Schon am nächsten Abend kamen Bunting, Styles, Matthews und Oldroyd zu ihr auf die Krankenstation und hatten Finch dabei.

„Meine Güte, Jungs, was ist passiert?", fragte Hafwen. Sie hatte gerade gedankenverloren einem Seesoldaten einen Verband gewechselt, als die Matrosen hereingestürzt kamen.

„Er ist gestürzt, weil er zu schwach war, um sich in den Wanten zu halten, Miss.", sagte Bunting.

„Legt ihn dort in die Koje.", forderte Hafwen sie auf und zeigte auf eine freie Hängematte, die etwas versteckt lag. Bunting nickte.

Die Matrosen brachten ihn zu der Hängematte. Dort angekommen legte Hafwen Finch eine Hand auf die Stirn.

„Scheint noch kein Fieber zu haben.", murmelte sie.

„Er hat zu wenig gegessen, das ist es!", rief Bunting aus.

„Ruhig, Mr. Bunting, ruhig. Wenn es so ist, können wir nicht viel machen. Wir können nur warten, ob er sich wieder erholt. Hat er sich irgendwas gebrochen?", fragte sie.

„Klang nicht so, Miss.", antwortete Styles. Sie nickte.

„Gut. Das ist doch schon einmal ein Anfang. Wir werden abwarten müssen, was passiert. Erst mal muss er sich ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen. Geht inzwischen wieder an die Arbeit, Jungs!", forderte sie sie auf. Ein paar nickten, ein paar murmelten „Ja, Miss" und verschwanden dann wieder. Hafwen seufzte. Wenn es wegen den halben Rationen zu vielen Krankheiten und Mangelerscheinungen kam, würde unter der Besatzung eine Art unterschwellige Panik ausbrechen. Es hätte sicher fatale Folgen.

Ein paar Tage später kam Hornblower vorbei. Finch war inzwischen wieder aufgewacht, hatte sich aber noch immer schwach gefühlt. Außerdem phantasierte er.

„Na, Finch? Sie haben es anscheinend recht angenehm getroffen.", meinte Hornblower mit einem Lächeln.

„Wie lange noch, bis wir heimkommen?", fragte Finch.

„Heim?", wollte Hornblower überrascht wissen.

„Mr. Hornblower!", rief Finch plötzlich und wollte aufstehen, aber Hornblower hielt ihn zurück.

„Ja, so ist es. Bleiben Sie liegen, Mann, bleiben Sie liegen!", sagte er.

„Die alten Muskeln lassen mich ein bisschen im Stich, Sir. Wie… wie lange bin ich schon hier?", fragte Finch.

„Ein paar Tage.", erwiderte Hornblower.

„Dann habe ich das verdammte Fieber. Ich bekomme nicht mehr viel mit.", sagte Finch ängstlich. Hafwen hatte es ihm nicht sagen wollen, aber jetzt war es zu spät.

„Sie werden schon durchkommen.", meinte Hornblower. Hafwen wusste, dass das eine Lüge war. Es war zumindest sehr unwahrscheinlich, dass Finch es irgendwie schaffen würde. Und das wusste Hornblower auch.

„Wie lange noch bis Portsmouth?", fragte Finch gequält.

„Nicht mehr lange.", antwortete Hornblower in einem ermutigenden Tonfall.

„Es wird wohl immer schlimmer, Sir.", sagte Matthews, der jetzt aus der Dunkelheit dazu kam.

„Er scheint verwirrt zu sein.", erwiderte Hornblower.

„Das Fieber, Sir. Ich hab versucht, ihn aufrecht zu halten, ihn wach zu halten, bei Verstand. Aber er treibt einfach davon. Ich weiß nicht, ob er's schafft.", meinte Matthews.

Irgendwann mitten in der Nacht wurde Hafwen geweckt. Es waren Stimmen. Sie setzte sich leicht auf und lauschte.

