Hafwen lag mit einem entspannten Lächeln in Archies Koje herum, während er sein Gesicht wusch. Bush und Horatio standen auch fröhlich in der Messe herum. Sie hatten es immerhin geschafft, die Franzosen los zu werden. Und das alles, ohne dass es zu einem ernsthaften Gefecht kam. Bush schien in Hafwens Gegenwart ein wenig verlegen zu sein, aber ansonsten war die Stimmung ziemlich gut. Hafwen sah lächelnd an die Decke.

„Ein origineller Einfall, Horatio. Sie mit Pulverdampf zu erschrecken.", meinte Archie. Horatio lachte.

„Das hat mich auch meines Ziels beraubt.", grummelte Bush ein wenig enttäuscht.

„Und mich meiner Arbeit!", warf Hafwen ein.

„Hast du gesehen, wie der Franzmann beim ersten Wölkchen abgedreht hat?", sagte Archie und lächelte. Horatio lachte noch einmal, diesmal eher verlegen.

„Nun, Mr. Hornblower.", hörte Hafwen die Stimme des Captains. Verdammt. War er etwa hier? Er durfte sie auf keinen Fall in Archies Koje erwischen. Sie wusste nicht, ob darauf irgendeine Strafe stand, aber angenehm würde es nicht werden.

Zum Glück konnte der Captain nicht sehen, was hinter der Tür war. Sie setzte sich schnell und leise auf und stellte sich dann hinter die Tür zu Archies Kabine.

„Sir?", erwiderte Horatio, etwas weniger fröhlich als zuvor.

„Man hat mir gemeldet, Sie hätten Ihr Heckgeschütz ohne Kugel abgefeuert. Ist das wahr?", fragte der Captain.

„Der Franzose war gerade im Begriff auf uns zu feuern, Sir. Da gab ich ihm die Gelegenheit, es sich noch einmal zu überlegen. Einen kurzen Moment, bis Mr. Bush richtig feuern konnte, bevor wir eine volle Breitseite erhalten hätten."

„Sehr schlau, Mr. Hornblower, sehr schlau. Wie lange haben Sie gebraucht, sich das auszudenken? Glauben Sie, Ihren weg machen zu können, Mr. Hornblower, indem Sie Ihre Unfähigkeit mit Lügenmärchen kaschieren?"

„Ich gebe zu bedenken. Diese List hat sie dazu gebracht…"

„Zu bedenken? Gut! Solange Sie die Berechtigung meiner Kritik bedenken, werden Sie vielleicht doch noch ein Seemann."

„Sir, mit Verlaub. Mr. Hornblower und ich waren über das Vorgehen einig. Sein Heckgeschütz sollte ein Schutzpflaster abfeuern.", warf Bush ein.

„Sie auch, Mr. Bush? Decken Sie Mr. Hornblower?"

„Nein, Sir. Es mag nicht vorschriftsmäßig gewesen sein, aber ich war einverstanden. Mr. Hornblower befahl, dass Mr. Wellard die Franzosen beobachtet."

„Mr. Wellard. Ah, ja. Ich danke Ihnen, Mr. Bush. Mr. Hornblower und ich, wir haben in Bezug auf Mr. Wellard noch eine Aufgabe zu erledigen.", meinte der Captain bedrohlich. Dann ging er zur Tür.

„Suchen Sie Miss Gwyther und kommen Sie beide mit.", befahl er im Hinausgehen. Hafwen wagte es nicht zu atmen, bis sich die Tür schloss. Dann lugte sie hinter der Tür hervor.

„Ist er weg?", fragte sie leise.

„Ja.", murmelte Archie verärgert.

„Hafwen, ich glaube, wir müssen gehen.", sagte Horatio und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Hafwen nickte. Sie warf Archie einen kurzen Blick zu, dann folgte sie Horatio.

Wellard war nach dem vierten Hieb bewusstlos. Clive hatte ihr befohlen, ihn auf die Krankenstation zu bringen. Das sah ihm ähnlich. Für das richtige Arbeiten hielten sie sie nicht geeignet, aber junge Männer auf die Krankenstation schleppen konnte sie. Sie trauten ihr nicht zu, in die Takelage zu steigen, aber anpacken konnte sie.

Nachdem der Junge endlich wieder zu Bewusstsein gekommen war, kam Horatio auf die Krankenstation, um nach ihm zu sehen. Hafwen saß neben Wellard und versuchte, ihn ein wenig zu trösten.

„Mr. Hornblower. Böse Sache das. Böse Sache.", sagte Clive, als Horatio hereinkam. Wellard starrte nur leer geradeaus. Horatio kam zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Aber andererseits werden Jungen schon seit Urzeiten gezüchtigt. Es stünde schlechter um die Welt, wenn sie nicht mehr geschlagen werden dürften.", meinte Clive dann. Wellard hatte die Augen vor Schmerz zusammengekniffen.

