Wieder ist Fegefeuer früher fertig, ich hänge ein wenig. ^^°

Dennoch wünsche ich viel Spaß. :-)


Der Weg zurück zum Palast war für Rin eine verschwommene Erinnerung. Ob nun Minuten oder Stunden vergangen waren, es spielte keine Rolle. Egyn und Amaimon, welcher irgendwann erneut zu ihnen gestoßen war, schwiegen glücklicherweise und sprachen ihn nicht darauf an, was passiert war. Er war sich selbst nicht sicher. War es seine Schuld gewesen? Hatte er diese Situation irgendwie provoziert? Er war alleine dort unterwegs gewesen, allerdings war das keine Entschuldigung für das, was sie vorgehabt hatten! Andererseits wäre nichts davon passiert, wenn er bei Amaimon und Egyn geblieben wäre. Vielleicht hatten sie recht gehabt, alleine würde er dort draußen nicht lange überleben, selbst mit seinen Flammen. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass wesentlich erfahrene Dämonen ihn so oder so besiegen konnten. Immerhin hatte er selbst kaum Erfahrung oder nennenswerte Fähigkeiten. Immerhin blieb seine Sorge, Satan in diesem Zustand unter die Augen treten zu müssen, unbegründet, denn er wurde direkt in sein Zimmer gebracht, wo er sich unter seiner Decke verkroch. Wie hatte das nur passieren können? Warum hatte er sich nicht mehr gewehrt? Er hätte sich mehr Mühe geben müssen oder sogar die "Satan ist mein Vater-Karte" ausspielen können. Vielleicht hätte es sie dazu gebracht, von ihm abzulassen...oder sie hätten erst recht weiter gemacht oder ihn gar getötet. Er kniff seine brennenden Augen zusammen und krallte sich in die Decke und Kissen hinein. Leise Schluchzer entwichen ihm und dieses Mal machte er sich nicht die Mühe, sie zurückzuhalten.


Egyn lief mit schnellen Schritten durch das Palastverlies, sein Gesicht düster und Mordlust in den Augen. Die wenigen Dämonen, die ihm begegneten, sprachen ihn klugerweise nicht an, sondern wichen ihm aus und auch die Gefangenen in den Zellen wagten es nicht, einen Laut von sich zu geben. Sie alle erinnerten sich allzu gut an den letzten Idioten, der es für eine gute Idee hielt, einem angepissten Mitglied der Königsfamilie einen dummen Spruch an den Kopf zu knallen. Seine Schreie waren im ganzen Verlies zu hören gewesen, was bei der Größe eine beachtenswerte Leistung war. Ohne einem von ihnen Beachtung zu schenken, stürmte er durch die Korridore, bis er schließlich eine schwere Metalltür erreicht hatte, vor der zwei Wachen standen. „Schließt auf und verschwindet.", knurrte der Wasserdämon. Ohne Fragen zu stellen, kamen die beiden der Aufforderung nach und gingen, kaum dass die Tür aufgeschlossen war. Zuvor übergaben sie den Schlüssel an den Baal, welcher ihn einsteckte und den Raum betrat. Die Zelle war um einiges größer als der Rest und diente dazu, kleinere Gruppen festzuhalten. Zwei Fackeln waren die einzige Lichtquelle und beleuchteten die groben Steinwände. Daran waren die sechs Dämonen gekettet, die Rin angefallen hatten. Sie waren wie erwartet schnell gefunden worden, auch wenn vor allem die Alukah großen Widerstand geleistet hatte. Nicht dass es irgendetwas ändern würde. „Von allen Dämonen, mit denen ich mich jemals rumärgern musste, seid ihr wirklich die größten Idioten.", zischte er gefährlich, aber wurde von einem der männlichen Dämonen unterbrochen. „Ihr Bastarde habt uns reingelegt!", brachte er hervor und ließ Egyn abfällig schnauben. „Oh ja, als ob wir uns die Mühe machen würden, ein paar Kleinverbrecher reinzulegen.", erwiderte er. „Ihr hattet nur eine Aufgabe und habt versagt!"

„Ihr habt uns gesagt, wir können den Jungen angreifen.", zischte die Alukah. „Wir haben nur getan, was ihr wolltet-"

„Ihr solltet ihn bedrohen und höchstens ein paar Verletzung zufügen!", fauchte Egyn wütend. „Ihr solltet ihm Angst machen! Nicht vergewaltigen!"

„Wen kümmert's?! Er ist nur eine Göre von vielen!", kam die Antwort von einem der anderen Dämonen. Egyn war innerhalb eines Herzschlages bei ihm und hatte seine Krallen in seiner Brust versenkt. Der Dämon schrie auf, doch den Baal interessierte dies wenig und er presste seine Krallen noch tiefer hinein. „Diese "Göre" ist mein Bruder!", knurrte er gefährlich, die Finger immer tiefer ins Fleisch grabend. Wie konnte diese Missgeburt es wagen, einen seinen Brüder zu beleidigen?! Für wen hielt er sich bitte?! „Vielleicht sollte ich dir einfach das Herz rausreißen...andererseits ginge das zu schnell." Damit riss er seine Hand aus der Wunde, den Aufschrei genießend. Es würde solchen Spaß machen, sie weiter schreien zu lassen. „Das war Satans Halbblut?!", entfuhr es der Sirene, die bisher verängstigt geschwiegen hatte. „Aber...warum habt ihr uns ihm dann überhaupt auf den Hals gehetzt?!"

„Weil er eine Lektion darin brauchte, wie die Dinge hier laufen.", antwortete eine wesentliche tiefere Stimme, die sowohl die Gefangenen als auch Egyn zusammenzucken ließ. In der Tür stand Satan, in seinem Blick lag ein kalter Zorn, der alle unwillkürlich schlucken ließ. Glücklicherweise erholte sich Egyn schnell und kniete vor dem Dämonenherrscher nieder. „V-Vater, ich habe nicht erwartet, dass du so schnell kommen würdest-", begann er, aber verstummte sofort, als Satan eine wegwerfende Handbewegung machte. „Pläne ändern sich. Ich übernehme ab hier, du gehst zu meinen Gemächern und wartest mit Amaimon auf meine Rückkehr. Dann werde ich mit eurem Versagen befassen." Der Wasserkönig schaffte es, keine Regung zu zeigen, doch sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Unser Versagen?", hakte er vorsichtig nach, obwohl er ganz genau wusste, was es bedeutete und schluckte erneut, als Satans Blick ihn durchbohrte. „Es war zwar geplant, dass ihr ihn verliert, aber ihr habt viel zu lange gebraucht, um ihn wieder zu finden und habt euch ablenken zu lassen. Seid froh, dass nicht mehr passiert ist." Er musste die Drohung nicht aussprechen, sie war bereits mehr als verständlich. Der Baal spürte wie eine Emotion in ihm hochkam, die nach all den Jahrtausenden nur noch sein Vater entfachen konnte: Angst. Der Dämonenherrscher war nicht gerade vergebungsvoll, wenn es um Versagen oder Ungehorsam ging und ihnen allen war noch sehr gut Gedächtnis, was er mit Samael gemacht hatte, als er von seiner Aktion mit Rin erfahren hatte. Egyn erschauderte bei der Erinnerung. Bezüglich Strafen machte niemand dem Dämonengott etwas vor und genau das war, was er am meisten an ihm hasste. An manchen Tagen konnte er "netter" sein, an anderen jedoch konnte man in der Regel für einige Tage nicht mehr laufen oder überhaupt kriechen. „Jetzt geh, bevor ich meine Geduld verliere.", riss Satan ihn aus seinen Gedanken. Der Baal stand nickend auf. „Natürlich Vater.", antwortete er, übergab den Schlüssel und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum. Er konnte jetzt nur abwarten und hoffen, dass es schnell vorüber sein würde.


„Ihr seid also diese Missgeburten, die sich an meinem Sohn vergreifen wollten. Ihr habt Nerven.", sprach Satan die gefangenen Dämonen an, seinen Zorn noch unterdrückend. Diese versuchten, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, aber projizierten es bis in die Ecken des Raumes. ‚Erbärmlich...' Immer war es dasselbe. Andere fürchteten ihn und versuchten es eventuell zu verstecken, nur um schlussendlich dennoch um Gnade zu flehen. ‚Rückgradlose Versager.' An Tagen wie die diesen wünschte er sich beinahe, alle Dämonen ohne Emotionen erschaffen zu haben, andererseits würde das auch bedeuten, dass sie dann niemals gefürchtet und demzufolge eventuell nicht respektiert hatten. Es war wesentlich effektiver durch Angst zu herrschen. „Wenn man den Gerüchten glauben darf, bist du nicht viel besser!", zischte einer der Dämonen, der offenbar etwas mutiger als der Rest war und sogar die Nerven hatte, ihn zu duzen. „Druj, halt den Mund!", schrie die Sirene, offenbar kurz davor in Tränen auszubrechen. Er machte eine gedanklichen Vermerk, später ihre Stimmbänder rauszureißen. Ihre Stimme ging ihm irgendwie auf die Nerven und Sirenen tendierten zu extremer Dramatik. „Wir haben schon genug Probleme!" Druj, wahrscheinlich ein Insektendämon, schnaubte. „Wir kommen sowieso nicht mehr lebend weg, also Scheiß drauf." Die Sirene wollte etwas sagen, doch als Satan ihr einen kurzen Blick zuwarf, verstummte sie endlich. „Gerüchte? Und die besagen?", fragte er, nicht wirklich überrascht. Sie waren ihm relativ egal, aber zumindest hin und wieder unterhaltsam und es konnte nicht schaden, zu wissen, was das einfach Volk dachte. Aufstände hatte es schon sehr lange nicht mehr gegeben und jedes Mal war es kein Problem sie auszumerzen, allerdings waren sie ein unnötiges Ärgernis und lenkte von wesentlich wichtigeren Dingen wie der Eroberung Assiahs und der Vernichtung der Exorzisten ab. Es war daher immer ein Bonus zu wissen, wie die allgemeine Stimmung war. Druj sah ihn abwertend an, seine Angst relativ gut verbergend. „Ganz Gehenna weiß, dass die Dämonenkönige deine loyalen Schoßtiere sind, die sich nicht trauen aufzumucken und du deine Macht immer wieder ausnutzt. Wäre also nicht allzu überraschend, wenn du Bastard deine eigenen Kinder vögelst. Oder zwingst du sie dazu, es miteinander zu treiben, während du zusiehst? Würde jedenfalls erklären, warum ihr immer nur zusammenhockt." Stille herrschte, in der die restlichen Dämonen den Insektendämon entsetzt anstarrten. Die Sirene hatte nun wirklich angefangen zu heulen, worauf jedoch keiner achtete. „Verstehe...", war alles, was Satan dazu sagte. Damit trat er näher an Druj heran, ließ eine Flamme in seiner Hand auflodern und presste sie in das Gesicht des Dämons. Dieser schrie als seine Augen verbrannt worden und versuchte den Kopf wegzudrehen, natürlich erfolglos. Seine Kameraden schrien ebenfalls, wahrscheinlich, dass Satan damit aufhören sollte, was ihn natürlich nicht kümmerte. Erst als der Dämon zu heiser war, um zu schreien, zog er die Hand zurück. Die Verbrennungen waren schlimm und er würde nie wieder sehen können, aber es war nicht tödlich. So schnell würde er ihm diesen Gefallen nicht erweisen. Der Insektendämon hing schlaff und schwer atmend in seinen Ketten. „Wie typisch...große Reden schwingen, aber schreien tut ihr alle gleich.", kommentierte der Dämonengott gelangweilt und wandte sich an Rest, welcher sofort versteifte. „Also, hat sonst noch jemand einen Kommentar?"

„Ihr hattet euren Spaß! Wenn Ihr uns töten wollt, dann tut es jetzt!", hörte er den Dämonen neben sich fauchen, aber Satan lachte nur, griff in seine Haare und riss seinen Kopf hoch. „Ihr habt euch an meinem Eigentum vergriffen. Glaubt ihr wirklich allen Ernstes, dass ihr damit davon kommt?", zischte er gefährlich. „Niemand vergreift sich an meinen Söhnen, außer mir, verstanden? Sie gehören mir! Wenn man es so betrachtet...", er lachte kurz auf. „Gehört ihr alle mir...ich kann tun und lassen, was ich will." Es stimmte, wer sollte ihn stoppen? Er war ein Gott und sie seine Schöpfungen. Der Gedanke, dass sie sich seinem Einfluss entziehen könnten, war absolut lächerlich. „Ihr...Ihr habt sie nicht mehr alle!", entfuhr es der Alukah entsetzt. „Und Ihr könnt mich nicht töten! Ich bin-"

„Ich weiß, wer du bist.", unterbrach Satan sie desinteressiert und ließ den Dämonen los, um näher an die Schwarzhaarige heranzutreten. Erstaunlicherweise wich sie seinem Blick nicht aus, obwohl ihr Körper zitterte. Der Dämonengott würde sich nicht beschweren, immerhin brachten Dämonen mit Rückgrat so viel mehr Spaß und Genugtuung, wenn man sie brach und sie einen auf Knien anflehten. „Und um es geradeheraus zu sagen: Es interessiert mich nicht. Mag sein, dass deine Eltern einer hohen Kaste angehören, schützen wird es dich dennoch nicht. Sie werden es nicht riskieren, sich mit mir anzulegen, für sie ist es einfacher und sinnvoller einen neuen Erben zu zeugen. Falls ich sie leben lasse. Vielleicht lösche ich deine Blutlinie aus, wenn mir der Sinn danach steht." Mit jedem seiner Worte bröckelte langsam Naamahs selbstsichere Fassade weg und offenbarte Angst, doch nicht für lange. „Sagt uns wenigstens, was das sollte! Warum solltet Ihr euer eigenes Kind in die Slums schicken!?", verlangte sie und Satan musste es sich verkneifen, die Augen zu verdrehen. Als ob es das erste Mal gewesen wäre, dass er seine Kinder irgendwo ausgesetzt hatte, damit sie lernten, zu überleben. Es war nun mal die einfachste und schnellste Möglichkeit, im Palast konnten sie es nicht lernen. Alles andere verweichlichte nur und das würde er nicht zulassen. „Ich muss mich nicht erklären.", antwortete er kalt, während er einige Schritte zurück trat, sodass er wieder in der Mitte des Raumes stand. „Er hat eine Lektion gebraucht, also habe ich reagiert." Naamah sah ihn überrascht an, eh sich ihr Gesicht verfinsterte. „Na Gratulation, Ihr seid offenbar ein toller Vater.", kommentierte sie sarkastisch. „Da können mir Eure Kinder nur leidtun, vor allem der Nephilim." Der Dämonenherrscher lachte. Wollte sie jetzt wirklich so tun, als wäre sie eine nur ansatzweise bessere Person als er? „Sagen die Kleinverbrecher, die ihre Finger in allen möglichen Untergrundgeschäften haben und beinahe einen Jugendlichen vergewaltigen."

