Am nächsten Tag wurde die gesamte Mannschaft an Deck versammelt. Hafwen hatte ernsthaft überlegt, ob sie mit den anderen gehen sollte, aber sie hatte sich dagegen entschieden. Erstens hatte es der Captain sowieso nicht gern, wenn sie an Deck war und zweitens… Zweitens musste sie dann Archie sehen. Und dazu hatte sie nicht die Nerven.

Ja, sie konnte einen Mann umbringen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte mehrere Jahre unter Jack Simpson leiden müssen. Aber Archie nach gestern Nacht noch in die Augen sehen… das konnte sie nicht. Sie fühlte sich regelrecht elend beim Gedanken daran.

Hafwen vergrub sich den ganzen Tag in ihrer kleinen Kabine. Sie wagte es nicht an Deck zu gehen, aus Angst irgendjemandem begegnen zu müssen, den sie lieber nicht sehen wollte. Irgendwann entschied sie sich dazu, unter Deck zu gehen, zu Styles, Matthews und den anderen.

Als sie nach unten kam, sah sie, wie Styles an einer kleinen Figur schnitzte. Randall kam gerade auf ihren Tisch zu.

„Mr. Hornblower fragt, ob Sie an Deck kommen können.", sagte er zu Matthews. Hafwen zog eine Augenbraue hoch. War Horatio etwa immer noch auf Dauerwache?

„Hat er sonst nichts gesagt?", wollte Matthews wissen.

„Nein, nur dass Sie sich beeilen sollen."

Matthews zuckte mit den Schultern und stand auf. Er warf Styles schnell einen fragenden Blick zu und verschwand. Hafwen setzte sich lächelnd auf den Platz, der gerade frei geworden war. Styles schnitzte weiter an seiner Holzfigur.

„Wie nennst du sie?", fragte Hafwen und sah sich die Holzfrau genau an.

„Weiß noch nicht.", antwortete Styles nur und lächelte. Dann sah er auf.

„Dieser Randall hat doch irgendetwas vor, meinen Sie nicht auch, Miss?", wollte er plötzlich wissen. Hafwen zog eine Augenbraue hoch. Sie kannte Randall nicht gut – alles, was sie wusste, war, dass er wohl ein kleiner Unruhestifter sein musste. Das hatte Archie ihr zumindest erzählt.

„Ich weiß nicht, Styles, ich bin nicht mehr so oft an Deck wie früher. Leider.", erwiderte sie mit einem bitteren Blick. Sie schaute auf, als sie merkte, dass sich eine Gruppe Männer hinter Styles zusammenrottete. Randall war einer von ihnen.

„Ich glaub, ich nenn sie Bessy.", sagte Styles. Die Männer um ihn herum lachten.

„Ach, Styles.", meinte Hafwen mit einem Schmunzeln. Der Matrose neben Styles tippte ihm auf die Schulter und zeigte auf Randall. Styles sah ihn fragend an.

„Wir haben noch was zu erledigen, Styles.", meinte der nur, während er seine Uniformjacke auszog. Das klang Hafwen gewaltig nach einer Schlägerei. Eigentlich hatte sie kein Problem mit Schlägereien. Sie hatte während ihrer Landgänge selbst schon so manche Schlägerei ausgetragen. Aber die Sache sah für sie ziemlich übel aus.

„Ohne deinen Matthews hast du nur halb so viel Mumm, hm?", sagte Randall provozierend. Styles sah wieder ungläubig zu ihm auf. Hafwen holte Luft und wollte etwas erwidern, aber ihr fiel nichts ein. Styles sah zu Hafwen und dann auf den Tisch. Mit einem Seufzen stand er auf.

„Ich brauch keine Hilfe, um dir Benehmen beizubringen.", entgegnete Styles und hob sein Schnitzermesser. Randall riss es ihm aus der Hand und warf es an eine der Planken.

„Na, dann brauchst du auch kein Messer.", knurrte Randall und versetzte Styles eine Kopfnuss. Hafwen sog scharf die Luft ein, als Randall sich auf Matthews stürzte, um ihn grün und blau zu schlagen.

„Runter von mir! Dreckskerl! Lasst mich!", rief Styles. Hafwen überlegte, ob sie eingreifen sollte, aber immerhin war das eine Sache unter Männern. Sie schaute sich hilfesuchend im Raum um. Wellard kam herein gewankt und hielt sich an einem Balken fest. Seine Augen wirkten glasig – wahrscheinlich war er von dem Laudanum benommen, das Doktor Clive ihm gegeben hatte.

„Aufhören! Nein!", rief Styles. Ein zweiter Matrose schlug jetzt auf ihn ein. Der Kampf war unfair – verdammt unfair. Hafwen stand auf und packte einen der Männer am Kragen und zog ihn nach oben, um ihm einen ordentlichen Fausthieb zu verpassen. Er landete in der Ecke und hielt sich die Nase. Hafwen lächelte.

