Ja, es gibt noch ein neues Kapitel, das für die Hauptgeschichte geht langsam voran. Ich hoffe, ihr habt solange Spaß hiermit. ^^


Als Rin erwachte, wusste er sofort, was geschehen war und er fühlte sich hundeelend. Zwar erinnerte er sich nicht an alle Details, doch das Blut und die Schreie hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Langsam setzte er sich auf und starrte auf seine zitternden Hände, in der Erwartung Blut zu sehen. Natürlich war da nichts und er trug neue Kleidung. Anscheinend hatte ihn jemand gewaschen und umgezogen, was ihn vor einer Weile noch genervt hätte, dieses Mal hatte er allerdings ganz andere Dinge im Kopf. Wie auf Erden hatte das passieren können? Er hatte niemals vorgehabt, jemanden zu töten, er hatte sich nur verteidigen wollen, aber kaum hatte sein Überlebenswille die Oberhand gewonnen, kam sein innerer Dämon hervor und er hatte vollkommen die Kontrolle verloren. All die Menschen in Assiah, ob nun Exorzisten oder nur jene unwissende, die ihn Dämon genannt hatten, hatten recht gehabt. Er war ein Monster und eine Gefahr für alle, so jemand wie er hätte gar nicht erst geboren werden dürfen! Na und? Was interessiert dich das Gerede der Menschen?", flüsterte ihm eine Stimme zu. Das in der Arena war notwendig, anders wärst du dort nicht rausgekommen, also hör auf rumzujammern. Du bist nun mal, was du bist und darauf solltest du stolz sein." Der Nephilim biss die Zähne zusammen und schüttelte energisch den Kopf. Stolz darauf sein, ein Monster zu sein? Wohl kaum. Glücklicherweise, sagte die Stimme, die erschreckenderweise wie seine eigenen klang, nichts mehr dazu, sodass er sich in Ruhe anziehen konnte. Laut der Uhr war es bereits Mittag, wie lange er genau geschlafen hatte, wusste er nicht. Seufzend betrachtete er sich im Spiegel der Schranktür und war überrascht, dass er aussah wie immer, wenn man von seinem leeren Blick und den Schatten unter den Augen einmal absah. Nach dieser Nummer in der Arena hatte er felsenfest damit gerechnet, dass er seinem menschlichem Selbst endgültig Lebewohl sagen konnte, doch offenbar war sein Dämonenherz nach wie vor versiegelt. Laut den Baal würde sich zumindest sein Aussehen verändern, wenn er wieder im vollen Besitz seiner Kräfte war. ‚Apropos Baal...wo stecken sie? Normalerweise hätte mich einer längst aus dem Bett geworfen.', überlegte er und schaute ein wenig unsicher Richtung Tür. Ihm fiel Satans Verbot ein, dass er nicht alleine das Zimmer verlassen durfte, nur um sofort zu beschließen, dass es ihm momentan egal war. Er wollte mit irgendjemanden sprechen, der ihm erzählen konnte, was genau passiert war, während er die Kontrolle verloren hatte und was als nächstes auf ihn zukommen würde. Immerhin hatte Satan selbst verkündet, das er sein Training mit den Flammen übernehmen würde und er musste wissen, was ihn dort erwartete. Entschlossen, aber nicht ganz ohne Angst, ging er auf die Tür zu und öffnete sie. Zu seiner Verwunderung war nicht abgeschlossen, dabei war er sich ziemlich sicher, dass sie es sonst war. Langsam öffnete er die Tür, wo er feststellte, dass die Wachen nirgends zu sehen waren. Hatten sie gerade Pause und man hatte vergessen sein Zimmer abzuschließen? An so viel Glück wagte er nicht zu glauben, zumal Fluchtversuche ins Wasser fielen, bis er seine Kräfte halbwegs unter Kontrolle hatte und vor allem wusste, wie er zurück nach Hause kam. Er schnaubte, als ihm klar wurde, wie paradox die Situation war. Um überhaupt eine kleine Chance auf Flucht zu haben, musste er seine Kräfte in den Griff bekommen und lernen, wie man kämpfte, doch gleichzeitig hatte er Angst davor, mehr über seine Fähigkeiten zu lernen und jemanden zu verletzen. Wie so oft wünschte er sich Yukio herbei, er hätte vermutlich eine Idee, wie sie aus diesem Schlamassel heraus kämen. Kaum war ihm der Gedanke gekommen, verdrängte er ihn sofort. Sein Bruder war tot, es machte keinen Sinn, darüber zu grübeln, was hätte sein können. So ungern er es zugab, die Dämonenkönige hatten bei einer Sache recht: Ewig auf dem Tod seiner Freunde herumzureiten, würde ihm nichts bringen. Er musste akzeptieren, dass sie fort waren und weiter machen, so sehr es schmerzte. Wenn er erst diesem Höllenloch entkommen war, hatte er genug Zeit zum trauern. Langsam betrat er den Flur und schloss leise die Tür hinter sich, während er sich misstrauisch umsah. Beinahe erwartete er eine weitere Falle von Satan oder den Dämonenkönigen, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was es bringen sollte, ihm auf dem Flur aufzulauern. ‚Großartig, anscheinend ist ihr Verfolgungswahn ansteckend.', dachte er bitter und setzte sich langsam in Bewegung. Einer der Baal würde sicherlich in seinen Gemächern sein, er musste nur alle Türen durchprobieren. Kurzerhand klopfte er an Beelzebubs Tür und versuchte sie zu öffnen, als niemand antwortete, sie war allerdings verschlossen. Er wollte sich gerade umdrehen und die nächste Tür ausprobieren, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte und zusammenzuckte. „Solltest du nicht in deinem Zimmer sein?", hörte er Azazel fragen und entspannte sich wieder ein wenig. Also kein Dämon, der ihn umbringen wollte, aber wie um alles in der Welt war er so schnell hinter ihn gekommen? Er hatte nicht einmal seine Schritte gehört! Andererseits schienen Dämonen generell gut im anschleichen zu sein, daher sprach er es nicht an. „Die Tür war offen und die Wachen weg. Wenn ihr wollt, dass ich dort bleibe, wärt ihr wohl kaum so unvorsichtig gewesen.", antwortete er und wandte sich an den älteren Dämon, welcher zu seiner Erleichterung nicht wütend wirkte. „Stimmt. Wollte nur sehen, wie du reagierst.", gab er zu. „Lu war vorhin schon mal da, aber du warst noch am schlafen, also ist er gegangen und hat gleich die Tür offen gelassen. Ist ja nicht so, dass du nochmal versuchen wirst, abzuhauen, oder?" Nein, abhauen war vorerst ganz unten auf seiner Prioritätenliste, daher schüttelte er langsam den Kopf. „Komm, du hast sicher Hunger.", fuhr Azazel fort und griff ihn am Arm, bevor er etwas sagen konnte. Dieses Mal war er glücklicherweise vorbereitet und nicht weiter überrascht, als sie vor der Tür des Esszimmers standen. Wie so oft waren sie die letzten, die ankamen, der Rest saß bereits am Tisch, nur Satan und Luzifer fehlten. „Ah, endlich zurück im Reich der Lebenden, Rin? Es hat lange genug gedauert.", hörte er Samael sticheln. „Ach, lass ihn. Als du zum ersten Mal deine Dämonenform entfesselt hast, warst du selbst für ein paar Tage außer Gefecht und war nur einen Tag lang bewusstlos.", erinnerte Egyn ihn. „Das war ja keine Dämonenform, er hat sich nur endlich seinen Instinkten hingegeben.", widersprach Amaimon gelangweilt. „Allerdings ohne sein Schwert zu ziehen, das ist schon ein Unterschied.", mischte sich nun Beelzebub ein, aber Rin achtete auf keinen von ihnen und ließ sich an seinem Platz nieder. Er wirklich nicht in Stimmung für ihr Gezeter und hing stattdessen seinen eigenen Gedanken nach. Glücklicherweise kam nur kurz darauf Luzifer dazu und setzte sich zu ihnen. „Vater isst später, wir können also anfangen.", verkündete er und riss Rin damit zurück in die Gegenwart. Während das Essen gebracht wurde, überlegte der Nephilim wie er die Sache am besten ansprach, schlussendlich beschloss er, einfach zum Punkt zu kommen. „Was ist in der Arena passiert?", fragte er in einem überraschend gefassten Tonfall. Die Dämonenkönige wechselten kurze Blicke, dann zuckte Astaroth mit den Schultern. „Dein Überlebenswille hat deinen Dämoneninstinkt raus geholt, also hast du diese Dämonen in Stücke gerissen und 'ne ziemliche Sauerei veranstaltet. Ende der Geschichte."

„Aber ich hatte mein Schwert nicht gezogen, wie konnten da meine Instinkte rauskommen? Ich dachte, das wäre mit meinen Flammen verbunden."

„Deine Kräfte reagieren auf deine Gefühlslage und deine Instinkte, aber das heißt nicht, dass du immer die Kontrolle behältst, solange die Klinge in der Scheide ist. Deine Instinkte reagieren so oder so, in diesem Fall war es dein Wunsch zu überleben, was sie die Oberhand hat gewinnen lassen.", erklärte Luzifer ruhig. „Das ist nichts, wofür du dich bei deinem Wissens- und Fähigkeitsstand schämen musst. Das macht jeder junge Dämon durch, bis er sich kontrollieren kann." Rin beruhigte dies nicht ansatzweise und ballte die Hände zu Fäusten. Warum konnte er sich nicht einmal zusammenreißen? Er sah zu Iblis', welcher nun mit sprechen begann. „Wobei ich sagen muss, dass ich nicht erwartet hätte, dass du sie so zerfetzen würdest, immerhin hast du dich beim Training immer so geziert.", steuerte er bei. „Sicher, dass du nicht doch heimlich drauf stehst? Ich meine, da war echt überall Blut und du hast denen sämtliche Organe und mehrere Knochen einzeln rausgerissen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass du nicht noch angefangen hast, sie aufzufressen. Sogar als sie schon tot warst, hast du weiter gemacht und erst aufgehört, als Vater dazu kam und selbst ihn wolltest du angreifen. Du hast sogar uns alt aussehen lassen und bei uns war es schon ein ganz schönes Gemetzel, als wir unsere Dämonenform zum ersten Mal angenommen haben. Schätze bei dir wird es wohl richtig unterhaltsam werden." Die Worte des Feuerdämons ließen Rin sämtlichen Appetit verlieren und sein Magen drehte sich um. „War...War es wirklich so schlimm?", fragte er leise. Er konnte sich seit dem Moment in den er in Rausch gefallen war, kaum an etwas erinnern. „Was ist daran schlimm? Sie wollten dich töten, also hast du sie zuerst getötet.", kommentierte Amaimon, ohne von seinem Teller aufzusehen. „Und sie hatten es verdient.", fügte Beelzebub hinzu. „Sei ehrlich, fühlt es sich nicht gut an, sich zu rächen?" Ein kleiner Teil von Rin sagte "Ja!", aber er schüttelte vehement den Kopf. Nein, ihm hatte es nicht gefallen und es würde ihm nie gefallen, egal was seine Instinkte oder wer auch immer ihm sagten! Eine Frage brannte ihm jedoch noch unter den Nägeln. „Satans Drohung, dass er nicht eingreifen und ich sterben würde, wenn ich mich nicht wehre, war ein Bluff, nicht wahr?", fragte er mit Verbitterung in der Stimme. Er hatte lange darüber nachgedacht und war sich inzwischen mehr als sicher. Schon als sich die Dämonenkönige erneut Blicke zuwarfen, bestätigte sich die Vermutung und schließlich nickte Egyn. „Ja, das war es. Als du in dem Würgegriff warst, hat er sich schon darauf vorbereitet einzugreifen, sobald du bewusstlos wirst. Bei uns war es nicht anders, selbst wenn wir von ihm getestet wurden, ganz egal wo, er hat uns immer im Blick behalten, was wir natürlich damals nicht wussten." Daraufhin herrschte für einige Minuten Schweigen, welches schließlich von Luzifer unterbrochen wurde. „Übrigens fällt heute dein Training aus, Vater hat mich gebeten, dir einige andere wichtige Dinge beizubringen, darunter unsere Schrift. Wenn du dich gut anstellst, hast du heute eher Schluss als sonst."

‚Als ob mir das viel bringt, wenn ich quasi ein Gefangener bin.', dachte Rin düster, aber der Lichtdämon war noch nicht fertig. „Ich muss allerdings zuvor einige Angelegenheiten regeln, die wohl mindestens zwei Stunden dauern werden. Bis dahin steht es dir frei, dich ein wenig im Palast umzusehen." Für einen Moment glaubte der Nephilim, sich verhört zu haben. „Ich darf was?", fragte er verwirrt nach. „Er hat mir verboten das Zimmer zu verlassen und alleine rumzulaufen."

„Sieh es als Belohnung für das Erfüllen deiner Aufgabe in der Arena an.", antwortete der älteste Baal knapp. „Allerdings darfst du dich vorerst nur in einem bestimmten Teil auf dieser Etage bewegen und alle verschlossenen Türen sind tabu. Die Wachen sind informiert und werden dafür sorgen, dass du wirklich hier bleibst, also versuche nicht wieder wegzulaufen. Wenn ich fertig bin, werde ich dich holen. Verstanden?" Der Nephilim nickte, nicht sonderlich begeistert, dass er wohl auf Schritt und Tritt überwacht werden würde, aber immerhin kam er damit endlich aus dem Zimmer raus. Mit wesentlich besserer Laune beendete er sein Frühstück, ging zusammen mit Amaimon, welcher etwas in seinem Zimmer zu erledigen hatte, wieder nach oben und begann mit seiner Erkundungstour.


Wie erwartet war der Palast ein einziges Labyrinth. Wie sich hier jemand zurechtfinden sollte, war dem Jungdämonen wahrhaftig ein Rätsel. Warum brauchte man überhaupt so viele Räume? Ein wenig unentschlossen sah er sich in dem Gang um, den er soeben betreten hatte und entschied sich für eine große, hölzerne Doppeltür mit unzähligen Verzierungen. Der Raum dahinter war eine Bibliothek und erschlug den Halbdämonen förmlich. Der Raum war gewaltig! Unzählige Regale zogen sich an den Wänden entlang und reichten bis zur Decke, sodass man Treppen und Leitern benötigte, um überall heran zu kommen. Steinsäulen stützen die bemalte Decke, welche ein riesiges Kuppelfenster hatte, durch das Sonnenlicht in den Raum schien. An den wenigen freien Stellen an den Wänden hingen Gemälde, Banner und andere Dekorationen, sowie einige Fackeln. Sessel und Sofas luden zum gemütlichen Lesen ein und je länger Rin sich umsah, desto mehr Details fielen ihm auf, von Statuen, Bögen, Brücken und seltsamen, leicht glühenden Gegenständen bis hin zu echten Bäumen, welche nach all den Jahre bis an die Decke reichten . Alles in allem wirkte es nicht wie eine Bibliothek, sondern eher wie eine riesige Stadt aus Büchern, Leitern und Treppen. Zwar war er absolut kein Bücher Freund, doch etwas an diesem Ort wirkte beruhigend und einladend, sogar der leichte Geruch von Staub und Papier störte nicht. Schlussendlich riss er sich dennoch von dem Anblick los und wandte sich wieder Richtung Ausgang. Obwohl er sich (untypischerweise) gerne umgesehen hätte, drängte die Zeit und er traute es sich durchaus zu, sich hier drin verlaufen. Die folgenden Räume waren dagegen eher unspektakulär mit der Ausnahme eines Treppenhauses, wo die Treppen nicht etwa normal nach oben oder nach unten führten. Stattdessen war es ein Durcheinander aus Treppen, Bögen und Plattformen, welche seitlich, schräg oder sogar auf Kopf standen. Wie um alles in der Welt funktionierte dieses Treppenhaus?! Schwerkraft gab es in Gehenna ganz offensichtlich, daher sollte es eigentlich unmöglich sein, diese Treppen zu überwinden. Er war so in Gedanken, dass er gar nicht merkte, wie sich jemand näherte und erschrak entsprechend, als er angesprochen wurde. „Ziemlich beeindruckender Anblick, was?", fragte eine männliche Stimme. „Keine Sorge, es ist nicht so kompliziert wie es aussieht, wenn man sich einmal dran gewöhnt hat." Sofort fuhr Rin herum und starrte den Neuankömmling mit großen Augen an. Der Dämon war ein wenig größer als er, hatte orange Augen und kurze, blassviolette Haare. Außerdem trug er die Rüstung der Palastwache, nur den Helm hatte er abgesetzt und offenbarte somit sein überraschend freundliches Gesicht. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.", entschuldigte er sich schnell. „Du standest so planlos in der Gegend herum und ich dachte, du hättest dich verlaufen. Du bist neu hier, nicht wahr?" Noch immer ein wenig überrumpelt nickte der Halbdämon. „Ja, könnte man so sagen. Ich wollte mich eigentlich nur umsehen und dann habe ich das hier entdeckt.", antwortete er, wobei er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte. Wahrscheinlich war sowas in Gehenna ganz normal und er stand wie der größte Volldepp da. Zu seiner Erleichterung lachte der Dämon. „Keine Sorge, so geht es so gut wie jedem neuen hier. Solche Treppenhäuser findet man eher in den Hauptstädten. Die, die von außerhalb kommen, haben also alle das Problem.", erklärte er gut gelaunt und verwirrte Rin damit immer mehr. Warum war er so freundlich? Sie kannten sich nicht mal. Andererseits war Vaya ebenfalls von Anfang an nett gewesen und bisher hatte er noch nicht die Gelegenheit gehabt, sich mit einem der Wachen zu unterhalten. Wenn er so darüber nachdachte: Er hatte bisher nicht mal einen ohne Helm gesehen. „Warum bist du so nett zu mir?", fragte er, bevor er sich aufhalten konnte. Nun war es der Wächter, der überrascht wirkte, wenn auch nur für wenige Sekunden. „Lass mich raten: Du hast bisher mit keinem Wächter geredet und falls doch, waren sie unhöflich. Mach dir da nichts draus, im Dienst sind viele so drauf, ist nichts persönliches. Klar, es gibt auch Arschlöcher, aber die meisten von uns sind normale Dämonen mit einem Leben, einer Familie und was sonst so dazu gehört. Lass dich nicht von sowas abschrecken. Ach, ganz vergessen, ich heiße übrigens Deimos und du?"