„Für uns war er ein Fremder, aber wie Ihr mit eurem eigenen Blut umgeht, ist widerlich-" Weiter kam sie nicht, denn Satan verbrannte kommentarlos ihren Arm und sie versuchte erfolglos ihren Schrei zu unterdrücken. „Genug. Ich hatte einen nervigen Tag, also seid ihr ideal, um einiges an Frustration abzubauen. Meine Söhne können Eure Reste haben." Sein bösartiges Grinsen kehrte zurück, woraufhin er erneut eine Flamme in seiner rechten Hand auflodern ließ und amüsiert beobachtete, wie die Angst der Dämonen überhandnahm und sie mit zappeln begannen. „Ich bin noch unsicher, was ich zuerst tun werde...", sagte er langsam, die steigende Panik genießend. „Ich schwanke zwischen häuten, ausweiden, verstümmeln, verbrennen und fleischfressenden Parasiten..." Sein Blick wanderte zu der zitternden Sirene, die sofort ein verängstigtstes Wimmern ausstieß „Wobei...wie ging das Sprichwort der Sterblichen noch gleich? Wie du mir, so ich dir?~" Das würde Spaß machen.


Die Nacht, der nächste Tag und eine weitere Nacht kamen und gingen, an Schlaf war für Rin jedoch unmöglich zu denken gewesen. Er hatte den Großteil dieser Zeit zusammengerollt im Bett unter der Decke verbracht und niemanden sehen oder sprechen wollen. Die Heiler hatten sich glücklicherweise schnell um ihn gekümmert und von den Baal hatten sich bisher nur die drei ältesten blicken lassen, um nach ihm zu sehen. Glücklicherweise hatte Samael keine Sprüche diesbezüglich gebracht, wofür Rin mehr als dankbar war. Zwar war er ein Arsch, aber immerhin nicht ständig. Vaya war ebenfalls mehrmals gekommen, um ihm sein Essen zu bringen und hatte sich vorsichtig erkundigt, ob sie irgendetwas für ihn tun konnte. Rin verneinte, er war schon glücklich genug, dass es ihm erlaubt war, alleine in seinem Zimmer zu essen, anstatt mit dem Rest der Königsfamilie im Esszimmer. Das würde nur in einer Katastrophe enden. Es war schon schlimm genug gewesen, als er Egyn hatte erzählen müssen, was passiert war. Die Erkenntnis, dass er dort draußen alleine wirklich erledigt war und Satan und die Baal damit recht gehabt haben, hatte ihm sämtliche Zuversicht geraubt. Wie sollte er jemals von hier weg kommen? Der Nephilim bemerkte kaum, dass jemand an seine Tür klopfte, bis sie sich schließlich öffnete und Vaya eintrat, welche ihm erneut sein Essen brachte. „Hey...tut mir leid, dass ich wieder einfach rein gekommen bin, aber du hast nicht geantwortet.", entschuldigte sie sich leise und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Ihr Blick wanderte zum Tablett vom Vortag, welches noch halb voll war. Zwar hasste Rin es, Essen zu verschwenden, aber er hatte sich einfach nicht dazu bringen können, mehr zu essen. Folglich war er mehr als dankbar, dass sie es nicht kommentierte. Stattdessen zögerte sie und spielte ein wenig nervös mit einer Haarsträhne. „Ich weiß, du möchtest lieber deine Ruhe haben, aber du solltest langsam wirklich aufstehen. Lord Satan kommt bald und er wird nicht gerade begeistert sein, wenn er erfährt, dass du nur im Bett liegst und kaum etwas isst." Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Wahrscheinlich konnte es der Dämonengott nicht abwarten, ihm "Ich hab's dir ja gesagt!" an den Kopf zu werfen. Mitgefühl konnte er wohl kaum erwarten. „Was will er?", nuschelte er resigniert in sein Kissen und ließ die Geisterdämonin zögern. „Ich bin nicht ganz sicher, aber ich nehme an, es hat etwas mit dem...Zwischenfall zu tun. Wenn du nicht möchtest, dass er die Geduld verlierst, solltest du besser aufstehen."

„Soll er doch. Schlimmer kann es kaum noch werden.", murmelte der Nephilim, auch wenn ihm etwas sagte, dass er damit falsch lag. Vaya bestätigte dies sofort. „Doch kann es. Glaube mir, du willst es dir besser nicht mit verscherzen. Er mag gegenüber seinen Kindern nachsichtiger sein, aber das bedeutet nicht, dass es weniger...weh tun wird.", sagte sie leise, während sie näher an sein Bett herantrat. „Bitte, ich möchte nicht, dass dir etwas passiert. Mach es dir doch nicht noch schwerer." Der Nephilim antwortete nicht und blieb weiterhin unter seiner Decke, er hatte das Gefühl sich andernfalls nur zu entblößen und wieder angegriffen zu werden. Entsprechend erschrak er, als er spürte wie eine sich eine Hand leicht auf seinen Rücken legte. Mit einem erschrockenen Laut riss er die Decke hinunter, richtete sich auf und rutschte ein Stück weg. Die Dämonin schien nicht weniger überrascht, sie zog schnell ihre Hand zurück und errötete. „T-Tut mir leid, aber das muss sein. Oder willst du, dass Lord Satan dich aus dem Bett zieht?" Nein, das wollte er wirklich nicht. Es widerstrebte ihm, diesem Bastard auch nur einen Funken Schwäche zu zeigen, doch genau das tat er damit. „Na gut.", sagte er knapp und stand auf. Niemals im Leben würde er dem Dämonengott die Genugtuung geben, ihm am Boden zu sehen und niemals würde er so schnell einknicken! Vaya schien erleichtert und lächelte ihm aufmunternd zu, bevor sie ihn erneut alleine ließ und das Tablett vom Vortag mitnahm. Lustlos schleppte sich der Halbdämon in das Badezimmer, um zu duschen und sich anschließend anzuziehen. Zwar hatte er erneut keinen Hunger, doch zwang sich dennoch an den Tisch, wo er das Essen missmutig betrachtete. Es war nichts, was er kannte, aber da die Küche bisher nicht enttäuscht hatte, zögerte er nicht lange und begann zu essen. Dieses Mal schaffte er es, seinen Teller leer zu essen, gedanklich war er allerdings ganz woanders. Was wollte Satan von ihm? Wollte er, nun da der Nephilim am Boden war, weiter auf ihn eintreten, ihn verspotten oder war es ein ganz anderer Grund? Er war nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte. Fünf Minuten später öffnete sich seine Zimmertür und Rin musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. „Wie ich sehe, hast du dich endlich hochbewegt. Das wurde Zeit, ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dich aus dem Bett zu zerren.", kommentierte Satan. Rin ging nicht darauf ein, sondern stand auf und drehte sich um, den Blick des Dämonenherrschers erwidernd. „Was willst du?", fragte er säuerlich. Satan sollte einfach zum Punkt kommen, umso schneller konnte er all das hinter sich bringen. Der Dämonenherrscher schien für einen Moment überrascht, erholte sich allerdings schnell. Was er als nächstes sagte, erwischte Rin im kalten. „Willst du nicht niederknien? Dir ist sicher bewusst, dass du davon nicht ausgeschlossen bist, nur weil du mein Sohn bist." Er klang nicht zornig, im Gegenteil, eher amüsiert, aber dennoch schwang ein gefährlicher Unterton in seiner Stimme mit, die ihm sagte, dass er keine Witze machte. „Eher lasse ich mich für den Rest meines Lebens von Samael bekochen!", fauchte er und trat einige Schritte zurück, falls Satan auf die Idee kam, ihm wieder auf die Pelle zu rücken. Anstatt wütend zu werden, wie Rin es von dem älteren Dämonen erwartet hatte, lachte er. „Mutig. Willst du es drauf ankommen lassen?" Offenbar waren sie sich immerhin bezüglich Samaels miserabler Kochkünste einig. Ob er jemals von dem Zeitkönig vergiftet worden war? Fall ja, bereute Rin nur, nicht dabei gewesen zu sein, um es mit anzusehen und dass Satan es überstanden hatte. Da der Halbdämon nicht antwortete, sprach Satan weiter, nun wieder ernst. „Ich lasse es ein letztes Mal durchgehen, beim nächsten Mal solltest du besser Respekt zeigen."

„Beim Abendessen haben es die anderen auch nicht getan, als du reingekommen bist.", erwiderte Rin bissig und verfluchte sich im nächsten Moment selbst. Shiro und die Mönche hatten recht, eines Tages würde ihn sein vorlautes Mundwerk ins Grab bringen. Zu seiner Erleichterung wirkte Satan nicht wütend und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie waren überrascht von meinem plötzlichen Auftauchen, ich hatte einen anstrengenden Tag und wir waren unter uns, also habe ich darüber hinweggesehen. Wäre noch jemand anwesend gewesen, hätte ich das nicht. Jetzt komm, ich will dir etwas zeigen.", drängte er. Da der Nephilim keine andere Wahl hatte, setzte er sich widerwillig in Bewegung und verließ den Raum. Der Gang war leer, bis auf die beiden Wachen, welche wie immer vor seiner Tür standen. Weder er noch Satan achteten auf sie und machten sich auf den Weg zu was auch immer er sich ansehen sollte. Keiner der beiden sprach, während der Weißhaarige ihn durch mehrere Gänge und über verschiedene Treppen führte. Schon wie vor einigen Tagen, als er mit den Dämonenkönigen hier lang gegangen war, trafen sie auf Wächter, Bedienstete und Sklaven, mit dem Unterschied, dass sie Satan noch mehr fürchteten und entsprechend auf Abstand blieben. Verbeugen oder niederknien taten sie alle und ihn beschlich das Gefühl, dass es übel enden würde, wenn es jemand nicht tat, selbst wenn Satan ihnen offenbar keine Beachtung schenkte. Außerdem spürte er weitaus weniger Blicke auf sich, als beim letzten Mal, was vermutlich ebenfalls der Anwesenheit seines Vaters zuzuschreiben war. Ob die Dämonen inzwischen wussten, wer er war? Wenn sie zumindest einen Funken Verstand besaßen, müssten sie es sich zusammenreimen können, immerhin führte Satan sicher nicht regelmäßig irgendwelche Jugendliche durch seinen Palast. Allmählich wurden die Gänge leerer, sowie Dekorationen und Möbel spärlicher. Zudem nahm die Anzahl der Fenster ab, bis schließlich alles nur noch von Fackeln erleuchtet wurde. Rin unterdrückte ein Zittern, als die Luft merklich kühler wurde und es immer weiter nach unten ging. Inzwischen müssten sie weit unter der Erde sein, was wollte Satan ihm nur zeigen? Sein schlechtes Gefühl verstärkte sich, als sie in einem langem Gang mit mehreren schweren Holz- und Metalltüren standen. Irgendetwas sagte ihm, dass das hier kein einfacher Keller war. Sie liefen durch mehrere Gänge und Türen, wobei Rin auffiel, dass Wachen wieder häufiger anzutreffen waren. Als er einen kurzen Blick in einen der offenen Räume erhaschte, wurde ihm endlich bewusst, wo sie waren und er hielt ruckartig an. Sie waren in einem Verlies und es gab verdammte Foltergeräte! Wollte Satan ihn hier einsperren oder gar irgendwelchen Gefangenen vorwerfen? Folter war natürlich ebenfalls eine Option und ließ ihn mehrere Schritte zurückweichen. Am liebsten wäre er umgedreht und den Weg zurückgerannt, aber wusste, dass er kaum weit kommen würde. „Jetzt hab dich nicht so, ich habe nicht vor, dich einzusperren oder zu foltern.", hörte er Satan sagen, aber sein Gesicht verzog sich kurz darauf zu einem Grinsen. „Zumindest noch nicht." Nicht wirklich beruhigt, doch wissend, dass er kaum eine Wahl hatte, ging er weiter und ließ Satan dabei nicht aus den Augen. Schließlich standen sie vor einen Metalltür, welche offenbar ihr Ziel war. Dem Nephilim wurde immer unwohler. Wollte Satan ihm etwa zeigen, was ihm blühen würde, wenn er nicht spurte? Mit einem unheilvollen Quietschen schwang die Tür auf und er wurde in die Zelle geschoben. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn zurückweichen, wobei er gegen seinen Vater stieß, was er allerdings kaum bemerkte. Gegen seinen Willen begann er zu zittern, konnte den Blick dennoch nicht abwenden. Vor ihm, blutüberströmt und verwahrlost, waren die sechs Dämonen aus den Slums, nur war von ihrer Selbstsicherheit nichts mehr zu sehen. Die Sirene (er hatte inzwischen erfahren, dass sie eine war) und zwei der männlichen Dämonen schrien bei Satans Anblick auf, während der Rest unkontrolliert zitterte und versuchte, möglichst weit weg zu kommen, was die Ketten natürlich verhinderte. Noch nie zuvor hatte er so verängstigte Gesichter gesehen. Sie sahen aus, als hätten sie einen Jahresaufenthalt im Fegefeuer hinter sich! „Was...? Warum...?", setzte er an und stockte, nicht sicher, was er empfand. Zwar wurden sie für ihre Vergehen bestraft, doch sowas ging zu weit! Sie hatten das nicht verdient- „Doch das haben sie und das weißt du ganz genau!", hörte er eine leise Stimme in seinem Kopf flüstern, welche weder zu Satan noch den Baal gehörte. Es war seine eigene. Normalerweise wäre er geschockt, plötzlich eine Stimme zu hören, nur war er zu überrumpelt, um darauf zu achten. „Überrascht? Dachtest du wirklich, dass wir sie einfach so davon kommen lassen würden?", hörte er den Dämonenherrscher fragen und zuckte zusammen, als er ihm von hinten die Hände auf die Schultern legte, aber versuchte nicht, sie wegzuschlagen. Irgendwie hatte es eine beruhigende Wirkung, so lächerlich es klang. „Warum habt ihr das getan?", fragte er seinen Vater leise, ohne sich umzudrehen. „Was bringt das-?"

