In der Nacht regnete es unaufhörlich. Hafwen wunderte sich darüber, wo Horatio abgeblieben war. Ob er in diesem Erdloch war?

Sie konnte nicht einmal Archie fragen, da sie ja nicht aus der Zelle herausdurften. Man hatte ihr inzwischen auch die Bücher weggenommen und so war sie der Langeweile gnadenlos ausgeliefert. Sie konnte nichts tun, als die Flecken auf dem Boden zu zählen. Das gab sie allerdings auf, als ihr Hirn anfing, darüber nachzudenken, was das sein könnte.

Sie begann, den ganzen Tag lang im Halbschlaf zu verbringen. Wenn sie einmal wach war, verwandte sie ihre ganze Kraft und Energie auf Liegestützen, Klimmzüge und andere Übungen, die sie wenigstens ein wenig fit halten würden.

Danach, wenn sie wieder müde war, legte sie sich hin und schlief. Schon nach den ersten paar Stunden wusste sie nicht mehr, wie spät es war, ob es Vormittag oder Nachmittag war oder welcher Tag überhaupt war. Die Wachen stellten ihr das Essen ins Zimmer, wenn sie schlief, deswegen konnte sie nicht einmal danach gehen.

Manchmal wurde Hafwen auch davon geweckt, dass Archie versuchte, Hunter zum Essen zu bewegen. Er machte sich schwere Vorwürfe. Man konnte ihn auch manchmal nachts schluchzen hören. Hafwen fand die Vorstellung so verstörend, dass sie, wenn sie davon aufwachte, sich einfach die Decke über den Kopf zog und wartete, bis sie wieder eingeschlafen war. Wenn sie das nächste Mal aufwachte, dann war es meistens vorbei.

Irgendwann wurde sie davon geweckt, dass ein Gitter aufgebrochen wurde – dasselbe Geräusch, das sie schon gehört hatte, als Horatio vermutlich eingekerkert worden war. Ein paar Wachen schrien irgendetwas auf Spanisch.

Es dauerte nicht lange, bis ein paar Wachen sie holten und in die Zelle nebenan brachten. Dort sollte sie warten, bis Horatio gebracht wurde, damit sie nach ihm sehen konnte. Irgendwie kam sich Hafwen vor, als wäre sie die einzige Ärztin hier.

„Hafwen, was machst du denn hier?", fragte Archie, als er sie sah.

„Soll mich um Horatio kümmern.", antwortete sie ein wenig müde. Das viele Schlafen hatte sie allgemein schläfriger gemacht.

Die Zellentür öffnete sich und Horatio wurde in die Zelle gebracht. Gestoßen traf es wohl eher. Sein Rücken war gebeugt, wahrscheinlich war er vom Sitzen steif. Er kniff die Augen zusammen, als würde ihm das Licht wehtun. Außerdem hatte er Schwierigkeiten zu laufen und aufgesprungene Lippen – zu wenig Flüssigkeit.

„Horatio!", rief Archie aus, als er ihn sah. Er klappte sein Buch zusammen und ging zu ihm, um ihn zu stützen.

„Er braucht etwas zu trinken.", sagte Hafwen zu Hunter, aber der verschwand schon.

„Alles in Ordnung?", fragte Archie.

„Ja, Archie. Abgesehen davon, dass ich mich fühle, als ob man mich zusammengefaltet hat.", antwortete Horatio. Archie und Hafwen lachten leise.

„Wie geht es Ihrem Bein, ist es in Ordnung, Hunter?", wollte Horatio wissen. Hafwen goss ein wenig Wasser in einen der Becher.

„Geht wieder, Sir. Wird wieder gut.", antwortete er und nickte.

„Gut.", meinte Horatio.

„Gut. Komm her!", sagte jetzt Archie, als Horatio zusammen klappte.

„Großer Gott.", murmelte Horatio und lachte dann leise. Hafwen schmunzelte und gab Archie den Becher.

Nach diesem Vorfall nahm Horatio seine Spaziergänge wieder auf, allerdings ohne die Herzogin. Auch Hunter ging spazieren – aber nur im Innenhof des Gefängnisses. Er gab sich alle Mühe, wieder gesund zu werden und sein Bein wieder zu üben, sodass man ihm seine vorige Dummheit gar nicht übel nehmen konnte.

