Es hatte sich wirklich gelohnt, an Bord zu kommen, auch wenn die Pest noch nicht ausgebrochen war. Hafwen durfte eine Menge der „Männeraufgaben" übernehmen, da es so an Leuten fehlte. Und das Beste war, dass sie praktisch an der Quelle der Vorräte saßen. Es wurden Ochsen geschlachtet und es gab so viel zu essen, wie schon lange nicht mehr.
Auf den Schoner zu gehen, war vielleicht die beste Entscheidung gewesen, die Hafwen seit langem getroffen hatte.
In der letzten Woche wurde das Trinkwasser knapp. Es war ein relativ riskantes Unterfangen, aber Hornblower ging an Land, um die Wasservorräte aufzufrischen. Hafwen war froh, dass sie auf der Caroline war. Es wurden wirklich alle Hände gebraucht und da verbot man es auch einer Frau nicht, ordentlich mitzuarbeiten.
Es gab ein kleines Dorf in der Nähe hatte Matthews gesagt, in dem nur ein paar Wachen standen. Hafwen hatte es mit angehört, als sie Wasser aus dem Bach schöpfte. Kurz nachdem er das gesagt hatte, fiel einer der Seesoldaten tot um.
Ein paar Franzosen hatten sich im Wald hinter einem Hügel versteckt. Hornblower gab den Befehl zu feuern.
„Bunting!", rief Hornblower plötzlich. Hafwen sah nach oben und bemerkte, wie Bunting davonrannte. Wahrscheinlich wollte er desertieren. Hornblower sprang auf und lief ihm hinterher.
„Alle in Deckung!", rief Matthews. Hafwen duckte sich widerwillig. Sie wollte sehen, was da passierte. Sie hörte Hornblower wieder nach Bunting rufen, die beiden rannten immer noch.
Matthews wiederholte immer wieder, dass alle Mann in Deckung bleiben sollten, aber niemand schien sich daran zu halten. Hier musste Hafwen selbst sich im Hintergrund halten, auch wenn sie es den Franzosen gerne gezeigt hätte. Das Problem bei der Sache war, dass Hafwen keine Waffe hatte und noch dazu keine Ahnung hatte, wie man mit einer Waffe umging.
Nach einer kurzen Zeit hörte Hafwen, wie ein Schuss die Stille zerriss. Dann herrschte wieder Stille. Nach einer Weile hörte sie einen zweiten Schuss. Was war da los?
Kurz darauf kam Hornblower zurück. Nur mit der Leiche von Bunting. Hafwen hörte, dass er ihn auf See bestatten wollte. Er machte sich Vorwürfe, keine Frage. Sie fragte sich nur, ob sie sich damals auch solche Vorwürfe gemacht hatte…
„Was in Herrgotts Namen?!", rief Hornblower plötzlich wütend und zeigte auf das Meer.
„Das ist die Dreadnought, wie mir scheint, Sir.", antwortete Matthews.
„Was macht dieses Boot da?"
„Die haben sich zwei Rinderhälften unter den Nagel gerissen, Sir."
„Schnell, wir folgen ihnen!"
„Ab ins Boot!", rief Matthews ihnen zu. Alle machten sich schnell auf den Weg zum Boot. Kaum waren sie ein Stück vom Land entfernt, gab Hornblower schon die nächsten Befehle.
„Schlagzahl erhöhen! Macht schon! Legt euch in die Riemen!", rief er. Hafwen, die irgendwie unter die Ruderer gekommen war, holte mit dem Ruder kräftig aus. Das Rudern war anstrengend, aber es machte sie zufrieden. Sie wurde endlich nicht mehr nur als die kleine, schwache Frau behandelt, die zufällig in die Navy gerutscht war.
„Dreht bei, gottverdammt nochmal!", rief Hornblower dem anderen Boot zu. Sie taten nicht dergleichen. Er schnappte sich sein Gewehr und lud es, um einen Warnschuss abzufeuern.
„Schaffen Sie den Proviant auf mein Schiff zurück!", forderte er die Matrosen von der Dreadnought auf.
„Haben Sie ein Problem, Mr. Hornblower?", fragte Captain Foster von der Dreadnought.
„Bei allem Respekt, Sir, Sie haben kein Recht auf diesen Proviant."
„Ach nein? Und wer urteilt darüber, Sir?"
„Wir sind ein Pestschiff, Sir."
