„Was ist mit ihm passiert?", fragte Hafwen, als Matthews mit Wellard kam.

„Hat ein ganzes Dutzend bekommen. Weil er dem Captain widersprochen hat.", antwortete Matthews mit einem vielsagenden Blick.

„Himmel, Wellard, was haben Sie bloß gemacht?", wollte Hafwen wissen. Archie kam hinter den beiden auf die Krankenstation.

„Es war ungerecht. Er hat nur seine Pflicht getan.", sagte er aufgebracht. Hafwen sah von ihm zu Wellard und wieder zu Matthews.

„Kann ich mir vorstellen. Was kann ich denn nun für Sie tun, Mr. Wellard?", wollte sie wissen.

„Kannst du ihm irgendetwas für die Schmerzen geben?", fragte Archie. Hafwen sah ihn nachdenklich an.

„Ist nicht nötig, Miss Gwyther. Ich halte das schon aus.", erwiderte Wellard schnell.

„Ich würde kein Betäubungsmittel nehmen. Doktor Clive verteilt das schon viel zu großzügig. Aber Sie können meine Rumration haben, Wellard.", sagte sie.

„Vielen Dank, Miss.", entgegnete er mit gesenktem Kopf.

„Und ruhen Sie sich aus, Mr. Wellard. So gut wie möglich.", fügte Hafwen noch hinzu. Wellard nickte und Matthews brachte ihn wieder zurück in seine Koje.

„Archie, kannst du ihm während seiner Wache irgendetwas zu tun geben, was ihn von den Schmerzen ablenkt? Irgendeine Aufgabe, die nicht besonders anstrengend ist, bei der er sich aber konzentrieren muss.", schlug Hafwen vor.

„Natürlich, das lässt sich einrichten, aber… Hafwen, die Sache wird mir langsam unheimlich. Wir sind auf dem Weg mitten in eine Schlacht und Captain Sawyer scheint völlig verrückt zu sein und…"

„Pass auf, was du sagst, Archie! Wenn das in falsche Ohren kommt, dann hängst du schneller, als es dir lieb ist.", unterbrach Hafwen ihn mit einem eindringlichen Blick.

„Bist du auf der Seite des Captains?", fragte Archie sie ungläubig. Hafwen schüttelte den Kopf und ging ein paar Schritte auf ihn zu.

„Nein, Archie…"

„Er hat Horatio für 36 Stunden auf Dauerwache geschickt, Haf."

„Das ist nicht in Ordnung und das wissen wir beide, aber… Archie, ich will dich nicht hängen sehen. Da verlangst du zu viel von mir."

Hafwen stand auf dem Achterdeck in einer kleinen Nische und versuchte, einen kleinen Blick auf das Meer zu erhaschen. Sie genoss die kurze Zeit, die sie jeden Tag an Deck verbringen durfte. Allerdings musste sie aufpassen, nicht besonders aufzufallen.

Sonst würde sie wieder irgendein Liebling des Captain unter Deck schicken. So jemand wie Hobbs, Clive oder sogar Randall. Bei Bush war Hafwen sich noch nicht ganz sicher. Er beobachtete sie misstrauisch, sagte aber immerhin nichts.

„Melde mich zum Dienst, Sir.", hörte sie auf einmal eine geknickte Stimme. Hafwen schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam.

„In Ordnung, Mr. Wellard.", erwiderte Bush und sah zur Seite. Henry Wellard! Hafwen freute sich wirklich, den Jungen einigermaßen wohlauf zu sehen. Er schien zwar starke Schmerzen zu haben und er sah auch ziemlich geknickt aus, aber es schien ihm wenigstens einigermaßen gut zu gehen. Auch wenn gut relativ war.

Wellard ging weiter und stellte sich zu den anderen Offizieren auf dem Achterdeck. Hafwen warf Archie einen kurzen Blick zu.

„Mr. Wellard!", sagte er und ging auf den Jungen zu.

„Diese Sanduhren müssen miteinander verglichen werden.", meinte er dann.

„Aye, aye, Sir.", erwiderte Wellard und machte sich schnell an die Arbeit.