„Ähm...Rin.", antwortete der jüngere automatisch und hätte sich daraufhin am liebsten in den Hintern getreten. Wie konnte er seinen echten Namen herausgeben?! Glücklicherweise schien Deimos ihn nicht zu erkennen. „Rin? Interessanter Name, habe ich hier noch nie gehört.", überlegte er. „Aber gefällt mir. Wo kommst du denn her? Ich komme ursprünglich aus einem Dorf am Rande von Aion."

‚Bitte was?!', fragte sich der Nephilim erschrocken. „Oh...ich komme aus...na ja, ich...", stotterte er hervor. Er war nicht sicher, ob es eine gute Idee war, die Wahrheit zu sagen, aber lügen konnte er auch nicht, immerhin wusste er absolut nichts über Gehennas Geographie. Glücklicherweise bemerkte Deimos seine Unruhe. „Ist schon ok, wenn du nicht antworten willst.", sagte er und lächelte ihm aufmunternd zu. „Tut mir leid, wenn es dir zu schnell ging, ich bin manchmal etwas voreilig, wenn ich jemand neuen treffe." Dankbar nickte der Halbdämon und entspannte sich wieder. „Also...du bist ein Wächter?", fragte er und nickte in die Richtung der Rüstung. „Japp, seit mein Vater aufgrund einer Verletzung aufhören musste. War nicht ganz einfach, Lord Satan und die Baal sind wählerisch, aber schlussendlich hat sich der Aufwand gelohnt. Die Bezahlung ist klasse, ich habe eine Unterkunft und regelmäßige Mahlzeiten, davon können manche dort draußen nur träumen.", erwiderte er. „Wie sieht's bei dir aus?"

„Es ist kompliziert, ich möchte nicht drüber reden.", antwortete der Nephilim ein wenig kleinlaut und war froh, als Deimos nicht nachhakte. „Ok, kein Problem. Hast du sonst noch Fragen oder brauchst Hilfe? Meine Schicht beginnt erst in ein paar Stunden, also habe ich noch ein wenig Zeit für dich.", bot der Dämon an. Rin wollte erst ablehnen, zögerte jedoch. Offenbar wusste Deimos nicht, wer er war und schien ziemlich freundlich, also konnte er genauso gut die Situation nutzen und ihn ein wenig ausfragen. Andererseits war er nicht sicher, ob er sich nicht nur verstellte und ihm in Wirklichkeit schaden wollte. Nach einigem hin und her beschloss er, es zu riskieren. „Ich hätte einige Fragen. Wo ich herkomme, bekommt man nicht grad viel hiervon mit, ich weiß ehrlich gesagt kaum etwas über die Hauptstadt, von S- Lord Satan und den Baal mal ganz zu schweigen."

„Tja, über sie wissen die wenigsten etwas, aber beim Rest kann ich dir gerne helfen und dir gleich ein paar Tipps mit auf den Weg geben. Mag sich seltsam anhören, aber wenn man nicht weiß, wie die Dinge hier laufen, kann man ganz schnell sterben, vor allem wenn Lord Satan oder einer der Dämonenkönige einen schlechten Tag haben. Komm mit, ich kenne einen Gang, wo wir unsere Ruhe haben und uns setzen können." Ein wenig zögerlich folgte Rin ihm, bis sie in einem Gang standen, wo es tatsächlich mehrere Sitzmöglichkeiten gab. Nachdem sie sich niedergelassen hatten, begann Deimos in einem Beutel zu wühlen, welcher Rin bisher nicht aufgefallen war und zog ein Holzgefäß mit Deckel hervor. Als er es öffnete, wehte ihnen ein süßlicher Geruch entgegen, welcher ihm sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Offensichtlich war es etwas zu essen, war in Blättern eingewickelt und hatte ungefähr die Größe eines Onigiris. „Auch welche? Meine Freundin hat die für mich zum gemacht, aber alleine schaffe ich die nicht alle."

„Was ist das denn?", fragte Rin vorsichtig und erhielt dafür einen entsetzten Blick. „Du hast noch nie Såir Tarvís gegessen?!", entfuhr es Deimos ungläubig. „Dann musst du erst recht einen nehmen!" Obwohl er erst gegessen hatte, siegte schlussendlich die Neugier und Rin griff zögerlich nach einem und packte ihn aus. Er hielt nun ein rundes Teigbällchen in der Hand, wo allerdings etwas reingemischt worden war, das ihn an Reis erinnerte. Vorsichtig biss er ab und stellte dabei fest, dass es mit Kernen, Nüssen und Früchten gefüllt war. „Wow, die schmecken ja genial!", kommentierte er überrascht. „Sag ich doch!", grinste Deimos. „Die kann man mit so ziemlich allem füllen, also Gemüse, Fleisch, Fisch und so weiter, aber die hier hab ich am liebsten. Hast du die echt noch nie gegessen?" Der Halbdämon schüttelte mit dem Kopf und für einige Minuten herrschte Stille, während sie aßen, dann führten sie ihr Gespräch fort. Wie sich herausstellte, war Deimos ein Zeitdämon und war nach Pandemonium gezogen, als er den Job im Palast bekommen hatte. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er im Palast, da es kaum Urlaub gab, ansonsten lebte er mit seiner Freundin zusammen, die offenbar erst vor einigen Wochen erfahren hatte, dass sie schwanger war. Daher übernahm er umso mehr Schichten, um genug Geld zu sparen und sie vor allem endlich heiraten zu können (er verwendete statt "Heirat" ein anderes Wort, allerdings wurde sehr schnell deutlich, dass es offenbar die gehennische Variante davon war). Je länger sie miteinander redeten, umso wohler fühlte Rin sich. Sicher, Deimos war ein Dämon, aber auch ein weiterer Beweis dafür, dass nicht alle von ihnen schlecht waren. Von ihm erfuhr er einiges über Gehenna, wobei er natürlich aufpassen musste, was er sagte, damit er sich nicht als Halbdämon aus Assiah entlarvte. Das einzige, was er dem älteren über sich verriet war, dass er zwar lebende Verwandte hatte, aber nicht sonderlich gut mit ihnen zurechtkam. Zu seiner Erleichterung bohrte der Zeitdämon nicht nach. Viel zu schnell verging ihre gemeinsame Zeit, Rin war gar nicht bewusst wie lange sie schon redeten, als er plötzlich Schritte hörte, die ihn aufsehen ließen. Es war Luzifer, welcher ihn bereits entdeckt hatte und auf ihn zukam. Er unterdrückte ein aufstöhnen. So viel zum Thema seine Identität vor Deimos geheim halten. „Hier treibst du dich rum. Es ist Zeit für deinen Unterrich, also komm.", sprach der Lichtkönig ihn an und wandte sich anschließend an Deimos. „Und was tust du hier?", fragte er in einem ruhigen, aber gleichzeitig leicht drohendem Tonfall. „Ich hatte die letzten Tage frei und bin heute wieder zum Dienstantritt hier, allerdings beginnt der erst in einigen Stunden. Wir sind dann zufällig ins Gespräch gekommen. Bitte vergebt mir, wenn ich einen Fehler gemacht habe, Lord Luzifer.", erklärte dieser schnell. Sein Gesichtsausdruck blieb neutral, wofür Rin ihn nur bewundern konnte. Für einige Sekunden schien der Blick des Lichtdämonen ihn zu durchbohren, dann nickte der Baal schließlich. „Gut, du kannst gehen, aber halte diesbezüglich den Mund.", entließ er ihn. „Natürlich, Danke Eure Hoheit.", antwortete Deimos hastig und verschwand, ohne Rin noch einmal anzusehen. Dieser atmete erleichtert auf. Fast hatte er damit gerechnet, dass der ältere Deimos töten würde. Nach Beelzebubs Aktion mit dem Diener wäre es nicht weiter überraschend. „Seit wann sprichst du mit den Wachen?", hörte er Luzifer fragen, woraufhin er mit den Schultern zuckte. „Das war das erste Mal. Hat sich so ergeben.", antwortete er ein wenig deprimiert. Wahrscheinlich würde Deimos nie wieder mit ihm reden, was ihn seltsam traurig stimmte. Er hatte wirklich angefangen, ihn zu mögen. „Lass es besser nicht zur Gewohnheit werden. Vater hat es dir ohnehin verboten." Der Nephilim verbiss sich einen flapsigen Kommentar, da er nicht wieder streiten wollte. Schweigend liefen sie eine Weile, bis sie eine vertraute Tür erreichten und den Raum dahinter betraten. Erneut fand er sich der riesigen Bibliothek wieder und sah sich genauso erstaunt wie zuvor um. „Warst du schon hier?", erkundigte sich der Lichtdämon und Rin nickte. „Ich war vorhin hier, aber hab mich nicht weiter umgesehen, weil ich keine Lust hatte, mich zu verlaufen."

„Verständlich. Selbst ich finde immer wieder neue Bereiche und hier etwas zu finden, kann ein einziger Albtraum sein, besonders weil manche es nicht für nötig halten, die Bücher wieder dorthin zu stellen, wo sie hingehören." Damit meinte er wohl einige seiner Brüder. „Ok...faire Warnung vorneweg: Ich bin miserabel beim konzentrieren, ich schlafe ständig ein und das meiste werde ich wieder vergesse, bevor ich den Raum verlassen, also mach dir keine allzu großen Hoffnungen.", grummelte Rin, doch Luzifer schien das weniger zu stören. „Wir werden sehen. Samael hat mich schon vorgewarnt, aber wenn sogar Amaimon, Iblis und Astaroth alles lernen konnten, schaffst du das erst recht. Für den Anfang reichen die Grundlagen, keiner erwartet, dass du innerhalb einer Woche alles kannst."

‚Erzähl das Satan, der mich mit beinahe Vergewaltigern in eine Kampfarena geworfen hat...' Widerwillig setzte sich der Nephilim mit Luzifer an einen Tisch und sie begannen das Gehennische Alphabet zu pauken. Schnell wurde klar, dass Rin und Gehennisch keine Freunde werden würden. Die Buchstaben (und Zahlen) sahen ganz anders aus, kleinste Punkte und Striche machten große Unterschiede und aus den Worttrennungen wurde er genauso wenig schlau. Warum musste immer alles so kompliziert sein?! Glücklicherweise war Luzifer sehr geduldig und hatte nichts dagegen, ihm etwas öfter zu erklären. Ohne es zu wollen, verglich er seine Art mit der Yukios und musste feststellen, dass der Baal ein wesentlich besserer Lehrer war. Damit er nicht so schnell die Konzentration verlor, wechselten sie zwischen den Themen, sodass sie auch über andere Dinge wie allgemeines über Gehenna und dämonische Verhaltensregeln sprachen. Zwar ging es relativ schleppend voran, aber zumindest konnte Rin sich mehr oder weniger konzentrieren, was nicht oft der Fall war. Sie verbrachten mehrere Stunden in der Bibliothek, dann wurde er endlich entlassen. Die nächsten Tage verliefen nicht anders, mit dem Unterschied, dass einiges an Theorie über seine Kräfte hinzukam sowie einige praktische Übungen und Allgemeinwissen. Unter anderem lernte er, dass Gehenna in acht Gebiete unterteilt war und jede ihre eigene Hauptstadt hatte, während Pandemonium Hauptstadt für ganz Gehenna war. Wenn es um politische Dinge ging, konnte er allerdings wie gewohnt nichts im Gedächtnis behalten. Luzifer schien das glücklicherweise nicht von ihm zu erwarten, laut ihm würde der offizielle Unterricht für all dies erst viel später beginnen. Fünf Tage lernten sie nun schon gemeinsam und tatsächlich war der erste Erfolg zu verzeichnen: Rin konnte seine Aura verbergen, wodurch er seine Anwesenheit verschleiern konnte und er beherrschte bereits mehrere Buchstaben. Heute lief es dagegen nicht so gut, denn der Nephilim wurde an seine Grenze getrieben: Wie schon Iblis zuvor wollte der älteste Dämonenkönig seine mentale und geistige Stärke testen, allerdings nicht durch Suggestionen, sondern indem er direkt in seinen Kopf eindrang. Ziel war es, sich so gut es ging, dagegen zu wehren, nur leider hatte der Halbdämon keine Ahnung wie er dies bewerkstelligen sollte. Zwar hatte der Lichtdämon es anfangs erklärt, aber genauso gut hätte er ihm höhere Mathematik beibringen wollen. Für Rin war es ein Buch mit sieben Siegeln, Luzifer ließ trotz allem nicht locker und tat es immer und immer wieder. Sein Kopf fühlte sich bereits schwammig an, was Konzentration alles anders als erleichterte. „Können wir wenigstens mal eine Pause machen? Ich kann nicht mehr!", schnaubte er erschöpft und vergrub kurz sein Gesicht in den Händen. Zu Beginn hatte ihn das ständige Eindringen weniger gestört, doch inzwischen war es eine Tortur. Sein ganzer Körper verkrampfte und er brach in Schweiß aus, was beides nicht angenehm war. Es war ein extrem beklemmendes Gefühl, er brauchte kurz Ruhe! „Wenn du nicht mehr könntest, würdest du das Bewusstsein verlieren.", antwortete Luzifer streng. „Und glaubst du wirklich, dass ein Angreifer dir eine Pause gestatten würde? Ich habe selbst Kopfschmerzen, also reiß dich zusammen!" Bevor Rin protestieren konnte, begann er von neuem, doch dieses Mal war etwas anders. Rin hatte genug davon, er wollte nicht mehr! Etwas in ihm drängte ihn dazu, es herauszulassen und auch wenn er wusste, was es war, konnte er es nicht länger zurückhalten. Von einer Sekunde zur anderen übernahm dieses etwas die Kontrolle, was nicht damit zufrieden war, Luzifer nur herauszuwerfen. Stattdessen drehte es den Spieß um und plötzlich sah Rin Erinnerungen, die nicht die seinen war. Er sah Luzifer , welcher vielleicht vier Jahre alt war und versuchte zu schlafen, während aus dem Raum nebenan die Schreie einer Frau ertönten. Rin wurde bewusst, dass dies nur Satans Gemächer sein konnten. Der Lichtdämon tat nichts, außer sich zitternd die Decke über den Kopf zu ziehen. Dann ohne Vorwarnung wurde er durch weitere Erinnerungen gerissen, manche sah er nur flüchtig, andere dauerten mehrere Sekunden. In einer Erinnerung war der Baal vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Er lehnte an der Wand einer dunklen Höhle, die Beine herangezogen und das Gesicht in den Knien vergraben, während er leise vor sich hin schluchzte. Überall lagen zerfetzte, teilweise angefressene Leichen und er selbst war komplett mit Blut besuldet. Wieder wechselte die Erinnerung, dieses Mal war er in einem Badezimmer und übergab sich. Zunächst glaubte der Nephilim, er wäre krank, bis ihm bewusst wurde, dass der ältere Dämon weinte. „E-Es tut mir leid, es t-tut mir so l-leid!", flüsterte er schluchzend. „Es ist a-alles meine Schuld, es tut mir leid!" Der Nephilim war überrascht wie verletzlich der ältere wirkte, hatte allerdings nicht die Gelegenheit sich deswegen Gedanken zu machen. Erneut veränderte sich seine Umgebung, doch dieses Mal geschah etwas seltsames. Die Erinnerungen waren verschwommen und passten nicht zusammen, als wären sie Scherben, die irgendwie zusammengeworfen worden waren. Die Stimmen und Geräusche klangen ebenfalls extrem dumpf, sodass es unmöglich war, etwas zu verstehen, aber dies war nebensächlich, denn ohne ersichtlichen Grund wurde Rin von einem Gefühl extremer Unruhe überwältigt. Er sollte nicht hier sein, etwas stimmte nicht! Kaum hatte er das gedacht, schien sein Kopf vor Schmerz zu explodieren, aber zu seinem Entsetzen konnte er nicht weg. „Raus!" Ein gewaltiger Ruck durchfuhr ihn und zu seiner Erleichterung hatte er endlich Luzifers Erinnerungen verlassen, doch die hielt nicht lange an. Plötzlich stand der Dämonenkönig über ihm und dem Nephilim lief ein Schauer über den Rücken. Genau wie bei ihm, wenn er zu sehr seinem dämonischen Selbst verfiel, hatten sich Pupille und Iris verzogen, seine Zähne waren länger geworden und einige seltsame Linien, die ihn an Adern erinnerten zogen sich über sein Gesicht. Hatte der Lichtkönig die Kontrolle über seine dämonische Natur verloren? Wie konnte das denn passieren?! Er wollte etwas sagen, kam jedoch nicht dazu. Scheinbar ohne Probleme warf Luzifer ihn um, sodass er auf dem Rücken lag, dann legte er seine Hände um den Hals des jüngeren und begann zuzudrücken. „JetZt sT!rB EnDLich, DU BaSTarD! IcH laSsǝ Mich n!chTlÄnGer maNIpuliǝRen! ICh haSse d!cH!", fauchte er mit einer dämonischen Stimme und drückte noch fester zu. Rin versuchte erfolglos nach Luft zu schnappen und griff nach den Handgelenken des Baals, um sie wegzuschieben, doch sein Griff war unnachgiebig. Allmählich bildeten sich seltsame Schleier vor seinen Augen und er wusste, dass er kurz vor der Bewusstlosigkeit stand. Wie schon in der Arena machte sich dieses Gefühl in ihm breit und ergab sein bestes, es zurückzuhalten, doch seine wachsende Angst ließ ihn nicht klar denken. „IcH w!ll nicHT meHr, dU hASt m!r alLes gEnoMmǝn!", kreischte Luzifer beinahe hysterisch. „Stirbstirbstirbstirbstirbstirbichhassedichichhassedichichhassedich-" Inzwischen war nicht mehr verständlich, was der Dämon sagte, es klang wie das Gemurmel eines Wahnsinnigen. Gleichzeitig hatte er mit Zittern begonnen und seine Atmung ging extrem schnell. Hatte er einen Anfall? Rin interessierte es momentan nicht, seine Lungen schrien nach Sauerstoff, doch schaffte es nicht, seine Luftröhre frei zu bekommen. Er spürte wie seine Dämoneninstinkte hochkamen, angespornt durch seinen Überlebenswillen, aber bevor es weiter eskalieren konnte, flogen die Türen auf. Rin konnte nicht sehen, wer es war, erkannte die Stimme allerdings sofort. Es war Samael. „Luzifer, was tust du?! Stopp!", hörte er ihn rufen und zum ersten Mal seit er ihn kannte, war Schock in seiner Stimme zu vernehmen. Dummerweise ignorierte der Lichtdämon die Aufforderung und schien nur noch entschlossener, Rin zu erwürgen, wurde jedoch im nächsten Moment von ihm heruntergerissen. Der Nephilim schnappte sofort nach Luft und hustete. Am Rande nahm er Samael wahr, welcher versuchte Luzifer am Boden zu halten, aber dieser warf ihn von sich und versuchte sich erneut auf Rin zu stürzen. Nach einer kurzen Rangelei hatte der Zeitkönig ihn endlich am Boden, der ältere gab allerdings immer noch nicht auf und griff nun den Zeitdämonen an, welcher ihn schnell überwältigte. Erst jetzt fiel Rin auf, dass Azazel und Amaimon ebenfalls anwesend waren. Während sich der Erdkönig wegteleportierte -wahrscheinlich um Satan zu holen- ,kniete der drittälteste Baal neben dem Halbdämonen. „Alles in Ordnung? Was in Vaters Namen ist hier passiert?!", fragte er, sein sonst so gelangweilter Gesichtsausdruck war Hektik gewichen. Rin war noch zu benommen, um zu antworten, er war sich selbst nicht sicher, was passiert war. Bisher hatte Luzifer immer so ruhig und gelassen gewirkt, so durchzudrehen passte absolut nicht zu ihm. Abgesehen machte das, was er gesagt hatte, keinen wirklichen Sinn. Hatte er irgendetwas in ihm ausgelöst, als er in seinen Erinnerungen gelandet war? Ein Aufschrei ließ ihn erneut in Luzifers Richtung sehen und er erschauderte. Der Blick, den er von ihm erhielt, war hasserfüllter als er es jemals bei jemanden gesehen hatte. Nicht einmal die Exorzisten hatten ihn so angesehen und das wollte etwas heißen. Was hatte er nur getan? Azazel bemerkte seine Fassungslosigkeit und zog ihn auf die Füße. „Komm, wir reden woanders weiter. Samael kommst du klar?"

