Mitten in der Nacht wurde plötzlich Alle Mann gepfiffen. Es war ein unheimlicher Aufruhr. Hafwen fiel beinahe aus ihrer Koje, so müde war sie. Immerhin hatte sie mit den ganzen Verletzten einen langen Tag gehabt. Warum wurden sie jetzt mitten in der Nacht aufgescheucht?

Erst da fiel ihr der Plan wieder ein. Horatios Plan, die Spanier zu überraschen. Hafwen zog sich schnell ein Paar Stiefel an und machte sich auf den Weg an Deck.

„Bleiben Sie ja von der Bordwand weg! Jeder, der sich nach der Bordwand auch nur umdreht, wird erschossen! Sergeant!", rief Buckland, während die Matrosen verschlafen an Deck trampelten.

„Aye-aye, Sir. Wegbleiben von der Bordwand! Sie haben den Befehl gehört!", brüllte der Sergeant durch die Nacht. Hafwen rieb sich die Augen und reihte sich irgendwo zwischen den Männern ein. Was um Himmels willen war denn jetzt los? Das sah nicht gerade aus, als ob gleich heimlich das Fort angegriffen werden sollte.

„Und, Mr. Matthews?", fragte Buckland säuerlich.

„Hm… Uns fehlen 34 Mann, Sir!", meldete er. Hafwen riss die Augen auf und drehte sich nach Matthews um. 34 Mann? Wie konnten die einfach fehlen? Archie und Horatio hatten ihren Plan doch wohl nicht alleine durchgezogen, ohne die Genehmigung von Buckland?

Nein, das konnte nicht sein. Sie standen ja auch an Deck. Mr. Hobbs kam gerade an Deck. Seine Stirn war blutig, es sah fast aus, als hätte man ihn niedergeschlagen.

„Verzeihung, Sir, es fehlen nur 33!", korrigierte Matthews sich. Hafwen zog eine Augenbraue hoch. Das war merkwürdig, äußerst merkwürdig. Buckland sah ziemlich nervös aus und trat von einem Fuß auf den anderen.

„33. Ich, äh… bin nicht sicher, was wir am besten machen sollten.", murmelte er vor sich hin. Bush drehte sich zu ihm um und sagte leise etwas, das Hafwen nicht verstehen konnte. Nach einer Weile kam auch Hornblower dazu. Die drei besprachen irgendetwas, dann schienen sie sich geeinigt zu haben.

„Wir werden die Festung angreifen!", verkündete Buckland aus heiterem Himmel. Die gesamte Mannschaft brach in Jubel aus. Und gleich darauf brach die Hölle los. Bush teilte die Männer für die Boote ein, Boote wurden klargemacht, Waffen und andere Gerätschaften wurden verfrachtet. Hafwen gab sich alle Mühe, sich mitten durch das heillose Durcheinander zu kämpfen, um bis zu Archie zu kommen.

„Kann ich mitkommen?", fragte sie atemlos, als sie es schließlich geschafft hatte.

„Wohin?", wollte Archie verwirrt wissen.

„Kann ich mitkommen, wenn ihr die Festung angreift? Ihr werdet sicher Verletzte haben, da braucht ihr einen Arzt."

„Wir haben doch Dr. Clive…"

„Clive muss an Bord bleiben und sich um den Captain kümmern. Ich kann mit einer Waffe umgehen. Ich kann schießen. Bitte, ich brauche unbedingt wieder etwas zu tun, nachdem man mich ewig in meine Kajüte eingesperrt hat!", flehte sie Archie an.

„Aber Haf, das ist zu gefährlich. Was, wenn dir etwas passiert? Das könnte ich mir nie verzeihen…"

„Und was wenn dir etwas passiert und kein Arzt da ist, der deine Wunden versorgen kann? Denkst du, ich könnte mir das verzeihen?", entgegnete sie, vielleicht etwas lauter als nötig. Archie schaute sich nervös um, dann nickte er.

