holen, es klang dringend…"

Sofort unterbrach Dumbledore seinen zweiten Nachtisch und eilte davon in Richtung Gryffindor-Turm, Severus, Minerva und Lupin dicht hinter ihm. Was sie vorfanden, machte sie sprachlos: Die Fette Dame, die den Eingang zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors bewachte, war aus ihrem Porträt verschwunden. Das Bild war zerschlitzt und zerfetzt worden; Leinwandstücke lagen am Boden verteilt.

„Wir müssen sie finden", stellte Dumbledore mit Dringlichkeit in der Stimme fest. „Professor McGonagall, bitte beauftragen Sie Mr Filch damit, jedes Gemälde im Schloss nach ihr abzusuchen."

„Viel Glück!", kicherte da Peeves über ihren Köpfen.

„Was meinst du damit, Peeves?"

„Oh, Herr Schulleitermeister, sie schämt sich, versteckt sich… Will von niemandem gesehen werden…"

„Hat sie gesagt, wer das war?"

„Oh ja, Oberprofessor! Er wurde sehr wütend, als sie ihn nicht hineinlassen wollte. Hat ganz schön Temperament, dieser Sirius Black!"

Ein erschrockenes Raunen ging durch die Schülermenge. Severus wurde eiskalt. Black, hier im Schloss? Das musste ein schlechter Scherz sein, oder? Oh, wenn er den in die Finger bekam…

„Gryffindors, kehrt bitte umgehend in die Große Halle zurück", wies Dumbledore an. „Severus, bitte bring deine Schüler ebenfalls dorthin. Minerva, sag Pomona und Filius Bescheid, sie sollen dasselbe tun."

Kaum waren alle Schüler nervös und tuschelnd erneut in der Großen Halle versammelt, zauberte Dumledore ihnen allen Schlafsäcke herbei, stellte die Vertrauensschüler und Geister als Aufpasser ab und teilte die Lehrer für Kontrollgänge ein.

Severus war ruhelos. Je früher sie Black fassten, desto besser, und er würde definitiv nicht vor etwas Gewalt zurückschrecken, nicht in diesem Fall. Und wie es aussah, besann sich auch Arian auf ihre Spezialität, denn sie stand mit grimmig-entschlossenem Gesichtsausdruck da, drehte ihren Zauberstab in ihren Händen und murmelte Dinge in einer ihm unverständlichen Sprache.

Einmal pro Stunde kontrollierte einer der Professoren die Große Halle, doch es war alles ruhig.

Gegen drei Uhr kehrte Severus in die Halle zurück, nachdem er den kompletten dritten Stock abgesucht hatte – erfolglos. Auch in den Kerkern, der Eulerei, im Astronomieturm und im Nordturm war definitiv keine Spur von Black. Er musste noch einmal mit Albus reden. Wenn nur Percy Weasley nicht so nah stünde und zuhören würde… Alter Wichtigtuer, nahm sein Schülersprecher-Amt viel zu ernst…

„Schulleiter, haben Sie schon eine Idee, wie Black hereingekommen sein könnte?", fragte Severus leise.

„Viele, Severus, und eine ist unwahrscheinlicher als die andere."

Severus ärgerte sich maßlos, dass er dieses Thema in diesem Umfeld erneut anschneiden musste: „Sie erinnern sich an unser Gespräch vor Beginn des Schuljahres?"

„Das tue ich, Severus", meinte Dumbledore mit einer Spur von Nachdruck.

„Es scheint quasi unmöglich, dass Black ohne Hilfe von innerhalb der Schule hier hereinkam. Ich habe meine Bedenken geäußert bezüglich…"

„Ich bin der festen Überzeugung, dass niemand hier Black geholfen hat", unterbrach ihn Dumbldedore in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Ich muss jetzt die Dementoren informieren, dass wir unsere Suche beendet haben."

Severus blickte ihm wütend und hilflos hinterher, dann verließ auch er die Halle und ging in seine Räume, wo er sich einen großen Whisky eingoss, den er sogleich auf ex hinunterkippte. Warum konnte der alte Mann nicht einmal auf ihn hören?

