„Ich komme nicht mit ihr klar.", protestierte Hafwen und tat so, als wäre sie auf ihrer Krankenstation vollauf beschäftigt. Was sie nicht war. Sie hatte ihre Instrumente so blank poliert, wie schon lange nicht mehr.

„Bitte, Hafwen, du sollst sie doch einfach nur zum Abendessen einladen, was kann daran so schwer sein?", fragte Horatio.

„Nein. Wenn du sie einladen willst, dann mach das. Sie hat ein Problem mit mir. Ganz bestimmt. Es reicht ihr nicht, dass ich das beste Kleid anziehe, das ich habe, oh nein. Sie will mich am liebsten ganz vom Schiff haben.", erwiderte Hafwen. Normalerweise reagierte sie nicht so über, aber sie hatte heute schon zu viele Bemerkungen darüber gehört, dass sie eine Frau und bei der Royal Navy war. Es reichte.

Wenn es um ihre Arbeit ging, war sie ziemlich empfindlich, vor allem, wenn sie ihr Gegenüber nicht aufs Kreuz legen konnte, weil dieses Gegenüber entweder ein Vorgesetzter oder ein verdammter Passagier war.

„Du darfst morgen an Deck arbeiten.", bot Horatio ihr an. Hafwen drehte sich um. Verdammt, damit könnte er sie fast bestechen. Aber…

„Sie wird nichts essen wollen. Seekrank.", sagte sie. Horatio verdrehte die Augen.

„Miss Gwyther! Muss ich erst einen Befehl aussprechen?", fragte er.

„Also schön!", antwortete sie und stürmte aus der Krankenstation. Sie tat das alles nur, weil sie endlich wieder an Deck arbeiten wollte, um diese verdammte Langeweile zu beenden. Nur deswegen.

Als sie an der Kabine der Herzogin angekommen war, klopfte sie kurz.

„Euer Gnaden?", fragte sie. Von drinnen hörte sie ein schwaches „Ja?"

Hafwen öffnete die Tür. Die Herzogin lag in ihrer Koje und sah noch elender aus, als zuvor. Natürlich hatte sie nicht auf ihren Rat gehört, an Deck zu gehen und zum Horizont zu schauen.

„Mr. Hornblower lässt mich ausrichten, dass…", begann Hafwen, aber sie wurde unterbrochen: „Holen Sie Mr. Hornblower bitte selbst her, wenn er etwas von mir will."

Hafwen lächelte leicht. Na, das lief doch wunderbar!

„Mit Vergnügen, Euer Gnaden."

Hafwen durfte am nächsten Morgen also doch an Deck arbeiten. Sie hatte endlich wieder ihr einfaches dunkelblaues Kleid an, mit dem sie tausendmal besser zurechtkam, als mit diesen enormen Stoffmengen.

Es war ein sehr nebliger Tag und Hafwen hatte die Aufgabe bekommen, ein paar Leinen ordentlich aufzuschießen und dann den Ausguck ein wenig zu unterstützen.

„Kurs ändern, Matthews. Auf West drehen. Wir dürfen Kap Sankt Vincent nicht zu nahe kommen.", sagte Horatio zu Matthews. Er antwortete mit einem kurzen: „Aye, aye, Sir."

„Das Meer ist groß genug, Sir. Es hält uns nur auf, wenn wir den Kurs ändern.", widersprach Hunter.

„Danke, Mr. Hunter. Sollte ich Ihre Meinung benötigen, werde ich Sie fragen.", erwiderte Horatio, deutlich genervt.

„Kurs ändern, Matthews.", wiederholte Horatio dann.

„Sie ist, äh, schon ein Prachtweib, die Herzogin, nicht wahr, Sir?", fragte Matthews, während er den Befehl ausführte.

„Was hat das damit zu tun, den Kurs zu ändern?", entgegnete Horatio aufgebracht.

„Gar nichts, Sir. Aye, aye, Sir.", murmelte Matthews.

Im Laufe des Vormittags zog der Nebel noch weiter zu. Man konnte schon fast nicht mehr sehen, wohin man trat. Hafwen gab sich alle Mühe, durch die dicken Nebelschwaden etwas zu erkennen, aber es war einfach zwecklos.

Und wegen des ganzen Nebels sahen sie auch die feindlichen Schiffe, die rings um sie herum waren, erst viel zu spät. Es war ein einziges Chaos. Es war wichtig, leise zu sein, aber alle waren so aufgeregt, dass sie sich kaum beherrschen konnten. Styles wurde nach unten geschickt, um Horatio zu holen. Als er an Deck kam, begrüßte er Mr. Hunter mit einem lauten: „Guten Morgen, Mr. Hunter!"

„Leise!", zischte der sofort. Die beiden lauschten. Eine Stimme redete irgendetwas in einer anderen Sprache.

„Spanier, Sir.", flüsterte Matthews vom Steuer aus. Hunter bedeutete ihm, ruhig zu sein.

„Wir sind mitten in einer feindlichen Flotte. Sie hätten den Kurs niemals ändern dürfen!", sagte Hunter aufgeregt und bemühte sich, dabei so leise wie möglich zu sein.

„Ja, danke, Mr. Hunter.", gab Horatio verärgert zurück. Eine Schiffsglocke war zu hören.

