Hafwen reinigte mal wieder ihre Instrumente. Es war nicht dasselbe wie sonst. Irgendwie war alles ein wenig anders, nachdem Archie gestorben war. Nachdem sie ihn umgebracht hatte. Nein, das hatte sie zwar, aber er wäre so oder so gestorben. Sie hatte es nur leichter gemacht. Er hatte nicht gesagt, dass sie es sein lassen sollte. Denn dann hätte sie es getan.
Hafwen schüttelte den Kopf. Sie musste an etwas anderes denken. Es war nun einmal passiert, da ließ sich jetzt nichts mehr daran ändern. Wenigstens fühlte sich alles ein wenig leichter an, jetzt, wo sie wieder auf See war.
„Miss? Entschuldigen Sie, Miss.", hörte sie auf einmal eine Stimme von der Tür her. Sie schrak hoch und drehte sich um. Dort stand Styles, der irgendwie geknickt aussah.
„Um Himmels willen, Styles! Sie haben mich erschreckt, Mann.", sagte sie und lachte erleichtert auf.
„Tut mir Leid, Miss.", erwiderte er.
„Schon okay. Was ist los, Styles? Was führt Sie zu mir?", wollte Hafwen wissen.
„Es ist Mr. Bush, Miss. Er meint, ich soll unbedingt kochen lernen.", antwortete er und wirkte ein wenig verlegen.
„Und? Ich dachte, Sie haben in einer Küche gearbeitet, Styles. Wo ist das Problem?", fragte sie. Sie hatte nicht wirklich daran geglaubt, dass die Sache mit Styles als Steward gut gehen würde und sie hatte offensichtlich Recht gehabt. Aber dass er gar nicht wusste, wie man kochte, konnte Hafwen sich fast nicht vorstellen.
„Naja, war eine Gefängnisküche. Ich kann nicht kochen, Miss. Und ich dachte, weil Sie doch… naja, können Sie mir vielleicht kochen beibringen?", wollte er verlegen wissen. Hafwen lachte leise.
„Hören Sie, Styles, ich habe in meinem Leben nur zwei Jahre lang gekocht und selbst dabei hatte ich Hilfe von unserem Personal. Ich glaube nicht, dass ich Ihnen eine besonders große Hilfe sein kann…", antwortete sie.
„Oh, wirklich? Naja, Miss, vielleicht könnten Sie… vielleicht könnten Sie wenigstens das Essen probieren, bevor Mr. Bush es in die Hände bekommt.", schlug Styles vor.
„Also gut, Styles. Lassen Sie mich einfach holen, wenn Sie mich brauchen, dann werde ich versuchen, so gut wie möglich zu helfen.", entgegnete sie.
„Danke, Miss. Und, ähm… Miss?"
„Ja, Styles, was ist denn noch?"
„Sie haben vorhin das Zeug da sauber gemacht, oder?", meinte er und deutete auf ihre Instrumente.
„Ja, das habe ich. Warum?"
„Früher haben Sie dabei immer ein nettes Lied gepfiffen oder gesungen, Miss. Ist irgendetwas los?", fragte er. Hafwen sah Styles ein wenig schockiert an. War es wirklich so offensichtlich…?
„Ich… ach, Styles, ich bitte Sie. Sie wussten doch sicher alle, dass… mir sehr viel an Mr. Kennedy lag. Es ist eben nicht so einfach, jetzt einfach so weiterzumachen, als wäre nichts passiert.", antwortete sie. Es war besser, ehrlich zu sein. Sie konnte sich nicht noch mehr in Lügen verrennen.
„Dann stimmt es also? Sie und Mr. Kennedy hatten wirklich etwas miteinander? Wir haben immer etwas vermutet, aber wir waren uns nie sicher…", platzte Styles grinsend heraus.
„Styles!", unterbrach Hafwen ihn streng. Sie warf ihm einen leicht verärgerten Blick zu. Es dauerte ein wenig, bis Styles den Wink mit dem Zaunpfahl verstand, aber dann nickte er.
„Aye, Miss. Ich werds niemandem sagen."
„Danke, Styles."
Damit verschwand Styles wieder aus der Krankenstation. Hafwen schüttelte lächelnd den Kopf. Sie hätte nie gedacht, dass es den anderen so sehr auffallen würde. Himmel, also hatten Styles und die anderen die ganze Zeit etwas vermutet?