Am nächsten Morgen berieten sich die Lehrer, was sie in Sachen Harry Potter tun sollten, nachdem sich die Lage nun noch verschärft hatte. Sie einigten sich schlussendlich darauf, den jungen Gryffindor nicht mehr aus den Augen zu lassen, auch wenn es bedeutete, dass sie ständig Ausreden erfinden mussten, warum sie ihn auf den Gängen begleiteten. Severus hielt sich dankbar raus.

Gegen frühen Abend verkündete Minerva noch, dass sie Potter über Blacks Ziel – ihn – aufgeklärt hatte. Der hatte es allerdings bereits gewusst, typisch. Rolanda erklärte sich auf Minervas Bitte hin außerdem bereit, die Quidditch-Trainings der Gryffindors zu beaufsichtigen – für alle Fälle.

Als sich Severus schließlich in sein Büro zurückziehen wollte, wartete dort schon Marcus Flint vor der Tür auf ihn. Ergeben stellte Severus sich auf eine weitere Quidditch-Diskussion ein.

„Mr Flint, wie kann ich Ihnen helfen?" Er öffnete die Tür zu seinem Büro und winkte den jungen Mann herein.

„Sir, ich wollte Sie um Erlaubnis bitten, unser erstes Quidditchmatch der Saison zu verschieben. Malfoy hat leider immer noch Probleme mit seinem Arm und wir möchten ungern mit einem unfitten Sucher spielen."

Innerlich verdrehte Severus die Augen. Das Team seines Hauses hatte wohl viel eher Angst, bei dem aktuellen Sauwetter klatschnass vom Besen geblasen zu werden. Malfoy ging es prächtig.

„Ich habe schon bei Diggory angefragt", fuhr Flint fort, „Hufflepuff würde auch jetzt schon gegen Gryffindor spielen."

‚Und Ravenclaw notfalls sicher auch', dachte sich Severus. ‚Durchgeplant wie von einem echten Slytherin.'

„Nun, Mr Flint, wenn das so ist, sehe ich kein Problem. Aber sagen Sie Wood morgen Bescheid, sonst lyncht mich Professor McGonagall, weil ihre lieben Löwenkinder keine Vorwarnung hatten."

Flint grinste schief. „Klar. Vielen Dank, Sir."

„Keine Ursache."

Es waren nur noch zwei Tage bis zu besagtem Spiel. Minerva würde ihm so oder so an den Kragen gehen.

Zu allem Überfluss erschienen plötzlich smaragdgrüne Flammen in Severus' Kamin und darin… Diesmal stöhnte er hörbar auf. „Was ist, Lupin?"

„Severus, darf ich Sie um einen Gefallen bitten?", fragte Lupin in einem Ton, der wohl liebenswürdig klingen sollte. „Würden Sie eventuell morgen meinen Unterricht übernehmen? Nach dem Vollmond bin ich meist nicht zu allzu viel zu gebrauchen."

Severus blickte geringschätzig auf Lupin hinab. „Nun, wenn es unbedingt sein muss. Ich hoffe, der Schulleiter ist darüber informiert?"

„Natürlich, ich habe alles schon mit Albus besprochen. Vielen Dank. Und eine gute Nacht."

Severus zog nur eine Augenbraue hoch und wandte sich ab. Elender Werwolf! Jetzt musste er auch noch spontan für Verteidigung gegen die Dunklen Künste vorbereiten, nur weil dieser flohzerbissene Idiot vergessen hatte, sich rechtzeitig eine Post-Vollmondvertretung zu suchen! Obwohl… Vielleicht musste er auch gar nicht viel vorbereiten… Ein kleiner Denkanstoß hatte schließlich noch niemandem geschadet…

Er beschloss, an diesem Abend keine Schüleraufsätze mehr zu korrigieren und stattdessen früh ins Bett zu gehen. Doch sobald er im Bett lag, tat er kein Auge zu. In dieser Nacht war der erste Vollmond, seit Lupin zurück in Hogwarts war. Er würde sich quasi in unmittelbarer Nähe in ein grausames, blutrünstiges Monster verwandeln.