„Sicher, schaff Rin hier raus. Vielleicht beruhigt er sich dann.", kam die ungewohnt ernste Antwort. Das bereits vertraute Gefühl kam in Rin auf und nur wenige Sekunden später fand er sich auf dem Flur mit ihren Gemächern wieder. Azazel zögerte nicht lange und schob ihn in eins der Zimmer, welches ein einziges Durcheinander war. Überall lagen Klamotten, Bücher, einzelne Blätter, Fotos, leere Getränkedosen und Essensverpackungen herum. Darunter waren unter anderem Pizzakartons, Takeoutboxen, Chipstüten und Cola Flaschen. Der Boden war schon lange nicht mehr sichtbar. Die Vorhänge waren allesamt zugezogen worden und die Lichter gedämpft. Rin war zwar selbst nicht der Ordentlichste, aber das war sogar ihm zu viel. Andererseits ging es ihm nichts an, also sagte er nichts und er hatte momentan wirklich andere Sorgen. Azazel kam direkt zum Punkt, „Also, was ist jetzt nun passiert?", fragte er eindringlich. „Ich weiß es nicht!", antwortete der Nephilim frustriert. „Ich sollte mich gegen seine mentalen Attacken wehren, konnte nicht mehr und dann kamen anscheinend meine Dämoneninstinkte raus und haben es mir abgenommen. Ich war dann in seinem Kopf-"

„Du konntest in seinen Geist eindringen? Unmöglich.", unterbrach der Geisterkönig ihn scharf. „Luzifer lässt nie jemanden rein und du hast kein Training." Er hielt inne und dachte nach. „Aber wenn es dein Dämoneninstinkt war...", murmelte er offenbar nachdenklich und schüttelte den Kopf. „Egal, darüber machen wir uns später Gedanken. Erzähl weiter."

„Na ja, ich habe mehrere seiner Erinnerungen gesehen, ich hatte keine wirkliche Kontrolle darüber. Nach einer Weile sind sie immer seltsamer geworden bis sie ziemlich undeutlich waren und man nichts mehr verstehen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich da nicht hätte sein sollen, aber ich saß fest. Schlussendlich hat mich Luzifer rausgeworfen und ist komplett durchgedreht. Er hat versucht, mich zu erwürgen und mich angeschrien."

„Was hat er gesagt?"

„Dass ich sterben soll, er mich hasst und er sich nicht mehr manipulieren lassen würde.", sagte Rin langsam. „Und dass er nicht mehr will und ich ihm alles genommen hab. Der Rest war dann nur noch seltsames Gemurmel. Er schien wirklich nicht mehr bei sich zu sein.", schloss er. Azazel sagte zunächst nichts und Rin schwieg ebenfalls, bis er es nicht mehr aushielt. „Also was sollte das? Was hat er gegen mich und warum soll ich ihm alles genommen haben? Ich bin erst seit kurzem hier."

„Ich denke nicht, dass er wirklich dich meinte.", erwiderte Azazel zögerlich, seine Worte mit Bedacht wählend. „So wie das klingt, hat er seine Gefühle gegenüber jemand anderen gegen dich gerichtet, aber ich bin nicht sicher, wen er meinen könnte. Höchstwahrscheinlich irgendjemand, der ihn in der Vergangenheit verraten hat, schwer zu sagen. Das mit den letzten Erinnerungen kann ich nicht wirklich erklären, aber er scheint ja erst die Nerven verloren zu haben, als du dort warst. Schätze mal, das waren Erlebnisse, die er verdrängt hat und seine Reaktion war sowas wie ein Schutzmechanismus...?" Er brach ab und schien in Gedanken versunken. Für einen Moment glaubte Rin eine neue Emotion in seinem Gesicht sehen. „Du...machst dir Sorgen um ihn, oder?" Der Geisterdämon schnaubte. „Natürlich tu ich das, er ist mein Bruder und so ein Verhalten passt nicht zu ihm...was immer du in ihm ausgelöst hast, es war nichts Gutes." Erneutes Schweigen folgte und für einen kurzen Moment hatte Rin ein schlechtes Gewissen, welches er schnell beiseiteschob. Er konnte nicht wirklich etwas dafür und er sollte kein Mitleid mit einem Dämonenkönig haben! „Warte am besten in dein Zimmer, ich geh derweil zurück und schau wie es Luzifer geht. Amaimon dürfte inzwischen Vater geholt haben." Rin nickte und stand auf, um den Raum zu verlassen. Dabei trat er beinahe auf einen Spiegel und warf einige Müllhaufen um, aber er war zu sehr damit beschäftigt, sich über Azazels Worte Gedanken zu machen, um darauf zu achten. Er verbrachte beinahe zwei Stunden in seinem Zimmer, dann wurde es ihm zu blöd und er beschloss, sich die Beine zu vertreten. Theoretisch hatte Satan ihm zumindest für heute gestattet, sich umzusehen und Azazel hatte nie gesagt, dass dies aufgehoben war. Für eine Weile wanderte er ziellos umher, bis er in einem weiteren leeren Korridor stand und Stimmen zu hören waren. Nach kurzem Überlegen wurde ihm bewusst, dass dies das Krankenzimmer war, in dem er von den Heilern untersucht worden war. Langsam trat er näher heran und versteckte dabei seine Aura, denn er hatte Satans Stimme erkannt. Er sprach mit einem der Heiler und es war kein angenehmes Gespräch. „...interessiert mich nicht. Ich habe nach deiner Einschätzung gefragt und zwar ohne Beschönigung."

„Beim allem Respekt Majestät, das ist meine ehrliche Einschätzung.", antwortete der Heiler. „Wenn Ihr weiter so macht, kann das schwere psychische, seelische und eventuell sogar körperliche Schäden zur Folge haben. Noch mehr zu verabreichen, wird kaum etwas bringen, daher empfehle ich, damit aufzuhören-"

„Willst du mir Vorschriften machen?", zischte Satan gefährlich und Rin musste schlucken. Er wollte momentan wirklich nicht in der Haut dieses Dämonen stecken. „Natürlich nicht, aber das ist mein Rat. Was passiert ist, sollte Beweis genug sein-", setzte der Dämon an, nur um unterbrochen zu werden. „Ich brauche keinen Rat, ich bin mehr als dazu in der Lage, mich selbst darum zu kümmern. Es bleibt dabei." Rins Augen weiteten sich. Worüber um alles in der Welt sprachen sie? Ging es um ihn? So oder so wäre er wahrscheinlich in großen Schwierigkeiten, wenn er erwischt werden würde. Er zwang sich dennoch, weiter zuzuhören. „Dann tut es mir leid, aber möchte ich mich aus dem Fall zurückziehen, Lord Satan.", hörte er den Dämonen sagen. „Ich bin Heiler geworden, um anderen zu helfen, doch das hier...ich kann das nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren." Der Dämonenherrscher lachte kalt. „Auf einmal? Ich sollte wohl nicht überrascht sein, du bist nicht der erste." Der Heiler schwieg und als Satan erneut sprach, schwang in seiner Stimme ein scharfer Unterton mit. „Ich würde mir diese Entscheidung gut überlegen. Ich habe dich damals darauf hingewiesen, dass es kein Zurück geben würde."

„Meine Entscheidung steht fest, ich werde niemanden etwas sagen, aber-" Weiter kam er nicht. Rin zuckte zusammen, als er plötzlich ein widerliches Gurgelgeräusch hörte, gefolgt von einem dumpfen Aufschlag. „Immer dasselbe...alles Idioten.", knurrte Satan und damit hatte Rin endgültig genug gehört. So schnell und leise wie möglich zog er sich zurück und begann zu rennen, als er glaubte, weit genug weg zu sein. Erst viele Korridore und einige Treppen später, erlaubte er sich durchzuatmen. Was dort passiert war, sollte offensichtlich niemand mitbekommen und er wollte nicht wissen, was passieren würde, wenn Satan von seiner Lauschaktion erfuhr. Noch immer konnte er sich nicht zusammenreimen, worüber sie gesprochen hatten und je länger er darüber nachdachte, umso weniger wollte er es wissen.


Das Abendessen war wieder einmal extrem angespannt. Keiner der Dämonenkönige schien wirklich in Erzähllaune zu sein und sowohl Satan als auch Luzifer waren nicht anwesend. Rin konnte das nur recht sein, den durchbohrende Blick des Dämonengottes konnte er heute wirklich nicht gebrauchen. Inzwischen hatte er erfahren, dass es dem Lichtkönig wieder besser ging, obwohl er nach einer Weile aus der Nase und den Augen geblutet hatte. Der Gedanke drehte ihm immer noch den Magen um. Was um alles in der Welt hatte er da angestellt? Lange dachte er nicht nach, er wollte nur fertig werden. Als endlich alle Teller leer waren, konnte er gar nicht schnell genug das Esszimmer verlassen, musste allerdings auf einen Dämonenkönig warten, da er alleine niemals den Weg zurück gefunden hätte. Beelzebub meldete sich freiwillig und gemeinsam gingen sie los. Erneut war Rin in Gedanken versunken, sodass er einen erschrockenen Laut ausstieß, als der Insektendämon ihn plötzlich am Arm griff und in ein leeres Zimmer zog. „Hey, was soll das?!", motzte Rin, was Beelzebub jedoch weniger beeindruckte. Er hatte damit begonnen, das Zimmer nach was auch immer abzusuchen und schien dem sämtliche Aufmerksamkeit zu widmen. Viel zu durchsuchen gab es allerdings, da der Raum nicht viele Möbel enthielt. Es gab zwei Fenster, deren Vorhänge zugezogen waren, die Glut in dem Kamin war die einzige Lichtquelle. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch mit einigen Stühlen und direkt darüber war ein Kuppelfenster. Von einigen Bildern, einem Spiegel, einer Pflanze und mehreren Kerzenständern abgesehen gab es keinerlei Dekoration. Beelzebub überprüfte die verschlossene Doppeltür, welche in ein weiteres Zimmer führten, dann die Vorhänge, die Bilder und schließlich den Spiegel. Nachdem dieser eine kritische Musterung hinter sich hatte, legte der Baal eine flache Hand auf den Rahmen und murmelte einige für Rin unverständliche Worte. Selbiges wiederholte er beim Kamin, eh er sich endlich dem Halbdämonen zuwandte. „Tut mir leid, ich musste sicher gehen, dass niemand zuhören oder zusehen kann, andernfalls stecken wir in Schwierigkeiten.", erklärte er. „Die Wände haben hier Ohren und das ist nicht nur Vater."