„Das mag wohl Ihre Meinung als Mediziner sein, Doktor Clive. Aber ich wüsste nicht, was man damit bezwecken sollte, einen Jungen um ein Haar zu Tode zu prügeln!", entgegnete Horatio.

„Aber, aber, Mr. Hornblower. Ein wenig Laudanum-Tinktur und die Schmerzen sind schon sehr bald vergessen.", sagte Doktor Clive. Hafwen horchte auf. Es konnte doch nicht sein, dass Laudanum seine Lösung für alles war!

„Vielleicht bald vergessen, Doktor Clive. Doch vergeben?", erwiderte Horatio in einem bedrohlichen Tonfall.

„Vorsicht, Mr. Hornblower! Ich hatte das große Glück, dem Captain mehr als 15 Jahre zu dienen. Und die Männer, die ihm unterstehen, waren ihm immer treu ergeben."

„Was anscheinend auch Ihre Meinung als Mediziner ist, nicht, Doktor Clive?"

„Archie! Tut mir Leid, hat etwas länger gedauert, bei Doktor Clive.", sagte Hafwen, als sie in den Laderaum gerauscht kam. Dort wartete Archie schon auf sie. Er schlang seine Arme um ihren Hals und zog sie zu sich heran. Die beiden küssten sich lange.

„Ist in Ordnung, Hafwen. Es ist schon spät, wir haben nicht viel Zeit.", meinte er nur und fuhr mit der Hand durch ihre Haare. Hafwen lachte leise.

„Was soll das heißen, hm?", wollte sie wissen und küsste ihn wieder.

„Ich liebe dich, Hafwen."

„Ich…"

„Nein, warte! Ich… ich würde dich gern heiraten, sobald wir wieder in Plymouth sind.", sagte er. Hafwen sah ihn ungläubig an.

„Was?"

„Ich würde dich gern heiraten.", wiederholte Archie. Hafwen senkte den Kopf.

„Aber Archie…"

„Was ist?"

„Ich… wenn ich dich heirate, dann werden sie mich nicht mehr zur See fahren lassen. Das… das geht nicht, Archie.", erwiderte sie.

„Das ist Unsinn. Wenn ich meine Zustimmung gebe, dann werden sie dich auch weiter zur See fahren lassen. Willst du mich nicht heiraten?"

„Nein, das ist es nicht. Archie, bitte versteh das doch, ich habe zu viel Angst, dass ich das hier alles aufgeben muss. Und was macht es denn nun für einen Unterschied, ob wir verheiratet sind oder nicht?", wandte Hafwen ein.

„Aber für mich macht es einen Unterschied. Einen großen sogar.", widersprach Archie ihr. Hafwen ließ den Kopf sinken. Ihr war elend zumute. Wie sollte sie ihm das erklären? Sie konnte ihm das nicht antun. Es ging nicht einmal darum, dass sie es nicht aufgeben wollte, zur See zu fahren. Für Archie hätte sie wahrscheinlich sogar das liebend gerne getan.

Es fing schon einmal damit an, dass sie von einer Heirat noch nie etwas Gutes zu erwarten hatte. Sie war schon einmal verheiratet und es war die Hölle auf Erden gewesen. Gut, sie hatte ihren ersten Mann nie wirklich geliebt und er war viel älter als sie, aber trotzdem. Am Anfang war er auch noch nett, sodass Hafwen dachte, sie könnte es wohl einigermaßen mit ihm aushalten. Aber als sie dann verheiratet waren, hatte er sich in ein Monster verwandelt.

Sie hatte noch immer Narben von den Schlägen, die sie damals so oft bekommen hatte. Er hatte sie nach der Hochzeit keine Sekunde lang einigermaßen menschenwürdig behandelt. Sie war nur seine Frau, nichts Wichtiges. Sie hatte damals keine andere Wahl gesehen, als sich selbst aus dieser Hölle zu befreien.

Und damit war sie beim zweiten Grund angelangt. Sie hatte Archie einfach nicht verdient. Das ging nicht. Archie schien ihr makellos zu sein. Er war ein guter Offizier und hatte noch nie irgendein Verbrechen begangen. Er war liebevoll und versuchte immer, sich für andere aufzuopfern. Und sie? Sie war eine Witwe, schon einmal verheiratet. Außerdem war sie früher Jack Simpsons Hure gewesen. Sie konnte sich das immer noch nicht verzeihen. Hafwen Gwyther empfand sich selbst als durch und durch schlecht.

Archie Kennedy hatte eine junge, hübsche Frau verdient. Eine, die noch nicht verheiratet war, völlig unberührt. Ein unschuldiges, junges Mädchen, das zu Hause auf ihn wartete und nähte und stickte und eine gute Ehefrau war. Nicht sie.

„Tut mir Leid, Archie.", sagte Hafwen und schüttelte den Kopf. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen. Dann drehte sie sich um und verschwand.