„Können Sie lesen?"

Ein paar Schritte.

„Finch?"

„Aye, Sir."

„Können Sie lesen?"

„Na ja, ich kann die Bibel lesen."

„Hier. Clarkes „Großes Handbuch der Seemannschaft"."

Jetzt erkannte Hafwen die andere Stimme. Hornblower. Verdammt, es war ja schön, dass er Finch besuchte, aber musste er das mitten in der Nacht tun? Was sollte das denn jetzt schon wieder werden?

„Sehr freundlich von Ihnen, Sir. Es wird mir sicherlich gut gefallen.", erwiderte Finch.

„Nein, nein, nein, Sie verstehen nicht. Sie sollen mich abfragen."

Oh nein. Nein, nein, nein. Das war doch nicht sein Ernst? Hornblower würde sich nicht in ihrer Krankenstation abfragen lassen, während sie schlief. Das war ein schlechter Scherz, oder?

„Sie abfragen, Sir?"

„Ich habe vielleicht schon sehr bald meine Prüfung zum Leutnant und brauche jemanden, der mich abfragt. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mir helfen würden."

Finch antwortete nicht. Na, schön, jetzt wo sie einmal wach war, konnte sie auch zuhören. Vielleicht würde sie noch irgendetwas lernen, was ihr einmal nützlich sein könnte.

„Kommen Sie, Mann! Klaren Kopf behalten! Stellen Sie mir eine Frage."

„Eine Frage, Sir?"

„Sie sollen mich prüfen. Denken Sie nach! Kommen Sie schon!"

Eine kurze Pause entstand.

„Ich glaube, ich brauche kein Buch, Sir, um Sie zu prüfen."

„Also dann, dann legen Sie mal los!", sagte Hornblower mit einer deutlichen Aufregung. Hafwen schwang die Beine aus dem Bett. Sie würde sich irgendwohin setzen, wo es bequemer war.

Als sie den Vorhang öffnete, schaute Hornblower überrascht zu ihr.

„Was ist, Sir? So laut, wie Sie sich mit Finch unterhalten, kann man ja nicht schlafen.", meinte Hafwen nur.

„Das tut mir leid, Miss, daran habe ich nicht gedacht, ich…"

„Schon gut, Mr. Hornblower. Machen Sie weiter, ich setze mich nur irgendwohin, wo es bequemer ist. Um Ihnen zuzuhören.", sagte sie. Hornblower lächelte ein wenig.

„Also gut."

Nach ein paar Stunden kam Bunting herein.

„Wie geht es Ihm, Sir?", fragte er. Hornblower schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ich kann ihn nicht wach halten.", antwortete er.

„Probieren wir's damit! Ein Versorgungsschiff wurde gesichtet."

Plötzlich war Hafwen, die sich zeitweise in einem Halbschlaf befand, hellwach.

„Haben Sie gehört? Finch!"

Finch reagierte nicht. Mit einem kurzen Blick zu Finch verschwand Hornblower an Deck, um das Versorgungsschiff mit eigenen Augen zu sehen. Jetzt nahm Bunting seinen Platz ein und setzte sich an die Krankenkoje. Von draußen waren Jubelrufe zu hören.

„Was machen Sie denn noch wach, Miss?", wollte er wissen.

„Mr. Hornblower konnte Finch vielleicht nicht wach halten, aber bei mir hat er es geschafft. Meine Koje ist dort drüben, ich konnte nicht mehr einschlafen, also habe ich den beiden zugehört.", antwortete sie.

Finch versuchte langsam, sich aufzurichten. Bunting lächelte ihm ermutigend zu. Es sah aus, als würde er irgendetwas sehen. Plötzlich war ein entfernter Knall zu hören. Finch sank wieder zurück in die Koje. Hafwen seufzte.

„Wenn Sie mich entschuldigen, Mr. Bunting, ich gehe jetzt wieder schlafen."