„Machen Sie für jede Minute einen Strich, sonst verzählen Sie sich vielleicht. Konzentrieren Sie sich auf diese Aufgabe! Dann denkt man nicht so sehr an die Schmerzen.", fügte Archie mit einem gutmütigen Lächeln hinzu.

„Danke, Sir.", erwiderte Wellard. Hafwen lächelte ein wenig vor sich hin und ging dann langsam zu Archie. Sie zupfte vorsichtig am Ärmel seiner Uniform. Archie drehte sich überrascht um und lächelte sie dann an.

„Bei der Arbeit, Mr. Wellard?", hörten sie beide auf einmal eine gut bekannte Stimme. Der Captain stand vor den Sanduhren und sah Wellard mit einem spöttischen Grinsen an.

„Aye, aye, Sir.", antwortete der Junge. Er schien regelrecht Angst vor dem Captain zu haben.

„Aye, aye, Sir. Ist Mr. Wellard inzwischen ein bisschen schlauer geworden und konspiriert jetzt nicht mehr gegen seinen Kapitän? Gegen seinen rechtmäßigen Vorgesetzten, den Seine allergnädigste Majestät, König George, ihm offiziell übergeordnet hat? Hat er gelernt, dass es die schmerzliche Pflicht seines Kapitäns ist…"

Hafwen wandte sich von den beiden ab und sah Archie in die Augen. Er nahm ihre Hand und drückte sie kurz, dann ließ er sie wieder los.

„Warum ist Wellard immer sein Opfer? Der arme Junge hat doch gar nichts getan.", murmelte sie leise.

„Mr. Wellard ist verdrießlich.", hörte Hafwen den Captain sagen. Als sie sich wieder umwandte, schaute er sich gerade auf dem Deck um. Horatio war heruntergekommen und tippte sich höflich an den Hut, um den Captain zu grüßen. Es war eine ganze Weile ruhig und niemand sagte ein Wort. Als sich alle schon fast in Sicherheit wähnten, drehte Captain Sawyer sich plötzlich um.

„Sie sind also entschlossen, mich dem Gespött der ganzen Mannschaft auszusetzen!", schrie er sie an. Hafwen hätte schwören können, dass das gesamte Achterdeck zusammenzuckte.

„Sie, und dieser junge Spund, Mr. Hornblower, haben sich gemeinsam verschworen, meine rechtmäßige Autorität zu untergraben!", beschuldigte er Wellard.

„N-nein. Nein, ganz und gar nicht, Sir.", erwiderte er erschrocken.

„Warum streiten Sie alles ab? Wer von Ihnen hatte den Plan zum Einhaken der verfluchten Reffleinen?"

„Niemand, Sir."

„Niemand, Sir? Wie kann das sein? Das war ein Komplott. Und Sie verbergen Ihr Gesicht hinter emsiger Geschäftigkeit wegen der Schuld, die in ihm geschrieben steht. Denken Sie, ich ließe mich täuschen?"

Der Captain drehte sich um und sah Hafwen und Archie scharf an. Hafwen musste augenblicklich schlucken. Hatte er irgendetwas von dem gehört, was Archie gesagt hatte?

„Ich gab Order, dass Mr. Wellard die Sanduhren vergleichen sollte, Sir.", sagte Archie und trat vor.

„Sie erliegen einem Irrglauben, Mr. Kennedy, anzunehmen, es stecke was Gutes in diesem Burschen. Es sei denn, Sie wären selbst an dieser infamen Verschwörung beteiligt. Und Miss Gwyther wohl auch.", erwiderte der Captain.

„Ich habe lediglich angemerkt, Sir, dass er deshalb beschäftigt war, weil ich es ihm aufgetragen hatte.", meinte Archie.

„Wie sehen Sie das, Mr. Bush? Auf Ihr Urteil ist Verlass, da bin ich sicher.", fragte der Captain und ging ein paar Schritte auf Bush zu.

„Der Bursche weiß zu wenig, Sir. Verwechselt doch noch Wasserstag und Besanbaum.", erwiderte Bush in einem Versuch, die Situation zu retten.

