Hafwen brauchte nicht lange, ehe sie sich umgezogen hatte. Sie konnte sogar ihre Haare unter einer der Mützen der Franzosen gut verstecken. Als sie wieder an Deck kam, musste sie sich an der Herzogin vorbeidrängeln. Horatio unterhielt sich gerade mit ihr, während sie ihm in den Mantel des französischen Kapitäns half.

„Wenn Sie beabsichtigen, als waschechter Franzose durchzugehen, dann darf ich respektvoll darauf hinweisen, dass eine gut gekleidete Frau bei Ihnen hier an Deck den beabsichtigten Anschein unterstreicht.", sagte sie. Hafwen warf ihr einen kurzen Blick zu und zog die Augenbrauen hoch, dann nickte sie ihr höflich zu.

„Wie Euer Gnaden belieben.", erwiderte Horatio nur.

„Schaffen wir es, diesen Spaniern zu entwischen, mein junger Freund?", wollte sie von Horatio wissen. Hafwen gesellte sich zu Matthews am Steuer.

„Die Karten sind nicht die besten, Euer Gnaden. Selbst nicht für einen Spieler. Die Brise frischt auf. Der Nebel wird uns nicht mehr lange Schutz bieten können.", erklärte er.

„Mr. Hunter lässt melden, Sir. Der Wind nimmt an Stärke zu.", sagte Oldroyd. Zu laut!

„Mein Gott!", hauchte Hafwen, als ein riesiges Schiff an ihnen vorbeizog. Es war unheimlich, zu wissen, dass das die absoluten Todfeinde waren. Ein falsches Wort, eine falsche Handlung und sie würden sterben.

„Halten Sie Kurs, Matthews!", befahl Horatio, der wieder zum Steuer gelaufen kam.

„Aye, aye, Sir."

„Jedenfalls haben sie die Kanonen nicht ausgefahren.", bemerkte Hunter.

„Mr. Hunter, Styles und Oldroyd sollen die Drehbassen mit Kartätsche laden. Und es muss aussehen, als würden sie sie nicht laden, sondern putzen.", sagte Horatio.

„Styles, Oldroyd, steuerbord mittschiffs!", befahl Hunter den beiden. Während die beiden auf dem Weg zu den Drehbassen waren, rief der Kapitän des spanischen Schiffes ihnen etwas zu. Horatio antwortete, auch auf Französisch.

„Die schicken uns ein Boot rüber, Sir.", warf Matthews ein. Was zur Hölle sollte das werden?

„Der Don bietet uns seine Hilfe an. Er soll in der Hölle schmoren, Herrgott!", murmelte Horatio, während er den Hut abnahm und sich mit einem falschen Lächeln verbeugte.

„Sir! Ihr Boot ist schon im Wasser.", meldete Styles.

„Bleiben Sie bei der Kanone! Auf meinen Befehl feuern!"

Die Herzogin sah ein wenig nervös aus. Sie stand an der Reling und sah gespannt zu dem anderen Schiff. Hafwen ging langsam zu ihr.

„Bleiben Sie ruhig, Euer Gnaden. Lächeln Sie nett, Sie können uns damit vielleicht den Hals retten.", flüsterte sie ihr zu. Die Herzogin drehte sich zu ihr um und sah sie verwirrt an, dann nickte sie mit einem kleinen Lächeln.

Das Boot der Spanier kam näher. Horatio lief nervös über das Schiff und murmelte vor sich hin.

„Sir, die haben irgendetwas vor, Sir.", meldete Matthews. Horatio kam zu ihm.

„Die geben Signale, Sir.", fügte er hinzu.

„Was sind das für Signale, verdammt nochmal?", fragte Horatio und ging zu Oldroyd, der das Fernglas hatte. Er gab es Horatio.

„Die Geschütze werden ausgefahren, Sir.", erwiderte Hunter.

Le Rêve! Ergeben Sie sich!", rief jemand mit einem spanischen Akzent vom Boot aus. Horatio schluckte nervös und antwortete auf Französisch.

