Der nächste Morgen verlief schon nicht mehr so ruhig. Der erste Widerstand trat auf. Es fielen Schüsse. Hafwen hatte gerade ihr Frühstück beendet, als es losging. Jetzt hatte sie sich ein klein wenig hinter die Kanonen zurückgezogen, um die Verletzten so schnell wie möglich zu behandeln, während Archie Befehle gab.

„Nachladen! Schnell!"

Die französischen Soldaten fielen um wie die Fliegen.

„Feuer! Nachladen und einen Strich steuerbord!"

„Sir, wir können gar nichts sehen, Sir.", erwiderte Matthews daraufhin.

„Sie tun, was ich sage!"

Kurz darauf kam Hornblower angerannt, zusammen mit Major Edrington. Oder Lord Edrington besser gesagt. Hafwen war gerade schon wieder einer der Männer gestorben. Sie konnte meistens nicht mehr viel für sie tun.

„Archie, wo sind sie? Auf wen schießt ihr?", fragte Horatio. Archie war damit beschäftigt, Befehle zu geben, deswegen bekam er gar nicht mit, dass Horatio mit ihm geredet hatte.

„Archie! Mr. Kennedy! Lage melden!", rief Horatio.

„Sir! Feindliches Musketenfeuer vom anderen Ufer. Sie… sie haben uns überrascht. Es kam aus heiterem Himmel.", meldete Archie. Ein paar Splitter kamen geflogen. Alle schrien durcheinander, bis man nur noch hörte, wie Horatio rief: „Feuer einstellen!"

Nachdem Archie, Horatio und Edrington kurz miteinander geredet hatten, kam Archie auf sie zu. Hafwen wischte sich ihre blutigen Hände an einem Tuch ab.

„Was ist los?", wollte sie von Archie wissen.

„Wir müssen uns neu formieren. Wir müssen auf jeden Fall die Position an der Brücke halten. Wie viele Verletzte hast du?", fragte er.

„Zwei. Alle anderen sind tot oder noch nicht bei mir angekommen.", antwortete Hafwen. Archie nickte.

„Gut. Wir stellen uns direkt hinter der Brücke auf.", sagte er ein wenig außer Atem.

„Alles klar. Braucht ihr Hilfe? Ich kann den meisten hier sowieso nicht helfen. Wer ein paar kleinere Schutzwunden hat, der kommt sowieso erst nach dem Gefecht. Und die mit den größeren Wunden sterben mir meistens weg.", erwiderte sie.

„Du wirst keine Geschütze abfeuern. Oh nein. Das ist viel zu gefährlich.", meinte Archie nur. Hafwen zog eine Augenbraue nach oben.

„Und wie willst du mich davon abhalten?", entgegnete Hafwen. Archie schüttelte nur den Kopf und ging weiter.

Hafwen hatte es schließlich doch geschafft, Archie dazu zu überreden, direkt an vorderster Front zu bleiben. Horatio kam gerade zu ihnen herüber gerannt. Sobald er den Schutz der Holzplanken verließ, feuerten die Franzosen vom anderen Ufer ohne Unterlass.

„Archie! Noch nichts von der Artillerie zu sehen?", fragte er, sobald er angekommen war. Archie schüttelte den Kopf.

„Nein, noch nicht."

Horatio sah kurz zu Hafwen herüber, dann meinte er: „Ich erkunde an der Furt die Lage des Majors."

Er wollte schon losgehen, als Archie sich zu ihm umdrehte.

„Ähm, Horatio?", fragte er. Hafwen bekam mit, dass das Gespräch nicht für ihre Ohren bestimmt war und tat, als würde sie sich angeregt an der Unterhaltung der anderen Matrosen beteiligen. Aber sie hörte trotzdem alles mit.

„Als sie anfingen zu schießen, hatte ich panische Angst. Ich wusste es, aber ich konnte es nicht verhindern. Es ging einfach alles so schnell, weißt du?", sagte Archie.

„Ich denke, so ist es uns allen ergangen.", erwiderte Horatio eindringlich.

„Aber ein Offizier, auch wenn er nur diensthabender Leutnant ist, darf niemals in Panik geraten."

„Archie, du hast vom Feind nichts zu befürchten."

„Sie wollen uns töten, Horatio."

„Natürlich wollen sie das! Aber ihre Kugeln sind keine Bedrohung für uns. Auf diese Entfernung, da treffen die doch nicht mal ein Scheunentor. Wenn du einfach ruhig bleibst und den Kopf immer unten behältst, können sie dir überhaupt nichts anhaben."

„Ja."

„Also gut."

Horatio verschwand und Archie atmete tief durch. Dann sah er zu Hafwen. Sie lächelte nur ein wenig, um so zu tun, als hätte sie nichts gehört.

„Du hast mitgehört, oder?", wollte Archie wissen. Hafwen überlegte, ob sie alles abstreiten sollte, entschied sich aber dagegen.

„Ach, Archie…", sagte sie nur und nahm seine Hand.

„Hast du keine Angst, zu sterben?"

„Doch, natürlich habe ich das. Es ist nur so… ich… wie soll ich das sagen?"

„Du hängst nicht besonders an diesem Leben?", schlug Archie vor. Hafwen seufzte.

„Wenn du es so ausdrücken willst. Ich meine… früher oder später ist es sowieso vorbei, nicht wahr? Warum also nicht früher? Es könnte mir einen Haufen Leid ersparen.", meinte sie bitter.

„Du vergisst dabei nur, dass das Leben nicht nur aus Leid besteht.", erwiderte Archie. Hafwen nickte leicht.

