Die Mannschaft wurde langsam nervös. Es war inzwischen einige Zeit vergangen und es gab immer noch keinen konkreten Fluchtplan. Hafwen glaubte nicht daran, dass sie es überhaupt schaffen würden, zu fliehen.
Archie hatte sich immer noch nicht sehen lassen. Hafwen fühlte sich regelrecht elend. Am Anfang wollte sie ihre Zelle nicht verlassen, auch nicht, wenn es etwas zu essen gab. Aber schließlich siegte dann doch der Hunger und sie ging wieder nach draußen. Außerdem hatte sie dort ein wenig frische Luft.
Wann auch immer sie keinen Freigang hatten, hörte Hafwen, wie Hunter irgendwelche Steine aneinander klopfte. Horatio schwieg die meiste Zeit. Manchmal hörte sie Archie schluchzen. Erst vor kurzem hatte sie eine unbekannte Stimme gehört. Eine Frau.
Hafwen war sofort aufgesprungen und hatte durch das Fenster geschaut, aber eine der Wachen hatte ihr den Blick versperrt. Horatio war wohl mit ihr irgendwo hingegangen, jedenfalls hatte sie irgendetwas in der Art gehört.
Als die Wachen wieder verschwanden, sah Hafwen ihre Chance. Sie ging zu dem Fenster in der Holztür und sah zu dem gegenüberliegenden Fenster.
„Mr. Hunter! Archie!", rief sie. Hunter schaute mit einem grimmigen Gesicht durch das Fenster.
„Mr. Hunter, was ist gerade los gewesen?", fragte sie.
„Die Herzogin hat unseren guten Mr. Hornblower mit auf einen Spaziergang genommen.", antwortete er sarkastisch. Die Herzogin? Doch nicht etwas die Herzogin von Wharfedale, oder?
„Kann… kann ich mit Archie reden?", fragte sie. Hunter drehte sich vom Fenster weg und murmelte irgendetwas. Hafwen hörte, wie eine der Wachen wiederkam. Nach einer kurzen Zeit sah sie Archies Gesicht durch das kleine vergitterte Fenster schauen.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Archie sah müde und erschöpft aus, seine Haare waren unordentlich und seine Augen sahen traurig aus.
„Archie!", rief sie und hörte, wie ihre Stimme sich leicht überschlug. Kurz darauf hörte sie den Wachmann irgendetwas auf Spanisch rufen. Er scheuchte sie beiden von den Fenstern weg. Aber das war Hafwen egal. Sie hatte Archie sehen können, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Sie wollte so gerne mit ihm reden.
Oldroyd und Styles hatten ein Käferrennen veranstaltet, bis es etwas zu essen gab. Das Schlimmste an der Gefangenschaft war wirklich die Langeweile. Es gab einfach nichts zu tun. Hafwen freute sich schon nicht mehr so sehr über ihre Einzelzelle. Sie konnte sich nur während der kurzen Zeit mit den anderen unterhalten, die sie draußen verbringen durften.
Sie hatte keine Möglichkeit, sich über den Gang hinweg mit den anderen zu unterhalten. Und sie hatte kaum eine Möglichkeit, sich zu waschen. Es kam selten vor, dass sie eine mickrige Schüssel Wasser bekam. Horatio hatte das Glück, von der Herzogin ein Rasiermesser zu bekommen. Aber alle anderen waren weniger privilegiert.
Währenddessen stiftete Hunter Unruhe und machte geheime Pläne zur Flucht. Er versuchte die anderen dazu zu überreden einen Fluchtversuch zu starten. Ohne Archie. Hafwen wusste von Anfang an, dass sie nur mit Archie fliehen würde.
Gegen Nachmittag kam unerwarteter Besuch. Hafwen hatte sich gerade in den Schatten gesetzt, weil die Hitze in der Sonne beinahe unerträglich war.
Der Besuch war die Herzogin. Sie kam hereingelaufen, als könnte nichts ihre gute Laune trüben. Ihr folgten zwei Wachen, eine davon trug einen Korb mit Obst.
„Einen guten Tag, Gentlemen.", flötete sie und warf Hafwen ein kurzes Lächeln zu. Hafwen legte nur ihren Kopf auf die andere Seite ihrer Schulter und versuchte zu schlafen. Wenn sie schlief, konnte sie ein bisschen die Zeit rumbringen. Styles stand auf.
„Madam.", sagte einer der Männer. Hafwen wusste nicht, wer es war. Jetzt, wo sich alle erhoben, stand auch sie mit einem Seufzen und leisem Fluchen auf. Die Herzogin räusperte sich.
„Gentlemen, der Kommandant hat mir erlaubt, in seinem Garten etwas Obst für Sie zu pflücken.", sagte sie und reichte Horatio einen Pfirsich. Hafwen zog eine Augenbraue hoch und schmunzelte. Na, so was.
„Euer Gnaden sind zu gütig.", erwiderte er, sichtlich erfreut über die Abwechslung.
„Dummes Geschwätz! Ist doch wohl das Mindeste.", sagte die Herzogin und sah zu den Männern.
„Na, kommt schon, Männer. Ein Hoch auf Ihre Gnaden. Hipp-Hipp…", sagte Horatio.
„Hurra.", kam es unmotiviert von den Männer zurück.
„Hipp-hipp…" – „Hurra." – „Hipp-Hipp…" – „Hurra."