„Ok...verrätst du mir jetzt, warum du mich plötzlich hier rein gezerrt hast, als würdest du mich ungesehen umbringen wollen?", knurrte Rin. „Oh, hab ich zu sehr zugegriffen? Tut mir leid.~", antwortete Beelzebub gelassen, aber wurde kurz darauf wieder ernst. „Wir haben nicht viel Zeit, also komme ich zum Punkt. Ich brauche deine Hilfe." Im ersten Moment kamen seine Worte gar nicht bei dem Nephilim an und als er sie endlich begriff, starrte er den Insektenkönig mit großen Augen an. „Ähm...was?", kam es wenig intelligent von ihm. „Ich brauche deine Hilfe.", wiederholte der ältere. „Ich weiß, wir sind jetzt nicht grad die besten Freunde, aber ich habe so ziemlich niemanden, an den ich mich wenden kann, so dämlich es klingt." Rin schnaubte und verschränkte die Arme. „Das ist noch harmlos. Warum sollte ich ausgerechnet dir helfen?! Ihr haltet mich gegen meinen Willen hier gefangen und jetzt soll ich auf gut Freund tun?! Vergiss es!", er fuhr herum und wollte zur Tür stürmen, doch der Insektenkönig hielt ihm am Arm fest. „Jetzt höre dir wenigstens an, worum es geht!", zischte er, aber der jüngere sah ihn wütend an. „Kein Interesse!" Er war von Natur aus eine hilfsbereite und vergebungsvolle Person, aber bei den Mördern seiner Freunde zog er den Schlussstrich. „Das ist doch nur wieder irgendein Trick! Ich habe genug von diesem Scheiß! Erst sieht mich Samael als persönliche Unterhaltung-"

„Rin, jetzt hör mir zu oder ich schwöre bei Vater, ich stopfe Insekten in deinen Mund und näh ihn zu!", drohte der Baal, was wahre Wunder bewirkte und Rin sofort verstummen ließ. Einen Haufen Käfer im Mund? Nein danke! „Kannst du wenigstens meinen Arm los lassen? Ich werd schon nicht abhauen.", grummelte er und seufzend kam Beelzebub der Aufforderung nach. „Ok, ich weiß, das wird jetzt seltsam klingen, aber ich habe wie gesagt niemanden, den ich sonst fragen kann. Ich...Ich brauche deine Hilfe, um mehr über meine Mutter zu erfahren." Rin hatte mit allem gerechnet, vom Zimmer aufräumen bis hin zum Drogenschmuggel, aber nicht hiermit. „Deine Mutter?", hakte er vorsichtig nach. Beelzebub nickte langsam und kratzte sich nervös am Kopf. „Ja, meine Mutter. Du hast ja schon mitbekommen, dass das bei uns ein Tabuthema ist. Keiner von uns hat seine jemals getroffen, wir hatten immer nur Vater und wohl einige Ammen, aber an die können wir uns kaum erinnern. Die anderen werden das niemals zugeben, aber ich weiß, dass auch sie neugierig sind, zumindest die meisten. Laut Vater sind sie allesamt tot, aber er weigert sich, über sie sprechen, wir kennen nicht mal ihre Namen...nun ja, ich kenne den von meiner seit kurzem, falls meine Infos stimmen.", erklärte er und stockte für einen Moment stockte, fuhr dann aber fort. „Ganz ehrlich, ich weiß, dass sie nichts besonderes war und Vater wahrscheinlich nicht mal ihren Namen kennt. Er hat sich nie die Mühe gemacht uns zu verheimlichen, was er nachts treibt und wie viele er schon hatte. Ich meine... die anderen und ich sind manchmal schon unbeabsichtigt reingeplatzt oder kamen rein, wenn er fertig war und ich habe es manchmal bis in mein Zimmer gehört. Ich weiß, dass er nicht gerade zurückhaltend bei...seinen "Vorlieben" ist. Ich bin selbst nicht besser, aber...ich will es wissen. Ich habe genug davon, mir ewig den Kopf zu zerbrechen. Warum sagt er es uns nicht?! Sie sind seit Jahren tot, also kann es kaum jemanden schaden, oder?! Selbst wenn es stimmt, dass sie mich nicht wollte...ich will nicht mehr mit der Unwissenheit leben." Rin, welcher bisher geschwiegen und sich Beelzebubs Monolog mit gemischten Gefühlen angehört hatte, fühlte sich zwar noch immer unwohl, allerdings stieg ein Funken Mitleid in ihm auf. Da er nichts sagte, fuhr der Insektenkönig fort. „Du weißt doch selbst wie es ist. Du weißt nichts über deine Mutter, kennst vielleicht grad mal ihren Namen, wodurch du mehr über deine Mutter wissen würdest als unsere Brüder und bis vor kurzem auch ich. Wenn du mir hilfst, erzähle ich dir alles, was ich über sie weiß. Wie sie und Vater sich getroffen haben, wie du überhaupt auf die Welt gekommen bist und was mit ihr passiert ist. Außerdem kann ich dir bei alltäglichen Dingen helfen. Bisher war ich der jüngste und ich weiß, wie scheiße das ist, aber dafür weiß ich wie Vater und die anderen ticken. Gut, Vater und Samael nicht immer...aber ich kann dir dabei helfen mit ihnen zurecht zu kommen und dir zeigen, was du vermeiden solltest. Wenn du Fragen hast, die du dich nicht traust den anderen zu stellen, dann komm zu mir. Nur hilf mir...Bitte." Wie vom Donner gerührt sah Rin ihn an. Das war das erste Mal, dass er selbst entscheiden durfte und noch dazu dass jemand Bitte zu ihm sagte. Ein Teil von ihm wollte ablehnen und davon stürmen. Egal wie nett der Insektendämon zu ihm war, er hatte nicht seine Taten vergessen und er hatte noch allzu frisch im Gedächtnis, wie er ohne zu zögern den Bediensteten getötet hatte. Er war immer noch ein Dämonenkönig und entsprechend gefährlich. Der andere Teil wollte jedoch helfen. Ja, er wusste wie es war, nichts über die eigene Mutter zu wissen und sich tagtäglich den Kopf zu zerbrechen. Abgesehen davon würde er Beelzebub dadurch mehr oder weniger zum Verbündeten haben. Zwar würde er ihm kaum zur Flucht verhelfen, aber er konnte ihn dabei unterstützen heil durch dieses Höllenloch zu kommen. „Nehmen wir mal an, ich sage ja. Was muss ich dann genau tun?", fragte er vorsichtig. Wenn schon denn schon wollte er wissen, worauf er sich einließ. „Tja, einmal brauche ich dich als Ausrede, um hier aus dem Palast zu verschwinden. Dank einiger Aktionen von Iblis und Astaroth dürfen wir uns nicht mehr alleine in Pandemonium rumtreiben und müssen Vater vorher Bescheid geben und in der Regel will er dann 'nen Grund wissen. Ich kann dann behaupten, dass ich dir was beibringen oder zeigen will und wir dafür irgendwo hin müssen. Ansonsten muss du vielleicht mal jemanden ablenken oder die anderen etwas fragen, was ich nicht kann, weil es sonst auffällt. Und bevor du es sagst: Sollten wir erwischt werden, nehme ich die Schuld auf mich. Allerdings wird Vater schon nicht zu wütend werden, denke ich. Er hasst es zwar, wenn wir etwas hinter seinem Rücken tun, aber das hier ist jetzt nichts allzu schlimmes." Rin zögerte erneut, doch nickte schlussendlich. „Ok, ich helfe dir.", sagte er und schnappte erschrocken nach Luft, als der Insektenkönig ihn plötzlich umarmte. „Danke, Danke! Du bist echt ein Lebensretter!"

„Luft!", presste Rin hervor, woraufhin er sofort losgelassen wurde. „Sorry, ganz vergessen." Offenbar ein wenig peinlich berührt, trat der Baal einige Schritte zurück. „Vergiss einfach, was grad passiert ist, ja?" Er warf einen kurzen Blick zum Spiegel und seufzte, dann wandte er sich erneut an Rin. „Die Zeit ist so gut wie rum. Es wird sicher dauern, bis sich eine Gelegenheit bietet, ich komme dann nochmal auf dich zu." Damit öffnete er die Tür und schob den Nephilim nach draußen. Dann ging er weiter, als wäre nichts passiert.


Rins Hoffnung den Tag zu überstehen, ohne Satan zu sehen, blieb unerfüllt. Er war gerade aus der Dusche gekommen und hatte sich bettfertig gemacht, da klopfte es an der Tür. Genervt seufzend stapfte er hin, öffnete sie und widerstand den Drang, sie wieder zu schließen. „Was willst du hier?", fragte er der Dämonengott, der ohne Aufforderung das Zimmer betreten hatte. „Wie unhöflich. Ist es so verwerflich, dass ich nach meinem jüngsten Sohn sehen will?~", grinste der Dämonenherrscher, doch etwas daran ließ Rin unruhig werden. Er dachte direkt an eine im Gras liegende Schlange, die darauf wartete, ihr Opfer zu überraschen und vorzustoßen. „Nochmal Glückwunsch zu deinem Sieg in der Arena, ich wusste, dass du es kannst.~ Ich nehme an, es geht dir gut?" Rin unterdrückte ein Schnauben. „Du hast gelogen. Du hättest mich dort nicht sterben lassen." Satan zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Ich wollte dir nur etwas Motivation verschaffen und wie man sieht, war es mehr als erfolgreich. Du hast wirklich nichts von ihnen übrig gelassen, ich war sehr stolz auf dich.~ Und wie man sieht hat es dich stärker gemacht." Dieses Mal konnte Rin das Schnauben nicht zurückhalten. „Es hat nur dafür gesorgt, dass ich mich daran gewöhne, dass mich hier scheinbar alles und jeder umbringen will."

„Dann hast du zumindest Fortschritte gemacht.", antwortete Satan und schien ihn genau zu beobachteten. Plötzlich griff er Rins Kinn und dieser schluckte nervös. Er wollte einen Schritt zurücktreten, doch seine Füße waren wie festgewurzelt. „Doch genug davon. Was genau hast du mit Luzifer gemacht, mmh? Ziemlich beeindruckend für deinen Fähigkeitenstand, die wenigsten könnten einfach so seine Barrieren einreißen und seinen Geist angreifen. Wärst du erfahrenerer, hättest du sogar seinen Verstand zerschmettern können, etwas was normalerweise nur ich bei ihnen erreichen könnte." Zwar sagte er alles im Plauderton, doch trotz seiner kurzen Zeit in Gehenna, erkannte Rin schnell, dass mehr dahinter war. Entweder sah er diesen Zwischenfall als Vorteil oder Bedrohung und er wusste wirklich nicht, was ihm lieber wäre. „Ich weiß es nicht, es war ein Versehen.", antwortete er nervös, doch damit ließ sich der Dämonenherrscher nicht abwimmeln. „Ein Versehen? Mehr als unwahrscheinlich. Azazel hatte angedeutet, dass es etwas mit deinem Dämoneninstinkt zu tun haben könnte. Lüg mich nicht an." Erneut lief Rin ein Schauer über den Rücken. „Warum fragst du mich, wenn er dir schon alles erzählt hat?", fragte er, ein wenig irritiert, woraufhin sich Satans Griff um sein Kinn verstärkte. „Weil ich genau weiß, dass du ihm nicht alles gesagt hast und du würdest deinen Vater niemals anlügen, oder?" Nun fühlte der Nephilim sich wie eine Maus zwischen den Pfoten einer Katze. Noch waren die Krallen nicht ganz draußen, doch lange würde es nicht mehr dauern. „N-Nein.", sagte er langsam, woraufhin Satan nur noch mehr grinste und mit einigen Fingern über seine Wange strich. „Gut, ich wusste, wir würden uns verstehen. Also...", er beugte sich ein Stück nach vorne und sowohl seine Stimme als auch sein Gesichtsausdruck wurden ernst. „Was ist passiert?" Schluckend sah der Halbdämon ein, dass ihm keine große Wahl blieb und er erzählte alles. Satan hörte ihm genau zu und für einen Moment schien ein Funken Frustration in seinen Augen aufzutauchen, verschwand jedoch beinahe sofort wieder, es konnte also auch Einbildung gewesen sein. „Verstehe...das ist unerwartet...aber nicht unwillkommen." Endlich ließ er Rins Kinn los und der jüngere trat sofort einen Schritt zurück. „Wie es aussieht, scheinen sich deine Kräfte und Instinkte schneller zu entwickeln als gedacht. Mit etwas Arbeit können wir dein Dämonenherz viel früher befreien als erwartet und du wirst endlich ein vollwertiger Dämon sein.~", verkündete Satan zufrieden, Rin war verständlicherweise weniger begeistert. Er wollte einfach nur noch schlafen gehen und diesen Tag vergessen. Natürlich bemerkte Satan es sofort. „Du hattest einen langen Tag, also geh schlafen. Dein Training wird morgen weiter gehen. Schlaf gut.~"

„Nacht...", murmelte Rin unglücklich. Warum nur hatte er das Gefühl, dass dieser Zwischenfall heute Folgen haben würde.


Satan hatte niemals Kinder gewollt. Er war der Herrscher Gehennas, alle Dämonen lagen ihm zu Füßen und ihn interessierten ausschließlich Macht, Stärke, Unterhaltung und Einfluss. Natürlich kam dabei immer wieder Langeweile auf, wenn man an der Spitze von allem war, gab es so gut wie keine würdigen Gegner. Bisher hatte er jeden besiegen und töten können und er wusste, dass sich das nicht ändern würde. Er war ein perfektes Wesen, ein Gott, welche seiner Schöpfungen sollte da eine Chance haben? Umso verständlicher war sein Interesse an Assiah. Schon seit Jahrtausenden hatte er diese Welt einnehmen wollen und war doch gescheitert, was ironischerweise an seiner Macht lag. Exorzisten und andere Organisation, die sich dem "Schutz" Assiahs verpflichtet hatten, waren höchstens ein Ärgernis, auch wenn sie in den letzten Jahren wesentlich dreister geworden waren. Kurz gesagt, er hatte all die Jahre in Gehenna verbracht, sich hin und wieder um einige Aufständige gekümmert, Dämonen gefoltert oder sich die Nächte mit ihnen übertrieben. Eigentlich hätte es ihn nicht weiter überraschen sollen, als eine seiner zahlreichen Konkubinen schwanger wurde. Die Dämonin selbst war ihm egal, er kannte nicht mal mehr ihren Namen oder konnte sich wirklich an ihr Gesicht erinnern, doch der Umstand, dass er eventuell Vater werden würde, hatte ihn neugierig gemacht. Ewig hatte er hin und her überlegt, Pro und Contra abgewogen und war schlussendlich zu der Entscheidung gekommen, abzuwarten und zu sehen wie sich alles entwickeln würde. Er bezweifelte, dass das Kind wirklich eine Gefahr für ihn werden könnte, wenn er es richtig erzog. Dreizehn Monate später hatte er seinen ersten Sohn auf dem Arm und spürte dabei eine Emotion, die er nie wirklich kannte: Zuneigung. Seine Kinder wurden für ihn -neben seiner Macht- das einzig wichtige, für ihre Mütter dagegen empfand er nichts. Gut, Salacia, die Mutter von Iblis und Egyn, war noch eine andere Sache gewesen. Sie hatte er tatsächlich irgendwie gemocht und hatte sie wesentlich besser behandelt als den Rest. Warum er ausgerechnet für sie eine Schwäche gehabt hatte, wusste er nicht. Vielleicht weil sie zwei Köpfe kleiner als er und ziemlich unterwürfig gewesen oder noch relativ jung gewesen war. Sie hatte damals erst vor kurzem das unsterbliche Alter und damit die Volljährigkeit erreicht, galt allerdings für viele noch als Jugendliche. Um den Rest hatte er sich weniger geschert und sie wollten zum Teil selbst nichts mit ihren Kindern zu tun haben. Amaimons Mutter war abgehauen und hatte ihn zurückgelassen, nur um bei einem "Unfall" zu sterben, während Samaels Mutter erfolglos versuchte ihn zu töten und anschließend Suizid beging. Ihm war es nur recht, er war froh, dass sie allesamt den Tod fanden. Er wollte seine Kinder mit niemanden teilen, er würde nicht zulassen, dass sie irgendjemanden sonst ihre Zuneigung gaben, egal ob nun als Freund oder Partner. Es war ihm egal, was er dafür tun musste, sie würden ihn niemals verlassen und falls sie es doch versuchten, würden er sie ganz schnell umstimmen. Bei Rin sah die Sache natürlich wesentlich komplizierter aus. Der Junge war ausgerechnet bei Exorzisten aufgewachsen und war im Hinsicht auf Wissen und Fähigkeiten auf dem Stand einen Kleinkindes. Allein der Gedanke daran, dass diese Menschen ihm seinen Sohn vorenthalten hatten, ließ ihn rot sehen, doch er schob seine Mordlust vorerst beiseite. Jetzt wo er sein Baby zurück hatte, würden sie schon bald bezahlen. Er dachte an ihre erste Begegnung zurück und musste ein Kichern unterdrücken. Sein kleiner Dämon hatte so verängstigt ausgesehen, dabei wollte er doch nur das Beste für ihn. So ein süßes, gebrechliches, kleines Wesen war ohne ihn komplett verloren und er hatte es gar nicht abwarten können, seine für einen seiner Nachkommen ungewöhnlich reine Seele zu verderben. Allerdings war es inzwischen mehr als offensichtlich, dass der Jungdämon eine dunkle Seite hatte und alles andere als schwach war. Sicher, er war viel zu naiv, gutmütig und vergebungsvoll und hin und wieder konnte Satan nicht anders, als ihn einfach nur niedlich zu finden, aber er konnte sich schlussendlich nicht gegen seine wahre Natur wehren. Was sich in der Arena zugetragen hatte, war das beste Beispiel. Erneut musste der Dämonengott grinsen, als er an das Massaker dachte. Zu Beginn hatte er Zweifel gehabt, doch diese waren schnell verflogen und er hatte sich keine Mühe gegeben, sein Lachen zurückzuhalten, während der Nephilim die schreienden Dämonen zerfetzte. Es war lange her, dass er derart gut unterhalten worden und stolz gewesen war. Die ersten Morde der eigenen Kinder mitzuerleben, war immer wieder ein wundervolles Erlebnis. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er endlich seine lächerlichen Ansichten aufgab und seinen rechtmäßigen Platz einnahm. Falls nicht, musste er wohl oder übel zu härteren Methoden greifen. Zwar tat er das nicht gern, aber in diesem Fall ließ der jüngere ihm keine Wahl. Bereits seine Mutter hatte eine extreme Dickköpfigkeit bewiesen und diese Gene kombiniert mit Satans waren nicht unbedingt vorteilhaft. Unwillkürlich fragte er sich, wie viel Shiro dem Jungen wohl über seine Mutter erzählt hatte. Wahrscheinlich wenig bis gar nichts. Ohne es zu wollen, wanderten seine Gedanken zu Yuri. Wie auch bei den vorherigen Frauen hatte er nicht wirklich etwas für sie empfunden, außer einer gewissen Neugier. Sie war der erste Mensch gewesen, die Geschlechtsverkehr mit ihm überlebt hatte, der Rest war entweder dabei oder kurz darauf gestorben. Ziemlich lästig, allerdings war es ohnehin nur ein Experiment gewesen, erst viel später war ihm bewusst geworden, dass ein Halbblut von ihm weitaus mehr Vorteile brachte, als zunächst angenommen. Auch sie war eine der wenigen gewesen, die sich getraut hatte, ihn überhaupt anzusehen oder mit ihm zu sprechen. Dennoch war sie schlussendlich nur eine Sterbliche gewesen und sie war nur kurz nach der Geburt verstorben. Dummerweise mussten sich natürlich die Exorzisten einmischen, Fujimoto hatte die Kinder aufgenommen und Samael musste seine Spielchen spielen, wobei er dies inzwischen mehr als bereut hatte. Ein kleiner Teil von ihm wünschte sich beinahe, der Paladin wäre noch am Leben. Die Genugtuung ihm sein Versagen zu präsentieren und sein Gesicht zu sehen, wenn ihm klar wurde, dass er alles verloren hatte, wäre zu schön gewesen. ‚Sei's drum...immerhin sind noch mehr als genug Exorzisten da.' Wenn er sich korrekt erinnerte, waren außer Fujimoto noch andere Exorzisten in dem Stift gewesen, denen man ihr Versagen präsentieren konnte, auch wenn es noch ein wenig dauern würde. Rin war wie erwartet stur, doch er hatte nicht vor, seinen Willen brechen. Er hatte bereits mehr als genug Haustiere und Spielzeuge, er sah keinen Sinn darin, dasselbe mit seinen Kindern zu machen. Früher oder später würde er nachgeben, schlussendlich taten sie es alle. Er musste nur geduldig sein und ihm gegebenenfalls einen Schubs in die richtige Richtung geben. Eine Bewegung neben ihn riss ihn aus seine Gedanken und er grinste. „Schon wieder? Nicht schlecht, die wenigsten haben so viel Ausdauer." Die beiden Dämoninnen antworteten nicht, sondern schmiegten sich an, woraufhin eine von ihnen die andere anfauchte und sich noch fester an ihn klammerte. Als sie auf seinen genervten Blick nicht reagierte, griff Satan ihr in die Haare und riss den Kopf zurück. Sie protestierte nicht, stieß jedoch ein leises Wimmern aus. „Benimm dich, ihr tut, was ich will, verstanden?", zischte er gefährlich. „Also haltet die Klappe und kommt her." Er ließ los und sie rieb sich kurz die Kopfhaut, bevor sie der Aufforderung Folge leistete. Das würde eine lange Nacht werden.