„Diese Dämonen haben versucht, sich an dir zu vergehen.", zischte Satan und für einen Moment verstärkte sich der Griff um seine Schultern, doch nicht genug, um schmerzhaft zu sein. „Das ist mehr als Grund genug. Niemand vergreift sich an meinen Kindern!" Beinahe wäre Rin davon berührt gewesen, bis ihm einfiel, mit wem er es zu tun hatte. Satan hatte bereits deutlich gemacht, dass er ihn und die Baal zwar als seine Kinder, aber auch als Eigentum ansah. Wahrscheinlich war er nur angepisst, weil sich jemand an seinem Besitz vergriffen hatte. „Ist es wirklich so schwer zu glauben, dass ich mich um dich sorge? Es ist immerhin Aufgabe der Eltern ihre Kinder zu schützen, oder etwa nicht?" Der Halbdämon schluckte, natürlich hatte er wieder mal die Sache mit dem Gedanken lesen vergessen. Zwar hatte der Dämonenherrscher mit dieser Aussage recht, doch dass er wirklich nur ein sich sorgender Vater war, würde er ihm nie abkaufen. „Du hast vorhin erst angedeutet, dass ich hier unten lande werde, wenn ich mich nicht benehme und Egyn hast du als Kind in einer Wüste ausgesetzt. Fällt mir also schwer zu glauben.", antwortete er schnell und ließ den älteren Dämon seufzen. „Ich habe sie teilweise zu sehr verwöhnt, also waren derartige Maßnahmen nötig, um sie abzuhärten und ihnen Überleben beizubringen und wie man sieht, hat es nicht geschadet." Rin war da anderer Meinung, immerhin waren sie nicht gerade, was man als geistig gesund bezeichnen würde, aber er hielt lieber den Mund. „Und Disziplinierung und Bestrafungen gehören genauso dazu, also beschwer dich nicht ständig. Doch genug davon." Sein Blick wanderte zu den Gefangenen, welche noch immer keinen Laut von sich gegeben hatten und abwarteten, was passieren würde. „Deine Brüder und ich haben, wie du siehst, bereits ein wenig...Vorarbeit geleistet, aber ich denke, es ist nur fair, wenn du ebenfalls deine Gelegenheit bekommst, es ihnen heimzuzahlen, nicht wahr?" Der Nephilim schluckte, ihm gefiel absolut nicht, in welche Richtung sich dieses Gespräch entwickelte. „Du kannst mit ihnen tun, was du willst. Brich ihnen die Knochen, verstümmle oder verbrenne sie, mir ist es gleich. Wir sorgen schon dafür, dass sie schön weiterleben, immerhin soll ihre Strafe nicht so schnell vorbei sein." Rin schaute ihn über seine rechte Schulter entsetzt an. „Du willst, dass ich sie foltere?! Das kann ich nicht! Das ist...falsch!" Dies ließ Satan nur schnauben und die Abneigung in seiner Stimme, als er mit sprechen begann, war deutlich. „Ach, und wer sagt das? Die Gesetze in Assiah? Die Ritterschaft? Ha! Die sind genauso! Sie alle reden davon, dass es falsch ist und nicht geduldet werden kann, aber tun es selbst und warum auch nicht? Es ist die einfachste Möglichkeit an Informationen zu kommen, zu bestrafen und zu demonstrieren, dass man die Oberhand und Ungehorsam Folgen hat. Außerdem ist es wesentlich unterhaltsamer als man denkt. Es gibt so viele Möglichkeiten andere zu quälen und du hast die komplette Macht über sie. Was gibt es daran nicht zu mögen?" Rin spürte, wie bei seinen Worten Übelkeit in ihm aufstieg. Wie konnte man Spaß daran haben, anderen zu schaden? Unwillkürlich erinnerte er sich an Shiratori, welcher Freude daran gehabt hatte, Tauben zu töten und wie er keine Reue deswegen gezeigt hatte. Das war an sich schon schlimm genug, aber das hier übertraf seine übelsten Vorstellungen. „Alles!", rief er und wollte sich rumdrehen, um die Zelle zu verlassen, doch Satan zog ihn zurück und zwang ihn, sich wieder an die Dämonen zu wenden. „Begreife endlich, dass du nicht mehr in Assiah bist!", wurde ihm ins Ohr gezischt. „Hier gelten andere Gesetze, der Starke lebt, die Schwachen sterben. Du hast das Potenzial, zu den mächtigsten Wesen Gehennas zu gehören, aber deine ewige Sturheit hält dich davon ab! Vergiss, was du in Assiah gelernt hast und vergiss vor allem deine lächerlichen Moralvorstellungen. Was haben sie dir bisher gebracht? Hast du jemals irgendetwas durch Güte erreicht? Nein, natürlich nicht." So sehr der Nephilim die Worte seines Vaters ignorieren wollte, ein Teil musste zustimmen. In der Vergangenheit hatte es ihm selten gebracht, nett zu anderen zu sein, er hatte kaum etwas dafür zurückbekommen. Für die meisten war er einfach nur ein Dämon gewesen und die Ritterschaft fürchtete ihn noch immer und wollte ihn zum großen Teil tot sehen, obwohl er nichts für seine Herkunft konnte. Kaum hatte er das gedacht, schüttelte er den Kopf. Das stimmte nicht, er hatte nicht immer den Kürzeren ziehen müssen. Shura und seine Freunde hatten ihn für das akzeptiert, was er war und sogar ihr Leben für ihn gegeben. „Und was hast ihnen das gebracht?", unterbrach der Dämonenherrscher. „Nichts, außer einen schmerzvollen Tod und schon bald wird sich keiner mehr an ihre Namen erinnern. Sie sind der beste Beweis. Hätten sie sich um sich selbst gekümmert, wären sie niemals in Gehenna gelandet, sondern noch am Leben." Als Rin nicht antwortete, lachte er und lehnte sich grinsend noch weiter nach vorne. „Was, strafst du mich jetzt mit Schweigen? Du verhältst dich wie ein trotziges Kind. Leugne es ruhig, aber tief in deinem Innerem weißt du, dass ich recht habe." Rin begann zu zittern, woraufhin Satan noch mehr grinste, was er natürlich nicht sehen konnte. „Es ist höchste Zeit, das hinter dir zu lassen, meinst du nicht auch? Dein ganzes Leben lang hat man auf dich herabgesehen, dich beschimpft, beleidigt und für alles die Schuld gegeben. Die Exorzisten wollten dich sogar töten, obwohl du nichts für deine Herkunft konntest und bist nur dank Samaels schnellem Denken verschont wurden, aber tot will man dich immer noch sehen. Die Exorzistenprüfung ohne vorheriges Wissen über Dämonen mit nur einem halben Jahr Training bestehen? Sie wollten, dass du versagst." Die Worte des Dämonenherrschers schienen in Rins Verstand zu sickern und sich dort festzukrallen, wo sie langsam Zweifeln verbreiteten. Eins musste man Satan lassen, er wurde seinem Ruf als Verführer mehr als nur gerecht. Allerdings schien er nun genug zu haben, denn er zog Rin noch näher zu sich, sodass er noch näher an seinem Ohr war. „Deine Naivität und Sturheit waren zu Beginn noch unterhaltsam, aber meine Geduld hat seine Grenzen! Löse dich endlich von den Menschen und akzeptiere, was dir bestimmt ist. Dein Platz ist an meiner Seite, du und deine Brüder sind nach mir die mächtigsten Dämonen Gehennas und ich werde keine Schwäche akzeptieren! Wie lange willst du dich noch von den Menschen manipulieren und ausnutzen lassen? Wie lange willst du noch immer derjenige sein, der klein bei geben und sich nach den Erwartungen irgendwelcher dummen Menschen richten muss? Sie wissen nichts über dich oder über dein Menschen, was gibt ihnen das Recht über dich zu richten? Es liegt jetzt bei dir: Willst du dich weiter rumschubsen und demütigen lassen oder willst du endlich los lassen, deine vollen Kräfte annehmen und deinen Platz als mein Sohn und Dämonenprinz Gehennas einnehmen?" Langsam schüttelte Rin den Kopf. Natürlich wollte er sich nicht mehr rumschubsen lassen und stärker werden, aber was es wirklich den Preis wert? Satan schien seine Zweifel zu bemerken, denn er fuhr damit fort, ihm Verführungen zuzuflüstern. „Komm, die Entscheidung ist nun wirklich nicht schwer. Ich habe nicht gelogen, als ich dich in deinen Träume besucht habe. Die Menschen werden dich niemals verstehen, für sie bist du nur ein Monster, eine Laune der Natur, die vernichtet gehört. Willst du das wirklich auf dir sitzen lassen? Willst du dich für immer von Angst, Selbstzweifeln und deinen eigenen Flammen kontrollieren lassen? Sicher nicht. Ich kann dir dabei helfen, deine Kräfte zu kontrollieren und dein wahres Potenzial auszuschöpfen. Du wirst Macht haben, man wird dich respektieren und fürchten und du kannst alles haben, was du möchtest. Vor allem wirst du jedoch nie wieder allein sein. Wir achten aufeinander, deine Brüder und ich werden dich unterstützen, leiten und beschützen. Solange wir da sind, wird niemand an dich herankommen und du kannst ein angenehmes Leben führen. Alles was du dafür tun musst, ist mir zu gehorchen und zu tun, was man dir sagt. Ausnahmsloser Gehorsam gegen eine Familie, Macht und alles was du sonst noch möchtest. Das klingt nach einer mehr als fairen Abmachung, meinst du nicht auch?"

Ohne es zu wollen, nickte Rin und erschrak vor sich selbst. Wie konnte er zustimmen?! Allerdings musste er zugeben, dass es wirklich nicht schlecht klang. Endlich würde man ihn akzeptieren, ihn nicht länger als Monster sehen und er könnte eine Familie haben. Aber war es wirklich den Preis wert? Wenn er ja sagte, verkaufte er sich an den Teufel. Dennoch konnte er nicht anders, als sich all die Möglichkeiten vorzustellen. „Siehst du? Allein dein Zögern zeigt, dass du mir zustimmst.", flüsterte Satan und man konnte heraushören, dass er grinste. „Es ist wirklich nicht schwer, du musst nur den ersten Schritt tun.~" Der Halbdämon wusste sofort, was gemeint war und sein Blick fiel auf die Dämonen vor ihnen, die nach wie vor kein Wort hervorbrachten. Wahrscheinlich hatten sie zum größten Teil gar nicht verstanden, was der Dämonengott ihm zugeflüstert hatte, aber sie wussten, dass sie in großen Schwierigkeiten steckten. Nun das er sie zum ersten Mal richtig ansah, wurde ihm bewusst wie ruchlos Satan und die Dämonenkönige vorgegangen waren. Einer der Dämonen war blind und hatte mehrere Brandnarben im Gesicht, aber er war nicht der einzige. Auch der Rest hatte einiges durchmachen müssen und war offenbar zu erschöpft, um sich zu heilen. Sie alle hatten schwere Verbrennungen, Verstümmlungen, bluteten aus mehreren Wunden und er war sich ziemlich sicher, einige offene Brüche zu erkennen. ‚Das haben sie wirklich wegen mir getan...' Er sollte wohl glücklich sein, dass sie bezahlt hatten und ein Teil von ihm, hätte gerne weiter gemacht, aber schlussendlich schüttelte er den Kopf. „Nein!", sagte er mit überrascht gefasster Stimme. „Ich bin kein Mörder und ich werde sie auch nicht foltern! Ansonsten wäre ich nicht besser als sie!" Der Dämonenherrscher schnaubte und verstärkte seinen Griff, sodass Rin zusammenzuckte. „Dann bist du ein naiver Idiot!", zischte er. „Du hast es dort draußen am eigenen Leib gespürt: Alleine kommst du nicht zurecht, du brauchst uns und du dich musst endlich anpassen. Ansonsten können wir dich gerne in den Slums aussetzen, bis du es gelernt hast." Seine Worte ließen den Magen des Nephilims verkrampfen, aber er zwang sich zu schweigen, bis Satan seufzte. „Na gut, dann ein andern Mal. Schau heute einfach zu." Bitte was?! Rin versuchte sich erneut aus dem Griff des älteren Dämonen zu befreien, dieses Mal erfolgreich und drehte sich um, den Dämonengott mit großen Augen anstarrend. „Das kann nicht dein Ernst sein!"

„Entweder das oder du tust es selbst. Deine Entscheidung.", antwortete Satan knapp. „Deine Brüder habe ich schon zusehen lassen, als sie wesentlich jünger als du waren, hin und wieder durften sie bestimmen, wie Verbrecher getötet werden und mussten es später selbst tun. Ich sehe kein Problem." Inzwischen überraschte ihn dies nicht mal mehr. „Na gut.", presste er hervor, auch wenn ihm absolut nicht wohl dabei war. Zuzusehen war wohl immer noch besser, als selbst jemanden zu foltern.


Rin lernte schnell, wie daneben er damit lag. Zuzusehen war nicht mal ansatzweise einfach, zumal Satan ihn gezwungen hatte, sich jede Sekunde anzusehen. Entgegen dem, was er erwartet hatte, waren einige der Dämonenkönige hinzugekommen und hatten das Foltern übernommen. Da Egyn und Amaimon nicht dabei gewesen waren, hatte er sich nach ihnen erkundigt und es bereut. Laut Satan saßen sie noch ihre Strafe ab und er wollte wirklich nicht wissen, was diese genau beinhaltete. Endlich durfte er zurück in sein Zimmer, wo er sich sofort auf sein Bett fallen ließ, nicht sicher, was er denken oder empfinden sollte. Er hatte nicht gewusst, dass Dämonen so viele Schmerzen erdulden und Blut verlieren konnten, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Mehrmals hatte er sich bemühen müssen, seinen Mageninhalt unten zu behalten. Wenn er an Folter dachte, rechnete eher mit Schlägen, Knochenbrüchen und Schnitten, aber offenbar gab es noch so viele weitere Möglichkeiten. So oder wollte er nie wieder Zeuge von so etwas sein, schon allein, weil er einfach nicht die Schreie vergessen konnte. Was als nächstes mit ihnen passieren würde, war noch nicht klar, aber wahrscheinlich würden sie schlussendlich sterben. Als er hörte, wie sich die Zimmertür öffnete, setzte er sich schnell auf. Konnten Satan und die Dämonenkönige nicht einmal anklopfen?! Es war Astaroth, welcher sofort zum Punkt kam. „Vater will dich nochmal sehen, er wartet in seinen Gemächern. Ich soll dich hinbringen."

