Archie ging es bald wieder besser. Er aß wieder und konnte auch schon bald wieder aufstehen. Und er sah ein, dass er mit den anderen Gefangenen von der Indie fliehen konnte… musste. Horatio hatte es ihm irgendwie eingeredet.

Die Herzogin von Wharfedale oder eher Kitty Cobham war inzwischen auch abgereist. Sie hatte Horatio ein Wörterbuch dagelassen. Und Don Quijote. Jetzt gehörte auch er zu denjenigen, die Spanisch lernten, während Archie und Hafwen ihm dabei halfen.

„Irgendwas geht da vor, Horatio.", bemerkte Archie eines Tages, als er die anderen Männer in einem Kreis zusammenstehen sah. Hafwen war sich ziemlich sicher, dass sie Pläne machten, ohne sie auszubrechen.

„Ich weiß.", antwortete Horatio nur.

„Was willst du jetzt tun?"

Horatio antwortete nicht, sonder vertiefte sich noch mehr in das Buch. Nach einer kurzen Zeit sah er auf.

„Du kannst Spanisch, nicht wahr, Archie?", fragte er.

„Ein wenig schon, ja. Hafwen kann es auch.", antwortete Archie und schaute misstrauisch zu den anderen Männern von der Indie. Horatio drückte ihm das Buch in die Hand und stand auf, um dort nach dem Rechten zu sehen. Hafwen rückte zu Archie auf.

„Was tun Sie hier, Mr. Hunter?", fragte Horatio.

„Na, was schon. Ich bringe uns alle hier raus.", antwortete Hunter unverhohlen.

„Und wie wollen Sie das bitte anstellen?"

„Bevor ich Ihnen das sage, will ich wissen, sind Sie dabei oder sind Sie es nicht?"

„Sie sind der Gehorsamsverweigerung gefährlich nah, Sir."

„Ich erfülle lediglich meine Vaterlandspflicht, Sir. Die heißt nämlich, von hier zu verschwinden, um wieder für die Heimat zu kämpfen."

„Er hat Recht, Sir.", warf einer der Männer ein.

„Sagen wir, Sie schaffen es und überwältigen die Wachen, Mr. Hunter, und verlieren dabei auch nicht allzu viele Männer. Was dann?", fragte Horatio.

„Besteigen wir natürlich alle ein Boot."

„Und was geschieht, wenn Sie von weiteren Soldaten am Besteigen Ihres Bootes gehindert werden?"

„Dann werden wir kämpfen.", meinte Oldroyd.

„Verfluchter Idiot, Oldroyd.", murmelte Hafwen leise. Archie lächelte sie kurz an.

„Nein. Wir gehen weiter bis zu einer Stelle, die weniger gut verteidigt wird.", sagte Hunter.

„Norden oder Süden?"

„Spielt gar keine Rolle. Nur dorthin, wo irgendein Boot liegt."

„Wer von Ihnen spricht Spanisch, um zu fragen, wo so ein Boot ist?"

Hunter lachte nur verächtlich.

„Wie sieht`s mit Essen aus? Mit Wasser? Und Kleider, die Sie nicht als englische Matrosen ausweisen, als Gefangene auf der Flucht durch ein Land, das gegen Sie im Krieg steht?", fügte Horatio hinzu. Hunter sah ihn verärgert an.

„Hören Sie gut zu! Wir fliehen, wenn ich es sage und wie ich es sage. Und wir fliehen zusammen.", sagte Horatio.

„Kennedy wird uns aufhalten.", murmelte Hunter mit einem Blick zu ihm. Archie hatte sich inzwischen wieder dem Buch zugewandt und schien gar nichts davon mitzubekommen, dass über ihn geredet wurde. Er sah nur einmal kurz auf.

„Kennedy spricht Spanisch.", entgegnete Horatio. Hunter lachte nur wieder verächtlich und schüttelte den Kopf.

„Das rettet uns möglicherweise das Leben. Sind wir uns einig?", fragte Horatio. Niemand antwortete.

„Oldroyd?"

„Ja, Sir.", erwiderte er nach einigem Zögern.

„Aye, aye, Sir.", antwortete auch Hunter, allerdings mit einem äußerst verächtlichen Tonfall. Horatio sah die Männer noch einmal eindringlich an, dann wandte er sich ab und kam zurück zu Archie und Hafwen.

„Archie, Hafwen. Spanisch.", meinte er, als er wiederkam. Hafwen verdrehte die Augen.

