„Was ist? Du siehst so besorgt aus.", sagte Hafwen. Archie saß neben ihr auf ihrer Seekiste und starrte geradeaus.
„Die Sache mit dem Captain, Haf. Er sagt, einer von uns habe ihn gestoßen, aber… niemand von uns weiß es. Hobbs hat ihn zu der Ladeluke mitgenommen, damit er sich wieder erinnert. Er hat völligen Unsinn erzählt, natürlich, aber was wenn er sich doch einmal erinnert? Was, wenn er sich falsch erinnert? Niemand von uns weiß irgendetwas. Verdammt, ich weiß nicht einmal selbst, ob ich es war oder nicht. Wellard weiß es auch nicht.", erzählte er.
„Und was, wenn er einfach gefallen ist, ohne gestoßen worden zu sein?", fragte Hafwen.
„Das kann gut sein, aber er behauptet steif und fest, es hätte ihn jemand gestoßen. Ob er sich das nun einbildet oder nicht, ist dem Kriegsgericht in Kingston egal.", antwortete Archie.
„Es muss also einen Schuldigen geben."
„Genau. Einer muss hängen."
„Das ist nicht gerecht. Niemand weiß, wer es war oder ob es überhaupt jemand war. Nur weil der Captain einen legendären Ruf hat…"
Archie nahm ihre Hand und lächelte sie leicht an.
„Natürlich ist es nicht gerecht, aber so läuft es nun einmal. Einer muss hängen. Ich hoffe nur, dass ich es nicht bin.", sagte er dann. Hafwen hob den Kopf von seiner Schulter und sah ihn fragend an.
„Aber warum solltest du es sein? Du hast nicht getan, oder?"
„Ich weiß es nicht, Hafwen, ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, aber es kann natürlich auch sein, dass ich mich irre. Ich war so müde an dem Abend, es ist gut möglich, dass ich ihn auffangen wollte und ihn dabei aus Versehen gestoßen habe, verstehst du?"
Hafwen nickte. Sie verstand es, ja. Aber sie wollte es nicht wahrhaben. Sie hätte nie gedacht, dass sie nach allem, was sie getan hatte, jemanden finden würde, der sie liebte. Und schon gar nicht so jemanden wie Archie.
„Ich hab Angst um dich, Archie. Wir sollten die Zeit, die uns bis zu der Verhandlung noch bleibt, gut nutzen. Für den schlimmsten Fall.", sagte Hafwen dann.
„Für den schlimmsten Fall?", fragte Archie nach. Hafwen schloss die Augen und warf sich an seine Brust.
„Gott, ich will dich nicht verlieren, Archie!"
Hafwen und Archie wurden früh am Morgen von lautem Geklirre geweckt.
„Was ist denn los?", murmelte Hafwen verschlafen, aber Archie bedeutete ihr leise zu sein. Er lauschte dem Klappern. Zwischendurch hörte man ein paar spanische Sätze.
„Klingt ganz danach, als wären unsere spanischen Freunde ausgebrochen…", murmelte er.
„Aber wie…?", fragte Hafwen.
„Das ist im Moment egal, wir müssen sie irgendwie aufhalten. Pass auf, du gehst leise und unauffällig auf die Krankenstation und ich suche Wellard, okay? Es könnte gut sein, dass es zu Gefechten und Verletzten kommt.", sagte Archie. Hafwen nickte und stand auf, um in ihr blaues Kleid zu schlüpfen. Sie band schnell ihre roten Locken zusammen, während Archie sich schon auf den Weg zu Wellard machte. Hafwen bemühte sich, möglichst leise über die knarrenden Dielen in die Krankenstation zu gelangen. Sie war nicht weit davon entfernt, als sie ein lautes: „Alarm! Die Spanier!" hörte.
Darauf folgte ein Schuss. Hafwen verschwand in der Krankenstation und bereitete schnell einige Verbände und Schmerzmittel vor.
Es dauerte nicht lange, bis weitere Schüsse und Geschrei zu hören waren. Es ging also los. Hafwen schaute aus dem Fenster auf das Deck, auf dem sich blutige Kämpfe abspielten. Sie sah, wie Bush einen heftigen Schlag abbekam und auf einmal kam Horatio angelaufen, obwohl er doch auf einem der Prisenschiffe sein sollte.