„Warum?", fragte der Nephilim sofort, woraufhin der Verwesungsdämon die Augen verdrehte. „Wirst du gleich sehen. Jetzt komm, ich hab noch zu tun." Da er keine Lust hatte, sich von dem Baal durch die Gänge zerren zu lassen, stand er auf und trottete lustlos auf ihn zu. Satans Gemächer lagen zusammen mit Rins und denen der Dämonenkönigen auf einem Flur, sodass sie nicht allzu weit laufen mussten. Astaroth klopfte an (‚Ach, da tut er es?!', empörte sich Rin gedanklich.) und öffnete die Tür, nachdem er eine Antwort erhalten hatte. Der Raum diente offenbar als Wohnzimmer, mit drei Türen, welche in weitere Zimmer führten. Das Farbschema war mit dem im restlichen Palast identisch, was nicht weiter überraschte. Ein riesiger Kamin dominierte den Raum, zudem gab es mehrere Sofas, Sessel, einen Tisch und einiges an wahrscheinlich äußerst wertvollen Dekorationen wie Gemälden, Statuen und anderen Gegenständen. Vom Dämonengott war allerdings nichts zu sehen, nur Azazel lehnte an einer Wand und starrte offenbar in Gedanken in die blauen Flammen des Kamins. „Vater kommt gleich.", sagte er, ohne Rin oder Astaroth anzusehen. Der jüngere Baal grummelte etwas vor sich hin und ließ sich auf eins der Sofas fallen, während Rin lieber stehen blieb. Eine unangenehme Stille herrschte, doch der Nephilim durchbrach sie nicht. Worüber sollte er sich auch mit ihnen unterhalten? "Oh, ihr könnt aber gut foltern!" Wohl kaum. Außerdem schien keiner von beiden wirklich auf ihn zu achten. Azazel war kurz vorm einnicken und Astaroth wirkte genervt. ‚Warum sind sie hier? Astaroth hatte gesagt, dass er zu tun hat und Azazel sitzt hier sicher nicht aus Lust an der Laune.', überlegte Rin mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie darauf anzusprechen, doch überlegte es sich anders. Sie würden sowieso keine Antwort geben. Die öffnende Tür ließ alle aufsehen und Astaroth aufstehen. Bevor einer von den dreien etwas tun oder sagen konnte, begann Satan bereits zu sprechen. „Ich habe noch einiges zu tun, also bringen wir es schnell hinter uns. Kommt mit." Ohne weitere Erklärung öffnete er eine der Türen und betrat das Zimmer dahinter, Rin und die Baal folgten. Es war Satans Schlafzimmer, aber der Nephilim achtete nicht weiter darauf, er zerbrach sich den Kopf, was der ältere Dämon wohl von ihm wollte. Dieser wandte sich an ihn und ließ ihn zusammenzucken. „Zieh dein Oberteil aus." Stille herrschte, in denen der Nephilim den Dämonenherrscher entgeistert anstarrte und sogar die Baal schienen von seiner Direktheit überrascht. „Vergiss es!", fauchte er schließlich und wich einige Schritte zurück, während langsam Panik in ihm hochkam „Das kann nicht dein Ernst sein!"

„Ich hasse es, mich zu wiederholen. Zieh. Es. Aus.", zischte Satan gefährlich. „Erst wenn du mir sagst, weswegen!", erwiderte Rin, noch einige weitere Schritte zurücktretend. Wollte er ihn bestrafen, weil er sich geweigert hatte, diese Dämonen zu foltern oder wollte er ihn einfach nur demütigen? „Ich will dir eine Siegeltätowierung geben, das ist alles."

„Eine was?!"

„Eine Siegeltätowierung.", sprang Astaroth ein. „Damit nicht nochmal sowas wie in den Slums passiert." Noch immer schaute Rin verwirrt drein und Azazel seufzte. „Jeder von uns hat sein eigenes Siegel, das uns auch eintätowiert worden ist. Damit können wir beispielsweise beweisen, wer wir sind."

„Da du kein eigenes Siegel hast, werde ich meins einbrennen. Damit solltest du in Zukunft deine Ruhe haben, weil jeder erkennen wird, dass du unter meinem Schutz stehst und es erleichtert es mir, dich aufzuspüren.", erklärte nun Satan. Rin war damit jedoch alles andere als einverstanden. Er sollte sich Satans Siegel auf die Haut brennen lassen, wie Vieh, das ein Brandzeichen von seinem Besitzer bekam und obendrein war es noch eine Art Peilsender?! „Vergiss es, das lasse ich nicht mit mir machen!", zischte er, was die beiden Baal die Augen verdrehen ließ. „Wir haben selbst welche bekommen, als wir jünger waren und wie man sieht, hat es nicht geschadet.", warf Azazel ein. „Bei unserer Krönung wurde es dann mit unserem eigenem Siegel ersetzt, ist also halb so schlimm." Noch immer machte Rin keine Anstalten, sich zu bewegen und er überlegte, ob er es wohl zur Tür schaffte, bevor einer der drei ihn erreichen konnte. Höchstwahrscheinlich war die Antwort darauf nein. Satan hatte nun die Geduld verloren und griff zu anderen Methoden. „Zieh dein Oberteil aus.", befahl er erneut, dieses Mal mit einer Suggestion. Bevor Rin die Chance hatte, dagegen anzukämpfen, bewegte sich sein Körper von selbst und kam der Aufforderung nach. Satan nickten dann den beiden Baal zu, die sich den Nephilim griffen und zum Bett zerrten. Sie stießen ihn darauf und hielten ihn unten, während Rin wie von Angst gelähmt war. ‚Du bist nicht dort, du bist weit weg von ihnen...Sie werden das nicht tun...', dachte er panisch, aber sein Puls raste und seine Atmung wurde immer schneller, bis er sich nicht mehr zusammenreißen konnte, und damit begann zu schreien und um sich zu schlagen. Er wollte das nicht, er wollte nicht angefasst werden, er wollte nicht-

„Das reicht jetzt.", donnerte Satan und ließ sowohl Rin als auch die Dämonenkönige zusammenzucken. Zwar riss es ihn aus seiner Panikattacke, aber das änderte nichts daran, dass er mit freien Oberkörper auf Satans Bett lag und von zwei Dämonen unten gehalten wurde. Rins Aufmerksamkeit galt nun dem Dämonengott, der sich mit schnellen Schritten nährte. „Halt still, je mehr du dich bewegt, umso länger dauert es und umso schmerzhafter wird es.", wies er ihn an, während er eine Flamme in seiner Hand erschienen ließ. Rin sah ein, dass es keinen Ausweg gab, außer er hatte so viel Glück und Satan musste ganz plötzlich weg. Er versuchte ruhig zu bleiben und regelmäßig zu atmen, aber die Art und Weise, wie er unten gehalten wurde, während jemand auf ihn zukam, erinnerte ihn zu sehr an sein Erlebnis in den Slums. Seine Unruhe stieg, als Satan eine Hand auf die Stelle legte, wo sein Herz war. Dann, ohne Vorwarnung, kam der Schmerz. Er war nicht unerträglich, eher sehr unangenehm, aber er konnte ein Zusammenzucken sowie einen erschrockenen Laut nicht unterdrücken. „Halt still!", erinnerte Astaroth ihn und erhielt einen giftigen Blick dafür. Leichter gesagt als getan! Er versuchte sich abzulenken, indem er an möglichen Dinge dachte, so absurd sie auch waren. Es ging sogar so weit, dass er gedanklich irgendwelche Dinge, die er im Exorzismusunterricht gelernt hatte, aufzählte und sich schließlich fragte, ob das hier wirklich als Tätowierung galt, da es immerhin eingebrannt und nicht gestochen wurde. Stressbewältigung war noch nie seine Stärke gewesen. Dummerweise wurde das Brennen immer schlimmer, sodass er eine Menge Überwindung brauchte, um still zu halten. Nach einer gefühlten Ewigkeit war es endlich vorbei und Satan zog seine Hand zurück. Die Baal ließen ihn ebenfalls los, sodass er sich langsam aufsetzen konnte. Hart schluckend sah er an sich herunter und tatsächlich, auf seiner linken Brust war nun ein unbekanntes Zeichen zu sehen, welches sich langsam in ein dunkles blau verfärbt. Ein wenig zögerlich strich er mit seinen Fingern darüber und war überrascht davon, nichts zu spüren. Es war genauso glatt wie vorher, als wäre es ein Teil seiner Haut. Nur eine leichte Wärme verriet, wo die Linien entlang gingen, verschwand jedoch stetig. „Bringt ihn zurück in sein Zimmer und kommt dann wieder her. Ich habe eine Aufgabe für euch." Ohne Rin noch einmal anzusehen, ging Satan aus dem Zimmer. Der Nephilim zog sich stumm an, nicht sicher, was er denken sollte. Mit dieser Tätowierung hatte Satan ihn noch mehr unter Kontrolle als jemals zuvor. Er zuckte zusammen, als Azazel ihm etwas entgegen hielt. Es war eine Dose. „Falls es anfängt zu brennen oder sonst irgendwie schmerzt, trage einfach etwas davon auf, dann wird es schnell verschwinden." Langsam nickend nahm er die Dose entgegen und leistete keinen Widerstand, als er aus dem Zimmer geschoben wurde. Bis zum Abendessen würde er hoffentlich seine Ruhe haben.


Egyn lag auf einem Bett und konnte sich weder bewegen, noch richtig Luft holen. Er wusste nicht, was los war oder wo er sich befand, er sah nur eine Person über sich, die ihn unten hielt. Zwar wusste er nicht wer es war oder was sie wollte, aber in ihm machte sich eine starke, unerklärbare Angst bemerkbar. „Bitte...tu das nicht! Du kannst nicht-" Die Worte blieben ihm im Hals stecken und sein Körper zitterte. Was ging hier vor? Er glaubte, sein Zimmer zu erkennen, aber alles war seltsam verschwommen und erkannte nur einige Bruchstücke. Er hörte eine Stimme, aber sie klang leise und verzerrt. War das ein Traum oder war es echt? „Egyn?", hörte eine weitere Stimme, klarer als der Rest, aber dennoch weit weg. „Egyn, jetzt wach auf, verdammt!"

‚Moment, aufwachen?!', damit verschwamm alles und er fuhr hoch, endlich wach. Schwer atmend sah er sich und erkannte sein Zimmer und Iblis, welcher ihn besorgt ansah. War er nicht zuvor woanders gewesen? „Hey, ist alles ok?", hörte er den Feuerdämonen fragen. Er antwortete nicht, sondern presste eine Hand gegen seine Stirn. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren! ‚Ich...Ich war woanders...Vater hatte Amaimon und mich bestraft und ich bin wohl ohnmächtig geworden...'

„Hey, Gehenna an Egyn, geht's dir gut? Soll ich einen Heiler holen?", fragte Iblis erneut, sichtlich besorgt. Dieses Mal nickte er langsam, noch immer ein wenig benebelt. „Ja...ich hatte nur einen seltsamen Traum...und mein Kopf bringt mich um...", murmelte er, die Augen zusammenkneifend, als der Schmerz zunahm. „Ok, warte kurz..." Er hörte wie Iblis aufstand und kurz den Raum verließ, dann das Geräusch von fließendem Wasser und er kam mit einem Glas in der Hand zurück. Die Flüssigkeit darin war leicht rosa und war nur allzu vertraut. Sowohl er als auch der Rest seiner Geschwister benutzten es des Öfteren. „Hier. Kommst du hoch?" Der Wasserdämon nickte stumm und wollte sich aufsetzen, aber zuckte zusammen, als sein ganzer Körper mit Schmerz protestierte. ‚Scheiße...jetzt tut sogar liegen weh...', dachte er frustriert und startete einen weiteren Versuch, dieses Mal erfolgreich. Als ob er sich von Schmerzen aufhalten lassen würde! Stumm nahm er das Glas an und trank einige Schlucke. Der Schmerz in seinem Kopf verschwand beinahe sofort, doch der in seinem Körper blieb unverändert. Dieses verdammte Pulver half aber auch wirklich nur bei Kopfschmerzen und Einschlafproblemen! Während der Schmerz nachließ, fiel ihm endlich ein, dass er ja eigentlich wütend auf seinen älteren Bruder war und schaute ihn entsprechend an. „Was willst du hier?", fragte er und gab sich keine Mühe, die Abneigung darin zu verbergen. „Luzifer hat mir von der Sache mit Rin erzählt und dass Amaimon und du von Vater bestraft wurdet. Er hatte mich sowieso herbeordert, also wollte ich gleich nach euch sehen." Egyn schnaubte abfällig und verschränkte die Arme. „Ach, jetzt machst du dir Sorgen und bist so gnädig mal vorbeizuschauen? War sicher nicht leicht, dein neustes Haustier zurückzulassen oder hast du sie mitgenommen?", fragte er schnippisch. Iblis schien für einen Moment von seiner Feindseligkeit überrascht, dann verdrehte er die Augen und schüttelte genervt den Kopf. „Ernsthaft? Du fängst wieder damit an? Wir haben drüber geredet, mehr gibt es kaum zu sagen. Sonst kümmert es dich auch nicht, wen ich flach leg." Oh Nein, so leicht würde er ihn nicht davon kommen lassen! Der jüngere Baal schnaubte abfällig und schaute demonstrativ in die entgegensetzte Richtung. Iblis sollte wissen, dass eine einfache Entschuldigung dieses Mal nicht reichen würde. „Seit sie bei dir gelandet ist, lässt du dich nicht mehr blicken! Du ignorierst meine Anrufe, meine Nachrichten und schaltest dein Handy aus-"

„Weil du mich damit überflutet hast und ich nicht mal mehr in Ruhe duschen gehen konnte!", konterte Iblis, doch Egyn sprach weiter, als hätte er nichts gesagt. „Was findest du überhaupt an ihr?! Frauen gibt es wie Sand am Meer, da brauchst du keine Sterbliche und erst recht keine Exorzistin! Die wird dich nur im Schlaf ermorden oder irgendwie ausnutzen!" Dieses Mal war es Iblis, der abfällig schnaubte. „Oh bitte, hälst du mich wirklich für so dumm? Ich lasse mich ganz sicher nicht von einer ehemaligen Exorzistin ausnutzen."

„Trotzdem!", knurrte der Wasserdämon und stand langsam auf, was mit seinen zittrigen Beinen nicht einfach war. Iblis versuchte ihm zu helfen, doch er schlug seine Hand weg. „Fass mich nicht an!", fauchte er. „Das ist alles deine Schuld!"

„Meine?!", echote Iblis wie vom Donner gerührt. Er hatte sofort begriffen, was er meinte. „Warum sollte es meine Schuld gewesen sein?! Ich hatte mit der Sache in den Slums nicht zu tun, ihr habt doch in Vaters Namen die Dämonen beauftragt und für eure Strafe kann ich genauso wenig!"

„Wärst du da gewesen, hätte ich nicht mit Amaimon los gehen müssen! Wir haben Rin nur aus den Augen verloren, weil er abgelenkt war und mich damit durcheinander gebracht hat! Du weißt genau, wie er ist! Er hat die Aufmerksamkeitsspanne eines Fisches!", rief er frustriert. Er mochte Amaimon, wirklich, aber er hasste es, bei solchen Dingen mit ihn zusammenarbeiten zu müssen. Es war, als würde er den Babysitter für ein zu groß gewachsenes Kleinkind, das Erdbeben auslösen konnte, spielen! „Woah, ich konnte nun wirklich nicht ahnen, dass es so nach hinten los gehen würde! Abgesehen davon hatte ich einiges zu tun und bin nicht nur wegen Shura zurück.", verteidigte sich der Feuerdämon schnell, aber dies ließ Egyn nur noch wütender werden. „Oh, jetzt nennst du sie schon beim Vornamen? Niedlich. Und zur Dämonin hast du sie auch gemacht."

„Hätte ich es nicht getan, wäre sie wahrscheinlich nach ein paar Minuten tot gewesen."

