„Bist du dir sicher, dass sie kommt?"
Genervt rollte Harry mit den Augen: „Sie hat uns eingeladen, falls du dich erinnerst. Natürlich kommt sie."
Ginny schaute ihren Bruder über den Tisch hinweg streng an: „War Hermine jemals unzuverlässig?"
Abwehrend hob Ron beide Hände: „Das meine ich doch. Sie ist nie zu spät für irgendetwas."
„Vielleicht dauert ihr Makeup länger?", warf Lavender ein, während sie gelangweilt mit einem Finger über den Rand ihrer Teetasse strich.
„Hermine trägt nie Makeup", konterte Ron sofort.
Seufzend vergrub Harry sein Gesicht in den Händen. Er war mehr als überrascht gewesen, von Hermine eine Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen im Drei Besen zu erhalten. Sie hatte ausdrücklich ihn und Ron eingeladen, jeweils plus eins. Irgendetwas in ihm sagte ihm, dass sie alle eine böse Überraschung erleben würden heute. Er war der einzige, der von ihrer neuen Beziehung wusste, denn wie versprochen hatte er darüber geschwiegen. Dass Ron schon jetzt so konträr drauf war, verhieß nichts Gutes.
„Wer weiß, was sie aufgehalten hat", versuchte er, die Gemüter zu besänftigen. „Vielleicht war es ja auch nicht sie, sondern ihre Begleitung?"
Nachdenklich stützte Ginny ihren Kopf auf eine Hand: „Ich kann mir echt nicht vorstellen, wen sie mitbringt. Ich meine, wir haben jetzt nicht jede freie Minute miteinander verbracht, aber ich bin mir sicher, ich hätte es mitbekommen, wenn sie sich mit einem Gryffindor aus meinem Jahrgang treffen würde."
Verschwörerisch beugte Ron sich vor und senkte die Stimme: „Meint ihr nicht, dass das nur gespielt ist?"
Harry ahnte, was jetzt kommen würde. „Was?", verlangte er entsprechend kühl zu wissen und faltete beide Arme vor der Brust.
„Naja, ihr wisst schon", fuhr Ron errötend fort. „Denkt ihr nicht, dass sie nur irgendwen überredet hat, sich als ihr Freund auszugeben? Damit sie nicht alleine hier auftaucht? Sie war ja nicht so begeistert wegen Weihnachten. Vielleicht will sie mir nur den Eindruck vermitteln, dass…"
„Ron!", unterbrach ihn Lavender scharf. „Wir haben darüber geredet!"
„Ich meine doch nur…", versuchte Ron sich zu wehren, doch seine Freundin schüttelte vehement den Kopf.
„Was habe ich dir gesagt, warum will ich nicht, dass du diese Dinge über Hermine sagst?", forderte Lavender ihn heraus, ohne sich um seinen Einwand zu kümmern.
„Weil es klingt, als wäre ich eifersüchtig", erwiderte Ron kleinlaut. Harry schaute zu Ginny an seiner Seite, die ebenso wie er selbst ein Grinsen unterdrücken musste.
„Und warum gefällt mir das nicht?"
„Weil du dann denkst, ich wäre noch in sie verliebt."
Eindringlich nickte Lavender: „Exakt. Und welche Konsequenzen hat das?"
Ron lief hochrot an und schaute auf seine Hände, doch Lavender wedelt herausfordernd mit einem Finger vor seiner Nase, bis er beinahe unhörbar sagte: „Kein Sex heute Abend."
Strahlend lächelte sie ihn an: „Ganz genau. Willst du das?"
Ron schüttelte geschlagen den Kopf. Zufrieden grinsend beugte Lavender sich vor und drückte ihm einen dicken Kuss auf den Mund. „Wunderbar. Dann sind wir uns ja einig. Hör auf, so schlecht über Hermine zu reden."
Harry verbarg seinen Mund hinter seiner Hand und schielte zu Ginny, die neben ihm in hemmungsloses Gelächter ausgebrochen war. So gerne er Hermine auch hatte, es war offensichtlich, dass Lavender deutlich besser wusste, wie man mit Ron umgehen musste. Sie war lange nicht mehr so kindisch wie zu Schulzeiten. Der Krieg und die Schlacht um Hogwarts hatten sie verändert, wie es sie alle verändert hatte. Ron kämpfte immer noch mit seinen Dämonen, aber dank Lavender hatte er eine Person an seiner Seite, die ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte.
Die Tür ging auf und Harry erspähte aus der Entfernung einen sehr bekannten Lockenkopf. Gefolgt von einem nicht weniger bekannten blonden Schopf. Ergeben schloss er die Augen, ehe er sie wieder öffnete und aufstand. Hermine war mutig, das musste er ihr lassen. Und Malfoy ebenso. Das hier würde wirklich die Feuertaufe für ihre Beziehung sein.
