Finch war in dieser Nacht gestorben. Es war ihm nicht mehr zu helfen. Für Hafwen war es nichts Neues, jemanden sterben zu sehen. Einige der Männer nahm es mit, aber am schlimmsten war es bei Bunting.

Kurz darauf kam jemand vom diplomatischen Dienst an Bord. Er hatte so eine merkwürdige Aura an sich, sodass niemand, aber auch wirklich gar niemand ihn leiden konnte oder auch nur ernst nahm. Der arme Mann tat ihr anfangs noch ein bisschen leid, aber es dauerte nicht lange, bis ihr sein ständiges Gejammer und Gemecker auf den Keks ging.

Aber auch er war mit Hafwen nicht ganz zufrieden. Mr. Tapling hieß er. Er konnte es nicht sehen, dass eine Frau auf einem Schiff war. Und schon gar nicht als Assistentin des Schiffsarztes. Aber das beruhte auf Gegenseitigkeit.

„Miss, ich frage mich…", begann er zögerlich, als er eines Morgens in ihre Krankenstation marschiert kam.

„Was fragen Sie sich, Mr. Tapling?", wollte Hafwen wissen.

„Geben Sie mir ein Mittel gegen Seekrankheit.", forderte er sie auf. Sie zog die Augenbrauen hoch und schmunzelte.

„Bitte was?", fragte sie.

„Ich verlange ein Mittel gegen Seekrankheit. Sofort!", erwiderte er.

„Tut mir Leid, Sir, so was habe ich nicht. Gehen Sie raus und schauen Sie auf den Horizont, vielleicht wird es da besser. Oder essen sie was. Das könnte helfen."

„Deswegen sollten Frauen keine Ärzte sein und studieren. Ihr Weiber habt doch von nichts eine Ahnung. Und auf Schiffen habt ihr schon gar nichts zu suchen, es sei denn, ihr seid ein paar dumme Huren!"

Hafwen musste sich wirklich beherrschen, ihn nicht zu schlagen. Es gab kein Wundermittel gegen Seekrankheit. Und was dagegen helfen konnte, hatte sie ihm schon gesagt. Was wollte er also? Sie als Hure beschimpfen? Als dumm? Wenn sie es nur wollte, konnte sie diesen Mann umbringen, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen würde!

„Verlassen Sie meine Krankenstation.", presste sie zwischen den Zähnen hervor.

„Sie haben mir-"

„SOFORT!"

In dem Moment hörte Hafwen, wie Alle Mann gepfiffen wurde. Sie warf Mr. Tapling einen verachtenden Blick zu und machte sich auf den Weg an Deck. Dort stellte sie sich wie immer an eine Stelle, wo sie nicht besonders auffiel, um zu entscheiden, ob man sie brauchen würde, oder nicht. Die Männer, die an Deck strömten, stellten sich im Spalier auf. Sollte das etwa ein Spießrutenlauf werden?

Bunting wurde von zwei Fähnrichen angeschleppt. Irgendwie war Hafwen nicht wirklich überrascht. So wie Bunting in letzter Zeit meckerte und grummelte, war es klar, dass er irgendwann Mist bauen würde.

„Dieser Mann ist ein Dieb! Erwischt im Vorratsraum beim Diebstahl von Essen. Damit hat er jeden Einzelnen von Ihnen bestohlen. Erteilen Sie ihm eine Lehre. Jeder, der ihn schont, gerät in den Verdacht, selbst in den Diebstahl verwickelt zu sein!", rief Captain Pellew vom Achterdeck aus. Man würde sie also nicht direkt brauchen. Aber sie würde sich um Bunting kümmern müssen, wenn er seine Strafe erhalten hatte.

„Sie sind dran, Mr. Hornblower.", fügte Pellew dann etwas leiser hinzu. Hornblower atmete kurz ein und aus und stellte sich dann vor Bunting. Er zog den Marinesäbel und hielt die Spitze vor Buntings Brust. Matthews war direkt hinter ihm.

Bunting musste losgehen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, aber Hornblower sah fast genauso gequält aus. Wahrscheinlich hatte er irgendeinen Rettungsversuch gestartet, der gründlich schief gelaufen war. Bunting gab sich alle Mühe, nicht vor Schmerz zu schreien. Er schien sich immer mehr zu krümmen, bis er schließlich zu Boden fiel. Die Männer schlugen weiter auf ihn ein, wahrscheinlich um nicht selbst so zu enden.

„Genug! Genug, sage ich!", rief Pellew. Bunting wand sich vor Schmerzen auf dem Boden.

„Ich denke, diese Lehre ist angekommen. Vom heutigen Tage an wird jeder, der beim Diebstahl von Vorräten erwischt wird, oben an der Rah aufgeknüpft.", erklärte Pellew und verschwand. Hafwen ging langsam auf Bunting zu und half ihm zusammen mit Hornblower hoch. Die Wunden mussten mit Alkohol desinfiziert werden und sie würde Bunting vielleicht eine Salbe geben, aber mehr konnte sie nicht tun.

„Kommen Sie, Mr. Bunting.", sagte Hafwen leise. Sie und Hornblower setzten ihn auf einem Holzbalken ab. Hafwen schnappte sich einen Stofffetzen und tränkte ihn mit Alkohol. Damit tupfte sie die Wunden ab. Bunting zuckte immer wieder zusammen. Hornblower sah eine Weile zu und verschwand dann.

„Was sollte das denn, Bunting?", fragte Hafwen und ließ ein wenig Mitgefühl in ihrer Stimme mitschwingen.

„Ich hatte so Hunger, Miss… habe es immer noch und…"

Bunting stöhnte vor Schmerzen auf.

„Ich habe es gleich geschafft. Das ist, damit sich Ihre Wunden nicht entzünden.", erklärte Hafwen. Bunting drehte sich zu ihr um.

„Und wenn sie sich entzünden?", fragte er teilnahmslos.

„Dann könnten Sie sterben.", antwortete Hafwen und begann, die Wunden auf Buntings Brust zu reinigen.

„Immer noch besser, als diese Schmerzen zu ertragen… und diesen Hunger…", murmelte er. Hafwen schüttelte den Kopf.

„Reden Sie keinen Unsinn, Mann."