„Na und?! Seit wann kümmert es dich, wenn sie schlapp machen?! Dann stirbt sie eben, du wirfst sie den Ghulen vor und Überraschung, alleine in Gehenna sind Millionen weitere, die du dir nehmen kannst! Du magst sie, gib es zu!" Egyn war sich sicher, dass es so war, auch wenn er es nie für möglich gehalten hätte, dass sein Bruder jemals so tief sinken würde. Eine andere Erklärung gab es allerdings nicht! Warum war er sonst so besessen von dieser Exorzistin?! „Ernsthaft? Hat Vater dir zwischenzeitlich den Schädel zertrümmert oder wo kommt dieser Mist her?", knurrte Iblis. „Warum sollte ich mich eigentlich rechtfertigen müssen? Du bist mein Bruder, nicht mein Partner!" Egyn starrte ihn nur finster an, woraufhin er ein wenig genervt weitersprach. „Ja, ich finde sie ganz interessant und werde sie etwas länger behalten, aber das war's. Als ob ich mich jemals auf was festes einlassen würde." Da Egyn nichts sagte, fuhr er seufzend fort. „Hey, ist ja nett, dass du dir Sorgen machst, aber ich bin alt genug. Ich bin sogar älter als du-"

„Wir sind Zwillinge.", erinnerte Egyn ihn trocken.

„Ich war zuerst da."‚ argumentierte Iblis.

„Ach, nur weil du vielleicht sechs Minuten früher raus geplatscht bist, oder was?!"

„Ganz genau. Ich komme jedenfalls mit ihr klar. Vater hat es auch erlaubt, es gibt also keine Probleme."

„Aber warum?! Du bist du in den letzten Monaten immer distanzierter geworden und hast behauptet, viel zu tun zu haben, aber für sie hast du Zeit?! Hast du genug von mir?", hakte Egyn nach und ließ Iblis erneut seufzen. „Du verhältst dich wie ein kleines Kind. Ich habe einfach viel zu tun und kann nicht mehr jede Sekunde mit dir verbringen. Shura sehe ich in der Regel nur abends oder nachts, also weniger als dich oder die anderen. Also nein, ich habe nicht genug von dir und ich lasse dich nicht alleine."

„Das hast du aber, dabei hast du versprochen mich nie allein zu lassen...", murmelte Egyn leise und wich erneut seinem Blick aus. Es mochte albern klingen, aber seit dem Tag ihrer Geburt hatten sie so gut wie jeden Tag ihres Lebens zusammen verbracht und wenn sie einmal getrennt waren, hatte es sich wie die Höchststrafe angefüllt. Sie hatten sogar als Kinder oft im selben Bett geschlafen, auch wenn ihr Vater es ungern gesehen hatte. Es war nicht ungewöhnlich für Zwillinge, so viel Zeit miteinander zu verbringen und sich nahe zu stehen, doch auch als sie älter wurden, hatte sich daran kaum etwas geändert. Vor allem Egyn hasste es von Iblis getrennt zu sein und tendierte dazu, leicht...aufgekratzt zu sein, wenn sein Zwilling nicht bei ihm war. Iblis gehörte tatsächlich zu den wenigen Personen, die ihn beruhigen konnten, wenn er eine seiner "Phasen" hatte. Manchmal ging es sogar so weit, dass er sich ohne den Feuerdämonen in der Gegenwart ihrer restlichen Geschwistern und sogar ihres Vaters unwohl führte. Vielleicht lag es daran, dass sie früher oftmals gegenseitig für bestimmte Dinge die Schuld auf sich genommen hatten und dementsprechend oft zusammen bestraft worden waren. Er sah es einfach nicht ein, so lange von seinem Bruder getrennt zu sein. Sollte man ihn doch als obsessiv bezeichnen, na und?! „Ok, es tut mir leid, dass ich nicht da war.", gab Iblis schlussendlich nach. „Aber deine Eifersucht ist echt unnötig." Nein, war sie nicht. War Iblis immer noch eingeschnappt, weil er die letzten Dämoninnen umgebracht hatte, da der Feuerdämon sie länger als sonst behalten hatte? Egal, es geschah ihnen ganz recht. „Da solltest du mal still sein. Wer ist denn neidisch auf unseren Baby Bruder?", antwortete er und lachte, als er Iblis' Gesicht sah. „Tu nicht so, wir alle wissen es. Du bist sauer, weil er Vaters Flammen hat."

„Ich bin der Dämonenkönig des Feuers, ich sollte die haben.", kam die geknurrte Antwort. „Ich hätte damals einfach diese Exorzistin töten sollen..."

„Wenn du vor hast, Rin zu töten, wird Vater wahrscheinlich dich töten. Mit Recht.", sagte Egyn sofort, bevor der ältere Dämon auf dumme Gedanken kam. „Ihn töten?", wiederholte Iblis. „Ich bin zwar etwas genervt von ihm, aber ich würde niemals meinen eigenen Bruder töten. Was allerdings nicht heißt, dass ich es ihm leicht machen muss. Dann lernt er endlich mal, dass er noch weit unter uns ist.", fügte er schnell hinzu. „Jetzt steh aber mal langsam auf, es gibt bald Essen und ich will nach Amaimon sehen." Egyn nickte, aber das Thema war noch nicht durch. Wenn Iblis die Exorzistin nicht los werden wollte, würde er es wohl selbst in die Hand nehmen. Unterdessen machte Iblis einen gedanklichen Vermerk, Shura darauf hinzuweisen, bloß nichts von Egyn anzunehmen, sei es nun Essen, Trinken oder irgendwelche Gegenstände. Er wäre wirklich schade, wenn sie schon sterben würde.


Genau wie Rin es erwartet hatte, war es tatsächlich bis zum Abendessen ruhig geblieben. Allerdings war man wohl inzwischen der Meinung, dass er über die Sache in den Slums hinweggekommen wäre, denn man hatte ihn bereits wieder ins Esszimmer bestellt. Dort warteten bereits die restlichen Baal, darunter auch Amaimon und Egyn. Äußerlich ließen sich keine Verletzungen erkennen, allerdings schien ihnen fast jede Bewegung Schmerzen zu bereiten. Stumm setzte er sich auf seinen gewohnten Platz gegenüber Satan, welcher noch nicht da war. „Also...du hast deine Siegeltätowierung bekommen, Rin?", fragte Iblis plötzlich. Überrascht sah er auf und schaute zu dem Feuerdämonen. „Ähm...ja.", antwortete er ein wenig unsicher. Warum sprach der Feuerkönig ihn plötzlich an? Zuvor hatte er ihn am Tisch immer ignoriert. „Er war schlimmer als du als Kind, wenn du in die Wanne solltest.", kommentierte Azazel und trank einen Schluck aus seinem Becher. Iblis ignorierte letzteren Kommentar und grinste Rin an. „Ernsthaft? So langsam frage ich mich, ob du wirklich von Vater bist oder ob dieses Miststück doch-"

„Iblis!", fuhr Luzifer scharf dazwischen. „Es reicht jetzt. Du blamierst dich nur mit diesen ewigen Kleinlichkeiten." Der Feuerkönig öffnete und schloss den Mund, aber kein Wort kam hervor. Schlussendlich schnaubte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Rin war dagegen hellhörig geworden, als seine Mutter erwähnt worden war. Offenbar schien der Feuerkönig nicht viel von ihr zu halten, wenn er ihr derartige Namen verpasste, aber es bewies wohl, dass er etwas über sie wusste. Er beschloss, sich später deswegen zu erkundigen. Vielleicht konnte er einen einzelnen Baal dazu überreden, ihm etwas zu erzählen. Die Stille hielt nicht lange an, da Satan kurz darauf zu ihnen stieß. Sofort standen die Dämonenkönige auf und verbeugten sich, Rin wollte sich eigentlich weigern, doch Beelzebub hatte ihn mit auf die Füße gezogen und gezwungen mitzumachen. Als sie sich wieder hinsetzten, fiel Rin auf, dass sowohl Egyn als auch Amaimon die Köpfe eingezogen hatten und es nicht wagten, ihren Vater anzusehen. Sogar einige der anderen Dämonen wirkten angespannt, als würden sie auf irgendwas warten. „Egyn und Amaimon, meinem Blick auszuweichen wird nichts ändern. Seht mich gefälligst an oder braucht eine weitere Lektion in Respekt?", sagte Satan plötzlich und ließ beide Dämonenkönige zusammenzucken. Sie kamen der Aufforderung jedoch nach, obwohl sie sich offensichtlich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. „Während eurer Abwesenheit hat sich einiges an Arbeit angehäuft. Das ist besser bis morgen Abend erledigt, verstanden?" Beide nickten sofort, sichtlich eingeschüchtert. Glücklicherweise wandte der Dämonenherrscher seine Aufmerksamkeit an den Rest und verlangte von jedem Bericht über verschiedene Affären in ihren jeweiligen Reichen. Das meiste war für Rin unverständlich, doch er versuchte dennoch zuzuhören. Vielleicht würde er dabei etwas nützliches erfahren. Unterdessen war das Essen gekommen und wie so oft spürte er Satans Blick auf sich. „Ich habe mich übrigens dazu entschlossen, dein Kampftraining vorzuverlegen. Der Zwischenfall in den Slums hat mehr als deutlich gemacht, dass wir noch mehr Arbeit vor uns haben, als gedacht."

„Hättet ihr mich nicht gezwungen, dieses Zeug zu trinken, wäre nichts davon passiert!", protestierte der Nephilim sofort, doch Satan schnaubte. „Du kannst dich nicht immer nur auf deine Flammen verlassen. Mit einer Waffe umgehen zu können und waffenlosen Kampf zu beherrschen, ist ein Muss. Deine Brüder werden sich darin abwechseln, dich zu unterrichten und Iblis wird vorerst dein Training mit den Flammen übernehmen."

„Ähm...werde ich?", fragte der Feuerdämon sichtlich überrumpelt, was ihm einen scharfen Blick von seinem Vater einbrachte. „Hast du ein Problem damit?", zischte er in einem gefährlichen Unterton. Der jüngere Dämon schüttelte sofort den Kopf. „Natürlich nicht, ich war nur überrascht."

„Und wenn ich mich weigere?", fragte Rin entgegen seines Verstandes. „Wie lange willst du noch so tun, als hättest du eine Wahl?", schnaubte Satan. Zwar war der Nephilim alles andere als begeistert von der Ankündigung, aber schaden würde es wohl wirklich nicht. Je eher er seine Kräfte in den Griff bekam, umso besser. Möglicherweise würde ihm früher oder später doch noch die Flucht gelingen. „Du fängst morgen an.", hörte er Satan sagen und wusste jetzt schon, dass er nichts zu lachen haben würde.


Rins Vermutung bestätigte sich früher, als er erwartet hatte. Nach dem Abendessen hatte er sich relativ früh in sein Bett verkrochen, zuvor hatte Luzifer ihm freundlicherweise etwas besorgt, das ihn albtraumlos schlafen ließ. Da er sich nicht vorstellen konnte, dass sie ihm momentan etwas geben würden, was schädlich war und er nicht auf Albträume scharf war, hatte er die seltsam riechende Flüssigkeit eingenommen und tatsächlich gut schlafen können. Seine Ruhe wurde dummerweise abrupt unterbrochen, als man ihm die Decke wegzog und eine laute Stimme ertönte, sodass er beinahe aus dem Bett fiel. ‚Überfall?!'

„Na los, beweg deinen Hintern hoch und zieh dir irgendwelche Sportsachen an oder du darfst in deinen Schlafsachen antreten.", scheuchte Iblis ihn hoch. Rin, noch immer im Halbschlaf, sah ihn blinzelnd an. „Was tust du denn hier?", nuschelte er fassungslos und ließ den Feuerkönig die Augen verdrehen. „Heute ist Training angesagt, hast du's schon vergessen oder was? Jetzt mach hin, Essen kommt gleich und dann geht's direkt los." Mit einem Stöhnen drehte sich Rin auf die Seite und wollte sich wieder unter der Decke verkriechen, bis ihm einfiel, dass Iblis diese einkassiert hatte. Grummelnd richtete er sich auf und schaute zur Uhr, welche 4:30 Uhr zeigte. Entsetzt starrte er sie an, dann Iblis, welcher noch immer wartete, dass er aufstand. „Ist das ein Scherz?! So früh muss ich nicht mal zur Schule aufstehen!", entrüstete sich der Nephilim erbost. Iblis zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Frühes Aufstehen macht produktiver und man hat mehr vom Tag. Angeblich. Ich bin selbst nicht begeistert, aber für heute muss es gehen. Wir müssen manchmal Tage ohne Schlaf aushalten. Jetzt steh endlich auf oder ich zünde dir den Schweif an!" Murrend und alle Baal, Satan sowie sämtliche bekannte höhere Mächte verfluchend, quälte er sich hoch und schleppte sich in Richtung Kleiderschrank. Nicht mal Yukio oder Shura hatten ihn je so früh aus dem Bett geworfen! Ohne lange nachzudenken, griff er sich die erstbesten Klamotten, die aussahen, als würden sie für Bewegung taugten und schlurfte ins Bad. Knapp fünf Minuten später kam er wieder heraus und wurde von Iblis aus dem Zimmer geschleust. Wie konnte der Baal so wach sein?! Die Antwort darauf fand sich am Esszimmer, wo bereits Astaroth und Egyn saßen und ganz offensichtlich ebenfalls noch nicht ganz im Land der Wachen angekommen waren. „Iblis, du bist jetzt schon wach?", murmelte Egyn gähnend. „Wer bist du und was hast du meinem Zwilling angetan?" Moment, Zwilling?! „Japp, allerdings nur wegen diesem scheußlichen Kaffeeabklatsch. Schmeckt zwar scheiße, aber wenigstens ist man schneller wach.", antwortete Iblis und ließ sich neben Egyn nieder. Offenbar legte man nicht so viel Wert auf die Platzordnung, wenn man unter sich war. Der Nephilim beschloss, sich ihnen gegenüber zu setzen, wo ihm eine der Bediensteten sofort sein Frühstück hinstellte. Er wollte sich bedanken, doch sein Gehirn arbeitete zu langsam, sodass sie bereits verschwunden war. Stattdessen wandte er sich an Iblis und Egyn. „Ihr beiden seid Zwillinge?", hakte er ein wenig verblüfft nach. Die beiden sahen sich zwar vom Gesicht her ähnlich, aber immerhin hatten sie nicht nur verschiedene Elemente, sondern auch verschiedene Haar- und Augenfarben und sogar Hauttypen! „Ja, sind wir. Bevor du fragst wie das geht: Unsere Mutter war halb Feuer- und halb Wasserdämonin.", antwortete Iblis. „Offiziell war sie eine Wasserdämonin, aber die Feuerdämonenseite war trotzdem in ihren Genen. Jede Dämonenart hat allerdings ein für sie typisches Aussehen. In anderen Worten: Egyn hat ihre Wasserdämonen Gene bekommen, daher die blauen Haare, Augen und die blasse Haut und ich habe die Feuerdämonen Gene, also habe ich das für dieses Element typische Aussehen. Ist etwas kompliziert und es spielen noch einige Faktoren eine Rolle, aber ich kenne mich nicht wirklich mit aus." Im ersten Moment verstand Rin nur Bahnhof, was er vor allem auf sein sich noch im Ruhemodus befindliches Gehirn schob, doch je länger er darüber nachdachte, umso logischer erschien es ihm. Außerdem war nun seine Neugierde geweckt worden. „Wie hat dann der Rest sein Element bekommen? Durch Satan?", fragte er. Zu spät fiel ihm ein, dass Vaya ihn davor gewagt hatte, derartige Fragen zu stellen. Alle anwesenden Baal zuckten kurz zusammen und sahen erst ihn an, dann sich gegenseitig. „Vater hat zwar die Kontrolle über alle Elemente, aber außer Iblis und ich haben alle verschiedene Mütter.", erklärte Egyn knapp und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt und offensichtlich in der Defensive. „Steht ihr mit ihnen in Kontakt?", erkundigte sich Rin vorsichtig. Zwar schienen sie nicht darüber reden zu wollen, aber seine Neugierde war zu groß und so viel Schaden konnte eine einfache Frage wohl kaum anrichten. Dummerwiese war er damit offenbar in ein Minenfeld gerannt. „Wir sind ihnen nie begegnet. Sie sind alle kurz nach unserer Geburt gestorben oder wurden getötet.", zischte Astaroth. „Und jetzt hör auf, zu fragen. Es spielt keine Rolle und wir waren ihnen sowieso egal." Unangenehmes Schweig folgte, welches nur vom Klappern von Besteck unterbrochen wurde, da Rin (nachdem er von Iblis böse angestarrt worden war) endlich begonnen hatte, zu frühstücken. Er beschloss, es vorerst gut sein zu lassen. Offenbar war es ein schwieriges Thema und abgesehen davon vertrauten sie ihm nicht genug, um ihm etwas so persönliches anvertrauen. Er zwang sich sogar an etwas anderes zu denken, damit sie nicht wieder seine Gedanken lasen und wütend wurden, weil er über ihre Mütter grübelte. Schließlich ergriff Egyn erneut das Wort und überraschte Rin mit dem, was folgte gehörig. „Geht es dir eigentlich besser seit...der Sache in den Slums?" Fast rechnete er damit, dass Astaroth oder Iblis einen bissigen Kommentar abgeben würden, doch nichts dergleichen geschah. War das eine Falle? „Mir geht's gut.", log er schnell, den Blick des älteren Dämonen ausweichend. „Sicher.", erwiderte dieser. „Du bist ein schlechter Lügner."