Am nächsten Morgen würde Rin früh von einem Klopfen geweckt. Noch nicht ganz wach kletterte aus dem Bett und ging gähnend zur Tür. Als er sie öffnete und sah, wer davor stand, war sein erster Reflex sie wieder zuzuschmeißen. Mit einem Schlag war er hellwach. ‚Wirklich?! Warum schon so früh?!' Nach einem kurzen Durchatmen öffnete er erneut die Tür. „Ähm...Hallo, Luzifer.", sagte er zögerlich. „Hallo, Rin. Darf ich reinkommen?" Immerhin einer, der mal um Erlaubnis fragte. Am liebsten hätte er verneint, erneut die Tür zugeknallt und wäre wieder ins Bett gegangen, stattdessen nickte er und ließ den Lichtdämonen hereinkommen, welcher sofort zum Punkt kaum. „Ich wollte mich wegen gestern entschuldigen. Das hätte nicht passieren dürfen. Ich weiß leider selbst nicht, was mit mir los war, normalerweise habe ich mich unter Kontrolle." Rin nickte langsam, auch wenn er sich noch immer nicht ganz wohl fühlte. „Ja...und tut mir leid, dass ich in deine Gedanken eingedrungen bin."

‚Auch wenn du es wirklich darauf angelegt hast...', fügte er gedanklich hinzu. Luzifer zuckte mit den Schultern. „Es spielte keine Rolle mehr, was geschehen ist, ist geschehen. Die Heiler waren sich nicht ganz sicher, was passiert ist, aber es könnte an Stress liegen. Ich hab schon ständig Kopfschmerzen und kann manchmal schlecht schlafen, wahrscheinlich ist da alles zusammengekommen." Er zögerte, bevor er weitersprach. „Was genau hast du gesehen?", fragte er vorsichtig. Sofort kam es dem Nephilim in den Sinn, ihn anzulügen, entscheid sich allerdings für die Wahrheit und erzählte ihm alles. Als er fertig war, rieb sich der Lichtdämon mit einer Hand über die Stirn. „Du musstest wirklich direkt einige der "besten" Erinnerungen sehen, was?", seufzte er erschöpft. „Ich nehme an, du willst wissen, worum es vor allem bei der Erinnerung in der Höhle und im Badezimmer ging?" Das stimmte zwar, aber der Halbdämon war sich nicht sicher, ob er wirklich fragen sollte. „Du musst nicht-"

„Nein, schon in Ordnung.", wurde er unterbrochen. „Vielleicht ist es besser, wenn du weißt, was es mit der Höhle auf sich hat, immerhin könntest du bald in einer ähnlichen Situation stecken. Was du gesehen hast, waren die Folgen meiner ersten Verwandlung in meine Dämonenform. Diese Form ist in der Regel frühestens im Jugendalter verfügbar und ist in gewisser Weise unsere wahre Gestalt. Unser Aussehen verändert sich und unsere Kräfte werden stärker. Da ich jedoch Vaters Sohn bin, konnte ich sie viel früher annehmen. Er hat mich damals zu einer verlassenen Mine in einem Gebirge gebracht und mir gesagt, dass ich dort eine Woche überleben muss. Wie viele Lichtdämonen in dem Alter, hatte ich große Angst im Dunkeln, darum die Ortswahl. In den ersten Tagen bin ich nur herum geirrt und habe vergeblich den Weg nach draußen gesucht. Wie du dir sicher denken kannst, war ich dort nicht alleine und wurde ständig von allerhand Dämonen angegriffen, von Ghoulen und großen Spinnen bis hin zu wesentlich...gefährlicheren Dingen. Unter anderem lebten dort mehrere Dämonen wie wir, die sich dort entweder versteckten oder zum Sterben zurückgelassen worden und denen war es ziemlich egal, dass ich nur ein Kind war, sie haben mich immer wieder angegriffen. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich hatte mich verlaufen, ich hatte Angst und der Hunger war unerträglich. Ich weiß nicht mehr viel von diesem Tag, nur noch wie ich nach meiner Verwandlung zu mir gekommen bin und voller Blut war. Allerdings ließen mich die meisten Dämonen fortan in Ruhe und ich hatte jetzt mehr als genug Essen." Rin unterdrückte ein Würgen, als im klar wurde, was Luzifer damit meinte, doch der Lichtkönig fuhr fort. „Dann kam Vater. Die Woche war zwar noch nicht rum, aber es stellte sich heraus, dass der die ganze Zeit zugesehen hatte und nur erreichen wollte, dass ich lerne zu überleben, meine Angst vor der Dunkelheit verliere und ich meine Dämonenform bekomme. Bei den anderen lief es nicht anders. Wenn sie irgendwelche Ängste hatten, hat Vater sie damit konfrontiert und sie sogar teilweise irgendwo ausgesetzt. Azazel hatte beispielsweise Höhenangst, also hat Vater ihn zu einigen Klippen gebracht und Iblis hat er einmal irgendwo in Egyns Reich ausgesetzt, wo es nur Schnee und Wasser gab, weil er Angst vor Wasser hatte und es natürlich im Gegensatz zu seinem Element stand."

„Aber das ist doch krank! Wie kann man die eigenen Kinder aussetzen?!"empörte sich Rin. Luzifer zuckte allerdings mit den Schultern. „Es hat uns nur stärker gemacht und er hat uns wie gesagt immer im Auge behalten. Der einzige Grund, dass ich dir das überhaupt erzähle ist, dass es auch dich treffen könnte. Das in der Arena war die nette Variante. Es kann sehr gut sein, dass er sowas nochmal tut, um dein Dämonenherz und später deine Dämonenform zu befreien." Bevor der Nephilim weiter protestieren konnte, stand er auf. „Ich muss jetzt gehen, dein Unterricht findet heute mit Samael und Azazel statt, sie holen sich dann ab." Damit verschwand er ohne ein weiteres Wort.


Erneut vergingen einige Tage und wieder erfuhr Rin einiges darüber, wie die Dinge in Gehenna liefen und wie vor allem Satan und die Baal tickten. Nun, genau gesagt wurde er immer noch nicht ganz schlau aus den Dämonen, denn sie waren eine tickende Zeitbombe. Mal konnten sie ganz nett und geduldig sein, mal waren sie gehässig und nachtragend. Was ein Bediensteter verpatzte, störte sie an einem Tag nicht, aber im nächsten Tag gab es dafür Ärger für die trivialsten Dinge. Auch war Rin inzwischen ziemlich sicher, dass sie mit einigen Bediensteten und allerhand weiteren Dämonen schliefen und sie gaben sich nicht mal die Mühe, es zu verheimlichen. Einmal war er in Satans Gemächer gerufen worden, wo ihn zu seiner Überraschung nicht nur sein Vater erwartete, sondern auch eine Dämonin. Er hatte sie noch nie gesehen, aber ihm fiel sofort auf, dass sie sehr hübsch war, nicht wirklich wie eine Bedienstete aussah und wie sich an ihn schmiegte. Er war alt genug, er konnte sich denken, was sie war. Abgesehen davon fiel ihm sofort ein, was er in Luzifers Erinnerung gehört hatte, als dieser versucht hatte, zu schlafen. Ein anderes Mal war er bei Egyn reingeplatzt, bei dem sogar gleich zwei Sirenen waren, die gerade dabei waren, sich zu küssen. Auch bei Iblis und Astaroth hatte es deutliche Anzeichen gegeben, sogar ihm fiel auf, dass der Feuerdämon so ziemlich mit jedem flirtete, den er als attraktiv erachtete und da Satan sogar selbst gesagt hatte, sie könnten alles haben, was sie wollten, war er damit sicherlich mehr als erfolgreich. Zwar widerte es ihn an, doch er wusste, dass er nichts dagegen tun konnte. Eine Sache ließ ihn allerdings nicht mehr los: Zwei Bedienstete hatten sich scheinbar über die Dämonin bei Satan unterhalten und dabei war das Wort "Zuchthaus" gefallen. Er wusste nicht, was er war, meinte allerdings, es bereits gehört zu haben. Schlussendlich fragte er Iblis, Egyn und Astaroth, welche ihn erstaunt ansahen. „Wo hast du das denn gehört?", fragte Astaroth verwundert. „Ist doch nicht wichtig. Was ist es nun?", wich Rin der Frage aus. „Wenn du es unbedingt herausfinden willst, können wir dich gerne dort abgeben. Ich wette, wir bekommen 'ne schöne Summe für dich.~", feixte Iblis. „Würde deinem Sinn für Respekt mal ganz gut tun und wir haben endlich mal wieder Ruhe."

„Nah, da hält er keine Woche durch. Für die wäre er doch ein gefundenes Fressen.", argumentierte Astaroth. „Oder sein Mundwerk bringt ihn um.", fügte jetzt Egyn hinzu. „Von seiner Kratzbürstigkeit mal ganz zu schweigen."

„Manche stehen auf kratzbürstig.~", grinste Iblis, woraufhin der Blauhaarige die Augen verdrehte. „Wir sind nicht alle wie du."

„Ach, jetzt tu nicht so scheinheilig. Ich hör's manchmal bis in mein Zimmer, was du so treibst. Dir ist was gehorsames selbst zu langweilig. Wir können ja gern mal teilen, wäre 'ne nette Abwechslung.~" schlug Iblis vor, woraufhin Egyn offenbar darüber nachdachte, Rin hatte allerdings genug davon, ignoriert zu werden. „Was ist das denn jetzt?!", fuhr er dazwischen. Konnte er nicht einmal eine Antwort auf eine normale Frage bekommen? „Hey, du willst was von uns, also wie wäre es, wenn du mal nett fragst?", bekam er von Astaroth zur Antwort und er machte sich gar nicht erst die Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken. „Wo er recht hat, hat er recht.~", grinste nun Egyn. „Dafür dass du so viele Fragen hast und wir die immer beantworten, könntest du wirklich mal etwas netter sein." Diese miesen Bastarde! Wollten sie ihn jetzt wirklich auf diese Weise demütigen? Nachdem er kurz durchgeatmet hatte, schluckte er seinen Stolz hinunter. „Bitte erklärt mir, was ein Zuchthaus ist.", presste er hervor und gab sich größte Mühe, seine Frustration zu unterdrücken. „Na gut, ich will ja mal nicht so sein.", gab Iblis zu seiner Erleichterung endlich nach. „Ein Zuchthaus ist quasi 'ne Mischung aus Bordell, Heiratsvermittlung, Waisenhaus und Schule. Die meisten landen dort als Kinder, der Rest eher so im Jugendalter. Entweder werden sie von Eltern oder anderen Verwandten abgegeben oder auf der Straße aufgegabelt und verkauft. Darum sind sie auch von verschiedenster Herkunft, von Straßenratten bis hin zu ehemaligen Adligen, die entweder nicht von ihren Eltern gewollt worden sind oder deren Familie in Ungnade gefallen ist. Je nach Aussehen und Potenzial, erhalten sie Training und Unterricht. Die weniger qualifizierten lernen nur Haushalte zu führen, also Kochen, Handwerkliche Dinge, Waschen, Buchhaltung und so weiter. Sie arbeiten dann später in reichen Haushalten oder in einem unserer Paläste. Diejenigen mit größerem Potenziell werden darauf vorbereitet, in wohlhabende Familie verheiratet zu werden oder als Nebenfrau beziehungsweise als Nebenmann zu dienen. Allerdings gibt es natürlich bei weitem nicht genug reiche Dämonen, als dass alle einen Partner finden, also werden sie häufig auch "vermietet". Das kann einfach nur zur Begleitung sein, wie solche Escort Services in Assiah oder rein sexuell. Die die nicht vermittelt werden können oder nicht genug einbringen, enden in der Regel im Bordell, jedes Zuchthaus hat mehrere im Besitz. Eventuell kann man sich irgendwann sogar frei kaufen." So wie Iblis es erklärte, klang es, als ginge es um das Wetter, Rin konnte jedoch nicht anders, als ihn mit weit offenem Mund anzustarren. „Ist das euer Ernst?", entfuhr es ihm schließlich. „Ähm...ja? Was hast du denn bitte erwartet? 'Nen Streichelzoo?", erwiderte Astaroth schulterzuckend. „Das ist eine der erfolgreichsten Branchen Gehennas, also wo liegt das Problem?"

„Oh, keine Ahnung.", sagte Rin und tat so als würde er nachdenken. „Möglicherweise, dass das nichts anderes als Sklavenhandel, Zwangsprostitution und Zwangsheirat ist?!"

„Entspann dich mal, es ist wirklich keine große Sache.", unterbrach Iblis ihn. „Viele auf der Straße würden morden, um so eine Gelegenheit zu bekommen. Die meisten im Zuchthaus enden zwar als Bedienstete oder Betthäschen, aber das ist immer noch besser, als draußen zu krepieren. Abgesehen davon haben wir auch öfter mal jemanden über Nacht da und die sind mehr als willig, egal ob weiblich oder männlich.~"

„Willig ist schon untertrieben, die springen einen förmlich an. Wahrscheinlich denken die den ganzen Tag an nichts anderes.", lachte Astaroth und Egyn kicherte, während Rin spürte, wie erneut Wut in ihm hochkam. „Ihr habt wirklich noch die Nerven euch über sie lustig zu machen?"

