In einem kleinen Boot näherten sie sich der spanischen Küste. Hafwen konnte nicht bestreiten, dass die Klippen und die Landschaft wunderschön aussahen. Allerdings gefiel ihr das Gefängnis, das sich auf den Klippen befand, ganz und gar nicht.
Sie wurden von den Einheimischen empfangen und zwar nicht besonders freundlich. Sie schrien irgendetwas auf Spanisch und Hafwen war sich ziemlich sicher, dass das nicht nett gemeint war. Aber da musste sie durch. Sie wollte es ja unbedingt so haben.
Sie sprang mit den anderen Männern aus dem Boot und sah die Menschen an. Sie würde wenigstens ihren Stolz nicht aufgeben. Ein paar Kinder warfen mit faulen Tomaten nach ihnen. Hafwen unterdrückte den Drang, eine der Tomaten zurückzuwerfen.
Sie wurden weitergeführt, bis sie zum Gefängnis kamen. Es war ein helles Steingemäuer. Eigentlich sah es gar nicht so schlimm aus, aber wenn Hafwen sich vorstellte, dass sie dort jetzt den Rest des Krieges verbringen sollte, wurde ihr übel.
Alle Anweisungen kamen auf Spanisch, wie sie festgestellt hatte. Wahrscheinlich würde sie eine Sprache mehr sprechen, wenn sie hier jemals wieder herauskam. Man konnte sich meistens denken, was sie meinten. Hafwen ging hinter Oldroyd durch die Gittertür. Die Wachen sahen sie sehr neugierig an.
Sie wurden immer weitergeführt und auf die verschiedenen Zellen aufgeteilt. Hafwen hatte Glück – sie bekam eine Einzelzelle und musste sie immerhin nicht mit mehreren anderen Männern teilen. Mit einem Seufzen sah sie sich um.
Die Zelle war spartanisch eingerichtet, drei Betten, eine dünne Wolldecke, karge Wände und ein vergittertes Fenster. Sie ging wieder zur Tür. Eine Holztür mit einem kleinen vergitterten Fenster darin. Sie sah, wie Hunter und Horatio in die Zelle gegenüber geschubst wurden. Die Wachen gingen wieder.
Gedankenverloren sah Hafwen ihnen nach, bis sie von einem lauten Schluchzen aus der Zelle von gegenüber geweckt wurde.
„Mein Gott, Kennedy!", glaubte sie zu hören. Oder bildete sie sich das nur ein? Aber… Kennedy war tot… oder etwa doch nicht? Sie musste sich verhört haben…
„…sollst weggehen!", hörte sie eine Stimme. Es war doch nicht möglich, dass Kennedy gerade hier war, oder? Wenn er denn noch lebte, musste er doch sicher in einem französischen Gefängnis gelandet sein.
Hafwen versuchte, die Sache zu vergessen und begann, ein irisches Volkslied zu pfeifen. Allerdings nicht lange. Einer der Wachmänner rief irgendetwas durch das vergitterte Fenster in der Tür zu ihr. Wahrscheinlich sollte sie Ruhe halten.
Sie legte sich auf ihre Pritsche und versuchte zu schlafen, was ihr schließlich auch gelang. Aber ihr Schlaf war alles andere als ruhig.
Am nächsten Morgen bekamen sie ein spärliches Frühstück. Aber immerhin gab es etwas zu essen. Hafwen war todmüde. Sie hatte nicht gut geschlafen. Sie saß an demselben Tisch wie Matthews und aß irgendeinen undefinierbaren Haferbrei.
„Schlecht geschlafen?", fragte Matthews mitfühlend, als er ihren trüben Blick sah. Hafwen nickte nur und brummte zustimmend.
„Matthews… glauben Sie, dass es möglich ist, dass Mr. Kennedy überlebt hat?", wollte Hafwen müde wissen. Der Gedanke hatte sie die ganze Nacht kaum schlafen lassen. Als Matthews gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, begannen Hunter und Horatio miteinander zu reden.
„Er hat aufgegeben. Er will nur noch sterben. Den können wir vergessen, Mann.", murmelte Hunter. Hafwen bedeutete Matthews, ruhig zu sein.
„Ich lasse keinen meiner Männer hier zurück.", erwiderte Horatio.
„Er ist doch keiner von Ihren Männern. Oder doch? Was hat das denn für einen Sinn, wenn er alle anderen nur aufhält?"
„Mr. Kennedy war einer der Fähnriche auf der Indefatigable, Mr. Hunter.", sagte Horatio. Hafwen klappte die Kinnlade herunter. Kennedy? Sie redeten gerade von Kennedy? Er musste hier sein, oder? Ihr Herz begann vor Aufregung zu rasen. Hunter stand langsam auf und begann lauter zu reden. Das schien für sie alle bestimmt zu sein.
