Kurz darauf waren sie einigermaßen wohlbehalten in Plymouth angekommen. Das Wetter hatte sich schlagartig gebessert und es war ein schöner, sonniger Tag. Hafwen hatte keine Lust, den ganzen Tag unter Deck zu verbringen. Sie hatte sich einen Hut von einem der Matrosen geborgt und war in ihre Männerkleidung geschlüpft.
Sie wollte wenigstens wenn sie vor Anker lagen ein wenig die frische Seeluft genießen. Und natürlich die Sonne.
Sie wurde allerdings von der schönen Aussicht abgelenkt, als ein Offizier die Brücke betrat. Er schien noch nicht allzu alt zu sein – Hafwen schätzte ihn auf Ende 20, Anfang 30, aber er wirkte sehr ernsthaft.
Er kam auf Horatio zugelaufen, der den Männern gerade Anweisungen gab, wie sie die Ladung zu verstauen hätten.
„Morgen. Bush, Zweiter Leutnant.", meldete sich der Neuankömmling. Horatio sah regelrecht überrascht aus, als er sich umdrehte.
„Achtung da vorne!", rief Matthews plötzlich. Hafwen sah nach oben. Da kam eine Ladung Fässer in die Richtung der beiden Offiziere geschwungen.
„Vorsicht!", rief Horatio und riss Bush zu Boden. Hafwen musste sich ein Lachen verkneifen. Gleich darauf stand Horatio wieder auf und half ihm vom Boden auf.
„Hornblower, dritter Leutnant."
„Interessante Begrüßungszeremonie, Mr. Hornblower.", erwiderte Bush und hob seinen Hut auf.
„Ich bitte um Verzeihung, Mr. Bush. Ist alles in Ordnung?", fragte Horatio ein wenig verlegen.
„Nichts weiter beschädigt als mein Stolz, denke ich.", antwortete Bush.
„Sie da an den Stagtaljen! Passen Sie auf, was Sie tun! Mr. Hobbs, achten Sie auf Ihre Männer!", rief Horatio. Hafwen bemerkte, dass Wellard sich zu ihr gesellt hatte. Sie fragte sich, ob er sie erkannte oder ob ihre Tarnung gut genug war.
„Aye, aye, Sir.", murmelte er gelangweilt.
„Mr. Hobbs, kommen Sie her!", rief Horatio. Hafwen seufzte. Sie bemerkte, wie Wellard zu ihr schaute und seine Augen sich geschockt weiteten. Sie zwinkerte ihm mit einem breiten Grinsen zu.
„M-Miss Gwyther! Was machen Sie denn hier? Sie dürfen doch nicht…", stammelte er überrumpelt. Hafwen lachte.
„Der Captain ist nicht da, oder? Und ich schlage vor, Mr. Wellard, Sie schauen nach, wann er kommt, damit ich mich früh genug wieder zurückziehen kann.", entgegnete sie.
„A-aye, Miss.", murmelte Wellard verlegen und schaute durch das Fernglas. Dann seufzte er.
„Der Captain ist unterwegs, Sir!", meldete er. Horatio kam angerannt und schnappte sich das Fernglas.
„Laufen Sie nach vorn und sagen Sie es Mr. Buckland.", meinte Horatio zu Wellard. Dann wandte er sich an Hafwen.
„Tut mir Leid, aber ich glaube, Ihre Zeit an Deck ist vorbei.", sagte er dann zu ihr. Hafwen nickte und seufzte.
„Man sperrt mich also wieder ein…", murmelte sie. Horatio nickte nur leicht und verzog den Mund, dann ließ er die Männer antreten.
Hafwen machte sich auf den Weg unter Deck. Sie wollte sich nicht den Zorn des Captain zuziehen. Einmal hatte ihr das gereicht.
Als sie unten ankam, hörte sie schon von Weitem, wie die Männer irgendjemanden anfeuerten. Das klang nach einer Schlägerei. Hafwen wollte zu gerne wissen, worum es ging. Eigentlich müsste sie in ihrer Koje auf der Krankenstation sein, aber… hier unten erkannte sie doch niemand, oder? Sie konnte ja nur mal schnell nachsehen…
Als sie näherkam, sah sie, worum es ging. Randall und Styles waren aneinandergeraten.
„Ja, ich habe den kleinen Mistkerl von der Rahnock gestoßen. Und wenn schon?", knurrte Randall. Hafwen konnte ihn nicht ausstehen. Wirklich nicht. Er erinnerte sie fast ein wenig an Simpson. Nur war Simpson schlimmer. Er war hinterhältiger.
„Aufhören! Ihr sollt aufhören!", rief eine leise Stimme. Hafwen sah eine dunkelblaue Uniform aufblitzen. Das war Wellard.
„Ruhe jetzt!", rief er noch einmal. Wellard hatte keine Chance. Die Männer nahmen ihn nicht ernst. Er war viel zu leise und dann war er auch noch ein schmächtiger, blasser Junge. Hafwen bedeutete ihm, dass er lauter rufen sollte oder Hilfe holen sollte.
„Mr. Matthews, Sie sind der Bootsmann! Sorgen Sie dafür, dass der Krach aufhört!", befahl Wellard. Matthews holte tief Luft.
„Ruhe hier!"
Alles wurde auf einmal still. Wellard schluckte und sah sich nervös um.
„Ich will wissen, was hier vorgeht. Randall, was soll das Ganze?", fragte er und versuchte, die Nervosität in seiner Stimme zu unterdrücken.