„Wir machen uns nicht lustig, es ist Tatsache.", erklärte Egyn unbeeindruckt. „Wir bezahlen sie, sie haben offenbar Spaß dran. Zumindest wenn wir gute Laune haben. In der Regel kaufen wir sie direkt anstatt nur zu mieten, da wir manchmal ein wenig...übereifrig sein können. Abgesehen davon haben sie allerdings keinen Grund sich zu beschweren und falls sie der Meinung sind, dass ihr Leben schrecklich ist, haben sie immer die Option sich zu erlösen.~" Damit war es offiziell: Rin hatte den Glauben daran verloren, dass in den Dämonenkönigen auch nur ein kleiner Funken Menschlichkeit steckte. Wer eine solche Einstellung hatte, dem war nicht mehr zu helfen. „Lasst mich raten. Ihr habt sogar Stempelkarten und Treuepunkte, richtig?", zischte er abfällig und wäre bei Iblis Antwort beinahe umgekippt. „Klar, meine ist fast voll.~", grinste er und verdrehte die Augen, als er Rins Gesichtsausdruck sah. „War ein Witz, sowas gibt's hier nicht, aber vielleicht sollten wir es einführen..." Rin würdigte dies gar nicht erst mit einer Antwort. Plötzlich fiel ihm ein, wie der Bedienstete, der von Beelzebub getötet worden war, ihn gefragt hatte, ob er die Unterhaltung von Satan oder einem der Baal war. Jetzt wusste er was gemeint war und ihm wurde sogar noch schlechter. Es war schlimm genug, sich so mit den Dämonenkönigen und Satan herumärgern zu müssen, doch die Dämonen, die das Pech hatten mit ihnen im Schlafzimmer zu landen, waren wohl noch ärmer als er dran. „Wenn du willst, kannst du beim nächsten Mal gerne mitmachen. Ich bin sicher, sie wären begeistert von dir.~", hörte er Iblis sagen und sofort explodierte er. „Träum weiter, Arschloch!", fauchte er. „Ich mache da nicht mit!"

„Melodramatisch wie immer. Irgendwie fällt es mir immer schwerer zu glauben, dass wir verwandt sind. Sicher, dass du wirklich von Vater bist? Wer weiß mit wem sich deine Mutter noch so rumgetrieben hat. Angeblich stand sie dem ehemaligen Paladin nah und wenn man bedenkt, wer-"

„Iblis!", fuhr Egyn dazwischen, doch Rins Aufmerksamkeit war nun geweckt. Iblis hatte schon mal sowas gesagt und dieses Mal hakte er nach. „Was wisst ihr über meine Mutter?"

„Nichts was dich angeht.", antwortete Astaroth knapp, aber so leicht ließ sich der Nephilim nicht abwimmeln. „Sie ist meine Mutter, es geht mich sehr wohl etwas an!", protestierte er gereizt. „Gut, wenn du drauf bestehst: Sie war mehr als willens mit Vater zu schlafen -wobei ich annehme, dass sie wohl für jeden die Beine breit gemacht hätte- und glücklicherweise hat sich die Sache anschließend von selbst geklärt, also mussten wir uns nicht mal mit ihr herumschlagen. Zufrieden?", spottete Iblis und bekam beinahe Rins Faust ins Gesicht. „Wage es nicht, so über meine Mutter zu reden!", schrie er ihn an. Es war ihm egal, wenn sie ihn beleidigten und er konnte sich inzwischen sogar zusammenreißen, wenn sie über seine Freunde und Yukio herzogen, doch zuzuhören wie sie die Frau, die er niemals kennen lernen durfte und ihn laut Shiro sehr geliebt hatte, verspotteten, konnte er nicht. „Warum nicht? Du kennst sie nicht mal und sie war nun wirklich nichts besonders, außer dass sie die erste Sterbliche war, die eine Nacht mit Vater überstanden hat und ich wette, sie wäre jederzeit wieder mit ihm in die Kiste gestiegen. Die ganze Aufmerksamkeit war sicher der Höhepunkt ihres erbärmlichen Lebens." Dieses Mal antwortete Rin nicht, er griff direkt an, doch seine Flammen verfehlten und eh er sich versah, hatte der Feuerdämon seine Arme auf den Rücken verdreht. „Immer noch zu langsam. Du wirst es niemals lernen...wenn du weiter so machst, bleibt du genauso nutzlos wie der Rest dieser erbärmlichen menschlichen Spezies...", kommentierte Iblis abfällig und stieß ihn nach vorne, sodass Rin beinahe hinfiel. „Wieso hat so 'ne kleine Scheißgöre wie du Vaters Flammen bekommen? Du bist nicht mal reinblütig, du bist nicht besser als ein gewöhnlicher Vergänglicher...wirklich schade. Ich hatte nach der Show in der Arena so große Hoffnungen..."

„Ich hab mir das nicht ausgesucht, Iblis!", fauchte Rin, dem langsam der Kragen platzte. „Ich wäre lieber ein normaler Mensch und hätte niemals von dem ganzen Scheiß erfahren! Dass du die Flammen nicht bekommen hast, ist nicht meine Schuld und eigentlich hast du keinen Grund dich aufzuregen! Ihr seid die mächtigsten Dämonen nach Satan, könnt haben, was ihr wollt und trotzdem schimpfst du wie irgendein verzogenes Kleinkind, wobei du das vielleicht wirklich bist." Noch im selben Moment wurde ihm bewusst, dass er soeben die Grenze überschritten hatte und Iblis Gesicht verfinsterte sich. „Ach, wirklich? Wer heult denn ständig rum, dass alles so unfair ist und gegen seinen Willen hier gelandet ist?"

„Das ist etwas komplett anderes!", fauchte Rin. „Ich habe jedes Recht mich zu beschweren, weil mein gesamtes Leben den Bach runter geht und du, der so ziemlich alles in den Arsch geschoben bekommt, regt sich über Kleinlichkeiten auf." Gut, er musste zugeben, dass es tatsächlich niemanden etwas bringen würde, wenn er sich darüber aufregte, doch er hatte einfach genug von Iblis' ständigen Rumgezicke. „Immer noch besser als ein schwacher, rückgradloser, erbärmlicher Nephilim zu sein.", konterte Iblis, doch der Halbdämon ließ das nicht auf sich sitzen. „Da solltest du mal still sein. Ihr seid mächtiger als alle anderen Dämonen und doch buckelt ihr alle vor Satan im Dreck und tut was er sagt, ohne zu zögern. Wisst ihr, eigentlich ist es traurig.", sagte er und lachte kurz auf, doch es lag kein Humor darin. Inzwischen versteiften auch Egyn und Astaroth, aber Rin war in Fahrt, weswegen er Dinge sagte, die man normalerweise nicht von ihm hören würde. Iblis machte einen bedrohlichen Schritt auf ihn zu. „Ich würde mir jetzt genau überlege, was ich sage.", zischte er und für einen Moment ließ seine Aura Rin zusammenschrumpfen, doch er fing sich schnell. „Sonst was? Rennst du zu Satan und petzt? Irgendwie tut ihr mir ja schon leid...ihr seid nichts weiter als seine loyalen Schoßtiere und ihr merkt es nicht einmal. Ich frage mich, wie tief er euch genau vor sich knien lässt." Iblis hatte sich auf ihn gestürzt, bevor Egyn oder Astaroth etwas sagen konnten. Rin fand sich daraufhin knapp einen Meter über dem Boden an der Wand wieder. Iblis hatte ihn am vorderen Kragen gepackt und machte noch keine Anstalten, ihn würgen zu wollen, doch sein Gesichtsausdruck verriet, dass sich das ganz schnell ändern konnte. „Jetzt hast du wohl keine so große Klappe mehr?", zischte er. „Hat's dir die Sprache verschlagen?"

„Iblis, reiß dich zusammen. Deine Male sind zu sehen und ich habe keine Lust wieder alles löschen zu müssen.", redete Egyn auf seinen Zwilling ein. Tatsächlich waren mehrere Linien in seinem Gesicht zu sehen, die sehr an die von Luzifer erinnerten, nur dass diese rot und schwarz waren. Auch seine Iris hatte begonnen sich zu verformen und die Zähne waren länger geworden. Jede vernünftige Person, egal ob nun Mensch oder Dämon hätte wohl klein beigegeben, doch Rin war alles andere als vernünftig. Er wusste genau, dass der Feuerdämon ihm zwar weh tun konnte, aber er erinnerte sich auch daran, was Luzifer zu Astaroth gesagt hatte: Momentan war es ihnen nicht erlaubt ihn zu bestrafen, Iblis konnte ihm also momentan nicht viel und er hatte vor, diesen Umstand auszunutzen. „Ich scheine einen Nerv getroffen zu haben, wenn du dich so aufregst.", presste er hervor. „Na los, schlag zu. Es wird nichts dran ändern."

„Noch ein Wort und ich reiße dir die Eingeweide aus, du beschissenes, dreckiges, kleines Halbblut-"

„Aber, aber Iblis, wer wird denn wieder fluchen?", ertönte eine gut gelaunte Stimme und niemand musste sich umdrehen, um sie zu erkennen. „Halt dich da raus, Samael!", zischte Iblis, doch der Zeitdämon grinste nur. „Tut mir leid, das kann ich nicht. Vater hat mich gebeten, seine heutige Stunde zu übernehmen, aber wenn er ausgeweidet ist, geht das leider nicht. Ich würde eher empfehlen ihm die Zunge herausschneiden, Vater hat das gerne getan, wenn jemand respektlos oder zu laut war und es hat ziemlich gut funktioniert, wie du dich erinnern wirst.~" Er hielt kurz inne. „Außer bei dir wie man sieht." Sowohl Iblis als auch Rin zuckten zusammen. Satan hatte was getan?! Er hatte sich doch wohl verhört! „Also, wärst du nun so freundlich ihn los zu lassen?", fragte Samael und nach kurzem Zögern ließ Iblis tatsächlich los. „Sehr schön, da dies nun geklärt ist, können wir ja gehen. Kommst du, Rin?" Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich der Zeitherrscher um und setzte sich in Bewegung, Rin folgte, den Blicken der anderen ausweichend. „Glaub ja nicht, dass wir hier fertig sind.", hörte er den Feuerdämonen in seinem Kopf fauchen und irgendwie schaffte er es, sich nicht umzudrehen. Diese Aktion würde Folgen haben, daran hatte er keinen Zweifel.


Zwei Tage nach der Auseinandersetzung mit Iblis, schien sich der Feuerdämon wieder ein wenig beruhigt zu haben, allerdings blieb Rin wachsam. Zwar wirkte der Baal wieder wie sonst, aber er traute dem Frieden nicht. Er hatte keine Zweifel daran, dass wenn Menschen einen lebenslangen Groll hegen konnten, Dämonen es genauso konnten. Wer konnte schon sagen, wie die Sache überhaupt hätte ausgehen können, wenn Egyn und Astaroth nicht dabei gewesen wären, von Samael ganz zu schweigen. Immerhin schienen sie Satan nichts erzählt zu haben, auf dieses Gespräch hatte er wirklich keine Lust gehabt. Wahrscheinlich war es am besten, Iblis, Egyn und Astaroth vorerst aus den Weg zu gehen. Momentan saß er mit Azazel (welcher seinen Laptop dabei hatte) in der Bibliothek und sollte eigentlich Selbststudium betreiben, während der Geisterkönig an etwas arbeitete, allerdings war dies von noch weniger Erfolg gekrönt als seine berufliche Laufbahn. Anfangs hatte er es wirklich versucht, inzwischen langweilte er sich allerdings zu Tode. Warum gab es hier eigentlich nur Langeweile oder lebensgefährliche Situationen? Konnte er nicht einmal in seinem Leben ein Mittelding haben? Stumm seufzend schaute er zu Azazel, welcher offenbar in seine Arbeit vertieft war. Was er, Satan und die anderen Baal wohl den ganzen Tag trieben? In Assiah gab es kaum noch Königsfamilien und wenn, führten diese zum größtenteils nur repräsentative Aufgaben aus, daher hatte er nie wirklich darüber nachgedacht. „Rin, hier bist du also!", unterbrach Beelzebubs Stimme plötzlich seine Gedanken. „Ich hab dich gesucht!" Er war nicht mal mehr überrascht, dass der Baal plötzlich hinter ihm stand und nach seinem Arm griff. „Sorry, ich muss ihn für heute mal ausborgen, Vater hat's erlaubt. Tu mir 'nen Gefallen und bring Astaroth den Bericht, den er wollte, wenn er wieder da ist, die liegen in meinem Zimmer. Bitte, Danke, du bist super! Bye, Bye!" Er hatte so schnell gesprochen, dass offenbar Azazel offenbar nicht hinterhergekommen war und als er endlich registrierte, was gesagt worden war, hatte Beelzebub Rin bereits davon geschliffen. „Hey, ich kann alleine laufen!", protestierte dieser und versuchte erfolglos seinen Arm zu befreien. Glücklicherweise ließ der Insektenkönig ihn schnell los. „Tut mir leid, Macht der Gewohnheit. Egal, ich hab Vater überreden können, dass ich dich mit nach draußen nehmen kann. Ich hab zwar selbst keine Ahnung wie ich das geschafft hab, aber hinterfragen wir's besser nicht und nutzen es aus."

„Ok...wo geht's denn überhaupt hin?", fragte der Nephilim unsicher. Er wollte ungern mit einem Dämonenkönig an einen unbekannten Ort gehen, doch der Insektenkönig zögerte. „Du wirst es sehen, wenn wir dort sind. Keine Sorge, es ist nicht gefährlich.", fügte er hinzu, als er Rins Gesichtsausdruck sah. „Warum sagst du es mir dann nicht einfach?", quengelte er. Wenn er ihm schon half, wollte er gefälligst Infos, aber der Baal achtete nicht auf ihn und führte ihn die Gänge entlang. „Wir müssen nur außerhalb der Barrieren, den Rest können wir per Phasensprung -also teleportieren- zurücklegen. Kennst du ja schon, sollte also kein Problem sein.", war alles, was Rin an Erklärung bekam. Langsam hinterfragte er, ob er es wirklich eine gute Idee war, dem Dämonenkönig zu helfen, aber jetzt war es wohl zu spät. Glücklicherweise begegneten sie kaum anderen Dämonen und standen schließlich draußen. Für einen kurzen Moment genoss Rin die frische Luft und die Illusion der Freiheit, da wurde er schon von seinem älteren Bruder am Arm festgehalten. „Ok, dann mal los. Wenn alles gut geht, sind wir ganz schnell wieder da." Rin machte sich nicht länger die Mühe zu protestieren, er wurde sowieso nur ignoriert. Stattdessen betete er, dass diese Aktion nicht in einer Katastrophe endete. Als das unangenehme Gefühl nachließ, fand er sich auf am Rande einer belebten Straße wieder, allerdings schien niemand von ihrem plötzlichen auftauchen überrascht. Wenn Phasensprünge etwas alltägliches waren, wohl kaum ein Wunder. „Sind wir noch in Pandemonium?", fragte er neugierig und sah sich um. Diese Gegend war wesentlich angenehmer als die Slums und er war überrascht wie sehr er an eine Großstadt in Assiah denken musste. „Japp, das ist eine der Hauptstraßen, hier ist so gut wie immer viel los. Bleib dicht bei mir, in dem Chaos geht man schnell verloren und Vater häutet, brät, bricht mir die Knochen und enthauptet mich, wenn ich dich verliere." Wahrscheinlich war das kein Witz. Der Insektenkönig bugsierte ihn durch die Menge und zog ihn schlussendlich in eine Gasse. „Meine Güte, die sind schlimmer als die Rentner in Assiah, wenn es was gratis gibt oder im Angebot ist...", murmelte er kopfschüttelnd, eh er sich an Rin wandte. „Wir gehen durch diese Gasse, das ist eine Abkürzung und hier ist es wesentlich leerer." Resigniert ließ sich der jüngere durch die Gassen ziehen, wobei er sich immer wieder misstrauisch umsah. Zwar war er dieses Mal nicht allein, allerdings hatte er wirklich keine Lust auf weitere unangenehme Überraschungen. Schließlich erreichten sie ihr Ziel und Rin sah sich neugierig das Gebäude vor ihnen an. Es hatte mehrere Stockwerke, welche von mehreren Säulen gestützt wurden und große Fenster, deren Vorhänge zugezogen waren sowie mehrere Balkons. Nun fiel ihm zudem auf, dass es noch mehrere Trakts hatte. „Das ist ein ziemlich großes Gebäude...", kommentierte er ein wenig unsicher. „Was ist das nun?"

„Tjaaaaaa...das ist ein Zuchthaus. Eines der größten in Gehenna, soweit ich weiß.", antwortete der Insektenkönig. Rin klappte die Kinnlade runter. „Was?!", entfuhr es ihm. „Ist das ein schlechter Witz?! Du-" Beelzebub hob abwehrend die Hände. „Hey, jetzt beruhige dich mal! Das ist kein Witz und kein Trick oder sowas. Vor einiger Zeit hatten wir einige neue Bedienstete von hier geholt und dabei war eine Dämonin, die mich oft ziemlich seltsam angesehen hat. Als ich sie damit konfrontiert habe, meinte sie, dass ich einer ehemaligen Freundin von ihr extrem ähnlich sah. Zeitlich und vom Element her, kommt sie als meine Mutter in Frage. Es ist nicht viel, ich weiß, aber nun mal alles was ich habe."