„Wir wissen, wer Sie sind. Ergeben Sie sich, Señor, sonst schießen wir!", rief der Spanier. Horatio erwiderte wieder etwas auf Französisch. Im selben Moment feuerte das spanische Schiff. Sie trafen direkt in die Masten.

„Sir. Ihr Boot ist in Reichweite.", meldete Hunter. Ein zweiter Schuss wurde abgefeuert. Einer der Männer schrie laut auf. Hafwen lief zu ihm hin. Er hatte beide Beine verloren. Sie fluchte leise und sah sich panisch nach Stoff um, mit dem sie die Wunden abbinden konnte. Der Mann schrie vor Schmerzen.

„Ist schon gut. Ich helfe Ihnen ja.", murmelte Hafwen. Sie riss ein Stück Stoff von ihren Hemdärmeln ab. Damit band sie den Beinstumpf so fest ab, wie sie nur konnte. Er durfte nicht zu viel Blut verlieren.

„Oldroyd! Holen Sie die Flagge ein.", befahl Horatio.

„Aye, aye, Sir."

Hafwen riss gerade ein zweites Stück ihres Hemdärmels ab, um das andere Bein abzubinden. Sie hatte bis jetzt nur beim Amputieren geholfen, aber sie hatte sich noch nie allein, um so eine Wunde gekümmert. Natürlich, sie wusste, was zu tun war, aber sie hatte im Moment keinen blassen Schimmer, ob das alles richtig war.

„Mr. Hunter! Alle Mann raus aus diesen albernen Kostümen! Lassen wir uns als Engländer gefangen nehmen.", sagte Horatio.

„Aye, aye, Sir.", murmelte Hunter mit einem unterschwelligen Zorn.

„Ich muss unter Deck, Mr. Hunter. Es gehört nun Ihnen."

Hafwen nahm die Mütze vom Kopf. Sie schaute zu Oldroyd und Styles.

„Schafft ihn bitte in die Krankenstation.", sagte sie und verschwand unter Deck, um sich umzuziehen. Bevor die Spanier kamen. Hafwen entschied sich für das einfache Kleid. Sie hatte keine Ahnung, ob sie als Frau verschont bleiben würde, oder ob sie als Mitglied der Navy auch gefangen genommen werden würde.

Hafwen kam an Deck, als der Leutnant, der das Schiff übernehmen sollte, gerade zur Mannschaft redete.

„Wir übernehmen die Le Rêve, Señor Hornblower. Ich bin sicher, mein Kapitän wird entzückt sein, la duquesa zu empfangen. Sie und Ihre Männer allerdings werden an Land gebracht.", sagte er gerade. Hafwen grinste schief und sah sich fragend um.

„Ich bin sicher, wir finden ein hübsches Gefängnis für Sie, in dem Sie bis Kriegsende gut aufgehoben sind.", fügte er noch hinzu. Styles murmelte: „Darauf würde ich nicht wetten."

Er bekam von einem spanischen Seesoldaten einen Schlag auf den Kopf. Hafwen lief nach vorne zu dem spanischen Leutnant.

„Und was ist mit mir, Sir?", fragte sie und legte den Kopf schief. Der Leutnant sah sie überrascht an, bevor er die Fassung wiedererlangte.

„Wer sind Sie denn, ähm…?", wollte er wissen und war ein wenig verlegen.

„Miss Hafwen Gwyther, Schiffsärztin der Le Rêve.", antwortete sie formell.

„Das heißt, Sie gehören zur englischen Marine?"

„In der Tat, Sir. In der Tat."

Der Leutnant sah sie kurz nachdenklich an. Dann beriet er sich mit einem seiner Männer auf Spanisch. Als er fertig war, lächelte er sie mitleidsvoll an.

„Es tut mir Leid, Miss Gwyther, aber ich befürchte, als Ärztin der englischen Marine müssen wir Sie auch gefangen nehmen. Sie bekommen natürlich eine einzelne Zelle.", sagte er süßlich. Hafwen lächelte höflich.

„Natürlich, Sir. Ich hatte auch nichts anderes erwartet."