Die Sonne war schon aufgegangen, als sie die Festung endlich sehen konnten. Horatio hatte sein Fernrohr dabei und erkundete die Lage, während Hafwen zu Archie aufrückte.

„Hey.", flüsterte sie und lächelte verschwörerisch. Archie lächelte zurück.

„Hey. Ich dachte fast, du wärst doch nicht mitgekommen, weil ich dich noch nicht gesehen hatte. Komm mit!", erwiderte er leise. Sie liefen leicht geduckt näher an Horatio und Bush heran.

„Was gibt es?", fragte Archie die beiden.

„Werfen Sie selbst einen Blick auf den Feind, Mr. Kennedy.", sagte Bush und reichte ihm das Fernrohr. Archie nahm es und schaute konzentriert hindurch, als er plötzlich anfing zu lachen. Hafwen warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Oh Gütiger!", rief er mit einem Grinsen aus. Hafwen versuchte, an das Fernglas zu kommen, aber Archie schaute wieder hindurch.

„Nachhilfe in Pflichterfüllung braucht er jedenfalls nicht.", meinte Horatio trocken.

„Auch zu dieser Stunde nicht.", fügte Bush hinzu.

„Lass mich auch ml gucken!", flüsterte Hafwen Archie zu. Er reichte ihr mit einem breiten Grinsen das Fernglas. Hafwen musste sich wirklich beherrschen, ein langgezogenes Pfeifen zu unterdrücken, als sie Szene sah, die sich ihr bot. Ein spanischer Offizier, der während seines Dienstes über eine hübsche, junge Frau herfiel. Sie gab Archie das Fernglas mit einem Grinsen zurück.

„Na, na, na, na!", flüsterte er. Bush seufzte und nahm ihm das Fernglas wieder weg.

„Das reicht jetzt, Mr. Kennedy. Muss ich Sie erinnern, wozu wir hier sind?", sagte er. Horatio wandte sich zu dem restlichen Landetrupp um.

„Schließen Sie auf!", forderte er sie auf. Die Männer kamen so leise wie möglich näher. Styles grinste breit und fragte mit einem Lachen: „Noch zugange, Sir?"

„Styles!", ermahnte Bush ihn, „Die letzte Warnung. Wenn Sie ab jetzt, noch mal außerplanmäßig Luft holen, dann brech ich Ihnen den Hals! Verstanden?"

Styles Grinsen fiel schnell wieder in sich zusammen, während Hafwen sich alle Mühe geben musste, nicht zu kichern. Es sollte schon weitergehen, als plötzlich laute Schüsse von der Bucht her zu hören waren. Alle drehten sich erschrocken um.

„Welcher dumme Narr…?", murmelte Bush verärgert, als er durch das Fernglas schaute.

„Sir!", rief Horatio plötzlich und zeigte auf die Festung. Bush schaute durch sein Fernglas. Auf der Festung tat sich irgendetwas.

„Alle Mann! Attacke!", rief er dann laut. Dann ging alles ziemlich schnell. Jeder sprang auf und stürmte unter Geschrei und Gebrüll auf die Festung zu. Hafwen war fast ein wenig überrumpelt davon, wie schnell alles ging, weswegen sie ziemlich weit zurückfiel.

Als sie schließlich kurz vor der Festungsmauer waren, schauten ein ganzes Dutzend spanischer Köpfe und spanischer Gewehre über die Mauer. Hafwen wollte vor Schreck fast stehen bleiben, als auch schon die ersten Schüsse fielen. Die Masse wurde gebremst und die ersten schossen auch schon zurück. Hafen war darauf völlig unvorbereitet, sodass sie erst einmal ihre Pistole entsichern musste. Inzwischen wurden sie auch noch von einer anderen Seite beschossen. Hafwen versuchte, sich zu orientieren, aber es war zwecklos. Sie sah nur, dass jemand vor ihr zu Boden sank. Wellard stand neben ihr und sah genauso planlos aus wie sie.

Bush hatte irgendwelche Befehle gebrüllt, aber Hafwen hatte kein Wort davon mitbekommen. Sie folgte einfach planlos den Männern. Sie hatte sich die ganze Sache wirklich nicht als so ein Chaos vorgestellt. Scheinbar hatte sie das alles unterschätzt. Einen Moment lang ärgerte sie sich darüber, nicht auf Archie gehört zu haben. Aber dann schrie sie sich innerlich selbst an, sich zusammenzureißen und die Sache durchzuziehen.

Die Seesoldaten gaben ihnen Feuerschutz, während sie die Befestigungsanlage stürmten. Einige Männer wurden getroffen und fielen zu Boden, aber Hafwen verlor schnell den Überblick. Sie hörte nur Schüsse durch die Luft pfeifen und da war Schreien und zu Boden stürzende Männer und mittendrin war sie, völlig ohne einen Plan und hoffte einfach nur, nicht getroffen zu werden.

