Hafwen saß mit den Jungs unter Deck bei einem Glas (oder auch mehreren) Branntwein, als Horatio die Treppe herunter gerauscht kam und zwar in seiner neuen, tadellosen Uniform. Sie waren überraschend nach London gerufen worden, zur Admiralität.

Niemand von ihnen bekam Landgang, außer Hornblower, der sich seine neue Uniform kaufen sollte. Und natürlich die Matrosen, die ihn und Pellew an Land bringen mussten.

„Gentlemen, Empfehlung des Captains. Er will die Offiziere in zwanzig Minuten in seiner Kajüte sehen.", sagte er förmlich.

„Wer ist das?" – „Ein neuer?", kamen mehrere Rufe aus der fröhlichen Runde. Archie drehte sich zu allen um, die an dem Tisch saßen.

„Meine Herren, anscheinend haben wir einen Fremden in unserer Mitte.", meinte er mit einem Lächeln. Der ganze Tisch brach in Gelächter aus.

„Oh nein. Ich hab mich geirrt. Es ist Leutnant Hornblower. Von Kopf bis Fuß ein neuer Mann.", sagte er dann und stand auf, um die Uniform zu begutachten, während Horatio verlegen grinste.

„Tja, und nirgendwo ein Flicken.", fügte Archie mit einem Seufzen hinzu.

„Oh ja, so ist es, diensthabender Leutnant Kennedy.", erwiderte Horatio und spielte damit auf Archies Beförderung an. Hafwen konnte ihn trotzdem damit aufziehen, mehr Geld zu verdienen, als er.

„Meine Herren, es scheint als würde Mr. Hornblower den Standard setzen, an dem wir uns von nun an zu messen haben.", verkündete Mr. Bowles.

„Schon gut, schon gut, das reicht jetzt. Danke, Mr. Bowles.", unterbrach Horatio ihn. Archie verschwand, indem er die Treppe heraufging. Hafwen seufzte. Was hatte die Admiralität denn nun vor? Zählte sie zu den Offizieren?

Wahrscheinlich nicht. Sie würde Archie nach der Besprechung ausquetschen müssen.

„Hey, Archie! Archie!", rief Hafwen, als sie ihn über das Deck laufen sah. Archie blieb stehen und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.

„Um was ging es denn? Wo gehen wir hin? Nach Westindien?", wollte sie von ihm wissen.

„Nein, wir… ein paar der königstreuen Franzosen haben ein Heer gebildet und wollen mit diesem Heer die revolutionäre Regierung stürzen.", antwortete Archie zögerlich.

„Ja, und? Was hast das mit uns zu tun?", fragte Hafwen weiter.

„Wir sollen sie nach Frankreich bringen und dann… weiß ich auch nicht so genau. Wir sollen jetzt auf jeden Fall dabei helfen, die Soldaten und die Vorräte an Bord zu bringen.", erwiderte Archie. Hafwen lächelte.

„Gut, ich bin dabei.", sagte sie.

„Aber Captain Pellew…"

„Ach, Unsinn. Ob einer mehr oder weniger hilft, spielt doch auch keine Rolle, oder? Ich will mir das anschauen, Archie, das ist alles.", meinte Hafwen mit einem schiefen Grinsen und machte sich schon auf den Weg, in das Beiboot zu klettern, als Captain Pellew persönlich neben ihr stand.

„Miss Gwyther.", sagte er nur.

„A-Aye, Sir.", erwiderte sie unsicher und schaute entschuldigend zu Archie.

„Ich sehe, dass Sie sich schon auf den Weg machen wollen, um bei dem Übersetzen der französischen Truppen zu helfen, nicht wahr?", fragte er in seinem gleichmütigen Tonfall, bei dem man nie wusste, was er dachte.

„Aye, Sir. Ich habe Mr. Kennedy gefragt, was denn jetzt unser Auftrag sei und er hat mir davon erzählt und da dachte ich, dass ich vielleicht helfen könnte und…"

„Gut, Miss Gwyther. Ich weiß Ihre Eigeninitiative sehr zu schätzen, aber melden Sie es bitte das nächste Mal dem wachhabenden Offizier, wenn Sie das Schiff verlassen. Wir hätten sonst die ganze Indie nach Ihnen durchsucht.", unterbrach er sie. Hafwen warf Archie einen erleichterten Blick zu und lächelte.

„Aye, aye, Sir. Tut mir leid, Sir.", erwiderte sie.

„Gut. Weitermachen, Miss."

Mit diesen Worten verschwand Pellew wieder auf sein Achterdeck. Hafwen sah Archie an und zuckte mit den Schultern.

„Siehst du? Hat sich doch alles von selbst geklärt.", meinte sie nur. Archie versuchte, ernst zu bleiben, musste dann aber doch schmunzeln und schüttelte den Kopf.

„Sie haben einfach nur ein verdammtes Glück, Miss Gwyther.", sagte er gespielt förmlich.

„Styles, Oldroyd, schaffen Sie die Ballen so schnell wie möglich auf das Boot.", sagte Horatio, als er wieder zu ihnen zurückkam.

