Hafwen konnte es beinahe nicht ertragen, nicht zu den Verhandlungen zugelassen zu sein. Nicht einmal als Zuschauerin durfte sie anwesend sein. Sie durfte nicht einmal in dem Gefängniskrankenhaus mithelfen, in dem Archie behandelt wurde.
Alles, was sie durfte, war ihn besuchen. Sie wich kaum mehr von seiner Seite. Aber es ging ihm nicht besser. Im Gegenteil. Es ging ihm mit jedem Tag fast schlimmer. Einmal, da schien e bergauf zu gehen, aber das war nur für ein paar Tage.
Archie schlief sehr viel und wenn er wach war, dann plagte ihn das Fieber. Es tat Hafwen weh, ihn so zu sehen. Es tat ihr weh, ihn leiden zu sehen und zu wissen, dass er es höchstwahrscheinlich nicht schaffen würde.
Auch Horatio besuchte ihn regelmäßig. Von ihm erfuhr Hafwen auch, wie der Prozess verlief. Es sah aus, als hätten die Admiräle es auf Horatio abgesehen. Und als Buckland ihn dann beschuldigte und Hobbs als Zeugen dafür benannte, dass er Captain Sawyer gestoßen hatte, schien es wirklich sehr schlecht auszusehen. Allerdings sagte Hobbs nicht gegen ihn aus, was nicht nur Hafwen überraschte. Es war merkwürdig, aber was noch merkwürdiger war, war dass nun niemand mehr sagen konnte, wie der Prozess ausgehen würde. Es hing alles an den Admirälen.
Das Gute daran war, dass Kommodore Pellew dazu gehörte. Er würde alles Menschenmögliche für Horatio tun. Andererseits schienen die anderen beiden Admiräle dem jungen Offizier nicht ganz so gewogen zu sein.
„Wo ist er, Mr. Bush? Wo ist er hingegangen?", fragte Hafwen verzweifelt.
„Er ist wieder auf den Beinen…", sagte Bush und schien sich sehr für sein Buch zu interessieren. Hafwen schüttelte den Kopf.
„Das ist Unsinn und das wissen Sie! Was hat er vor?", wollte sie wissen.
„Er wollte zur Verhandlung gehen, Miss.", antwortete Bush. Hafwen riss erschrocken die Augen auf.
„Oh nein…"
„Was ist falsch daran?"
„Er hat gestern von Horatios schlechter Lage gehört. Horatio ist sein bester Freund. Er wird doch nicht… irgendetwas Dummes machen…", murmelte sie erschrocken, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Gefängnis. Sie musste zum Gericht, so schnell wie möglich. Vor dem Gefängnis traf sie Horatio, der ein wenig verwirrt schien, sie zu sehen, aber sich scheinbar nichts daraus machte. Es war nicht mehr weit…
Vor dem Gebäude standen zwei Wachen, die ihr den Weg versperren wollten. Hafwens Plan war es gewesen, einfach in das Gebäude zu marschieren, aber das ging nicht ganz so auf, wie sie es sich vorgestellt hatte.
„Sie können hier nicht herein, Miss.", sagte eine der Wachen. Er schien ziemlich müde und gelangweilt zu sein.
„Oh, doch, Sir, ich muss in dieses Gebäude.", widersprach sie.
„Und warum, Miss?"
Hafwen biss sich auf die Lippe und dachte kurz über einen guten Grund nach.
„Mein Mann ist da drin, Sir!", rief sie aus. Der Wachmann warf ihr einen mitleidigen Blick zu.
„Bedaure, Miss.", meinte er nur. In dem Moment kam Horatio angerannt.
„Lassen Sie mich durch!", rief er.
„Horatio!"
„Und Sie werden auch sie durchlassen!", befahl er. Hafwen nickte ihm dankend zu und rauschte mit ihm durch die Tür. Sie sprinteten die Treppen hinauf in den Saal, aus dem schon laute Geräusche drangen. Hafwen und Horatio kamen durch die Tür. Dort stand Archie, gestützt auf Dr. Clive. Pellew rief: „Führen Sie den Mann ab!"
Archie wurde von zwei Gardisten aus dem Saal geführt. Er schaute mit einem wehleidigen Blick zu Hafwen und Horatio. Dann lächelte er leicht, ehe er abgeführt wurde.
„Nein!", stieß Hafwen leise hervor. Sie schüttelte den Kopf und sah verzweifelt zu Horatio. Sie hatte sich immer für so stark gehalten, aber jetzt… sie fühlte, wie ihre Knie nachgaben. Horatio fing sie noch gerade rechtzeitig auf, aber sie bekam nicht mehr viel von ihrer Umgebung mit.
„Ins Gefängnis. Bringen Sie mich ins Gefängnis.", murmelte sie nur immer wieder vor sich hin.
„Warum hast du das getan?"
Hafwen strich traurig über Archies Haare. Er lächelte leicht.
