Hafwen zog die Uniformjacke enger um ihren Körper. Es war unheimlich kalt und der Wind pfiff durch die Straßen. Dadurch, dass sie nur noch den halben Sold ausgezahlt bekam, konnte sie sich so gut wie nichts leisten. Keine Wohnung, kaum Essen und auch kaum warme Kleidung.

Ihre Schuhe waren schon löchrig, aber sie mussten noch eine Weile mitmachen, da Hafwen einfach kein Geld hatte, um sich neue zu kaufen. Ihren warmen Mantel hatte sie schon längst verkauft und viel mehr hatte sich auch nicht, was sich zu Geld machen ließe.

Alles, was ihr noch geblieben war, waren Archies Ring und seine alt Uniformjacke und beides konnte und wollte Hafwen nicht verkaufen. Die Jacke brauchte sie, um nicht zu erfrieren, auch wenn sie nicht so warm hielt, wie der Mantel. Und sie brachte es nicht übers Herz, den Ring zu verkaufen, obwohl er ihr wahrscheinlich die Miete in einer billigen Unterkunft für einen ganzen Monat einbringen würde.

Aber Hafwen machte sich nichts daraus, auf der Straße zu schlafen, obwohl es wirklich sehr kalt war. Die billigen Wohnungen waren meistens auch kalt und dreckig, außerdem gab es andere Möglichkeiten, sich warm zu halten. Eine Flasche billigen Fusel, zum Beispiel. Der machte nicht nur die Kälte erträglicher, sondern auch die Trauer um Archie.

Sie vermisste ihn immer noch so sehr. Sie wären jetzt wahrscheinlich verheiratet gewesen, wenn er damals in Kingston nicht…

Hafwen verscheuchte den Gedanken. Sie brachte schon fast den ganzen Tag damit zu, darüber nachzudenken, da musste sie nicht auch noch vor dem Einschlafen grübeln. Vielleicht sollte sie sich lieber Gedanken machen, wie sie an Geld kommen würde.

Alles, was sie hatte, war ihre Witwenrente und der halbe Sold (und der war wirklich verdammt gering). Sie konnte auch als Ärztin keine Arbeit finden, immerhin war sie eine Frau ohne jegliches Vermögen. Sie konnte nicht einfach arbeiten gehen.

Am Anfang hatte sie noch in einem Gasthaus gearbeitet und auch bei der Wirtin gewohnt. Aber dort war sie vor einem Monat auch entlassen worden, weil die Wirtin sich nicht länger eine Aushilfe leisten konnte. Zwei Wochen lang hatte ihr Erspartes noch für ein einfaches Zimmer gereicht, aber seitdem saß sie auf der Straße.

Bis Ende des Monats musste sie es noch aushalten, dann war wieder Geld da. Vielleicht würde sie dann ein ganz billiges, freies Zimmer finden. Vielleicht hatte sie auch Glück und der Frieden würde gebrochen werden und irgendjemand würde sich ihrer Erbarmen und sie als Schiffsärztin oder wenigstens als Assistentin des Schiffsarztes an Bord nehmen.

Aber sie glaubte eher, dass das eine armselig Hoffnung war. Ihr Adoptivvater hatte seine Beziehungen spielen lassen, damit sie auf die Justinian kam, dann wurde sie durch eine glückliche Fügung auf die Indie versetzt und Sir Pellew hatte dann nun einmal genügend Einfluss um ihre Versetzung auf die Renown zu bewirken.

Aber jetzt, wo der Krieg vorbei war, war sie nur noch eine arme Bettlerin, die niemanden mehr hatte, der ein gutes Wort für sie hätte einlegen können. Trotz allem hielt sie sich tagsüber oft in der Nähe des Hafens auf, um vielleicht ein paar alte Gesichter wiederzusehen, aber da war kaum jemand, den sie kannte.