Draco bemühte sich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren. Im Gegensatz zu Hermine war er alles andere als begeistert von der Idee dieses Treffens. Doch erst jetzt, als er in das Drei Besen eintrat und die vier bekannten Gesichter sah, wurde ihm wirklich bewusst, worauf er sich hier eingelassen hatte. Ein Mittagessen mit Potter und dem Wiesel.
Zum Glück hatte Hermine sich auf einen Kompromiss eingelassen. Wenn ihre beiden besten Freunde sich danebenbenahmen, würde sie ihn nie wieder dazu zwingen, sich mit ihnen zu treffen. Er spekulierte darauf, dass beide sich wie zu gemeinsamen Schulzeiten verhalten würden, und somit hatte er auf jeden Fall gewonnen. Ihre einzige Bedingung war, dass er sich zumindest Mühe gab, höflich zu sein. Also biss er die Zähne zusammen und versuchte, niemanden mit bloßen Blicken zu töten.
„Hey", wurden sie sofort von Potter begrüßt, der als einziger vom Tisch aufgestanden war. „Schön, dass ihr da seid. Wurdet ihr aufgehalten?"
Hermine drehte sich zu ihm um und boxte ihm spielerisch gegen den Oberarm, während sie erklärte: „Dieser werte Herr hier hat sehr lange für seine Morgentoilette gebraucht."
Empört verschränkte Draco die Arme vor der Brust: „Wenn du mir rechtzeitig Bescheid gesagt hättest, hätte ich früher anfangen können."
„Jetzt ist es meine Schuld?", verlangte sie zu wissen. Ihre Augen blitzten, als sie zu ihm aufsah, und Draco begriff sofort, dass Hermine nur versuchte, ihre Anspannung loszuwerden.
Lächelnd ließ er seine Arme wieder sinken und fuhr ihr mit einer Hand über die Wange. Er mochte dieses Treffen fürchten, weil er die anderen Beteiligten nicht ausstehen konnte. Sie hingegen hatte die ganzen letzten Tage vor Angst gezittert, gerade weil ihr so viel an der Meinung ihrer Freunde lag. Sie lehnte sich in seine Berührung und schenkte ihm ein dankbares Lächeln.
„Was hat das zu bedeuten?"
Inzwischen waren auch die übrigen vom Tisch aufgestanden. Der herausfordernde Tonfall von Weasley sprach Bände, ebenso wie seine breitbeinige Körperhaltung. Während Draco ihr den Mantel abnahm, drehte Hermine sich wieder zu ihren Freunden um.
„Überraschung", sagte sie mit einem unsicheren Lächeln: „Mein Plus eins ist jemand, den ihr alle kennt: Draco."
„Das kann nicht dein Ernst sein!", fuhr Weasley sie an, hochrot im Gesicht und mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Und du", wandte er sich an Potter, „Warum tust du, als wäre das hier normal?"
Der hob beide Hände und zuckte mit den Schultern: „Lass mich da raus. Ich bin genauso verwirrt, wie es dazu kommen konnte wie du. Ich wusste nur schon vorher davon."
Mit zwei langen Schritten war Hermine bei Weasley und griff mit beiden Händen nach seinen. „Ich weiß, das ist überraschend und vermutlich auch nicht so erfreulich für euch. Aber Draco und ich sind uns in den letzten Wochen nähergekommen. Wir sind ein Paar. Deswegen wollte ich mich heute mit euch treffen."
Abrupt entriss Weasley ihr seine Hände. Er sah kein Stück beruhigter aus als vorher, im Gegenteil. „Willst du mich verarschen? Denkst du, du kannst mich damit am besten verletzen? Indem du ausgerechnet mit Malfoy auftauchst?"
„Ron!", mischte sich die blondgelockte junge Frau ein, die Draco nach ein paar Sekunden als Lavender Brown erkannte. „Haben wir nicht gerade eben darüber geredet?"
„Oh, ich bitte dich!", fuhr er seine Freundin an: „Das hier ist etwas anderes. Sie taucht ausgerechnet mit Malfoy auf? Sie würde sich niemals im Leben auf ihn einlassen. Es kann keinen anderen Grund geben."
Draco sah, wie Hermine ihre Hände zu Fäusten ballte, während ihre Arme ganz leicht zitterten. Er wusste nicht, ob sie wütend oder traurig war, aber ihm gefiel nicht, wie ihr angeblicher bester Freund mit ihr umging. Gerade wollte er einschreiten, da packte Hermine das rothaarige Wiesel am Arm und zog ihn hinter sich aus dem Schankraum in den Gang zu den Toiletten.