Ein Matrose schleppte sich zur Krankenstation herein. Er hatte einen Schuss in die Schulter bekommen. Es sah aus, als würde die Kugel noch stecken.
„Setzen Sie sich, Mann.", forderte Hafwen ihn auf. Er nickte und tat, was sie sagte. Während sie seine Verletzung behandelte, hörte sie einen lauten Ruf.
„Ergebt euch endlich! Der Colonel ist tot!"
Sie wurde gerade mit dem Verband fertig, als sie das hörte. Sie lächelte den Matrosen aufmunternd an.
„Scheint, als wäre es bald vorbei. Geht es so mit Ihrem Arm?", fragte sie ihn.
„Ja, danke, Ma'am.", erwiderte er und ging wieder nach draußen. Hafwen folgte ihm, sie wollte sehen, was da los war. Die Gardisten hielten die Spanier in Schach und Hafwen kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie sich ergaben. Sie ließen die Waffen fallen und wurden unter Deck gebracht.
„Sir! Mr. Bush!", rief auf einmal Styles. Hafwen drehte sich um und sah den verletzten Bush auf dem Boden liegen. Horatio war schon halb bei ihm und auch Hafwen kam jetzt dazu, um sich um ihn zu kümmern. Auch Clive war inzwischen angekommen.
„Wie sieht es aus?", fragte Horatio.
„Er braucht keine Hilfe von Ihnen, er braucht Nadel und Faden, und zwar schnell. Los, aus dem Weg! Sie sind hier fertig. Jetzt bin ich dran.", meinte Clive und übernahm die Sache.
Nachdem ein paar kleinere Verletzungen geklärt waren, machte Hafwen sich wieder auf den Weg an Deck. Es wurde Zeit, dass sie nachsah, ob es Archie gut ging. Sie hatte gehört, dass Wellard gestorben war, was sie zuerst nicht glauben wollte. Sie mochte den Jungen wirklich. Aber nachdem auch Bush schwer verletzt worden war, machte sie sich wirklich Sorgen um Archie. Er lehnte an der Bordwand und Horatio kam gerade auf ihn zu.
„Lass ihn zufrieden, Archie! Hättest du ihn selbst gesehen…", hörte sie Horatio sagen, als sie näher kam. Die beiden lachten, aber irgendwie sah Archie aus, als hätte er Schmerzen dabei.
„Ist das dein Blut?", fragte Horatio dann. Hafwen lief schneller. War ihm etwas passiert?
„Ach, das. Ist nur ein Kratzer. Gefangene hinter Schloss und Riegel?", erwiderte Archie. Das sah nicht nach einem Kratzer aus. Das sah schlimmer aus.
„Archie!", rief sie.
„Herrgott, ist das dein Blut?", wollte Horatio verärgert wissen. Archies Lippen zitterten. Hafwen sah, wie Horatio die Weste aufknüpfte. Darunter kam ein riesiger Blutfleck zum Vorschein. Hafwen kniete sich erschrocken neben Archie.
„Archie?", fragte Horatio wieder. Hafwen nahm Archies Hand und sah die Wunde schockiert an.
„Nicht so schlimm, wie es aussieht." Brachte Archie hervor. Dann floss Blut aus seinem Mund und er kippte nach vorne. Horatio fing ihn auf und Hafwen bemühte sich, ihn zu stützen.
„Archie, du musst in die Krankenstation. Sofort. Verdammt, warum hast du das nicht gleich gesagt?", fragte sie verzweifelt und presste ein Stück Stoff auf die Wunde. Sie stützte Archie auf der einen Seite, während Horatio ihn auf der anderen Seite stützte. Zusammen schafften sie ihn in eine Krankenkoje.
Hafwen konnte nicht gegen die Tränen ankämpfen, die sich ihren Weg über ihre Wangen bahnten.
„Oh, Archie, bitte… bitte lass mich nicht allein.", murmelte sie immer wieder vor sich hin, während sie die Wunde versorgte.
