Es war ein angenehmer, sonniger Tag, den Hafwen sich ausgesucht hatte, um endlich aus ihrer stickigen Krankenstation an die frische Luft zu kommen. Mr. Tapling war nicht an Bord und wanderte nicht sinnlos umher und alles war wunderbar. Gegen Abend, als die Hitze nachließ, wagte Hafwen sich an Deck.
Im Wasser trieb ein Boot. Darin waren Hornblower und die anderen, die an Land gehen sollten, um nach den Vorräten zu sehen, inklusive Mr. Tapling. Na, wunderbar. Warum waren die schon zurück? Hafwen hatte sich auf einen ruhigen Nachmittag gefreut.
„Mr. Bowles!", rief Hornblower vom Boot aus.
„Was ist los?", fragte Bowles.
„Ich muss den Captain sprechen!", antwortete Hornblower. Interessant. Hafwen hatte keine Ahnung, warum er dazu nicht an Bord kommen konnte.
„Dann kommen Sie an Bord und sprechen Sie mit ihm! Was ist denn los?"
Hinter Mr. Bowles betrat Captain Pellew das Achterdeck.
„Bitte sagen Sie dem Captain, ich muss ihn sprechen!", beharrte Hornblower stur. Hatte Tapling das etwa eingefädelt? Pellew schob Bowles zur Seite.
„Mr. Hornblower!", rief er.
„Schlimme Nachrichten, fürchte ich. Der Schwarze Tod ist in Oran. Er kann heute erst ausgebrochen sein, Sir."
Oh. Die Pest? Das war interessant. Hafwen hatte sich schon immer für die Pest interessiert. Wenn es wirklich so war, dann mussten sie drei Wochen in Quarantäne bleiben. Vielleicht konnte sie… ja die Quarantäne überwachen? Sie lief dabei zwar Gefahr, selbst zu sterben, wenn wirklich die Pest ausbrechen sollte, aber dieses Risiko war Hafwen bereit einzugehen.
„Bleiben Sie leewärts, Mr. Hornblower.", forderte Pellew ihn auf.
„Aye, aye, Sir. Darf ich einen Vorschlag machen?"
„Ja, und welchen?"
„Da wir die Vorräte brauchen, Sir, könnten wir die drei Wochen auf der Caroline bleiben und sie damit retten.", schlug Hornblower vor. Na, das war ja noch besser! Sie würden doch kein Pestschiff ohne einen Arzt lassen, oder? Allerdings war Doktor Hepplewhite zu wichtig, als dass man ihn entbehren könnte. Es konnte also nur Hafwen gehen. Sie lief langsam in Richtung Achterdeck.
„Einen Moment, Mr. Hornblower.", sagte Pellew und unterhielt sich mit Mr. Bracegirdle.
„Gut, ich übertrage Ihnen das Kommando für die Caroline!", meinte Pellew dann.
„Danke, Sir."
„Wo ist Mr. Tapling?"
„Er ist an Land, Sir. Mit den Gardisten."
„Gut. Er bleibt bei Ihnen als Passagier."
Was? Hafwen hielt kurz inne. Dann überwog allerdings ihre Neugier, was die Pest anging und sie lief weiter Richtung Achterdeck.
„In Ordnung, Sir. Und, Sir?"
„Ja, was noch?"
„Meine Bücher, Sir."
„Bücher?"
„Für die bevorstehende Prüfung."
„Ja! Gut, ähm, besorgen Sie die! Ich hoffe, Sie finden Zeit zum Lernen."
„Danke, Sir.", sagte Hornblower und salutierte. Pellew drehte sich um und bemerkte Hafwen.
„Miss Gwyther. Was wollen Sie denn jetzt?", fragte er.
„Sir, bitte um Erlaubnis, an Bord der Caroline gehen zu dürfen.", antwortete sie förmlich. Pellew schüttelte den Kopf.
„Ausgeschlossen, zu gefährlich."