„Ich werde mit Horatio und Bush reden. Wenn sie nichts dagegen haben, kannst du mitkommen. Ich würde dich zwar bitten, lieber hier zu bleiben, aber ich weiß, dass das nichts bringt.", meinte er.

„Danke.", erwiderte Hafwen und lächelte ihm zu. Als er um die Ecke gebogen war, machte sie sich auf den Weg in ihre Kajüte, um sich schnell umzuziehen. Wenn sie wirklich dabei sein durfte, dann brauchte sie ihre Männerkleidung. In einem langen Kleid konnte man nicht kämpfen. Es war schon ziemlich unpraktisch, damit in ein Boot zu steigen.

In der Kajüte angekommen, quälte sich Hafwen aus ihrem Kleid und aus dem Mieder (das sowieso viel zu locker geschnürt war) und band sich ein einfaches Tuch um die Brust. Dann schlüpfte sie schnell in ihre Männerkleidung und machte sich auf den Weg in die Krankenstation, wo sie schnell ein paar Verbände, etwas Alkohol und Schmerzmittel zusammenpackte. Mit den Sachen rannte sie wieder an Deck, wo Archie sie schon zu suchen schien.

„Also?", fragte sie, schon wieder völlig außer Atem.

„Sie sagen, du kannst mitkommen, aber nur, wenn du dir wirklich sicher bist.", antwortete Archie. Hafwen lächelte und gab Archie schnell einen Kuss auf die Stirn.

„Danke.", sagte sie und bahnte sich ihren Weg zu einem der Boote.

Es wurde schon Morgen, als sie auf der Insel ankamen. Es wehte eine kühle Brise und die Wellen schlugen leicht gegen die Boote. Die Männer sprangen nacheinander aus den Booten und Hafwen tat es ihnen gleich.

Die Stimmung war ein wenig angespannt, aber Hafwen kümmerte sich nicht weiter darum. Sie hatte eine Pistole in die Hand gedrückt bekommen und obwohl sie ein wenig Schießen geübt hatte, fühlte sich das Ding in ihrer Hand doch irgendwie seltsam an. Hafwen kam sich vor, als ob sie vorsichtig damit sein müsste. Horatio, Archie und Bush führten den Landetrupp an. Vor einem Felsen gingen sie in Deckung. Niemand wusste, was genau los war.

Plötzlich stand Horatio wieder auf. Bush versuchte, ihn am Arm festzuhalten und sagte: „In Deckung, Mann."

„Es gibt nichts zu befürchten.", meinte Horatio nur. Der Landetrupp bildete eine Traube um die Offiziere. Hafwen konnte gerade so einen Blick auf die Szene vor ihnen erhaschen. Da lagen ein paar Matrosen – offenbar die 33 Meuterer – und waren mausetot.

Alle standen einen Moment lang schockiert herum und wussten nicht, was sie tun sollten. Schließlich gab Horatio den Befehl, die Leichen aus dem Weg zu räumen. Ein paar Matrosen kümmerten sich um die Sache. Unterdessen versuchte Hafwen näher an Archie, Horatio und Bush heranzukommen.

„Offenbar waren die Dons wachsamer als wir dachten.", murmelte Bush gerade.

„So viel zum Vorteil der Überraschung.", erwiderte Archie. Die beiden schauten auf die aufgereihten Leichen, die vor ihren Füßen lagen.

„Horatio?", fragte Archie als nächstes. Horatio, der die ganze Zeit über nachdenklich auf und ab gelaufen war, hielt inne und schaute zu Archie.

„Sollen das die Spanier gewesen sein? Keine Schüsse, kein Anzeichen von Kampf oder Panik. Es scheint, als seien sie im Schlaf überrascht worden.", sagte Horatio dann. Inzwischen war Hobbs auf die Offiziere zugekommen.

„Wollen wir die Toten nicht bestatten, Sir?", schlug er vor.

„Dazu haben wir jetzt keine Zeit. Weiter! Vorwärts!", rief Bush mit gedämpfter Stimme. Daraufhin ging es tatsächlich weiter und Hafwen verlor den Gesprächsfaden.