In all der Zeit hatte sie also doch nicht alles verlernt. Es wurde Zeit, dass sie sich wieder einmal eine ordentliche Schlägerei gönnte. Und ein ordentliches Ale…

Während sie darüber nachdachte, bemerkte sie nicht, wie der dritte Matrose aus der Gruppe um Randall ihr seinen Ellbogen in den Rücken schlug.

Sie fiel nach vorne und rang nach Atem. Sobald sie wieder einigermaßen Luft holen konnte, drehte sie sich um und verpasste einem der beiden anderen Matrosen einen Kinnhaken.

„Kümmert euch um das Weib!", hörte sie Randall rufen. Styles lag bereits blutend am Boden, als die beiden Matrosen auf sie zugestürzt kamen. Hafwen hatte keine Chance gegen beide. Ein Schlag folgte auf den nächsten, bis sie nur noch als wimmerndes Häufchen Elend auf den Planken lag.

Die Matrosen entschieden, dass sie jetzt keine Gefahr mehr sein könnte. Was sie auch nicht mehr war. Sie wandten sich wieder Styles zu, indem sie ihn festhielten, während Randall auf ihn einschlug. Hafwen blieb still in ihrer Ecke liegen und versuchte, ohne Schmerzen zu atmen. Nach einiger Zeit bekam sie mit, wie sich ein paar Schritte näherten. Sie hörte Stimmen.

„Aufhören, verdammt! Aufhören!", rief jemand. Hafwen öffnete vorsichtig die Augen und sah, wir die beiden Matrosen Styles fallen ließen. Horatio kam auf Randall zu und hielt seine Arme fest.

„Dafür werden Sie bezahlen. Ab mit ihm ins Eisen!", befahl er den Seesoldaten, die ihm gefolgt waren. Matthews kümmerte sich um Styles, der irgendetwas murmelte. Hafwen versuchte währenddessen, sich aufzusetzen.

„Was?", wollte Horatio von ihm wissen.

„Er sagt, er hätte gewonnen, Sir.", meldete Matthews. Hafwen grinste. Horatio schüttelte nur den Kopf und bemerkte schließlich Hafwen. Er bedeutete ein paar Seesoldaten, sie und Styles zum Schiffsarzt zu bringen.

„Hafwen?"

Hafwen öffnete vorsichtig die Augen. Es war dunkel in ihrer Kajüte. Sie nahm ein erneutes Klopfen an ihrer Tür wahr. Wer zur Hölle…? Um diese Zeit…?

„Herein, es ist offen!", erwiderte sie. Sie war zu faul, um jetzt aufzustehen. Außerdem hatte sie dabei viel zu viele Schmerzen. Die Tür öffnete sich langsam und Hafwen sah Archies Gesicht im Türrahmen. Sie drehte schnell ihren Kopf weg.

„Hafwen…"

„Was ist?", fragte sie, ohne ihn anzuschauen.

„Ich will mit dir reden…"

„Ich wüsste nicht, worüber."

„Bitte, Hafwen, es tut mir Leid. Ich… es tut mir einfach Leid. Wie geht es dir?", fragte Archie und sah sie besorgt an. Hafwen drehte ihren Kopf zu ihm herüber.

„Meinst du wegen der Schlägerei? Das geht schon. Hab Schlimmeres erlebt.", antwortete sie ihm. Archie lächelte mitfühlend und strich ihr über die Wange.

„Es tut mir wirklich Leid. Ich… als ich dich gefragt habe, ob du… ob du mich heiraten willst, da habe ich keinen Moment lang daran gedacht, wie viel dir das hier bedeutet. Ich kann verstehen, dass du das nicht einfach so aufgeben willst. Deswegen… wie wäre es, wenn… naja, wenn wir es bei dem Angebot belassen und du jederzeit darauf zurückkommen kannst?", meinte Archie. Hafwen musste auf einmal lachen.

„Das hast du aber schön ausgedrückt.", entgegnete sie mit einem Grinsen. Archie sah verlegen zur Seite.

„Aber ich weiß, was du meinst. Das klingt gut, wirklich. Und jetzt kann ich mich endlich wieder trauen, an Deck zu gehen.", sagte Hafwen.

„Du bist die ganze Zeit nicht an Deck gewesen, weil du Angst hattest, mich zu sehen? Stürzt dich aber in eine Schlägerei mit drei starken, erwachsenen Männern?", fragte Archie ein wenig erstaunt und belustigt zur gleichen Zeit.

„Ja, ich… ich schätze schon.", antwortete Hafwen nur und zuckte mit den Schultern. Archie strahlte über das ganze Gesicht. Er zog Hafwen näher zu sich heran und küsste sie.

„Heißt das, mit uns ist alles wieder okay?", fragte sie ihn, als er den Kuss unterbrach.

„War es denn nie nicht okay?", erwiderte er und küsste sie erneut.

„In drei Stunden muss ich auf Wache.", sagte er nach einiger Zeit und wollte schon aufstehen, um zu gehen. Hafwen hielt ihn am Handgelenk fest.

„Bleib bitte hier, Archie. Das sind drei Stunden, die wir für uns haben."