Es war an einem regnerischen Nachmittag. Hafwen lag auf ihrem Bett und las eines der Bücher, das sie sich hatte geben lassen. Archie hatte Recht gehabt. So schwer war Spanisch nicht. Einige Wörter waren den englischen Wörtern ähnlich.

Und mit der Zeit bekam man den Dreh schließlich heraus. Durch die Wachen hörte sie, wie man die einzelnen Laute aussprechen musste und wie man die Worte betonte. Es ging besser, als sie je gedacht hätte. Inzwischen hatte sie sogar angefangen, Aufzeichnungen zu führen, in denen sie alles aufschrieb, was ihr an grammatikalischen Regeln auffiel und welche neuen Wörter sie lernte. Es war eine gute Beschäftigung.

Gerade als sie sich mit einem lästigen Tintenfleck auf ihrer Stirn herumärgerte (Hafwen war nicht besonders ordentlich, was das Schreiben anging), hörte sie wie Horatio gegenüber Archies Namen rief.

Hafwen stand auf und ging zu ihrer Tür, um vielleicht irgendwie mitzubekommen, was da los war. Kurz darauf klopfte Horatio panisch an die Tür und rief nach den Wachen.

„Wache! Wache! Holen Sie Hilfe, Hunter!", rief er. Hafwen begann auch, an ihre Tür zu klopfen. Was auch immer los war, es war nicht gut.

„Was ist denn mit ihm los?", rief Horatio kurz darauf verzweifelt.

„Stirbt an Hunger.", murmelte Hunter nur gleichgültig.

„Wie das? Er bekam dieselben Rationen wie wir!"

„Aber er hat sie nicht gegessen."

„Warum nicht? Warum haben Sie das nicht gesagt?"

„Ich nahm an, Sie wüssten davon."

„Guardia! Venid ahí!", rief Hafwen. Das war ernst. Aus welchem Grund auch immer Archie nichts gegessen hatte… er brauchte Hilfe. Und sie war Ärztin.

„Qué es?", fragte einer der Wachmänner sie verärgert.

„El hombre… él necesita un médico!", erwiderte Hafwen und hoffte, dass ihr Spanisch nicht zu grottenschlecht war. Der Wachmann seufzte und schaute nach drüben, wo Horatio wieder an die Tür klopfte.

„Soy una médica. Por favor, permita que ayudo!", bat sie ihn auf Spanisch. Der Wachmann seufzte wieder, dann rief er ein paar andere Wachen dazu. Er ließ Hafwen aus ihrer Zelle und ging dann zu Horatios Zelle, um sie zu öffnen.

„Gracias, Señor.", sagte Hafwen atemlos, während Horatio mit Archie auf den Armen aus der Zelle kam. Sie liefen durch den strömenden Regen, bis sie bei dem großen, schweren Tor ankamen, das vergittert war. Dort ließen die Wachen sie im Regen stehen, um Don Massaredo zu holen. Hafwen hatte ihn vorher noch nie gesehen, aber jetzt hatte sie andere Sorgen. Archie sah wirklich krank aus. Und abgemagert.

Nach einer ganzen Weile kamen die zwei Wachen mit den Don zurück. Horatio konnte Archie kaum noch halten und der Regen war eiskalt.

„Was ist da los?", fragte er mit einem schweren spanischen Akzent.

„Er geht zugrunde!", antwortete Horatio verzweifelt. Der Don sah zu Archie herunter, dann warf er einen Blick auf Hafwen.

„Bitte, helfen Sie ihm! Ich bin Ärztin, Sie müssten nicht einmal einen Ihrer eigenen Männer bemühen!", flehte sie ihn an. Der Don nickte nur. Hafwen atmete erleichtert aus und legte prüfend eine Hand auf Archies Stirn. Er würde das Fieber bekommen, ganz bestimmt.

Hafwen und Horatio wurden weiter über das Gelände des Gefängnisses geführt, bis sie schließlich zu einer kleinen Baracke kamen, die wohl als Krankenstation diente. Dort gab es ein ordentliches Bett, immerhin.

