Hafwen stand auf dem Achterdeck und sog gierig die frische Seeluft ein. Endlich war sie wieder auf dem Meer und endlich hatte sie wieder einen schwankenden Boden unter den Füßen. Da war wieder eine Krankenstation und diesmal gehörte sie ganz allein ihr. Sie konnte sich frei an Deck bewegen und („wenn sie denn unbedingt wolle") auch mit den Männern in der Takelage arbeiten. Und sie musste nicht mehr hungern. Außerdem hatte sie vorhin Matthews und Styles gesehen. Es war fast, als wäre sie wieder zu Hause.

„Melde mich an Bord, Sir!", hörte sie plötzlich eine Stimme. Sie drehte sich um und sah wie ein Midshipman salutierte. Gleich dahinter kam ein weiterer, jüngerer Midshipman, der denselben Satz sagte.

„Name?", fragte Bush mit seiner üblichen gleichgültigen Miene nach.

„Charles Orrock, Sir. Fähnrich zur See.", erwiderte der erste stolz.

„John Hammond, Sir. Fähnrich zur See, Sir.", antwortete auch der andere, allerdings ein wenig unsicherer.

„Von einem Fähnrich erwarte ich, dass er das Schiff wie seine Westentasche kennt, andernfalls werden Sie mich kennenlernen, ist das klar?", entgegnete Bush.

„Sir!", bestätigte Orrock. Hafwen sah, wie sein Blick zu ihr schweifte und ein wenig verwirrt an ihr hängen blieb. Hafwen musste leicht lächeln.

„Ich würde gerne den Captain sprechen, um ihm zu danken.", sagte Hammond, der jüngere der beiden. Er schien wirklich noch sehr jung zu sein. Und noch dazu ziemlich nervös.

„Sie sprechen mit dem Captain, wenn Sie angesprochen werden, Junge, keinen Moment eher. Verstauen Sie Ihr Gepäck unter Deck.", erwiderte Bush. Orrock sah aus, als würde er gerade aus seinen Gedanken gerissen, denn er schaute schnell wieder zurück zu Bush und antwortete mit einem zackigen „Aye-aye, Sir!"

„Aye-aye.", sagte auch der junge Hammond, allerdings wirkte er ein wenig vor den Kopf gestoßen. Die beiden verschwanden wieder vom Achterdeck.

„Mr. Bush, seien Sie doch nicht so hart zu dem armen Jungen.", rief Hafwen ich von der Bordwand aus zu.

„Miss Gwyther, es gibt Regeln auf diesem Schiff und in der Navy und ich als Offizier muss für ihre Einhaltung sorgen. Warum sind Sie eigentlich nicht auf Ihrer Krankenstation?", erwiderte er. Hafwen zuckte mit den Schultern.

„Ich hab schon alles überprüft, Sir. Deswegen schau ich jetzt ein bisschen auf die See.", antwortete sie. Bush sah sie ein wenig skeptisch an.

„Wie Sie meinen. Aber stören Sie bitte niemanden bei der Arbeit.", meinte er. Hafwen grinste.

„Aye-aye, Sir."

Es war irgendwie seltsam, dass so ein Aufriss darum gemacht wurde, weil Horatio an Bord kam. Natürlich, er war der Captain, nur fand Hafwen es irgendwie seltsam, Horatio als Captain zu haben. Immerhin kannte sie ihn, seit er Midshipman war und im Spithead seekrank wurde.

Zuerst kam allerdings der französische Major an Bord, von dem Bush ihr erzählt hatte. Hafwen fand, dass er ein wenig genervt wirkte.

„Guten Morgen, Major.", begrüßte Bush ihn freundlich. Der Major tippte sich nur an den Hut und kam auf das Achterdeck.

„Und Sie sind?", fragte er.

„William Bush, First Lieutenant.", antwortete Bush. Er schien den Major nicht besonders zu mögen. Hafwen fand es irgendwie verständlich, er war auch ihr unsympathisch.

„Das Gepäck in meine Kajüte, Bush, und führen Sie mich bitte zum Captain."

„Darf ich Ihre Order sehen, Sir?"

„Ihr Captain wartet sicher nicht besonders gern. Ich ebenso wenig."

„Ihre Order, Sir, dann wartet hier niemand."

Der Major drückte Bush verärgert seine Order in die Hand. Er schien wirklich ziemlich eingebildet zu sein. Hafwen hoffte, dass sie nicht allzu viel mit ihm zu tun haben würde. Bush sah sich die Order genau an, wahrscheinlich genauer als notwendig.

„Sie sind Franzose.", bemerkte er.

„Was dagegen?", erwiderte der Major.

„Nein, Sir. Alle dienen dem König. Matthews! Die sieben Sachen des Majors in meine Kajüte.", befahl Bush.

„Aye-aye, Sir."

„Boot ahoi!", rief jemand. Hafwen hielt nach dem Boot Ausschau. Das war Horatios Boot. Es war wirklich seltsam, ihn jetzt als Kapitän zu sehen.

„Kapitän kommt an Bord, Sir.", meldete Matthews.

„Ja, gut. Bootsmänner! Fallreepsgäste, auf die Plätze!", rief Bush. Hafwen reihte sich bei den Offizieren auf dem Achterdeck ein. Sie kam dabei neben dem neuen Fähnrich zum Stehen. Orrock war sein Name, glaubte Hafwen sich zu erinnern. Er hatte einen leichten irischen Akzent gehabt, wenn sie sich nicht täuschte. Als Horatio unter Deck gegangen war, wandte er sich Hafwen zu.

„Ma'am, darf ich… darf ich fragen, was Sie hier machen?"

Hafwen brach in lautes Lachen aus, als sie sein ehrlich verwirrtes Gesicht sah. Sie mochte ihn auf Anhieb. Er hatte kein Problem damit, dass sie auf dem Schiff war, das merkte sie, er hatte nur keine Ahnung, warum sie hier war.

„Habe ich etwas Falsches gesagt, Ma'am?", fragte er, noch verwirrter, als zuvor.

„Nein, nein, nicht doch, Mr. Orrock. Tut mir leid. Ich finde es nur immer interessant, wie die Männer auf meine Anwesenheit reagieren. Ich bin als Schiffsärztin hier. Hafwen Gwyther.", antwortete sie.

„Oh. Ach so. Nun, dann… entschuldigen Sie mich, Miss Gwyther.", sagte er, ein wenig peinlich berührt, und verschwand wieder, um seiner Arbeit nachzugehen.