„Erinnerst du dich daran, als du mir gesagt hast, dass das Leben so oder so irgendwann vorbei ist? Und dass man sich einfach eine Menge Leiden ersparen kann? Vielleicht hast du Recht gehabt.", sagte er mit einem traurigen Lächeln.
„Das war so dumm, Archie. Damals fand ich mein Leben nicht lebenswert. Aber jetzt…"
„Hafwen, welches Leben habe ich denn noch? Ich werde an der Verletzung zugrunde gehen, machen wir uns doch nichts vor. Aber wenn ich dadurch, dass ich mich opfere noch ein Leben retten kann… dann ist es das doch wert, oder nicht?"
„Und du hast keine Angst mehr?"
„Doch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für eine Angst ich habe."
Hafwen schloss eine seiner Hände in ihre und legte ihren Kopf auf das Krankenbett.
„Ich wollte dir eigentlich etwas sagen, nachdem das hier alles vorbei gewesen wäre. Aber ich glaube, dafür ist es zu spät.", flüsterte sie mit gebrochener Stimme.
„Was war es?"
„Ich liebe dich, Archie. Verdammt, ich hätte dich geheiratet. Ich hätte wahrscheinlich sogar dieses ganze Leben für dich aufgegeben, aber… jetzt ist es zu spät dafür.", sagte sie und begann, laut zu schluchzen. Archie drückte ihre Hand leicht, so gut es möglich war.
„Die linke Westentasche. Ich hab ihn in Plymouth gekauft, bevor ich dich gefragt habe, ob du mich heiraten willst. Jetzt ist er ein wenig nutzlos, aber du kannst ihn haben. Ich würde mich freuen, wenn…"
Archie hustete. Hafwen drückte seine Hand etwas fester. Er sollte wenigstens noch diese letzten Stunden bei ihr bleiben.
„… wenn du ihn behalten würdest und dich an mich erinnern würdest.", beendete er seinen Satz. Hafwen lächelte durch ihren Tränenschleier.
„Ich könnte dich nie vergessen, Archie.", sagte sie. Dann stand sie auf, um nachzusehen. Sie wusste, dass es ein Ring war und trotzdem schien ihr Herz einen Schlag auszusetzen, als sie ihn aus der Tasche zog. Er war silbern und relativ einfach gehalten, bis auf eine ornamentale Gravur. Er war wunderschön.
„Danke… danke, Archie. Ich… ich muss dir etwas sagen. Du kannst dir denken, was ich meine?"
„Das, was du getan hast? Weswegen du niemanden verdienen würdest?"
Hafwen nickte.
„Ich bin eine schwarze Witwe. Ich habe meinen ersten Mann sehr jung geheiratet. Er war viel älter als ich und ein regelrechter Tyrann. Ich weiß nicht, wie viele Narben ich noch von seiner Prügel habe. Ich habe ihn vergiftet. Mein Adoptivvater war Arzt und daher kannte ich mich auch ziemlich gut mit Giften aus. Ich hab ihn umgebracht, Archie. Er hat mich schlecht behandelt, ja. Aber ich habe ihn umgebracht.", erzählte sie und schüttelte traurig den Kopf.
„Aber du bereust es. Sonst würdest du dich nicht selbst so bestrafen.", sagte Archie und lächelte noch immer.
„Wie kannst du das sagen? Wie kannst du eine Mörderin wie mich noch lieben, Archie?", fragte sie.
„Du warst vielleicht mal eine, aber das bist du nicht mehr."
Hafwen drehte ich abrupt um.
„Doch. Das bin ich noch. Ich werde nämlich nicht zusehen, wie sie dich öffentlich hängen. Du bist einer der aufopferungsvollsten und mutigsten Menschen, die ich kenne. Ich lasse nicht zu, dass man dich öffentlich verunglimpft."
„Das ist in Ordnung. Es ist doch egal, ob ich jetzt oder morgen früh sterbe. Eigentlich bin ich dir sogar ganz dankbar dafür, dass du es beschleunigen wirst."
Hafwen nickte und holte ein kleines Fläschchen aus ihrer Rocktasche.
„Du wirst erst in etwa zwei Stunden daran sterben. Soweit ich weiß, wollte Horatio noch mit dir reden. Es tut mir so leid, aber ich könnte es nicht ertragen, dich hängen zu sehen."
Hafwen beugte sich über ihn und gab ihm einen letzten Kuss, bevor sie ihm die Flüssigkeit aus dem Fläschchen einflößte.
„Es tut mir leid.", sagte sie noch einmal und Tränen rannen ihr übers Gesicht.
„Das muss es nicht. So geht es schneller. Ich muss weniger Angst haben."
„Leben Sie wohl, Mr. Kennedy.", sagte Hafwen und drehte sich dann schnell um, um aus der Zelle zu laufen. Sie ertrug es nicht mehr. Sie ertrug das alles einfach nicht mehr.