Sie kamen an ein Tor, das ihnen allerdings vor der Nase zugeschlagen wurde. Im Nacken hatten sie noch ein paar spanische Soldaten sitzen und das Tor zur Festung war verschlossen. Hafwen rechnete damit, dass es vorbei war.

„Zurück, zurück, zurück!"

„Geht in Deckung!"

Hafwen hörte diese ganzen Rufe, konnte sie aber nicht wirklich einordnen und folgte deshalb einfach der Masse.

„Eng an die Mauer! Alle dicht zusammenbleiben! Habt ihr gehört?", rief Mathews. Sie waren um eine Ecke gebogen und schienen jetzt für die spanischen Schützen unerreichbar zu sein. Alle lehnten sich gegen die Mauer und atmeten durch. Zumindest solange, bis wieder aus allen möglichen Richtungen Schüsse kamen, vornehmlich von oben. Hafwen presste sich noch enger gegen die Mauer und hielt sich die Hände schützend über den Kopf.

„Archie! Da oben, dein Freund vom Turm, siehst du den?", rief Horatio auf einmal.

„Was?", fragte Archie und schien wirklich ziemlich verwirrt zu sein.

„Da!", erwiderte Horatio, woraufhin ein Schuss von oben folgte.

„Wie kommt er da oben hin?"

„Gute Frage. Matthews, kommen Sie mit!"

„Aye-aye, Sir.", entgegnete Matthews. Hafwen beobachtete das Geschehen ungläubig. Was war denn jetzt los?

„Hornblower!", rief Bush, aber Horatio schien schon gar nichts mehr zu hören. Ein paar andere standen auf und wollten Horatio folgen, aber sie wurden von Bush zurückgehalten, der Styles am Ärmel gepackt hatte.

„Wo wollen Sie hin?", fragte er und gleich darauf: „Gardisten, zu mir!"

Hafwen lehnte sich wieder gegen die Mauer und holte erschöpft Luft. Die Sache war wirklich nicht so einfach, wie sie gedacht hatte.

Plötzlich geriet wieder Bewegung in die Gruppe. Die Gardisten kamen auf sie zugestürmt und viele von ihnen wurden gleich zu Beginn niedergeschossen. Styles versuchte, mit einem Enterhaken in die Festung zu kommen, allerdings schnitt ein Spanier das Seil ab, sodass Styles auf einem Haufen Gardisten landete. Kurz darauf kamen wieder spanische Soldaten von einer anderen Seite angerannt und feuerten auf sie.

Hafwen hatte inzwischen völlig die Orientierung verloren und hoffte nur, dass Archie, Horatio, Wellard und Matthews irgendeine Lösung finden würden, um sie alle schnell hier heraus zu holen. Bush schrie Befehle und die Männer wechselten die Position. Hafwen rannte einfach mit, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tat. Gelegentlich feuerte sie in Richtung der Spanier, aber sie hatte keine Ahnung, ob sie einen traf.

Aber es schien aussichtslos. Bald hatten die Spanier sie eingekreist und riefen: „Sie müssen sich ergeben!"

„Wenn Sie Mr. Hornblower noch einmal sehen, können Sie ihm sagen…", begann Bush.

„Sir?", fragte Styles nach.

„Ach, nichts.", erwiderte Bush nur.

„Sie müssen sich ergeben.", wederholte der Spanier.

„Sagen Sie ihm, ich knüpf ihn an der Rahnock auf!", grummelte Bush vor sich hin. Er zückte schon seinen Säbel, um sich zu ergeben, als plötzlich eine riesige Explosion das versperrte Holztor sprengte. Hafwen atmete erschrocken auf und hielt sich die Hand vor die Augen. Es gab ein riesiges Geschrei und ein riesiges Durcheinander und schließlich kamen Horatio, Archie, Wellard, Matthews und Hobbs aus dem Rauch.

„Schön, Sie unversehrt zu sehen, Mr. Bush.", meinte Horatio nur. Bush sah völlig verdattert aus und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

„Los! Alle mit mir!", rief er dann und der Sturm auf die Festung ging weiter. Sie kamen in eine Art Tunnel, wo sie nur auf wenig Widerstand stießen. Danach gelangten sie in den Innenhof der Festung, auf dem sich in allen Richtungen spanische Soldaten postiert hatten.

Es kam wieder zu einem riesigen Durcheinander, die Männer gingen mit Säbeln auf sie los. Hafwen schlug einfach nur wild um sich und hoffte, nicht zu sterben. Nach einer schieren Ewigkeit hatte sich herumgesprochen, dass der Kommandant der Festung sich ergeben hatte. Hafwen ließ keuchend ihre Waffen sinken und war einfach nur froh, dass es vorbei war.