„Holen Sie alle an Deck! Aber leise!", befahl er dann. Hafwen lief langsam an der Reling entlang, um etwas von den Schiffen mitzubekommen.

„Also doch. Die Dons haben Cádiz verlassen.", murmelte Horatio vor sich hin.

„Was ist der Plan?", fragte Hafwen ihn flüsternd.

„Warten Sie, bis alle an Deck sind, Miss Gwyther.", antwortete er. Gut. Er hatte also keinen Plan. Hafwen stellte sich zu Matthew und Styles und übte sich in Geduld. Sie hasste es, zu warten. Sie konnte es einfach nicht ausstehen.

„Sir, Steuerbord!", flüsterte Oldroyd auf einmal aufgeregt. Horatio folgte ihm. Styles, Hunter und Hafwen liefen ihm hinterher.

„Da!", sagte Hunter leise. Alle sahen nach oben, als ein gewaltiges Schiff an ihnen vorüberglitt.

„Ein Zweidecker, Sir.", bemerkte Styles.

„Scheiße.", murmelte Hafwen. Hunter warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. Eine fluchende Frau. Natürlich, sie hätte daran denken müssen.

„Die San Nicolas. 84 Geschütze. Mr. Hunter, suchen Sie die Franzosen-Flagge.", befahl Horatio. Hunter ging zu ihm.

„Sir?", fragte er verwirrt.

„Die Flagge der Le Rêve, sofort an den Mast! Sie nehmen ihre Verbündeten vielleicht nicht unter Feuer.", erklärte er.

„Aye, aye, Sir.", meinte Hunter und ging davon.

„Armselige List. Aber sie verschafft uns etwas Zeit. Der Nebel hält sich noch fünf Stunden oder fünf Minuten.", sagte Horatio. Nach einer kurzen Zeit kam Hunter zurück. Die Flagge war gehisst.

„Mr. Hunter. Welche Segel hatte die San Nicolas gesetzt?", fragte Horatio dann.

„Marssegel. Und auch die Bramsegel, Sir.", antwortete er.

„Also gut. Holen Sie das Marssegel ein."

„Der Wind ist günstig, Sir."

„Sie lösen die Schoten. Ich möchte Fahrt rausnehmen, Mr. Hunter."

„Aye, aye, Sir."

Hunter lief wieder davon, um die Segel einzuholen.

„Auf Kurs bleiben, Matthews.", befahl Horatio.

„Aye, aye, Sir. Sie hoffen, dass die Spanier an uns vorbeisegeln?", fragte Matthews.

„Hoffen, so ist es, Matthews. Hoffen und beten, dass der Nebel sich hält. Styles, gehen Sie nach achtern, bitte. Sofort Meldung machen, wenn uns ein Don aus der Nähe beschnüffelt."

„Sir."

Horatio verschwand wieder und wanderte auf dem Schiff umher. Hafwen sah ein wenig unsicher zu Matthews.

„So etwas ist auch noch niemandem passiert außer uns, oder?", fragte sie leise und mit einem Anflug von schwarzem Humor.

„Sir! Schiff achteraus, Sir.", meldete Styles aufgeregt.

„Kurs?", fragte Horatio.

„Geradewegs auf uns zulaufend, Sir!"

„Matthews, drei Strich luvwärts steuern."

„Aye, aye, Sir."

„Es passiert uns steuerbord, Sir.", meldete Styles jetzt.

„Auf gleicher Höhe, Sir.", sagte Oldroyd. Als nächstes kam Mr. Hunter gelaufen.

„Sir. Die Sonne.", meinte er nur und zeigte in den Himmel. Sie schien gerade durch ein paar Wolken durch.

„Die brennt den Nebel weg, Sir.", bemerkte Matthews. Horatio schaute wieder nervös zu dem Schiff der Spanier. Dann riss er sich schnell seinen Hut vom Kopf.

„Ihr Hut!", sagte er zu Hunter.

„Wie bitte?"

„Den Hut ab, Mr. Hunter!"

Auf der Backbordseite kam schon das nächste Schiff in Sicht. Wenn sie das schaffen würden, ohne entdeckt zu werden… das wäre ein Wunder.

„Das muss die Oriente sein.", sagte Horatio. Hunter nickte nur. Es zog wieder ein wenig Nebel auf.

„Wie viele Geschütze hat sie, Mr. Hunter?", fragte Horatio.

„Die Oriente? Die hat 74, Sir.", antwortete er.

„Würden wir unsere Breitseiten miteinander messen, dann zögen wir wohl den Kürzeren. Es würde aber verdammt eng werden, meinen Sie nicht auch, Styles?", wollte er mit einem Lächeln von dem Matrosen wissen.

„Verdammt eng, Sir. Die würden uns erst nach einer Minute auf Grund schicken.", erwiderte Styles trocken.

„Mr. Hunter, gehen Sie unter Deck und suchen Sie alle Franzosen-Kleider zusammen. Verteilen Sie die an die Mannschaft. Niemand soll sich hier oben blicken lassen, der nicht wie ein Franzmann aussieht.", befahl Horatio.

„Aye, aye, Sir.", erwiderte Hunter und verschwand. Hafwen warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Entweder Sie lassen sich auch Kleidung von den Franzosen geben oder Sie suchen sich ein sehr elegantes Kleid aus.", sagte er zu ihr. Sie nickte. Also würden es die Franzosen-Kleider sein.