„Wie ich gehört habe, hatte er einen Anfall, Ihr werter Mr. Kennedy, während eines nächtlichen Angriffs. Und sie mussten ihm eins über den Schädel ziehen, damit er die anderen nicht in Gefahr bringt.", sagte er und nahm sich einen Krug von ihrem Tisch. Hafwen biss sich auf die Lippe.
„Was für ein Fähnrich soll denn das bitte sehr sein?", fragte er dann.
„Sie waren nicht dabei…", begann Horatio ruhig.
„Nein."
„… und kennen die Umstände nicht im Geringsten. Wir werden nicht ohne ihn fliehen.", brachte er seinen Satz zu Ende.
„Aye, aye, Sir.", sagte Matthews und sah zu Hafwen, die sich inzwischen von der Bank erhoben hatte. Hunter sah sie missbilligend an und kippte dann seinen Wasserbecher aus.
„Na schön.", murmelte er und setzte sich wieder.
„Übrigens, bevor wir entscheiden, was mit Kennedy geschieht, müssen wir erst einmal einen Fluchtplan haben. Wie beurteilen Sie unsere Lage, Mr. Hunter?", fragte er. Hafwen sah unsicher zu Matthews. Sollte sie Horatio unterbrechen, um nach Archie zu fragen? Oder sollte sie warten, bis der Zeitpunkt günstiger war? Matthews bedeutete ihr, sich zu setzen.
„Inwiefern, Sir?", wollte Hunter wissen.
„Wie viele Wachen sind es?"
„Das ist doch wohl klar, wie viele."
„Wie sind sie bewaffnet? Welche Offiziere? Wie kampfbereit? Wie sind ihre Dienstzeiten? Wo ihre Unterkünfte, wenn sie keinen Dienst tun? Es gibt sehr viel zu tun, nicht wahr?"
Hunter lachte. Wahrscheinlich hatte er eingesehen, dass es keinen Sinn machen würde, überstürzt zu fliehen.
Hafwen stand wieder von ihrem Platz auf und ging zu den beiden.
„Sir? Wo ist Mr. Kennedy, Sir?", fragte sie aufgeregt. Horatio musterte sie erstaunt.
„Er ist… in unserer Zelle. Warum fragen Sie, Miss Gwyther?"
„Ich würde ihn gern sehen, Sir. Ist das möglich?", wollte Hafwen wissen.
„Das weiß ich nicht. Da müssen Sie die Wachen fragen. Oder Sie müssen warten, bis Mr. Kennedy die Zelle verlässt.", antwortete er. Na toll. Die Wachen fragen. Hafwen verzog einen ihrer Mundwinkel. Dann nickte sie nur und seufzte.
„Also gut. Bitte sagen Sie ihm, dass… dass ich ihn gern sehen würde.", meinte sie und setzte sich wieder zu den anderen.
Mitten in der Nacht wurde Hafwen von unterdrückten Schreien geweckt. Das klang nicht gut, aber es kam ihr bekannt vor. Sie brauchte erst einmal eine Weile, um sich wieder daran zu erinnern, wo sie überhaupt war.
Dann fiel ihr wieder ein, woher sie das Geräusch kannte. Archie. Er musste einen seiner Anfälle haben. Hafwen stand auf und lief leise an das kleine Fenster in ihrer Tür.
„Archie, Archie, ist ja gut. Archie! Archie, ist gut. Archie, beruhige dich. Ist alles gut, Archie. Ist ja gut.", hörte sie jemanden leise sagen. Das musste Horatio sein. Und Archie schien sich wirklich zu beruhigen.
„Ich hab wieder einen Anfall gehabt. Nur seltsam…"
Das war Archies Stimme. Hafwen spürte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Sie hatte Archies Stimme so lange nicht mehr gehört.
„Ich hatte lange Zeit keinen Ärger mehr damit. Erst als ihr gekommen seid."
Hafwen merkte erst jetzt, dass sie sich an den Gitterstäben festklammerte. Sie lehnte ihren Kopf gegen die Holztür und versuchte, zu verstehen, was die beiden in der gegenüberliegenden Zelle redeten.
„Archie…"
„Ich gehe nicht wieder auf die Indie. Verlang das nicht von mir.", hörte sie Archie sagen. Hafwen hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Sie konnte es nicht gut vertragen, wenn irgendeiner der Männer unglücklich war. Und noch schlechter konnte sie es vertragen, wenn Archie unglücklich war.
