Es dauerte gar nicht lange, bis Hornblower schon wieder aufgeregt durch die Gänge trampelte. Nur ging es diesmal nicht um die Leutnantsprüfung, sondern um ein Dinner bei irgendwelchen Adligen. Weiß der Teufel, wer die waren. Hafwen hatte sich nie um so etwas gekümmert. Sie war aus vollstem Herzen Keltin – da hatte sie keinen Sinn für den hohen Adel Englands.

Hornblower bürstete nervös seine Uniform aus. Warum er auch immer so einen Aufstand machen musste. Hafwen hatte ihm bereits erklärt, dass sie persönlich keinen Wert auf besonders feine Manieren legte und auch keine hatte.

„Was tu ich, wenn ich das Fleisch schneiden muss?", fragte er aufgeregt. Er schien schon fast panisch deswegen zu sein.

„Die lassen sich den Braten von Ihnen gewiss nicht ruinieren.", antwortete Hunter. Bracegirdle kam herein und hielt Hornblower ein paar Strümpfe vor die Nase.

„Probieren Sie das an.", sagte er. Dann wandte er sich wieder der ursprünglichen Problematik zu: „sollte das der Fall sein, gilt die Grundregel: Schneiden Sie vom Knochen weg! Bei Wildbret dicke Scheiben, Hammelfleisch mittlere, bei Rindfleisch dünne. Und, äh… versuchen Sie das Hähnchen nicht zu sägen."

Hunter lächelte von seinem Platz auf der Treppe aus und Hafwen lachte leise auf.

„Danke, Sir. Bei Wildbrett…", versuchte Hornblower zu wiederholen, aber er konnte es sich einfach nicht merken. Was sollte das auch? Leute, die zur See fuhren, waren einfach nicht für feine Dinner geschaffen.

„Dicke.", half Bracegirdle ihm auf die Sprünge.

„Dicke Scheiben. Hammelfleisch mittlere, bei Rindfleisch – Hoffentlich gibt es kein Wild!", meinte Hornblower plötzlich.

„Nein. Gibraltar wird seit zwei Jahren belagert. Gibt als Hauptgang vermutlich Affenbraten.", erwiderte Mr. Hunter. Hafwen schmunzelte und musste ein Lachen unterdrücken.

„Affenfleisch?", fragte Hornblower schockiert. Seine Stimme wurde um gefühlte drei Oktaven höher.

„Felsenaffe. Das Viech zerkleinert man in so einer Art…"

Hunter schlug mit seiner Handkante mehrmals auf die Treppenstufe.

„Ähm… Hack-Bewegung.", sagte er dann.

„Affe kleinmachen, Hackbewegung.", wiederholte Hornblower. Bracegirdle, Hunter und Hafwen lachten. Er war also wirklich darauf hereingefallen. Als er es endlich begriffen hatte, seufzte Horatio laut auf.

„Danke, Mr. Hunter, wirklich hilfreich.", meinte er nur. Dann begutachtete er wieder die Strümpfe. Sie hingen lose um seine dünnen Waden und saßen nicht im Geringsten straff. Er seufzte erneut.

„Ja.", murmelte er und zupfte an den Strümpfen herum. Bracegirdle kratzte sich nachdenklich das Kinn.

„Eins könnten Sie tun. Sie könnten, was übrig bleibt, drin verschwinden lassen. Dann sitzt es auch nicht mehr so schlaff und sie verwöhnen Ihre verhungernden Freunde.", meinte Bracegirdle.

„Sir Hew soll ausgesprochen erlesene Speisen auf den Tisch bringen. Vielleicht möchten Sie das Glück, das Sie haben, mit uns teilen.", stimmte Hunter ihm nachdenklich zu und kam auf Bracegirdle zugelaufen. Hafwen wollte gerade zu einer weiteren Bemerkung ansetzen, als Horatio etwas einzufallen schien.

„Flachswerg."

„Flachswerg?", fragte Hunter verdutzt.

„Klebepflaster, Polster aus Flachswerg. Augenblick!", antwortete er und huschte davon.

„Na, der hat es aber eilig.", meinte Bracegirdle.

„Was will er denn mit Flachswerg?", wollte Hunter wissen. Hafwen seufzte.

„Die Strümpfe, Mr. Hunter. Er will sie mit Flachswerg ausstopfen.", antwortete Hafwen. Hunter und Bracegirdle sahen sie verwirrt an.

„Und das funktioniert?", fragte Bracegirdle. Hafwen zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Ich stopfe keine Kniestrümpfe aus.", erwiderte sie mit einem schiefen Grinsen.

„Captain Pellew, Sir?", meldete Hafwen sich in der Kapitänskajüte, nachdem der Kapitän wieder da war.

„Miss Gwyther, ich will, dass Sie die Herzogin von Wharfedale morgen auf ihrer Reise nach England begleiten. Sie segelt mit Mr. Hornblower auf der Le Rêve. Sie werden als Schiffsärztin an Bord gehen. Außerdem wäre es gut, wenn Sie der Herzogin ein wenig weibliche Gesellschaft leisten. Lassen Sie diesmal die Männerkleidung hier, Miss Gwyther.", sagte er. Er schien müde zu sein, sonst würde er sich länger mit ihr unterhalten.

„Sir?", fragte Hafwen.

„Ja, Sie haben richtig gehört, Miss Gwyther. Nehmen Sie die Sachen meinetwegen mit, aber tragen Sie in Anwesenheit der Herzogin bitte nur… für eine Dame angebrachte Kleidung. Wenn Sie wieder zurücksegeln, können Sie machen, was Sie wollen.", meinte er.

„Aye, aye, Sir.", erwiderte sie. Pellew wandte sich wieder seinen eigenen Angelegenheiten zu, aber Hafwen blieb in der Kabine. Er hatte sie ja noch nicht weggeschickt, aber… vielleicht war er im Moment auch einfach zu müde, um daran zu denken…

„Ist noch etwas, Miss Gwyther?", wollte er wissen.

„Nein, Sir."

„Gut. Dann treten Sie weg und packen Sie Ihre Sachen zusammen, wir wollen keine Verzögerung haben.", meinte Captain Pellew.

„Aye, aye, Sir.", erwiderte Hafwen und ging schnell aus der Kapitänskajüte.

Na, wunderbar. Sie hatte wirklich keinen Nerv, sich mit einer Dame der besseren Gesellschaft abzugeben. Sie vermutete, dass sie es noch nicht einmal fertig bringen würde, ordentlich zu knicksen. Ihre Adoptivmutter hatte immer versucht, sie wie eine feine Dame zu erziehen, aber das war einfach nichts für Hafwen.

Der einzige Knicks, an den sie sich erinnern konnte, war der, den sie aus Spaß vor Archie gemacht hatte. Und wieder fiel ihr auf, wie sehr sie Archie doch vermisste. Es war schon über ein Jahr seit dem Vorfall vergangen, aber es machte sie immer noch traurig, darüber nachzudenken. Sie hoffte, dass die Herzogin ihre Nerven nicht allzu sehr beanspruchen würde.