„Von den wenigen Freuden, die ich im Leben haben könnte, verdiene ich aber keine einzige, Archie. Deswegen würde es mir nichts ausmachen, mein Leben zu verlieren. Aber vor dem Sterben habe ich auch Angst, glaub mir.", gab Hafwen zu.

„Was soll es heißen, du verdienst es nicht?", wollte Archie wissen. Hafwen schüttelte nur den Kopf.

„Du würdest nicht einmal mehr mit mir reden wollen, wenn du den Grund dafür wüsstest. Ich würde vermutlich dafür hängen, wenn jemand es herausfindet, ich…"

An der Stelle wurde Hafwen unterbrochen und zwar von Archies Lippen auf ihren. Hafwen bekam zuerst gar nicht wirklich mit, was passierte. Es dauerte eine scheinbare Ewigkeit, bis sie realisiert hatte, dass Archie, Archie Kennedy, sie gerade küsste.

„Dann sag es auch nicht.", meinte er, als er sich wieder von ihr löste. Hafwen sah ihn ungläubig an und schaute dann nervös zu Styles, Matthews und Oldroyd. Die hatten nichts bemerkt, da sie gerade damit beschäftigt waren, einen Hut auf einem Stock zu platzieren, um die Position eines französischen Schützen auszumachen.

„Was…?", fragte Hafwen verwirrt, als sie sich wieder an Archie wandte. Im nächsten Moment wurde das Geschütz abgefeuert. Kurz danach sprang Oldroyd auf und rief fröhlich: „Erwischt! Erwischt, du Froschfresser!"

Einer der Franzosen sprang auch auf, direkt vor Oldroyd. Bevor er auch nur zum Jubeln ansetzen konnte, durchbohrte eine Kugel seinen Kopf. Er fiel tot zu Boden und riss Oldroyd mit. Archie fluchte leise und rannte zu den Jungs. Hafwen folgte ihm.

„Mann, Feuer einstellen! Vergeuden Sie doch kein Pulver!", sagte er zu Matthews. Der angeschossene Franzose röchelte, während Oldroyd unter ihm hervorkroch. Hafwen sah sich seine Wunde an. Ein sauberer Kopfschuss, da konnte sie nicht mehr viel machen.

Hafwen schüttelte den Kopf, als sie Archies fragenden Blick sah. Archie sah wieder seufzend zu Matthews.

„Der Mann ist in ein paar Sekunden tot.", murmelte Hafwen.

Gegen Nachmittag wurden immer mehr Schüsse abgefeuert. Hafwen und den anderen blieb nichts anderes übrig, als sich hinter den Holzpfählen zu verstecken und abzuwarten. Das Warten zehrte an den Nerven.

Ab und an flogen Splitter durch die Gegend, die ein paar schmerzhafte Schnitte und Aufschürfungen hinterließen, aber ansonsten passierte nichts weiter. Als wieder einmal ein paar Schüsse fielen, schrie Oldroyd vor Schmerz auf. Auch Matthews und Archie bekamen Splitter ab. Hafwen zog sich gerade ein Stück Holz aus ihrem Arm, als Oldroyd plötzlich durchzudrehen schien.

„Ihr wollt kämpfen, ja? Ist es das, was ihr wollt?", rief er und sprang mit seiner Pistole in der Hand auf. Archie sprang auf und zog ihn an den Schultern wieder nach unten, gerade, als die Franzosen wieder zu schießen anfingen.

„Sie müssen einen klaren Kopf behalten, sonst verlieren Sie ihn, verstanden?", fragte er. Oldroyd antwortete nicht.

„Ob Sie das verstanden haben, Oldroyd?", wiederholte Archie. Oldroyd nickte schnell.

„Na, bestens.", meinte Archie dann etwas ruhiger. Er ließ Oldroyd los und kroch wieder zu Hafwen herüber. Sie schnippte den blutigen Holzsplitter von sich weg.

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?", fragte Archie sie leise. Hafwen sah ihn kurz fragend an und zuckte dann mit den Schultern.

„Ich bin doch nicht ruhig.", erwiderte sie.

„Doch! Du hast die ganze Zeit über nicht einmal mit der Wimper gezuckt, sondern hast einfach deine Arbeit gemacht, als würdest du jeden Tag unter Beschuss stehen.", meinte Archie. Hafwen lächelte schief.

„Das sieht nur so aus. Was soll ich denn auch machen? Mir bleibt nichts anderes übrig, als hierzubleiben, oder?", sagte sie mit einem Schulterzucken. Hafwen wusste nicht, warum, aber sie hatte noch gar nicht über ihre Situation nachgedacht. Sie wartete einfach nur ab, was passierte. Wenn sie anfangen würde, darüber nachzudenken, würde sie wahrscheinlich verrückt werden.

Archie sah sie lächelnd an und strich ihr eine widerspenstige rötliche Locke aus dem Gesicht. Der Beschuss hatte im Moment aufgehört.

„Wir hätten doch nach Westindien segeln sollen.", meinte Oldroyd plötzlich.

„Hab ich dir schon mal gesagt. Das Gelbfieber, der Typhus… Nein!", entgegnete Styles und gab Oldroyd einen freundschaftlichen Klapps auf den Kopf.

„Da haben wir's hier noch ganz gut, hä?", fügte er dann hinzu.

„Sir, das müssen Sie sich ansehen.", meinte Matthews plötzlich. Er und Archie standen auf, kurz darauf auch Styles und Hafwen. Archie lächelte erleichtert.

„Seht nur! Die Rotröcke sind im Anmarsch!", sagte Matthews fröhlich. Alle lachten erleichtert auf.

„He, Oldroyd!", rief Styles und Oldroyd stand auch langsam auf. In der Ferne sahen sie Lord Edrington, der mit einem Trupp Männer die Brücke überquerte.