Mit einem Seufzen packte sie den Alkohol und den alten, aber einigermaßen sauberen Lappen weg. Jetzt konnte sie sich nicht mehr konzentrieren. Vielleicht sollte sie ein wenig an Deck gehen und die frische Luft genießen.
Als sie an Deck kam, war da die Hölle los. Ein brennender Mann lag auf dem Boden und einer der Matrosen schrie ihm die ganze Zeit zu, er solle über Bord springen. Horatio kam angerannt und rief: „Bleiben Sie da! Alle auf die Stationen! Mr. Prowse, Mannschaft sofort an die Pumpe!"
„Aye-aye, Sir. Männer da unten! An die Pumpe!", forderte Prowse, der Navigator, sie auf. Hafwen fackelte nicht lange, sondern rannte wie alle anderen zu der Pumpe an Deck. Sie trugen sie zu der brennenden Kombüse und pumpten so lange, bis Horatio ihnen befahl, aufzuhören. Hafwen rannte nach vorne, um zu sehen, was da los war. Es sah fast aus, als hätte Styles schon wieder etwas verbockt.
„Die Herdklappen, Sir, die hat jemand weit aufgemacht!", meinte Matthews. Horatio starrte nur schockiert auf das Feuer. Matthews hustete sich die Seele aus dem Leib. Inzwischen schien sich Horatios Schock in Wut umgewandelt zu haben.
„Miss Gwyther, bitte – BITTE – holen Sie sofort Styles!", befahl er ihr durch die zusammengepressten Zähne.
„Aye, Sir.", erwiderte sie und machte sich auf den Weg, um nach Styles zu suchen. Er war sicher nicht an Deck, sonst hätte er beim Löschen des Feuers geholfen. Hafwens Blick fiel auf den jungen Hammond, der gerade in ihre Richtung gelaufen kam.
„Fähnrich Hammond, haben Sie Styles gesehen?", wollte sie wissen. Hammond sah sie ein wenig verwirrt an.
„Ähm, ja… ich… ich…"
Den Rest verstand Hafwen nicht. Der Junge redete einfach viel zu leise. Das musste er sich abgewöhnen, wenn er hier überleben wollte.
„Was sagen Sie? Reden Sie lauter, Mann, es versteht Sie doch niemand!", erwiderte sie.
„Er ist unter Deck, Miss!", sagte er, diesmal etwas lauter, aber immer noch ein wenig zu leise. Hafwen nickte.
„Danke.", entgegnete sie und machte sich auf den Weg unter Deck. Dort saß Styles an einem Tisch und schnitzte an einer Holzfigur. Er schien sich keinerlei Sorgen zu machen und sah recht entspannt aus.
„Styles, ich glaube, Sie haben verdammt Ärger am Hals. Mr. Hornblower will Sie unverzüglich sprechen.", rief sie ihm schon von Weitem zu. Styles schreckte hoch und sah sie fragend an.
„Warum? Was ist denn los, Miss?"
„Ihre Kombüse ist explodiert, weil Sie die Herdklappen aufgelassen haben, Styles! Himmel, Mr. Hornblower ist verdammt sauer auf Sie. Was haben Sie sich dabei denn gedacht?"
In diesem Moment kam Horatio auch schon unter Deck. Er sah wirklich nicht gerade begeistert aus, schien sich aber schon ein wenig beruhigt zu haben.
„Styles, in meine Kajüte. Sofort!", befahl er in einem ruhigen, aber sehr beherrschten Tonfall. Styles schluckte und folgte ihm.
Hafwen seufzte und machte sich zurück auf den Weg an Deck. Dort hatte sich alles wieder ein wenig beruhigt. Der arme Mann, der die Verbrennungen abbekommen hatte, wurde von mehreren Leuten gestützt, aber sie standen nur herum und sahen ein wenig ratlos aus.
„Was ist mit Ihnen? Bringen Sie ihn auf die Krankenstation, verdammt! Um Himmels willen, der Mann muss behandelt werden!", fuhr sie die Matrosen auf. Sie sahen sich kurz an, dann antwortete einer: „Aye, Miss."
Sie setzten sich in Bewegung. Hafwen folgte ihnen in einigem Abstand. Es wurde wirklich Zeit, dass sie wieder etwas zu tun bekam. Sie hatte schon fast Angst, dass sie durch die lange Untätigkeit aus der Übung gekommen war.