Sie hatte Matthews einmal gesehen, ein andermal auch Oldroyd und Styles war ihr auch öfter über den Weg gelaufen. Außerdem war sie einmal, vor nicht allzu langer Zeit, Lieutenant Bush begegnet, aber ihm ging es ähnlich wie ihr, aber er hatte immerhin noch einen höheren Halbsold als sie. Und er hatte seinen Mantel noch.

Aber vielleicht würde sie ja doch irgendwann einmal Glück haben. Irgendwann in ihrem Leben musste sie doch mal wieder Glück haben. Mit diesem Gedanken schlief sie – in einen Hauseingang gekauert – unruhig ein…

Am nächsten Tag kam zumindest die Sonne wieder ein wenig heraus und es war nicht mehr ganz so kühl. Hafwen lief gerade den Hafen gemütlich ab, als sie gleich zwei bekannte Gesichter sah. Zwei lächelnde Gesichter.

Hafwen lächelte leicht und ging schnell auf sie zu. Es waren Horatio und Lieutenant Bush! Horatio hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.

„Horatio, Mr. Bush, Sir!", rief sie ihnen zu, als sie näher kam. Die beiden drehten sich mit einem Lächeln zu ihr um.

„Miss Gwyther, schön, Sie mal wieder zu sehen.", erwiderte Bush und strahlte über das ganze Gesicht.

„Hafwen, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie nicht mehr gesehen, seit die Retribution still gelegt wurde!", begrüßte Horatio sie.

„Naja, es könnte besser sein, aber ich muss halt irgendwie durchkommen.", meinte sie nur und zuckte mit den Schultern.

„Haben Sie ein Zimmer gefunden, das Sie sich leisten können?", fragte Bush. Hafwen hatte ihm, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, erzählt, dass ihr Geld nur noch bis zum Ende der Woche reichte und sie sich dann eine neue Unterkunft suchen müsse.

„Nein, noch nicht, Sir. Ich schlafe in Hauseingängen und hoffe, nicht zu erfrieren.", antwortete sie und schaute ein wenig betrübt zu Boden. Die drei schwiegen einen kurzen Moment, bevor Hafwen wieder den Kopf hob.

„Aber das ist jetzt egal. Gib es einen Grund, warum Sie beide so strahlen?", wollte sie dann wissen. Horatio und Bush sahen sich an.

„Nun, ich bin wieder Kommandant eines Schiffes. Die Hotspur, da draußen.", antwortete Horatio.

„Und er hat mich zu seinem First Lieutenant gemacht.", fügte Bush hinzu.

„Wow, ich gratuliere Ihnen. Ihnen beiden. Das bedeutet keinen Halbsold mehr.", erwiderte sie und hoffte inständig, dass einer den Vorschlag aufbringen würde, sie mitzunehmen. Sie brauchte endlich wieder eine ordentliche Beschäftigung und sie brauchte vor allem endlich wieder einen Platz zum Schlafen.

„Ja, genau. Wenn ich es mir recht überlege… Wir stechen morgen schon in See und wir haben noch keinen Arzt an Bord.", meinte Horatio. Hafwen versuchte, ihr Lächeln zu unterdrücken. Wenn Horatio so anfing, dann konnte das nur eines heißen…

„Ja, richtig. Wenn ich einen Vorschlag machen darf, Sir, Miss Gwyther hier hat als Assistentin des Bordarztes auf der Retribution gedient. Ich glaube, Sie wäre durchaus geeignet für den Posten.", erwiderte Bush.

„Ja, natürlich. Ich glaube auch, dass sie das wäre. Miss Gwyther, würden Sie uns die Ehre erweisen, als Schiffsärztin an Bord der Hotspur zu dienen?", fragte Horatio dann förmlich. Hafwen konnte nicht aufhören, über das ganze Gesicht zu strahlen. Aus einem Impuls heraus umarmte sie erst Horatio und dann Bush.

„Entschuldigen Sie, Sir. Ja, natürlich würde ich das gerne machen!", erwiderte sie.