„Ist mir bekannt, aber Ihre Quarantäne ist fast vorbei. Sie werden bestimmt ein paar Stück Vieh entbehren können."
Bastard!
„Die Quarantäne dauert noch eine Woche, Sir! Es steht noch nicht fest, dass wir frei davon sind. Die Hälften müssen zurück auf mein Schiff und diese Matrosen sollten uns begleiten."
„Ganz gewiss können Sie mir diese zwei mageren Viecher geben, Mr. Hornblower."
„Meine Pflicht ist es, unsere Flotte vor dem schwarzen Tod zu bewahren, Captain, Sir."
„Und was ist mit Ihrer Pflicht gegenüber einem höheren Offizier?"
„Ich weiß, was meine Pflicht ist, Sir. Und sie erstreckt sich auch auf das Leben dieser Männer!"
„Ich werde nicht mit Ihnen feilschen, Mr. Hornblower. Entweder rücken Sie mit Ihren Vorräten raus, oder ich werde sie mir mit Gewalt nehmen!"
„Sie sollen hiermit Ihnen gehören. Sie tragen somit auch die Verantwortung für Ihre Handlungsweise. Rudern Sie zur Caroline."
„Wir sehen uns in Gibraltar, Mr. Hornblower!"
Eigentlich hatte Hafwen sich immer vor den Seebestattungen gedrückt. Sie mochte das Gesäusel nicht. Der Tod war für sie immer nur eine knallharte Realität gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Man starb und das war es.
Aber bei Bunting musste sie gehen. Auf einem so kleinen Schiff wie der Caroline fiel es auf, wenn man nicht zur Seebestattung kam.
„… darum übergeben wir seinen Leib der Tiefe, in Erwartung seiner Vergänglichkeit und der allgemeinen Auferstehung des Leibes, wenn die See ihre Toten herausgibt und des Lebens der zukünftigen Welt, durch unsern Herrn Jesus Christus, der durch sein Kommen unseren verweslichen Leib verwandeln soll, auf dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung seiner Kraft und Herrlichkeit, durch welche er sich auch alle Dinge untertänig machen kann. Amen."
Und damit schloss Hornblower das Buch. Na endlich. Die Seesoldaten kippten Buntings Leiche ins Wasser. Hafwen hatte sie zuvor in das Segeltuch eingenäht, da sie als Frau eine der wenigen war, die ordentlich nähen konnte.
Hafwen wollte schon gehen, als Hornblower zu ihr kam und rief: „Miss Gwyther! Warten Sie bitte kurz."
„Sir?"
„Ich… kann ich kurz mit Ihnen reden, Miss? Ich glaube nicht, dass Sie es verstehen werden, aber… ich bin schuld am Tod von Bunting.", sagte er und atmete tief aus. Hafwen sah ihn ein wenig verwirrt an. Natürlich, wenn es so war, dass er an seinem Tod schuld war, dann musste er sich das natürlich irgendwie von der Seele reden, aber… warum kam er damit zu ihr?
„Ja, Mr. Hornblower?", fragte sie nach.
„Ich… werde das Gefühl nicht los, dass ich nicht alles versucht habe, um ihn irgendwie zu retten. Ich hätte ihn nicht töten sollen, verstehen Sie? Wahrscheinlich nicht, Sie wissen nicht, wie es ist, jemanden umzubringen-"
Hafwen lachte kurz auf, woraufhin Hornblower innehielt. Er sah sie neugierig an.
„Ich weiß es, Mr. Hornblower. Belassen wir es dabei. Ich kann Ihnen nichts dazu sagen, ich kannte Bunting nicht so gut. Aber ich glaube, er hat sich den Tod sowieso herbeigesehnt. Als ich seine Wunden gereinigt habe, hat er gemeint, ob es nicht besser wäre zu sterben. Wenn Sie mich fragen, würde ich sagen, dass er nie wirklich weiterleben wollte. Was ich nicht verstehe ist… warum kommen Sie damit zu mir?"
Hornblower sah jetzt ein wenig verlegen aus, er senkte den Kopf und schien sich eine Ausrede zu überlegen.
„Heraus mit der Sprache!", forderte Hafwen.
„Nun ja, man sagt allgemein, dass… Frauen gut zuhören können, ich dachte… das wäre vielleicht…"
Hafwen grinste schief.
„Schon gut, Mr. Hornblower. Ich fühle mich geehrt."
