Die Indefatigable war geradezu vollgestopft. Überall saßen Männer herum, britische Soldaten, französische Soldaten und die Matrosen, die sowieso schon an Bord der Indie waren. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis sie in Frankreich waren.

Noch dazu würden sie in der Bretagne landen – Hafwen hatte schon viel darüber gehört und wollte insgeheim schon immer einmal dorthin. Und was noch besser war: Sie würde als Ärztin mit an Land gehen dürfen. Sie musste zwar so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen, aber das war die Sache wert.

Alle Seesoldaten und die französischen Soldaten wurden mit Booten übergesetzt. Sie nahmen Aufstellung, als hätten sie nichts Wichtigeres zu tun. Hafwen war dieses Trara schon immer ein Rätsel gewesen.

„Und, Archie? Wie ist das Gefühl, wieder auf dieser Seite des Kanals zu sein?", fragte Horatio. Hafwen brachte gerade ihre medizinische Ausrüstung angeschleppt.

„Ein besseres mit Pistolen und Kanonen zur Hand. Irgendein Transportmittel brauchen wir, um Pulver und Kanonen zur Brücke zu bringen.", meinte Archie.

„Mal sehen, was Colonel Moncoutant so vor hat.", erwiderte Horatio. Hafwen sah, wie die Guillotine auf einen Wagen verladen wurde.

„Reist er eigentlich nie ohne seine Guillotine?", fragte Hafwen ein wenig irritiert.

„Scheinbar nicht.", antwortete Horatio und ging weiter zu Lord Edrington. Hafwen sah sich um und bemerkte, wie ein paar der Franzosen schwimmen gegangen waren.

„Na, die haben ihren Spaß.", meinte sie dann. Archie schmunzelte.

„Eine Runde Schwimmen zur Abwechslung… klingt nicht übel.", erwiderte er dann. Horatio kam gerade wieder zurück zu ihnen.

„Archie, Hafwen, ich habe Styles und Oldroyd losgeschickt, den Mistwagen zu leeren. Könnt ihr das ein bisschen im Auge behalten?", bat er sie.

„Klar.", erwiderte Hafwen nur und ging langsam zu dem Mistwagen.

„Stinkt gewaltig, dieses Zeug! Das hätten die wenigstens leer schaufeln können!", jammerte Styles gerade.

„Styles, hören Sie auf zu meckern.", ermahnte Archie ihn gerade. Eine Ladung Mist landete auf seinen Stiefeln. Styles sah peinlich berührt zu Boden.

„Sie können froh sein, dass Sie die Kanonen nicht den ganzen Weg schleppen müssen, oder?", meinte Archie dann. Styles nickte nur und machte weiter, während Archie seine Stiefel ein wenig abklopfte und weiter ging.

„Vom diensthabenden Leutnant ruckzuck zum Kommandanten eines Mistkarrens befördert. Meine Karriere ist auf einem guten Weg.", sagte Archie mit einem Grinsen im Gesicht.

„Deine Eltern wären stolz auf dich.", meinte Hafwen nur.

„Mr. Hornblower! Da Sie und ich die ranghöchsten Offiziere sind, sollten wir zusammen vorrücken.", warf eine Stimme hinter ihnen ein. Hafwen drehte sich um und sah Edrington, der auf einem Pferd saß. Einer der Seesoldaten hatte ein gesatteltes Pferd dabei. Archie und Hafwen sahen sich schmunzelnd an und brachen dann in Gelächter aus.

„Kommen Sie! Oder reisen Sie lieber im Mistkarren?", fragte Edrington. Archie, Horatio und Hafwen warfen dem Mistwagen einen abwägenden Blick zu, bis Horatio sich endlich überwand und zu dem Pferd ging.

Er stellte einen Fuß in den Steigbügel und versuchte, auf das Pferd zu kommen, was ihm unmöglich war, da das Pferd mit ihm im Kreis lief. Da war er nun, der britische Marineoffizier und hüpfte auf einem Bein im Kreis, während er versuchte, auf ein Pferd zu steigen.

„Ich ahne, weshalb Sie zur Marine gegangen sind.", bemerkte Edrington nur. Horatio warf Archie und Hafwen einen gequälten Blick zu. Die beiden grinsten ihn an und versuchten, ein Lachen zu unterdrücken.

Dann kletterten Hafwen und Archie zusammen mit Matthews auf den Mistwagen. Sie mussten ziemlich eng zusammenrücken, damit sie alle drei Platz hatten. Glücklicherweise ging es auch schnell los.