„Schön und gut, aber ich geh da nicht rein!", protestierte der Nephilim stur. „Ich will nichts sehen, was ich nicht mehr vergessen kann!"

„Wir müssen nur in den Empfangsbereich, sie werden dich schon nicht fressen. Bleib einfach bei mir, damit dich keiner wegschnappt."

„Vergiss es!"

„Rin-"

„Nein!"

„Aber-"

„NEIN."

Die nächsten fünf Minuten verbrachten sie mit Streitereien, bis der Insektenkönig genug hatte und den jüngeren Richtung Eingang zog. Dieser gab jedoch lange noch nicht auf und hielt sich an einer Säule fest, was leider nicht wirklich funktionierte. Gegen seinen Willen wurde er in das Gebäude gezogen und stand nun in einer großen Lobby, ohne dem kaum Beachtung zu schenken. Er war zu sehr damit beschäftigt, sich einen Fluchtweg zu suchen, aber leider sah Beelzebub dies voraus und schiff ihn am Arm durch den Raum. Glücklicherweise war niemand da, außer einer Dämonin die an der Rezeption saß und offenbar mehr Interesse an ihren Fingernägeln als möglichen Kunden hatte. „Sie scheint beschäftigt zu sein, vielleicht sollten wir gehen-", versuchte Rin sein Glück, nur um gnadenlos weitergezogen zu werden. Die Dämonin feilte weiter ihre Nägel (Machte das bei den Krallen überhaupt Sinn?), schien sie jedoch gehört zu haben. „Tut mir leid, heute nur mit Termin.", sagte sie gelangweilt. „Kommen Sie am besten morgen wieder, andernfalls haben wir eine weitere Stelle auf der anderen Seite der Stadt."

„Ich bin wegen etwas anderem hier und will mit Nanaja sprechen. Es ist dringend.", erklärte der Baal ein wenig ungeduldig. Rin meinte, dass die Dämonin kurz die Augen verdrehte. „Sie ist sehr beschäftigt und empfängt heute niemanden, geschäftliches muss warten-"

„Das würde ich mir nochmal überdenken.", unterbrach Beelzebub sie scharf und endlich sah sie auf. Ihr genervter Gesichtsausdruck veränderte sich abrupt zu Entsetzen und sämtliche Farbe wich ihr aus dem Gesicht, als sie ihn erkannte. „E-Eure H-Hoheit!", stotterte sie und setzte sich schnell gerade hin. „B-Bitte vergebt mir! I-Ich hab nicht..." Ihre Stimme brach, wahrscheinlich war ihr klar geworden, dass sie keine wirklich Entschuldigung hatte. „Vergiss es, pass besser auf und sei froh, dass ich nicht einer meiner Brüder oder gar mein Vater bin.", antwortete der Insektendämon bissig. „Ich muss mit Nanaja sprechen. Ist sie da?" Sie nickte schnell, offensichtlich erpicht darauf, dass ihr Ausrutscher schnell vergessen wurde. „Ja, sie ist in einem der anderen Trakte, aber ich gebe ihr Bescheid, damit sie Euch in ihrem Büro empfängt. Ich kann Euch hinbringen-"

„Nicht nötig, ich weiß wo das ist.", fuhr der Baal ihr erneut ins Wort. „Behalte es für dich, dass wir hier waren, das gilt auch für die Arbeiter hier, verstanden?" Erneut nickte sie hastig. „Natürlich, niemand wird etwas erfahren. Vertraulichkeit ist hier gegeben." Beelzebub schnaubte bei ihrer letzten Aussage kurz, dann wandte er sich an Rin. „Komm schon, gehen wir." Der Nephilim wich dem neugierigen Blick der Dämonin aus und folgte dem Dämonenkönige die Gänge entlang. Dieser schien sich gut auszukennen und führte ihn zielstrebig durch mehrere Gänge und über Treppen, bis sie schließlich vor einer Doppeltür standen. Rin wollte anklopfen, doch Beelzebub machte sich gar nicht die Mühe, öffnete sie und marschierte rein, als würde es ihm gehören. Nervös folgte er ihm und stellte fest, dass sie alleine waren. „Sie wird wohl jeden Moment kommen. Vorausgesetzt dieser Bimbo am Empfang bekommt mal was hin."

„Du kennst sie?", fragte Rin. Beelzebub zuckte mit den Schultern. „Vom sehen her. Ist zwar hübsch und mehr als willig, aber nicht grad die hellste Flamme Gehennas. Kann Kunden ja egal sein, aber wenn man was geschäftliches zu klären hat, nervt's.", erklärte der Insektenkönig und machte sich auf dem Weg zu einem der Schränke, hielt aber kurz inne. „Falls dir hier jemand etwas zu trinken oder essen anbietet, lass die Finger von, außer ich sage, es ist ok. Die mischen da oft was rein und ich habe keine Lust Vater zu erklären, warum du rollig bist." Rin sah ihn entsetzt an, wurde allerdings ignorierte, stattdessen schien Beelzebub weiterhin damit beschäftigt zu sein, etwas zu suchen. Kopfschüttelnd sah sich der jüngere um. Der Raum war sehr luxuriös und sah eher weniger wie ein Büro aus. Zwar gab es einen großen Schreibtisch mit einem großen Regal voller Ordner dahinter, doch der Rest ähnelte eher einer Mischung aus Wohnzimmer und Club. Vor dem Kamin stand ein Kaffeetisch, mit einigen Sesseln und zwei Sofas, im hinteren Bereich (wo sich momentan Beelzebub zu schaffen machte, anscheinend stellte er wie schon im Palast sicher, dass niemand lauschte) zog sich eine Bar mit mehreren Hockern entlang. Einer Ecke stand ein Spieltisch und er entdeckte mehrere Dekorationen, Pflanzen und Gemälde. Das Klirren von Gläsern ließ ihn in Beelzebubs Richtung schauen. Dieser hatte eine Flasche und ein Glas hervorgeholt und schenkte sich etwas ein. „Auch was?", fragte er. „Du kannst dich doch nicht einfach bei jemand fremden bedienen!", entrüstete sich Rin, anstatt eine Antwort zu geben. Er hatte es nun wirklich nicht so mit Manieren, aber einfach in ein fremdes Zimmer zu gehen und sich dort an den Sachen vergreifen, war selbst ihm zu dreist. „Und hast du nicht gesagt, dass man hier nichts trinken soll?!"

„Entspann dich, sie bietet einem sowieso was an und was will sie abgesehen davon tun? Mich an die Sicherheit melden?", antwortete Beelzebub und lachte kurz auf. „Rin, ich könnte hier die Wände mit Beleidigungen vollsprühen und sie kann mir nichts. Entspann dich mal." Er griff die Flasche, stellte sie auf dem Tisch ab und setzte sich mit seinem Glas auf eine der Coachs. „Und ja, du sollst nichts von ihr annehmen, aber die Flasche war noch versiegelt, da kann nichts drin sein. Sie stellen es nicht selbst her, sondern kaufen das Zeug direkt von den Herstellern." Er trank einen kurzen Schluck, bevor er weitersprach. „Allerdings solltest du bloß die Finger von Vaters Alkoholvorräten lassen, das ist eins der Dinge, wo er keinen Spaß versteht."

„Ich trinke ohnehin keinen Alkohol.", antwortete Rin dumpf und ließ sich neben dem Dämonenkönig nieder, wenn auch mit einem gewissen Abstand. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es in diesem Raum sehr stark nach etwas süßlichem roch. Wahrscheinlich irgendwelches Parfüm oder die Pflanzen. So oder so sorgte es dafür. dass ihm ein wenig seltsam wurde. Beelzebub schien dagegen keine Probleme zu haben, er hatte sein Handy hervorgezogen und trieb sich auf einer Seite herum, die verdächtig nach Tumblr aussah. Unwillkürlich musste sich Rin fragen, ob Beelzebub oder sogar weitere Baal Accounts auf Sozialen Netzwerken hatten. Falls ja, war er froh, dass er selbst nie welche gehabt hatte, ansonsten hätte durchaus die Chance bestanden, dass sie ihn viel eher gefunden hätten und das wäre dann mehr als bitter gewesen. „Warum hast du eigentlich überprüft, ob wir irgendwie belauscht werden? Das ist hier doch nicht der Palast.", erkundigte er sich zögerlich, als ihm die Stille zu bedrückend wurde. „Neben Sex und Arbeitskräften handeln sie auch mit Infos.", kam die knappe Antwort. „Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, was manche Kunden so im Rausch ausplaudern. Sie merken sich das ganz genau und sind sich nicht zu schade, einen belauschen. Übrigens einer der Gründe warum wir uns immer die Dämonen in den Palst holen." Der Nephilim nickte langsam und erneut herrschte Stille, dann öffnete sich einige Minuten später die Tür und eine Dämonin, die wohl Nanaja war, betrat den Raum. Wie auch die am Tresen, war sie sehr schön, doch sie wirkte wesentlich selbstbewusster und stolzer. Ihr Haar schimmerte in verschiedenen Violetttönen und ging ihr bis zu den Oberschenkeln, ein Teil davon war kunstvoll hochgesteckt und einzelne Strähnen geflochten. Das Kleid bestand aus blauen, silbernen und violetten Stoffen, komplizierten Mustern und wurde durch Silberschmuck ergänzt. Es war wirklich nicht schwer zu erraten, dass sie jemand wichtiges war. „Bitte vergebt mir, Lord Beelzebub. Ich hatte einige Angelegenheiten zu klären.", entschuldigte sie sich mit süßer Stimme. „Kann ich Euch etwas anbieten?"

„Danke, ich bin versorgt.", kam die Antwort. Für einen Moment meinte Rin, Missmut in ihren gelben Augen zu sehen, zweifellos wegen des geplünderten Weines, doch sie setzte schnell ein Lächeln auf. „Sehr schön, dann können wir direkt zum Geschäftlichen kommen." Zu seiner Überraschung wandte sie sich an Rin und ihr Lächeln weitete sich, als sie ihn musterte. „Asiatisch, nicht wahr? Selten in dieser Gegend...wie viel wollt Ihr für ihn?" Rin starrte sie verdattert an. Bitte was?! Auch Beelzebub schien überrascht, doch als die Dämonin nach Rins Kinn greifen wollte, riss er sich aus seiner Starre, packte Rin am Arm und zog ihn näher zu sich. „Finger weg, er gehört zu mir!", zischte er gefährlich. Nun war es Nanaja, die verwirrt drein schaute. „Oh? Seid Ihr sicher? Ich zahle gut und er würde uns einiges einbringen..." Der Nephilim mochte es absolut nicht, wie sie ihn angrinste, es versprach nichts Gutes. „Mehr als sicher.", knurrte der Insektenkönig. „Versuche nochmal ihn anzufassen und ich ertränke dich in Weihwasser." Die Dämonin schluckte und schien für einen Moment nervös, dann lächelte sie erneut. „Dann liegt wohl ein Missverständnis vor, ich entschuldige mich. Da ihr normalerweise niemanden mitbringt, dachte ich, Ihr würdet ihn abgeben wollen."

„Dann hör auf zu denken und überlasse es denen, die dafür bezahlt werden. Andererseits scheinst du ohnehin nicht viel im Kopf zu haben, wenn du nicht grad 'nen Schwanz im Mund hast, während du in den Arsch gefickt wirst. Das Kommando hast du hier ohnehin nur, weil Vater dein hübsches Gesicht mag, ansonsten würdest du wie der Rest im Dreck wühlen und dich an jeden ranschmeißen, in der Hoffnung nicht für immer ein bedeutungsloser Zeitvertreib zu bleiben.", zischte Beelzebub gefährlich. Nanaja zuckte sichtlich erschrocken zusammen, während Rins Kopf herumfuhr und er den Insektenkönig mit offenem Mund anstarrte. Hatte er gerade wirklich gesagt, was er glaubte?! Auch wenn Nanaja ihm unheimlich war, sah er keinen Grund derartig herablassend zu sein. „Also, wie wäre es, wenn du die Klappe hälst, mir zuhörst und deinen "Freunden", die auf dem Gang lauschen, sagst, dass sie sich verpissen wollen oder ich nutze sie als lebendes Futter für meine Haustiere?" Nanaja, welche zuvor knallrot im Gesicht gewesen war, wurde nun blass und machte tatsächlich Azazel Konkurrenz. „I-Ich...Ich wollte nicht...sie...", murmelte sie ein wenig verloren, doch nickte schließlich. „Natürlich, einen Moment bitte..." Sie stand auf und verließ kurz das Zimmer, wo Rin sie mit einigen anderen tuscheln hörte, dann kehrte sie zurück und setzte sich ihnen gegenüber. „Uns wird niemand mehr stören.", sagte sie in einem wieder halbwegs gefassten Tonfall. „Geht doch.", antwortete Beelzebub knapp und verschränkte die Arme. „Versuch allerdings, noch einmal mich zu belauschen oder sonst irgendwie hereinzulegen und Gnade dir Vater. Verstanden?" Hastig nickte sie. „Natürlich."

„Gut.", erwiderte der Insektenkönig wesentlich gelassener und lehnte sich ein wenig zurück. „Zurück zum Thema. Ich bin hier, weil ich etwas über eine ehemalige Bewohnerin in Erfahrung bringen möchte. Ihr Name ist Anansi, Clan Malinax. Sie ist...war eine Insektendämonin. Grüne Haare, braune Augen, kleiner als ich und hat in Trakt 4 gelebt.", erklärte er knapp. „Mmmh...Anansi...", murmelte Nanaja nachdenklich. „Das sagt mir leider nichts...wann war sie denn hier?" Rin musste einen erschrockenen Laut unterdrücken, als Beelzebub antwortete. Wie alt war er bitte?! „Oh, dann sieht es schon schlecht aus.", sagte die Dämonin langsam. „Wir bewahren zwar alle Dokumente auf nachdem sie weg sind, aber nach einer bestimmten Zeit werden sie vernichtet. Manche Fälle werden aufgehoben, allerdings müsste ich da nachsehen und die Chance ist nicht gerade groß."

„Schau trotzdem nach.", verlangte der Baal. „Ich brauche jede Info, die ich kriegen kann." Nanaja nickte. „Also gut, aber das wird einige Minuten dauern. Fühlt Euch derweil wie Zuhause." Sie stand auf und verließ zügig den Raum, offenbar erleichtert, endlich einen Moment zum durchatmen zu bekommen. Rin wandte sich sofort an Beelzebub. „Was sollte das?! Es gab keinen Grund sie zu beleidigen!"

Der Baal lachte kurz auf. „Es gab keinen Grund? Oh, Rin. Deine Naivität verwundert mich immer wieder. Du hast es doch selbst gesehen: Sie wollte uns manipulieren und daraus Vorteile ziehen oder Profit machen. Wir sind in ihrem Gebiet, das lässt sie selbstsicher werden, also muss man ihr zeigen, wo ihr Platz ist. Andernfalls würde dir nur jeder auf der Nase rumtanzen. Sobald sie wissen, wer wo steht, werden sie nicht länger versuchen dich irgendwie auszutricksen, jedenfalls nicht solange sie einen Funken Verstand haben." So grausam es war, es verbarg sich eine gewisse Logik dahinter, das musste Rin widerwillig zugeben Dennoch hielt er es immer noch für übertrieben, sie derartig zu demütigen. „Tut mir übrigens leid wegen der Verkaufssache.", hörte er Beelzebub unerwarteterweise sagen. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sowas passiert." Der Nephilim nickte nur und zögerte, bevor er weitersprach. „Schon ok, aber...deine Mutter heißt also Anansi." Langsam nickte der Insektendämon. „Ja. Anscheinend wollte Vater damals ursprünglich die Freundin kaufen, die mir den Tipp gegeben hat, aber Anansi hat das verhindert, indem sie Vaters Aufmerksamkeit stattdessen auf sich gezogen hat."

„Und dann?", hakte Rin vorsichtig nach.