Unsicher blickte Draco zu den anderen dreien. „Ist das okay so?"
Ginny Weasley zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder: „Die zwei streiten sich eh ständig, darin sind sie geübt. Gib ihnen Zeit, das kriegt Hermine schon hin."
Potter setzte sich ebenfalls wieder, und nachdem er einen Blick mit Lavender ausgetauscht hatte, taten sie beide es ihm nach. Schweigen breitete sich über dem Tisch aus. So hatte Draco sich das nicht vorgestellt.
„Also, Malfoy", brach Potter die Stille schließlich, „du und Hermine. Ein Paar?"
„Was dagegen?", schnappte Draco und lehnte sich mit beiden Armen auf den Tisch. Es war zu warm im Schankraum. Viel zu warm.
„Nicht, wenn du dich benimmst."
„Oh, ehrlich, Jungs!", mischte sich Ginny augenrollend ein. „Sind wir nicht langsam alle erwachsen? Müssen diese Schulhofstreitigkeiten sein?"
Überrascht schaute Draco zu ihr. Wenn die jüngste Weasley eines war, dann temperamentvoll und aufbrausend. Misstrauisch zog er die Augenbrauen zusammen. „Diese Worte ausgerechnet von dir?"
Mit blitzenden Augen beugte sie sich über den Tisch: „Hey, Malfoy, schön vorsichtig, ja? Ich vertraue Hermine und deswegen werde ich dir vertrauen. Aber übertreib es nicht, verstanden? Meine Geduld für lächerliche Provokationen hält sich in Grenzen."
Mit einem Mal wurde Draco sich bewusst, dass jeder Muskel in seinem Körper angespannt war. Warum war er nur so verdammt nervös? Es konnte ihm doch egal sein, was diese Menschen von ihm hielten. Er hatte sich nie um deren Meinung gekümmert.
Er atmete tief ein und versuchte, seine verkrampften Muskeln zu lockern. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu den Toiletten.
„Keine Sorge", kam es leise von Lavender, die rechts von ihm am Tisch saß. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die zwei irgendetwas anderes machen als streiten, liegt bei unter null."
„Als ob ich mir darüber Sorgen machen würde!", fuhr er sie aufgebracht an. „Hermine weiß, dass ich viel besser bin als dein wieseliger Freund."
Die vollen Lippen der blonden Schönheit verzogen sich zu einem dünnen Strich, während sie sich langsam in ihrem Stuhl zurückfallen ließ. Mit hochgezogener Augenbraue gab sie zurück: „So? Dafür wirkst du aber ziemlich angespannt, mein Lieber."
Draco setzte zu einer wütenden Antwort an, doch sofort unterbrach er sich selbst. Er hatte Hermine versprochen, dass er ihre Freunde mit Höflichkeit behandeln würde. Grimmig presste er die Lippen aufeinander und starrte stur auf die Tischplatte vor sich. Was für ein lächerlicher Gedanke, dass Hermine sich auch nur im Geringsten für Weasley interessieren würde.
Unangenehmes Schweigen breitete sich über dem Tisch aus. Draco sah, wie die anderen drei sich überforderte Blicke zuwarfen, doch er würde keinen Millimeter auf sie zugehen. Er war hier, um Hermine einen Gefallen zu tun, nicht für diese drei Idioten.
Anspannung kroch ihm in den Nacken. Was dauerte da so lange? Sie musste ihm doch einfach nur sagen, dass er es akzeptieren musste.
Ehe Draco sich versah, war er von seinem Stuhl aufgesprungen. „Ich schau nach Hermine."
„Malfoy", versuchte Lavender ihn aufzuhalten, doch er ignorierte sie. Sie war eine hohle Birne, was konnte sie ihm schon sagen?
Er nahm die anderen Gäste im Drei Besen kaum wahr, während er sich durch das Labyrinth aus Tischen und Stühlen den Weg zum Gang mit den Toiletten suchte. Sein Herz schlug viel zu schnell. Was, wenn er Hermine in einer Umarmung mit Weasley finden würde? Oder noch schlimmer, sie küssten sich gerade jetzt? Schwindel packte ihn.
Er hielt in seinen Schritten inne. Wenn er um die Ecke bog, würde er sie sehen. Warum zögerte er? Er hatte doch selbst gesagt, dass es lächerlich war zu denken, dass Hermine sich für Weasley interessierte. Es gab gar keinen Grund zu zögern.
Er schluckte, ballte die Fäuste und trat mit zwei entschlossenen Schritten in den Gang.