„Geht's dir gut da oben, Matthews?", fragte Styles nach einer Weile. Hafwen und Archie lachten leise.

„Sieht aus, als würden wir ein wenig Urlaub in der schönen Bretagne machen, nicht wahr?", meinte Hafwen. Archie nickte und lächelte. Die Brücke kam schon in Sicht. Sie hielten an, um weitere Befehle abzuwarten.

Horatio, der nicht wirklich mit dem Pferd zurechtkam, schaffte es irgendwie, sich zu ihnen umzudrehen.

„Mr. Kennedy, lassen Sie die Kanonen so aufstellen, dass sie einen Angriff von Süden abdecken. Die Pulverfässer bringen wir an, wenn ich aus dem Dorf zurück bin.", sagte Horatio.

„Aye, aye, Mr. Hornblower.", erwiderte Archie. Dann wandte er sich an Mathews.

„Sie haben gehört, Matthews."

„Aye, aye, Sir."

Hafwen sprang vom Wagen ab und hängte sich ihre Tasche um. Dann half sie den Jungs beim Entladen des Mistwagens. Es würde wahrscheinlich noch genug Zeit bleiben, um es sich gemütlich zu machen.

Bis Horatio aus dem Dorf zurück war, konnte es noch ein ganzes Stück dauern. Und den Mistwagen zu entladen durfte ja nicht so lange dauern.

Hafwen hatte es seit Ewigkeiten das erste Mal wieder gewagt, in einem Baum zu klettern. Sie konnte sich noch vage daran erinnern, früher viel geklettert zu sein, als sie noch in Wales gelebt hatte. Danach war sie nach Liverpool gekommen, zu ihrer Adoptivfamilie.

Ihre Adoptivmutter wollte immer etwas Besseres für sie und versuchte daher, sie zu einer gesellschaftstauglichen Dame zu erziehen – ohne Erfolg. Nachdem sie gestorben war, wurde Hafwen mit einem General verheiratet, der sehr viel älter war, als sie. Besonders gut behandelt wurde sie von ihm nicht.

Als er dann starb – an Herzversagen, wie man bei der Obduktion herausfand – hatte sie auch nicht viel Zeit, um in Bäume zu klettern. Sie baute in relativ kurzer Zeit die medizinische Grundausbildung, die sie von ihrem Adoptivvater bekommen hatte, aus und ging dann als Assistentin von Doktor Hepplewhite an Bord der Justinian.

Heute war das erste Mal seit Jahren, dass Hafwen wieder in den Ästen eines Baumes saß und einfach nur die Sonne und die frische Luft genoss. Und Archie mit kleinen Zweigen bewarf. Das erste Mal reagierte er nicht. Wahrscheinlich dachte er, dass der Zweig einfach so abgebrochen und heruntergefallen war. Beim zweiten Mal drehte er sich um und entdeckte nach kurzem Suchen Hafwen in dem Baum.

„Überlegen Sie sich, was Sie tun, Miss Gwyther. Ich bin immer noch Ihr Vorgesetzter.", rief Archie ihr mit einem Grinsen zu.

„Nun, Mr. Kennedy, da ich immer noch mehr verdiene, als Sie, ist das noch nicht ganz geklärt.", erwiderte Hafwen mit einem spitzbübischen Lächeln. Archie verzog gespielt den Mund, dann schmunzelte er.

„Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze, Miss Gwyther?", fragte Archie.

„Ich bitte darum, Sir.", erwiderte Hafwen. Mit einem schiefen Lächeln kletterte Archie behände auf den Baum und setzte sich neben Hafwen.

„Und jetzt…", begann er und brach einen kleinen Zweig ab, „… suchen wir uns ein lohnenderes Ziel. Zum Beispiel… Styles."

„Aber Mr. Kennedy!", empörte Hafwen sich gespielt und beobachtete, wie er den Zweig auf Styles warf. Sie warf gleich einen hinterher. Die beiden warteten gar nicht erst, bis Styles sich zu ihnen umgedreht hatte, sie bewarfen ihn einfach weiter mit Zweigen.

„Was soll das denn werden, Sir? Und Miss?", fragte Styles, als sie das Bombardement leicht eingestellt hatten.

„Nichts, Styles. Machen Sie einfach weiter, was auch immer Sie gerade machen wollten.", antwortete Archie und schmunzelte. Styles schüttelte den Kopf und ging zu Oldroyd und Matthews.

„Hoffen wir mal, dass unsere Autorität jetzt nicht gefährdet ist.", meinte Hafwen nur und lachte. Archie lächelte, schaute aber konzentriert in die Ferne. Dann sah er wieder zu ihr.