Horatio legte Archie keuchend auf dem Bett ab, während Hafwen sich weiterhin in dem Zimmer umschaute. Es war recht karg, aber auf jeden Fall sauberer und komfortabler als die normalen Zellen. Es würde reichen müssen.

„Archie, wieso hast du das getan?", fragte Horatio. Seine Stimme überschlug sich fast. Hafwen trat auf das Bett zu, als sich plötzlich die Tür öffnete.

„Mr. Hornblower? Was ist passiert?"

In der Tür stand die Herzogin. Sie kam herein und nahm ihre Kapuze ab.

„Er hat nicht gegessen. Er hat sich zu Tode gehungert.", antwortete Horatio und schüttelte den Kopf. Hafwen setzte sich an das Fußende des Bettes und deckte Archie zu, damit er nicht auskühlte.

„Ich hab es nicht bemerkt. Ich hab es nicht bemerkt, weil ich lieber auf Klippen spazieren ging und Konversation trieb.", redete Horatio weiter. Die Herzogin stand jetzt auch am Bett und so war kein Platz mehr für Hafwen. Am liebsten hätte sie alle aus dem Zimmer geschickt, damit sie ihre Ruhe hatte. Archie lächelte leicht.

„Oh, und der Erde Krone schmilzt, mein Herr! Und hingewelkt ist aller Siegeslorbeer.", rezitierte er schwach. Hafwen legte den Kopf schief.

„Was hast du gesagt, Archie?", fragte Horatio, aber die Herzogin unterbrach ihn. Sie wollte nicht, dass er redete.

„Quälen Sie sich nicht.", meinte sie nur.

„Achtenswertes bietet nichts mehr sich unterm späh'nden Mond.", murmelte Archie und lachte wieder.

„Was hat Archie gesagt?", wollte Horatio wissen.

„Er fantasiert nur."

„Nein, nein, nein, er hat nicht fantasiert. Er hat irgendetwas rezitiert."

Ein paar Wachen kamen herein und brachten Feuerholz für den Kamin. Sie machten ein schönes, warmes Feuer. Die Herzogin verschwand kurz darauf wieder. Hafwen setzte sich wieder an das Fußende des Bettes. Archie war inzwischen in einen unruhigen Schlaf verfallen. Sie konnte nicht viel mehr machen, als zu warten, bis er wieder aufwachte. Dann musste er etwas essen.

Gegen Mitternacht schickte Horatio sie zurück in ihre Zelle. Die Wachen würden sonst misstrauisch werden und wenn sie wegen ihrer Müdigkeit einen Fehler machen würde, dann wäre Archie auch nicht geholfen. Das leuchtete Hafwen ein und sie wollte auch nichts lieber als schlafen. Andererseits wollte sie Archie nicht alleine lassen. Sie hatte Horatio das Versprechen abgenommen, Archie auf jeden Fall etwas zu essen einzuflößen, sollte er aufwachen.

Hafwen kam am nächsten Morgen wieder, um nach Archie zu sehen. Horatio saß auf einem Stuhl und schlief. Auf dem Tisch stand ein leerer Becher, aber ein paar Wassertropfen neben dem Becher verrieten ihr, dass jemand daraus getrunken hatte. Hoffentlich Archie.

Das Feuer im Kamin war ausgegangen, aber der Raum war angenehm warm. Archie schlief auch noch. Hafwen nahm sich den zweiten Stuhl und setzte sich, um zu warten, bis er aufwachen würde. Sie hatte etwas zu Essen mitnehmen wollen, aber die Wachen hatten es ihr nicht erlaubt.

Kurz nachdem sie in dem Krankenzimmer angekommen war, schaute die Herzogin herein und warf jedem von ihnen ein Lächeln zu. Archie wachte auf und musterte ihr Gesicht nachdenklich. Hafwen nickte ihr höflich zu.

Nach ein paar Sekunden war sie wieder verschwunden. Hafwen wandte sich Archie zu und lächelte ihn an.

