„Zwei Drehbassen auf jeder Seite. Damit werden wir ihnen keinen großen Kampf liefern können, Sir.", sagte Mr. Hunter, der über das Deck schlenderte. Hafwen hatte ein normales Kleid für den Alltag angezogen, wie es jede andere Frau auch hatte. Trotzdem fühlte sie sich darin irgendwie auffällig. Sie mochte es nicht.

Und sie fiel natürlich auch auf. Die Männer waren entweder die lange Leinenhose und das dunkle Hemd von ihr gewohnt oder die einfarbigen dunkelblauen Kleider, die höchstens einen weißen Saum hatten. Aber jetzt stand sie hier in einem hellen Kleid mit einem Muster aus kleinen Blüten. Es war außerdem ein ziemlich weites Kleid, für Hafwens Geschmack. Normalerweise schleppte sie nicht so viel Stoff mit sich herum.

„Wir liefern ihnen gar keinen Kampf, Mr. Hunter. Wir laufen davon.", erwiderte Horatio daraufhin. Hafwen war dazu übergegangen, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen (außer wenn es um etwas Offizielles ging, natürlich). Immerhin kannten sie sich noch von der Justinian. Sie hatte miterlebt, wie er im Spithead seekrank wurde.

Er wandte sich um und schaute zu Matthews. Hafwen stand etwas verloren zwischen Mr. Matthews und Styles.

„Wir segeln von Gibraltar aus nach Süden, Matthews.", meinte Horatio, „Um Abstand zu allen französischen Freibeutern zu gewinnen, die in Algeciras lauern, bevor es westwärts geht."

„Aye, aye, Sir."

„Sobald wir durch die Meerenge und vor Tarifa sind, steuern wir Kurs Nord-Nordwest zum Kap Sankt Vincent.", erklärte Horatio weiter.

„Aye.", erwiderte Matthews, aber es ging in Styles Ruf unter: „Boot ahoi!"

Horatio drehte sich um und Hafwen lief zur Reling. Sie war neugierig, wie die Herzogin wohl aussehen würde. Auch wenn sie nicht viel davon hielt, selbst schöne Kleider zu tragen… sie sah sie sich ziemlich gerne an.

„Captain Pellew kommt an Bord, Sir. Und, äh, eine Dame, Sir.", meldete Styles. Hafwen warf ihm einen bösen Blick zu, aber er bemerkte es nicht. Es war nicht so, als wäre die Herzogin die einzige Frau an Bord.

„Schönes Kleid, Sir, gut aussehend.", kommentierte Styles. Hafwen lief ein wenig näher zu den beiden. Horatio verdrehte die Augen.

„Zügeln Sie Ihren Speichelfluss! Sie haben doch schon mal eine Frau gesehen.", meinte Horatio.

„Sechs Monate ist es wohl her.", murmelte Styles. Hafwen schlug ihm gegen den Oberarm. Was sollte das denn heißen, sechs Monate? Styles murmelte ein leises „Aua" und grinste sie kurz an. Horatio schmunzelte. Dann schüttelte er den Kopf.

„Zähle ich etwa nicht als Frau?", maulte Hafwen und stützte sich mit den Ellbogen auf der Reling auf. Horatio sah sie kurz an, als wüsste er nicht, wie er es am besten diplomatisch ausdrücken sollte.

„Nun ja, für die Männer, Miss… Sie sind nun mal nicht wie andere Frauen.", murmelte er und sah verlegen aus. Hafwen lachte leise auf.

„Schon gut. Bin's ja gewohnt.", erwiderte sie. Sie wurde von einer Frauenstimme unterbrochen.

„Nennen sie das etwa ein Schiff, junger Freund?", fragte eine elegant gekleidete Dame, die gerade an Bord gehoben wurde. Das musste die Herzogin sein. Hafwen atmete tief aus und ein. Hoffentlich war sie nicht zu anstrengend.

„Willkommen an Bord, Euer Gnaden.", begrüßte Horatio sie. Sie seufzte theatralisch auf.

„Nicht einmal die Themse würde ich damit queren.", meinte sie und warf Captain Pellew ein Lächeln zu. Sie lachten.

„Es ist sicher genug, Euer Gnaden. Mr. Hunter führt Euch in Eure Kajüte.", sagte Horatio. Hafwen beäugte die Herzogin neugierig.

„Vielen Dank.", sagte sie und wandte sich Hunter zu.

„Madam!", begrüßte Hunter sie und tippte sich an den Hut. Hafwen hielt es für das beste, ihnen zu folgen, immerhin sollte sie der Herzogin ja Gesellschaft leisten.

„Mr. Hunter.", erwiderte sie.

„Gehen Sie voran.", bot Hunter ihr an. Er konnte ja ein richtiger Gentleman sein, wenn er wollte.

