Es war vielleicht eine der besten Nachrichten in ihrem Leben, als Hafwen hörte, dass sie zusammen mit Horatio, Archie und den Jungs auf die Renown unter Captain James Sawyer versetzt wurde. Der Mann war ein Held. Unter ihm dienen zu dürfen war eine Ehre und Hafwen konnte fast nicht glauben, dass ihr als Frau so eine Ehre überhaupt zustand.
Aber es sollte sich schnell zeigen, dass es ihr auf der Indie besser ergangen wäre. Captain Sawyer hatte ein kleines Problem mit arbeitenden Frauen. Generell schien er ein kleines Problem zu haben. Sie wurde in die Krankenstation verbannt.
Selbst dort durfte sie nur kleinere Verletzungen und Krankheiten behandeln. Sie durfte keine seemännischen Arbeiten mehr machen und sie durfte auch nicht an Deck gehen. Nicht während des Tages zumindest. Nur nachts – wenn fast niemand mehr dort war, den sie irgendwie stören konnte. Es war die Hölle.
Alles begann mehr oder weniger im Ärmelkanal. Die Renown war in einen ziemlichen Sturm geraten. Hafwen war gerade an Deck gegangen, um wenigstens ein bisschen frische Luft zu schnappen. Sie hatte sich zu Archie gesellt, der einigermaßen im Trockenen stand. Horatio kam gerade auf sie beide zugelaufen.
„Wir tragen zu viel Segel, Archie.", sagte Horatio. Dann sah er zum ersten Offizier.
„Mr. Buckland! Wir sollten noch ein Segel reffen!", meinte er.
„Sie sind der wachhabende Offizier, Mr. Hornblower. Es ist Ihre Entscheidung.", erwiderte Buckland nur. Er war schon die ganze Zeit so unentschlossen gewesen. Es machte so gut wie jeden von ihnen wahnsinnig.
„Mr. Wellard! Meine Empfehlung an Captain Sawyer. Machen Sie Meldung, wir sind im Begriff, Segel zu reffen.", befahl Hornblower einem jungen Fähnrich. Henry Wellard war ein blasser, zarter Junge. Er tat Hafwen meistens einfach nur Leid, vor allem da Captain Sawyer es auf ihn besonders abgesehen hatte.
„Aye, aye, Sir.", erwiderte Wellard.
„Matthews! Alle Mann rauf, Großmarssegel doppelt reffen!", befahl Horatio. Hafwen hatte ihre Hand mit Archies Hand verschränkt. Das Ganze blieb dank der langen Ölsachen unbemerkt.
„Aye, aye, Sir."
Matthews pfiff alle Mann. Wenn Captain Sawyer jetzt heraufkam, würde es wohl ein riesiges Donnerwetter für Hafwen hageln, aber sie entschied sich dafür, hier zu bleiben. Solange sie die Zielscheibe des Zornes des Captains war, konnte es niemand anders sein, richtig?
Die Männer kletterten in die Takelage. Das war bei diesem Wetter und diesem Seegang verdammt gefährlich, aber es musste nun einmal sein. Hafwen wäre liebend gerne selbst hinaufgeklettert, aber so viel durfte sie nicht wagen. Nicht bei Captain Sawyer.
Sie schaute sehnsüchtig zu den Rahen, als sie bemerkte, wie ein junger Matrose den Halt verlor. Einer der Männer hielt ihn fest, sodass er nicht fiel.
„Archie! Der arme Junge. Der wird früher oder später fallen, wenn das so weitergeht.", sagte sie leise zu ihm. Archie strich ihr mit einem beruhigenden Lächeln über die Wange, als plötzlich Captain Sawyer an Deck kam, gefolgt von einem aufgeregten Wellard. Hafwen und Archie zuckten zusammen und sahen starr geradeaus.
„Captain Sawyer, Sir! Ich gab Befehl, das Großmarssegel doppelt zu reffen.", meldete Horatio dem Captain.
„Hab ich gehört, Mr. Hornblower. Ihre alleinige Entscheidung?", fragte Sawyer.
„Jawohl, Sir.", erwiderte Horatio.
„Mr. Buckland! Sie sind der First Lieutenant. Lautet meine grundsätzliche Order, dass der wachhabende Offizier Meldung zu machen hat, bevor er Segel refft, oder nicht?"
„Sir, ich…", begann Buckland.
„Sir? Das ist keine Antwort. Lautet sie so oder nicht?"
„Ja, Sir. So lautet sie, Sir.", erwiderte Buckland.
„Mr. Hornblower?"