„Ich will sowas nie wieder hören!", drang Hermines Stimme zu ihm. Am anderen Ende des Ganges stand sie breitbeinig vor Weasley, der mit hochrotem Kopf zu Boden schaute und nickte wie ein eingeschüchterter Junge. „Wenn du schon so schlecht von mir denkst, dann versuch wenigstens, auf Lavender Rücksicht zu nehmen. Dein kindisches Verhalten ist für sie vermutlich schwer zu ertragen!"
„Ich weiß doch, Mine", kam es jämmerlich von Weasley. „Ich will ja auch gar nicht …"
Er brach mitten im Satz ab. „Malfoy! Was willst du hier?"
Beinahe meinte Draco, dass Weasley glücklich darüber war, ihn zu sehen. In einem Versuch, desinteressiert zu wirken, vergrub Draco beide Hände in seinen Hosentaschen und schlenderte betont langsam auf die beiden zu. „Wir haben uns Sorgen gemacht, da wollte ich mal schauen, wo ihr bleibt."
„Draco?" Hermine hatte sich inzwischen auch zu ihm umgedreht und schaute ihn zweifelnd an.
Als hätte er nur auf diese Gelegenheit gewartet, schlüpfte Weasley an ihnen beiden vorbei und lief mit hastigen Schritten davon. Kopfschüttelnd schaute Draco ihm nach.
„Hast du dir Sorgen gemacht?", hakte Hermine mit leiser Stimme nach.
Draco ließ seinen Blick über die holzvertäfelte Wand schweifen. Das Drei Besen war wirklich ein schönes Restaurant, wenn er das als erwachsener Zauberer mal genauer anschaute. Vielleicht könnte er ja öfter herkommen. Hermine würde sich bestimmt freuen.
„Draco?"
Unsicher flackerte sein Blick zu ihr. Er wusste ja selbst nicht, was er hier wollte. Mit einem schwachen Lächeln meinte er: „Der Gang ist ganz hübsch gemacht, oder?"
Hermines Augen wurden groß. Als könnte sie nicht verstehen, was sie gerade gehört hatte. Errötend blickte Draco zu Boden. Ihm war ja selbst bewusst, wie völlig deplatziert seine Worte gerade waren.
„Draco Malfoy", sagte Hermine betont und stellte sich direkt vor ihn. „Hast du wirklich geglaubt, dass ich hier mit Ron stehe und wild rumknutsche?"
„Was?", gab Draco schockiert zurück. „Natürlich nicht, was für ein Blödsinn! Warum sollte ich das denn glauben? Schwachsinn!"
Plötzlich breitete sie ihre Arme aus und schlang sie fest um seinen Oberkörper. Unfähig zu reagieren, ließ Draco zu, dass sie ihr Gesicht an seiner Brust vergrub und ihn eng an sich presste.
„Ich will dich, Draco", flüsterte sie ihm zu. „Ich will dich und niemanden sonst. Du bist kein Ersatz für Ron. Du bist kein Lückenbüßer. Ich will dich, weil ich dich liebe. Und solange du mir nicht sagst, dass ich verschwinden soll, wirst du mich nicht mehr los."
Mit einem Mal fiel alle Anspannung von ihm ab. Als hätte sie einen Fluch von ihm genommen, der ihn die ganze Zeit belastet hatte. Lächelnd schlang er ebenfalls die Arme um sie. „Ich weiß. Das weiß ich doch. Und mir geht es genauso."
Ihre Augen schienen zu leuchten, als sie zu ihm aufschaute. „Dann ist ja gut. Ich will wirklich, dass wir das hier hinkriegen."
„Ich auch."
Für einen Moment noch hielt er ihren zierlichen Körper an sich gedrückt, dann ließ er sie los und richtete sich ein wenig auf. „Komm, wir wollen nicht, dass die anderen denken, dass wir hier eine schnelle Nummer schieben."
Lachend ergriff sie seine Hand: „So? Das wäre doch genau das, was du sie glauben lassen willst, gib's zu!"
Grinsend ließ er sich von ihr durch den Gang zurück zum Schankraum ziehen. Hermine kannte ihn definitiv viel zu gut.
„Übrigens", flüsterte sie ihm keck zu, ehe sie zum Tisch zurückgekehrt waren. „Ich find's eigentlich ganz süß, wenn du eifersüchtig wirst. Das ist eine niedliche Seite an dir."
„Süß? Niedlich?", protestierte Draco entsetzt. „Das ist nun wirklich das letzte, womit du mich assoziieren solltest!"
Lachend kamen sie bei den anderen vier wieder an. Weasley schaute immer noch ein wenig unzufrieden aus der Wäsche, doch die anderen schienen ihn zu ignorieren. Mit einem breiten Grinsen ließ Draco sich neben Hermine auf seinen Stuhl sinken. Mit einer Frau wie ihr an seiner Seite konnte er auch solche Torturen wie diese überstehen.