Es war ein regnerischer Tag, aber trotzdem lief Hunter seine Runden, immer weiter und weiter. Hafwen schmunzelte, als sie ihn sah. Es war ziemlich kalt draußen, deswegen war sie erst jetzt auf den Hof gekommen, um ein wenig frische Luft zu schnappen. In dem Moment kam Horatio angerannt, völlig durchnässt und aufgeregt.

„Da ist die Indie vor der Küste! Und ein spanisches Schiff! Sie kentern in dem Sturm, wir müssen ihnen helfen!", rief er. Alle sahen ihn verwirrt an. Was sollte das denn jetzt heißen? Wie sollten sie helfen?

„Na, los, macht schon! Kommt mit!", forderte Horatio sie noch einmal auf. Hafwen sah zu Archie und zuckte mit den Schultern.

„Aye, aye, Sir.", erwiderte sie.

„Außer Sie, Miss Gwyther.", meinte Horatio. Die anderen Männer kamen auch langsam auf ihn zu.

„Warum?", wollte Hafwen wissen.

„Das ist zu gefährlich."

Hafwen sah ihn lange an und entgegnete dann nur: „Unsinn. Ich komme mit."

Für sie war das letzte Wort damit gesprochen. Horatio zog eine Grimasse, nickte dann aber widerwillig. Wahrscheinlich sah er ein, dass es ziemlich nützlich sein konnte, eine Ärztin dabei zu haben, wenn man wollte, dass die Menschen, die man aus dem Wasser fischte, überleben. Horatio ging ihnen voran, durch den Regen, bis zur Küste.

Dann gab er Anweisungen. Ein Boot wurde ihnen zur Verfügung gestellt, mehr nicht. Hafwen schleppte das Boot mit den Männern bis zum Wasser. Die Liegestütze hatten sich bezahlt gemacht, das merkte sie jetzt.

„Los, macht schneller! Schneller!", rief Matthews immer wieder, um sie alle zur Eile anzutreiben. Sogar Hunter kam hinterher gehumpelt. Und wollte helfen.

„Wir brauchen Fässer! Kleine Fässer! So groß!", rief Horatio auf einmal, als das Boot so gut wie im Wasser war.

„Und die schnallt ihr unter den Duchten fest! Für den Auftrieb! Schnell!", fügte er hinzu. Oldroyd, Styles und Matthews rannten los, um die Fässer zu holen. Als nächstes kam der Don zu ihnen und meinte: „Sie brauchen ein Segel und Nahrung und Wasser. Sie müssen vielleicht draußen auf See bleiben, bis der Wind seine Richtung ändert."

„Ja, Sie haben Recht. Danke, Sir!", erwiderte Horatio und half mit den Fässern. Hafwen sprang mit den anderen Männern ins Boot.

„Mr. Hornblower, Sir! Alles ist bereit!", rief Archie ihm zu.

„Danke, Mr. Kennedy."

Mit ein wenig Anlauf sprang auch Archie an Bord des kleinen Bootes.

„Sie nicht, Mr. Hunter!", rief Horatio auf einmal.

„Doch! Ich will mitkommen! Bitte, Sir!", entgegnete Hunter und kletterte weiter in das Boot. Er hatte verdammte Schmerzen in seinem Bein, das merkte man, aber er gab sich wirklich alle Mühe, das nicht zu zeigen.

„Gut, Jungs. Los, legt euch in die Riemen!", befahl Horatio, als Hunter an Bord war, „Rudert euch das Herz aus dem Leib! Rudert!"

Hafwen hatte einen Platz an einem Ruder erwischt und jetzt musste sie auch mitrudern. Zum Glück hatte sie sich mit den Liegestützen beschäftigt, sodass sie jetzt ein bisschen Kraft in den Armen hatte.

„Soll ich das machen?", fragte Archie sie leise.

„Nein, geht schon. Danke.", antwortete Hafwen. Kurze Zeit später waren sie bei den ersten Überlebenden angekommen.

„Wie viele da?", wollte Horatio wissen.

„Nur fünf, Sir!", antwortete Hunter. Kurz darauf rief Horatio: „Nur noch vier! Rudert, ihr Bastarde, rudert!"

Hafwen bekam zum ersten Mal mit, dass Rudern wirklich warm hielt. Es war inzwischen eisig kalt geworden, aber sie schwitzte fast. Nachdem sie die fünf Spanier aus dem Wasser gefischt hatten, näherten sie sich dem Wrack der Almeria.

„Näher ran, Männer!", befahl Horatio.