‚Falsch!', schalt sich Severus. ‚Lediglich in einen zahmen Wolf. Du hast den Trank selbst gebraut!'

„Was alles nicht hilft, wenn er ihn nicht jedes Mal getrunken hat", murmelte er gen Decke.

Seufzend drehte Severus sich auf die Seite und starrte in die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Er hatte das seltsame, unerklärliche und ziemlich unbekannte Gefühl, dass er jetzt ausnahmsweise lieber zumindest in der Nähe seiner Kollegen wäre. Hauptsache… Hauptsache nicht ganz alleine… Selbst mit Arian hätte er jetzt vorliebgenommen, er müsste ja nicht unbedingt mit ihr reden, auch wenn sie sicher wieder versuchen würde ihn davon zu überzeugen, dass sie ja überhaupt keine bösen Hintergedanken gehabt hatte, als sie ihn… als sie ihn geküsst hatte…

Severus rieb über die Stelle an seiner Wange, auf der er noch immer ihre Lippen spüren konnte. Verdammt, was wollte sie von ihm? Irgendetwas musste sie doch wollen? Warum ignorierte sie ihn, anstatt ihre Forderung zu stellen? Keine Frau würde eine so abstoßende Person wie Severus Snape je küssen, wahrscheinlich nicht mal die Huren in der Nokturngasse für viel Geld. Selbst Lily, als sie noch Kinder waren, hatte das nie gemacht, so in aller Freundschaft...

Stöhnend vergrub er sein Gesicht in seinem Kopfkissen. Nicht auch noch über Lily nachdenken… War es nicht schon schlimm genug, dass ihr Quasi-Mörder da draußen frei herumlief?

Eine von Severus' Vertretungsstunden am nächsten Tag waren die Drittklässler von Gryffindor. Perfekt für seine kleine Lernen-plus-Rache-Aktion. Er hatte bereits mit der Stunde begonnen, als Potter zehn Minuten zu spät in den Klassenraum gestolpert kam. Das gab ihm gleich die Gelegenheit für einen wunderbar passenden Abzug von zehn Hauspunkten. Doch selbstverständlich blieb es nicht bei bloßem Zuspätkommen.

„Wo ist Professor Lupin?", verlangte Potter zu wissen, noch immer mitten im Raum stehend.

„Er fühlt sich zu krank, um zu unterrichten. Hatte ich nicht gesagt, du sollst dich setzen?"

Der Junge hörte einfach nicht auf ihn. „Was fehlt ihm denn?"

„Nichts Lebensbedrohliches", stellte Severus grimmig klar. Zumindest nicht für ihn selbst. „Fünf Punkte Abzug von Gryffindor, und wenn ich dich noch einmal auffordern muss, dich zu setzen, werden es 50 sein."

Endlich ging der Bengel zu seinem Platz, wenn auch beinahe so langsam wie ein Streeler.

„Wie ich bereits sagte, bevor Potter mich unterbrochen hat: Professor Lupin hat keine Aufzeichnungen darüber hinterlassen, welche Themen er schon behandelt hat…"

„Bitte, Sir, wir haben schon Irrwichte, Rotkappen, Kappas und Grindelohe besprochen", unterbrach ihn diesmal Granger. „Als nächstes wollten wir…"

„Sei still!", fuhr Severus sie an. „Ich habe nicht um Informationen gebeten. Ich habe mich lediglich zu Professor Lupins mangelnder Organisiertheit geäußert."

„Er ist der beste Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, den wir je hatten", verteidigte Dean Thomas seinen Lehrer trotzig und die Klasse murmelte eindeutig etwas, das nach Zustimmung klang.

So langsam riss Severus der Geduldsfaden. „Ihr seid leicht zufriedenzustellen. Lupin überfordert euch wirklich nicht – ich würde von Erstklässlern erwarten, dass sie mit Rotkappen und Grindelohen fertigwerden. Heute sprechen wir über… Werwölfe."

