Am nächsten Morgen ging Hafwen auf dem Deck umher. Ihre Stunde hatte sie schon längst überschritten, aber das war ihr eigentlich völlig egal. Der Captain besprach irgendetwas mit seinen Offizieren wegen der Schlägerei am Vorabend und solange er nicht da war, konnte Hafwen sich so gut wie frei bewegen.
Sie war gerade auf dem Weg zu Buckland, Horatio und Archie, die aus der Kapitänskajüte wiederkamen und sich miteinander unterhielten, als sie ein lautes Rufen hörte.
„Bleiben Sie, wo Sie sind, Gentlemen! Da! Gesichter, von Schuld gezeichnet. Sie werden das bezeugen, Mr. Hobbs!", hörte sie Captain Sawyer rufen. Wider besseren Wissens ging sie weiter auf die Gruppe von Offizieren zu. Sie blieb neben Archie stehen.
„Stillgestanden!", schrie Captain Sawyer und kam aus seiner Kajüte.
„Eine Verschwörung zur Meuterei, was?", fragte er dann misstrauisch.
„Nein, Sir!", antwortete Mr. Buckland.
„Auf meinem Achterdeck wird nicht gelogen. Geflüster. Ungehorsam. Verschwörung. Und nun auch noch der Mangel an Respekt. Das werden Sie bedauern, Mr. Buckland.", meinte Captain Sawyer. Hafwen sah sich nervös um. Archie hatte seine verbitterte Miene aufgesetzt, während Horatio wütend aussah. Der junge Mr. Wellard starrte geistesabwesend vor sich hin, als wäre er in eine Angststarre verfallen.
„Respektlosigkeit lag mir fern, Sir.", erwiderte Buckland ruhig.
„Schon wieder lügen Sie mich an.", sagte Captain Sawyer, dann wandte er sich zum Steuer hin.
„Mr. Bush. Ich bin sehr enttäuscht. Warum haben Sie es nicht für nötig befunden, mir von dieser Zusammenrottung zu berichten?", wollte er in einem leidenden Tonfall wissen.
„Ich habe nichts davon bemerkt, Sir. Ich half Mr. Wellard bei der Ermittlung des Breitengrades.", antwortete Bush dienstbeflissen.
„Ach ja! Mr. Wellard! Natürlich. Er hängt gewiss auch mit drin. Sie werden wie diese Gentlemen Ärger bekommen, Mr. Wellard.", sagte der Captain leise. Wellard sah ängstlich vom Boden auf.
„Sie ließen es wieder einmal an Aufmerksamkeit vermissen!", schrie Captain Sawyer plötzlich. Das ganze Deck zuckte förmlich zusammen.
„Sie haben hier an Bord keine Freunde mehr. Dazu aber später. Zunächst kümmern wir uns um die Leutnants, wie es sich für Offiziere nun einmal gehört.", fuhr der Captain fort und trat an die Reling.
„Sie, Mr. Hornblower. Sie werden Ihre Dauerwache weitere 36 Stunden fortsetzen. Und diese drei Gentlemen werden bei jedem Wachwechsel bei Ihnen vorstellig werden…"
„Aye, aye, Sir.", murmelte Horatio nur schwach.
„…Und zu jeder halben Stunde während Ihrer Wache bei zwei, vier und sechs Glasen, Tag und Nacht, stündlich, zwei Mal. Und das in vorschriftsmäßiger Uniform. Erlauben Sie sich keine Nachlässigkeiten in der Ausführung. Ich werde erfahren, wer mir gehorcht und wer nicht."
Der Captain kam auf Hafwen zu und sagte etwas leiser: „Und was die Hure unseres vierten Leutnants betrifft… sie kann ihn gleich begleiten!"
Mit diesen Worten verschwand er vom Achterdeck. Hafwen sah erschrocken zu Archie. Woher wusste der Captain…?
Hobbs. Er war der kleine Spitzel des Captain. Jetzt beäugte er sie auch schon wieder so seltsam. Sie mussten sich vor Hobbs in Acht nehmen.
Hafwen wachte mitten in der Nacht von Geschrei und lauten Schritten auf. Sie gähnte und sprang aus ihrer Kajüte. Sie zog sich schnell etwas über und knotete ihre Haare irgendwie zusammen. Was war da draußen nur los?
Als sie die Tür ihrer Kajüte öffnete, sah sie Seesoldaten durch die Gänge rennen. Sie hielt einen von ihnen an.
„Was ist hier los, wenn ich fragen darf?", wollte sie von ihm wissen.