„Guten Morgen, Archie. Geht es dir besser?", fragte sie. Archie nickte nur. Kurz darauf wachte auch Horatio auf.

„Wie fühlst du dich, Archie?", wollte er sofort wissen. Hafwen lächelte.

„Hungrig.", antwortete Archie mit einem Lächeln.

„Gut! Dann werde ich sofort beim Wirt nachfragen. Roastbeef vielleicht? Spiegelei mit Schinken? Eine Forelle oder zwei?", meinte Horatio gut gelaunt und setzte sich aufrecht hin. Archie schüttelte nur leicht den Kopf.

„Horatio. Es gibt da etwas, das ich dir unbedingt sa…"

„Ach! Sorg dich um nichts! Die Hauptsache ist, dass du jetzt wieder auf die Beine kommst.", unterbrach Horatio ihn mit einem ungetrübten Grinsen.

„Nein, hör zu, Horatio! Es geht um die Herzogin. Sie ist keine Herzogin. Sie mag vielleicht Kleopatra sein, aber keine Herzogin.", sagte Archie. Horatio sah verwirrt aus. Hafwen beugte sich interessiert nach vorne. Sie wusste doch, dass mit der Herzogin etwas faul war.

„Wovon redest du, mein Lieber?", fragte Horatio.

„Kleopatra über der Leiche des Antonius. Lady Macbeth. Beatrice, Gertrude. Sie ist Schauspielerin.", erwiderte Archie.

„Nein, du fantasierst."

Archie schüttelte den Kopf.

„Absolut nicht. Ihr Name ist Katherine Cobham. Ich kenne das Theater in London wie mein Zuhause. Mein Wort drauf, Horatio. Sie ist Schauspielerin.", sagte Archie.

„Mein Gott, deswegen! Ich hätte nie im Leben gedacht, dass eine Herzogin so freizügig mit ihren koketten Blicken umgeht. Aber wenn sie Schauspielerin ist… oh, Himmel, warum ist mir das nicht gleich eingefallen?", rief Hafwen aus. Jetzt machte das irgendwie einen Sinn. Zumindest das Verhalten der Herzogin. Es machte keinen Sinn, dass sie auf Kosten eines Adligen zurück nach England gebracht werden musste, wirklich nicht. War sie vielleicht eine englische Spionin…? Könnte doch möglich sein…

„Ich werde jetzt gehen und mich um etwas zu essen kümmern, Archie. Hafwen, wartest du solange hier?", fragte Horatio mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

„Natürlich.", antwortete sie. Horatio nickte und ging nach draußen. Hafwen sah sich lächelnd zu Archie um.

„Also, geht es dir wirklich wieder besser?", wollte sie von ihm wissen. Archie nickte nur.

„Wirst du mit uns fliehen?", fragte Hafwen weiter.

„Ich weiß nicht, ich… es bleibt mir keine andere Wahl, schätze ich. Aber Simpson…", antwortete Archie. Sein Blick wurde starr und wirkte ängstlich. Hafwen schüttelte nur leicht den Kopf und nahm seine Hand in ihre.

„Archie… Simpson ist tot. In der Nacht, mit der Papillon, da… hat er versucht, Horatio zu erschießen, hat ihn aber nur gestreift. Finch hat ihn aus dem Wasser gefischt, es gab noch ein Duell. Simpson hat zu früh auf Horatio geschossen, hat ihn aber verfehlt. Und dann… Horatio konnte nicht schießen, aber Captain Pellew hat diese Aufgabe für ihn übernommen.", erklärte Hafwen kurz. Archie sah sie verwirrt und müde an.

„Er ist… tot?", fragte Archie. Hafwen nickte. Dann strich sie ihm die Haare aus dem Gesicht. Als Ärztin hoffte sie, dass sie sich das erlauben durfte.

„Du bist müde, oder? Ruh dich noch ein bisschen aus. Ich bin mir sicher, dass Horatio gleich mit dem Essen kommt.", sagte sie leise.