„Aber Sir", rief Granger dazwischen, „Werwölfe sind noch gar nicht an der Reihe, wir sollten als nächstes Hinkepanks besprechen…"

„Miss Granger", sprach Severus mit gefährlich ruhiger Stimme, „ich hatte den Eindruck, dies sei meine Stunde, nicht deine. Und ich sage, ihr schlagt euer Buch auf Seite 394 auf. Alle. Jetzt!" Oh, wie er Gryffindors hasste! Aufmüpfiges Pack! „Wer von euch kann mir sagen, wie man einen Werwolf von einem echten Wolf unterscheidet?" Nur Granger meldete sich. Niemals würde er diesen Nervzwerg freiwillig aufrufen! „Irgendjemand?" Er lächelte gemein. „Wollt ihr mir etwa damit sagen, dass euch Professor Lupin nicht einmal grundlegend beigebracht hat, wie man zwischen…"

„Wir haben Ihnen doch gesagt, dass wir noch nicht bei Werwölfen sind!", beschwerte sich Parvati Patil. „Wir sind noch bei…"

Ruhe!", fauchte Severus. „So, so… Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal auf eine dritte Klasse treffen würde, die einen Werwolf nicht einmal erkennt, wenn sie ihn sieht. Ich werde Professor Dumbledore darüber unterrichten, wie weit ihr hinterher seid…"

„Bitte, Sir", bettelte Granger, „der Werwolf unterscheidet sich in mehreren kleinen Dingen vom echten Wolf. Die Schnauze des Werwolfs…"

„Das ist das zweite Mal, dass du unaufgefordert gesprochen hast, Miss Granger. Fünf weitere Punkte Abzug, weil du eine unerträgliche Besserwisserin bist."

Das Mädchen ließ die Hand sinken, lief knallrot an und Tränen schossen ihr in die Augen, doch zumindest war sie endlich still. Wenn Arian das erfuhr, würde sie ihn bestimmt wieder auseinandernehmen. Die Schüler jedenfalls starrten ihn allesamt hasserfüllt an. Und warum dachte er jetzt ausgerechnet an seine Kollegin, die ihm eh nichts Gutes wollte?

Genau diesen Moment suchte Ronald Weasley sich aus, um die Grenze endgültig zu überschreiten: „Sie haben uns eine Frage gestellt und sie weiß die Antwort. Warum fragen Sie, wenn Sie es nicht hören wollen?"

Bedrohlich langsam ging Severus auf den Jungen zu und beugte sich zu ihm hinunter, bis Sie beinahe Auge in Auge waren. „Strafarbeit, Weasley", meinte er mit seidiger Stimme. „Und wenn ich noch einmal höre, dass du meinen Unterrichtsstil kritisierst, wird es dir sehr leidtun."

Den Rest der Stunde über war die Klasse mucksmäuschenstill, egal wie sehr Severus Lupins Unterricht weiterhin schlecht machte und die Arbeit der Schüler kleinredete. Am Ende der Stunde gab er ihnen noch eine dringend benötigte Hausaufgabe auf: über das Wochenende zwei Rollen Pergament darüber, wie man Werwölfe erkannte und tötete. Und für Weasley hatte er auch noch etwas Schönes in petto…

Weasley war gerade zur Tür hinaus, als er sich schon lautstark bei seinen Freunden beklagte: „Wisst ihr, was dieser fetthaarige Bastard mich machen lässt?! Ich muss die Bettpfannen im Krankenflügel ausschrubben! Ohne zu zaubern! Warum hat sich Black nicht in Snapes Büro versteckt? Er hätte ihn für uns erledigen können!"

Severus, der das alles mitgehört hatte, wurde bei dieser Aussage augenblicklich eiskalt. Wenn Weasley wüsste, dass er einige Jahre früher seinen Wunsch einmal beinahe bekommen hätte…

Doch seine kurzzeitige Furcht verwandelte sich nur wenig später in Wut und er schlug mit beiden Fäusten fest auf das Lehrerpult ein. Was war nur los, verlor er nun die Kontrolle, dass er sich so von einem gemeinen Schülerkommentar aus der Bahn werfen ließ, obwohl er Beleidigungen und Todeswünsche seit Jahren zu hören bekam? Oder verlor er gar seinen Verstand? Oder beides?