Irgendwann, nach einer scheinbaren Ewigkeit hatte der Beschuss aufgehört. Die Krankenstation war schon völlig überfüllt, sodass Hafwen sie zwangsläufig ausweiten musste. Überall auf dem Deck der Renown lagen Verletzte und Tote.

Hafwen sah, wie Dr. Clive den Captain vom Deck in seine Kabine führte. Es sah nicht aus, als würde er freiwillig mitgehen. Hatten die restlichen Offiziere sich etwas doch durchsetzen können? Was war passiert?

Hafwen wäre zu gerne an Deck gegangen, um das selbst herauszufinden, aber sie hatte einfach keine Zeit dazu. Zu viele Verletzte und nur zwei Ärzte an Bord, von denen sich einer um den Captain kümmerte. Alles, was sie erfuhr, erfuhr sie durch verletzte Seemänner.

Dadurch konnte sie sich dann letztendlich ein ziemlich genaues Bild von dem machen, was passiert war. Der Captain musste wohl während des Angriffes völlig von der Rolle gewesen sein, weswegen Horatio und ein paar der anderen Offiziere Clive schließlich davon überzeugt hatten, Captain Sawyer für untauglich zu erklären.

Das hatte ihnen allen wohl vorerst das Leben gerettet, aber Hafwen fragte sich, wie lange sie sich wohl in Sicherheit wiegen konnten. Clive war ein ziemlich wankelmütiger Mensch, vor allem wenn es um den Captain ging.

Nachdem sich Hafwen den ganzen Nachmittag um die Verletzten gekümmert hatte, war sie m Abend schließlich einigermaßen fertig, sodass sie es gerade noch so zur Bestattung der Toten schaffte.

„Darum übergeben wir in sicherem Wissen um die Auferstehung die Körper dieser Männer der See.", las Buckland vor, während zwei Matrosen die in Segeltuch eingenähten Leichen über Bord warfen.

„James McNeil. Matthew Chandler.", nannte Matthews die Namen der Toten.

„Wir beten ebenso für die schnelle Genesung unseres Captains, James Sawyer.", fügte Buckland hinzu. Hafwen verzog den Mund. Sie hatte noch keine Zeit gehabt, nach Archie Ausschau zu halten, aber jetzt sah sie ihn bei Horatio, Bush und den restlichen Offizieren stehen.

„Gemeiner Heuchler.", hörte man plötzlich ein lautes Flüstern. Es war beabsichtigt, dass man es hören sollte, so viel war klar. Horatio drehte sich um und fragte: „Wer hat das gesagt?"

„Wer hat das gesagt?", wiederholte auch Matthews wütend und zückte seinen Rohrstock. Er sah sich mit wilden Augen in den Reihen der Männer um.

„Und wir beten für eine schnelle Überfahrt nach Jamaika, auf dass wir sicher in Kingston einlaufen und diese Tragödie vergessen mögen. Amen.", beendete Buckland das Gebet, ohne den Zwischenruf zu beachten.

„Amen.", wiederholte Hafwen mit den restlichen Männern. Sie heftete ihren Blick auf Archie. Sie wollte so schnell wie möglich mit ihm reden und schauen, dass auch wirklich alles okay war. Er war gerade wieder auf dem Weg zu seinem Posten, als Hafwen ihm entgegen kam.

„Archie! Ist alles okay mit dir?", fragte sie besorgt. Sie hätte ihn am liebsten auf der Stelle umarmt, aber das konnte sie hier nicht tun, nicht vor dem Rest der Mannschaft.

„Ja, Haf, es ist alles in Ordnung.", antwortete er leise. Dann sah er sich schnell verstohlen um. Mehrere der Matrosen sahen etwas misstrauisch zu ihnen herüber.

„Wie sieht es mit den Verletzten aus, Miss Gwyther? Werden sie durchkommen?", wollte er dann von ihr wissen. Er redete nun etwas lauter, sodass die Umstehenden es auch ja mitbekamen. Hafwen lächelte ein wenig.

„Ich schätze, wer es bis jetzt geschafft hat, wird auch durchkommen, aber ich kann Ihnen leider nicht sagen, wie lange die Männer brauchen, um sich völlig auszukurieren. Dazu muss ich die nächsten Tage abwarten, Mr. Kennedy.", antwortete sie. Archie nickte.

„Also gut. Machen Sie weiter, Miss."

„Aye, Sir."

Hafwen machte sich zurück auf den Weg in die Krankenstation. Sie hoffte, dass ihr niemand verblutet war, aber Dr. Clive musste ja eigentlich dort sein. Diese Heimlichtuerei mit Archie ging ihr ein wenig gegen den Strich, vor allem jetzt, da der Captain indisponiert war. Aber wahrscheinlich hatte er Recht. Die Moral in der Mannschaft war nicht besonders gut und die Männer durften nicht den geringsten Anstoß am Verhalten ihrer Führungsoffiziere nehmen können.

Hafwen erschrak, als sie plötzlich jemand von hinten an den Schulter packte und in einer schnellen Bewegung herumdrehte. Sie konnte gerade noch Archie Gesicht erkennen, bevor er seine Lippen auf ihre presste. Hafwen lachte leise, als sie sich wieder voneinander lösten.

„Du hast ich erschreckt.", sagte sie leise. Archie grinste schief.

„Ich weiß. Aber ich konnte dich doch nicht einfach so gehen lassen.", meinte er dann. Hafwen lächelte.

„Also, was ist der Plan? Ich wette, du oder Horatio oder ihr beide habt wieder irgendeinen waghalsigen Plan, um uns aus dieser Meuterei-Sache rauszuhauen.", sagte sie.

„Ja, den haben wir. Pass auf…", begann Archie, hielt aber inne, als er ein Knarren hörte. Auch Hafwen erstarrte, denn dieses Knarren hörte sich an, als wäre jemand auf dem Weg zu ihnen. Als es dann aber wieder aufhörte und nichts passierte, atmete sie erleichtert aus.

„Wir müssen verdammt vorsichtig sein, Archie. Wenn die falschen Leute Wind davon bekommen…", flüsterte sie. Archie nickte.

„Ja, du hast Recht."

Mit diesen Worten ließ er sie ein wenig zögerlich und widerwillig wieder los. Hafwen lächelte schief.

„Also, was ist der Plan?", fragte sie.

„Wir nutzen den Überraschungsmoment und greifen gleich heute Nacht, wenn es dunkel ist, noch einmal an. So können wir unsere Befehle doch noch ausführen und stehen dann wenigstens nicht mit leeren Händen vor dem Kriegsgericht.", antwortete Archie.

„Das klingt sinnvoll. Ich weiß zwar nicht, inwieweit uns das noch helfen soll, aber es macht Sinn. Kann ich mitkommen?", wollte Hafwen wissen. Archie zuckte mit den Schultern.

„Wir müssen es erst einmal Buckland vorschlagen, dann sehen wir weiter. In Ordnung?"

„In Ordnung."

„Dann zurück an die Arbeit."