„Tu nicht so, als würde es dich kümmern oder als ob du es verstehen würdest!", antwortete Rin gereizt und wurde erneut überrascht, als Egyn bitter auflachte. „Oh, ich verstehe es ganz genau. Ich habe als Kind für längere Zeit in den Slums gelebt, wie du dich erinnern wirst. Glaubst du wirklich, dass ich nie das gleiche Problem hatte? Nur mit dem Unterschied, dass mir niemand geholfen hat und ich mich allein durchschlagen musste. Ich hatte Glück, dass ich von Vater abstamme und daher meine Dämonenform in so einem jungen Alter entfesseln konnte, als es jemand zum ersten Mal versucht hat. Andernfalls hätte er wohl Erfolg gehabt." Daraufhin wusste der Halbdämon nicht mehr, was er sagen sollte und schwieg. Kaum hatte er aufgegessen, schob Iblis ihm eine Kanne mit einer dunklen Flüssigkeit entgegen, sowie eine Tasse. „Trink was davon, sonst pennst du mir im Stehen ein.", wies er an. Rin betrachte die offenbar heiße Flüssigkeit kritisch. „Was ist das?"

„Sowas wie Kaffee, nur widerlicher und wesentlich effektiver.", kam die nicht gerade aufbauende Antwort. Wissend, dass er keine wirkliche Wahl hatte, goss er sich eine Tasse ein und trank sie in einem Zug aus. Er hatte noch nie Kaffee getrunken, daher erwischte ihn der Geschmack erst recht im Kalten und ließ es ihn beinahe wieder ausspucken. ‚Hat Samael das zusammengebraut? Würde mich jedenfalls nicht wundern...', dachte er und musste ein würgen unterdrücken. Inzwischen war es 5:00 Uhr, was noch immer viel zu früh war, aber immerhin fühlte er sich tatsächlich wesentlich wacher und nicht mehr wie ein Zombie. Iblis gab ihm keine Atempause, sondern zog ihn auf die Füße und verkündete, dass es direkt mit dem Training los gehen würde. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war das Teleportieren. Zwar war es schnell vorbei, aber es reichte aus, um ihn ordentlich zu erschrecken. Konnte man ihn nicht einmal warnen?! Sein Ärger wich schnell Überwältigung, als ihm klar wurde, wo sie gelandet waren. Sie standen in einer offenbar unterirdischen Arena, die ihn ein wenig an das Kolosseum erinnerte. Der Boden bestand aus festgetretener Erde und Sand, mehrere Tore zogen sich an der Steinwand entlang und darüber waren Zuschauertribünen. Beim näheren hinsehen fiel ihm zusätzlich auf, dass sich am Rand ein Graben langzog und man somit, wenn man aus den Toren trat, über Brücken musste. Besonders auffällig waren jedoch die Steinbrocken, kleine Ruinen und zerstörten Säulen, die überall verteilt waren. Vielleicht dienten sie als Deckung? Er wollte Iblis darauf ansprechen, doch als er sich zu ihm drehte, war er nirgends zu sehen. Umgehend machte sich ein ungutes Gefühl in ihm breit, welches sich nur bestätigte, als sein ganzer Körper in höchste Alarmbereitschaft überging. Ohne zu wissen weswegen, machte er einen Hechtsprung hinter eine der Säulen, was sich als eine gute Entscheidung herausstellte. Der Feuerstoß verfehlte ihn, allerdings konnte er die Hitze deutlich spüren. „Was zur Hölle, Iblis?!", entfuhr es ihm, konnte den Feuerdämonen allerdings nicht entdecken. Umso überraschter war er, als er plötzlich von hinten am Nacken gegriffen, hochgehoben und gegen eine Wand geworfen wurde. „Ernsthaft? Du konntest nicht herausfinden, wo ich bin? Wie bist du noch am Leben?!", hörte er Iblis fragen. Noch ein wenig benommen, richtete er sich auf und sah den Dämonenkönig vorwurfsvoll an. „Was meinst du?! Du Arsch hast mich von hinten angegriffen, natürlich wusste ich nicht, wo du bist!"

„Was, glaubst du etwa, dass jeder, der dich tot sehen will, so nett ist, sich vor dich hinzustellen und vorzustellen?", schnaubte Iblis abwertend. „Lektion eins: Sei immer wachsam und erwarte das Unerwartete. Keiner ist so dumm, sich mit einem von uns im offenen Kampf anzulegen. Jeder halbwegs intelligente Dämon oder Exorzist wird versuchen dich aus dem Hinterhalt zu erledigen. Abgesehen davon tendieren wir Dämonen dazu, uns auf Tricks und Täuschungen zu verlassen, also erwarte keinen ehrlichen Kampf."

„Wir sind grad mal beim ersten Trainingstag, jetzt bleib mal auf dem Boden!". protestierte Rin und trat vorsichtshalber einige Schritte zurück. „Du hat mir nicht mal gesagt, was du für heute geplant hast!" Was erwartete Iblis von ihm?! Er wusste erst seit knapp einem halben Jahr von Dämonen und Exorzisten und nun erwartete der Baal ernsthaft, dass er alles sofort konnte? Als ob es dem Dämonen in seiner Position anders gegangen wäre! „Ganz einfach.", antwortete Iblis und setzte ein Grinsen auf, welches dem Nephilim absolut nicht gefiel. „Zuerst schauen wir mal, was du drauf hast und die beste Möglichkeit dafür ist, dich zum kämpfen zu zwingen.~" Rins schlechtes Gefühl erreichte nun seinen Höhepunkt und ließ ihn erneut zurückweichen. Für einen Moment hoffte er, dass es nur ein Witz war, aber leider war es das nicht. Ihm blieb keine Atempause, sondern er musste direkt einem Feuerball ausweichen. „Spinnst du?! Ich kann kaum meine Flammen kontrollieren!", rief er in der Hoffnung, den Baal umzustimmen. „Dann solltest du es lernen. Schwimm' oder geh' unter!" Ein weiterer Angriff verfehlte Rin knapp und sein Versuch einen Gegenangriff zu starten, glückte zwar, doch Iblis trat einfach beiseite. „Niedlich.", feixte der ältere Dämon. „Aber ich würde mich mal etwas mehr ins Zeug legen, wenn du keine Verbrennungen haben willst." Weitere Attacken hagelten auf den Halbdämonen ein und ließen ihm kaum eine Gelegenheit, sich zu wehren. Stattdessen wich er aus und versuchte Iblis' Flammen mit seinen eigenen zu ersticken, aber seine mangelnde Erfahrung machte sich schnell bemerkbar. Ein Kampf war das hier wirklich nicht, er war zu sehr damit beschäftigt, auszuweichen und zu versuchen, abzuhauen. Wenn er nur sein Schwert hätte! Damit könnte er den älteren Dämonen wenigstens auf Abstand halten, aber so war es einfach ein ewiges Versteckspiel. Keuchend presste er sich hinter eine Säule, betend, dass er nicht wieder so schnell gefunden werden würde, doch wurde er bereits nur wenige Sekunden später erneut vertrieben. Es war noch nicht einmal eine halbe Stunde um und er fühlte sich bereits wie nach einem Marathon. Iblis war dagegen nicht ansatzweise erschöpft und schien sichtlich Spaß daran zu haben, den Nephilim zu jagen. „Wie lange willst du noch weglaufen? Du kommst hier nicht raus und ich höre nicht auf, bevor ich alles gesehen hab, was du kannst. Es scheint nicht grad viel zu sein, aber irgendwie musst du Amaimon ja damals besiegt haben...Also komm endlich raus und hör auf, dich wie ein Feigling zu verkriechen!" Als sich nichts rührte, stieß er ein frustriertes Grollen aus und tauchte nur einige Sekunden darauf neben Rin auf. Dieser konnte dieses Mal nicht schnell genug reagieren und er schrie auf, als sein Arm verbrannt wurde. „Erbärmlich!", spie Iblis abfällig, griff in seine Haare und riss seinen Kopf hoch. „Jetzt hör mal zu, du kleine Göre. Du bist vielleicht Vaters momentaner Liebling, aber das heißt nicht, dass dir alles in den Arsch geschoben wird! Wir haben uns alle unseren Platz erkämpft, also tust du das gefälligst auch!" Damit warf er ihn zurück in den Staub. „Steh auf!", fauchte er. Rin biss die Zähne zusammen und stand mit einigen Schwierigkeiten auf, den Schmerz ignorierend. „Greif mich an. Ich werde dieses Mal nur blocken und ausweichen. Vielleicht kommen wir dann endlich mal voran.", zischte der Baal giftig. Der Nephilim zögerte, kam der Aufforderung jedoch schlussendlich nach und schickte ihm einen eher kläglichen Feuerstoß entgegen. „Was war das denn?", kam das genervte Seufzen. Mit einer kurzen Handbewegung leitete er den Angriff um und auch die nachfolgenden waren kein Problem für ihn. Schlussendlich verwendete er nicht einmal mehr seine Kräfte, sondern wich nur noch aus und gähnte. „Meine Fresse...deine Form ist furchtbar, du lässt alle Angriffspunkte offen und ich fange gar nicht erst mit deinen allgemeinen Bewegung an...da kann ein Kleinkind mehr!" Ein wenig frustriert warf Rin dem Baal eine weitere Ladung Flammen entgegen, welche er mit einem erneuten Seufzen umlenkte und dem Halbdämonen zurückschickte. Dieser wurde zwar nicht verbrannt, aber gegen die Wand einige Meter hinter ihm geschleudert. „Ich halte mich sogar zurück und trotzdem schaffst du nichts. Diese Exorzisten haben noch mehr Schaden angerichtet als gedacht.", zischte der Feuerdämon gefährlich. Rin antwortete nicht, er war genau auf seinem verletzten Arm gelandet und umklammerte diesen mit schmerzverzerrtem Gesicht. Iblis beobachtete ihn für einige Sekunden stumm, bevor er neben ihm kniete und seinen Arm griff. Der Nephilim wollte seine Hand beiseite schlag, doch Iblis' Griff war stärker. Anstatt ihm jedoch weiter zu verbrennen, schnippte er mit den Fingern und ließ eine Schale erschienen, in der eine streng riechende Paste war. Sie brannte im ersten Moment fürchterlich, als der Dämonenkönig begann sie aufzutragen, kurz darauf verschwand das Gefühl allerdings und schließlich sah sein Arm aus, als wäre er nie verletzt gewesen. Verwirrt schaute er Iblis an, welcher nur schnaubte. „Jetzt tu nicht so überrascht. Du bist schwach, wahnsinnig nervtötend und ich persönlich war ursprünglich dafür, dich den Ghulen zum Fraß vorzuwerfen, aber du bist immer noch mein Bruder und dich unnötig verletzt bleiben zu lassen, behindert nur das Training. Jetzt hör auf, zu glotzen und steh auf, wir haben noch einiges vor uns." Zwar war der Nephilim alles andere als erpicht darauf, aber er nickte und stand auf. „Und was jetzt? Das gleiche von vorne?", fragte er säuerlich und zu seiner Erleichterung schüttelte Iblis den Kopf. Diese verschwand jedoch, als ihn wieder ein ungutes Gefühl überkam, das er bereits kannte. Er versuchte den Blickkontakt mit dem Baal zu unterbrechen, nur um festzustellen, dass es nicht mehr ging und damit seine Befürchtung bestätigte. „Knie nieder."