„Mit Verlaub, Sir, Ihre Order lautet, Sie zu informieren, wenn wir die Segel reffen, Sir.", sagte Horatio. Man hörte, dass er wütend wurde.
„Jetzt geben Sie nicht den Anwalt auf See, Sir. Ahoi, Geschützoffizier! Mr. Hobbs."
„Sir?", erwiderte Hobbs kurz und knapp.
„Hatten Sie je die geringste Schwierigkeit, meine Befehle zu verstehen?"
„Nein, selbstverständlich nicht, Sir!"
„Also, da sehen Sie es. Ein Geschützoffizier versteht meine Befehle ohne Probleme. Was sagen Sie nun?"
„Ich bitte um Verzeihung. Das muss ich wohl missverstanden haben, Sir."
„Sie haben ausgezeichnete Männer in Ihrer Abteilung, nicht wahr? Aber geben Sie ihnen eine Lektion auf. Vielleicht können Sie selbst noch was lernen."
„Aber Sir, den Fehler habe doch ich begangen.", protestierte Horatio. Hafwen sah erschrocken zu Archie. Was würde jetzt kommen?
„Beeilt euch, ihr Landratten! Wer als Letzter von den Rahen ist, wird ausgepeitscht! Ein Dutzend Hiebe an der Gräting für den Letzten an Deck!", rief Sawyer den Männer zu. Hafwen schüttelte den Kopf. In diesem Wetter!
Sie schaute zu den Rahen und sah, wie der junge Matrose schon wieder den Halt verlor. Matthews versuchte, ihn fest zu halten, aber er schaffte es nicht. Der Junge fiel schreiend auf das harte Deck, direkt vor Wellards Füße. Hafwen keuchte erschrocken auf.
Wellard wurde beim Anblick des toten Jungen schlecht. Die beiden mussten etwa in einem Alter gewesen sein, wenn Hafwen sich richtig erinnerte. Sie lief mit ein paar Männern zu dem toten Jungen hin. Dabei spürte sie schon Captain Sawyers stechende Blicke in ihrem Nacken.
Der Kopf des Jungen blutete stark und irgendjemand ließ nach dem Doktor rufen. Hafwen sah ihn sich besorgt an.
„Er ist tot, Sir.", stellte Matthews fest. Horatio schüttelte erschrocken den Kopf.
„Es ist wahr, Sir.", bestätigte Hafwen.
„Was ist? Was ist?", fragte auf einmal eine Stimme hinter ihnen. Doktor Clive. Er klang ein wenig angetrunken, wahrscheinlich hatte er sich mit Captain Sawyer einen schönen Abend gemacht. Hafwen verzog das Gesicht verbittert.
„Er ist tot!", rief Horatio aus.
„Das kann nur Doktor Clive beurteilen. Doktor!", meinte Captain Sawyer mit einem abschätzigen Blick auf Hafwen. Sie hielt es für besser, sich jetzt zurückzuziehen. Sie ging wieder an ihren angestammten Platz neben Archie zurück.
„Tot, Sir.", stellte auch Clive fest.
„Worauf warten Sie noch, Mr. Hornblower? Lassen Sie die Landratte über Bord werfen!", befahl Captain Sawyer, „Hören Sie nicht, Mr. Hornblower?"
„Um Gottes Willen, Horatio!", sagte Archie. Auch er hatte schnell gelernt, vorsichtig mit dem Captain umzugehen.
„Der Junge ist tot, Sir. Den macht nichts mehr lebendig. Nicht wahr, Mr. Kennedy?", meinte Styles.
„Ganz richtig, Styles, stimmt genau.", erwiderte Archie.
„Für ihn beten können wir auch später noch, Sir.", fügte Matthews hinzu.
„Mr. Hornblower! Schaffen Sie den Mann von meinem Achterdeck!", befahl Sawyer wieder. Horatio stand langsam auf und setzte seinen Hut auf. Es sah fast aus, als wollte er sich gegen den Captain auflehnen, aber er salutierte nach einer langen Zeit nur und meinte: „Aye, aye, Sir."
„Mr. Kennedy! Bringen Sie Miss Gwyther in ihr Quartier, dorthin, wo sie hingehört.", befahl Sawyer noch, dann verschwand er mit einem triumphierenden Lächeln. Archie drehte sich zu ihr um.
„Komm mit. Dir muss doch wahnsinnig kalt sein, in dem dünnen Kleid.", sagte Archie leise zu ihr. Hafwen sah ihn mit einem leichten Kopfschütteln an. Es hatte keinen Zweck. Man lebte länger, wenn man sich Captain Sawyer nicht widersetzte. Archie legte einen Arm um sie und führte sie langsam unter Deck.
