Hafwen stand neben Archie und beobachtete, wie die französischen Soldaten zurückkamen. Der Colonel war wohl nicht mehr ganz bei Sinnen, deswegen hatte Edrington kurzerhand die Befehlsgewalt übernommen.
„Die lassen sich so schnell nicht mehr blicken, schätz ich.", meinte Matthews.
„Ich hätte nichts dagegen.", stimmte Styles ihm zu. Archie sah die Franzosen mit einem verachtenden Blick an.
„Sieht aus, als hätten die Emigranten genug, Mylord.", sagte Archie zu Edrington, der sich ihnen näherte. Hafwen blinzelte ihn an.
„Es mangelt ihnen vielleicht an Disziplin, Mr. Kennedy, doch sie sind nicht feige. Sie werden das Dorf verteidigen.", erwiderte Edrington.
„Aber hält es stand, Mylord?", wollte Archie wissen. Das Dorf verteidigen? War das sein Ernst?
„Vielleicht. Eine Weile. Mr. Hornblower ist jetzt dort und organisiert die Verteidigung. Aber als befehlshabender Offizier fürchte ich, dass wir nicht mehr viel für diese Menschen tun können.", antwortete Edrington.
„Wollen Sie den Rückzug antreten?"
„Jawohl. Auch wenn ich es bedauerlich finde. Wir graben am anderen Flussufer eine Stellung aus. Ihre Männer sollen sich zur Sprengung der Brücke bereit machen."
„Jawohl, Mylord.", erwiderte Archie.
„Gut."
„Und was wird aus Mr. Hornblower, Mylord?"
„Wir geben ihm so viel Zeit, wie wir können. Hoffen wir nur, er lässt auch weiterhin jegliche Vorsicht walten.", meinte Edrington und ritt davon. Archie sah ihm zweifelnd nach.
„Was hat er nur ständig in diesem Dorf verloren?", murmelte Hafwen. Archie lächelte sie an.
„Ich glaube, er hat dort ein Mädchen.", erwiderte er.
„So…", sagte Hafwen nur, schaute sich schnell um und küsste Archie kurz, damit auch niemand etwas davon mitbekam.
„Wie gut, dass du hier bist.", meinte sie dann und folgte Styles, Matthews und Oldroyd, um die Sprengung der Brücke vorzubereiten.
An der Brücke lief alles etwas planlos ab. Niemand wusste so richtig, was genau er tun sollte und wie denn jetzt der Plan ausssah.
„Ähm… nehmen wir die Kanonen mit, Sir?", fragte Matthews Archie.
„Nein, das dauert zu lange. Nur sichern und die Seite wechseln.", antwortete der schnell.
„Aye, aye, Sir.", erwiderte Matthews.
„Mr. Kennedy, Sir. Was machen wir, wenn die zur Brücke kommen?", fragte Styles.
„Wie der Major befohlen hat: in die Luft sprengen."
„Gut, Sir. Und was dann?"
„Dann, Styles, ziehen wir uns an die Küste zurück und äh… hoffen mal das Beste.", meinte Archie nur und verschwand wieder. Oldroyd, Matthews, Styles und Hafwen sahen sich an. Oldroyd atmete tief ein und aus und machte dann mit der Arbeit weiter.
„Miss Gwyther, wenn sie erlauben, wir werden hier schon alleine fertig. Gehen Sie ruhig zu ihm. Ich glaube, er braucht Sie mehr, als wir.", meinte Matthews.
„Ich glaube, Sie haben recht, Matthews…", murmelte Hafwen geistesabwesend und sah ihn gleich darauf eindringlich an.
„Kein Wort zu niemandem, Matthews. Ich warne Sie.", flüsterte sie leise. Matthews nickte mit einem Lächeln auf den Lippen und salutierte kurz. Hafwen nickte ihm zu und ging Archie hinterher.
„Hey! Hey, Archie!", rief sie. Er drehte sich um und lief etwas langsamer, bis sie ihn eingeholt hatte.
„Was ist los, Archie? Meinst du nicht, dass die Indie uns wieder mitnimmt?", wollte sie von ihm wissen. Er schüttelte nur den Kopf.
„Die Indie ist an ihre Befehle gebunden. Und ich glaube nicht, dass die Admiralität auf ein paar einfache Leutnants Rücksicht nimmt.", antwortete Archie.
„Wir werden die Brücke sprengen müssen, oder?", fragte Hafwen weiter. Archie blieb stehen und drehte sich um. Matthews und Styles hatten gerade irgendetwas gezündet. Sie kamen schnell auf sie zugerannt, während schon die ersten Explosionen zu hören waren.
„Himmel…", murmelte Hafwen leise und beobachtete das Schauspiel mit großen Augen.
„Kanonen gesichert, Sir. Vorsichtshalber haben wir die Schildzapfen gesprengt.", meldete Matthews.