„Oh nein, Mr. Bush. Sie sind viel zu redlich. Das wusste ich vom ersten Augenblick. Sie durchschauen diese giftigen, kleinen Kriechtiere nicht. Wir müssen die Wahrheit heraus prügeln, aus diesem Jungen. Oh ja!", meinte der Captain. Hafwen griff möglichst unauffällig nach Archies Hand. Sie war ein wenig sentimental geworden, seit sie auf diesem Schiff war. Oder seit da diese Sache mit Archie und ihr war.

„Gehen Sie runter, Mr. Wellard. Ich werde die Wahrheit erfahren, bei Gott, das werde ich!", meinte der Captain. Wellard sah erschrocken auf. Sein Gesicht sah aus, als würde ihm jede Sekunde schlecht werden. Aber er wagte es nicht, sich den Befehlen des Captains zu widersetzen.

„Steuermannsmaat! Sie laufen nach vorne und holen Mr. Matthews nach achtern. Und seinen Maat!", befahl Sawyer und machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Dann drehte er sich noch einmal um. Hafwen ließ schnell Archies Hand los und hoffte, dass der Captain nichts davon mitbekommen hatte.

„Und, Miss Gwyther? Wir werden vielleicht eine Ärztin brauchen. Kommen Sie doch mit herunter.", sagte er mit gespielter Freundlichkeit. Hafwen nickte nur kurz.

„Aye, aye, Sir.", sagte sie, kaum lauter als ein Flüstern. Sie folgte ihm schnell.

„Ein weiteres Dutzend und er gurrt wie ein Täubchen.", murmelte Sawyer fröhlich. Hafwen folgte dem Captain unter Deck. Er fing schon an, fröhlich zu pfeifen. Wellard war kreidebleich. Hafwen legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und hoffte, dass es ihn etwas beruhigen würde. Kurze Zeit später kamen auch Matthews und Styles.

Hafwen kniete sich neben Styles, um Wellard wenigstens ein wenig über das Schlimmste hinweg helfen zu können. Sie hielt seine Hand beruhigend fest, als die Schläge begannen. Hafwen hatte sich vorgenommen, nicht mitzuzählen, aber letztendlich tat sie es doch. Bei jedem einzelnen Schlag bohrten sich Wellards Fingernägel in ihre Handfläche. Nach einer gefühlte Ewigkeit spürte sie ein paar heiße Tränen auf ihren Händen.

„Sir!", rief auf einmal jemand. Horatio kam heruntergestürzt.

„Ah, Mr. Hornblower. Hoffentlich haben Sie einen guten Grund für die Störung.", sagte der Captain nur.

„Empfehlung von Mr. Buckland, Sir. Zwei französische Fregatten an Steuerbord achtern.", meldete Horatio. Hafwen lugte hinter der Kanone hervor. Zwei Fregatten? Das würde den Captain doch sicher von der Bestrafung des jungen Wellard ablenken, oder?

„Sagen Sie Mr. Buckland, ich werde mich später an Deck begeben. Bootsmann?"

„Sir, Sie sind klar zum Gefecht und laufen schnell auf."

„Danke, Mr. Hornblower. Ich bin jetzt unterrichtet.

„Sie sind in wenigen Minuten auf unserer Höhe, Sir…"

„Verdammt, Mann! Wir zerfetzen sie mit unseren Kanonen, lange bevor wir in Reichweite ihrer Spielzeug-Knallbüchsen sind!", rief Sawyer gereizt aus. Wellard hob den Kopf leicht an. Hafwen sah zu ihm herunter und lächelte ihm kurz aufmunternd zu, auch wenn sie sich dabei nicht sehr überzeugend vorkam. Sie wischte schnell ein paar Tränen aus seinem Gesicht, bevor sie sich wieder dem Geschehen zuwandte.

„Dafür sollten wir gefechtsbereit sein, Sir.", widersprach Horatio.

„Darüber reden wir noch.", meinte der Captain und verschwand nach oben an Deck. Hafwen atmete erleichtert aus.

„Wellard? Wellard! Sie pfeifen Alle Mann, Sie müssen runter auf das Geschützdeck!", sagte sie. Er schien noch ein wenig benebelt zu sein, aber er hatte sich bald gefangen. Er nickte kurz.

„Danke, Miss.", erwiderte er leise.

„Schon gut, Mann. Auf das Geschützdeck mit Ihnen!"