„Darf ich Ihnen unsere Schiffsärztin Miss Gwyther vorstellen?", fügte Hunter hinzu, als er Hafwen bemerkte. Hafwen versuchte sich an einem Knicks. Wahrscheinlich sah es grauenvoll aus. Die Herzogin sah sie verwundert an.

„Ich hatte nicht gewusst, dass auch Frauen bei der Marine angestellt sind.", erwiderte sie.

„Ja, Euer Gnaden, ich bin auch… nun ja, eine Ausnahme.", meinte Hafwen.

„Und noch dazu so jung. Sagen Sie, sind Sie verheiratet, Miss Gwyther?", wollte die Herzogin wissen. Hafwen senkte leicht den Kopf.

„Nein, Euer Gnaden. Ich bin Witwe.", antwortete sie ihr, während sie unter Deck gingen. Es war nicht weit bis zur Kabine der Herzogin. Als Mr. Hunter die Tür öffnete und sie einen Blick darauf werfen ließ, lächelte sie die beiden nur an, drehte sich blitzschnell um und lief wieder zurück an Deck. Hunter und Hafwen sahen sich kurz an, dann liefen sie ihr hinterher.

„Sagen Sie, Mr. Hornblower.", trompetete sie, während sie über das Deck marschierte. Sie lief ziemlich schnell und Hafwen wäre fast über ihr Kleid gestolpert, als sie versuchte, darin mit ihr mitzuhalten.

„Euer Gnaden.", antwortete Pellew.

„Ich bin Unbequemlichkeiten gewohnt, aber, ähm… In der verfluchten Kleiderkammer kann ich mir kaum die Knöpfe aufmachen. Könnten wir die Kabinen nicht tauschen?", fragte die Herzogin und sah ihn mit einem Hundeblick an. Horatio sah verlegen aus.

„Ich fürchte, Mr. Hornblower hat Euch seine Kajüte bereits gegeben, Euer Gnaden.", entgegnete Pellew an seiner statt.

„Ich habe nichts Besseres anzubieten, Euer Gnaden.", sagte Horatio peinlich berührt. Hafwen seufzte leise und sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu den Männern. Die Herzogin seufzte.

„Schon ist es wieder geschehen. Muss ich immer ins Fettnäpfchen treten?", erwiderte sie und warf den Matrosen ein kokettes Lächeln zu.

„Verzeihen Sie noch einmal, mein junger Freund.", fügte sie mit einem Blick auf Horatio hinzu. Es entstand ein kurzes Schweigen.

„Nun, dann mach ich mich mal lieber davon. Sie wollen den Kasten sicher in Fahrt bringen.", sagte sie und lächelte schon wieder. Dann reckte sie ihr Kinn nach vorne und sah zu Captain Pellew. Er schien wirklich Mühe zu haben, eine freundliche Miene zu behalten.

„Sir Edward. Wie kann ich Ihnen jemals danken?", fragte sie und folgte Pellew, als er sich daran machte, von Bord zu gehen. Flüchten hätte es eher getroffen.

„Nein, nicht nötig, Euer Gnaden. Nicht nötig.", lehnte er schnell ab und machte sich davon. Als er außer Reichweite der Herzogin war, sagte er: „Nun. Sie gehört Ihnen, Mr. Hornblower. Viel Glück."

Damit drehte er sich um und ging von Bord. Der Glückliche. Hafwen beneidete ihn schon jetzt darum, dass er fliehen durfte. Sie fragte sich, wie sie die kokettierende Art der Herzogin nur aushalten sollte. Sie selbst war einfach nicht so.

Die Herzogin verteilte Lächeln, Kichern und leicht anzügliche Blicke, wo sie nur konnte. Hafwen bemühte sich, ein freundliches Gesicht zu bewahren.

Die Matrosen starrten sie reihenweise an. Natürlich. Sie hatten seit einer ganzen Weile keine „richtigen" Frauen mehr zu sehen bekommen. Schon gar keine Frauen der höheren Gesellschaft. Sie waren nur Hafwen gewöhnt und die gab sich Mühe so wenig flatterhaft wir möglich zu wirken. Die Herzogin allerdings… nun ja, sie musste sich ja auch irgendwie eine Art Sonderstellung erkämpfen. Was Hafwen mit ihren Fäusten machte, machte die Herzogin von Wharfedale eben mit ihrem Lächeln.

„Was gibt es da zu gaffen? An die Ankerwinde! Wollen Sie den Wind verstreichen lassen?", befahl Horatio streng, als er den Blick der Männer bemerkte. Nur Hunter blieb stehen und tippte sich an den Hut.

„Madam.", sagte er, drehte sich um und stolperte prompt über ein paar Leinen, die auf dem Boden lagen. Hafwen lachte leise und grinste.