„Aye, Sir. Wird gemacht, Sir.", erwiderte Styles. Archie und Hafwen standen eigentlich nur herum und sahen zu, wie die Männer die Vorräte verluden. Sie hatten keine andere Aufgabe. Außer die Männer von der Desertation abzuhalten und sie ein wenig zur Eile anzutreiben. Nötigenfalls vielleicht auch ein bisschen zu helfen.

Vom Ende der Straße waren auf einmal Trommeln zu hören und eine ganze Menge Krach. Hafwen, Archie und Horatio drehten sich um. Dort kam eine kleine Armee auf sie zu, in weißen Uniformen. Das mussten die Franzosen sein.

„Froschfresser! Was zum Teufel wollen die hier?", fragte Styles verdutzt, als sie die Männer ankommen sahen.

„Was hältst du von denen, Horatio?", wollte Archie nach einer Weile wissen. Unmotiviert und ein wenig abgerissen. So sahen sie zumindest aus.

„Sie wirken… ein wenig unordentlich.", erwiderte Horatio, um einen diplomatischen Tonfall bemüht.

„Das Wort ,verlottert' trifft es vermutlich besser.", meinte Archie mit einem Schmunzeln. Horatio und Hafwen lachten leise. Den Franzosen folgten englische Soldaten.

„Die Rotröcke, sieh mal an!", rief Oldroyd erstaunt aus.

„Bataillon halt!", rief einer der Franzosen von Weitem. Hafwen konnte diese stechend roten Uniformen nicht ausstehen. Erinnerten sie zu sehr an ihren verstorbenen Mann. Und er hatte ihr das Leben wirklich nicht leicht gemacht.

„Morgen, meine Herren, Major Edrington, Fünfundneunzigstes.", meldete sich einer der Soldaten, der mit einigen Abzeichen dekoriert war. Hafwen musterte ihn neugierig. Er schien ziemlich jung zu sein. Und die Gesichtszüge sahen für ihre Begriffe ziemlich weich aus. Wahrscheinlich ein Adliger, vermutete sie.

„Wer von Ihnen ist mit der Einschiffung meiner Männer auf die Indefatigable betraut?", fragte er in einem barschen Tonfall und warf Hafwen einen kurzen missbilligenden Blick zu. Horatio trat ein paar Schritte vor, Archie folgte ihm in einigem Abstand.

„Leutnant Hornblower, diensthabender Leutnant Kennedy, Sir. Ich werde mich darum kümmern.", antwortete er.

„Ausgezeichnet.", meinte Edrington. Archie sah kurz zu Hafwen und zog eine Grimasse. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, um ein lautes Lachen zu unterdrücken.

„Ihre Männer sehen prachtvoll aus, Major. Fast zu gut für eine Schlacht.", sagte er dann zu dem Major.

„Ach, wirklich? Nun, ich denke für gewöhnlich, je fähiger der Offizier, desto besser geraten die Männer. Zumindest beim Heer.", erwiderte Edrington mit einem herablassenden Gesichtsausdruck. Hafwen verdrehte die Augen. Inzwischen nahmen die Männer Aufstellung. Die Franzosen begannen irgendeinen Sprechchor zu rufen.

Hafwen musterte die Franzosen irritiert, genau wie alle anderen um sie herum. Der General hob seine Hand, um sie zur Ruhe aufzufordern.

„Blöde Froschfresser.", murmelte Styles hinter ihr. Hafwen grinste schief. Der General begann, eine Rede auf Französisch zu halten. Hafwen und Archie sahen noch verwirrter aus, als vorher, während sie versuchten, mit ihrem Spanisch ein bisschen von dem Gesagten zu verstehen. Horatio musste das aufgefallen sein, denn er wandte sich leicht an sie beide und übersetzte.

„Was genau hat der General gesagt?", fragte Major Edrington, bevor Horatio irgendetwas sagen konnte.

„Dass heute ein großer Tag sei, sie auf einem Kreuzzug zur Befreiung ihre geliebten Frankreichs seien. Gemeinsam kämpfen wir… vielleicht bis zum Tod. Aber es ist für die wichtigste Sache auf der Welt. Wir alle gehen… gemeinsam in die Geschichte als Männer ein, die keine Angst hatten, ihr Leben einzusetzen. Für Frankreich.", übersetzte Horatio, während der General weitersprach. Die Franzosen brachen in begeisterte „Vive le roy!"-Rufe aus. Oldroyd begann zu lachen und rief auch laut: „Vive le roy!"

„Was den Männern an Disziplin fehlt, machen sie offenbar durch Begeisterung wett.", meinte Major Edrington.

„Major! Wenn Sie Ihr Gepäck in die Jolle bringen lassen wollen, sorge ich dafür, dass es auf die Indefatigable kommt.", erwiderte Horatio.

„Danke sehr. Aber nebenbei, es wäre angemessener, wenn Sie mich mit Mylord ansprechen wollten. Ich bin nämlich der Earl of Edrington.", sagte er und ritt mit einem pikierten Gesichtsausdruck davon.

„Siehst du, Horatio? Hättest du neben deiner Uniform auch ein Patent käuflich erwerben können, hättest du vielleicht zum Heer gekonnt.", murmelte Archie.

„Eingebildet und arrogant. Ich freue mich darauf, ihn endlich in Frankreich abzusetzen.", meinte Hafwen.

„Himmel, ja!", stimmte Archie ihr zu und seufzte.