Die Herzogin knickste leicht und ging los. Hafwen bemerkte nicht, dass Archie neugierig nach draußen schaute.
„Nun, Mr. Hornblower.", forderte sie Horatio auf, ihr zu folgen. Dann lächelte sie den Männern zu und verschwand mit Horatio nach draußen. Styles lief mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf das Obst zu und salutierte Horatio.
„Sir."
Er nahm sich eine Pflaume aus dem Korb. Hafwen wollte schon losgehen und sich auch etwas unter den Nagel reißen. Sie hatte lange kein frisches Obst mehr gegessen und in dieser Hitze war jeder Bissen von einer saftigen Frucht das Paradies auf Erden. Aber Hunter war ihm gefolgt, riss ihm die Pflaume aus der Hand und schubste ihn zurück.
„Uns kann man mit dem Mist nicht kaufen, Jungs! Englisches Rindfleisch wollen wir haben! Und englisches Bier!", rief Hunter. Naja… Hafwen musste zugeben, dass sie gegen ein Bier und ein Stück Rind nichts einzuwenden hätte. Aber das Obst war auch gut. Das reichte ihr, vor allem, wenn es so warm war. Ihr kam im Moment jede Abwechslung von dem trockenen Brot entgegen. Und wenn es frisches, saftiges Obst war…
Hunter schien das allerdings nicht so zu sehen. Er zerstampfte das Obst in dem Korb, bis wirklich niemand mehr etwas davon essen wollte. Hafwen verdrehte die Augen. Da ging es hin, das gute Essen. Auch Styles, Matthews und die anderen Jungs schienen im Stillen zu seufzen. Hunter nahm den Korb und warf ihn auf den Boden.
„Das bekommen wir nicht, solange wir nur rumsitzen.", sagte er missmutig, als er fertig war. Hafwen seufzte. Dann sah sie sich ein wenig um. Die Jungs hatten sich wieder ihren Beschäftigungen zugewandt. Erst jetzt bemerkte Hafwen das vergitterte Fenster. Sie schaute hinein, neugierig wie sie war.
Und dort sah sie ihn. Die blonden Haare ließen keinen Zweifel mehr. Das war Archies Zelle. Er saß mit dem Rücken zur Wand und bemerkte sie nicht. Hafwen setzte sich an die Wand, damit die Wachen nicht misstrauisch werden würden.
„Archie!", sagte sie leise und schielte nach unten, um zu sehen, ob er reagierte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie er den Kopf hob und sich zum Fenster drehte.
„Hafwen?", fragte er unsicher. Sie lächelte.
„Ja. Mein Gott, Archie, ich dachte die ganze Zeit, du wärst tot!", erwiderte Hafwen.
„Ich bin so gut wie tot.", meinte Archie mit einer gleichgültigen Stimme.
„Blödsinn. Wir kommen hier schon wieder raus. Ganz im Ernst, ich hab dich unheimlich vermisst. Wie bist du hierhergekommen?", wollte sie wissen.
„Ich bin von den Franzosen gefunden worden und sie haben mich dann hierher verlegt. Hier kommt niemand raus, Hafwen. Ich habe es schon fünfmal versucht, es ist zwecklos.", antwortete Archie. Hafwen drehte ihren Kopf zu ihm herüber, sodass sie direkt in seine blauen Augen sah.
„Mr. Kennedy, ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand von uns die Hoffnung aufgibt, Sir.", entgegnete sie ihm. Archie schüttelte nur den Kopf.
„Wer ist die Frau, mit der Horatio vorhin verschwunden ist?", wollte er dann wissen. Hafwen verdrehte die Augen.
„Ihre Gnaden, die Herzogin von Wharfedale.", erwiderte sie. Archie schüttelte den Kopf.
„Nein. Ist sie nicht. Aber jetzt mal etwas anderes. Warum haben sie dich nicht gehen lassen?", fragte er.
„Gehöre zur Marine, deswegen. Aber ich hab eine Einzelzelle bekommen. Das Problem ist, dass es verdammt langweilig dort ist. Weißt du, ob die hier Bücher haben?"
„Ja, aber nur in Spanisch."
„Klasse."
„Es ist nicht so schwer. Ich habe es mir auch beibringen müssen, weil ich sonst an Langeweile verreckt wäre.", meinte Archie.
„Du kannst Spanisch?", fragte Hafwen erstaunt. Sie selbst hatte sich vorgenommen, die Sprache zu lernen, aber sich mit den Wachen zu unterhalten, brachte nichts. Ein paar wenige Worte verstand sie zwar – rápido hieß schnell und puta hieß Hure -, aber wenn man sie in Spanien aussetzen würde, hätte sie keine Chance.
„Ja. Ich hab es hier gelernt, um mir die Zeit zu vertreiben. Frag einfach einen der Wachmänner nach ein paar Büchern, ich bin mir sicher…"
In diesem Moment spürte Hafwen, wie sie von dem vergitterten Fenster zurückgezogen wurde. Sie wurde von einem der Wachmänner unsanft gegen eine der Steinsäulen geschubst. Der andere schrie irgendetwas auf Spanisch und dann wurde sie unsanft zurück in ihre Zelle gebracht. Wahrscheinlich war es nicht erlaubt, sich durch die Gitterfenster zu unterhalten.