„Meuterei. Befehl vom Captain, wir sollen die Leutnants Buckland, Bush, Hornblower und Kennedy suchen.", antwortete der und ging eilig weiter. Hafwen fluchte leise vor sich hin. Sie hatte der von ihnen irgendwie verschwörerisch tuscheln sehen, aber sie wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, dass sie tatsächlich…
Himmel, das war ihr Todesurteil! Hafwen überlegte fieberhaft, wo sie sich getroffen haben könnten. Am sichersten war der Laderaum, da kam sowieso niemand hin. Vielleicht… diese eine Stelle zwischen den Wasser – und Rumfässern. Dort hatte sie sich öfter mit Archie getroffen. Dort mussten sie sein!
Hafwen machte sich schnell auf den Weg in den Lagerraum. Es war ein unheimliches Gefühl allein dort zu sein. Alles war dunkel und man konnte nie wissen, ob nicht irgendwo jemand herumschlich, der auf der Suche nach einem der Offiziere war.
Als sie um eine Ecke bog, sah sie den Captain, der eine Pistole in jeder Hand hielt. Er murmelte vor sich hin. Hafwen verschwand schnell wieder hinter der Ecke.
„Sir.", hörte sie plötzlich eine bekannte Stimme. Archie! Was in aller Welt machte er da?
„Bitte halten Sie Abstand, ja?", flüsterte der Captain erstickt, als habe er Angst um sein Leben.
„Sir.", sagte Archie erneut. Ein paar Schritte waren zu hören, dann ein lauter Schrei.
„NEIN!"
Kurz darauf ein lauter Aufprall und ein Schuss. Er musste sich aus der Pistole des Captain gelöst haben. Hafwen kam um die Ecke geschossen.
„Was um Himmels willen…?", rief sie aus. Der Captain war nirgendwo zu sehen. Stattdessen standen die Offiziere in einem Kreis. Hafwen lief zu ihnen. Sie standen vor einer offenen Ladeluke und darin… darin lag der Captain.
„Er ist gefallen.", sagte Archie wie in Trance. Horatio schaute sich nervös um.
„Wirklich? Ist er wirklich gefallen?", wollte Hafwen wissen.
„Ja. Ja, ich… ich glaube schon, dass er… dass er gefallen ist. Ja, er ist gefallen.", antwortete Horatio ihr.
„Verdammt, wir müssen ihm helfen!", rief Hafwen und kletterte schnell die Leiter herunter, die an der offenen Luke lehnte. So sehr sie den Captain auch verabscheute, sie war Ärztin und deswegen musste sie ihm doch helfen! Wenn sie ihm nicht halfen, dann… dann wäre der Verdacht, dass sie ihn absichtlich die Luke hinuntergestoßen hatten nicht mehr von der Hand zu weisen.
Im nächsten Moment kam auch schon Dr. Clive angerauscht. Er sah, wie Hafwen sich über den Captain gebeugt hatte und seinen Puls fühlte.
„Ich übernehme das, Miss Gwyther. Gehen Sie wieder schlafen.", sagte er zu ihr. Sie trat beiseite.
„Aye, Sir."
Seit der Captain bewusstlos war, schien das Leben an Bord viel leichter zu gehen. Alles schien leichter zu sein. Hafwen war wieder fast den gesamten Tag an Deck und die frische Luft fühlte sich besser an denn je. Sie hatte es letztens sogar gewagt, wieder in die Takelage zu klettern. Es gab ja keinen Captain, den sie fürchten musste. Zumindest noch nicht.
Archie mahnte sie zwar immer wieder zur Vorsicht, da man nicht wissen könne, ob der Captain nicht doch plötzlich wieder auf dem Deck stehen könne, aber Hafwen genoss ihre neugewonnene Freiheit. Manchmal schlief sie nachts sogar an Deck.
Alle anderen wurden immerhin auch übermütiger. Die Leutnants übten den Ernstfall und sie taten es sicher nicht nur, wegen des bevorstehenden Gefechts. Hafwen glaubte, dass Horatio und Bush tief im Inneren Spaß daran hatten, die Kanonen sinnloserweise abzufeuern.
„Aus diesen Jungs machen wir noch eine Mannschaft!", rief Horatio fröhlich, als er vom Geschützdeck wieder an die frische Luft kam.
„Schon viel besser, Gentlemen.", meinte Buckland.
„Es wird langsam, Sir.", sagte auch Bush.
„Fehlt Ihnen was, Mr. Hornblower?", wollte Buckland wissen. Hafwen sah ihn fragend an. Er schien ziemlich erschöpft und außer Atem zu sein.
„Nein, Sir. Aber ich habe eine Bitte, Sir.", meinte er.
„Und die wäre?"