„Es tut mir leid, Sie schon so früh verlassen zu müssen, Miss Gwyther, aber ich sehe Mr. Hornblower dort hinten, zusammen mit Major Edrington und es sieht ganz danach aus, als würden wir gleich mitgeteilt bekommen, wo wir die Pulverfässer anbringen sollen.", sagte er. Danach sprang er von dem Baum und ging zu Horatio.

Hafwen ging nach einiger Zeit zu Archie, der auf der Brücke stand und beobachtete, ob die Männer die Pulverfässer richtig platzierten.

„Was hat er gesagt?", wollte Hafwen wissen.

„Wir sollen die Position an der Brücke auf jeden Fall halten. Das heißt, wenn die Invasion nicht klappt, dann sprengen wir die Brücke und sind von der Indie abgeschnitten.", antwortete Archie mit einem bitteren Unterton.

„Was? Aber das… das heißt ja, dass wir… heißt das, dass wir hier alle sterben müssen?", fragte Hafwen.

„Vermutlich, ja.", erwiderte Archie bitter. Nach einiger Zeit kam Matthews dazu.

„Bitte um Verzeihung, Sir. Alles in Ordnung bei Ihnen, Sir?", fragte er.

„Ja, bestens. Bestens. Danke, Matthews.", antwortete Archie mit einem falschen Lächeln. Matthews verschwand wieder.

„Das stimmt doch nicht, Archie. Irgendwas ist los und ich kann mir ziemlich gut denken, was es ist. Ich würde auch lieber auf See sterben, als in einem feindlichen Land, von dem ich nicht einmal die Sprache kenne.", erwiderte Hafwen. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. Archie sah sie an und versuchte, beruhigend zu lächeln, brachte aber kein falsches Lächeln mehr zustande. Er sah wieder weg.

„Ich habe gehört, einer der Franzosen hat eine spanische Gitarre dabei. Die Jungs sitzen alle an einem kleinen Lagerfeuer und essen etwas. Wollen wir uns vielleicht dazu setzen? Dann kommst du auf andere Gedanken.", schlug Hafwen vor. Sie wartete Archies Antwort gar nicht erst ab, sondern schob ihn vorwärts, bis er freiwillig mitging.

„Mr. Kennedy, Sir!", rief Styles erschrocken aus, als er die beiden auf sich zukommen sah.

„Ruhig, Styles. Machen Sie einfach weiter.", meinte Archie. Matthews sah zu dem Franzose mit der Gitarre und dann zu Oldroyd und Styles.

„Sir, wollen Sie und Miss Gwyther nicht einmal etwas Spanisches für uns tanzen?", schlug er mit einem leichten Grinsen vor.

„Oh nein, nein, nein.", wehrte Archie ab. Hafwen zuckte mit den Schultern.

„Von mir aus.", meinte sie nur. Matthews lachte kurz auf.

„Na dann, Miss Gwyther. Hey, du, spiel uns etwas Spanisches!", forderte er den Franzosen auf. Der nickte nur mit einem Lächeln. Hafwen versuchte sich an die Tänze der wenigen spanischen Damen aus Liverpool zu erinnern.

Sie raffte ihren Rock leicht und tanzte ein paar lebhaftere Flamenco-Schritte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Matthews versuchte, Archie auch zum Tanzen zu überreden. Irgendwann schüttelte er nur genervt den Kopf und stand auf.

Er kam auf sie zu und nahm ihre Hand. Mit den Lippen formte er lautlos das Wort ,Hilfe'. Hafwen lächelte nur und drehte sich schnell um ihre eigene Achse, um dann ein paar Schritte von Archie wegzugehen. Sie raffte ihren Rock leicht und ging wieder auf ihn zu, bis sie so neben ihm stand, dass sie beide in andere Richtungen sahen. Sie verschränkte ihre Hand mit seiner und beide liefen in einem Kreis und sahen sich an.

Archie wurde langsam mutiger und zog sie zu sich heran oder drehte sie ein. Hafwen wusste nicht, ob es Absicht war, aber die spanischen Tänze waren wirklich ziemlich sinnlich. Es machte sie ein klein wenig nervös, Archie so nahe zu sein. Aber es machte ihr nichts aus, genauso wie es Archie selbst nichts auszumachen schien.

Nach einer Weile hörte der Franzose auf, zu spielen. Hafwen stellte sich auf die Zehenspitzen und verbeugte sich mit einem breiten Grinsen tief. Die Männer pfiffen und johlten.

Und Archie hielt immer noch Hafwens Hand.