„Ehrlich?", wollte sie wissen. Wenn sie kein Spanisch sprechen musste, dann ließ sie es auch lieber bleiben. Horatio sah die beiden nur stumm an.

„Also gut, also gut.", murmelte Hafwen.

Hafwen war gerade über Mittag in einen leichten Schlaf verfallen, während Archie und Horatio irgendetwas übersetzten. Sie wurde von lautem Geschrei geweckt.

„Hilfe! Hilfe! Er ist krank!", hörte sie jemanden schreien und sah, wie Hunter zu den Wachen rannte. Hafwen sprang auf. Sie war noch nicht richtig wach, aber das Wort „krank" hieß, dass sie jetzt wohl etwas zu tun bekam. Sie ging zu dem Matrosen, der schrie und sich den Bauch hielt.

„Dieser Dummkopf!", sagte Horatio und stand auf.

„Por favor! Helft uns, schnell! Por favor, er ist krank.", sagte Hunter zu der Wache. Der Wachmann schaute kurz nach drinnen und öffnete die Tür, um nach dem Mann zu sehen. Inzwischen hatte Hafwen festgestellt, dass der Mann nicht wirklich krank war. Hunter beugte sich über ihn, während die Wache ihm folgte.

„Oy, qué pasa?", fragte die Wache. Auf einmal schlug irgendjemand sie nieder, Hafwen wusste nicht, ob es Hunter oder der Matrose war. Hunter nahm das Gewehr der Wache an sich. Hafwen warf Horatio und Archie einen hilfesuchenden Blick zu. Was sollte sie denn jetzt machen?

Horatio, der gerade mit Styles, und Matthews geredet hatte, kam auf sie zu. Die Matrosen folgten ihm und in einigem Abstand auch Archie. Hunter nahm sich gerade die Schlüssel der Wache, als eine weitere Wache dazukam. Einer der Männer stellte ihr ein Bein und erstach den Mann mit seinem eigenen Messer.

„Achtung, Oldroyd! Hinter Ihnen!", rief Horatio plötzlich, als er eine Wache hinter Oldroyd bemerkte. Oldroyd drehte sich um und schlug den Mann mit irgendeiner Art Pendel nieder. Dann erschoss er eine andere Wache.

„Zu mir! Jungs!", rief Hunter laut. Alle versammelten sich hinter Hunter und folgten ihm nach draußen, auch Horatio und Archie. Hafwen hielt sich an Archie. Ihr war nicht ganz wohl bei der Sache. Eine diskrete Flucht wäre ihr bei Weitem lieber gewesen.

Soweit Hafwen es mitbekam, schlug Hunter alle Wachen, die sich ihm in den Weg stellten, nieder. Als sie auf dem Außenhof angekommen waren, schlossen die Soldaten gerade das Tor. Sämtliche Wachen legten die Gewehre an.

Jetzt war alles vorbei. Hafwen griff nach Archies Hand, ohne es selbst wirklich mitzubekommen. Alles war durcheinander und chaotisch.

„Mr. Hunter!", rief Horatio.

„Jetzt nicht!", erwiderte Hunter, scheinbar wirklich gestresst.

„Wir sind Ihnen völlig unterlegen, das ist es doch nicht wert!"

„Haben Sie etwa Angst?"

„Nein! Denken Sie an die Männer! Das ist Selbstmord!"

„Ich bleib nicht hier! Lieber sterbe ich durch eine Kugel! Auf sie, Jungs!", rief Hunter und feuerte sein Gewehr ab. Dann ging alles schnell. Hunter und ein weiterer Mann lagen auf dem Boden. Hunter hielt sich das Bein, während der andere Mann scheinbar tot war. Hafwen ging schnell zu ihm hin, um sich die Wunde ansehen zu können.

„Nicht schießen! Bitte, nicht schießen, Sir!", rief Horatio und stellte sich vor Hunter. Hafwen sah kurz überrascht auf. Als Hunter vor Schmerzen aufschrie, wandte sie sich schnell wieder ihm zu.

„Ganz ruhig, es sieht nicht aus, als ob Sie sterben werden. Es wird nur höllisch weh tun.", murmelte sie. Der Kommandant befahl seinen Männern, die Gewehre herunterzunehmen. Horatio sah sich überrascht um. Wahrscheinlich hatte er gedacht, dass er sterben würde. Dann beugte er sich auch zu Hunter herunter.

