„Sir! Ein Schiff, Sir!"

Hafwen schreckte aus ihrem Schlaf hoch. Dabei weckte sie zwangsläufig Archie mit. Sie hatte erstaunlich gut geschlafen. Das Schaukeln des Bootes war, als würde man in den Schlaf gewiegt werden und außerdem hielt Archie sie warm. Das letzte, was sie mitbekommen hatte, war, dass sie sich zusammengerollt hatte und ihr Kopf auf Archies Brust gerutscht war.

Hafwen rieb sich die Augen und blinzelte durch den Regen auf das Meer. Da war wirklich ein Schiff. Kurz darauf kam Styles angetrampelt.

„Welchen Kurs nimmt es?", fragte Horatio. Die Herzogin lag auch an ihn gekuschelt da. Na, also. Es war sicher kein Problem.

„Dreht bei, Sir!", meldete Styles. Archie schaute sich auch nach dem Schiff um.

„Wacht auf! Alle Mann aufwachen! Alle Mann aufwachen! Wacht auf, Männer! Und rudert! Rudert, Kameraden!", rief Horatio. Hafwen quälte sich zurück an ihr Ruder und begann - noch im Halbschlaf – zu rudern.

„Sir! Das ist verdammt nochmal die Indie!", rief Styles plötzlich. Im Boot brach lauter Jubel aus. Die Männer lachten fröhlich. Sogar Hafwen musste strahlen, als sie die stolze Fregatte sah. Hatten sie ein Glück.

Sie schaute herüber zu Archie. Wahrscheinlich hatte er gerade denselben Gedanken gehabt, denn ihre Blicke trafen sich. Er hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt, trotz des Regens. Er streckte seine Hand aus und Hafwen drückte sie kurz.

Es kam Hafwen wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich bei der Indie waren. Horatio kletterte als Erster an Bord. Danach kam auch die Herzogin an Bord, dann Archie und schließlich Hafwen. Ihre Beine zitterten regelrecht, als sie wieder einigermaßen festen Boden unter den Füßen hatte. Gerade rechtzeitig sah sie die Herzogin in Ohnmacht fallen.

„Schnell unter Deck bringen und den Schiffsarzt rufen! Und die Sachen ausziehen!", rief Captain Pellew. Hafwen zog eine Augenbraue hoch und verschwand mit den Matrosen, die sie aufgefangen hatten unter Deck.

„Jungs, das Ausziehen werde wohl ich übernehmen. Und da ich die Assistentin des Schiffsarztes bin, können Sie mich das gleich machen lassen.", sagte sie. Die beiden nickten und liefen weiter bis zu den Krankenkojen.

„Legt sie hier rein.", meinte Hafwen. Sie legte eine Hand auf ihre Stirn. Nicht besonders warm, wahrscheinlich kein Fieber. In dem Moment schlug sie die Augen wieder auf.

„Miss Gwyther…", murmelte sie und wollte sich wieder aufsetzen.

„Langsam, Euer Gnaden.", sagte Hafwen zu ihr. Dann bemerkte sie ihren Fehler.

„Ähm, tut mir leid. Miss Cobham, meine ich.", berichtigte sie sich.

„Himmel, wie viele wissen denn noch davon?", fragte die Herzogin (oder Schauspielerin) aufgebracht.

„Ich weiß nicht… ich, Kennedy und Hornblower, soweit ich weiß.", antwortete Hafwen.

„Na, schön. Tut mir leid, dass ich immer so herablassend zu Ihnen sein muss, Miss Gwyther, aber das ist nun einmal Teil meiner Rolle. Ich bewundere Ihre Arbeit wirklich sehr, Miss Gwyther. Machen Sie weiter so!", sagte die Herzogin. Hafwen nickte dankbar. Sie konnte ein Lächeln nicht mehr unterdrücken. Das war das erste Mal, dass sie so wirklich für ihre Arbeit gelobt wurde.

„Sie müssen etwas trinken, Euer… ähm, Miss Cobham."

„Wie mir scheint, war Mr. Hornblower Ihnen gegenüber äußerst unfreundlich."

Captain Pellew hielt wieder eine seiner berühmten Ansprachen. Hafwen stand neben Archie und bemühte sich, starr geradeaus zu schauen.

„Er hat den Spaniern sein Ehrenwort gegeben, zu ihnen zurückzukehren. Und mehr als das. Er gab sein Wort für Sie alle. Sein Wort hat für Sie aber keine bindende Wirkung. Es steht Ihnen frei, an Bord Ihres Schiffes bei Ihren Kameraden zu bleiben oder gemeinsam mit Leutnant Hornblower nach Spanien in die Gefangenschaft zurückzukehren."

„Wenn Mr. Hornblower sein Wort gegeben hat, gilt es auch für mich, Sir.", sagte Archie. Hafwen sah mit einem leichten Lächeln zu ihm herüber, bevor sie sich eines besseren besann und wieder nach vorne schaute.

„Hat er für Sie alle gesprochen?", fragte Pellew, während er weiterging. Styles schaute zu Matthews, Matthews zu Oldroyd und Oldroyd erbarmte sich schließlich und antwortete: „Jawohl, Sir."

„Also gut. Mr. Bracegirdle, steuern Sie die Küste an! Und wir segeln weiß, unter Parlamentärsflagge."

„Aye, aye, Sir."

Und kurze Zeit später stiegen sie wieder alle zusammen in ein Boot. Um zurück nach Spanien zu gehen. Hafwen seufzte, als sie wieder in dem Boot saß. Sie warteten nur noch auf Horatio, der sich noch mit der Herzogin unterhielt.

Als sie endlich ablegten, waren Schüsse zu hören. Sie kamen von der Indie. Waren das etwa…?

„Was soll das Geknalle, Sir?", fragte Matthews ein wenig verstimmt.

„Sie schießen Salut für uns, Matthews.", antwortete Horatio. Tatsächlich. Salutschüsse. Für eine kleine, unwichtige Bootsbesatzung, die zurück in die Gefangenschaft ging.

„Viel Glück, Jungs!", rief jemand von der Indie.

Die Spanier schienen es sehr witzig zu finden, dass wirklich alle Gefangenen von der Indie zurückkamen. Sie lachten und verbeugten sich scherzhaft. Aber auch die Jungs von der Indie waren einigermaßen gut gelaunt, jetzt, wo sie die gewohnte Umgebung wiedersahen. Mit einem Seufzen und einem Lächeln quartierten sie sich wieder ein.

Die Tage und Wochen vergingen. Horatio durfte seine Spaziergänge wieder machen und alle anderen durften sich wieder frei im Innenhof des Gefängnisses bewegen. Niemand versuchte, auszubrechen. Immerhin ging es ihnen inzwischen ganz gut hier.

Hafwen hatte außerdem einen Brief bekommen, der ihr eine Gehaltserhöhung versprach. Ihr Sold würde dann zwischen dem eines Fähnrichs und dem eines Leutnants liegen, was für eine Frau ein ziemlich gutes Einkommen war.

Nach einiger Zeit kam Horatio eines Tages zurück in das Gefängnis und verkündete, dass sie jetzt alle gehen durften. Einfach so. Weil sie sich bei der Rettung von Leben verdingt gemacht hatten. Es kam für Hafwen wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber endlich war sie wieder frei.