Eigentlich hatte Hafwen vorgehabt, sich um die Verletzungen der Männer zu kümmern, aber das schien hoffnungslos, da alle von ihnen schon wieder mit irgendetwas beschäftigt waren. Ein paar spanische Schiffe ergriffen die Flucht und anscheinend mussten sie gestoppt werden, koste es, was es wolle.
Horatios Idee war es, glühende Kanonenkugeln zu verwenden, aber das war Hafwen im Moment recht egal. Sie huschte von Geschütz zu Geschütz und kümmerte sich um die Verletzten, während sie arbeiteten.
In einer stillen Minute musste sie schnell einen Verband anlegen oder ein paar Wunden reinigen, während die Männer die Kanonen putzten. Es war unglaublich.
Schließlich kam eine der glühenden Kugeln zum Einsatz. Horatio kam aufgeregt angerannt und fragte: „Darf ich, Sir?"
„Bitte, von mir aus.", meinte Bush nur. Er schien nicht besonders erpicht zu sein, die Sache als erster auszuprobieren.
„Fahren Sie aus!", rief Horatio. Die Männer an der Kanone fuhren das Geschütz aus und hielten sich bereit, bis sie ein gellendes „Feuer!" von Horatio hörten.
„Mr. Kennedy?", fragte Bush. Archie, der den Schuss durch das Fernglas beobachtet hatte, drehte sich um und meldete: „Zwanzig Yards zu kurz! Kochen nur Wasser, Mr. Bush!"
„Wir wollen kein Wasser kochen, wir wollen brennende Schiffe!", rief Bush frustriert aus.
„Sir! Die Kugel geht nicht rein, sie ist zu groß!", rief Matthews plötzlich herber. Horatio kam zu ihnen gelaufen.
„Und das hier gefällt mir nicht, Sir!", rief er dann und lief zum benachbarten Geschütz. Hafwen schaute zu der Kanone herüber und sah, dass sie dampfte. Sie kannte sich zwar nicht mit Kanone aus, aber sie war sich ziemlich sicher, dass das nicht so sein sollte.
„Halt! Weg vom Geschütz!", rief Bush.
„Es explodiert.", rief einer der Männer, die Hand seelenruhig auf der Kanone. Bush schien beinahe wahnsinnig zu werden. Er rief immer wieder, dass die Männer von dem Geschütz verschwinden sollten, was sie dann letztendlich auch taten. Es gab einen lauten Knall und die Kanone explodierte mit einer riesigen Staub- und Rauchwolke. Hafwen musste husten. Sah aus, als würde sie wieder Arbeit bekommen.
Gegen Ende des Tages hatte Hafwen gehofft, noch ein wenig mit Archie draußen sitzen zu können und die nette spanische Luft zu genießen. Allerdings wurden ihre Pläne durchkreuzt, denn gegen Ende des Abends mussten sie sich hinter einer behelfsmäßigen Barrikade vor dem Kugelhagel der aufständischen Sklaven verstecken.
„Auf keinen Fall gebe ich mich kampflos geschlagen…", murmelte Bush.
„Ich glaube, ein Rückzug wäre vielleicht umsichtiger. Wir sind nur 20 Mann!", protestierte Horatio. Einer der Seemänner wurde getroffen und fiel zu Boden.
„Jetzt nur noch 19.", warf Archie ein. Hafwen lehnte sich leicht an seinen Rücken. Es war ein verdammt langer Tag gewesen und sie war einfach nur müde.
„Na gut, zurückweichen! Hobbs, Loch vernageln!", befahl Bush.
„Aye-aye, Sir."
Mit diesen Worten zogen sie sich zurück in Richtung der Bucht. Hafwen war es inzwischen völlig egal. Sie freute sich nur noch darauf, in ihre Koje zu kommen. Hafwen konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was gesagt wurde und durch welche kleinen Türen und Löcher sie krabbeln mussten, bis sie endlich in den Booten saßen.
Alles, was sie wusste, war, dass das Boot ablegte und Archie war nicht da. Auch Horatio und Bush waren nicht da, aber ihr fiel auf, dass Archie nicht in ihrem Boot war, dabei hatte sie schon eines der letzten genommen.
Hafwen wusste auch nicht, wie lange es dauerte bis sie wieder an Bord der Renown war, aber das erste, was sie mitbekam, war, wie Buckland auf sie zukam und sie nach Archie und Bush fragte. Hafwen sagte ihm, dass sie keine Ahnung habe, wo die beiden seien.
„Sie sind doch nicht etwa auf der Festung geblieben…", murmelte er und verschwand, um weiterzusuchen. Die Rädchen in Hafwens Kopf begannen zu rattern. Natürlich, sie hatte vorhin irgendetwas davon gehört, dass die Festung gesprengt werden sollte. Wahrscheinlich hatte Horatio sich freiwillig dafür gemeldet, immerhin sah ihm das verdammt ähnlich. Und Archie und Bush wollten ihn natürlich nicht im Stich lassen… Verdammt!
Sie schaute auf die Festung, aber sie konnte natürlich nichts erkennen. Wenn die drei die Sprengladungen legten, dann war es unwahrscheinlich, dass sie wieder zurückkommen würden. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Was, wenn sie Archie nie wiedersehen würde? Und dabei hatte sie sich nicht einmal richtig verabschieden können…
In diesem Moment hörte sie eine laute Explosion. Es war ohrenbetäubend. Die Festung flog gerade in die Luft. Ihr schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf und ihr Herz begann vor Angst, laut zu klopfen. Sie wollte Archie nicht verlieren!
Außer ihr schien das offenbar niemanden zu stören. Buckland gab den Befehl, nach Kingston zu segeln und alle rannten wieder los, um ihre Arbeit zu machen. Hafwen blieb wie angewurzelt stehen und spürte, wie die Tränen in ihren Augen brannten.
Plötzlich rief jemand etwas, von wegen auf der Klippe wäre etwas. Hafwen glaubte, dass es Matthews war. Sie hob den Kopf und sah drei winzig kleine Gestalten auf der Klippe stehen. Das mussten sie sein! Sie rannten los und sprangen tatsächlich von der Klippe!
Hafwen schlug sich die Hände vor den Mund, als sie sah, wie alle drei wieder auftauchten. Die Mannschaft brach in Jubel aus. Hafwen merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Es dauerte nicht lange, bis sie an Bord gebracht wurden. Archie kämpfte sich durch die Menge und kam lächelnd auf Hafwen zu.
Sie sah ihn nur kopfschüttelnd an und warf ihm dann die Arme um den Hals. Archie strich ihr beruhigend über den Kopf.
„Ich bin so froh, dass du wieder da bist. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dich zu sehen, Archie.", sagte sie leise und drückte sich noch einmal fest an ihn, bevor sie ihn losließ.
„Ich bin so froh, dass ich überlebt habe und dich wiedersehen kann.", erwiderte Archie. Hafwen deutete mit einem schiefen Grinsen auf die Mannschaft, die im Moment noch nicht sonderlich viel Notiz von ihnen nahm. Archie nickte lächelnd und ging weiter.