„Lasst mich zu ihm! Lasst mich zu ihm! Lasst mich sterben!", rief er immer wieder.

„Halten Sie die Klappe, Hunter, niemand wird hier sterben.", erwiderte Hafwen, während sie versuchte, ihn ruhig zu halten.

„Matthews, Styles, bringt ihn in die Zelle zurück!", befahl Horatio. Die beiden Matrosen kamen angerannt.

„Passt auf, dass ihr ihn möglichst still haltet.", sagte Hafwen zu den beiden und folgte ihnen. Sie schüttelte den Kopf, als sie sah, wie ungleichmäßig sie ihn trugen. Wahrscheinlich waren sie der Meinung, dass er Schmerzen verdient hatte.

In der Zelle angekommen, suchte Hafwen sich einen ordentlichen, einigermaßen sauberen Stofffetzen, um die Wunde zu verbinden. Mehr konnte sie nicht tun. Es gab keinen Alkohol, um die Wunde zu reinigen und sie wollte die Kugel nicht mit ihren dreckigen Fingern entfernen. Die Gefahr einer Entzündung wäre viel zu groß.

Sie hatte Hunter Ruhe verordnet und war dann in ihre eigene Zelle zurückgebracht worden. Der Mann schien wirklich Schmerzen zu haben. Sie hörte ihn schreien und stöhnen, während sie versuchte, in ihrer eigenen Zelle zu schlafen.

„Zwei meiner Männer sind tot! Drei sind schwer verwundet!", hörte sie auf einmal eine laute Stimme vom Innenhof her. Sie stöhnte genervt auf. Sie wollte schlafen, konnte der Don nicht wenigstens ein klein wenig leiser sein?

„Ich will wissen, wer das zu verantworten hat."

„Das habe ich, Sir.", erwiderte Horatio freimütig. Hafwen schüttelte den Kopf. Der ewige Märtyrer.

„Sie? Es ist kaum zu glauben!"

„Und doch ist es die Wahrheit."

„Aber Sie haben mir Ihr Ehrenwort gegeben, Mr. Hornblower."

„Ich gab es Ihnen für bestimmte Stunden des Tages, Sir. Abgesehen davon ist es meine Pflicht, mit meinen Männern die Flucht zu versuchen und unverzüglich auf mein Schiff zurückzukehren."

„Das glaube ich Ihnen nicht. Was ich nicht glaube ist, dass Sie solch einen bösartigen und sinnlosen Angriff durchführen würden, obwohl wissend, dass er scheitern muss. Sagen Sie mir, wer die Anstifter sind, und ich werde sie mir vornehmen."

„Es gibt keinen anderen Anstifter, Sir."

„Mr. Kennedy ist Ihr Freund, nicht wahr, Mr. Hornblower? Er weiß, dass ich nicht vor Grausamkeiten zurückschrecke. Ich frage ein letztes Mal: Wer hatte das zu verantworten?"

„Nur ich und niemand sonst, Sir."

„Die Männer bleiben in ihren Zellen."

Danach verstand Hafwen nichts mehr. Der Don sprach zu leise. Kurz darauf hörte sie, wie die Männer zurückgebracht wurden. Hafwen schaute durch das kleine Fenster in der Holztür. Sie bemerkte, dass sie noch Hunters Blut an ihren Händen kleben hatte. Aber sie hatte im Moment keine Gelegenheit, sich zu waschen.

Eine der Wachen drängte sie wieder zurück in die Zelle. Hafwen seufzte und warf sich müde auf ihr Bett. Als endlich alle Männer wieder in ihren Zellen waren, dachte sie, dass sie endlich schlafen könnte.

Aber nein. Auf dem Hof war so ein riesiger Krach, es klang, als würde man etwas aufklopfen. Das ging eine ganze Weile so, bis Hafwen irgendwelches spanisches Geschrei hörte. Dann war Ruhe. Endlich.

Doch die Ruhe währte nicht lange. Nach einer Weile hörte sie Hunters Geschrei wieder. Es hörte sich an, als ob jemand den Verband wechselte.

„Wie geht's ihm denn?", fragte er.

„Keine Ahnung. Kommt drauf an, wie lang sie ihn drin behalten. Es hat mich fast verrückt gemacht und danach konnte ich einen Monat nicht laufen."

Das war Archie, der da den Verband wechselte. Hafwen hoffte nur, dass er ihn nicht zu fest zusammenband.