„Wir regeln hier bloß ´ne kleine Meinungsverschiedenheit.", erwiderte er spöttisch.
„Captain Sawyer mag kleine Keilereien zwischen den Männern. Hält sie in Bereitschaft für den Ernstfall, sagt er.", mischte Hobbs sich ein.
„Sie bereiten dem hier ein Ende, Mr. Matthews.", sagte Wellard.
„Aye, aye, Mr. Wellard. Kommt jetzt! He! Schluss damit!", rief Matthews.
„Hören Sie auf, Mr. Matthews. Die Sache ist noch nicht geregelt. Dem Captain würde es sicher nicht gefallen, dass Sie sich einmischen.", widersprach Hobbs.
„Das muss er doch nicht erfahren, oder, Mr. Hobbs?", fragte Matthews.
„Nur, wenn ihm ein kleiner Kriecher was flüstert.", knurrte Styles. Der Aufruhr ging von vorne los. Hafwen beobachtete das Geschehen gebannt.
„Schluss! Randall, geben Sie Ruhe, Mann!", rief Wellard und hielt Randall fest.
„Bring mich dazu, mein Junge!", meinte der nur spöttisch.
„,Sir', Randall! Sie nennen ihn ,Sir'!", rief jemand von der Treppe. Hafwen drehte sich mit klopfendem Herzen um. Es war Archie. Sie lächelte ihn kurz an. Ihm folgte Horatio.
„Jeder Mann, jeder Mann, Mr. Hobbs, der anders denkt, soll sich besser die Strafe für Ungehorsam gegenüber einem Offizier vor Augen führen. Was steht darauf, Matthews?", sagte er.
„Der Tod, Sir.", erwiderte Matthews.
„Jawohl, der Tod. Das merken Sie sich besser alle.", sagte Horatio. Dann ging er wieder zurück nach oben, gefolgt von Archie und Wellard.
Hafwen seufzte leise und machte sich wieder auf den Weg in ihre Koje.
„Und? Wohin geht es?", fragte Hafwen aufgeregt, als Archie von der Besprechung mit dem Captain zurückkam. Er schaute sich kurz um und zog sie am Arm schnell hinter sich her. Sie waren auf dem Weg in die Offiziersmesse, das wusste Hafwen inzwischen. Auf der Renown hielt sie sich entweder in ihrer Kabine auf, bei den Kranken und Verwundeten oder in Archies Kabine.
„Wir segeln nach Westindien, Santo Domingo. Wir sollen ein Fort der Spanier an der Samaná-Bucht einnehmen.", antwortete Archie, als sie angekommen waren.
„Wow.", meinte Hafwen nur. Sie war noch nie so weit von England entfernt gewesen. Bisher war sie nur im Mittelmeer unterwegs. Jetzt ging es beinahe ans andere Ende der Welt.
„Ich mache mir nur ein paar Sorgen wegen dem Captain…", murmelte Archie und schielte zu Hafwen herüber.
„Was ist mit ihm?", wollte sie wissen.
„Naja, er scheint mir ein wenig verwirrt zu sein. Und launisch, wie sonst auch. Das macht mir ein wenig Sorgen. Er scheint so… unberechenbar.", erwiderte er. Hafwen nickte kaum merklich. Dann hörte sie plötzlich Schritte. Sie legte einen Finger an die Lippen und lauschte. Die Schritte kamen näher. Dann war plötzlich ein Klopfen an Archies Tür zu hören.
„Ja?", rief er und öffnete die Tür einen Spalt.
„Ich bin es nur.", entgegnete jemand anders. Hafwen machte die Stimme als Horatios Stimme aus.
„Himmel, Horatio, hast du mich erschreckt. Ich dachte schon, es wäre der Captain oder Doktor Clive.", sagte sie erleichtert und trat aus ihrer dunklen Ecke heraus.
„Hafwen, du… was macht ihr hier?", fragte Horatio ein wenig verlegen.
„Wir reden nur ein bisschen. Über den Auftrag. Und den Captain.", antwortete Hafwen. Sie und Archie folgten Horatio.
„Wie würdest du so ein unberechenbares Verhalten deuten?", wollte Archie von ihm wissen.
„Captain Sawyer ist einfach müde, Archie.", erwiderte Horatio schnell.
„Müde? Der Mann ist unzurechnungsfähig!", rief Archie aus.
„Denkst du, Bush würde dir da zustimmen?"
„Wohl kaum."
„Oder Buckland? Jeder Captain hat seine eigene Art, Archie.", sagte Horatio in einem viel zu vernünftigen Tonfall. Hafwen verdrehte die Augen.
„Sag das doch mal dem armen, kleinen Matrosen, den wir vom Deck gekratzt haben und in die See werfen durften.", entgegnete Archie.
„Darf ich dich dran erinnern, dass wir die Nachricht unserer Überstellung unter Captain Sawyers Kommando mit trockenem Portwein tüchtig begossen haben?"
Hafwen musste leise lachen und murmelte: „Oh ja, das haben wir."
„Der Mann ist ein Nationalheld, Archie! Er hat seinen Platz in der Geschichte verdient.", fügte Horatio hinzu und ignorierte Hafwens Grinsen.
„Es ist nicht die Geschichte, die mir Angst macht, Horatio, es ist die Zukunft. Die ist weitaus bedrohlicher.", meinte Archie nur und schaute zu Hafwen.