„Mehr weiß sie nicht. Sie hat sie nie wieder gesehen...ja, die Chancen, dass sie wirklich meine Mutter war, ist nicht allzu groß. Insektendämonen gibt es viele, Anansi ist kein ungewöhnlicher Name und grüne Haare und braune Augen kann jeder haben. Bei Iblis' und Egyns Mutter wäre es einfacher, Wasser-Feuer-Hybride sind relativ selten, aber es ist nun mal alles, was ich hab." Rin zögerte für einen Moment, nicht sicher, ob er das nächste wirklich sagen sollte. „In diesem Fall wäre deine Mutter also eine..." Er hielt inne, er traute sich nicht, es laut auszusprechen. „Eine Dämonin, die zwangsverheiratet werden sollte, aber von Vater gekauft wurde oder eine Sexarbeiterin. Ja.", antwortete Beelzebub dumpf. „Das ist mir allerdings ehrlich gesagt egal. Wir wissen alle, dass Vater hier öfter war und manche der anderen könnten auch Mütter von hier haben. Wer weiß, eine könnte grad nebenan sein und würden es nie erfahren. Letztendlich ist mir die Herkunft egal. Ob sie nun aus den Slums oder aus einer reichen Familien kommt und hier gelandet ist, spielt keine Rolle mehr. Sie ist ohnehin tot und ich will einfach nur wissen, wer sie war. Nicht mehr und nicht weniger." Der Halbdämon nickte langsam und beide schwiegen von da an. Er konnte Beelzebubs Einstellung gut nachvollziehen. Die Wahrheit konnte zwar weh tun, aber immerhin würde sie endlich Antworten bringen. Nach einiger Zeit kehrte Nanaja zurück, leider mit leeren Händen. „Wie erwartet war nichts da. Wenn ich mir die Frage erlauben darf, war es Euer Vater, der sie gekauft hat?"

„Ich war noch nicht geboren und meine Brüder waren damals wohl etwas zu jung.", erwiderte der Insektendämon bissig. „Oh richtig, mein Fehler...", murmelte sie. „Wie auch immer, in diesem Fall ist es durchaus möglich, dass er die Unterlagen noch besitzt, wir geben jedem Kunden eine Kopie mit. Falls er sie nicht weggeworfen hat." Großartig, jetzt mussten sie also doch zu Satan? Na, das konnte heiter werden. Beelzebub schien kurz nachzudenken, dann nickte er. „Verstehe...ja, das wird er wahrscheinlich noch haben. Wir müssen jetzt los. Sage niemanden, dass wir hier waren."

„Natürlich mein Lord, immer gerne, ich werde es für mich behalten.", erwiderte Nanaja augenklimpernd. „Aber seid ihr sicher, dass ihr nicht noch etwas bleiben wollt? Ich hätte einige, die Euch interessieren dürften."

„Ein anderes Mal.", kam die knappe Antwort. „Wiedersehen." Damit wurde Rin aus dem Raum geschoben und die Tür zugeschlagen, sodass Nanaja zurückblieb. Diese hörte sofort auf mit Lächeln und ihre Augen verengten sich. „Interessant...er sucht also nach ihr. Das dürfte Lord Satan sehr interessieren..."


Nachdem sie das Zuchthaus verlassen hatten, wurde Rin von einer Welle der Erleichterung überrollt. Endlich waren sie aus diesem Gruselkabinett raus! Zwar hatte er nichts besonders gesehen, doch das Gefühl, welches er dort gehabt hatte, war widerlich gewesen. Dann fiel ihm allerdings ein, was sie erfahren hatte und er wandte sich an den düster drein blickenden Insektenkönig. „Also...das war's?", fragte er vorsichtig, woraufhin der Baal den Kopf schüttelte. „Nein. Wenn ich etwas herausfinde, dann in Vaters Arbeitszimmer. Aber wir dürfen nicht alleine in seine Gemächer und während er dort ist, können wir es gleich vergessen." Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Ich wollte das wirklich nicht tun müssen, aber wir haben wohl keine Wahl. Wir müssen uns rein schleichen."

„Was?! Hast du sie nicht mehr alle?!", entfuhr es Rin. „Wenn wir erwischt werden..." Er erschauderte. Darüber wollte er wirklich nicht nachdenken. „Ich weiß, aber es geht nicht anders. Ihn direkt zu fragen wäre die einzige andere Möglichkeit und das können wir gleich vergessen." Seufzend wandte er sich an den Jungdämonen. „Ich denke, ich komme an seine Sicherheitsvorkehrungen vorbei, aber ich brauche dich zur Ablenkung. Weder Vater noch einer unserer Brüder dürfen etwas mitbekommen, sonst haben wir ein Problem."

„Und wie soll ich sie ablenken?!"

„Das ist nicht so schwer wie du denkst. Löchere sie am besten Fragen oder rede über etwas, das sie interessiert. Niemand wird merken, was los ist."

„Und wenn er es nicht mehr hat?"

Beelzebub verdrehte die Augen. „Unwahrscheinlich. Man mag es ihm nicht ansehen, aber Vater ist sehr ordentlich, wenn es um sowas geht. Er hat gefühlt jedes Dokument seit der Entstehung Gehennas irgendwo abgeheftet und er weiß auch genau, wo was ist, also...ja. Fass da bloß nichts an."

„Dann wird er doch merken, dass du was durchsucht hast.", gab Rin zu bedenken.

„Nicht wenn ich alles so zurücklege, wie es war. Ich bezweifle, dass er in so alte Ordner reinschaut. Es wird schon alles gut gehen." Rin war sich da nicht ganz so sicher, doch hatte wohl keine andere Wahl als ihm zu vertrauen.

...

„Ibliiiiiis...mir ist langweilig!", quengelte Egyn und zog seinem Zwilling am Arm. Dieser unterdrückte ein genervtes seufzen und starrte weiterhin stur auf sein Handy. Erst vor einer knappen halben Stunde war er hier angekommen und hatte sich eigentlich in seinem Zimmer verkrümmeln wollen, doch natürlich hatte Samael ihn abgefangen, ihm einen Papierstapel in die Arme gedrückt und dabei verkündet, dass er nach Assiah zurück musste und sich folglich jemand anderes darum kümmern musste. Iblis hatte schlicht und ergreifend das Pech gehabt, zuerst in ihn herein zu rennen. Ohne große Wahl, hatte er sich auf eine Bank in dem Gang gesetzt und angefangen, die Papiere durchzusehen, in der Hoffnung, einem der anderen etwas zuschieben zu können. Nachdem dies erledigt war, hatte er allerdings einen Anruf vom Hohepriester einer seiner Hexenzirkel erhalten und musste sich nun darum kümmern, was unter anderem einen Haufen Anrufe und einen eventuellen Trip nach Assiah beinhaltete, wobei er letzteres vermeiden wollte. Kurz darauf war Egyn hinzu gekommen und verlangte nun schon die ganze Zeit seine Aufmerksamkeit. Normalerweise war der Wasserdämon (zumindest laut seinen Geschwistern) der reifere und verlässlichere, doch in Momenten wie diesen war er wie ein kleines Kind. Amaimon nervte schon gehörig, wenn ihm langweilig war, doch der Wasserkönig war eindeutig der Endgegner. „Geh Luzifer oder so nerven, ich kann jetzt nicht.", knurrte er gereizt, was leider nicht den gewünschten Erfolg erzielte. Stattdessen ließ sich Egyn genervt neben ihn fallen. „Du bist gemein..." Iblis sagte nichts. „Da ist mir sogar Samael lieber..." Immer noch keine Reaktionen. Egyn begann zu schmollen. Offenbar war es ihm egal wie kindisch er momentan war. „Wenn du mich weiter ignorierst, beiß ich dich!" Er setzte sich auf und lehnte sich gegen den Feuerdämonen, der endlich aus seiner Starre erwachte. „Ok, ok! Was willst du?" Egyn warf ihm einen strafenden Blick zu, der ihn inne halten ließ. „Was denn?", fragte er ungeduldig. „Du hast es vergessen, nicht wahr?", erwiderte der jüngere Dämon säuerlich.

„Was denn bitte?!"

„Du hattest versprochen, dass wir heute etwas zusammen machen!" Endlich fiel der Groschen. Die anderen waren derzeit allesamt beschäftigt, Egyn und er hatten dagegen ihre Pflichten für heute erfüllt, was selten genug vorkam. Meistens nahmen sie Angelegenheiten mit in den nächsten Tag hinein, doch jetzt war natürlich Samael dazwischen gekommen. „Ich muss das hier noch fertig machen, es gibt ein Problem mit einem Hexenzirkel." Egyn verdrehte die Augen. „An Tagen wie diesen frage ich mich, warum wir überhaupt Sterbliche rekrutieren. Sie sind einfach nur nutzlos..." Zwar stimmte Iblis zu, aber die Zirkel sowie einige Kults hatten sich in der Vergangenheit des Öfteren als nützlich erwiesen, von den Illuminati ganz zu schweigen. Vielleicht waren sie nicht unbedingt nötig, aber sie würden die Eroberung Assiahs sogar noch einfacher machen. Hoffentlich würde alles klappen, wenn es so weit war. Sich einen Wirtskörper in Assiah zu suchen konnte verdammt lästig sein. Zwar hatte er dank den Experimenten von Sektion 13 und denen der Illuminati momentan ein Gefäß, aber das würde nicht mehr lange halten und die Verwesung hatte längst eingesetzt, was irgendwann mehr als schmerzvoll wurde. Andererseits hatten sie nun Rin und die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief ging, sobald sie ihn auf seine Seite gezogen hatten, lag praktisch bei null. Durch ihn würde ihr Vater endgültig diese nervige Grenze vernichten, sodass sie nicht länger einen Wirtskörper brauchten, um Assiah zu betreten. Das Nachrichtensignal seines Telefons ließ ihn aufsehen. Als er die Nachricht las, sank seine Laune und er stand seufzend auf, woraufhin Egyn ihm einen fragenden Blick zuwarf. „Ich muss kurz zu Vater, das Problem ist größer als angenommen, aber vorher bringe ich noch diese Papiere in Azazels Zimmer. Soll er sich doch mit dem Mist rumschlagen...", brummte er missmutig und wandte sich zum gehen. „Ich komme mit!", kündigte der Blauhaarige an und sprang auf. Iblis zuckte nur mit den Schultern und machte sich auf den Weg. Sie hatten gerade den Gang zu ihren Gemächern erreicht, als er plötzlich stehen blieb und sich schnell hinter der Ecke versteckte, wobei er Egyn mitzog. „Hey, was war das denn?!", beschwerte sich dieser, allerdings verstummte er, als der Feuerdämon eine kurze Handbewegung machte. Langsam schlich er vorwärts und spähte ebenfalls um die Ecke. Zu seiner Überraschung entdeckte er Rin, welcher vor den Türen der Gemächer ihres Vaters stand und sich offenbar nervös umsah. „Und? Was gibt es da zu sehen?", flüsterte er dem älteren Baal zu. „Er ist gerade aus Vaters Gemächern gekommen und er ist hundertprozentig nicht da drin." Egyn zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. „Na und? Vielleicht sucht er ihn einfach?" Der Feuerdämon verdrehte die Augen. „Du weißt ganz genau, dass Vater immer abschließt und Siegel platziert!"

„Siegel die er nicht mal ansatzweise zerstören kann.", erinnerte der Wasserdämon ihn erschöpft klingend. „Ich glaube, du interpretierst da zu viel rein. Was sollte er denn dort überhaupt wollen?"

„Was weiß ich denn, wird schon seine Gründe haben! So oder so treibt er sich an Orten rum, wo er nichts zu suchen hat und das ist verdächtig!", argumentierte der Feuerkönig irritiert. Warum glaubte Egyn ihm nicht?! Rin sorgte für Ärger seit er hier angekommen war, es würde ihn nicht wundern, wenn er wieder irgendetwas im Schilde führte. „Sicher, dass du nicht einfach nur immer noch sauer auf ihn bist und ihm deswegen das Leben schwer machen willst?", seufzte Egyn resigniert. „Du warst schon immer zu eifersüchtig."

„Sagt der, der jeden Dämon umgebracht hat, mit dem ich zu viel Zeit im Bett verbracht hab."

„Das ist was anderes! Es geht hier um einen unseren Brüder und ich will nicht, dass du etwas tust, was du später bereust.", versuchte der Wasserdämon auf ihn einzureden, doch Iblis hörte ihm nicht zu. „Ich habe die Schnauze voll davon, dass er uns ständig auf der Nase rumtanzt und wenn ich es ihm nicht direkt heimzahlen kann, mache ich ihm eben anderweitig Probleme. Ist ja nicht so, dass ich ihn tot oder in Gefahr sehen will...", murmelte er und drückte Egyn den Papierstapel in die Hand. „Warte hier. Bin gleich wieder da.~" Damit verschwand er in einer Flammensäule. Egyn rümpfte jedoch nur die Nase. „Das kannst du vergessen..." Auch er verschwand, dieses Mal in einem blauen Leuchten. Irgendetwas sagte ihm, dass gleich buchstäblich die Luft brennen würde.


Als jüngster und schwächster von acht Geschwistern war Beelzebub es bereits gewohnt, oft im Schatten der anderen zu stehen oder gar ignoriert zu werden. Es konnte wirklich nerven, wenn man das "Baby" der Familie war und er war mehr als froh, als dieser Titel endlich an Rin weiterging. Bisher mochte er den Nephilim, auch wenn er anstrengend sein konnte und er eindeutig zu viel Zeit unter den Menschen verbracht hatte, aber er konnte es eben nicht besser wissen. Immerhin war er dadurch gutmütig genug, ihm bei seiner Suche zu helfen. Ob er tatsächlich etwas finden würde, blieb abzuwarten, aber er war mehr als willens es zu riskieren. Geheimnisse gab es viele in seiner Familie und er hatte es nur noch satt. Trotzdem verspürte er extreme Unruhe als er sich nervös in den Gemächern seines Vaters umsah, beinah damit rechnend, dass ihm jeden Moment etwas entgegen springen würde. Sie alle hatten früh gelernt, auf seine Anweisungen zu hören, was auch einschloss, sich von verbotenen Bereichen fern zu halten und obwohl er längst ein Erwachsener war, wurde ihm jedes Mal unwohl, wenn er sich seinem Vater widersetzte, so kindisch es klingen mochte. Er holte tief Luft, dann öffnete er die Tür zum Arbeitszimmer und betrat langsam das Zimmer. Ohne lange zu zögern, begann er seine Suche. „Mal sehen...Artefakte...Rituale...Buch der Schatten...Runen...Nein...Nein...Bestellungen...? Das sieht doch ganz gut aus. So...das ist für das diesjährige Fest des Tieres...Samhain...Blutfest...ne, hier find ich nichts...", murmelte er vor sich hin und blätterte weiter, bis er schließlich das Siegel des Zuchthauses entdeckte und zu seiner Erleichterung reichte es tatsächlich bis zu dem Jahr, das er brauchte, zurück. „Gut, dann mal sehen..." Stumm ging er die Seiten durch und war dabei so vertieft, dass er nicht hörte, wie sich die Tür hinter ihm öffnete. Dafür spürte er plötzlich eine beklemmende Enge und der vorher so warme Raum fühlte sich kalt an. Jetzt wurde er sich auf der Präsenz hinter ihm bewusst und er schluckte. „Ibis hatte also recht. Ich bin mehr als enttäuscht von dir.", zischte die Stimme seines Vaters und es lag absolut kein Humor darin, nur grausame Kälte. Langsam drehte er sich um und erschauderte, als er den Gesichtsausdruck des Dämonengottes sah. Blanker Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben und in seinen Augen züngelten buchstäblich Flammen. Mit einer Hand hatte er Rin am Kragen gepackt, welcher weiß wie ein Bettlaken war und dem Insektenkönig einen entschuldigenden Blick zuwarf. „Also...willst du mir erklären, was ihr hier genau treibt.", fragte Satan und erneut musste der Baal schlucken. Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich wieder wie ein kleines Kind, das bei etwas erwischt worden war. „Es ist meine Schuld, ich hab Rin da mit rein gezogen.", erklärte er hastig. „Ich wollte nur etwas über meine Mutter erfahren-" Das hätte er offenbar nicht sagen sollen. Mit einem Mal war Satan auf 180 und stand innerhalb eines Wimpernschlags vor ihm. Der Insektenkönig wollte zurückweichen, doch Satan hatte ihn bereits am Hals gegriffen und riss seinen Kopf hoch, damit er ihn ansah. „Du wagst es, dich meinen Anweisungen zu widersetzen?", zischte er. „Ich wollte nur-", setzte Beelzebub an, doch ein brennender Schmerz unterbrach ihn. Erst Sekunden später wurde ihm bewusst, dass sein Vater ihm eine Ohrfeige gegeben hatte. „Nach allem, was ich für euch getan habe, konspirierst du hinter meinem Rücken?! So dankst mir, für alles was ihr habt?!", donnerte der Dämonengott. „Und du..." Sein Blick wanderte zu Rin, der sofort zusammensackte. „Ich war mehr als geduldig mit dir und habe mich zurückgehalten, doch das war offenbar ein Fehler. Deine Schonzeit ist endgültig vorbei." Der Nephilim schluckte und Beelzebub wollte erneut dazu ansetzen, ihren Vater zu beruhigen, doch dieser hatte kein Interesse ihm zuzuhören. Mit einem abfälligen Schnauben griff er in seine Haare und zerrte ihn aus dem Raum, seine Schmerzenslaute und Rins Proteste ignorierend. Der Insektenkönig verstand nicht, warum sein Vater so zornig war, aber er wusste, dass sie in gewaltigen Schwierigkeiten steckten.