„Sir, ich beschäftige mich schon seit Jahren mit der Pest. Ich würde diese Gelegenheit unheimlich gerne nutzen. Außerdem muss jemand die Quarantäne überwachen und sie werden doch bestimmt kein Pestschiff ohne einen Mediziner da draußen herumtümpeln lassen. Sir, ich bitte sie! Außerdem muss doch irgendjemand Mr. Hornblowers Bücher mitnehmen, oder?", sagte sie. Pellew sah sie lange an. Hafwen rechnete schon mit einer Suspendierung oder etwas Ähnlichem, aber das war es nicht.
„Also schön, Miss Gwyther. Sie wissen sicher, was Sie tun. Als Medizinerin ist Ihnen doch hoffentlich klar, dass Sie bei der Sache sterben könnten, oder?"
„Ja, Sir. Das ist es mir wert, Sir.", antwortete sie.
„Na, meinetwegen, tun Sie doch, was Sie wollen.", murmelte er.
„Ich danke Ihnen, Sir.", erwiderte Hafwen und lächelte glücklich.
Als die anderen mit dem Proviant ankamen, war Hafwen schon lange auf der Caroline angekommen. Pellew hatte ein kleines Beiboot losgeschickt, das sie zur Caroline bringen sollte. Dort fand sie zwar keine Krankenstation, aber einen Raum, der sich als solches nutzen ließ.
Sie begann sofort damit, alles nach ihren Wünschen umzugestalten. Sie hörte, wie Hornblower und die anderen an Bord kamen, aber sie entschied sich dazu, nicht nach oben zu gehen, um nachzuschauen. Am Ende würde Hornblower sie nur wieder zurückschicken. So war er nun einmal. Aber Hafwen wollte hier bleiben.
Erst als schon eine beträchtliche Zeit vergangen war, ging Hafwen an Deck.
„Verzeihen Sie, Sir. Hören Sie, wie das Vieh brüllt? Es ist furchtbar heiß. Sie brauchen Wasser.", sagte Styles.
„Verflucht! Wir bekommen das Vieh vor Sonnenuntergang nicht an Bord. Also gut, Styles. Setzen Sie mit ein paar Mann die Wasserspritze in Gang!", befahl Hornblower.
„Aye, aye, Captain.", erwiderte Styles. Hornblower sah ihn erstaunt an und lächelte dann. Wahrscheinlich hatte er sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass die Männer seine Befehle befolgten.
Allerdings fand Hafwen es immer noch merkwürdig, dass niemand sie zu bemerken schien. Gut, sie hatte die Männerkleidung an und ein Tuch hatte sie sich auch um den Kopf gebunden, wegen der Sonne.
Als die Sonne schon langsam unterging, rief Hornblower zum Feierabend auf. Noch immer hatte niemand sie bemerkt. Hafwen hätte das nie für möglich gehalten. Sie ging auf Hornblower zu, als er auf dem Weg in seine Kabine war.
„Mr. Hornblower, Sir?", fragte sie.
„Ja, was ist?"
„Ihre Bücher, Sir. Ich habe sie in Ihre Kabine bringen lassen."
„Danke.", sagte er und wollte weitergehen. Hafwen zog die Augenbrauen hoch. Das konnte doch nicht…!
Gerade, als sie das dachte, drehte Hornblower sich um und kam auf sie zu.
„Miss Gwyther?", fragte er überrascht.
„Aye, Sir.", antwortete sie mit einem spitzbübischen Lächeln.
„Was machen Sie denn hier?"
„Ich bin als Schiffsärztin an Bord. Mit Captain Pellews Erlaubnis. Und ich habe Ihre Bücher an Bord gebracht, Sir. Wenn Sie Hilfe beim Beladen des Schiffes brauchen, Sir, ich… ich würde das gern machen. Ich würde es zumindest gern probieren.", meinte sie.
„Das ist keine leichte Arbeit, Miss Gwyther.", sagte Hornblower.
„Ich weiß, Sir. Aber ich bin auch nicht so schwach, wie ich vielleicht aussehen mag.", entgegnete sie. Hornblower nickte erschöpft.
„Also gut. Wenn Sie unbedingt wollen."
„Danke, Sir."