„Ein Bad, Sir."
Hafwen prustete laut los, als sie diese Worte hörte. Sie musste noch mehr lachen, als sie Bucklands entgeistertes Gesicht sah.
„Der war gut, Mr. Hornblower.", meinte sie nur und lief weiter das Deck entlang.
Allerdings staunte sie nicht schlecht, als die Mannschaft ein wenig später die Wasserpumpe anwarf, fröhlich lachte und laut grölte.
„Nun sehen Sie sich das an!", meinte Buckland. Bush und Archie sahen sich kurz an, dann liefen sie zu ihm. Hafwen folgte ihnen mit ein wenig Abstand.
„Würden Sie sich das trauen?", fragte Buckland lachend. Hafwen sah nach unten. Dort stand Horatio – splitterfasernackt – und nahm sein Bad.
„Himmel. Ich wünschte, sowas könnte ich mir auch leisten.", meinte Hafwen nur. Die drei Leutnants drehten sich schnell zu ihr um und sahen sie schockiert an.
„Was ist? Ist nicht so, als hätte ich noch nie einen nackten Mann gesehen.", erwiderte sie auf ihre Blicke nur und grinste.
„Das hier ist ein Schiff! Und kein öffentliches Badehaus!", donnerte plötzlich eine Stimme von gegenüber. Hafwen sah erschrocken auf. Dort stand Captain Sawyer in voller Uniform und mit seinen Gardisten. Horatio sah extrem gedemütigt aus.
„Mr. Buckland, lassen Sie die Leutnants Hornblower, Bush und Kennedy abführen.", befahl er.
„Sir?", fragte Buckland betroffen.
„Abführen lassen! Oder dazustellen!", befahl der Captain. Horatio nickte Buckland kaum merklich zu.
„Wie Sie wünschen. Sergeant Whiting."
Und damit wurden die drei abgeführt. Hafwen sah dem Geschehen nur geschickt zu und schüttelte matt den Kopf. Das war… das war das Todesurteil.
„Miss Gwyther! Ich verbiete Ihnen, das Deck zu betreten. Bleiben Sie ab sofort in Ihrer Kajüte.", sagte der Captain noch zu ihr, als einer der Gardisten an ihrem Arm zog. Wie betäubt folgte Hafwen den drei Leutnants, bis sich ihre Wege trennten.
Hafwen wurde von einem lauten Geschrei und Geknalle aus ihrem Halbschlaf geweckt. Klang, als würden sie das Schiff unter Beschuss nehmen. Teilnahmslos drehte sie sich auf die andere Seite und versuchte, weiterzuschlafen. Als nächstes wurde sie allerdings aus ihrer Koje geschleudert. Ein panisches Klopfen an ihrer Tür störte ihre Ruhe vollends.
„Miss Gwyther! Doktor Clive braucht Ihre Hilfe! Kommen Sie, schnell!"
Hafwen wankte zur Tür und öffnete sie. Sie rieb sich müde die Augen und sah Mr. Wellard vor sich stehen. Er hatte überall Blutspritzer und sah kreidebleich aus.
„Wellard, was…?"
„Bitte, Miss. Sie müssen ihm helfen. Wir werden alle sterben.", sagte er.
„Was? Aber was ist mit…?"
„Matthews hat die Leutnants befreit, Miss. Wir können jetzt nicht die Befehle des Captain befolgen, er ist wahnsinnig!"
Hafwen nickte schnell, als sie langsam wieder zu sich kam. Sie folgte dem jungen Wellard in die Krankenstation. Dort amputierte Clive gerade ein Bein.
„Doktor Clive? Ich kann Ihnen helfen.", sagte sie.
„Gut. Übernehmen sie das hier, ich muss dem Captain helfen."
„Aye, Sir."
Clive verschwand nach draußen, währen Hafwen sich über den Stumpf beugte. Er musste noch genäht werden.
„Geben Sie mir Nadel und Faden!", rief sie den anderen zu. Dann beugte sie sich zu dem Seemann herunter.
„Bleiben Sie ruhig, Mann. Sie werden wieder gesund, aber nur, wenn Sie ruhig bleiben.", sagte sie. Der Mann war blass und nickte nur schwach. Gut, der würde wenigstens nicht mehr zappeln.
„Geben Sie ihm einen halben Becher Rum. Die andere Hälfte geben Sie mir, zum Reinigen der Wunde.", befahl sie dem Matrosen, der ihr Nadel und Faden brachte. Während er nickte und sich wieder auf den Weg machte, fädelte sie den Zwirn durch das Nadelöhr.
Sie konnte nur hoffen, dass es Archie und den anderen gut ging.