„Oldroyd, Styles! Schöpft um euer Leben! Los!", rief er. Dann wandte er sich den Männern zu, die auf dem Bugspriet saßen: „Ihr da oben, springt! Dann holen wir euch raus!"

Einer nach dem anderen sprang von dem alten Wrack. Hafwen hielt ihre Hand nach draußen, damit sie die Männer ins Boot holen konnten. Kennedy neben ihr half ihr dabei.

Der dritte, der sprang, stellte sich überraschenderweise als eine Frau heraus. Und noch dazu als eine, die sie alle kannten. Die Herzogin oder besser gesagt Katherine Cobham.

„Ich bin unversehrt.", rief sie ihnen zu, bevor sie sie an Bord hievten. Sie hustete, dann fügte sie hinzu: „Der Captain hat sich das Bein gebrochen. Können Sie nicht näher heran rudern?"

„Nein! Dann wären wir alle verloren!"

„Sir, er springt runter!", meldete Matthews.

„Können Sie ihm gar nicht helfen?", wollte die Herzogin wissen. Der Mann ging fast unter und schrie kläglich um Hilfe.

„Oldroyd, werfen Sie ihm ein Tau rüber! Miss Gwyther, Sie kümmern sich um den Mann!", rief Horatio. In dem Moment sprang Hunter ins Wasser. Horatio versuchte, ihn aufzuhalten, aber es war zu spät. Er schwamm zu dem spanischen Captain und schwamm mit ihm im Schlepptau zurück zum Boot.

„Holt Sie an Bord!", rief Matthews.

„Passt auf sein Bein auf!", sagte Hafwen gleich danach zu Oldroyd und Styles.

„Wir haben ihn, Sir!", meldete Oldroyd. Hafwen wandte sich dem Kapitän zu, der sie alle mit Dank überschüttete. Währenddessen holte Horatio Hunter wieder an Bord. Irgendetwas schien nicht so recht geklappt zu haben, jedenfalls war Hunter im nächsten Moment weg.

„Sir, Sie müssen das Bein ruhig halten. Bewegen Sie es so wenig wie möglich, damit der Bruch nicht komplizierter wird. Die Knochen dürfen sich nicht verschieben.", sagte Hafwen in einem ruhigen Tonfall zu ihm.

„Das schaffen wir nicht! Wir müssen hier bleiben, bis der Sturm sich legt!", hörte sie Horatio auf einmal sagen. Na, wunderbar.

„Hat jemand ein gerades Stück Holz und ein Tau, das er nicht mehr braucht?", rief Hafwen. Einer der Matrosen gab ihr ein Ersatzruder und Oldroyd reichte ihr das Tau, das er eigentlich dem spanischen Kapitän herüberwerfen sollte.

„Danke, Jungs!", erwiderte Hafwen. Dann atmete sie tief ein und aus.

„Das ist jetzt nicht so, wie es eigentlich sein sollte, aber es sollte für den Anfang und für unsere Situation reichen.", sagte sie und versuchte, das Bein des Kapitäns möglichst ruhig zu halten, während sie es mit dem Ersatzruder und dem Tau behelfsmäßig schiente. Dann half sie ihm, sich so ins Boot zu legen, dass es mit dem geschienten Bein keine Komplikationen gab.

Kurz danach ging sie wieder zurück an ihren alten Platz. Jetzt, wo sie nicht mehr ruderte, war ihr höllisch kalt. Und sie war todmüde. Sie setzte sich auf die Ruderbank und schlang ihre Arme um ihren Körper.

Sie versuchte, wach zu bleiben, aber ihr fielen immer wieder die Augen zu. Das bemerkte auch Archie irgendwann. Er zog sie an der Schulter leicht nach hinten, sodass sie halb neben ihm saß, halb lag. Hafwen merkte, dass er einen Arm um sie gelegt hatte. Sie wollte eigentlich sofort protestieren. Sie mochte Kennedy zwar wirklich sehr, vielleicht liebte sie ihn sogar, aber so etwas führte auf einem Schiff nur zu Komplikationen.

„Ruh' dich aus, Hafwen.", sagte Archie nur, als sie versuchte, sich wieder aufrecht hinzusetzen. Er hatte ja Recht. Sie war zu erschöpft, um noch irgendetwas zu machen. Und kalt war es auch. Was sollte denn schon groß passieren, außer ein bisschen Gerede? Und das Gerede gab es sowieso, einfach weil sie eine Frau war.

Also lehnte sie sich an Archies Schulter und ließ seinen Arm dort, wo er war. Es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war.