Rin war so überrumpelt von dem plötzlichen Befehl, er hatte keine Gelegenheit sich gegen die Suggestion zu wehren. War Suggestion das richtige Wort? Vielleicht doch eher Hypnose? Es spielte wohl keine Rolle, auf jeden Fall hasste er es, wenn das jemand tat! „Was soll das denn jetzt?", fragte er, versucht ruhig zu sprechen, aber sein ungutes Gefühl verstärkte sich nur. „Ich will sehen wie gut deine geistige und psychische Resistenz ist, vor allem nach dem Zwischenfall in dem Slums.", antwortete Iblis, als wäre es das natürlichste der Welt. „Ach, und ich finde es immer ganz witzig, anderen dämliche Befehle zu geben." Natürlich tat er das. Wie alt war der Dämon nochmal? Er führte sich auf wie ein verzogener Jugendlicher! „Keine Sorge, du musst dich nicht selbst verstümmeln oder so.~", grinste Iblis, was ihn allerdings kaum tröstete. Das würde ein langer Tag werden. Leider stellten sich seine Befürchtungen als richtig heraus. Zwar war keiner der ihm zugemuteten Befehle wirklich schädlich, manche waren eher albern als alles andere, doch viele waren auch ziemlich demütigend und unangenehm. Es reichte vom Boden ablecken, sich ausziehen (was nicht gerade die besten Erinnerungen hoch brachte) und sich selbst eine Ohrfeige verpassen bis hin zum wahrheitsgemäßen antworten verschiedenster Fragen. Nun wusste der Baal beispielsweise, dass Rin Angst vor seinen Flammen und seinem dämonischen Erbe hatte, er in Shiemi verschossen gewesen war, er bei Horrorfilmen oft Albträume bekam und er sich kaum die Namen der anderen Baal merken konnte. Wundervoll, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Hin und wieder gelang es dem Nephilim, Iblis' Einfluss abzuschütteln, sobald dieser jedoch Druck machte, war es damit schon wieder vorbei. Glücklicherweise war auch diese Sache bald vorbei und sie machten endlich mit anderen Dingen weiter. Unter anderem testete Iblis sein Wissen im waffenlosen Kampf, welches bis auf einige Prügeleien kaum vorhanden war. Dabei wurde ihm zudem mitgeteilt, dass er ab sofort jeden Tag körperliches Training absolvieren würde. Er dachte lieber nicht darüber nach, wie solches Training in Gehenna aussehen würden. Mit Ausdauerlauf, Sprint und Geräteturnen war es sicher nicht getan. Schlussendlich waren sie damit fertig und gingen zum nächsten und hoffentlich letztem Teil über, der Rin mit einer alten Nemesis konfrontierte: Kerzen. „Warum muss ich mit Kerzen üben?! Das ist langweilig!", nörgelte er und warf den Objekten seines Unmutes einen strafenden Blick zu. Er hatte gesehen, wie Satan bei ihrer ersten Begegnung in Assiah Dinge (und Personen) durch einen kurzen Blick anzünden konnte, also warum funktionierte das nicht?! Iblis seufzte. „Weil keiner Lust hat, dass hier wieder was brennt. Ja, es ist langweilig, aber genau das ist eben momentan dein Niveau oder willst du lieber an niederrangigen Dämonen üben?" Das wollte er natürlich nicht und er verstand, dass seine Kontrolle alles andere als einwandfrei war, aber er konnte keine Kerzen mehr sehen! „Egal was ich tu, die enden so oder so nur als Wachsklumpen. Schau!" Er demonstrierte es und wie immer waren sofort alle Kerzen innerhalb weniger Sekunden unbrauchbar. „Mit so einer Herangehensweise kein Wunder! Hör auf dich anzuzweifeln, sonst sitzen wir hier noch in 150 Jahren!", konterte Iblis. „Wie kann man überhaupt Angst vor seinen eigenen Flammen haben?!"

„Diese Flammen haben einen Haufen Menschen auf dem Gewissen und ich habe keine Lust, wieder wie im Kampf gegen Amaimon den Verstand zu verlieren!"

„Schwerter töten auch und trotzdem bist du mit einem rumgerannt. Man kann andere sogar mit den Fäusten töten, amputieren tust du sie trotzdem nicht. Solange du deine Flammen unter Kontrolle hast, musst du dir keine Sorgen machen. Pass auf." Er schnippte mit den Fingern und Rin war von roten Flammen umhüllt, die allerdings nicht brannten, sondern angenehm warm waren. „Du hast mehrere tausend Jahre Übung. Ich wurde da einfach reingeworfen und jetzt erwarten alle, dass ich sofort alles kann!", versuchte der Nephilim sein Problem zu erklären, was den Baal leider weniger kümmerte. „Wenn du meckern kannst, kannst du auch üben." Die Wachsklumpen verschwanden und neue Kerzen tauchten auf, welche schnell das Schicksal ihrer Vorgänger teilten. So ging es noch eine ganze Weile weiter, bis Iblis es leid wurde und dazwischen fuhr, da er das Problem längst erkannt hatte: Anstatt sich darauf zu konzentrieren, die Kerzen anzuzünden, musste er sich direkt auf die Dochte konzentrieren. Daraufhin gelang es Rin endlich, sie richtig anzuzünden. Nach einem kurzen Mittagessen ging es direkt mit zusätzlichem körperlichem Training weiter und dauerte bis zum Abend. Rin schaffte es noch in die Dusche und anschließend ins Bett, dann schlief er sofort ein. Die nächsten Tage liefen nicht anders ab, nur wurde er hin und wieder ins Verlies gebracht, wo er erneut der Folter der Dämonen zusah. Genau wie beim ersten Mal bereitete es ihm immer wieder ein widerliches Gefühl, doch gleichzeitig empfand er dabei einen Hauch von Genugtuung, so sehr er sich dafür hasste. Ansonsten war alles wie gehabt: Er stand früh auf, frühstückte und trainierte bis zum Abend in der Arena. Bisher Iblis übernahm noch immer sein Training mit den Flammen, beim körperlichen und waffenlosen Training sprangen oft Egyn oder Beelzebub ein. Es war sehr viel auf einmal und entsprechend überwältigend, aber sie waren gnadenlos. Eine ganze Woche verging, in denen er mehr Muskelkater bekam als wirkliche Fortschritte zu machen, doch zumindest hatte er das Gefühl, dass er seine Flammen langsam besser in den Griff bekam. Auch wenn er sich mit seiner Situation noch immer nicht abgefunden hatte, so konnte er die Gelegenheit zumindest nutzen, um endlich Dinge zu lernen, die ihm in Assiah verwehrt geblieben worden waren. Außerdem bekam er dadurch die Gelegenheit, mehr über die Dämonenkönige und Satan zu erfahren, auch wenn sich letzterer seit dem tätowieren nur zum Abendessen hatte blicken lassen. Luzifer, Samael und Azazel sah er ebenfalls kaum, mit der Ausnahme des Abendessens, wo sie stets anwesend waren und sich austauschten. Zugegebermaßen war er fast erleichtert deswegen. Er traute sich noch lange nicht zu, mit dem Zeitkönig längere Zeit allein in einem Zimmer zu sein, ohne zu versuchen, ihn anzuzünden und er wusste, dass er mit dem Versuch nicht so einfach davonkommen würde. Luzifer und Azazel ging er ebenfalls nur allzu gerne aus dem Weg. Der Geisterdämon hatte ihn schon direkt im Hotel verstört und der Lichtkönig bereitete ihm ein unangenehmes Gefühl, auch wenn er nicht sicher war, weswegen. Inzwischen hatte er kleine Fortschritte gemacht hatte, nur seine Flammen bereiteten ihm immer wieder Schwierigkeiten. Laut Iblis war es sein mangelndes Selbstvertrauen, was er nun mal nicht abstellen konnte. Er hatte es öfter versucht, nur um an seine Visionen im Fegefeuer und seine Albträume zu denken. Egal was passierte, er wollte nicht wie sein Doppelgänger enden und vollends zu einem blutdurstigen Dämon werden. Vielleicht klang es albern, aber er hatte Angst, dass er jeden Funken Menschlichkeit verlieren würde, wenn er sich zu sehr seinem dämonischen Wesen hingab. Iblis hatte ihm bereits erklärt, dass jeder Dämon eine Art inneres Tier hatte, welches bei einem Kontrollverlust schnell die Oberhand gewann. In seinem Fall war es fast noch schlimmer, denn sein Hass, seine Gier, seine Lust nach Macht und Stärke, in anderen Worten all das, was sein dämonisches Selbst ausmachte, war vor all diesen Jahren mit seinem Herzen versiegelt worden. Sobald er sein Dämonenherz befreite, musste er also nicht nur seine kompletten Flammen unter Kontrolle bekommen, sondern würde sich gegen die geballte Kraft seiner Dämonenhälfte stellen müssen. Was genau dies bedeute, hatte ihm noch keiner gesagt und er fürchtete sich vor dem Tag, an dem er es herausfinden würde. Von all diesen Digen abgesehen, brachten seine Fortschritte auch Satans Pläne für ihn und Assiah näher. Momentan befand er sich in einem Übungskampf gegen eigene niederrangige Dämonen. Mit seinen Flammen wären diese einfach zu töten, aber er tat es nicht. Nicht nur, weil er sich scheute seine Kräfte vermehrt einzusetzen, er wollte keine Unschuldigen töten. Diese Dämonen hatten ihm nichts getan und griffen nur an, weil Iblis es ihnen befahl. Ja, er hatte in Assiah ebenfalls Dämonen getötet, diese hatten allerdings versucht ihm oder seinen Freunden zu schaden und stellten damit einen gewaltigen Unterschied dar. Mit einem lauten Ächzen fiel er auf den Rücken und ein Ghul sprang auf ihn, während der Feuerkönig einen frustrierten Laut von sich gab. Zu Beginn hatte er nicht viel zu Rins Widerwillen gesagt und versucht, ihn durch Übungskämpfen und einigen Gemeinheiten zum größeren Einsatz seiner Flammen zu zwingen, aber inzwischen war er nur noch frustriert. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wir hängen jetzt schon seit Tagen, nur weil du dich nicht zusammenreißen kannst!", fauchte er den Nephilim an. „Ich habe die Schnauze voll! Entweder du tust jetzt endlich, was du sollst oder ich schwöre bei Vater, ich werfe dich in die Slums zurück!"

„Na und? Dann tu es doch!", antwortete Rin nicht weniger frustriert und warf einen bösen Blick zum Ghul, welcher sofort von ihm runter ging. Natürlich bluffte er, niemals wieder wollte er dorthin zurück. Den älteren Dämonen kalt anstarrend, rappelte er sich auf. „Ich kann es nicht! Ich wollte diese Flammen nie und ich will sie immer noch nicht!"

„Tja, dumm gelaufen, du hast sie bekommen und du wirst sie für immer haben, komm klar damit! Ist dir überhaupt klar, dass du dir nur ins eigene Fleisch schneidest?! Früher oder später wird Gehenna wissen, wer du bist und dann wirst du für viele ein Ziel werden! Wenn du dich nicht unter Kontrolle hast, bist du noch schneller Tod als durch irgendwelche Exorzisten in Assiah! Abgesehen davon wäre es nicht das erste Mal, dass du Dämonen verbrennt, also wo ist das Problem?!"

„Zuvor haben sie mich angegriffen oder meine Freunde bedroht! Die hier greifen mich nur wegen dir an! Was für eine Art König schickt seine Untertanen überhaupt zum sterben?! Solltet ihr sie nicht beschützen oder sowas?!"

„Erstens gehören die meisten nicht zu mir, sondern sind von den anderen geborgt und zweitens, ist es nicht unsere Aufgabe sie zu schützen, sondern sie zu führen und für die Vernichtung unserer Feinde zu sorgen. Wir sind Dämonenkönige, nicht die Wohlfahrt. Abgesehen davon machen die paar nichts. Welche wie sie gibt es wie Sand am Meer und Vater kann immer neue machen." Kopfschüttelnd stieß Rin ein abfälliges Schnauben aus. Wäre er ein Dämonenkönig, würde er niemals so mit seinen Untertanen umspringen, nur stieß er bei Iblis damit offensichtlich auf taube Ohren. So langsam taten ihm all die Dämonen irgendwo leid. Mit solchen Herrschern war es alles anderes als leicht. „Wir fangen nochmal an und wenn du dich diesmal nicht zusammenreißt, brenne ich dir so lange das Fleisch von den Knochen, bis du es tust!" Das war kein Bluff, der Nephilim hatte Iblis' Flammen schon oft genug zu spüren bekommen, doch sich glücklicherweise immer schnell erholt. Dazu sollte es allerdings nicht kommen. „Kann mir jemand erklären, was dieses Rumgeschrei soll?", fragte Satan in einem gereizten Tonfall und ließ Rin herumfahren. Der Dämonengott stand einige Meter hinter ihm und schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zwischen ihm und Iblis hin und her. Wo kam der denn jetzt her?! Falls der Baal überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Er verbeugte sich nur kurz, bevor er mit sprechen begann. „Er verweigert sein Training! Die vorherigen Übungen haben irgendwie geklappt, aber sobald es darum geht, gegen Lebewesen zu kämpfen, zickt er rum und stellt sich quer! Er lässt sich lieber absichtlich verbrennen oder verletzen!", machte er seinem Ärger Luft. „Ist das so?", fragte Satan langsam und warf Rin einen kurzen Blick zu. Er klang weder wütend, noch gelangweilt, was ihm mehr Sorgen machte, als wen er angeschrien worden wäre. „Und warum?" Da Rin nicht sofort antwortete, mischte sich Iblis ein. „Er hat Angst, dass er die Kontrolle und damit seinen letzten Rest Menschlichkeit verliert." Wie erwartetet schnaubte Satan abwertend. „Diesbezüglich hast du keine Wahl.", sagte er scharf. „Wenn du nicht bald dein Dämonenherz entsiegelst, wirst du sterben und wenn du dann nicht bereit bist, wirst du es erst recht nicht überleben." Rin sagte immer noch nichts, daher wandte sich Satan nun an die restlichen Dämonen. „Tötet ihn.", befahl er in einem kalten Tonfall. Nicht nur Rin war davon überrascht, Iblis war es ebenfalls, aber der Nephilim hatte keine Gelegenheit lange darüber nachzudenken, denn all die Dämonen mit denen er zuvor gekämpft hatten, stürzten sich erneut auf ihn und dieses Mal würden sie nicht von ihm ablassen, wenn er besiegt war. Der Fenriswolf (so hatte Iblis ihn genannt, es war ein riesiger schwarzer Wolf mit roten Augen), war zuerst bei ihm und riss ihn um. Mit knapper Mühe konnte er sich wegrollen bevor die Zähne dort landeten, wo er gerade noch lag. Er warf einen kurzen Blick in Satans Richtung, aber er beobachtete ihn nur mit verschränkten Armen und einem steinernen Gesichtsausdruck. Er meinte den Befehl nicht ernst, richtig? Er brauchte Rin für seine Pläne! Andererseits könnte er wohl jederzeit neue Nephilim zeugen. ‚Moment mal...wie geht das überhaupt? Er kann Gehenna nicht verlassen! Wie ist meine Mutter...', überlegte Rin. Er verwarf den Gedanken sofort wieder, immerhin war er mitten in einem Kampf und konnte sich keine Ablenkung leisten. In der Hoffnung, die Dämonen einschüchtern zu können, ließ er seine Flammen auflodern und tatsächlich zögerten sie. Ein Blick von Satan reichte allerdings, um sie erneut in Bewegung zu versetzen. Die Angst vor ihrem Herrscher überwiegte eindeutig der Angst vor Rins Flammen. Einige von ihnen griffen von hinten an, sodass er für Sekunden abgelenkt war und dies nutzte eine Naga aus, um ihn in den Arm zu beißen. Die Frage, die sich stellte -nämlich, ob diese giftig waren- beantwortete sich schnell, da sein ganzer Körper nur Sekunden später Opfer von starken Schmerzen und Krämpfen wurde. Schwer keuchend sank er auf die Knie, seine Beine konnten sein Gewicht nicht länger tragen und er konnte spüren, wie sich das Gift immer weiter verteilte. „Genug!", hörte er Satan sagen und die Dämonen zogen sich zurück, doch ganz sicher war er sich nicht. Sein Kopf drehte sich und seltsame Schleier bildeten sich vor seinen Augen, die sich nicht wegblinzeln ließen. „Das war wohl nichts. Wenn es weiter so geht, hält er nicht mal einen Monat durch!", sagte Iblis, allerdings klang seine Stimme blechern und weit weg. Satan antwortete etwas, dieses Mal verstand er kein Wort. Gerade hatte er sich damit abgefunden, dass er jeden Moment sterben würde, als er von jemanden gegriffen und hochgezogen wurde, sodass er an der Wand lehnte. Anschließend wurde ihm etwas eingeflößt, was absolut scheußlich schmeckte. Zuerst passierte nichts, dann wurde seine Sicht langsam klarer, die Schmerzen verschwanden und sein Kopf fühlte sich nicht länger an, als wäre er voller Watte. „Komm schon, das Training ist für heute beendet.", sagte Iblis und zog ihn wieder auf die Füße. Noch ein wenig groggy sah sich der Halbdämon um und entdeckte Satan, welcher ihn ausdruckslos anstarrte, als hätte er ihm nicht soeben einen Haufen Dämonen auf den Hals gehetzt, die ihn töten sollten. Wortlos stand Rin auf, den Blicken der älteren Dämonen ausweichend. „Ruh dich aus, wir kümmern uns morgen um dein...Problem.", wies Satan an. Damit wandte er sich um und bewegte sich auf den Ausgang zu. Bevor er jedoch die Arena verließ, warf er einen letzten Blick auf die Dämonen, welche am Rand kauerten. Mit einer beinahe abfälligen Handbewegung, verbrannte er sie innerhalb von Sekunden und ging, als wäre nichts passiert. Ausnahmsweise verkniff sich Rin jeglichen Kommentar.