„Gut gemacht, Matthews.", erwiderte Archie ein wenig perplex.
„Mr. Kennedy! Ist das Pulver vorbereitet?", rief auf einmal Edrington hinter ihnen. Sie drehten sich alle zu ihm und seinen Männern um.
„Jawohl, Sir.", entgegnete Archie ein wenig verärgert.
„Dann legen Sie die Lunten. Seien Sie so gut.", befahl er.
„Aye, aye, Sir.", sagte Archie. Er sah erschöpft und müde aus, und auch ein klein wenig besorgt. Er wandte sich Matthews zu.
„Lunten legen.", gab er den Befehl des Majors kraftlos weiter.
„Was ist denn nur los mit dir, Archie?", fragte Hafwen ihn erneut. Sie machte sich ernsthafte Sorgen um ihn. Normalerweise hatte er immer ein Lächeln auf den Lippen. Aber heute schien ihn nichts aufheitern zu können.
„Ich mache mir Sorgen um Horatio. Er ist… nun ja, er ist mein bester Freund.", sagte er leise. Hafwen nickte und nahm Archies Hand.
„Er wird es schon schaffen, Archie. Horatio schafft alles, so wie ich ihn kenne.", erwiderte sie. Archie sah zu ihr herunter und lächelte müde. Dann kam Matthews angerannt.
„Alles bereit, Matthews?", wollte Archie wissen.
„Aye, aye, Sir.", erwiderte Matthews und reichte Archie die Lunte.
„Ich glaube, wir denken dasselbe, Mr. Kennedy.", sagte Major Edrington, als Matthews verschwunden war.
„Aber vielleicht könnten wir noch einen kleinen Moment warten, Mylord."
„Möglicherweise überrascht uns Mr. Hornblower ja noch."
„Aye, Sir. Falls er noch lebt.", meinte Archie mit einem Seufzen. Hafwen und Archie beobachteten die Brücke weiter. Es passierte nichts. Rein gar nichts. Die Stille war nahezu unerträglich. Mit einem leisen Seufzen schaute Archie zu Major Edrington. Der nickte nur.
Mit einem erneuten Seufzen zündete Archie die Lunte. Es schien quälend langsam voran zu gehen und Edrington drängelte schon. Matthews bot an, die Lunte für Archie zu zünden. Nach kurzem Überlegen ließ Archie sich dazu überreden.
Matthews zündete die Lunte schnell. Das Feuer bahnte sich seinen Weg immer weiter, bis über die Brücke.
„Horatio…", murmelte Archie plötzlich. Hafwen schaute zu der Brücke. Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf. Dort kam Horatio Hornblower, lebend und mit einer hübschen, jungen Frau. Die Seesoldaten legten schon die Gewehre an, um zu schießen.
„Nein! Nicht schießen!", rief Archie, „Wartet noch einen Moment!"
Plötzlich hörten sie alle einen Schuss. Einer der Franzosen trat hinter einem Baum hervor. Das Mädchen schrie kurz auf und sackte dann zusammen.
„Geben Sie Deckungsfeuer!", befahl Edrington seinen Männern. Horatio hatte das Mädchen auf den Boden gelegt und hatte sich über sie gebeugt.
„Archie! Sie ist tot.", sagte Hafwen leise zu ihm. Archie sah sie an und nickte. Er rannte los. Es sah nicht aus, als wäre Horatio willens, sie allein zu lassen. Aber es hatte keinen Zweck mehr. Das Mädchen war tot.
„Mr. Kennedy!", versuchte Edrington, ihn zurückzuhalten. Hafwen hatte die Hände gefaltet und hielt sie sich vor den Mund. Sie betete und hoffte, dass den beiden nichts passieren würde, vor allem Archie nicht.
Hafwen sah, wie Archie mit ihm redete und versuchte, ihn zu beruhigen. Horatio ließ langsam von ihr ab und stand auf. Die beiden kamen wieder zurückgerannt, als hinter ihnen schon die ersten Pulverfässer explodierten.
Die beiden kamen atemlos, aber einigermaßen in einem ganzen Stück auf der anderen Seite an. Alle sahen ehrfürchtig, wie sich der Rauch der Explosion verflüchtigte.
„Das sollte sie eine Weile aufhalten. Mr. Kennedy, wir werden uns an die Küste zurückziehen und dort Stellung beziehen.", meinte Edrington nach einer Weile.
„Aye, aye, Mylord.", erwiderte Archie benommen. Der Major gab seinen Männern Befehle, dann holte er Archie zu sich heran.
„Mr. Kennedy. Passen Sie gut auf ihn auf. Ja, Sir?", meinte er leise.
„Klar.", erwiderte Kennedy und wandte sich dann von dem Major ab. Hafwen folgte den anderen Männern. Die beiden schienen nicht verletzt zu sein und es sah aus, als wollte Archie lieber einen Moment allein mit Horatio haben.