In der Nacht fiel es dem Halbdämonen schwer, einzuschlafen. Ihm graute es vor dem nächsten Tag und davor, was Satan und die Dämonenkönige für ihn geplant hatten. Das Abendessen war angespannter als sonst gewesen, wahrscheinlich hatte Iblis dem Rest erzählt, was passiert war. Glücklicherweise hatte es niemand angesprochen und keiner störte ihn für den Rest des Abends. Viel zu schnell kam Egyn in sein Zimmer, um ihn zu wecken und zum Frühstück zu holen. Genau wie der Nephilim schien er nicht viel Schlaf bekommen zu haben, was vor allem an der Schatten unter den Augen zu erkennen war. Als Rin ihn fragte, ob er wusste, was heute an Training anstand, murmelte er nur, dass er es schon früh genug erfahren würde und er nicht reden wollte, da er starke Kopfschmerzen hatte. Das klang wirklich nicht vielversprechend. Mit noch weniger Motivation als je zuvor, zog er sich an und folgte dem Dämonenkönig ins Esszimmer, wo sie bereits erwartet wurden. Zu seiner Überraschung wirkte die Stimmung bei weitem nicht so angespannt wie gestern Abend, dem Frieden traute er dennoch nicht. Schließlich ergriff Satan das Wort und ließ ihn aufsehen. „Ab heute werde ich dein Training mit den Flammen übernehmen." Dieser Satz reichte bereits aus, um ihn nervös werden zu lassen, Satan war jedoch nicht fertig. „Bis du diesen Part in den Griff bekommen hast, wird der Rest ausfallen." Also durfte er die nächste Zeit exklusiv mit seinem psychopathischen Vater verbringen, welcher wahrscheinlich wesentlichere härtere Trainingsmethoden als Iblis hatte. Wundervoll, das hatte er sich schon immer gewünscht. Da ihm klar wurde, dass man eine Antwort von ihm erwartete, nickte er langsam und wandte sich anschließend wieder an sein Essen. Da half wohl nur Augen zu und durch. Wie gewohnt machte er sich auf den Weg in die Trainingsarena, dieses Mal mit Satan anstatt einem der Baal. Zu sagen, dass er nervös war, wäre ein Untertreibung. Wer konnte schon ahnen, was der Dämonenherrscher für ihn geplant hatte? „Also...was passiert jetzt?", fragte er zögerlich und rechnete bereits damit, jeden Moment blaue Flammen entgegen geschleudert zu bekommen, doch nichts dergleichen geschah, stattdessen bekam er eine Antwort, mit der er absolut nicht gerechnet hatte. „Die Dämonen aus den Slums haben nicht mehr viel Zeit. Ich bezweifle, dass sie noch einen Tag überleben würden.", erklärte der Weißhaarige ruhig. Rin sah ihn misstrauisch an, ganz genau wissend, dass etwas unangenehmes kommen würde. „Was hat das mit mir zu tun?"

„Alles." Satan verschränkte die Arme und durchbohrte den jüngeren erneut mit diesem Blick, der in seine Seele zu schauen schien. „Normalerweise würde ich dich fragen, wie sie sterben sollen, immerhin warst du ihr Opfer, aber wie ich dich kenne, wirst du das entweder nicht wollen oder ihnen einen lächerlich einfachen Tod gewähren. Daher habe ich mich entschlossen, etwas anderes auszuprobieren." Sämtliche Alarmglocken schrillten und er wich einige Schritte zurück. „Was hast du getan?!"

„Ich habe ihnen ein Angebot gemacht. Sie werden gegen dich kämpfen und wenn sie gewinnen und dich töten können, sind sie frei. Willst du überleben, musst du sie zuerst töten.", erwiderte Satan ruhig. „Deine Brüder und ich werden zusehen, aber dieses Mal nicht eingreifen, also überlege dir gut, was du tust. Entweder du oder sie." Damit hörte der Nephilim wie sich ein Tor öffnete und Satan verschwand in einer blauen Feuersäule. Mit klopfendem Herzen wandte er sich in die Richtung des sich öffnenden Tores und tatsächlich betraten die sechs Dämonen die Arena, zwar unbewaffnet wie er, aber trotzdem wesentlich gefährlicher. ‚Ich bin tot.' Wie um alles in der Welt sollte er sich allein gegen sechs Dämonen behaupten, von denen vier wesentlich größer waren als er! Sein einziger Vorteil bestand darin, dass sie alle von der Folter erschöpft und unternährt waren. Hinzu kam noch Drujs Blindheit, aber ob das helfen würde? „Dieser Bastard hat dich also wirklich mit uns in eine Arena geworfen. Ich dachte wirklich, er würde bluffen und ein Haufen Fenriswölfe würden auf uns warten.", kommentierte Naamah sichtlich überrascht. „Hören wir auf mit dem Gequatsche und töten ihn, ich will endlich hier raus!", fauchte Ipes. Die Alukah seufzte und nickte, dann wandte sie sich erneut an Rin. „Ganz ehrlich, du tust mir leid. Niemand hat Satan als Vater verdient, aber wir haben nicht vor zu sterben. Ist nichts persönliches, wir machen es sogar schnell." Mit diesen Worten griffen sie an. Gelal begann die Luft um Rin mit Miasma zu verseuchen, Stolas warf ihm einen der Felsen entgegen und Ipes stürzte sich mit erhöhter Geschwindigkeit auf ihn. Der Rest hielt sich vorerst zurück und beobachtete. Mehr als nur mit der Situation überfordert, sprang Rin aus dem Weg und suchte Schutz hinter einer der Säulen, nur um Sekunden später von Lilaia angegriffen zu werden. Ihre Zähne und Krallen waren länger geworden, doch er erkannte schnell, wie ausmergelt sie war. Glücklicherweise hatte er zumindest ein wenig Training im waffenlosen Kampf gehabt und einiges von Egyn von Beelzebub gelernt. Dummerweise hatte er nicht mehr auf Druj geachtet und wurde plötzlich von hinten in einen Klammergriff genommen. Was sie vor hatten, war schnell klar, da sich Lilaia nun mit ihren Krallen näherte, die ihn wahrscheinlich locker ausweiden oder den Kehlkopf rausreißen konnten. ‚Hoffentlich funktioniert das jetzt, was sie mir gezeigt haben...' Er tat genau was sie demonstriert und mit ihm geübt hatten: Locker fallen lassen, die Hüfte nach hinten stoßen, das Handgelenk seines Angreifers greifen, mit einem Ellenbogenschlag nach ihm schlagen und zum Schluss versuchen, ihm in den Schritt zu treten. Zu seiner Erleichterung funktionierte es und mit einem Fluchen ging Druj zu Boden. Der Nephilim erlaubte sich einen kurzen Moment des Triumphes, aber nicht für lange. Auf diese Weise konnte er ihnen vielleicht eine Weile aus dem Weg gehen, töten stand allerdings nach wie vor außer Frage. Ja, was sie getan hatten, würde er ihnen niemals vergeben und er hasste sie, aber er wollte niemanden töten! Seine Gegner teilten diese Einstellung offenbar nicht und Lilaias Krallen kamen ihm gefährlich nah, aber verfehlten ihn, als er ihr Sand in die Augen warf. Nicht gerade fair, aber Iblis hatte selbst gesagt, dass Dämonen mit schmutzigen Tricks kämpften. „Warum kannst du nicht einfach sterben?!", fauchte Stolas frustriert. Er antwortete nicht, er war zu beschäftigt weiteren Angriffen auszuweichen, aber es waren einfach zu viele. Mehrmals schaffte er es nicht, ihren Attacken zu entgehen und plötzlich spürte er, wie jemand seinen Arm griff. Er unterdrückte einen Aufschrei, als sich der Griff verstärkte und sein Knochen ein widerliches Knacken von sich gab. Eine zweite Hand legte sich um seinen Hals und begann ebenfalls zuzudrücken. „Jetzt reicht's, stirb endlich!" Der Nephilim schnappte panisch nach Luft, aber nichts kam. Stattdessen begann langsam seine Sicht zu verschwimmen und er wand sich verzweifelt. ‚Bitte, bitte, bitte, bitte...lass es einfach vorbei sein!', flehte er im Stillen, natürlich erfolglos. Satan hatte nicht gelogen, dieses Mal würde niemand eingreifen, er würde hier sterben und-

Der Griff um seinen Arm verstärkte sich erneut und nun konnte er spüren, wie er brach. ‚NEIN, NEIN, NEIN! ICH WERDE NICHT STERBEN!' Schmerzen und Angst waren nun alles, was er spürte. Er wollte schreien, aber kein Laut kam heraus. ‚HÖRAUFHÖRAUFHÖRAUF-'

Willst du überleben, musst du sie zuerst töten. Entweder du oder sie."

Für einen Moment schien die Zeit still zu stehen, als er an diese Worte dachte. ‚Ja...entweder sie oder ich...und ich werde nicht sterben.' Plötzlich sah er nur noch blau und ein markerschütternder Schrei ertönte. Noch im selben Moment wurde er fallen gelassen, doch er merkte den Aufschlag kaum. Das Feuer war intensiver geworden und umhüllte seinen ganzen Körper. Es war ein Gefühl, welches er noch nie erlebt hatte. Er fühlte sich mächtig, er fühlte sich frei, als könnte er alles tun und schaffen, was er wollte. Wen interessierte es schon, wen er dafür verletzen oder töten musste? Er war nicht die Beute irgendeines niederen Dämonen! Sein Kopf ruckte in die Richtung weiterer Schreie und er spürte fünf Auren, welche nur so von nackter Panik und Verzweiflung strotzten. ‚Schwach...Wertlos...Warum sollten sie leben?'

Töte sie." Es war nicht seine Stimme, die es ihm sagte, es war eine andere, ebenfalls bekannte Stimme, doch es spielte keine Rolle. Sie war es, die ihn endgültig durchdrehen ließ. Unbändiger Zorn durchfuhr ihn und tiefes Grollen verließ seine Kehle, dann griff er an. Von diesem Moment an, übernahmen seine Instinkte alles und er ließ sich einfach vom Rausch mitreißen. Entfernt bemerkte er das spritzende Blut, die Schreie, die berstenden Knochen und das zerreißende Fleisch. Der Geschmack und Geruch von Blut erfüllten seine Sinne, ohne dass er davon Kenntnis nahm. Es war ihm egal, er wollte weiter machen. Er wollte alles zerstören, alle schreien lassen und niemand würde sich ihm in den Weg stellen, die ganze Welt würde brennen! Er wusste nicht, wie viel Zeit verging, es konnten Sekunden, Minuten oder Stunden sein, er war zu sehr damit beschäftigt seine Feinde zu zerfetzen. Keiner schrie mehr und nichts rührte sich, aber als er eine weitere, wesentlich stärkere Präsenz spürte, hob er ruckartig den Kopf und starrte in die Richtung, aus der sie kam. Längst bestand alles um ihn herum nur noch aus Schatten und Schemen, zu sehr war er seinen tierischen Instinkten verfallen. Im ersten Moment wollte er dieses Wesen ebenfalls anspringen und zerfetzen, doch etwas war...anders. Es war...stark. Viel stärker als die anderen. ‚GEfahR!' Ein warnendes Grollen entfuhr ihm, aber die Gestalt stoppte nicht. Er wich zurück, während die Aura seines Gegenüber ihn erstickte und zu Boden pressen zu schien. Es war zu stark, zu viel für ihn und es machte deutlich, wer die Oberhand hatte. Mit einem Wimmern presste er sich gegen die Wand, sein Kampfeswille war jedoch nicht erloschen, im Gegenteil. Immerhin waren in die Ecke gedrängte Tiere immer gefährlicher. Sein stärkerer Gegner griff nach ihm und zog ihn hoch. Er grollte, schlug um sich, versuchte seine Zähne und Krallen in den anderen Dämonen zu vergraben, sein Feuer wurde immer heißer, aber er erschlaffte und wimmerte, als sich der Griff verstärkte und sein Gegner selbst ein warnendes Grollen ausstieß. Er erkannte die größere Bedrohung, die Aura war einfach zu viel! Der Halbdämon wagte es nicht, sich zu bewegen, in der Hoffnung, dass es ihn nicht töten würde. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es mit ihm redete. Er verstand nur Wortfetzen, die momentan keinen Sinn ergeben sollte. „Alles in Ordnung...gewonnen...vorbei...hast du gut gemacht...stolz auf dich...Sohn...", sagte es beruhigend. Rin wimmerte nur und leistete keinen Widerstand, als er näher an den Körper des anderen herangezogen wurde. Seine Flammen wurden langsam kleiner und sein Kopf klarer, aber das Adrenalin durchpumpte noch immer seinen Körper. Blinzelnd sah er sich um. Was...war passiert? Warum klebten seine Finger so? Noch immer nicht ganz er selbst, schaute er sich um. Alles war voller Blut...warum war hier so viel Blut? ‚Das dort...sind Körper...und Knochen...Organe?', dachte er blinzelnd. Es war schwer zu sagen, viel war nicht mehr übrig. ‚Hab...ich das getan?' Sein Blick fiel auf sich herab. ‚Blut...ist das...meins? Warum...?' Dies war sein letzter Gedanke, bevor alles dunkel wurde.